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Erziehung und Bildung Alexanders des Großen im Vergleich der drei mittelhochdeutschen Alexanderromane von Lambrechts, Rodolf von Ems und Ulrich von Etzenbachs

Seminararbeit 2004 22 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Darstellung der Erziehungsgeschichte Alexanders in der Leitversion, Lamprechts „Straßburger Alexander“
2.2. Darstellung der Bildungsgeschichte bei Rudolf von Ems und Vergleich mit der Leitversion
2.3. Darstellung der Bildungsgeschichte bei Ulrich von Etzenbach und Vergleich mit der Leitversion und Rudolfs Alexander

3. Zusammenfassung

4. Literatur
1. Primärliteratur
2. Sekundärliteratur

1. Einleitung

„Über die Adelserziehung im hohen Mittelalter ist nur wenig bekannt. Das liegt nicht zuletzt daran, daß die historischen Zeugnisse, die darüber Auskunft geben, noch nicht in dem erwünschten Umfang gesammelt und ausgewertet worden sind“[1]. Dieses Zitat Joachim Bumkes veranschaulicht den Untersuchungsbedarf sehr treffend, denn die wenigen Informationen über Bildung und Erziehung erschließen sich hauptsächlich aus literarischen Quellen wie unter anderem den mittelhochdeutschen Alexanderromanen, welche unter diesem Aspekt in deutlicherem Ausmaß untersucht werden müssen. Obwohl hier die antike Thematik Alexanders des Großen behandelt wird, rücken alle Autoren die Handlung jeweils mit unterschiedlicher Intensität in ein „erstaunlich mittelalterlich geprägte[s] Umfeld“[2].

Das Wenige nun, das uns aus der Literatur über höfische Ausbildung bekannt ist, soll im wesentlichen kurz zusammengefasst werden: Die Adligenerziehung war einerseits in Ritterlehre und Hoflehre, andererseits in Praxis und Theorie geteilt[3]. „Gut bezeugt ist es, daß die jungen Adeligen zur Erziehung [wohl oft] an einen anderen Hof geschickt wurden“, um dort als „Pagen und Edelknappen zu dienen“ und so ihre Ausbildung absolvierten[4]. Alle Quellengruppen verdeutlichen, daß die praktischen, sportlichen und militärischen Übungen[5] den Hauptteil einnahmen. Neben der Praxis gab es die Theorie der Herrscher- und Hoflehre: darin beinhaltet waren Lehren der christlichen Tugenden (z.B. Barmherzigkeit, Wohltätigkeit, Güte, Freigiebigkeit, Demut, Maß), Verhalten in der Gesellschaft und Umgang mit Damen. Intellektuelle Ausbildung wurde in der klassischen Fürstenlehre selten praktiziert und so waren wohl viele Adlige auch nach ihrer Schulung noch Analphabeten, wohingegen meist nur thronfolgende Prinzen auch wissenschaftliche und literarische Lehre genossen. „In diesem Punkt haben sich […] höfische Dichter weniger streng an die Verhältnisse gehalten, indem sie verschiedentlich ihren Helden eine wissenschaftliche Ausbildung zukommen ließen.“ Thematisiert wurden bei ihnen u. a. reiche Fremdsprachenkenntnisse, Sprachgewandtheit der eigenen Sprache und musikalische Fähigkeiten[6].

Zu jenen zusammengefassten Erkenntnissen trugen auch die Werke der drei hier zu behandelnden Autoren bei. Der älteste Autor ist Lamprecht, der sich selbst als Geistlichen (pfaffe) bezeichnete und dessen Alexanderroman um 1160 n. Chr. entstanden sein dürfte[7]. Lamprecht benutzte offensichtlich Alberic de Pisancon als Vorlage, außerdem waren ihm wohl die antiken Quellen bekannt[8]. Da die Originalversion verloren ist, liegen uns nur noch drei verschiedene Abschriften (die Versionen Vorau, Straßburg und Basel)[9] aus verschiedenen Zeiträumen vor, welche Rückschlüsse auf das Original erlauben. In der vorliegenden Arbeit wird mit der ‚Straßburger Abschrift‘ (7.151Verse) als Leitversion gearbeitet werden, Vorau und Basel sollen, wenn überhaupt, nur vereinzelt bei relevanten Abweichungen erwähnt werden. Zweitältester Autor ist Rudolf von Ems, der sich als Dienstmann bezeichnete und wohl dem Stand der Ministerialität entstammte. Sein literarisches Wirken wird auf den Zeitraum 1220 –1250 n. Chr. datiert, in dem er auch sein Alexanderwerk in zwei Phasen mit insgesamt 21.643 Versen anfertigte. Seine Vorlagen wechseln mit Beginn der zweiten Arbeitsphase von der ‚Historia de preliis‘ zu Curtius Rufus ‚Historiae Alexandri Magni‘[10]. Ulrich von Etzenbach ist der dritte und letzte Autor, dessen Werk in der vorliegenden Arbeit untersucht werden wird. Wie aus seinen Werken hervorgeht, scheint er um 1253 – 1312 n. Chr. der erste deutschsprachige Dichter am böhmischen Königshof gewesen zu sein. Seinen 28.000 Verse umfassenden Alexander, dessen Vorlagen Walthers von Châtilillon Roman ‚Alexandreis‘[11] und vereinzelt auch die ‚Historia de preliis‘ waren, widmete er den böhmischen Königen[12] seiner Zeit. Vervollständigt wird sein Werk durch den ‚Alexander-Anhang‘, den er ausdrücklich als Nachtrag zur vorhandenen Dichtung präsentierte und dem böhmischen Landherrn Borso widmete.

Obwohl den drei zu behandelnden Autoren also sehr wohl die im antiken Stil gehaltenen Quellen als Vorlage dienten, änderten sie bestimmte Inhalte auf unterschiedliche Weise und aus unterschiedlichen mittelalterlichen Motiven. Zu jenen Inhalten zählen auch die Bereiche Erziehung und (Aus-)Bildung Alexanders zum künftigen Herrscher, welche in seine Kindheits- und Jugendgeschichte verstrickt sind. Diese Unterschiede im Ausbildungsabschnitt zu untersuchen und dadurch Schlussfolgerungen auf deren Motive ziehen zu können, soll Ziel der vorliegenden Arbeit sein. Dazu sollen die drei Werke auf strukturelle und inhaltliche Gemeinsamkeiten und Abweichungen hin untersucht, analysiert und das Ergebnis interpretiert werden.

Um eigene Thesen und daraus resultierende Ergebnisse zu stützen und um ein breites Feld von Forschungsmeinungen zu repräsentieren, wird unterschiedliche Sekundärliteratur verwendet: Zunächst Überblickswerke von Trude Ehlert, Markus Stock, Thomas Klein, Herwig Buntz und das Verfasserlexikon zur Orientierung und für allgemeine Informationen; und im weiteren Literatur welche speziell die Kindheits- und Jugendgeschichte bzw. die Ausbildung, die Erziehung und das Herrscherideal zum Teil explizit für Alexander berücksichtigt von Elisabeth Lienert, Anja Russ, Hans Szklenar, Kugler Hartmut und Christoph Mackert.

2. Hauptteil

Um den Rahmen der Arbeit nicht zu sprengen, soll die Untersuchung inhaltlich beim Beginn Alexanders Erziehung, kurz nach seiner Geburtsepisode, einsetzen und vor der Nikolausepisode, der ersten außenpolitischen Handlung Alexanders, enden. Dabei ist hier im Aspekt der Erziehungsgeschichte jeweils der Beginn der Schulung im Kindesalter bis zum Abschluß im Jugendalter, die Buzivalepisode und die Schwertleite vor dem Nikolauskrieg beinhaltet.

2.1. Darstellung der Erziehungsgeschichte Alexanders in der Leitversion, Lamprechts „Straßburger Alexander“

Hier soll die Bildungsepisode der Leitversion „Straßburger Alexander“ im Wesentlichen für den Leser dargestellt werden, um deren Struktur, Inhalt und Besonderheiten für den spätern Vergleich in 2.2. und 2.3. aufzuzeigen.

Der Straßburger Alexander, der hier als Leitversion dienen soll, ist zugleich der kürzeste der drei Alexanderromane und somit überrascht es nicht, daß seine Erziehungsgeschichte hier im Bezug zu den anderen beiden mit 264 Versen am kürzesten vertreten ist. Während im vorhergehenden Initialienabschnitt noch die Beschreibung Alexanders Aussehen ab dem Kleinkindalter (descriptio personae) stattfindet, setzt mit Vers 181 die Erziehungsgeschichte Alexanders ein. Strukturell kann diese in drei Abschnitte gegliedert werden: Zunächst in einen einleitenden Teil von Vers 181 bis 200, in dem der Erzähler zu den Rezipienten spricht („Nû hôret, wî er sih fure nam:“ V181 / “ ich sage û wêrlîche:“ V190) und Alexanders Fähigkeiten, Lehrer und Lerngebiete schon im Vornherein zusammenfassend darstellt. Danach folgt ein Erzählteil von Vers 201 bis Vers 251, in dem Alexanders einzelne Lehrer („ die meistere “), ihre Fächer und ihre Lehrtätigkeit bei Alexander dargestellt werden. Insgesamt werden sechs Lehrer vorgestellt, die nummeriert werden[13] und von denen jeder einen einzelnen Intialenabschnitt erhält. Die ersten vier Lehrer (V 201 – 226) lehren den septem artes liberales entsprechende Fächer:

grammatica: „ kriechisch und lâtin“ / „vil manige bûch“ (V 202 - 205)

musica: „mûsicam“ / „di seiten zîhen“ / „heben den sanc“ (V 208 – 212)

geometria: „allir dinge zale“/ „wî verre diu sunne von dem mânen geit“ / „ wî

verre von den wazzern zô den himelen ist.“ ( V 214 – 218)

astronomia: „alle di cundicheit, wî der himel umbe geit,“/„zerkenne daz gestirne

und sînen ganc“ (V 221 – 224)

Die letzten beiden Lehrer (V 227 – 251) schulen Alexander im adligen Aufgabenbereich der Kriegsführung und Richtertätigkeit. Auffällig ist die abweichende Länge der Intialenabschnitte beim vierten und fünften Lehrmeister, da die übrigen vier jeweils sechs Verse beinhalten: Dem vierten Lehrmeister, Aristoteles, sind acht Verse und dem fünften, der wie die anderen vier anonym bleibt, sind ganze 18 Verse gewidmet. Die zwei zusätzlichen Verse für Aristoteles sind dadurch zu erklären, daß dieser als einziger mit Namen erwähnt wird, dem mittelalterlichem Publikum also mit Sicherheit ein Begriff war und somit eine Sonderposition als antike Berühmtheit in Alexanders Bildung einnimmt, welcher eine Hervorhebung mit zwei Versen mindestens gebühren sollte. Der lange Abschnitt des fünften Lehrers muß anders erklärt werden: Hier geht es meines Erachtens um die Wichtigkeit des Lehrgebiets die Lamprecht durch gesteigerten Umfang in Relation zu den anderen Fächern setzt[14]. Es handelt sich dabei um die Ritterlehre/Adligenbildung, die wohl in ihrer Bedeutung für den Autor die übrigen fünf Fächer weit übertrifft und mit dem Vers „Alexander daz edele kint“ einen Bruch zur vorherigen geistlich intellektuellen Bildung deutlich macht. Die Ritterlehre teilt sich in die Praxis des Waffengebrauchs:

„[…]der lartin mit gewêfene varn,
wî er sih mit einem schilde solde bewarn,
und wî er sîn sper solde tragn,
zô deme, dem er wolde schaden,
und wî er den erkiesen mohte
und gestechen alsiz ime tohte ;
und alse der stich wêre getân,
wî er zô dem swerte solde vân
und dâ mite kundiclîche slege slân,“ (V 229 – 237)

und in die Theorie der Kriegsführung, was hier Angriffs- und Defensivtaktiken, das Legen von Hinterhalten und Führungsqualitäten anbelangt:

„[…] und wie er sînen vîant solde vân,
un wî er sih selben solde bewaren
vor allen, di ime woldin schaden ;
und wî er sînen vîanden lâgen solde,
di er danne untwirken wolde,
und wî er zô den rîteren solde gebâren
zô diu daz si ime willich wâren.“ ( V 238 – 244)

Der sechste und letzte Lehrer für Gerichtsbarkeit stellt hier mit seiner Schlußposition nur formal den Höhepunkt in Alexanders Ausbildung dar, das zeigt seine Kürze. Außerdem zu beachten sind die Begriffsverwendungen für intellektuelle und praktische Stärke im Einleitungs- und Erzählteil der Bildungsepisode. Mackert und Szklenar sehen hier und schon in den vorhergehenden Erzählabschnitten das Motiv von sapientia et fortitudo als von Lambrecht bewußt angewandt, um Herrscheridealität zu kennzeichnen[15]. Beispiele dazu:

Begriffe für Intellektuelle Fähigkeiten: „wîsheit“ (V 194/206/215), „list“ (V 217/223)

(= sapientia) „cundicheit“ (V 221), „grôzen witzen “(V 245)

Begriffe für weltliche Fähigkeiten: „grôzen eren“ (V 194), „strîten“ (V 195),

(= fortitudo) „vermezzentlîchen rîten“ (V 196), „sturm unde in

Volcwîch “ (V 197)

Abgerundet wird die Ausbildungsepisode einerseits durch einen abschließenden zusammenfassenden Teil von drei Versen, der die Gewichtungen des Verhältnisses von Alexanders sapientia et fortitudo nochmals abschließend betont:

„Umbe daz und vil manich ander
alsus wart Alexander
listic, gwaldich unde balt.“ (V 252 – 254)

Listic vertritt zweifellos das sapientia -Motiv, wohingegen gwaldich und auch balt laut Mackert dem fortitudo -Motiv anzurechnen seien, es ergebe sich also eine 1:2 Gewichtung[16].

[...]


[1] Joachim Bumke: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter.(Band2) 4. Aufl., München 1987, S. 433.

[2] Verfasserlexikon: Nr. 9 (1995) Sp. 1259, s. v. Ulrich von Etzenbach.

[3] D.h. Ritter- wie Hoflehre beinhalten beide Theorie und Praxis, z.B. hat Hoflehre praktische Teile wie Verhalten bei Tisch etc., Ritterlehre hat Theorieteile wie Taktik und Strategie.

[4] Bumke: Höfische Kultur, S. 433f.

[5] „Das Erlernen ritterlicher Reit- und Waffentechnik“ Bumke: Höfische Kultur, S. 433.

[6] „Im Anhang zum >Alexander< von Ulrich von Etzenbach wurde sogar behauptet, daß nur adlige Abstammung zum kunstvollen von Saiteninstrumenten qualifiziere (1968ff.)“ Bumke: Höfische Kultur, S. 438.

[7] Nach Lintzels Datierung, siehe Verfasserlexikon, Nr. 5 (1985) Sp. 495, s. v. Pfaffe Lambrecht.

[8] Christoph Mackert: Die Alexandergeschichte in der Version des ‚Pfaffen‘ Lambrecht. Die frühmittelhochdeutsche Bearbeitung der Alexanderdichtung des Alberich von Bisinzo und die Anfänge Weltlicher Schriftepik in der deutschen Sprache. München 1999 (Beihefte zu Poetica; Heft 23). S. 171.

[9] Die drei Versionen unterscheiden sich in Umfang, Vollständigkeit und Inhalt deutlich.

[10] Verfasserlexikon: Nr. 8 (1992) Sp. 332, s. v. Rudolf von Ems.

[11] auf Q. Curtius Rufus basierend, Verfasserlexikon: Nr. 9 (1995) Sp. 1258, s. v. Ulrich von Etzenbach.

[12] Zunächst Ottokar II. und nach dessen Tod seinem Nachfolger Wenzel II.

[13] „Der êriste meister“ V 201, „Der dritte“ V 213, usw.

[14] vgl. hierzu auch Mackerts Schluß für die Untersuchung der Vorauer Version; Christoph Mackert: Alexandergeschichte, S. 153ff.

[15] Ebd. S. 158. und Hans Szklenar: Studien zum Bild des Orients in vorhöfischen deutschen Epen. Diss. FU Berlin, Göttingen 1966, (Palaestra 243), S. 29.

[16] Christoph Mackert: Alexandergeschichte, S. 175f.

Details

Seiten
22
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638473019
ISBN (Buch)
9783638692908
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v51289
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Deutsche Sprache und Literatur des Mittelalters
Note
1
Schlagworte
Erziehung Bildung Alexanders Großen Vergleich Alexanderromane Lambrechts Rodolf Ulrich Etzenbachs Straßburger Alexander

Autor

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