Lade Inhalt...

Osmanische Divergenz und der Wiener Reisebericht Evliyāʾ Çelebis

Seminararbeit 2019 37 Seiten

Orientalistik / Sinologie - Allgemeines u. Übergreifendes

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Faktoren der negativen Divergenz im Osmanischen Reich
2.1 Inflation
2.2 Demographischer Wandel
2.3 Scheitern des tımar -Systems
2.4 Kapitulationen
2.5 Militär

3. Biographie Evliyāʾ Çelebis
3.1 Familiäre Abstammung
3.2 Bildung
3.3 Aufstieg zum muṣāḥib und seyyāḥ-ı ʿālem

4. Aspekte wahrgenommener Divergenz im Wiener Seyāḥat-nāme
4.1 Habsburger Armee
4.2 Medizin
4.2.1 Anekdote zu einer komplexen OP
4.2.2 Chirurgie im Osmanischen Reich der Frühen Neuzeit
4.3 Buchdruck und Medienrevolution
4.4 Gesellschaftliches Verhältnis von Mann und Frau

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Jahre 1665 zog es Evliyāʾ Çelebi zusammen mit dem Großbotschafter Ḳara Meḥmed Paşa als ersten osmanischen Reisenden in die habsburgische Reichshaupt- stadt Wien, was in der österreichisch-türkischen Geschichte einmalig war. Noch ein Jahr zuvor erlitt das Osmanische Reich in der Schlacht bei Mogersdorf bzw. St. Gotthard unter dem Befehl des Großwesirs Fāżıl Aḥmed Paşa seine erste große Niederlage mit einem Hauptheer, was einen entscheidenden Wendepunkt in der osmanischen Kriegsgeschichte an der Westgrenze markierte und die bis dato unauf- haltsam scheinende Expansion gen Mitteleuropa plötzlich ins Stocken geraten ließ.1 Jener Sieg der christlichen Allianz von Habsburg und Frankreich wurde zum Vorbo- ten des bevorstehenden duraklama dönemi (dt.: ‘Stagnationsphase’), was unter an- derem dazu führte, dass das Osmanische Reich erstmals auf Augenhöhe mit seinem Erzfeind aus dem Westen verhandeln musste respektive nicht mehr aus der bisher gewohnten Position der Überlegenheit seine Bedingungen diktieren konnte und somit der superiority complex, in dem sich die osmanische Staatsmacht gemäß ihrer stolzen Selbstbezeichnung devlet-i ebed-müddet stets befand, sich allmählich in sein Gegenteil zu verkehren begann.

Das Debakel vor Wien war allerdings mehr als nur eine militärische Niederlage für die Osmanen und lieferte ein offenkundiges Indiz dafür, wie weit die Divergenz zwischen der islamisch-osmanischen Welt und dem Westen bereits fortgeschritten war. Bis heute wurden in der Forschung zur Osmanistik zahlreiche Erklärungsver- suche vorgelegt, um die maßgeblichen Gründe und einen möglichst exakten Zeit- rahmen für den angehenden Niedergang des letzten türkischen Reiches in der Welt- geschichte zu ermitteln, welche jedoch unter Umständen zu kurz greifen. So sollen zunächst die grundlegenden Thesen der bisherigen Forschungsliteratur in diesem Kontext aufgegriffen und näher beleuchtet werden, um sie dann im weiteren Ver- lauf der Seminararbeit um eigene Anregungen bzw. Vorschläge zu ergänzen. Das zentrale Augenmerk der Untersuchungen liegt hierbei auf dem 16. sowie 17. Jahr- hundert, da diese Epoche den häufigsten Bezugspunkt der Forschung hinsichtlich des Divergenzprozesses darstellt und die entscheidenden Ereignisse bzw. Sympto- me aufweist, die dafür verantwortlich waren, dass das Osmanische Reich langsam aber sicher seine jahrhundertelange Vormachtstellung in Südosteuropa gegenüber den westlichen Großmächten bzw. dem Heiligen Römischen Reich unter der Regie der Habsburger Monarchie verlor.

Um allerdings dem möglichen Verdacht des voreingenommenen Orientalismus bzw. einer subjektiv-eurozentrischen Perspektive auf das Osmanische Reich vorzu- beugen, sollen die Beobachtungen und Äußerungen eines zeitgenössischen osmani- schen Autors hinzugenommen werden, sodass die genuin osmanisch-islamische Rezeption und Interpretation der west-östlichen Divergenz in den Vordergrund ge- rückt wird, was unter Umständen wichtige Aspekte für das bipolare Verständnis des Divergenzproblems eröffnet. Zu diesem Zwecke werden als historische Primärquel- le Ausschnitte über unterschiedliche Themenfelder aus dem siebten Buch des Sey- āḥat-nāme (dt.: ‘Reisebuch’) von Evliyāʾ Çelebi konsultiert, dessen Biographie in einem separaten Kapitel dargestellt ist. Sie liefern uns in diesem Kontext äußerst aufschlussreiche Hinweise, da sie kulturelle Phänomene und diverse Errungen- schaften innerhalb des christlichen Abendlandes zum ersten Mal aus der Perspekti- ve eines Osmanen literarisch behandeln, was zu interessanten Schlussfolgerungen und persönlichen Urteilen desselben führt. Dabei werden über den militärischen Bereich hinaus noch die soziokulturellen (gesellschaftliches Verhältnis zwischen Mann und Frau), technischen (Buchdruck) und wissenschaftlichen (Medizin bzw. Chirurgie) Themengebiete aufgegriffen, die im Reisebericht jeweils durch teils hu- moristisch dargebotene Anekdoten veranschaulicht sind und der zeitgenössischen Leserschaft aus der osmanischen Bildungsschicht womöglich als Gelegenheit zur Selbstreflexion oder gar Selbstkritik dienten.

Die Ergebnisse aus den untersuchten Themengebieten des Hauptteils werden im Fazit nochmals in ihren jeweiligen Kerngedanken wiedergegeben, um abschließend einen erweiterten Blick auf die für die Osmanen einschneidenden frühneuzeitlichen Prozesse des 16. und 17. Jahrhunderts zu erhalten.

2. Faktoren der negativen Divergenz im Osmanischen Reich

Die Forschung im Bereich der Osmanistik hat sich intensiv mit dem Niedergangsp- rozess des Osmanischen Reiches während der Frühen Neuzeit auseinandergesetzt und diverse Faktoren herausgearbeitet, die maßgeblich für jene divergente Negati- ventwicklung verantwortlich sind. Der konkrete Zeitraum, in dem die ersten Anze- ichen von Schwäche bzw. schwerwiegender Destabilisierung in Erscheinung treten und das Osmanische Reich in eine Phase des Verfalls oder zumindest in einen gene- rellen Abwärtstrend abgleitet, ist im Allgemeinen zwischen dem Ende des 16. (un- ter anderem nach dem Tod des langjährigen osmanischen Herrschers Süleymān I. im Jahre 1566) und der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts (spätestens bis zur zwe- iten Wiener Türkenbelagerung) anzusiedeln.2 Dabei handelt es sich vornehmlich um finanzielle, demographische, sozioökonomische, diplomatische sowie militä- rische Fehlentwicklungen3, die im Folgenden jeweils näher erläutert werden sollen.

2.1 Inflation

Aufgrund der plötzlichen und massenhaften Einfuhr von billigem Silber aus Süda- merika — vorwiegend aus dem Vizekönigreich Peru, welches zur spanischen Krone gehörte — über Münzprägeanstalten in Spanien nach ganz Europa wurde eine Inf- lationswelle von bis dato unbekanntem Ausmaß in der Alten Welt ausgelöst. Die osmanische Wirtschaft litt besonders unter der neuen Geldschwämme. Silbermün- zen, die zumeist ursprünglich in Sevilla geprägt wurden, gelangen vermehrt ab dem Jahre 1580 durch Händler aus Genua und Dubrovnik auf den Markt und verursach- ten somit die erste schwerwiegende Inflation im Osmanischen Reich, wodurch das finanzielle bzw. geldpolitische Gleichgewicht erheblich gestört wurde.4 Es folgte gewissermaßen ein exzessiver Export bzw. Ausverkauf von osmanischen Rohstof- fen in Richtung Westen. Somit verringerte sich das Angebot von essentiellen Waren wie zum Beispiel Wolle, Kupfer und Weizen bei gleichzeitigem Anstieg der allge- meinen Nachfrage.

Zugleich erhöhte sich ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts auch die Anzahl der Geldbetrugsfälle, in denen der Rand von Münzen immer wieder geringfügig abgetragen und diese erneut in Umlauf gebracht wurden, wodurch sich das Gewicht der offiziell durch den Staat herausgegebenen Münzen zunehmend verringerte.5 Di- ese Umstände hatten eine enorme Geldentwertung und Destabilisierung des osma- nischen Finanzsystems zur Folge, für welche die Hohe Pforte auf langfristiger Ba- sis keine adäquaten Gegenmaßnahmen zu entwickeln im Stande war.6 Auch die Praxis des sogenannten narḫ (ḳoymak), bei der feste Preisgrenzen für bestimmte Produkte seitens der Behörden eingeführt wurden, brachten kaum die erwünschten Verbesserungen, da sie vielerorts inkonsequent angewandt wurden und ständigen Schwankungen unterlagen.7 Als vorläufiges Ergebnis lässt sich also festhalten, dass die sukzessiv vernachlässigte Geldpolitik der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zahlreiche ökonomische und gesellschaftliche Probleme im 17. Jahrhundert mit sich zog.

2.2 Demographischer Wandel

Die überproportionale Nachfrage auf dem Markt war unter anderem auch das Er- gebnis eines relativ hohen Bevölkerungsanstiegs von durchschnittlich 55,9% in Anatolien und 71% in Rumelien in den Jahren 1520-1535 und 1570-15808, der wi- ederum auf eine lange Friedensperiode im Reichsinneren zurückzuführen ist, was zusätzlich eine Verteuerung der Lebensmittelpreise zur Folge hatte. Die Bevölke- rungsexplosion brachte eine zahlenmäßig gewaltige Schicht an mittellosen, zumeist jungen Dorfbewohnern hervor, die quasi wie Vagabunden lebten und sich auf der Suche nach einem Lebensunterhalt gruppenweise in ganz Anatolien zerstreuten. Diese werden in den historischen Quellen als ġurbet ṭāʾifesi (dt.: ‘Migrantengrup- pe’) oder levendāt (dt.: ‘Landstreicher, Räuber’) bezeichnet und waren häufig für Raubzüge in den Dörfern sowie zahlreiche Aufstände verantwortlich.9

Zudem hatte die Dorfbevölkerung zunehmend mit finanziellen Problemen zu kämpfen, die durch eine zur Herrschaftszeit von Süleymān I. gelegentlich bei be- sonderen Anlässen wie etwa kostenintensiven Kriegszügen erhobene Spezialsteuer mit der Bezeichnung tekālif-i dīvāniyye verursacht wurden, welche nach seinem Tod nunmehr regelmäßig von den Bauern eingetrieben wurde, um die steigenden Ausgaben am Hofe des Sultans zu finanzieren.10 Die immense Steuerlast hatte zur Folge, dass sich zahlreiche Bauern bei gewissen ribā-ḫōr (dt.: ‘Wucherer’) versc- huldeten und am Ende sogar ihre Felder an jene opportunistischen Geldverleiher, die deren ausweglose Situation zu ihrem finanziellen Vorteil nutzen konnten, allm- ählich abtreten mussten.11 Somit trat eine Binnenmigration der besitzlosen Bauern in die Städte ein, die auf eine solche Landflucht weder infrastrukturell noch sozio- ökonomisch vorbereitet waren, was durch die zahlreichen Celālī-Aufstände im 16. und 17. Jahrhundert, welche den inneren Frieden in ganz Anatolien zu bedrohen begannen, zusätzlich verschärft wurde.12 Evliyāʾ Çelebi selbst berichtet unter ande- rem in seinem Seyāḥat-nāme über eine Räuberbande in Erzurum, die er im Winter 1647/48 zufällig in einem Bergdorf antrifft und für einen solchen Celālī-Aufstand unter der Leitung der abgesetzten Gouverneure Defterdārzāde Meḥmed Paşa und Varvar ʿAlī Paşa anwirbt, um sich in jener unglücklichen Situation das eigene Le- ben zu retten.13 Aufgrund der sukzessiv vernachlässigten Landwirtschaft und der schwer bewaffneten eşḳıyāʾ (dt.: Räuber), welche plündernd durch die Dörfer zogen und aus Furcht vor drohender Strafverfolgung überwiegend in den Bergen lebten, erlitt die notwendige Lebensmittelversorgung in den Städten einen dramatischen Einbruch, wodurch sich die Armut in urbanen Gegenden weiter zuspitzte und die Wirtschaft im Reich allmählich kollabierte, da das Verhältnis zwischen Stadt- und Landbevölkerung inzwischen irreversibel gestört war.14

2.3 Scheitern des tımar-Systems

Das tımar -System war jahrhundertelang der institutionelle Motor beim osmanisc- hen Vorstoß über Rumelien und das Balkangebirge in Richtung Mitteleuropa und bildete eine wichtige Basis für den politischen Machterhalt der Zentralgewalt in Konstantinopel. Es stellte zugleich ein effizientes Gegenkonzept zum Lehnswesen bzw. Feudalismus im mittelalterlichen Europa dar, da das tımar -Landgut grundsätz- lich nicht weitervererbt oder an dritte Personen übertragen werden durfte und nach dem Tod des tımarlı, der in der Regel ein sipāhī war, an den Staat überging. Dies verhinderte die Entstehung eines unabhängigen Adelstandes und sicherte dem Sul- tan die Loyalität der sipāhīs in seinem Heer, die das Recht auf Steuereintreibung innerhalb ihres jeweiligen tımar erhielten und ihm im Gegenzug bei erneuten Kri- egszügen eine Truppe aus sogenannten cebelü (dt.: ‘Hilfssoldat’) bereitzustellen hatten, die sie mit eigenen Mitteln aus dem Einkommen des ihnen zugewiesenen Landguts ausbilden und versorgen mussten. Zudem sorgten die tımar -Besitzer für die Sicherheit innerhalb ihrer Machtsphäre und übernahmen wichtige administrati- ve Funktionen, was eine hilfreiche Entlastung der ohnehin überforderten osmanisc- hen Zentralverwaltung bedeutete, die kaum über die notwendigen logistischen Mit- tel verfügte, um die gigantische Reichsfläche, welche am Ende der Regierungszeit von Süleymān dem Prächtigen eine Größe von knapp 15 Mio. km² erreichte15, ef- fektiv überwachen zu können. Doch die verliehenen tımar -Grundstücke waren un- ter anderem auch von ungeheuerer wirtschaftlicher Bedeutung für die Osmanen. So bestand der gesamte Etat des osmanischen Haushalts in den Jahren 1527/1528 zu 49,8 % aus dem Einkommen von tımaren (inkl. der größeren zeʿāmet), wohingegen die pādişāh ḫāṣṣları (dt.: ‘Grundbesitz des Sultans’) 39,9 % und Stiftungs- sowie Privatgrundstücke (mülk) 10,3 % ausmachten.16

Gegen Ende des 16. Jahrhunderts nahm die Landeroberung an der westlichen Grenze, welche die Grundlage für das tımar -System bildete, enorm ab, wodurch die sipāhīs immer mehr an Bedeutung einbüßten. Zudem wurden sie mit der Zeit von den Janitscharen verdrängt, da die Kriege auf europäischen Schlachtfeldern zuneh- mend durch weiterentwickelte Handfeuerwaffen entschieden wurden, mit denen die Janitscharen als Infanteristen bereits früh in Berührung kamen. Die Janitscharen versorgten sich allerdings nicht wie die sipāhīs selbst, sondern wurden direkt aus der Staatskasse mittels cülūs baḫşişi (dt.: ‘Inthronisationsgeschenk’) und ʿulūfe - Gehälter finanziert, deren Auszahlung in der Regel alle drei Monate erfolgte und infolge von Inflation sowie fehlenden staatlichen Einnahmen im 17. Jahrhundert oftmals ausgesetzt werden musste.17 Dieser Umstand führte nicht selten zu schwe- ren Aufständen seitens des Janitscharenkorps in Konstantinopel, welches seine fi- nanziellen Forderungen sowie politischen Interessen immer häufiger gegen den Willen des Sultans durchzusetzen wusste, wofür die Vaḳʿa-i Vaḳvāḳiyye (auch Çı- nar Vaḳʿası genannt) im Jahre 1656 ein eindrückliches Beispiel liefert.18 Durch jene veränderten Machtverhältnisse wurde nunmehr auf das iltizām -System zur Finanzi- erung der Militärausgaben gesetzt, bei dem der Staat das Recht auf Steuereintre- ibung häufig in Form von Auktionen an Personen ohne militärische Verpflichtun- gen gegen Bargeld veräußerte19, die wiederum die Steuern bei der Landbevölke- rung in Form von Naturalien erhoben, weshalb das ursprüngliche tımar -System durch zunehmende Konfiskation alter tımar -Grundstücke allmählich zu einer obso- leten Institution verkam und schließlich im Zuge der Tanẓīmāt-Reformen im Jahre 1839 endgültig abgeschafft wurde.

2.4 Kapitulationen

Auf diplomatischem und handelspolitischem Gebiet unterhielt das Osmanische Re- ich enge Beziehungen zu den westlichen Staaten. Es wurden ʿahd-nāme bzw. Kapi- tulationen bereits im 14. und 15. Jahrhundert mit benachbarten italienischen Repub- liken wie Genua, Venedig, Florenz sowie Neapel und später eine noch umfassende- re mit Frankreich im Rahmen des franko-osmanischen Bündnisses geschlossen, die den christlichen Kaufmännern im Gegenzug von Tribut und Militärhilfen seitens der beteiligten Staaten wichtige Handelsprivilegien (osm.: ‘imtiyāzāt’) im türkisch dominierten Mittelmeer und ebenso innerhalb des Osmanischen Reiches einräum- ten. Als sogenannte müsteʾmen (dt.: ‘Schutzbefohlener’) wurden sie unter den Sc- hutz der staatlichen Sicherheitskräfe samt eines vom Sultan anerkannten ständigen Botschafters, der sich um ihre Angelegenheiten kümmerte, gestellt und in hohem Maße von Zollabgaben befreit, was ihnen einen enormen Wettbewerbsvorteil gege- nüber den einheimischen Händlern bescherte, die im Laufe der Zeit vom Markt verdrängt wurden.20

Zudem konnten sie bei Rechtsstreitigkeiten lediglich von den jeweils für sie zust- ändigen Botschaften bzw. Konsulaten gerichtlich belangt werden, wodurch sie sich der juristischen Kontrolle des osmanischen Staates weitestgehend entziehen konn- ten. Somit gerieten neben dem Handel per se auch die eigenen christlichen Schutz- befohlenen (osm.: ‘ẕimmī’), die als angebliche Dolmetscher im Laufe der Zeit oft- mals die Staatsangehörigkeit westlicher Großmächte wie Frankreich oder Großbri- tannien mittels einer “patente” annahmen21, allmählich unter ausländische Kontrol- le, wodurch das Osmanische Reich nicht nur seine anfängliche Souveränität über die eigene Wirtschaft verlor, sondern vor allem auch diplomatisch für jene stellvert- retenden Schutzmächte angreifbar wurde. Diese Entwicklung der fremden Einf- lussnahme ging sogar so weit, dass der französische Diplomat Marie-Gabriel-Flo- rent-Auguste de Choiseul-Gouffier, welcher 1784 bis 1791 als Botschafter an der Hohen Pforte diente, im Jahre 1788 unverhohlen ausdrückte, das Osmanische Reich sei “eine der reichen Kolonien Frankreichs”22.

2.5 Militär

Die wichtigste Institution des Osmanischen Reiches war zweifelsohne ihre struktu- rierte Armee mit der Elitetruppe der Janitscharen, welche seit Sultan Murād I. maß- geblich für die militärische Dominanz der Osmanen auf dem Balkan war. Die Be- sonderheit der Janitscharen war, dass sie als Fußsoldaten bereits im 15. Jahrhundert unter Sultan Murād II. mit modernen Feuerwaffen wie Kanonen, Arkebusen und Musketen ausgestattet wurden23, wodurch das damals in territorialer Hinsicht noch relativ kleine turkmenische Fürstentum binnen kürzester Zeit zu einem der führen- den Gunpowder Empires seiner Epoche avancieren konnte.

Als die westlichen Großmächte ebenfalls moderne Waffentechnologien einführten und ab dem 16. Jahrhundert sogar spezielle Armeegarden wie die Musketiere ent- wickelten, wurde die Gewehrproduktion sukzessive erhöht und verbessert, wodurch die Herstellung von Musketen immer mehr in jeweils darauf spezialisierten Manu- fakturen statt kleinen, rein handwerklich betriebenen Werkstätten vorgenommen wurde.24 Die konsequente Weiterentwicklung der alten Gewehrtechnik von dem noch weitgehend wetterabhängigen und überaus unpraktischen Luntenschloss aus der frühen Renaissance zum Steinschloss bereits zu Beginn des 17. Jahrhunderts stellte in Verbindung mit jeweils neuen militärischen Verbänden und Staffeln wie z.B. den Füsilieren einen Meilenstein in der Militärgeschichte dar25, wodurch die europäischen Großmächte einen entscheidenden militärischen Vorsprung gegenüber dem Osmanischen Reich erringen konnten, welches die erforderlichen Reformen seiner eigenen Armee nunmehr verpasste. Wie der osmanische Reisende Evliyāʾ Çelebi die modern ausgerüsteten Streitkräfte der Habsburger im Speziellen wahr- nahm, soll im Anschluss an eine weiterführende Biographie im Kapitel Habsburger Armee dargestellt werden.

[...]


1 Vgl. Kreutel 1963, S. 14-15.

2 Vgl. İnalcık 1977, S. 336-352.

3 Vgl. Palmer 1992, S. 6-7.

4 Vgl. Kütükoğlu 1978, S. 6.

5 Vgl. Kılıç 1999, S. 180-187.

6 Vgl. İnalcık 1996, S. 185.

7 Vgl. Özcan 2005, S. 264.

8 Vgl. Barkan 1970, S. 590.

9 Vgl. Barkey 1999, S. 161-162.

10 Vgl. Shaw 1994, S. 160.

11 Vgl. Özkaya 1994, S. 9.

12 Vgl. İnalcık 1977, S. 347-350.

13 Vgl. Dankoff 2006, S. 77-81.

14 Vgl. Shaw 1994, S. 160.

15 Vgl. Güzel & Birinci, S. 340.

16 Vgl. Acun 2005, S. 902.

17 Vgl. Açıkgöz 2008, S. 187.

18 Vgl. ebd.

19 Vgl. Çakır 2010, S. 556.

20 Vgl. İnalcık 2000, S. 246-247.

21 Vgl. ebd., S. 250-251.

22 Zit. nach Eldem 2016, S. 155.

23 Vgl. Emecen 2010, S. 74.

24 Vgl. Förster 1984, S. 75.

25 Vgl. Griesheim 1872, S. 27.

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Osmanische Divergenz und der Wiener Reisebericht Evliyāʾ Çelebis