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Suizidalität von Jugendlichen als Symptom der depressiven Störung

Vordiplomarbeit 2005 44 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Begriffsbestimmungen
1.1. Begriff: Suizidalität
1.1.1. Die Suizidideen
1.1.2. Der Suizidversuch
1.1.3. Der Suizid
1.2. Begriff: Jugendalter
1.2.1. Zeitliche Strukturierung der Lebensphase „Jugend“
1.2.2. Adoleszenzzeit – Gewinnung der eigenen Identität
1.3. Begriff: Depression

2. Theorien und Erklärungsansätze zur Entwicklung von Suizidalität
2.1. Die soziologische Suizidtheorie nach E. Durkheim (1897/1987)
2.2. Die psychoanalytische Suizidtheorie nach S. Freud (1917/1946)
2.3. Die psychodynamische Suizidtheorie nach E. Ringel (1953/1998)
2.4. Zusammenfassung und Resümee

3. Der Zusammenhang zwischen der Suizidalität Jugendlicher und der „depressiven Störung“
3.1. Die Klinische Betrachtung der Depression im Zusammenhang
von Suizidtendenzen
3.1.1. Die „depressiven Störungen“
3.1.1.1. Die „Major Depression“
3.1.1.2. Die „Dysthyme Störung“
3.1.2. Die „Bipolare Störung“ (manisch-depressive Störung)
3.1.3. Depressive Merkmale im Jugendalter
3.1.4. Zusammenfassung und Resümee
3.2. Psychosoziale Belastungsfaktoren als Suizidauslösende Faktoren
3.2.1. Innerfamiliäre Belastungsfaktoren und traumatische Ereignisse
3.2.2. Schulische Belastungsfaktoren
3.2.3. Zusammenfassung und Resümee
3.3. Notsignale einer möglichen Suizidhandlung
3.3.1. Direkte Suizidankündigungen
3.3.2. Indirekte Suizidankündigungen
3.3.3. Zusammenfassung und Resümee

4. Präventive Maßnahmen zur Verhinderung von Depressionen und suizidalen Verhalten
4.1. Die primäre Prävention
4.1.1. Familiäre Maßnahmen
4.1.2. Schulische Maßnahmen
4.1.3. Zusammenfassung und Resümee
4.2. Die sekundäre Prävention und Krisenintervention
4.2.1. Krisenintervention bei Suizidgefahr
4.2.2. Zusammenfassung und Resümee

Zusammenfassung und Fazit

Literaturverzeichnis

Internetadressen

Anhang

Einleitung

Vor ungefähr elf Jahren nahm sich Patricia S. das Leben. Sie war 17 Jahre alt, blond, blaue Augen – ein hübsches Mädchen. Sie gehörte damals mit zu unserer Clique. Ich hatte zwar nicht so viel Kontakt zu ihr, aber gekannt und erzählt haben wir schon immer mal miteinander. Als sie dann ihren Freund kennen lernte, sah man sie immer weniger und irgendwann hieß es, Patricia ist Tod. Es wurde damals erzählt, sie hätte sich mit Herzmedikamenten und Alkohol das Leben genommen. Ich sehe heute noch die Kränze mit den weißen Schleifen auf ihrem Grab liegen und jedes Mal, wenn ich über den Friedhof laufe, frage ich mich, was geht einem Jugendlichen durch den Kopf ? Wie viel Mut muss man doch eigentlich aufbringen, um einen Suizid zu begehen? Warum haben manche Jugendliche keinen Mut mehr zum Leben? Niemand hatte damit gerechnet. Niemand wusste, dass es Patricia schlecht geht, dass sie sich Sorgen machte um ihre Beziehung, weil ihr Freund an Trennung dachte. Erst als es zu spät war, offenbarte sich einiges. Alle waren geschockt. Ihr Tod kam so unvorbereitet, so überraschend – nicht einer bemerkte die Einsamkeit, von Patricia. Heute, nach so vielen Jahren, möchte ich mich nun mit diesem sensiblen Thema, Suizidalität im Jugendalter, auseinandersetzen, denn Patricia ist nicht die einzige, die sich das Leben nahm

Der Suizid gehört zu den häufigsten Todesursachen im Jugendalter. In Deutschland sterben jährlich laut Fatke (1986) ca. 70 Jugendliche im Alter von 10-15 Jahren durch Selbsttötung. Von den 16 bis 20 -jährigen sterben jährlich ca. 600. (vgl. Fatke, 1986, S. 207; in Bründel, 1993, S.27) Die häufigsten Suizide im Jugendalter finden zwischen dem 20. und 25. Lebensjahr statt. (vgl. Lubrich, 1985, S.5; in Bründel, S.27) Neben Unfällen und Erkrankungen, gehört der Suizid bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu den drei häufigsten Todesursachen. Statistiken weisen aber eine hohe Dunkelziffer auf, weil viele Suizide als Unfall inszeniert werden und die Suizidversuche nicht in die Statistik mit einfließen. (vgl. Zumpe,1959; Haehling von Lanzenauer, 1971; in Bründel, 1993, S.27) Es wird davon ausgegangen, dass die Zahl der Suizidversuche um etwa das Zehnfache höher liegt, als die vollendeten Suizide. (vgl. Lungersausen, 1966; Ringel, 1969, S.22; in Bründel, 1993, S.27) Nach dem statistischen Bundesamt (1990) stehen sog. „harte“ Methoden wie Erdrosseln oder Ersticken bzw. gefolgt vom Sprung aus der Höhe zahlenmäßig an der Spitze, wenn es um den vollendeten Suizid geht. (vgl. Statistisches Bundesamt, 1990; in Knapp, 1995, S.27 und Wunderlich, 2004, S.12) Bei den Suizidversuchen dominiert die Vergiftung mit Medikamenten und illegalen Drogen. (vgl. Wunderlich, 2004, S.12) Ab dem frühen Jugendalter überwiegen die Mädchen hinsichtlich eines Suizidversuchs gegenüber den Jungen in einem Verhältnis von 3:1 bis 9:1. (vgl. Nevermann/Reicher, 2001, S.79)

Warum aber, nehmen sich manche Jugendliche das Leben? Was geht in ihnen vor? Welche psychische Entwicklung durchlaufen sie, bis sie keinen Mut mehr zum Leben haben? Anhand welcher Signale kann man suizidgefährdete Jugendliche erkennen? Welche Rolle spielen Familie und Schule und wie kann man dem Suizidverhalten vorbeugen bzw. welche Institutionen beraten und helfen weiter?

Meine Arbeit stellt das suizidale Verhalten von Jugendlichen in den Zusammenhang von Depressionen, wobei nicht in jedem Fall suizidales Verhalten durch eine Depression ausgelöst wird. „ Aber das Vorliegen einer „depressiven Störung“, bedeutet eine besonders hohe Gefährdung suizidal zu werden.“, was meine Arbeit zeigen soll, denn meine These lautet: „Der Suizidalität von Jugendlichen liegt häufig eine unerkannte „depressive Störung“ zu Grunde. (zit. nach Nevermann/Reicher, 2001, S.76)

Der Inhalt dieser Arbeit, gliedert sich in vier Kapitel und im Folgenden sollen die einzelnen Kapitel kurz skizziert werden

Im ersten Kapitel, werden Grundlegende Begriffe geklärt, wie z.B

- Was umfasst Suizidalität,
- was bedeutet Jugendalter bzw. welche Anforderungen und Erwartungen werden an die Jugendzeit gestellt und
- was versteht man unter Depressionen

Im zweiten Kapitel zeige ich einige Theorien auf, die suizidales Verhalten erklären, denn sie bilden die Grundlage meiner Arbeit

Im dritten Kapitel wird die Depression als klinisches Krankheitsbild vorgestellt sowie die typischen Symptome einer depressiven Störung und es wird gezeigt, welche Suizidtendenzen dahinter stehen. Im Anschluss wird deutlich, welche Risikofaktoren zu depressiven bzw. suizidalen Verhalten führen und danach, schildere ich einige Verhaltensweisen, die ein Zeichen für eine mögliche Suizidhandlung sein können

Im vierten Kapitel geht es darum, wie man Depressionen und somit Suizidalität verhindern bzw. verringern kann und wie man sich verhalten sollte im Umgang mit einem akut suizidgefährdeten Jugendlichen, bevor ich mit der Zusammenfassung und dem Fazit meine Arbeit beende

1. Begriffsbestimmungen

„Ich saß oft allein da, doch mir wurde nichts klar. Mein Leben ist ein einziger Haufen Dreck, ich muss endlich hier weg! Raus aus meinem Körper, raus aus meiner Welt. Ich möchte nicht mehr leben, dann koste ich meinen Eltern kein Geld“ (Rita, 9. Klasse zit. nach Nevermann / Reicher, 2001, S.85)

Zu Beginn, möchte ich die Begriffe Suizidalität, Jugendalter und Depression klären, die Hauptbestandteil meiner Vordiplomarbeit sind

1.1. Begriff: Suizidalität

Suizidalität ist der Sammelbegriff für alle Formen suizidalen Erlebens und Verhaltens, worunter sowohl Suizidideen, Suizidversuche und der Suizid zählt. Dabei muss erwähnt werden, dass es für die Begriffe Suizidversuch und dem Suizid keine einheitliche Definitionen gibt , denn in der Literatur wird diskutiert, ob ein qualitativer Unterschied oder eher ein quantitativer Unterschied zwischen beiden Begriffen besteht, da beträchtliche Überschneidungen existieren ( vgl. Wunderlich,2004, S.9)

1.1.1. Die Suizidideen

Die Suizididee ist das Nachdenken über den eigenen Tod. Der Begriff umfasst sowohl den Wunsch zu sterben, als auch konkrete Suizidpläne bzw. die Vorstellung von der Suizidhandlung

( vgl. Wunderlich, 2004, S.9)

1.1.2. Der Suizidversuch

Bei dem Begriff Suizidversuch gehen die Meinungen über eine Definition dieses Begriffs zum Teil auseinander

„Jeder versuchte Suizid, der nicht tödlich endete, ist ein Suizidversuch“ (zit. nach http://de.wikipedia.org/wiki/Suizidversuch)

Stengel (1969, S.109 ff) nimmt an, dass „(…) der Suizidversuch vor allem einen Appell an die Umwelt und somit eher eine Zuwendung zur Gemeinschaft darstellt.“ Er prägte deshalb den Begriff „ Parasuizid “ für Suizidhandlungen, die nicht mit dem Tod enden. Er glaubt, im Vordergrund steht dabei nicht der Wunsch zu sterben, sondern das Bestreben, Hilfe zu erhalten (Stengel, 1969, S.109 ff.; zit. nach Bründel, 1993, S.41)

Tölle (1988) sieht den Suizidversuch als allerletztes Mittel an, um eine Änderung der eigenen Situation zu erreichen. Andererseits kann der Wunsch zum sterben bestehen, um aus einer ausweglos empfundenen Situation zu entfliehen (vgl. Tölle, 1988; in Rausch, 1991, S.30; in Bründel, 1993, S.42)

1.1.3. Der Suizid

Für den Begriff Suizid werden oft Begriffe gebraucht wie Selbstmord, Freitod oder Selbsttötung (vgl. Pohlmeier, 1995, S.42). Der Suizid ist nach Stengel (1969, S.109 ff) eine entschlossene Abkehr vom Leben und der feste Entschluss, aus der Gemeinschaft auszuscheiden (vgl. Stengel, 1969, S.109 ff.; in Bründel, 1993, S.42)

Allgemein kann man sagen, „(…)der Suizid (lat. sui caedere , sich selbst totschlagen) ist die Beendigung des eigenen Lebens durch eine eigene Handlung oder durch das Unterlassen einer Handlung (z. B. Nichteinnahme lebenswichtiger Medikamente bzw. Nahrungsmittel und/oder Flüssigkeiten), bei der sich die selbst tötende Person der tödlichen Konsequenzen dieser Handlung bzw. deren Unterlassung bewusst ist“ (zit. nach http://de.wikipedia.org/wiki/Suizid)

Es ist zu bemerken, dass der Ausgang einer suizidalen Handlung häufig vom Zufall abhängig ist, denn ein nicht ernst gemeinter Suizid kann tödlich ausgehen oder ein ernst gemeinter Selbsttötungsversuch überlebt werden (vgl. Bründel, 1993, S.43)

1.2. Begriff: Jugendalter

Das Jugendalter ist eine Phase, die durch das Zusammenspiel biologischer, intellektueller und sozialer Veränderungen innerhalb des Lebenszykluses zur Quelle vielseitiger Erfahrungen wird. Für einige Jugendliche ist sie eine positive Zeit und für andere ist sie mit persönlichen, familiären oder außerfamiliären Problemen verbunden. Mit der Jugend ist die Übergangsperiode gemeint, die zwischen Kindheit und Erwachsenenalter liegt, d.h. es ist eine Zeit, wo Verhaltenformen und Privilegien der Kindheit aufgegeben und Merkmale sowie Kompetenzen der Erwachsenen erworben werden, wie z.B. Rollen, Aufgaben und Status. Die Lebensphase „Jugend“ wird in verschiedene Perioden strukturiert (vgl. Oerter/ Montada, 1998, S.310 f.)

1.2.1. Zeitliche Strukturierung der Lebensphase „Jugend“

„Für den Entwicklungsabschnitt, der im Schwerpunkt das zweite Lebensjahrzehnt umfasst, steht „ Adoleszenz(…)“. Damit ist die Zeitspanne zwischen dem vollendetem 10. – 21. Lebensjahr gemeint. Als „Jugendalter“ bezeichnet man die Zeitspanne vom 11. bis vollendetes 17. Lebensjahr, d.h. „Adoleszenz“ wird unspezifischer gebraucht als Jugend. Dabei unterscheidet man die „Frühe Adoleszenz“, sie umfasst die Zeitspanne vom 14. – 18. Lebensjahr und die „späte Adoleszenz“ das 18. – 21. Lebensjahr

„Vorpubertät“ kennzeichnet die Periode zwischen reifer Kindheit und dem Auftreten erster sekundärer Geschlechtsmerkmale; die Zeitangabe 10. – 12. Lebensjahr vernachlässigt die Geschlechtsspezifische Variation“ (zit. nach Oerter/ Montada, 1998, S.312)

1.2.2. Adoleszenzzeit – Gewinnung der eigenen Identität

Nach Hurrelmann (1986) ist die Jugendzeit Integrations- und Individuationsphase zugleich, denn Jugendliche werden vor fast unvereinbare psychophysische und sozialemotionale Anforderungen gestellt. (vgl. Hurrelmann, 1986; in Bründel, 1993, S.13)

Zu den Anforderungen (Entwicklungsaufgaben) gehören u.a.:

- Finden einer Geschlechtsrolle
- Intellektuelle und soziale Kompetenzen zu Gleichaltrigen erlangen
- Eigene Werte, Normen und Handlungsmuster entwickeln
- Das Normensystem der Gesellschaft übernehmen
- Ihre berufliche Laufbahn planen
- Selbstständig werden, d.h. weitgehende emotionale Unabhängigkeit von den Eltern gewinnen (vgl. Havighurst, 1972; in Langfeld, 1996, S.99)

Die Gewinnung der eigenen Identität ist der Kernkonflikt des Jugendalters. Der Jugendliche muss seine eigene Erwachsenenidentität herausbilden, d.h. er sollte laut Hurrelmann (2004, S.36), „(…) über verschiedene Handlungssituationen und über unterschiedliche lebensgeschichtliche Einzellschritte der Entwicklung hinweg eine Kontinuität des Selbsterlebens (…)“ wahren. „Hierzu müssen die Fähigkeiten der Selbstwahrnehmung, der Selbstbewertung und der Selbstreflexion entwickelt sein. Identität ist das Erleben des sich selbst gleich sein“. (Hurrelmann, 2004, S.36 zit. nach Lakemann, 2004) Das Individuum sollte eine eigene und unverwechselbare Identität herausbilden, um sich in seinem sozialen Umfeld durch selbstständiges autonomes Verhalten zu behaupten. Man nennt diesen Prozess Individuation, welcher im Spannungsverhältnis zur Integration steht. Integration ist demnach der Prozess der Übernahme verantwortlicher sozialer Rollen. Das Spannungsverhältnis zwischen Integration und Individuation muss gelöst werden, damit der Jugendliche seine eigene Ich-Identität herausbilden kann. Es müssen alle Anforderungen (Entwicklungsaufgaben) erfüllt werden, damit Individuation, Integration und Identitätsbildung entwickelt werden können. (vgl. Hurrelmann, 2004, S.36 ; in Lakemann, 2004)

Die eigene Belastung sollte möglichst gering bleiben, um eine Schädigung des Selbstwertgefühls zu vermeiden. Die Jugendzeit beginnt mit der Pubertät und ist beendet, „(…) wenn sich das Individuum selbst als autonom und erwachsen definiert.“ (Olbrich, 1984 zit. nach Bründel, 1993, S.13)

1.3. Begriff: Depression

Depression (lat. Depressio = Niedergedücktsein) wird oft verstanden als Bedrückung, Trauer oder Melancholie, denn es ist häufig die Reaktion auf unangenehme Erfahrungen, Enttäuschungen oder Erschütterungen, was jeder Mensch aus eigener Erfahrung kennt. „Depression bezeichnet einen bestimmten Zustand, der durch Störungen im Fühlen, Denken, Verhalten und der körperlichen Befindlichkeit geprägt ist“. (zit. nach Nevermann/Reicher, 2001, S.19) Grundsätzlich kann der Begriff „Depression “ auf verschiedenen Ebenen verwendet werden. Es wird jedoch unterschieden, ob man den Begriff „Depression“ im Sinne eines Symptoms verwendet, z.B. wenn ein Jugendlicher bemerkt: „Ich hab mal wieder eine „Depri-Phase“ oder ob mit Depression eine klinisch definierte depressive Störung zum Ausdruck gebracht werden soll, die eine bestimmte Anzahl von Einzelsymptomen beinhaltet. Dafür wird die Bezeichnung Syndrom verwendet. Die klinische Depression kann weder mit Anstrengung noch mit Willenskraft kontrolliert werden. Eine Reihe von Symptomen bleibt über einen längeren Zeitraum stabil und die Funktionstüchtigkeit des Betroffenen wird beeinträchtigt oder auch völlig lahm gelegt. (vgl. Essau, 2002, S.17) Der Begriff „Störung oder Krankheit impliziert, „(…) dass ein charakteristisches klinisches Bild mit typischen Verlauf, spezifischer Behandlung und eventuell weiteren spezifischen Merkmalen vorliegt.“ (zit. nach Steinhausen, 2002, S.136) Die nähere Klassifikation der depressiven Störung nach ICD10 bzw. DSM-IV werde ich im 3. Kapitel noch näher erläutern

2. Theorien und Erklärungsansätze zur Entwicklung von Suizidalität

In diesem Kapitel werden einige Suizidtheorien vorstellt, welche im Kontext meiner Arbeit immer wieder vorkommen, denn sie bilden die Grundlage meiner These

Es gibt eine Reihe von unterschiedlichen Vorstellungen, wie sich suizidales Verhalten entwickelt. Es werden vor allem zwei unterschiedliche Ansätze in der Ursachenforschung betont. Nach Abram, Berkemeier und Kluge (1980) haben sich einerseits die soziologisch orientierte deduktive Vorgehensweise und andererseits die psychoanalytisch orientierte induktive Vorgehensweise herausgehoben. (vgl. Abram/Berkemeier/Kluge, 1980; in Bründel, 1993, S.44) In der neueren Literatur zum Suizidverhalten zeigt sich der Suizid als komplexes Geschehen psychologischer und soziologischer Faktoren, d.h. es wird als multifaktorielles Geschehen angesehen. Die einzelnen Faktoren sind vielleicht in ihrer Gewichtung unterschiedlich, können jedoch als „untereinander abhängig“ angesehen werden. (vgl. Bründel, 1993, S.44)

Im Folgenden möchte ich einige Grundzüge der wichtigsten theoretischen Erklärungsansätze beschreiben, aus denen sich das Suizidverhalten Jugendlicher zusammensetzt. Die unterschiedlichen Theorien werden aus systematischen Gründen nicht in ihrer ganzen Komplexität und Ausführlichkeit, sondern nur selektiv angesprochen

2.1. Die soziologische Suizidtheorie nach E. Durkheim (1897/1987)

Im Wesentlichen macht die soziologische Forschung gesellschaftliche, d.h. überindividuelle Faktoren für den Suizid verantwortlich und untersucht Zusammenhänge zwischen Suizidhandlungen und äußeren Bedingungen wie Alter, Geschlecht, Beruf, soziale Situation und Lebensumstände. Dabei steht im Mittelpunkt der soziologischen Interessen „(…) eher die Gesamtheit aller Suizide der Gesellschaft, als die Suizidhandlung einzelner Individuen“. (Durkheim, 1897 / 1987; zit. nach Bründel, 1993, S.44)

Die erste große und bedeutendste Monographie hat Emil Durkheim (1897 / 1987) zum Thema „Selbstmord“ verfasst. Laut Durkheim (1897/1987), ist das Suizidverhalten vor allem die Folge einer gestörten Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft und er interpretiert das Suizidgeschehen im Rahmen seiner Integrations- und Anomietheorie, die ausdrückt, „(…) dass der Grad der Integration eines Individuums in die Gesellschaft und die Akzeptanz ihrer Normen und Regeln als ein Maß für das Suizidrisiko anzusehen ist.“ (Durkheim, 1897/1987, zit. nach Bründel, 1993, S.45)

Durkheim (1897/1987) unterscheidet drei Grundtypen von Selbstmorden, die er durch unterschiedliche soziale Ursachen begründet und die er unter den Gesichtspunkten der sozialen Integration und der sozialen Regulation betrachtet

Der „ anomische Suizid“ ist Ausdruck dafür, dass das Individuum an der Regel- und Grenzenlosigkeit seines Handelns leidet und dass ihm die Gesellschaft keine regulative Kraft entgegensetzt, wie z.B. in Zeiten wirtschaftlicher oder politischer Veränderungen

Der egoistische Suizid“ folgt, wenn das Individuum die Gruppenphantasien mit den anderen nicht mehr teilen kann und seine soziale Einbindung verliert, d.h. er vereinzelt, vereinsamt, wird teilnahmslos, schwermütig, selbstbemitleidend und depressiv

Der Gegensatz des egoistischen Selbstmords ist der „altruistische Suizid“. Bei ihm wird das Leben des Einzelnen der Gruppe geopfert. Er „(…) ist Ausdruck einer zu starken Abhängigkeit von der Gesellschaft und einer zu geringen Individualität“. (Durkheim, 1897/1987, S.162 ff, S.242ff, S.242ff; zit. nach Bründel, 1993, S.45) (vgl. auch Pohlmeier, 1995, S.33 und Wunderlich, 2004, S.14)

Sowohl Durkheim (1897/ 1987) als auch Halbwachs (1930) schreiben, dass der Suizid eines Individuums abhängig von der Fähigkeit der Gesellschaft zur Integration und Regulation ist. Er und Halbwachs (1930) haben festgestellt, „(…) dass Selbstmordraten auch Raten gesellschaftlicher Pathologie sind.“ Eine zu geringe Integration in die Gruppe wie auch eine zu hohe Identifizierung mit der Gruppe können zu einem suizidalen Verhalten führen. (Durkheim, 1897/1987 u. Halbwachs, 1930; zit. nach Pohlmeier, 1995, S.35)

Auf Jugendliche bezogen kann man sagen, dass die Suizidtendenzen Jugendlicher von der Integration in der Gruppe abhängig sind, d.h. durch die Anerkennung, die Übereinstimmungen von Interessen und Normen, gemeinsame Ziele, Akzeptanz, Geborgenheit und Sicherheit in den Peer-groups oder der Familie können Krisen bzw. Enttäuschungen besser überstanden werden und somit eine Suizidhemmende Wirkung haben. Die Integrations- und Anomietheorie von Durkheim hat auch heute noch Gültigkeit und sie ist weiterhin Gegenstand der Diskussion und Forschung in der Soziologie

2.2. Die psychoanalytische Suizidtheorie nach S. Freud (1917/1946)

Die psychoanalytische Forschung befasst sich mit den psychischen, d.h. inneren Faktoren des Suizidgeschehens. Sie hat sich im Vergleich zur Soziologischen Wissenschaft erst relativ spät mit der Suizidproblematik auseinandergesetzt. Im Mittelpunkt der Forschung stehen individuelle Faktoren wie psychische Entwicklung, Persönlichkeit, Konflikte, Krisen und Motive. (vgl. Adler, 1910; Freud, 1917; in Bründel, 1993, S.44 ff.)

Die Suizidtheorie von Freud (1917 / 1946) wurde in seiner Arbeit über „Trauer und Melancholie“ entwickelt und muss im Kontext mit seiner Libidotheorie und Neuroselehre gesehen werden

( Bründel, 1993, S.46) Auf eine umfangreiche Erklärung seiner Theorie muss im Rahmen meiner Arbeit verzichtet werden und ein gewisses Grundwissen wird hier vorausgesetzt. Gegenwärtig sollen nur die wichtigsten Ansichten zur Erklärung bzw. zum Verständnis von Suizidhandlungen erläutert werden

Die klassische Psychoanalyse hat die Selbstmordhandlung als Wendung der Aggression gegen die eigene Person charakterisiert. (Pohlmeier, 1995, S.41) Es ist der zentrale Gedanke Freuds und wird seither als integraler Bestand einer jeden Suizidhandlung gesehen. „Freud sieht den Suizid nicht nur als letzte Konsequenz einer zugrunde liegenden depressiven Dynamik, sondern als Lösung eines Aggressionskonfliktes“. (Freud, 1917/1946 zit. nach Bründel, 1993, S.47) Die Aggression der Suizidhandlung gilt bei vielen Menschen eigentlich einer anderen Person, vorwiegend einer enttäuschenden Bezugsperson wie Mutter oder Vater (Libidoobjekt). Da sich die Aggression nicht gegen das Objekt richten darf (zu hohes Über-Ich = schlechtes Gewissen und Schuldgefühle) und es auch nicht getötet werden kann, wird die Aggression gegen das eigene Ich gerichtet. Der Suizidant hat sich sehr stark mit der Bezugsperson (Libidoobjekt) identifiziert (Introjektion) und er tötet das Libidoobjekt sozusagen, in sich selbst, gleich mit. In der Literatur wird auch vom „aggressiven Suizid“ gesprochen. Vielfach lassen Suizidhandlungen ganz sichtbare Aggressionen erkennen z.B. wenn man an die harten Methoden wie Erschießen, Erhängen oder Sturz aus dem Fenster denkt. Dass mit der Aggression auch andere Menschen gemeint sein können, zeigen die Doppelselbstmorde und die erweiterten Selbstmorde, bei denen vorher andere Menschen mitgetötet werden. (Freud 1917/1946; in Pohlmeier, 1995, S.42 und Wunderlich, 2004, S.22) Ein Beispiel hierfür ist,

Das Blutbad von Erfurt “, was sich am 26.04.2002 ereignete. „Der 19-jährige Ex-Schüler Robert Steinhäuser stürmte mit Pump-Gun und Pistole bewaffnet in das Erfurter Gutenberg-Gymnasium. Er erschoss 16 Menschen und danach sich selbst“. (zit, nach http://www.kriminalportal.de/thema/index_47058.cfm)

Nach Freud (1917/1946) entsteht die Aggression aus enttäuschter Liebe, welche schon in den ersten Lebensjahren aus unterschiedlichen Gründen und oft aus mangelnder Zuwendung der Bezugsperson erfahren wird. (vgl. Freud, 1917/1946; in Pohlmeier, 1995, S.43)

Adler (1910, S.33) unterstrich ausdrücklich: „Niemand tötet sich selbst, der nicht einen anderen töten wollte, oder zumindest einem anderen den Tod gewünscht hätte“. (Adler, 1910, S.33 zit. nach Bründel, 1993, S.47)

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass das Hauptmerkmal der Theorie von Freud auf der nach innen gerichteten Aggression liegt und ein Zusammenhang zwischen der endogenen Depression und dem Suizid besteht. Man muss jedoch festhalten, dass nicht jeder Depression ein Suizid folgt und nicht jedem Suizid eine Depression vorangeht. Auch das sich Enttäuschungs- und Verlusterlebnisse während der ersten Lebensjahre auf die spätere Entwicklung immer negativ auswirken, wird heute sehr umstritten, denn man schreibt Säuglingen heute mehr Kompetenzen in der Entwicklung zum Kleinkind zu, als es zu Lebzeiten Freuds der Fall war. Der „aggressive Suizid“ kann in verschiedenen Zusammenhängen beobachtet werden, denn auch andere Suizide besitzen einen gewissen aggressiven Anteil

2.3. Die psychodynamische Suizidtheorie nach E. Ringel (1953/1989)

Der Gedanke Freuds zum Suizidgeschehen, der nach innen gerichteten Aggression, wurde später von Ringel (1989) immer wieder aufgegriffen. Ringel (1953) prägte den Begriff des „präsuizidalen Syndroms“ und dieser ist seitdem fester Bestandteil der Suizidliteratur. (Bründel,1993, S.48)

Das „präsuizidale Syndrom“ ist nach Ringel (1953) eine der Suizidhandlung vorausgehende Befindlichkeit, die sich schon einige Zeit vor der Ausführung der Suizidhandlung zeigt. Er sieht den Suizid als „ Abschluss einer krankhaften psychischen Entwicklung“. (Ringel, 1953; in Bründel, 1993, S.48) Es werden drei Phasen im Verlauf einer solchen Entwicklung von ihm unterschieden:

- das Stadium der Erwägung,
- der Ambivalenz und
- des Entschlusses

(vgl. Ringel, 1953, in Pöldinger, 1968 u. Heuer 1979; in Bründel, 1993, S.48) Weiterhin stellte er in einer Untersuchung erwachsener Patienten nach einer Suizidhandlung drei gemeinsame Symptome psychischer Verfassung fest, die unter Hinzunahmen psychosomatischer Störungen ebenso für Jugendliche gelten. (Löchel, 1981 ; in Bründel, 1993, S.49) Im Folgenden soll auf die Symptome des „präsuizidalen Syndroms“ näher eingegangen werden

- Die Einengung

Sie zeigt sich darin, dass sich präsuizidale Jugendliche von Anforderungen erdrückt fühlen. Sie sehen ihre Gegenwart und Zukunft düster und schwarz und auch ihre Kindheit erscheint ihnen traurig und leer. Ihre Grundstimmung ist depressiv, grüblerisch und anklagend und sie fühlen sich als ob sie nie gelebt hätten. Sie ziehen sich zurück, brechen Freundschaften ab, Beschäftigungen oder Hobbys, die ihnen früher einmal Spaß machten, bedeuten nichts mehr und sie verachten und entwerten sich selbst. Sie fühlen sich auf der einen Seite alleingelassen und auf der anderen Seite suchen sie die Einsamkeit. (vgl. Ringel, 1953; in Bründel, 1993, S.50 und Wunderlich, 2004, S.23)

- Die Aggressionshemmung

Das zweite Symptom, ist die gehemmte und gegen sich selbst gerichtete Aggression die wie, Freud in seiner psychoanalytischen Suizidtheorie aufgezeigt hat, ein Bestandteil einer jeden Suizidhandlung ist. Es ist die Folge der Entwicklung eines übermächtigen Aggressionsobjekts, das bei Jugendlichen oft der Vater, die Mutter, eine Autoritätsperson oder eine ehemals Heißgeliebte Freundin / Freund darstellt. Das Aggressionsobjekt kann übermächtig erscheinen, so dass es zu einer Aggressionshemmung kommt oder es geschieht im Sinne der Aggressionsumkehr gegen die eigene Person, wie in der vorangegangenen Theorie nach Freud beschrieben. Der Suizidant hat ein Gefühl von ohnmächtiger Wut und Verbitterung, wobei eine letzte Genugtuung in der Vorstellung liegen kann, dass mit dem eigenen Tod der andere bestraft sei. (vgl. Ringel, 1953; in Bründel, 1993, S.49 f. u. Wunderlich, 2004, S.23)

Klosinsky (1983, S.96) schreibt, „(…) Eine gewisse bittersüße Lust begleitet die Vorstellung, wie die anderen am Grab zu spät den eigenen Wert erkennen. Dies bedeutet, dass durch die suizidale Geste der abgebrochene Dialog wieder aufgenommen werden soll. Insofern ist der Suizidversuch als dynamische Handlung sowohl ein Angriff auf die eigene Person als auch ein Angriff nach „außen“. (Klosinski, 1983, S.96 zit. nach Bründel, 1993, S.50)

- Die Suizidphantasien

Als drittes Symptom, die Flucht- oder Selbstmordphantasien, werden wiederum in verschiedene Stadien der Intensität unterteilt. Zuerst träumt der Jugendliche davon tot zu sein und nimmt das Sterben als Resultat vorweg. Dann macht er sich Gedanken über denn Vorgang des Sterbens, klammert aber dabei das Sterben selbst noch aus. Zuletzt nimmt die Methode, die er wählen könnte, eine Form von Zwangsgedanken an und der Tod beginnt ihn sozusagen magisch anzuziehen. (vgl. Ringel, 1953; in Bründel, 1993, S.50 u. Wunderlich, 2004, S.23)

Die Suizidphantasien gehen fast immer mit Suizidankündigungen (siehe P.3.3.) einher. Die verbalen Signale und die Handlungsgebundenen Alarmzeichen, die sich meist an Angehörige und Freunde richten, verdeutlichen den wichtigsten Aspekt des Suizidgeschehens, nämlich den „Schrei um Hilfe“. Es soll hier zum Ausdruck gebracht werden, „(…) dass die Jugendlichen eigentlich nicht wirklich sterben, sondern dass sie nur unter den bisherigen Lebensbedingungen nicht mehr weiter Leben wollen“. (zit. nach Bründel, 1993, S.50 f.) Die zwei Gefühlsebenen, welche nebeneinander existieren, verdeutlichen noch einmal die Ambivalenz und die Komplexität des Suizidgeschehens

Im Allgemeinen wird das „präsuizidale Syndrom“ zur phänomenologischen Beschreibung des Zustandes vor einem Suizidversuch verwendet und somit zur Prognose und Diagnose genutzt. Es wird in der Literatur kritisch bemerkt, dass Ringel (1969) keine Syndrombeschreibung geliefert hat, sonder eine Mischung aus Symptomen und psychodynamischen Vorgängen. ( vgl. Wunderlich, 2004, S.23)

Es gibt einige weitere Wissenschaftler, die diese Theorie erweiterten, wie z.B. Pöldinger (1968), Stengel (1969), Linden (1969) etc. . Da dieses aber den Rahmen meiner Arbeit überschreiten würde, möchte ich auf die Literatur von Ursula Wunderlich, 2004 und Heidrun Bründel, 1993, verweisen

Die psychodynamische Suizidtheorie findet man, wie schon erwähnt, natürlich auch bei Jugendlichen. Sie treten mit Beginn der Pubertät in die Adoleszenzkrise ein und müssen verschiedene Anforderungen bewältigen. Es ist anzunehmen, dass sich gerade durch die Adoleszenzzeit ein labiles Selbstwertgefühl zeigt. Wird dieses durch eine Autoritätsperson oder durch kritische Lebensbedingungen gestört, kann man sich vorstellen, dass die Suizidhandlung einen Abwehrversuch darstellt, um den Verlust der eigenen Identität zu entgehen

2.4. Zusammenfassung und Resümee

Die vorgestellten Theorien betonen wesentliche Aspekte des insgesamt sehr komplexen Suizidgeschehens. Die soziologische Theorie hebt die Integration in die Gemeinschaft hervor, die psychoanalytische stellt die Aggression und die Depression in den Mittelpunkt und die psychodynamische unterstreicht die Ambivalenz und den Appellcharakter einer Suizidhandlung. Welche Theorie die „speziellste“ ist, bleibt ungeklärt. Ich möchte noch darauf hinweisen, dass es noch eine Reihe anderer Erklärungsmodelle gibt, wie z.B. die lernpsychologische Theorie, welche auf den Grundgedanken basiert, dass suizidales Verhalten auf Lernprozesse zurückzuführen sei oder die stresstheoretische Erklärung, wonach Suizidalität durch das Aufeinandertreffen von belastenden Lebensereignissen, Persönlichkeit und soziale Bedingungen hervorgerufen wird. (vgl. Bründel, 1993, S.57 ff.) Es konnten hier nicht alle aufgeführt werden, denn es sollte nur ein grober Einblick über einige Theorien, zum Verständnis der Suizidalität gegeben werden. Meiner Ansicht nach ist das Suizidgeschehen ein Geflecht von soziologischen, psychologischen und psychodynamischen Faktoren, welche immer im Einzelfall betrachtet werden müssen

Das Suizidverhalten von Jugendlichen geht häufig mit psychischen Krankheiten einher, was nicht nur Medizinern bekannt ist, sondern auch der Allgemeinheit. (vgl. Crepet, 1996, S.43) Im nächsten Kapitel soll der Zusammenhang zwischen dem suizidalen Verhalten Jugendlicher und der „depressiven Störung“ als psychische Krankheit näher beleuchtet werden. Dabei geht es vor allen um die Frage, was ist eine „depressive Störung“ im klinischen Kontext? Wie hoch ist die Gefahr durch die „depressive Störung“ im Jugendalter einen Suizid zu begehen? Welche Faktoren spielen eine Rolle in Abhängigkeit von Depressionen und somit zur Entwicklung von Suizidalität?

3. Der Zusammenhang zwischen der Suizidalität Jugendlicher und der „depressiven Störung“

Kim und Karen „(…)zwei Mädchen aus der 10. Klasse eines Gymnasiums, sprangen 1997 gemeinsam aus dem 11. Stockwerk eines Hochhauses, nachdem sie sich entsprechend einem genauen Plan morgens vor der Schule getroffen und, vor dem Sprung in den Tod, mit Alkohol betäubt hatten. Eine der beiden Schülerinnen litt unter starken Depressionen und von der anderen wurde nur bekannt, dass sie keine Lehrstelle gefunden hatte“. (zit. nach Nevermann / Reicher, 2001, S.84)

Die suizidale Entwicklung eines Jugendlichen wird häufig von dem unmittelbaren sozialen Umfeld nicht wahrgenommen oder erkannt. Die Selbsttötung oder der Selbsttötungsversuch kommt für sie überraschend und unvorbereitet und doch steht hinter jedem Suizid oder Suizidversuch, abgesehen von sog. Kurzschlusshandlungen, in der Regel ein langer Prozess von Depressionen, Minderwertigkeitsgefühlen, Leistungsrückgang und aggressiven Handlungen. Besonders Gefühle von Überforderung, Stress und Hoffnungslosigkeit spielen eine weitere Rolle. Empirische Untersuchungen zeigen, dass 40% aller Suizide und Suizidversuche im Jugendalter auf „depressive Störungen“ bzw. Angststörungen und 20% auf dissoziale Störungen zurückzuführen sind. Eine erhöhte Suizidrate wurde auch bei Jugendlichen mit Persönlichkeitsstörungen, Borderline Störungen, sowie Störungen durch Alkohol- und Drogenabusus festgestellt, was aber hier nicht Thema sein soll. (vgl. Nevermann / Reicher, 2001, S.80 f.)

Gegenwärtig soll auf die „depressive Störung“ im Jugendalter näher eingegangen werden

3.1. Die Klinische Betrachtung der Depression im Zusammenhang von Suizidtendenzen

Wie schon unter Punkt 1.3. erwähnt, ist die „depressive Störung“ ein depressives Syndrom, dass durch eine bestimmte Vielzahl von Einzelsymptomen gekennzeichnet ist. Jugendliche mit Depressionen lassen sich häufig nicht ohne weiteres erkennen, denn die inneren Befindlichkeiten, Stimmungen und Gefühle lassen sich, wenn überhaupt, meist nur durch das äußere Verhalten erschließen. Leider sind aber nicht alle Symptome einer „depressiven Störung“ als Verhalten nach außen hin beobachtbar, sondern im Gegenteil. Die Depressiven Störungen werden als affektive Störung den so genannten „internalen Störungen“ zugeordnet d.h., dass eine Vielzahl von typischen Merkmalen im innerpsychischen Bereich liegt. (vgl. Nevermann/Reicher, 2001, S.51)

Die depressive Symptomatik „nistet“ sich über einen längeren Zeitraum hinweg als eine spezielle Befindlichkeit in die Person ein und tritt in bestimmten Zeitintervallen, möglicher Weise in veränderter Ausprägung, immer wieder erneut auf. Meistens wird die depressive Verhaltenstendenz erst entdeckt, wenn bestimmte depressive Verhaltensweisen wirklich drastisch zum Vorschein kommen. Die Klassifikationssysteme, die am häufigsten zur Diagnose depressiver Störungen herangezogen werden, sind das „DSM-IV“ („Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen“ in 4. Revision, in deutscher Bearbeitung und Einleitung von Saß, Wittchen und Zaudig, 1996) und von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgegebene „ICD-10“ (Internationale Klassifikation psychischer Störungen“ in 10. Revision). Nevermann und Reicher (2001, S.52) schreiben: „Die Unterscheidungen zwischen verschiedenen depressiven Störungsbildern geschieht dabei vor allem nach dem Schweregrad der vorhandenen depressiven Symptomatik. Dieser Schweregrad wird vor allem nach Anzahl, der Intensität und Dauer der zum Zeitpunkt der Diagnosestellung vorhandenen depressiven Einzellsymptome bestimmt. So wird nach leichter, mittelschwerer und schwerer Depression unterschieden.“ (zit. nach Nevermann/Reicher, 2001, S.52) Das „DSM-IV“ und die „ICD-10“ stimmen zu 90% in der Kategorisierung der Störungen überein. Als zentrale Symptome einer depressiven Episode beschreiben beide eine niedergedrückte Stimmung, depressive Gedanken sowie ein häufiges Suizidrisiko. (vgl. Essau, 2002, S.19)

Die „depressiven Störungen“ werden im Rahmen der klinischen Betrachtung in zwei große Gruppen unterteilt. Einmal in die sog. „depressiven Störungen“ und einmal in die sog. „bipolaren Störungen“.

3.1.1. Die „depressiven Störungen“

Unter die „depressive Störung“ fallen die beiden depressiven Zustandsbilder „Major Depression“ und „Dysthyme Störung“. Ihre Unterschiede liegen vor allem in der Ausprägung, Intensität und Dauer. Für die Diagnose einer „depressiven Störung“ gelten grundsätzlich für Erwachsene und Jugendliche gleiche Hauptsymptome. Nur für Jugendliche werden zusätzlich Altersbezogene Symptome berücksichtigt. Damit als Diagnose eine „depressive Störung“ festgestellt werden kann, muss eine Häufung von bestimmten Symptomen während der gleichen Zeitspanne auftreten. Bei Jugendlichen kann statt einer depressiven Verstimmung auch eine reizbare Stimmung vorliegen. (vgl. Nevermann/Reicher, 2001, S.53)

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Details

Seiten
44
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638472319
ISBN (Buch)
9783638705165
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v51201
Institution / Hochschule
Ernst-Abbe-Hochschule Jena, ehem. Fachhochschule Jena
Note
1,0
Schlagworte
Schluss Suizidalität Jugendlichen Symptom Störung

Autor

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Titel: Suizidalität von Jugendlichen als Symptom der depressiven Störung