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Arbeitende Kinder in Europa

Hausarbeit 2006 18 Seiten

Soziologie - Kinder und Jugend

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Das Kindheitsmodell der Moderne

2. Kinderarbeit
2.1 Begriffsbestimmung von Kinderarbeit
2.2 Kinderarbeit in Entwicklungsländern
2.2.1 Ausmaß
2.2.2 Formen
2.3 Die Haltung der Weltöffentlichkeit zur Kinderarbeit und kritische Gegenstimmen
2.4 Kinderarbeit in Europa
2.4.1 Ausmaß
2.4.2 Formen und Bedingungen
2.4.3 Gründe und Motive der Kinder zur Arbeit

3. Schlussbetrachtung

4. Literaturverzeichnis

Einleitung

Diese Arbeit befasst sich mit dem Thema 'Kindheit' aus einer soziologisch motivierten Sicht- und Herangehensweise. Den Untersuchungsschwerpunkt richte ich dabei auf den Teilbereich der 'Kinderarbeit' oder vielleicht besser auf die „Arbeit der Kinder“ (Hengst / Zeiher 2000: 12; siehe dazu auch 2.1). Kinderarbeit (besonders im Sinne einer erwerbswirtschaftlichen Betätigung) ist besonders stark in Ländern der sogenannten Dritten Welt bzw. in ärmeren Ländern des Südens sowie Ostens (im Folgenden einfach und vereinfachend oft Süden genannt) vorzufinden. Vermehrt wird 'Kinderarbeit' aber auch in reicheren Gebieten dieser Erde (im Folgenden einfach Norden) von Sozialwissenschaftlern wahrgenommen und thematisiert.

In dieser Arbeit liegt der Fokus auf Kinderarbeit, die in Europa (und somit in einem Teil des Nordens) stattfindet. Kinderarbeit, die im Süden stattfindet, soll nur am Rande Erwähnung finden, um die des Nordens (ansatzweise) in einen globalen Kontext einordnen zu können.

Die vorliegende Arbeit unterteilt sich, auf grober Ebene gesehen, in drei Kapitel. Im Ersten zeige ich auf, wie sich das Bild oder die Vorstellung von Kindheit (die Vorstellung darüber wie Kindheit aussehen sollte), die heutzutage vor allem im Norden weit verbreitet ist und die Grundlage für viele rechtliche Bestimmungen und Regulierungsmaßnahmen in Bezug auf Kindheit (und Kinderarbeit im Besonderen) bildet, sich allmählich herausgebildet hat. Dies kann aufgrund des hier nur begrenzt zu Verfügung stehenden Platzes nur in groben Zügen geschehen und rückblickend maximal bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen.

Im Zweiten Kapitel richte ich mein Augenmerk auf Kinderarbeit (als einen Teilaspekt von Kindheit). Nachdem eine Begriffsbestimmung vorgenommen, das globale Ausmaß von Kinderarbeit aufgezeigt und die Haltung der internationalen Gemeinschaft in Bezug auf diese Thematik verdeutlicht wurden, werde ich Kinderarbeit im Norden thematisieren.

Zu guter Letzt gilt es - im dritten Kapitel dann - die wesentlichen Ergebnisse der vorherigen Kapitel zusammenzufassen und zusätzliche Aspekte und Überlegungen mit in eine Schlussbetrachtung einfließen zu lassen.

1. Das Kindheitsmodell der Moderne

Das Kindheitskonzept der Moderne hat sich in Deutschland und anderen „reichen“ Ländern des Nordens im Laufe des 20. Jahrhunderts allmählich - zumindest als dominante Idealvorstellung darüber, wie Kindheit aussehen sollte - durchgesetzt. Wesentliches Merkmal dieses Kindheits- modells ist es, Kindheit als einen Schutz- und Warteraum, als ein sogenanntes „Moratorium“1 (Hengst / Zeiher 2000: 10) aufzufassen und dadurch eine Trennung der Lebensbereiche von Kindern und Erwachsenen zu schaffen. Zwei wesentliche Elemente, die zu dieser Trennung bei- tragen, sind in der Einführung der Schulpflicht und dem Verbot (bestimmter Formen) von Kinderarbeit zu sehen.

Erst seit etwa 1890 ist die Schulpflicht in den deutschen Ländern wirklich vollzogen2. Nach 1890 zeigen sich dann auch zunehmend - durch einen sich langsam herausbildenden Sozialstaat - Bestrebungen zur Jugendkontrolle, -fürsorge und Jugendpflege. Daraus resultierte dann auch die Forderung nach der Schaffung von Regelungen zum Kinder(arbeits)schutz und somit schließlich das Verbot von Kinderarbeit (vgl. Honig 1999: 91).

Ohne diese Herausbildung und Einflussnahme des Sozialstaates hätte es, vor dem Hintergrund einer frühkapitalistischen Industrialisierung, Kindheit als eigenständige Lebensphase für breite Bevölkerungsteile kaum geben können (vgl. ebd.). Man sollte dabei jedoch nicht das starke Eigeninteresse bzw. das stark pragmatisch motivierte Handeln, welches vom Staatsapparat aus- ging, unbeachtet lassen. So verweist Honig darauf, dass die sozial und bildungspolitische Debatte der 1920er Jahre die Kinder als Ressource der Modernisierung entdeckte und Kindheit daher auch als spezifische Lebensphase der Minderjährigkeit und Sozialisation (weiter) institutio- nalisierte (vgl. a.a.O.: 93). „Kinder sind im 20. Jahrhundert zu einem öffentlichen Gut geworden sind [sic], zu Humankapital oder - wie es im Fünften Familienbericht der Bundesregierung von 1994 heißt - zu Humanvermögen, das gepflegt und gefördert werden muss, damit es die Zukunft der Gesellschaft sichern hilft.“ (Honig 2003: 85)

Wie sehr das Eigeninteresse einzelner Staatsorgane oder in erster Linie sehr pragmatisch aus- gerichtete Handlungsmotive bei der Errichtung von „sozialen Standards“ (und deren Durch- setzung gegen z.B. ökonomische Interessenlagen) vorrangig von Bedeutung zu sein schien und sich weniger auf ein auf Werte gegründetes Selbstverständnis (das tatsächliche Wohl der Mit- bürger im Auge habend) zu stützten vermochte, zeigt sich besonders deutlich, wenn man histo- risch noch ein bisschen weiter zurückblickt. So wurde bereits 1839 von Preußen ein Gesetz erlassen, welches Kinderarbeit einschränkte. Kindern unter zehn Jahren war von nun an die Arbeit in Fabriken untersagt. Die 10 bis 16-Jährigen durften nicht mehr als 10 Stunden täglich arbeiten, nicht mehr an Sonntagen und nicht mehr nachts3. Der Grund für die Verankerung dieser Vorschrift war an erster Stelle darauf zurückzuführen, dass das Militär aufgrund der harten Arbeiten, die die Kinder bis dahin verrichteten, kaum noch gesunde Rekruten auftreiben konnte4.

Dadurch, dass den Eltern die Kinder (durch Arbeitsverbot und Schulpflicht) im ausgehenden 19. und vor allem im 20. Jahrhundert zusehends als Ressourcen zur Erwirtschaftung des Famili- envermögens entzogen wurden, veränderten sich die Eltern-Kind-Beziehungen. Kinder wurden nicht mehr in erster Linie im Hinblick auf ihre ökonomische Nützlichkeit und Verwertbarkeit hin wahrgenommen, sondern immer mehr hinsichtlich der sentimentalen und emotionalen Wertig- keit, die man ihnen beimaß. Dieser Wandel der Beziehungsqualität zu Kindern zeigt sich beson- ders deutlich, wenn man sich die Veränderungen von Fremdunterbringung und der Adoption von Kindern vor Augen führt. So war die Unterbringung von Waisenkindern im 19. Jahrhundert noch kein Problem, solange die Arbeitskraft von Kindern selbstverständlich in Rechnung gestellt wurde und sie daher einfach als Arbeitskräfte vermittelt werden konnten. Babies hingegen waren quasi unvermittelbar und wurden in Waisenhäusern oder kommerziellen Pflegestellen, sogenann- ten baby farms, untergebracht, in denen sie (verglichen mit heutigen Maßstäben) kaum Zu- wendung bekamen. Mit dem ökonomischen Bedeutungsverlust als Mithelfende im familialen Haushalt kam es zu einer Sentimentalisierung von Kindern durch Erwachsene. Die hohe Kindersterblichkeit des baby farming wurde nun als baby killing gebrandmarkt. Adoptionswillige Eltern suchten an Stelle der Arbeitskraft nun sentimentale Werte bei Kindern wie Liebe und Zuneigung. Die Adoption gewann gegenüber anderen Arrangements der Fremdunterbringung an Bedeutung und für die Möglichkeit, ein Baby zu adoptieren wurde nun sogar gezahlt. Nun waren vor allem Babies und kleine Kinder, insbesondere blonde und blauäugige Mädchen, bei ad- optionswilligen Eltern besonders begehrt, während Kinder über sechs Jahren unvermittelbar wurden (vgl. a.a.O.: 92).

In diesem Zusammenhang ist auch die Theorie eines Übergangs von einem 'Befehls-' zu einem 'Verhandlungshaushalt' zu erwähnen, die von A. de Swan geprägt wurde (vgl. Du Bois-Reymond 1994: 143). Hierunter ist eine Verschiebung der Machtbalance zwischen den Geschlechtern und Generationen zu verstehen. „Nicht nur gewinnen im Verlauf der letzten hundert Jahre und ins- besondere der letzten Jahrzehnte die (Ehe-)Frauen mehr Einfluss und gesellschaftliche Macht gegenüber den (Ehe-)Männern, sondern auch die Kinder gegenüber den Erwachsenen (Eltern). Sowohl das Geschlechter- als das Generationenverhältnis wird allmählich ausgewogener, und es ist die Familie, in der diese Tendenzen sich in den Beziehungen zwischen den (Ehe)Partnern und zwischen den Kindern ineinander verschränken.“ (a.a.O.: 143 f.) Dadurch, dass bei Kindern die Bildungsansprüche und -chancen gestiegen sind (was mit längeren Bildungswegen, dem Ent- stehen altersgleicher peergroups und einer stärker verschulten Kindheit und Jugend einhergeht) und sie zugleich an dem Anstieg des Wohlstands- und Konsumniveau in westlichen Gesellschaften partizipieren, erwerben sie sich außerhalb der Familie Machtressourcen, die ihre Stellung in der Familie stärken (vgl. a.a.O.: 144).

2. Kinderarbeit

2.1 Begriffsbestimmung von Kinderarbeit

Arbeit wird im Brockhaus definiert als „der bewusste und zweckgerichtete Einsatz der körperli- chen, geistigen und seelischen Kräfte des Menschen zur Befriedigung seiner materiellen und ide- ellen Bedürfnisse.“ (Brockhaus 1996-99 1 ) Spezifisch zum Wort Kinderarbeit ist dort folgendes vermerkt: „[...] im engeren Sinn die im Einklang mit gesetzlichen Schutzbestim- mungen erfolgende Erwerbstätigkeit von schulpflichtigen Kindern beziehungsweise Jugendli- chen, im weiteren Sinn die darüber hinaus erfolgende, d.h. illegale Beschäftigung von Kindern.“ (a.a.O. 2 )

Hilfreich ist es, bei der näheren Klärung dieser Begrifflichkeit, einfach mal einen Blick in die englische Sprache zu werfen. So verwendet UNICEF zwei verschiedene Begriffe, die beide unter den deutschen (weniger differenzierten) Sammelbegriff von Kinderarbeit fallen würden: Zum einen ist die Rede von child work und zum anderen von child labour. Unter Ersterem versteht UNICEF eine Geschäftstätigkeit von Kindern oder Jugendlichen, die als leichte Arbeit bezeich- net werden kann, weil sie sich nicht negativ auf die Gesundheit und Entwicklung des Kindes/Jugendlichen auswirke oder seiner (Schul-)Bildung im Wege stehe. Vorraussetzung sei gemäß der ILO Konvention Nr.138 ein Mindestalter des arbeitenden Kindes von 12 Jahren:

„Child work: UNICEF is not opposed to children working. Children’s or adolescents’ participation in work - economic activity - that does not negatively affect their health and development or interfere with their education, is often positive. Light work (that does not interfere with education) is permitted from the age of 12 years under ILO Convention No.138.“5

Unter child labour fällt dagegen dann all das, was (grob formuliert) als illegale Kinderarbeit be- zeichnet werden kann, weil es gegen bestimmte ILO Maßstäbe (nämlich denen der Konventionen Nr.138 und 182) verstößt. Darunter fallen dann alle Erwerbstätigkeiten der unter 12-Jährigen, alle Tätigkeiten der 12 bis 14-Jährigen, die nicht mehr bloß als leichte Tätigkeiten eingestuft werden können und schließlich in ganz besonderer Weise alle Formen von ausbeutender Arbeit für Kinder:

„Child labour: Child labour is a much narrower concept and refers to children working in contravention of ILO standards contained in Conventions 138 and 182. This means all children below 12 years of age working in any ecnomic activities, those aged between 12 and 14 engaged in more than light work, and all children engaged in the worst forms of child labour.“ (siehe Anm. 5)

Nach Auffassung von Hengst und Zeiher unterliegt der Begriff 'Kinderarbeit' im deutschen Sprachgebrauch sehr stark der Assoziation mit einer rein erwerbswirtschaflichen Betätigung von Kindern (Liebel betont, dass sich diese Form von Kinderarbeit statistisch am leichtesten erfassen lasse; siehe 2.4.1). Deshalb wählen die beiden Autoren als Titel für ihren Sammelband aus dem Jahre 2000 ganz bewusst die Formulierung „Die Arbeit der Kinder“, um explizit zu verdeutli- chen, dass es ihnen um ein weiter gefasstes Verständnis von Kinderarbeit geht (vgl. S. 12).

2.2 Kinderarbeit in Entwicklungsländern

2.2.1 Ausmaß

Schätzungen der ILO (International Labour Organization)6 zufolge (aus dem Jahre 2001) gibt es weltweit rd. 250 Mio. Kinder zwischen fünf und vierzehn Jahren, die Kinderarbeit verrichten. Dies entspricht etwa 15 - 20% aller Kinder dieser Altersgruppe. Besonders ausgeprägt ist die Kinderarbeit in Entwicklungsländern. Asien steht mit einem Anteil von 61%, gemessen an der Gesamtzahl der Kinderarbeiter, weltweit an der Spitze. Afrika und Lateinamerika folgen mit 32% und 7%. Bei der Betrachtung der einzelnen Regionen weist allerdings Afrika mit 41% den höchsten Anteil von Kinderarbeitern in der besagten Altersgruppe auf, gefolgt von Asien mit 21% sowie Lateinamerika und der Karibik mit 17% (siehe Anm. 4).

2.2.2 Formen

Neun von zehn Kindern - und somit die große Mehrheit - arbeitet in der Landwirtschaft oder in ihrem (näheren) Umfeld, weshalb Kinderarbeit auch auf dem Lande besonders stark verbreitet ist. In städtischen Gebieten findet sich Kinderarbeit dagegen vor allem im Handels- und Dienstleistungsgewerbe. Im produktiven Bereich ist sie in nur geringem Umfang vorhanden. Der Brockhaus typisiert Kinderarbeit wie folgt:

[...]


1 Liebel benutzt in diesem Zusammenhang einen drastischeren Ausdruck und spricht vom „Kindheitsghetto“ (2000: 252)

2 Zunächst auf sechs Jahre beschränkt, später dann (als erstes in den Städten) auf acht Jahre erweitert (vgl. Honig 1999: 91).

3 Im Jahr 1853 wurde das Mindestalter für die Fabrikarbeit auf 12 Jahre angehoben (siehe Anm. 4).

4 Vgl. WIKIPEDIA - die freie Enzyklopädie: Kinderarbeit. Online in Internet: URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Kinderarbeit [Stand: 14.11.2005]

5 UNICEF: FACTSHEET: CHILD LABOUR. Online in Internet: URL: http://www.unicef.org/protection/files/child_labour.pdf [Stand: 31.10.2005]: S. 4

6 Zu deutsch 'Internationale Arbeitsorganisation' (IAO), eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen mit Sitz in Genf.

Details

Seiten
18
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638472401
ISBN (Buch)
9783638848640
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v51210
Institution / Hochschule
Fachhochschule Dortmund
Note
1.0
Schlagworte
Arbeitende Kinder Europa Soziologie Kindheit

Autor

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