Lade Inhalt...

Freiheitsentzug bei Kindern und Jugendlichen. Eine Betrachtung aus ethischem Blickwinkel

Hausarbeit 2019 17 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung – Übersicht

2 Rechtlicher Hintergrund und Begriffsbestimmungen
2.1 Die Bedeutung von Freiheitsentzug in der Jugendhilfe
2.2 Freiheitsentziehende Maßnahmen §1631b BGB in der Jugendhilfe
2.3 Freiheitsentziehende Maßnahmen 71 Abs.2 JGG und 72 Abs.4
2.4 Weitere rechtliche Voraussetzungen für Freiheitsentzug

3 Ein historischer Blick in die Ethik
3.1 Die Gerechtigkeitstheorien von Aristoteles und Platon
3.2 Kant und die „praktische Freiheit“

4 Ethische Grundprinzipien
4.1 Gerechtigkeit ein, ethischer Anspruch
4.2 Solidarität, ein unabdingbares Merkmal
4.3 Freiheit, ein dem Menschen vertrautes Gefühl

5 Begründung für geschlossene Unterbringung
5.1 Fremdgefährdende Gründe
5.2 Selbstgefährdende Gründe
5.3 Therapeutisch-pädagogische Gründe

6.Argumente gegen geschlossene Unterbringung
6.1 Jugendhilfepolitische Argumente
6.2 Ethisch-pädagogische Argumente

7 Schlussbetrachtung-ein ethisches Fazit

8 Quellenverzeichnis

1 Einleitung – Übersicht

Freiheitsentzug bei Kindern und Jugendlichen bedeutet immer geschlossene Unterbringung.

Die Problematik geeignete Maßnahmen für verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche zu finden endet leider meist mit der „letzten“ Möglichkeit, nämlich mit der Unterbringung in einer geschlossenen Anstalt. Da dieses Thema in der Öffentlichkeit oftmals sehr kontrovers diskutiert wird, soll der Fragestellung nachgegangen werden ob und inwieweit der Vollzug von freiheitsentziehenden Maßnahmen, bezogen auf die ethischen Grundprinzipien wie Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität, moralisch vertretbar ist.

Im zweiten Kapitel wird der Begriff des Freiheitsentzugs in der geschlossenen Unterbringung konkret vorgestellt. Außerdem werden die dazugehörigen unterschiedlichen gesetzlichen Voraussetzungen für Freiheitsentzug bzw. die dazu nötigen Paragrafen definiert. Ein Blick auf das Grundgesetz und die UN-Kinderrechte vervollständigt diesen Absatz.

Das dritte Kapitel geht auf die philosophischen Gerechtigkeitstheorien von Platon und Aristoteles ein, um einen ersten ethischen Einblick zu bekommen. Im zweiten Unterkapitel wird Kants praktische Freiheit beschrieben und dargestellt welche ethischen Anliegen damit verfolgt werden.

Das vierte Kapitel wirft einen intensiven Blick auf die ethischen Grundprinzipien Gerechtigkeit, Solidarität und Freiheit, um überprüfen zu können ob Freiheitsentzug ethisch vertretbar ist.

Das fünfte und sechste Kapitel wird verschiedene Argumente für und gegen eine geschlossene Unterbringung erläutern, um den Diskurs zwischen letzter möglicher Maßnahme und jugendhilfeunterstützende Möglichkeiten darzustellen.

Das letzte Kapitel beinhaltet die Schlussbetrachtung der Arbeit. Es soll ein Fazit zur Fragestellung gezogen werden können.

2 Rechtlicher Hintergrund und Begriffsbestimmungen

2.1 Die Bedeutung von Freiheitsentzug in der Jugendhilfe

Gemäß Artikel 2, Absatz 2 GG ist die Freiheit einer Person unverletzlich. Grundsätzlich geht man davon aus, dass Freiheitsentzug bei Kindern und Jugendlichen eine Einschränkung der Fortbewegungsmöglichkeit gegen deren Willen bedeutet. In der Jugendhilfe versteht man unter Freiheitsentzug immer die Maßnahme der geschlossenen Unterbringung. Man findet eine Vielzahl an Begriffserklärungen für Freiheitsentzug. Lindenberg beschreibt diese wie folgt: „Geschlossene Unterbringung ist Freiheitsentzug. Ein Freiheitsentzug ist immer dann gegeben, wenn(1) eine Person gegen ihren Willen in der persönlichen Freiheit eingeschränkt wird; (2) Dauer und Stärke der Geschlossenheit das Ausmaß altersgemäßer Beschränkung überschreiten; (3) Kinder /Jugendliche auf einen bestimmten Raum festgehalten werden sowie (4) der Aufenthalt (ständig) überwacht und der Kontakt mit Personen außerhalb des Raumes verhindert wird (vgl.Lindenberg 2010,S.557).“ Diese aussagekräftige Definition stützt sich auf die im Folgenden dargestellte Rechtsgrundlage.

2.2 Freiheitsentziehende Maßnahmen §1631b BGB in der Jugendhilfe

Seit dem 01.10.2017 ist der §1631b BGB in Kraft getreten. Diese zivilrechtlicheGesetzesneuerung soll dem Schutz des Kindeswohls dienen indem nun alle freiheitsentziehenden Maßnahmen der Genehmigung des Familiengerichts unterliegen. Dies gilt sowohl bei der Abwendung von Gefahr für Selbst -oder Fremd­gefährdung des Kindes als auch wenn Freiheitsentzug durch die Gabe von Medikamenten oder durch mechanische Vorrichtungen in Krankenhäusern oder sonstigen Anstalten stattfindet. Mit dieser Neuregelung wird die elterliche Entscheidung für freiheitsentziehende Maßnahmen unter den Vorbehalt der familiengerichtlichen Entscheidung gestellt. Der Gesetzesgeber möchte hier zum Schutz des Kindes die unabhängige Entscheidung eines Richters miteinbeziehen um den Eingriff in die Persönlichkeitsrechte des Kindes bzw. des Jugendlichen so gering wie möglich zu halten und um ein mögliches „Abschieben“ von schwierigen Kindern und Jugendlichen durch die Personensorgeberechtigten zu verhindern.

2.3 Freiheitsentziehende Maßnahmen 71 Abs.2 JGG und 72 Abs.4

Kindern oder Jugendlichen kann auch auf strafrechtlicher Grundlage die Freiheit entzogen werden. Gemäß 71 Abs.2 JGG kann ein Richter die geschlossene Unterbringung in einem Heim oder in einer anderen geschlossenen Anstalt anordnen um das Kind oder den Jugendlichen vor der Gefahr weitere Straftaten zu begehen zu bewahren.

Gemäß 72 Abs.4 JGG kann diese freiheitsentziehende Maßnahme auch als Ersatz für Haft eingesetzt werden kann. Im Fokus steht hier die Vermeidung von möglichen schädlichen Wirkungen von z.B. Inhaftierung, um die persönliche Entwicklung nicht zu gefährden.

2.4 Weitere rechtliche Voraussetzungen für Freiheitsentzug

Gemäß Artikel 2 GG ist die Freiheit der Person ein im Grundgesetz verankertes Grundrecht. Artikel 6 Absatz 3 GG bestimmt, dass Kinder nur unter strengen Voraussetzungen gegen den Willen der Erziehungsberechtigten von der Familie getrennt werden dürfen. In Artikel 104 GG werden die Rechtsgarantien bei Freiheitsentziehung im Einzelnen beschrieben, es wird die körperliche Bewegungs­freiheit bezeichnet.

Der Artikel 37 der UN-Kinderrechtskonvention bestimmt, dass Freiheitsentzug im Einklang mit dem Gesetz nur als letztes Mittel und die kürzeste angemessene Zeit angewendet werden darf.

3 Ein historischer Blick in die Ethik

Um erklären zu können ob und inwiefern Freiheitsentzug bei jungen Menschen den ethischen Ansprüchen gerecht wird, ist es unabdingbar einen Blick auf die historischen Grundlagen zu werfen. Zudem ist der Rückblick notwendig, um in einem ersten Schritt ein Verständnis für die Theorien von Gerechtigkeit und Freiheit im Hinblick auf die Tatsachen der Gegenwart zu bekommen.

3.1 Die Gerechtigkeitstheorien von Aristoteles und Platon

I. Aristoteles

Der Philosoph Aristoteles nimmt Bezug auf die „Tugend der Gerechtigkeit“ indem er einen gerechten Menschen als „Phronimos “ beschreibt. Das Individuum könne Gesetze überschreiten, ohne bestraft zu werden, wenn er immer die eigenen Prinzipien der Gerechtigkeit berücksichtigt (Ladwig 2013, S.455). Es geht ihm um die Frage wie sinnvoll es ist Gesetze immer nur wortwörtlich zu übernehmen, gleichwohl sollte man im Sinne einer gerechten Urteilsfindung die Gesetze „ nach ihrem Geiste“ befolgen(ebd.,S.467).Aristoteles vertritt hierzu die Ansicht, dass man eben deshalb die Gesetze individuell auslegen sollte, da sie zum einen mal falsch formuliert sein könnten und sie stets nicht alle Eventualitäten ausfüllen können(ebd., S.467).

II. Platon

In dem Artikel „Jedem Das Seine oder das Gleiche für alle“ wird Platons Vorstellung von Gerechtigkeit zusammengefasst:

Platon beschreibt in seinem Werk „Politeia“, der Staat, dass Gerechtigkeit im Einklang mit einer harmonischen Seele stehen müsse. Nämlich bestehend aus drei Teilen, dem muthaften, dem denkenden und dem begehrenden Teil. Platon verbindet dies mit dem Staat, der aus Wächtern, Philosophenherrscher und aus Bauern besteht. Dies setzt der Philosoph in Verbindung mit den Tugenden Tapferkeit, Weisheit und Besonnenheit. Die höchste Tugend, nämlich Gerechtigkeit fasst also alle drei Staatsteile zusammen und schafft dadurch ein Ganzes. Hierbei legt Platon großen Wert darauf, dass Gerechtigkeit bedeutet, dass jeder den Beruf ausübe, der zu einem persönlich passe (vgl.Conradt M. in „Jedem das Seine oder das Gleiche für Alle“, 2013).

3.2 Kant und die „praktische Freiheit“

Für Kant geht es um die absolute Willensfreiheit. Der menschliche Wille ist dannfrei, wenn er sich innerhalb der sittlichen Gesetze bewegt. Kant beschreibt die Freiheit in Zusammenhang mit Vernunft (vgl.Nickl 2000, S.26-27).

Kant formuliert in der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“: „Dass niemand einen anderen zwingen kann, auf seine Art glücklich zu werden, sondern jeder sein Glück auf seine Art suchen kann, wenn er dabei nicht das Recht des anderen tangiert“(Dr. Herlitz 2012, S.239).Freiheit heißt also für Kant , dass man die Meinung und den Willen des Anderen tolerieren sollte. Diese Fähigkeit zeichnet lt. Kant einen vernünftigen, gesellschaftsfähigen Menschen aus (ebd., S.239).

4 Ethische Grundprinzipien

4.1 Gerechtigkeit ein, ethischer Anspruch

Nachdem der Begriff der Gerechtigkeit im historischen Kontext der Antike betrachtet wurde, gilt es nun die Begrifflichkeit aus aktueller Sicht zu beschreiben.

Beschreibt Gerechtigkeit, die Antwort auf die Frage: „Jeder bekommt das, was er verdient hat“? (vgl.Ladwig 2011, S.126). Die Gerechtigkeit verlangt dennoch vielmehr, nämlich die Pflicht zur Objektivität, niemand darf wegen seiner persönlichen Individualität zum Beispiel seiner religiösen Gesinnung oder seiner Hautfarbe verurteilt werden. Um gerecht urteilen zu können, sollte man aber beachten, dass jeder Mensch anders ist und demnach können auch Unterschiede darin bestehen, was gerade angemessen ist oder auch nicht (vgl.Dupré 2011, S.8).

Wirft man einen Blick auf die Chancengerechtigkeit, spielt immer auch Glück oder persönliches Talent eine Rolle welche beruflichen Positionen erreicht werden, obwohl zu Beginn die gleichen Startbedingungen vorhanden waren (ebd., S.9).

In Bezug auf die Thematik des Freiheitsentzugs bei Kindern und Jugendlichen kommt eine Form der sozialen Gerechtigkeit ins Spiel, nämlich die Bedarfsgerechtigkeit: „Als bedarfsgerecht gelten Verteilungen, die dem "objektiven" Bedarf von Menschen entsprechen, insbesondere ihren Mindestbedarf berücksichtigen. Empirisch vorzufinden ist Bedarfsgerechtigkeit zum Beispiel in den unterschiedlichen Steuerklassen des Einkommenssteuerrechts. Hinter diesem Konzept steht die Einsicht, dass Chancen- und Leistungsgerechtigkeit nicht in der Lage ist, dem jeweiligen Bedarf der nicht Leistungsfähigen, das heißt der Kranken, Alten, Kinder etc. gerecht zu werden.“ (Hradil Stefan in „Soziale Gerechtigkeit“ der BpB am 31.05.2012).

Da es also um die individuellen Bedürfnisse der Menschen geht, ist es unabdingbar, dass sowohl von Seiten des Staates als auch von Seiten der Jugendhilfe passende Maßnahmen für Kinder und Jugendliche gefunden werden ,denn sie alle haben eine individuelle Not bzw. einen speziellen Bedarf, der nach gerechten Prinzipien beurteilt werden muss.

[...]

Details

Seiten
17
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346088550
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v511752
Institution / Hochschule
DIPLOMA Fachhochschule Nordhessen; Abt. Bückeburg
Note
1,3
Schlagworte
freiheitsentzug kindern jugendlichen eine betrachtung blickwinkel

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Freiheitsentzug bei Kindern und Jugendlichen. Eine Betrachtung aus ethischem Blickwinkel