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Eine Analyse der Frauenbilder in Kleists "Die Marquise von O…"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2019 20 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschlechterrollen und ihre Entwicklung in der Literatur
2.1. Geschlechtwerdung, Geschlechteridentität und geschlechtliches Handeln
2.2. Wandlung der Geschlechteridentität in der kulturellen Geschichte um 1800
2.3. Produktions- und Rezeptionsbedingungen

3. Die Frauenbilder in „Die Marquise von O“
3.1. Thematik in „Die Marquise von O“
3.2. Die Marquise von O und die Obristin

4. Das Frauenbild um 1800

5. Fazit

6. Literatur

1. Einleitung

In der heutigen Zeit der sozialen Medien ist Selbstdarstellung ein unfassbar großes Thema. Obwohl Thematiken wie Gender, Selbstbestimmung und Gleichberechtigung der Frau häufiger und lauter den je angesprochen werden, zeigen mehrere repräsentative Studien zur Geschlechterdarstellung in den sozialen Medien, dass sich vor allem junge Frauen und Mädchen an veraltet scheinenden Rollenbildern orientieren. Die erfolgreichsten weiblichen YouTube-Kanäle präsentieren hierbei vor allem Hobbys wie Kochen, Schminken oder Basteln, wohingegen Männer auf ihren Kanälen eine deutliche Vielfalt an Themen wie Musik, Computerspiele und Unterhaltung bis hin zu Politik ansprechen. Auch in Musikvideos werden Frauen noch immer zum großen Teilen sexualisiert und passiv inszeniert; dass der Anteil an Sängerinnen in den Charts seit Jahren nur bei knapp einem Drittel liegt, wird von Jugendlichen jedoch nicht wahrgenommen.[1]

Auf die besondere Bedeutung von Medien und Geschlechterrollen, die ein Geschlecht als minderwertig darstellen, wird bereits seit der im Jahr 1995 stattgefundenen Weltfrauenkonferenz in Peking hingewiesen. Auch dort wurde im Kontext von Frauen und Medien herausgearbeitet, dass „[sich] die mangelnde Sensibilität für die unterschiedliche Situation der Geschlechter in den Medien […] darin [zeigt], daß es bisher nicht gelungen ist, die in […] Medienorganisationen immer noch anzutreffenden Geschlechtsrollenklischees auszumerzen.“[2]

Auch wissenschaftlich wird der Aspekt der Medien als ein Wichtiger in der Darstellung von Geschlechterrollen angesehen. In unter anderem feministischen Theorien und auch den Gender Studies geht man davon aus, dass „kulturelle Akte und Repräsentationen […] [wie] Literatur […], Filme, Feste [und] Riten […] in ganz entscheidendem Maße geschlechtlich semantisiert sind.“[3]

Da Geschlechterrollen per se im Gegensatz zur Erforschung jener kein neues Konzept der heutigen Zeit sind, sondern Geschlechterdifferenzen in der Forschung bereits seit Anfang der Neuzeit exemplarisch an Texten des 16. bis 20. Jahrhunderts dargestellt werden können[4], soll sich diese Arbeit mit dem Frauenbild in Kleists „Die Marquise von O…“ beschäftigen.

Kleist selbst wird als kein Pionier in der Thematik des Feminismus angesehen, jedoch setzte er sich wie kein anderer Autor seiner Zeit mit den Geschlechterdifferenzen und der Auflösung jener Geschlechterrollen auseinander.[5] Er schätze eine gebildete und mündige Frau, da es ihm wichtig schien, „die Frau als Menschen zu qualifizieren, um sich darüber einen Gesprächspartner zu erschaffen. [D]enn ebenso wie Goethe langweilten ihn gedankenlose Gesprächspartnerinnen“[6]. Kleist selbst sagte über die Bildung der Frau: „Alle echte Aufklärung des Weibes besteht zuletzt darin, vernünftig über die Bestimmung des irdischen Lebens nachdenken zu können.“[7]

Nachdem ein kurzer Überblick über die Geschlechterdarstellungen und Rollenentwicklung in der Literaturwissenschaft gegeben wurde, soll die Frauenrolle in „Die Marquise von O…“ mithilfe von erzähltheoretischen Aspekten nach Martínez und Scheffel herausgearbeitet und analysiert werden. Dabei soll sich diese Arbeit vor allem auf die Rolle der Marquise und der Obristin konzentrieren und aufzeigen, ob man in „Die Marquise von O…“ von einem einzigen Frauenbild sprechen kann oder ob sich das Frauenbild innerhalb der Erzählung verändert und entwickelt. Zuletzt soll ein kurz gehaltener Vergleich zwischen dem gängigen Frauenbild um 1800 und dem Frauenbild in „Die Marquise von O…“ einen groben Überblick darüber geben, ob Kleists Frauenbild in der Tat als fortschrittlich angesehen werden kann. Ein Fazit wird diese Arbeit beschließen.

2. Geschlechterrollen und ihre Entwicklung in der Literatur

In wissenschaftlichen Ansätzen, vor allem jedoch in feministischen Theorien und den Gender Studies wird davon ausgegangen, dass die geschlechtlichen Vorstellungen und Rollenerwartungen in allen möglichen kulturellen Repräsentationen dargestellt und unterschieden werden. In diesem Kapitel sollen aufgrund der Bedeutung von Literatur in der Bildung von Geschlechterrollen und Geschlechteridentität und für ein besseres Verständnis der Thematik zunächst einige grundsätzliche Aspekte der Gender Studies angesprochen und ein grober Überblick über die Entwicklung von Geschlechterrollen in der Literatur gegeben werden.

2.1. Geschlechtwerdung, Geschlechteridentität und geschlechtliches Handeln

Konträr zu der binären Gesellschaft mit einer eindeutigen Gegenüberstellung von Mann und Frau differenzieren die Gender Studies jene binäre Matrix und fordern eine neue Definition.[8] Allgemein wird das Geschlecht als etwas Produziertes angesehen[9], wobei die „Homogenität der Kategorie ,Frau´ […] in Frage gestellt [und] die Essentialisierung von Weiblichkeit und Männlichkeit durch den Hinweis auf kulturelle performative Akte abgewiesen [werden sollen]“[10]. Konservative, biologische Konzepte skizzieren eine binarische, einheitliche Geschlechtlichkeit, welche den Gender Studies nach aufgelöst werden soll.[11] Wenn man die heutige Gesellschaft betrachtet, fällt jedoch auf, dass „in patriarchalen Gesellschaften […] die männliche Position vielfach unmarkiert [bleibt] und […] als neutrale proklamiert [wird]“[12]. Die Frage nach Geschlechterrollen ist dabei die Suche innerhalb der Kultur und der Gesellschaft nach Differenzen, wodurch in vielen Kulturen Gegensätzlichkeiten aufgezeigt und somit Hierarchien produziert werden sollen.[13]

Geschlechter entstehen laut vielen Ansätzen in den Gender Studies durch eine automatisierte Nachahmung von Vorbildern[14], welche durch die „imitierende Wiederholung zur Norm erhoben werden, […] wodurch kenntlich gemacht […] [wird], dass Geschlechter-Normen nicht Originale sind, sondern ausschließlich durch Imitationen konstruiert werden“[15]. Wichtig für die Entstehung von Geschlechtern sind dabei auch Akte wie Bewegungen, Mimik und Kleidungen.[16] Für die Literaturanalyse zeigen sich diese Akte als besonders wichtig, da das Geschlecht und die Unterschiede zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit beispielsweise in theatralischen Spielen und Inszenierungen von Literaturstücken kenntlich werden und das Geschlecht durch diese Akte entwickelt wird.[17]

Im Mittelpunkt der Gender Studies stehen somit die soziale Geschlechtwerdung, die Geschlechteridentität und das an das Geschlecht gebundene Handeln.[18] Es sollte überlegt werden, „auf welche Weise gender als kulturelle Größe in textuellen […] Repräsentationssystemen konstruiert wird“[19].

2.2. Wandlung der Geschlechteridentität in der kulturellen Geschichte um 1800

Um 1800 stellen Analysen eine „fundamentale Neucodierung von Geschlecht“[20] fest.[21] Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts wird die Standesgesellschaft von Geschlechtscharakteren abgelöst.[22] Dies führt jedoch nur dazu, dass ein „partikulares durch ein universales Zuordnungsprinzip ersetzt [wird]: statt des Hausvaters und der Hausmutter wird jetzt das gesamte männliche und weibliche Geschlecht und statt dem Hausstand abgeleitete Pflichten […] allgemeine Eigenschaften angesprochen“[23]. Die entstandene Binarität und Universalisierung von Mann und Frau und die Ablösung der Ständehierarchie führten zu einer Vereinnahmung der Weiblichkeit.

Auch, wenn die neuorganisierte Geschlechterordnung in vielen literarischen Texten um 1800 behandelt und sogar kommentiert wurde[24], wurde die Frau dort entweder lediglich als eine „Erlösergestalt des gequälten Mannes […] [beschrieben], [welche] […] Männerfantasie bleibe“[25] oder als die erste pädagogische Instanz im kleinfamiliären Muster[26].

Ein häufiges Thema in der Literatur um 1800 sind der Konflikt und die Differenz zwischen den Geschlechtern, welche durch biologische Unterschiede motiviert sind. Die Grenzen zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit wurden dabei als „medizinisch sanktionier[t] […], naturalisier[t]“[27] und unüberbrückbar beschrieben, da jegliche Verbindungen zwischen den Geschlechtern als nichtig angesehen wurden.[28]

2.3. Produktions- und Rezeptionsbedingungen

Neben der Frage, wie Geschlechtlichkeit innerhalb der Literatur entworfen wird, fokussieren sich die Gender Studies auf zwei weitere Aspekte: die Produktionsbedingungen von Literatur – und damit einhergehend die Produktionsfantasie – und die Rezeption. Die Produktionsbedingung beziehungsweise die Produktionsfantasie sollen hierbei nur kurz umrissen werden. Im Kontext der Genese von Literatur ist es wichtig, die erschwerten Produktionsbedingung von Autorinnen zu beschreiben. Autorschaft wird häufig als ein männliches Konzept verstanden, welches bereits in die Antike zurückreicht. Dort dienten die Weiblichkeit und die Frau nur als Inspirationsquelle für männliche Autoren, wobei diese geschlechtlich differenzierte Produktionsfantasie bis in die bürgerliche Literatur fortbestand.[29]

Neben der Produktionsfantasie sind auch der Leseakt an sich sowie der implizite Leser geschlechtlich differenziert. Leseransprachen in vielen Beispielen der Literatur sind männlich codiert. Auch, wenn Frauen in solchen Fällen die männliche Position einnehmen können, ist es für literaturwissenschaftliche Untersuchungen bedeutend, „die historischen Konzepte von Leser und Leserin zu rekonstruieren oder aber die impliziten Leser(innen)rollen im Kontext der vom jeweiligen Text konstruierten Geschlechterkonfiguration zu beschreiben“[30].[31]

[...]


[1] vgl. Grahn (2019) [online]

[2] UN (1995) [online]

[3] Schößler (2003), S. 187.

[4] vgl. Scholz (2014) [online]

[5] Vgl. Klüger (1997), S.19.

[6] Vgl. Frickel (2003), S.50f.

[7] Vgl. Sembdner (1994), S.565.

[8] Vgl. Schößler (2003), S. 188.

[9] Vgl. ebd.

[10] Ebd., S.189.

[11] Vgl. ebd. S.188.

[12] Ebd. S. 187.

[13] Vgl. Hof (1995), S. 122.

[14] Vgl. Schößler (2003), S.188.

[15] Ebd.

[16] Vgl. ebd., S.189.

[17] Vgl. Liebrand (1999), S.18.

[18] Vgl. Hof (1995), S.122.

[19] Vgl. Schößler (2003), S.189.

[20] Ebd., S. 195.

[21] Vgl. ebd.

[22] Vgl. Hausen (1978), S.370f.

[23] Ebd.

[24] Vgl. Schößler (2003), S.195.

[25] Ebd., S.195.

[26] Ebd., S.200.

[27] Ebd., S.195.

[28] Vgl. ebd., S.195f.

[29] Vgl. Schößler (2003), S. 199.

[30] Ebd., S.200.

[31] Vgl. ebd.

Details

Seiten
20
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346103123
ISBN (Buch)
9783346103130
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v512971
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld
Note
2.0
Schlagworte
eine analyse frauenbilder kleists marquise
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