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Dominanz und Unterwerfung in der Körpersprache

Studienarbeit 2004 43 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Körpersprache
I.1. Formen der körpersprachlichen Signale
I.1.1. Zusammensetzung nonverbaler Teileindrücke
I.2. Willkürliche & unwillkürliche Signale
I.3. Enkodieren & Dekodieren der Körpersignale
I.3.1. Erschwertes Dekodieren
I.4. Verbale & nonverbale Kommunikationsebene
I.4.1. Die Täuschung in der Kommunikation
I.4.2. Funktionen verbaler versus nonverbaler Sprache

II. Hierarchische Strukturen in nonverbalem Verhalten
II.1. Horizontale & vertikale Kommunikationsebene
II.2. Machtverhältnisse
II.2.1. Erhaltung der Machtstrukturen

III. Dominanz & Unterwerfung
III.1. Alpha- & Omega-Tiere
III.2. Der Dominante & der Unterwürfige
III.2.1. Macht durch Blickkontakt
III.2.2. Macht durch die Stimme
III.3. Sichere & unsichere Dominanz
III.4. Dominanz & Persönlichkeit

IV. Raum und Zeit als Ausdrucksformen von Machtbotschaften
IV.1. Macht durch Raum
IV.1.1. Positionierung
IV.1.2. Das Territorium
IV.1.3. Die Körpersphäre
IV.1.4. Räumliche Orientierung
IV.1.5. Räumliches Verhalten bei Männern & Frauen
IV.1.5.1. Geschlechtsspezifische Körpersprache
IV.2. Macht durch Zeit
IV.2.1. Zeitliche Territorien
IV.2.1.1. Das Warten

V. Nonverbaler Machtausdruck
V.1. Funktion & Sinn der Aufrechterhaltung von Macht
V.2. Elemente wirklichen Kampfes

EINLEITUNG

Ich möchte ein weit gefächertes aber auch vertiefendes Bild des Machtaspektes in der Körpersprache geben, also werde ich zunächst auf die Körpersprache allgemein und dann auf das Machtstreben des Menschen eingehen. Schließlich werde ich beide Bereiche verbinden und als vertiefende Veranschaulichung einen Einblick der Bedeutung der Raum- und Zeit-Nutzung in der Körpersprache bezüglich des Machtaspektes geben.

KÖRPERSPRACHE

Im ersten Teil werde ich also über die Körpersprache allgemein referieren: Dabei werde ich einen genauen Einblick in die verschiedenen Bereiche wie auch Funktionen der Körpersprache geben, anschließend tiefer auf die Unterscheidung zwischen willkürlicher und unbewusster Signale eingehen und das En- und Dekodieren (u a. die Schwierigkeit der Interpretation einzelner Körpersignale) untersuchen. Zuletzt stelle ich verbale und nonverbale Sprache gegenüber und beschreibe ihre Wechselwirkungen und dessen Nutzen.

MACHT

Im zweiten und dritten Teil werde ich dann auf das Thema Macht eingehen, zunächst einmal unabhängig von der Körpersprache, da dies als Grundlage ein besseres Verständnis von Machtverhältnissen, auch später im Zusammenhang mit der Körpersprache, ermöglicht. Dabei werde ich auf die Definition und Funktion von Dominanz und Unterwürfigkeit eingehen, wie auch die verschiedenen Gesichtspunkte der Macht beleuchten.

Anschließend werde ich mich den Machtverhältnissen in der Körpersprache widmen. Hier fügen sich die zwei behandelten Themen dann zu einem verschmelzenden Phänomen (Wechselspiel) zusammen. Themeninhalt wird u. a. die Unterscheidung zwischen vertikaler und horizontaler Ebene der Körpersprache sein, und wie sich Dominanz und Unterwerfung in Persönlichkeit und Situation ausdrücken.

MACHT DURCH KÖRPERSPRACHE

Das vierte Kapitel wird sich dann ganz speziell dem alltäglichen Umgang mit Raum und Zeit als Ausdrucksform von nonverbalen Machtbotschaften widmen. Diese beiden Aspekte sollen noch mal einen vertiefenden Einblick in den körpersprachlichen Ausdruck von Macht geben und ihn konkretisieren. Beim räumlichen Verhalten werde ich u. a. auf das menschliche Territorialverhalten, räumliche Positionierung und Körpersphäre eingehen, ebenso werde ich hierzu geschlechtsspezifische Unterschiede beleuchten. Beim Umgang mit der Zeit werde ich u. a. auf die Bereiche Warten und Zeit-Widmung eingehen.

Im fünften Kapitel werde ich diese Arbeit mit einem kurzen Erklärungsansatz zur Funktion von nonverbalem Machtausdruck abschließen.

I. Körpersprache

Die Körpersprache ist eine nonverbale Art der Kommunikation, die jeder spricht, ob bewusst oder unbewusst, und niemand kann sich ihr entziehen. Es gibt je nach Kultur Kommunikationsunterschiede und jeder Mensch hat seine spezielle Eigenart, doch generell ist es eine Sprache, die überall verstanden wird. Die Psychologin Bärbel Schwerfeger schreibt in ihrem Buch "Macht ohne Worte""Körpersprache ist so etwas wie ein geheimer Code, den jeder versteht, den aber keiner kennt und erklären kann."* 1

Im ersten Kapitel möchte ich zunächst auf die Körpersprache eingehen - noch unabhängig der ihnen innewohnenden Machtstrukturen. Ich möchte als erstes klären, was genau wir als Körpersprache bezeichnen. Ich habe mir die Frage gestellt, was für Signale es im Bereich der Körpersprache überhaupt gibt. Über welche Ausdrucksmerkmale kommunizieren wir? Ich werde eine kleine Übersicht über diese körpersprachlichen Bereiche geben und aufzeigen, welche Formen der nonverbalen Kommunikation es gibt.

I.1. Formen der körpersprachlichen Signale

Unser Körperverhalten sendet unentwegt Signale, Botschaften und Kommentare aus und gibt uns wichtige Informationen über die innere Haltung und Einstellung unserer Mitmenschen. Nonverbale Reize verschiedenster Art spielen zusammen und transportieren alle gleichzeitig, wie ein "glänzendes Orchester" eine Unmenge von Information.

Ich werde das "Vokabular" der Körpersprache zur Veranschaulichung in vier Bereiche aufteilen, welche für sich jeweils wiederum weitere Unterbereiche haben:

- Der Bereich der Sprechart: Sprechweise, Lautstärke, harte und weiche Laute, hohe und tiefe Töne, der Klang der Stimme, und Betonung.
- Der Bereich des Gesichtes: Mimik (diese umfasst die Stellungen und Bewegungen der Augenbrauen, Augäpfel, Nase, Kinn und des Mundes, Öffnen und Verengen der Augen) und Augenkontakt (Ausweichend, eindringlich, verspielt, scharf).
- Der Bereich des Körpers: Deuten, Gestik, Körperhaltung und Bewegungen (Stellungen mit Kopf, Händen, Armen, Beinen und Rumpf), räumliches Verhalten (sich klein machen, Raum einnehmen) und die Verwendung von Berührung (beispielsweise durch Umarmung oder den Umgang mit Gegenständen).
- Der Bereich der Kleidung: Das Aussehen ist ebenfalls eine Form der nonverbalen Kommunikation. Kleider, Schmuck, Körperbau, Frisuren, Bärte und Gesichtszüge, sogar Spazierstöcke und Tabak-Pfeifen, bis hin zu Kosmetika und Parfüms sind gute Informationsquellen. Wir wählen unser Erscheinungsbild nach recht strengen Regeln.

Die Signale jeder dieser Bereiche sind unglaublich beweglich und dementsprechend auch wandlungsfähig, veränderlich, formbar. Jeder dieser "Unterbereiche" kann in eine Reihe von weiteren "Variablen" unterteilt werden. Hierzu ein Beispiel:

- Bereich: Gesicht, Unterbereich: Augenkontakt, Variable: "eiserner Blick". Ein Blick ist nicht immer gleichförmig, sein Erscheinungsbild ist verschiedenartig und er besitzt viele Arten: Es gibt den Blick während des Zuhörens oder während des Redens, das sich gegenseitig ansehen, die Länge von flüchtigen Blicken, die Öffnung der Augen, die Pupillengröße, usw. Ich möchte mit diesem Gedankengang verdeutlichen, dass es nicht nur wenige Ausdrucksmöglichkeiten beispielsweise in der Mimik gibt, sondern viele verschiedenste Stellungs- und Bewegungsformen einzelner Teilbereiche des Gesichtes. Und Signale aus anderen Bereichen, beispielsweise die Lautstärke der Stimme, die parallel zur Mimik Signale aussenden, führen zu weiteren Kombinationsmöglichkeiten und erweitern so das Spektrum der nonverbalen Ausdrucksformen. Jedes Signal für sich sendet sogar unterschiedliche Botschaft aus. Der mimische Ausdruck des Lächelns beispielsweise kann je nach Umständen verschiedene Bedeutungen haben. Beim Kind ist das Lächeln noch relativ einfach; beim Erwachsenen fächert es sich auf in mehrere Arten von Lächeln, die alle verschiedenartige, wenn nicht sogar konträre Gefühle ausdrücken. Die Wissenschaftler Brannigan und Humphries haben ein Inventar menschlicher Gesten und Ausdrucksformen aufgestellt, welches 135 Ausdrucksarten enthält und beschreibt allein neun Arten des Lächelns.*2 Zum Beispiel das "Lächeln mit langem Gesicht"; das verkrampfte, erzwungene Lächeln eines Menschen, der höflich bleiben muss, auch wenn er Lust hätte, jemandem die Zähne zu zeigen oder das Lächeln einer Sekretärin, die sich von ihrem Chef in die Enge getrieben fühlt.

Jede Variable hat ihre Wirkung, doch es gibt Unterschiede in ihrer Wichtigkeit: Ein Kopfnicken ist ein sehr wichtiges Signal zur Verständigung, Bewegungen mit den Füßen dagegen nicht.

Was zusätzlich bzw. ergänzend zu diesen Bereichen ebenfalls eine Rolle spielt ist der Zeitfaktor. Ob eine Geste schnell oder langsam ist, eine Gefühlsreaktion sofort oder mit Verzögerung auftritt, ein Ausdruck flüchtig oder von längerer Dauer ist, dies macht die einzelnen Signale abermals in sich variabel.

Ein Kind, das eine Ohrfeige bekommt, hält fast im gleichen Moment seine Wange fest und reagiert damit auf den körperlichen Schmerz. Die gleiche Handbewegung nur langsamer ausgeführt, verrät in erster Linie Scham und Ärger. Die Psychologin Claude Bonnafont wagt dazu die These: "Sehr vereinfacht könnte man sagen, dass eine schnelle Reaktion oberflächliche Empfindungen ausdrückt, während eine langsame Reaktion tiefe Gefühle verrät."* 3

Wie also deutlich wurde, gibt es ein riesiges Spektrum an Ausdrucksformen und somit auch unterschiedlichste nonverbale Mitteilungen.

I.1.1. Zusammensetzung nonverbaler Teileindrücke

Signale werden nicht nur gesendet, sondern auch empfangen. Begegnet uns ein Mensch, erschaffen wir hunderte von Hypothesen, wie dieser Mensch sein könnte, wie er uns gegenüber eingestellt ist und was sein Motiv ist. Und dies geschieht, ohne dass wir es bewusst mitbekommen. Unser Eindruck entsteht durch eine Aneinenderreihung von vielen Teil-Eindrücken. Diese möchte ich noch einmal differenzierter darstellen. Claude Bonnafont hat die vorhandenen körpersprachlichen Signale in folgende vier Bereiche eingeteilt.

1.) Visuelle Eindrü> Gefühlsreaktionen: Erröten, Erbleichen, Zittern, krampfartige Bewegungen, ruckartige Bewegungen, Schweißausbrüche;

Reaktionen auf die unmittelbare Umgebung und Einordnung im Raum.

2.) Gehöreindrü> Geräusche, die der Körper mit Hilfe von Objekten erzeugt: Klavierklimpern, Hämmern, Scharren, Türenschlagen, mit Gegenständen klappern, Hupen;

Lärmkulisse, mit der man sich umgibt oder schützt, die man anderen zumutet.

3.) Geruchseindrü> Händedruck, Umarmung, Schulterklopfen, Handauflegen auf den Arm, Umfassen der Schultern, Handkuss, Tanz;

zufällige und unabsichtliche Berührungen;

sexuelle Vertraulichkeiten. *4

Diese Einteilung von Körpersignalen unterscheidet sich von meiner ersteren in dem Maße, dass es sich hierbei nicht nur um Signale handelt, die von dem Sender einer körpersprachlichen Botschaft mitgeteilt werden, sondern sie umfasst zusätzlich Signale, die vom Empfänger aufgenommen werden. Also auch Signale wie Körpergerüche, die vom Sender dieses Signals nicht willkürlich als Botschaft gedacht war.

I.2. Willkürliche & unwillkürliche Signale

Nach diesem ersten Einblick in die Ausdrucksformen der Körpersprache möchte ich eine weitere Differenzierung machen und mich mit der Frage beschäftigen, ob uns alle Botschaften, die wir senden bewusst sind oder ob es auch Signale gibt, die wir senden, ohne es zu bemerken.

Bei Tieren läuft der größte Teil der Kommunikation unbewusst ab. Es reagiert auf eine Situation, und diese Reaktion löst wiederum bei anderen Tieren Reaktionen aus. Doch wie ist es bei uns Menschen?

Die Aufteilung der Körpersignale von Edmund Husserl *5 unterscheidet zwischen bewussten Ausdruckssignalen, die zielgerichtet sind und etwas aussagen sollen, wie beispielsweise eine Begrüßungsgeste. Dagegen setzt er unbewusste Zeichen, wie beispielsweise Zittern oder Schwitzen, ebenfalls beobachtbare Zeichen, mit denen aber nicht beabsichtigt wird, etwas mitzuteilen. Er unterscheidet also zwischen "willkürlich" und "unwillkürlich" Signalen. Der Schauspieler und Autor Samy Molcho vollzieht dieselbe Unterscheidung, er unterteilt die Körpersignale in Aktionsbewegungen (sachbezogen und gezielt) und Emotionsbewegungen (spontan und reaktiv).*6

Die Unterscheidung zwischen gesteuerten und ungesteuerten Signalen ist jedoch immer eine Frage des Maßes, und es kann Zwischenstufen geben. Zum Beispiel kann jemand seinen sozialen Status durch Kleidung, die er trägt, mit Erfolg zum Ausdruck bringen, aber diese Kleidung nur als "hübsch" bezeichnen.

Weiter möchte ich erörtern, ob nonverbale Signale nur eine Wirkung auf den Empfänger der Signale haben, wenn er diese bewusst wahrnimmt, oder ob auch unbewusst wahrgenommene Signale eine Wirkung auf ihn haben.

Die Antwort dieser Fragestellung ist ja, auch Signale, die der Empfänger nicht bewusst wahrnimmt, wie beispielsweise eine Pupillenerweiterung des Senders, haben trotzdem eine Wirkung auf ihn! Oft empfinden wir es als "Intuition", wenn wir in einer Situation etwas empfinden, was zwar keiner sagt, das sich aber später als richtig herausstellt. Diese Intuition ist oft nur die unterschwellige und unterbewusste Wahrnehmung manchmal nur winziger körpersprachlicher Signale. Wir fühlen uns beispielsweise nicht willkommen und abgelehnt, obwohl unser Gegenüber sagt, wie sehr er sich freut, uns zu sehen. Wir spüren Traurigkeit, obwohl unser Gegenüber versichert, wie gut es ihm geht. Wir bemerken eine gewisse Nervosität bei einer Person, die sich sehr selbstsicher gibt.

Nicht alle nonverbalen Botschaften, die wir aussenden werden zwangläufig von unserem Gegenüber gesehen. Manche gezielten Gesten übersieht unser Gegenüber, da er mit seiner Aufmerksamkeit evtl. woanders ist. Ebenso wenig werden unsere unwillkürlichen Zeichen zwangsläufig von unserem Gegenüber übersehen. Hierzu eine kurze Übersicht über bewusst und unbewusst wahrgenommene und gesendete Signale von dem viel zitierten Psychologen und Wissenschaftler Michael Argyle: * 7

Für Sender wie Empfänger bewusst sind Gesten wie z.B. mit dem Finger auf etwas weisen.

Für beide Parteien unbewusst sind kleine nonverbale Signale wie Pupillenerweiterung und Blickwechsel. Diese sind jedoch nicht ohne Wirkung für den Empfänger.

Wenn dem Sender seine Signale bewusst sind, der Empfänger sie dagegen nur unbewusst wahrnimmt, kann man daraus schließen, dass der Sender ein Mensch ist, der geübt ist in seinem Körperverhalten und manipulativ wirken kann.

Sind Signale dem Sender unbewusst, doch dem Empfänger bewusst, ist Zweiterer geübt in der Interpretation von Körpersignalen. Die meisten nonverbalen Mitteilungen sind allerdings dem Sender größtenteils unbewusst und dem Empfänger größtenteils bewusst. Beispielsweise das Kopfnicken in einem Gespräch ist dem Sender meistens nicht bewusst bzw. nicht gesteuert, doch für den Empfänger eine Botschaft, die besagt, dass es ihm gestattet wird, weiter zu sprechen.

I.3. Enkodieren & Dekodieren der Körpersignale

Wie wir gesehen haben, gibt es Signale, die gesehen werden wollen, doch nicht beim Empfänger ankommen und es gibt Signale, die keine bewusste Botschaft übermitteln wollen, doch die vom Empfänger aufgeschnappt und interpretiert werden. Die nächste Frage, die sich nun stellt ist, wie genau das Senden und Empfangen von nonverbalen Signalen funktioniert.

In der Sozialpsychologie wird die Kommunikation des Körpers in Enkodieren und Dekodieren unterteilt. Enkodieren beschreibt das Ausdrücken oder Aussenden von nonverbalem Verhalten, wie z.B. ein Lächeln oder jemanden auf den Rücken klopfen.

Dekodieren ist das Interpretieren der Bedeutung nonverbalen Verhaltens, das Menschen zum Ausdruck bringen, wie beispielsweise die Entscheidung, dass das Klopfen auf den Rücken keine liebevolle, sondern eine herablassende Geste war.

Darwin vertrat die Überzeugung, dass alle Menschen auf dieselbe Art und Weise verschiedene Emotionen enkodieren und dass alle Menschen diese auch mit derselben Treffsicherheit dekodieren können. Das hieße, dass die verschiedenen Formen des Gesichtsausdrucks (zur Kommunikation von Emotionen) universell seinen und es keine kulturellen Unterschiede gäbe.

In einer empirischen Studie von den Sozialpsychologen und Wissenschaftlern Paul Ekman und Walter Friesen wurde untersucht, ob es kulturelle Unterschiede im Dekodieren gibt. Und zwar anhand von Fotos von sechs Gesichtern, die die sechs Basisemotionen Freude, Wut, Furcht, Ekel, Traurigkeit und Überraschung zeigten. Heraus kam, dass Darwins Vermutung stimmte: Die Interpretation von Mimik ist in primitiven Volksstämmen auf Steinzeit-Niveau wie in Industrieländern einheitlich (interkulturelle Universalität).*8

Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Schüler von Konrad Lorenz, hat dargelegt, dass Kinder, die von Geburt an blind, taub und stumm sind, die gleichen Reflexbewegungen und die gleichen mimischen Ausdrucksformen zeigen, wie alle anderen Kinder, wenn es darum geht, Zorn, Freude, Angst oder Traurigkeit deutlich zu machen. *9

Zwischen Zeichensetzung und Zeichenverstehen, wie man Dekodieren und Enkodieren auch formulieren könnte, besteht meistens eine genaue Entsprechung, es können jedoch auch Missverständnisse entstehen.

I.3.1. Erschwertes Dekodieren

Körpersprache ist eine unstrukturierte Sprache, deshalb ist das Interpretieren von Körpersprache eine komplizierte Angelegenheit. Manche Botschaften kommen als andere an, als sie ursprünglich gemeint waren, in diesem Fall spricht man von Fehlinterpretationen. Die Sozialpsychologie nennt vier Faktoren, die das Dekodieren erschweren:

1.) Die Affektmischung: Das heißt, dass es z.B. im menschlichen Gesicht zu einer Mischung der Emotionen kommt, so dass der eine Teil des Gesichtes eine Emotion wiedergibt und auf dem anderen Teil des Gesichtes eine andere zu sehen ist. (Siehe Bilder im Anhang, Seite...)*10
2.) Unterdrückung von Mimik: Dieses Verstecken des mimischen Ausdrucks kommt vor allem bei negativen Emotionen wie Ekel, Wut, Furcht oder Traurigkeit vor. Die Menschen erscheinen weniger emotional als sie in Wirklichkeit sind, da sie nicht wollen, dass die andere Person merkt, wie sie sich tatsächlich fühlen.
3.) Darstellungsregeln: Damit sind kulturelle Regeln gemeint, die vorschreiben, welches nonverbale Verhalten wo und wann erwünscht oder unangebracht ist. Beispielsweise ist es in der amerikanischen wie auch in der deutschen Kultur verankert, dass Männer Emotionen wie Trauer oder Weinen nicht zeigen sollten, während dieser mimische Ausdruck bei Frauen erlaubt ist. In Japan dagegen sollte eine Frau kein breites ungehemmtes Lächeln zeigen, sondern es hinter ihren Händen verstecken, während dies bei westlichen Frauen erwünscht ist. Wir passen im Laufe unseres Lebens unsere Körpersprache bestimmten Regeln an. Geschlechtsspezifisches Rollenverhalten, Anstandsregeln und Höflichkeitsformen führen dazu, dass wir einen Teil unserer ursprünglichen körpersprachlichen Signale versuchen zu kontrollieren oder gar verleugnen, wenn sie doch auftreten. (Beispielsweise "Man gähnt nicht, man starrt niemanden an, kratzt sich nicht, verzieht nicht das Gesicht, bohrt nicht in der Nase) Diese Konventionen können zu einer Diskrepanz zwischen Sprache und Körpersprache führen.*11
4.) Bewusste und unbewusste Signale: Wie im Kapitel I.2. (Willkürliche und unwillkürliche Signale) bereits beschrieben, kann man nonverbale Signale in zwei Kategorien einteilen: In Mitteilungen, durch die wir etwas vermitteln möchten (bewusste Signale) und in Zeichen, die nicht als Botschaft gemeint sind (unbewusste Signale). Ein Problem in der Dekodierung entsteht, wenn Zeichen für Mitteilungen gehalten werden, oder umgekehrt. Zum Beispiel sendet Person A unbewusste Signale zu Person B, dass er B gern habe (was er tatsächlich tut), aber B denkt sich, das sei eine gelenkte Mitteilung, also nur reine Höflichkeit. Oder der umgekehrte Fall wäre: Person C teilt Person D mit, dass er D gern habe (was aber nicht der Fall ist, sondern nur eine bewusst gelenkte Höflichkeits-Botschaft), und das wird von D als ein unbewusstes Signal, also gültiges Zeichen für echte Gefühle von C interpretiert.

Andere Psychologen nennen weitere Faktoren, die die Dekodierung erschweren:

Subtile Hinweise nicht erkennen : Zu Fehlern in der Dekodierung nonverbalen Verhaltens beschreibt Argyle *12, dass es leicht zu Fehleinschätzungen kommen kann, wenn man subtile nonverbale Hinweise, die andere über ihren emotionalen Zustand und ihre Einstellung geben, nicht bemerkt. Beispielsweise kann so schlechte Laune fälschlicher Weise für eine Abneigung der Person gehalten werden, Höflichkeit oder Freundlichkeit kann als sexuelles Interesse oder Traurigkeit als Feindseligkeit dekodiert werden.

Die Stimmung des Interpretierenden: Weiter beschreiben Argyle und Trower *13 den Fakt, dass Stimmungen, Einstellungen und Ziele eine große Wirkung auf unsere Interpretation der Handlungen anderer ausübt. Wir neigen dazu, unsere Umgebung durch die Brille unserer Stimmungen zu sehen. Haben wir Angst, fühlen wir uns von den Dingen bedroht; sind wir zornig, provozieren oder belästigen uns die Dinge. In depressiver Stimmung führen wir die Handlungen auf unsere Schwäche zurück, sind wir dagegen in Hochstimmung, so sehen wir die Ereignisse gern im Licht unserer Fähigkeiten.

Dazu haben S. Feshbach und R.D. Singer *14 Untersuchungen durchgeführt: Sie haben Testpersonen durch Elektroschocks in einen Angstzustand versetzt und ihnen Fotografien von Gesichtern gezeigt. Die Testpersonen empfanden diese als aggressiv und bedrohlich.

Sympathie: Auch die Sympathie färbt unsere Interpretationen. Ist uns jemand sympathisch, neigen wir dazu, ihm alle möglichen guten Eigenschaften zuzuschreiben und interpretieren sein Tun entsprechend positiv. Lehnen wir jemanden ab, können wir nichts Gutes an ihm finden. Mehrabian hat in seinen Experimenten festgestellt, dass Menschen, die darauf aus sind, Anklang zu finden, schlechtere Enkodierer sind.*15

Individuelle Maßstäbe : Jeder Mensch hat andere Bewertungsmaßstäbe, anhand dessen er das gezeigte Verhalten beurteilt. Die Bewertung der Körpersprache bei anderen Personen hängt eng mit den Erwartungen zusammen, die wir an uns selbst haben.

Verschiedene gesellschaftliche Gruppierungen: Wenn Sender und Empfänger verschiedenen gesellschaftlichen Gruppierungen angehören, z.B. verschiedenen Altersstufen oder Kulturen, erschwert sich oftmals die Verständigung untereinander noch mehr.

Paul Ekman und Wallace Friesen *16 haben untersucht, wie wir Körpersignale am zuverlässigsten dekodieren können, ohne dabei auf kontrollierte Höflichkeitssignale hereinzufallen. Sie fanden heraus, dass man sein Gegenüber am besten einzuschätzen vermag, wenn man die Gesichtspartien und Körperteile beobachtet, die Personen nicht so gut unter Kontrolle haben. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass wir unseren Mund gut kontrollieren können, Stirn und Augen dagegen kaum. Wir verraten unsere wirklichen Gefühle meist durch einen flüchtigen Ausdruck, etwa einer Grimasse, bevor wir uns wieder unter Kontrolle haben. Ein falsches Lächeln lässt sich daran erkennen, dass es zu schnell erscheint und verschwindet oder dass es um den Mund, nicht aber die Augen spielt. Gefühle verraten sich aber auch durch Stimme und Hände. Das Heben der Stimme am Ende der Sätze weist z.B. auf Furcht hin und zusammengepresste oder vor das Gesicht gehaltene Hände signalisieren Angst.

Es gibt also die Möglichkeit zahlreicher Missverständnisse in der körpersprachlichen Kommunikation. Kann man sich da nicht die folgende Fragestellung erlauben: Warum verständigen wir uns neben der verbalen auch mit der körpersprachlichen Kommunikation, wenn doch die Sprache als Hauptkommunikationsmittel von uns bevorzugt wird?

I.4. Verbale & nonverbale Kommunikationsebene

Ich möchte nun auf die gestellte Frage eingehen, warum wir immer noch hauptsächlich über Körpersignale kommunizieren. Die Antwort ist einleuchtend. Körpersprachliche Signale gab es schon, bevor die Sprache entwickelt wurde.

Die Sprache, unsere "offensichtliche" Kommunikationsebene, ist oft unvollständig und ungenau. Wir müssen sie ergänzen, denn bestimmte Nuancen des verbalen Ausdrucks lassen sich durch Worte allein nicht ausdrücken. Schon die Intonation der Sprache gehört zum Bereich der Körpersprache. Und ohne diese und andere Körpersignale blieben viele verbale Aussagen mehrdeutig oder sinnlos. Das gesprochene Wort ist also lückenhaft und erzählt nicht die ganze Geschichte. Es gibt noch eine zweite Kommunikationsebene: Die Körpersprache.

Körperliche Signale werden viel schneller und instinktiver wahrgenommen als sprachliche Signale. Untersuchungen ergaben, dass bereits 1/24 Sekunde ausreicht, um Gesichtsausdrücke zu über zwei Dritteln richtig wahrzunehmen und zu identifizieren. Und in Untersuchungen von Argyle, Alkema und Gilmour* 17 kam heraus, dass die nonverbalen Signale ungefähr fünfmal so starke Wirkung hatten wie die verbalen. Wenn beide miteinander im Konflikt standen, wurden die verbalen Botschaften weitgehend ignoriert.

Nonverbale Signale sind sehr viel wichtiger bei der Dekodierung als verbale Äußerungen. Am meisten Gewicht bei der Dekodierung wird vermutlich dem Körperkontakt beigemessen, dann dem Gesichtsausdruck und dem Tonfall, schließlich folgt die Körperhaltung und dann die Orientierung (Zueinander gewendet sein, nebeneinander oder gegenüber, einander abgewendet sein).*18

I.4.1. Die Täuschung in der Kommunikation

Die Körpersprache hat einen weiteren Vorteil gegenüber der verbalen Sprache: Worte können sehr schnell zu leeren Hülsen werden. Mit der Sprache kann man lügen und täuschen und es ist möglich, sie manipulativ einzusetzen. Da unser Körperverhalten im Gegensatz zu unserer verbalen Sprache viel unbewusster abläuft, kann man es schwer unterdrücken; in der Körpersprache ist Täuschung so gut wie gar nicht möglich, da man Körpersignale kaum steuern kann. "Blicke lügen nicht" und ähnliche Alltagsweisheiten beschreiben dieses Phänomen.

"Direkter und spontaner als die Sprache der Worte ist die Körpersprache aber unmittelbarer Ausdruck des Unbewussten und enthüllt dessen dunkle und verwickelte Geheimnisse deutlicher, als Worte es vermögen." so Bonnafont.*19

Nicht zufällig misst der Lügendetektor-Test den Wahrheitsgrad einer Aussage nicht an der Wortwahl, sondern am Körperverhalten ab. Dieser Apparat misst während einer Befragung bestimmte Reaktionen der Versuchsperson: Puls, Blutdruck, Atmung und Schweißabsonderung. Er vergleicht, welche Emotionen bei der Versuchsperson mit welchen Worten in Verbindung standen. Und das Resultat zeigt, dass der Körper mit beeindruckender Ehrlichkeit reagiert.

Eine andere Methode, die psychische Persönlichkeit mit Hilfe physischer Reaktionen zu untersuchen, besteht darin, dass man die Ausdehnung oder Verengung der Pupillen bei einer Versuchsperson beobachtet, der man Bilder, Filme oder gefühlsmäßig stimulierende Szenen vorführt. Bei Angenehmem weitet sich die Pupille, Unangenehmes lässt sie sich verengen. Die Ausdehnung verrät die Zuneigung der Versuchsperson, das Zusammenziehen seine Abneigung. Dieses Phänomen wird manchmal dazu benutzt, um die Wirkung von Reklamefilmen oder die Zugkraft eines Wahlkandidaten zu testen.

Der Körper lügt nicht. Nicht mal Schweigen kann die Körpersprache: "Der Körper ist unfähig, nicht zu kommunizieren", so Samy Molcho *20. Ständig senden wir Signale aus, selbst eine steife Haltung oder ein maskenhafter Gesichtsausdruck ist ein Signal, das vom Gegenüber entsprechend der jeweiligen Situation eingeschätzt wird.

"Wenn die Augen das eine sagen, die Zunge aber etwas anderes, wird sich der Erfahrene auf die Sprache der Ersteren verlassen." so ein Zitat von Ralph Waldo Emerson aus "The Conduct of Life".

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Details

Seiten
43
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638472159
ISBN (Buch)
9783638661515
Dateigröße
3.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v51176
Institution / Hochschule
Universität Kassel
Note
1,3
Schlagworte
Dominanz Unterwerfung Körpersprache

Autor

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Titel: Dominanz und Unterwerfung in der Körpersprache