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Lebensgeschichtliches Erzählen. Zu Jerome Bruners "Sinn, Kultur und Ich-Identität"

Hausarbeit 2002 24 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung
I.1. Das Wort
I.2. Narrative Struktur der Alltagspsychologie (Was ist Alltagspsychologie?)

II. Narration
II.1. Merkmale des Erzählens (Wie funktioniert das Erzählen?)
II.1.a) Inhärente Sequentialität
II.1.b) Indifferenz gegenüber Fakten
II.1.c) Das Außergewöhnliche und das Kanonische
II.2. Die Bereitschaft des Erzählens (Woher kommt das Erzählen?)
II.3. Fiktionales und empirisches Erzählen (Warum erzählen wir)

III. Narrative Bedeutung
III.1. Die Bereitschaft der Bedeutungszuschreibung
(Warum geben wir Dingen einen Sinn?)
III.2. Narration und Kultur
(Welche narrativen Ursachen führen zu einem Kulturzusammenbruch?)

IV. Narrative Praktiken von Kindern
IV.1. Interpretation (Wodurch wird das Interpretieren ausgelöst?)
IV.2. Narrative Umwelt (Wie sehr sind Kinder mit Erzählungen konfrontiert)
IV.3. Sozialisation des Erzählens (Was können Geschichten bewirken?)
IV.4. Das narrative Bedürfnis von Emily (Warum führt Emily Selbstgespräche?)

V. Narrative Lebensgeschichte
V.1. Sich selbst erzählen (Was ist die wirkliche Geschichte einer Person?)
V.2. Das Verstehen des Ich (Wie erfasst man das Ich?)
V.2.a) Selbstpräsentation (Vorlesung)
V.2.b) Erzählung und Beschreibung (Vorlesung)
V.3. Schlusssatz

I. Einleitung

I. 1. Das Wort

Ich habe mich in der Literatur umgeschaut nach Begriffen wie Sprache, Wort, Rede...usw. Und ich bin mehr als fündig geworden, es scheinen Themen zu sein, die die Menschheit sehr beschäftigen. Das früheste Zitat, was ich finden konnte, war etwa 2150 v. Chr. in "Die Lehre für König Merikare" (Ägypten), wo es heißt: "Die Kraft eines Menschen ist die Zunge. Reden ist bezwingender als Kämpfen.".

Jedem bekannt ist sicherlich auch folgender Auszug aus der Bibel:

"Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort..." (Die Heilsbotschaft nach Johannes im neuen Testament, Kapitel 1,1-5).

Andere Zitate sind z.B. von Shankara (um 800 n. Chr.) in "Die Sutra´s des Vedanta": "Ein Netzwerk von Worten ist ein großer Wald, in dem die Phantasie sich herumtreibt." oder von Honore de Balzac (1832): "Das Wort hat nichts Absolutes: Wir wirken mehr auf das Wort, als es auf uns wirkt; seine Kraft kommt aus den Vorstellungen, die wir erworben haben und nun hineinlegen." oder Francois Marie de Voltaire schrieb (1740 in einem Brief an König Friedrich von Preußen): "Geben Sie ruhig zu, dass der Streit um Worte mehr Unheil auf diesem Globus angerichtet hat als Pest und Erdbeben." Als letztes noch Romano Guardini (1930 "Briefe über Selbstbildung"): "In den Worten liegt eine eigene Gewalt. Wenn sie ins Laufen kommen, dann rollen sie wie die Steine den Hang hinunter, ganz von selbst."

I. 2. Narrative Struktur der Alltagspsychologie

(Was ist Alltagspsychologie?)

Ich beginne zunächst mit einer kurzen Einleitung in die Alltagspsychologie, da sie mit der Narration zusammenhängt und die Narration mit ihr. Jerome Bruner geht in seinem Buch "Sinn, Kultur und Ich-Identität", mit dessen Buch ich mich für diese Hausarbeit befasst habe, auf die Kulturpsychologie ein. Er sagt, dass zur Basis jeder Kulturpsychologie auch eine Alltagspsychologie gehören muss. Doch was bedeutet Alltagspsychologie eigentlich? Man könnte sie als Laien-Psychologie des Volkes im Alltag beschreiben. Sie handelt von elementaren Überzeugungen und Vorannahmen, wie z.B. dass einige Dinge mehr Wertigkeit besitzen als andere. Sie beschreibt nicht nur Dinge, wie sie sind, sondern auch wie sie sein sollten (Moral). Es handelt sich um kulturell geformte Begriffe, mit deren Hilfe sich die Menschen ein Bild von sich selbst, von anderen und von der Welt machen.

Die Beziehung zwischen dem in der Welt Wahrgenommenen und den inneren Wünschen beeinflussen sich gegenseitig:

Zustände der Welt können Gründe für Wünsche oder Überzeugungen sein, und umgekehrt können unsere Überzeugungen uns dazu bringen, Bedeutungen in Dingen zu finden, wo andere Menschen keine erkennen können.

Der Begriff "Ich" wird in allen Alltagspsychologien erstaunlich komplex definiert. Doch dieser Begriff entsteht nicht aus einem "inneren" Sein heraus, der von der sozialen Welt unabhängig ist, sondern: "...die Komplexität entsteht dabei aus der Gestaltung persönlicher Anforderungen durch die Kultur.", so Bruner (Bruner, S. 59). Die Definition "Ich" läuft also über die Erfahrung in einer Welt der Bedeutungen, Bilder und sozialen Bedingungen, in die alle Menschen eingebunden sind.

Hazel Markus und Paula Nurius, so erwähnt Bruner, vertreten die Auffassung, dass nicht von einem Ich, sondern von mehreren Formen des Ich ausgegangen werden sollte: "Die möglichen Ich-Formen sind die Vorstellungen der Individuen von dem, was sie werden könnten, was sie gerne werden möchten und was sie zu werden fürchten."

Bruner äußert die Kritik, dass: "...die kognitive Revolution ihr zentrales Thema der `Schaffung von Sinn bzw. Bedeutungen´ aufgegeben und sich statt dessen für `Informationsverarbeitung´ und Berechnung entschieden hat". (Bruner, S. 144) Er plädiert dafür, dass man in der Erforschung menschlicher Existenz unbedingt die Alltagspsychologie berücksichtigt; also all die kulturell geformten Begriffe, mit denen Menschen die Welt "organisieren". Die Alltagspsychologie ist so zu berücksichtigen, weil ihre Grundannahmen unsere Institutionen nicht nur beeinflussen, sondern auch schaffen. Andersherum verändert sich auch die Alltagspsychologie durch einen Wandel unserer Institutionen.

Die Alltagspsychologie ist jedoch keine "Menge logischer Propositionen", sie besteht vielmehr aus dem ständigen Erzählen und Machen von Geschichten. Und sie wird durch die mächtige narrative Kultur unterstützt; durch Mythen, Geschichten, literarische Gattungen...

II. Narration

II.1. Merkmale des Erzählens (Wie funktioniert das Erzählen?)

Nun möchte ich die Erzählung, die Narration näher betrachten. Das Wort "narrativ" kommt aus dem Spätlateinischen, und bedeutet soviel wie "erzählend". Zunächst gehe ich auf die (nach Bruner drei) charakteristischen Merkmale des Erzählens ein.

II.1.a) Inhärente Sequentialität

Das hervorstechenste Merkmal ist die der Erzählung "inhärente Sequentialität", die ihr innewohnende "Reihenfolge":

Eine Erzählung besteht aus einer einzigartigen Aneinanderreihung von Ereignissen und mentalen Zuständen. Eine Erzählung wird sozusagen gebastelt, mit einzelnen Ereignissen, die geordnet, gegliedert und gestaltet werden. Früh lernen Kinder schon die grammatikalischen und lexikalischen Formen, die notwendig sind, um die von ihnen erzählten Sequenzen zu "binden", wie z.B. mit den Temporalausdrücken: Dann, Später, Vorher...

Einzeln und für sich gesehen haben die erzählten Ereignisse noch keine "Bedeutung", sind sozusagen leblos. Sie sind sprachliche Einheiten einer größeren, komplexen Konstruktion. Ordnet man sie in diese besagte Gesamtgestaltung, in eine "gesamte" Erzählung ein, erst dann entsteht ihre "Bedeutung"; denn Zusammenhänge werden klar.

Der Zuhörer muss deshalb "doppelt" zuhören: Er muss die Handlungsgestaltung der Erzählung erfassen, damit er die Ereignisse und mentalen Zustände versteht. Und diese Ereignisse und mentalen Zustände muss er wiederum auf die Handlungsstruktur beziehen.

Paul Ricoeur (moderner Erforscher des Erzählens, in: Bruner, S. 61):

"Eine Geschichte beschreibt eine Sequenz von Handlungen und Erfahrungen einer gewissen Anzahl von Charakteren, realen und imaginären. Diese Charaktere werden in Situationen dargestellt, die sich verändern... Diese Veränderungen enthüllen ihrerseits verborgene Aspekte der Situationen und der Charaktere und lassen so eine neue Problemsituation entstehen, die wiederum Nachdenken oder Handeln oder beides verlangt." Ereignisse und Zustände einer Geschichte müssen linearisiert werden, um überhaupt erst zu einer Geschichte oder Erzählung zu werden.

II.1.b) Indifferenz gegenüber Fakten

Ein weiteres Merkmal einer Erzählung ist die "Indifferenz gegenüber Fakten", das bedeutet dass die Erzählung real oder imaginär sein kann. Egal was von beidem sie ist, sie verliert nie an Wirkung als Geschichte. Das Erzählte ist nicht unbedingt das gleiche wie die Wahrheit, vielleicht ist sie der Wahrheit nicht mal ähnlich. Was die Gestaltung der Geschichte lenkt, ist nämlich nicht die wirkliche Wahrheit, sondern das innere Empfinden, die innere Wahrheit. Eine erzählte Geschichte wird also immer "subjektiv", nie "objektiv" sein. Und genau dieses Erzählen nach der inneren Gestaltung, der persönlichen Anordnung macht jede Geschichte einzigartig; und unentbehrlich für das Begreifen des Zuhörers:

Welcher Art ist die mentale Organisation des Erzählers? (Wie erzählt er? Wie geht er dabei vor?), Was bedeutet die Geschichte? (Was möchte er damit sagen? Und wo liegt die Wichtigkeit?) Es geht nie nur um die Geschichte, sondern immer auch um ihre Gestaltung durch den Erzähler (Doch dazu später erst mehr). Dieses Merkmal der "subjektiven Gestaltung" beseitigen zu wollen, hätte die Folge, die Einzigartigkeit des Erzählens irgendeinem anderen Ziel zu opfern. Ein Ziel wäre z.B. die objektive Beschreibung von historischen Ereignissen. Hierzu schreibt Bruner (Bruner, S. 62):

"...Hempels Versuch, diachrone historische Darstellungen zu synchronen `sozialwissenschaftlichen´ Propositionen zu `dechronologisieren´, führt lediglich zum Verlust jeglicher Konkretheit, zur Konfundierung von Interpretation und Erklärung und zur falsche Relegation (Ausschließung) der rhetorischen Stimme des Erzählers in den Bereich der Objektivität..."

Ich persönlich teile die Ansicht, dass es einen Verlust bedeutet, das "Subjektive" einer Erzählung auszuschließen. Denn ich denke, das "objektiv erzählte" kann immer nur künstlich erzeugt, künstlich "objektiviert", zum Objektiven formiert sein. Und zwar durch das Zensieren des eigentlich subjektiv Erzählten. Somit ist eine objektive Erzählung, so sehr sie auch angestrebt wird, unecht und leblos.

Noch kurz einen persönlichen Gedanken zur Objektivierung: Wir haben die Vorstellung durchgesetzt und entwickelt, dass die Welt von Innen und von Außen beschrieben werden muss. Ich frage mich:

1. Warum gibt es diese Differenzierung von Subjekt und Objekt?
2. Warum wird das Subjektive als weniger "Wahrheitsgetreu" als das Objektive erachtet?
3. Ist es überhaupt möglich, objektiv zu sein? Ist Objektivation nicht ein Widerspruch in sich, wenn jegliches Schaffen von Sinn und Wertigkeit aus dem Subjekt Mensch kommt?

II.1.c) Das Außergewöhnliche und das Kanonische

Ein drittes Merkmal des Erzählens handelt vom Kanonischen und vom Außergewöhnlichen. Das Wort "kanonisch" kommt aus dem lateinischen und bedeutet soviel wie "der Regel/den Bestimmungen gemäß", "als Vorbild dienend".

"Gewöhnlich" ist, was Menschen am Verhalten, dass um sie herum abläuft, für selbstverständlich halten. Stillschweigend wird in jeder Kultur vorausgesetzt, dass Menschen sich den Situationen angemessen verhalten; unabhängig von den persönlichen Neigungen, Charakterzügen oder "Rollen" der Menschen. Wenn Leute z.B. zur Post gehen, dann verhalten sie sich "postamtlich". Oder ein anderes Beispiel von Scott Fitzgerald: Reiche Leute seien "verschieden", und nicht nur, weil sie ein großes Vermögen besitzen. Sie werden als verschieden (an)gesehen und dementsprechend verhalten sie sich dann auch. Ebenso ist es beim Sprechen: Paul Grice hat Maximen (Grundregeln) formuliert, die Gespräche steuern sollten. Die Maximen der Qualität, Quantität sowie der Art und Weise: Unsere Äußerungen sollten kurz, klar, relevant und wahrhaftig sein. Abweichungen dieser Grundregeln erzeugen, wie Bruner schreibt: "...überschüssige Bedeutung, und somit Auslöser für Suchprozesse nach einer `Bedeutung´ im Bereich des Außergewöhnlichen". (Bruner, S. 74)

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Details

Seiten
24
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638472067
ISBN (Buch)
9783638661508
Dateigröße
572 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v51164
Institution / Hochschule
Universität Kassel
Note
1,0
Schlagworte
Lebensgeschichtliches Erzählen Sinn Kultur Ich-Identität Jerome Bruner Beratungskontext

Autor

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Titel: Lebensgeschichtliches Erzählen. Zu Jerome Bruners "Sinn, Kultur und Ich-Identität"