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Herausforderungen von Gründerinnen in Deutschland

Eine empirische Analyse

Bachelorarbeit 2019 89 Seiten

BWL - Unternehmensgründung, Start-ups, Businesspläne

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Problemstellung und Zielsetzung
1.2 Aufbau des Praxis- und Researchprojekts

2. Unternehmensgründungen in Deutschland
2.1 Abgrenzung von Start-ups zu klassischen Unternehmensgründungen
2.2 Situation von Start-up Gründerinnen

3. Methodische Vorgehensweise
3.1 Untersuchungsdesign
3.2 Datenerhebung
3.3 Datenanalyse
3.4 Gütekriterien qualitativer Empirie

4. Auswertung des Kategoriensystems der qualitativen Inhaltsanalyse
4.1 Kategoriendefinitionen
4.2 Kodierungskatalog
4.3 Zusammenhänge der Herausforderungen

5. Diskussion der Herausforderungen für Start-up Gründerinnen
5.1 Persönliche Ebene
5.2 Gesellschaftliche Ebene

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abbildung 1: Ablauf der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring

Abbildung 2: Zusammenhänge der Herausforderungen

Tabelle 1: Stichprobenziehung der Sekundärdaten

Tabelle 2: Kategoriendefinitionen

Tabelle 3: Kodierungskatalog

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Frauen sind in der deutschen Wirtschaft unabkömmlich, denn „[o]hne [sie] wäre der Wirtschaftsstandort Deutschland nicht Weltspitze“ (Zypries, 2018, S. 3).

Über 50 Prozent der deutschen Bevölkerung ist weiblich, aber dennoch sind Frauen im Gründungsgeschehen von Start-ups deutlich unterrepräsentiert (Deißner und Steinbrück, 2016, S. 9; Statistisches Bundesamt, 2019b, o.S.). Nur 15 Prozent der digitalen Jungunternehmen in Deutschland werden von Frauen gegründet. Sie bringen, durch ihre Bildung und Kompetenz, allerdings ein hohes Potenzial mit sich (Mütze und Gilde, 2019, S. 6–9; Statistisches Bundesamt, 2019a, o.S.). Andere Formen von Unternehmensgründungen, wie Existenz- oder Chancengründungen, sind zwar in Deutschland deutlich stärker vertreten, aber dennoch sind Start-ups für das Wirtschaftswachstum wichtiger, da sie schneller wachsen und zukünftig den deutschen Mittelstand bilden werden (Nöll, 2015, S. 662). Sie sind für die volkswirtschaftliche Entwicklung Deutschlands wesentlich. Durch innovative Produkte und Ideen ermöglichen sie es, auf dem internationalen Markt konkurrenzfähig zu bleiben und einen Wettbewerbsvorteil zu schaffen. (Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, 2019, S. 30) Dies meistern sie mithilfe von digitalen Geschäftsmodellen, welche die Start-ups dazu befähigen, mit der weltweit fortschreitenden Digitalisierung und Globalisierung mitzuhalten (Brandstetter und Matthis, 2015, S. 30). Neben der Weiterentwicklung der wirtschaftlichen Prozesse beeinflussen sie auch die Arbeitsmarktsituation. Sie schaffen neue Arbeitsplätze und fördern so das Marktwachstum. (Kollmann, 2016, S. 1; Kollmann und Schmidt, 2016, S. 43)

1.1 Problemstellung und Zielsetzung

Aufgrund der hohen wirtschaftlichen Bedeutung von Start-ups und der beruflichen Qualifikation von Frauen in Deutschland, ist unklar, weshalb es nur eine kleine Anzahl von digitalen Gründerinnen gibt (Nöll, 2015, S. 661). Aktuelle Studien der Boston Consulting Group belegen, dass weiblich geführte Start-ups erfolgreicher sind (Abouzahr et al., 2018, o.S.). Dennoch wurden nur 4 Prozent der Start-ups in einem reinen Frauen- Team gegründet und lediglich 10 Prozent in einem gemischten Team (Boston Consulting Group, 2019, S. 2). Das Potenzial von Gründerinnen ist demnach nicht ausgenutzt. Dies führt dazu, dass Deutschland im digitalen Wandel auf dem Weltmarkt, nicht mithalten kann. (Kollmann und Schmidt, 2016, S. 62; Sternberg et al., 2019, S. 22) Mehr Frauen in der Start-up-Branche würde die Innovationsstärke vorantreiben und das Wirtschaftswachstum fördern (Mütze und Gilde, 2019, S. 8). Wenn sich das Geschlechterverhältnis jedoch gleichbleibend entwickelt, wird eine Balance zwischen Gründern und Gründerinnen erst in 120 Jahren erreicht (Boston Consulting Group, 2019, S. 2).

In Bezug auf die geringe Anzahl von Start-up-Gründerinnen und die damit verbundenen Nachteile für Deutschland, stellt sich die Frage, weshalb Frauen deutlich weniger zur Gründung eines digitalen Jungunternehmens neigen. Daher zielt dieses Praxis- und Researchprojekt darauf ab, die Herausforderungen für potenzielle Gründerinnen zu untersuchen. Dabei soll das Umfeld von Frauen geprüft werden, um den einflussstärksten Bereich für die Schwierigkeiten zu identifizieren. Gleichzeitig soll erforscht werden, welche der analysierten Probleme nachweisbar sind und wissenschaftliche Substanz haben.

1.2 Aufbau des Praxis- und Researchprojekts

Die Struktur der vorliegenden Forschungsarbeit setzt sich aus einem Theorieteil zusammen, der die Situation von Start-ups in Deutschland vorstellt sowie aus einem empirischen Teil, der die Herausforderung von Frauen in der Start-up-Umgebung untersucht.

Für das Verständnis der empirischen Untersuchung werden in Kapitel 2 Start-ups von klassischen Unternehmensgründungen abgegrenzt. Um die Bedeutung von Frauen in der deutschen Start-up-Wirtschaft darzustellen, wird die aktuelle Situation analysiert und das damit verbundene Potenzial von Gründerinnen erarbeitet.

In Kapitel 3 wird erklärt, wie die Methodik der empirischen Arbeit aufgebaut ist, die zum Ziel hat, die Herausforderungen für potenzielle Gründerinnen zu erforschen. Hierfür werden zunächst das Untersuchungsdesign sowie die Methodik der Datenerhebung vorgestellt. Anschließend wird anhand der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring eine Datenanalyse durchgeführt. Für die Sicherstellung der korrekten Ausführung der Analyse werden zum Schluss die Gütekriterien der empirischen Forschung betrachtet.

Die Auswertung der Datenanalyse findet in Kapitel 4 statt und wird mithilfe der Kategoriendefinitionen und des Kodierungskatalogs veranschaulicht. Um die Zusammenhänge der Herausforderungen zu verstehen, zeigt ein Netzwerk-Modell die Beziehungen der unterschiedlichen Befunde.

In Kapitel 5 werden die Ergebnisse der Analyse diskutiert und die Schwierigkeiten werden auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft. Die Erkenntnisse werden hierfür in die persönliche und die gesellschaftliche Ebene eingeteilt.

Am Ende der Arbeit, in Kapitel 6, wird diejenige Ebene aufgezeigt, welche die Gründungsherausforderungen am stärksten beeinflusst. Zusätzlich wird auf eine Möglichkeit für zukünftige Forschung hingewiesen.

2. Unternehmensgründungen in Deutschland

Start-ups sind ein Teil des allgemeinen Gründungsgeschehens. Aufgrund des schnellen Wachstums, der Entwicklung von innovativen Produkten und der Schaffung von Arbeitsplätzen gelten sie für die deutsche Wirtschaft als unverzichtbar. (Nöll, 2015, S. 662) Wegen der hohen gesamtwirtschaftlichen Bedeutsamkeit werden Start-ups im Folgenden von anderen Unternehmensgründungen und Jungunternehmen abgegrenzt. Anschließend wird das Potenzial von Frauen im deutschen Start-up-Geschehen vorgestellt.

2.1 Abgrenzung von Start-ups zu klassischen Unternehmensgründungen

In der Wirtschaft gibt es verschiedene Arten von Unternehmensgründungen. Unterschieden wird vorrangig zwischen einer Gründung neben einem bestehenden Angestelltenverhältnis und einer Vollzeitgründung. Die jeweilige Art entspricht weitgehend dem Motiv der Gründung. Eine Notgründung findet aus der Arbeitslosigkeit heraus statt, da auf dem Arbeitsmarkt keine Möglichkeit besteht, die persönliche Zukunft durch eine Stelle in einem Unternehmen zu sichern. Darüber hinaus gibt es Existenzgründungen, welche die Selbstverwirklichung einer Person ermöglichen.

Insgesamt ist die Zahl der Gründungen von neuen Unternehmen in Deutschland in den letzten Jahren rückläufig, da sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt verbesserte und weniger Notgründungen notwendig waren. Die Anzahl von Chancengründungen nahm zwischen den Jahren 2016 und 2017 um 8 Prozent zu und belief sich auf 333.000 Gründungen. Diese Form der Gründung beschreibt den Wunsch nach Selbstständigkeit aufgrund einer Idee, die das Ziel hat, eine Marktlücke zu schließen. Hierzu zählen auch innovative und wachstumsorientierte Unternehmen, die im Volksmund als Start-ups bezeichnet werden. (Hahn, 2018, S. 4; Metzger, 2018b, S. 1–3; Röhl, 2016, S. 4) Charakteristisch ist dabei besonders die schnelle Skalierbarkeit des Geschäftsmodelles, die durch die Entwicklungen in der Informations- und Kommunikationstechnik ermöglicht wird (Skala, 2019, S. 16). Start-ups basieren demnach auf einem digitalen Geschäftsmodell und spezialisieren sich vor allem auf die Bereiche Informationstechnik (IT), Online Handel, Finanztechnologie, Software, Analyse, Mobilität und Gesundheit (Brandstetter und Matthis, 2015, S. 29; Lennartz, 2019, S. 7). Die innovativen Produkte in diesen Bereichen treiben die Entwicklung von bestehenden Prozessen an oder verändern diese. Folglich gelangen neue Technologien auf den Markt, welche die digitale Transformation fördern und die deutsche Wirtschaft zukunftsfähiger machen. (Metzger, 2018a, S. 1) Aufgrund der wirtschaftlichen und zukünftigen Relevanz, berücksichtigt die vorliegende empirische Forschung nicht alle Formen der Unternehmensgründungen, sondern beschränkt sich auf Chancengründungen in Form von digitalen Start-ups1 (Kollmann, 2016, S. 1; Kollmann und Hensellek et al., 2018, S. 17).

Laut der Definition des Bundesverbands Deutscher Startups e.V. wurden Start-ups vor weniger als zehn Jahren gegründet, planen ein Umsatz- und Mitarbeiterwachstum und/oder bringen innovative neue Ideen auf den Markt (Kollmann und Hensellek et al., 2018, S. 18). Sie sind auf externes Kapital angewiesen, um das digitale Geschäftsmodell zu finanzieren. Dieses Kapital ist mit hohem Risiko verbunden. (Brandstetter und Matthis, 2015, S. 29) Durchschnittlich werden in Deutschland jährlich 5.000 Start-ups, die der Definition entsprechen, gegründet (Kollmann und Schmidt, 2016, S. 26). Im Jahr 2018 schätzte der KfW-Start-up-Report die Anzahl der Start-ups, die vor weniger als fünf Jahren entstanden, auf 60.000 (Metzger, 2018b, S. 1 f.). Dabei wurden 108.000 Gründer und Gründerinnen gezählt, wobei das Verhältnis der Geschlechter nicht ausgeglichen ist (Metzger, 2018a, S. 1; Mütze und Gilde, 2019, S. 6). Wegen dieser Ungleichheit und der zukünftigen Bedeutung von Start-ups wird die Situation von Frauen im deutschen Wirtschaftsgeschehen im Folgenden betrachtet.

2.2 Situation von Start-up Gründerinnen

Das Verhältnis zwischen Gründern und Gründerinnen ist nicht nur in Deutschland unausgeglichen, sondern auch in weiteren Ländern. Allerdings ist der Unterschied in anderen Kulturen weniger ausgeprägt. (Nöll, 2015, S. 661) In den vergangenen Jahren ist die Beteiligung von Frauen an deutschen Start-up-Gründungen gestiegen, dennoch handelt es sich nicht um eine ausgeglichene Situation (Mütze und Gilde, 2019, S. 6). Um zu verdeutlichen, welches Potenzial in Frauen steckt, hilft eine Betrachtung der Bevölkerungs- und Bildungssituation in Deutschland. Laut dem STATISTISCHEM BUNDESAMT (2019b, o.S.) leben 41 Millionen Männer und 42 Millionen Frauen in Deutschland. Davon waren 54 Prozent der 15- bis 67-jährigen Frauen im Jahr 2018 erwerbstätig (Statistisches Bundesamt, 2019c, o.S.). Dies entspricht einer Anzahl von 22,68 Millionen berufstätigen Frauen. Der Female Founders Monitor (FFM) besagt, dass Start-up-Gründerinnen durchschnittlich 36,3 Jahre alt sind und hauptsächlich im Alter von 35 bis 44 Jahren gründen (Kollmann und Stöckmann et al., 2018, S. 46). Falls sich das Gründerinnenalter in Zukunft nicht verschiebt, ist es wichtig, die Motivation zur Gründung durch junge Frauen zu erhöhen. Zukünftige Prognosen deuten an, dass sich die Demografie in Deutschland dahingehend entwickelt, dass es mehr ältere Menschen geben wird und diese folglich weniger zum Gründen neigen (Dautzenberg et al., 2013, S. 1).

Neben dem Alter steht auch der Bildungsabschluss im Zusammenhang mit der Gründungsneigung, weswegen nicht alle Frauen dieses Alters als potenzielle Gründerinnen zu betrachten sind. Denn nachweislich steigt das Interesse an einer Gründung mit einem höheren Bildungsabschluss und Frauen schließen oftmals ein höheres Studium ab als Männer. (Bath, 2019, S. 55; Sternberg et al., 2019, S. 37) Die Untersuchung der Altersgruppen im Zusammenhang mit den Bildungsabschlüssen Bachelor, Master und Diplom ergibt, dass ungefähr 1,16 Millionen Frauen ein Start-up gründen können, da sie wegen ihres Alters und Abschlusses in das Muster der Gründerinnen fallen (Statistisches Bundesamt, 2019a, o.S.). Dabei spielt die Art des Abschlusses eine wichtige Rolle, denn nicht alle Studienbereiche bieten die nötigen Voraussetzungen für eine digitale Gründung. Hervorzuheben sind besonders Abschlüsse aus den Bereichen „Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik (im Folgenden: MINT-Fächer)“ (Steffens und Ebert, 2016, S. 59). Aktuelle Studien zeigen, dass auch Betriebswirtschaftslehre (BWL), Volkswirtschaftslehre, künstlerische Abschlüsse in den Bereichen „Geistes-, Kultur- oder Sozialwissenschaften“ (Kollmann und Stöckmann et al., 2018, S. 29) sowie Design, gute Voraussetzungen zum Gründen bieten. Die Anzahl der Absolventinnen von 2017 liegt in den zuletzt genannten Bereichen bei knapp 45.000 Studentinnen. BWL und anderen Wirtschaftswissenschaften wurden von beinahe 40.000 Frauen abgeschlossen und die MINT-Fächer von rund 25.000. (Statistisches Bundesamt, 2018, S. 25) Demnach erlangten 2017, 110.000 Frauen in Deutschland einen Abschluss in Start-up relevanten Studiengängen. Doch nur 14,6 - 15,1 Prozent von ihnen gründeten selbst ein Start-up oder waren Teil eines Gründerteams (Kollmann und Stöckmann et al., 2018, S. 15; Mütze und Gilde, 2019, S. 14). Dadurch ergibt sich eine Differenz von 93.665 potenziellen Gründerinnen. Andere Schätzungen geben an, dass landesweit 60.000 neue Start-ups durch Frauen gegründet werden können. Durch die Zunahme an höheren Bildungsabschlüssen wird diese Zahl zukünftig weiter steigen und aus wirtschaftlicher Sicht ist dieses verschwendete Potenzial nicht vertretbar (Deißner und Steinbrück, 2016, S. 9). Die digitalen Jungfirmen, die durch Frauen gegründet werden, tragen maßgeblich zur innovativen Entwicklung Deutschlands bei und stärken die Wettbewerbsfähigkeit auf dem internationalen Markt (Abouzahr et al., 2018, o.S.; Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, 2019, S. 30).

Für die volkswirtschaftliche Bedeutung ist es wichtig, die Gründe, weshalb viele Frauen vor der selbstständigen Leitung eines Start-ups zurückschrecken, zu untersuchen. Die Herausforderungen, die sich für erfahrene Gründerinnen ergaben, werden hierfür mithilfe einer empirischen Studie erforscht. Zunächst wird im folgenden Kapitel die methodische Vorgehensweise dargestellt, um den Rahmen der Forschungsarbeit festzulegen.

3. Methodische Vorgehensweise

Um die Herausforderungen für potenzielle Start-up-Gründerinnen zu analysieren, wird im Rahmen dieses Praxis- und Researchprojekts (PRP) eine qualitative Forschung durchgeführt. Zunächst wird in diesem Kapitel die Art des Untersuchungsdesigns und der Datenerhebung vorgestellt und anschließend wird die Datenanalyse ausgeführt. Zuletzt wird auf die Gütekriterien der qualitativen Empirie eingegangen, um die Qualität der Forschungsarbeit zu verdeutlichen.

3.1 Untersuchungsdesign

Empirische Sozialforschung dient dazu, menschliche Verhaltensweisen mithilfe von Methoden, bestimmten Vorgehensweisen und Mitteln zu untersuchen. Das Ziel ist es, Kenntnisse über die sozialen Verhältnisse zu erlangen. Die Methoden sind formale Handlungsvorgaben, die dazu dienen, diese Kenntnisse zu erhalten. Sie werden größtenteils in quantitative und qualitative Vorgehensweisen eingeteilt. Letztere beziehen sich weniger auf das Verhalten von Einzelpersonen, sondern versuchen, verallgemeinernde Erkenntnisse aus einer empirischen Forschung zu generieren. (Häder, 2015, S. 12 f.) Hierfür werden Daten gesammelt, ausgewertet und verallgemeinert (Akremi, 2014, S. 265). Für die vorliegende empirische Forschungsarbeit werden Sekundärdaten genutzt, die unter einem neuen Gesichtspunkt verarbeitet werden. Die Auswertung ist rein qualitativ und explorativ, da die Arbeit einen Sachverhalt untersucht und jegliche Zusammenhänge von „Ursache-Wirkungs-Relationen“ (Döring und Bortz, 2016, S. 192) vernachlässigt. Das Vorgehen ist induktiv und fokussiert die Auswertung von Einzeldaten und setzt diese anschließend in einem neuartigen Muster zusammen. Die Daten wurden zu einem einzigen Zeitpunkt gesammelt, jedoch liegen die Zeitpunkte der Veröffentlichung der Sekundärdaten in unterschiedlichen Jahren. Das Datum der Erhebung der Primärdaten ist irrelevant für dieses PRP, weshalb eine Querschnittstudie vorliegt. Dabei werden die Daten zu einem einzigen Zeitpunkt ausgewertet und vernachlässigen mögliche Veränderungen über die Jahre. (Döring und Bortz, 2016, S. 182–222)

Das gesamte PRP ist eine Originalstudie, da im Rahmen der Recherche keine vergleichbaren Publikationen gefunden wurden und das Forschungsdesign eigens für diese Untersuchung angefertigt wurde. Das Ziel der Forschungsarbeit ist grundlagenwissenschaftlich, da die Ergebnisse die aktuellen Herausforderungen für Gründerinnen darlegen und ein Bezug zur Theorie hergestellt wird. Dadurch ergibt sich kein direkter Hinweis für eine praktische Anwendung, sondern lediglich eine Übersicht der Gründungshemmnisse. (Döring und Bortz, 2016, S. 183–191) Um diese Herausforderungen auszuwerten, wird im Folgenden zunächst der Prozess der Datenerhebung beschrieben.

3.2 Datenerhebung

Die Daten, die von der Verfasserin gesammelt, ausgewertet und kategorisiert werden stammen aus öffentlich zugänglichen Quellen im Internet. Sie wurden mithilfe eines qualitativen Stichprobenplans zusammengestellt. Dieser Plan enthält alle Merkmale, die im Datensatz vorhanden sein müssen. (Döring und Bortz, 2016, S. 303) Tabelle 1 zeigt die Merkmale, welche für die Stichprobenziehung aus den Sekundärdaten notwendig waren. Zudem wurden von der Verfasserin Richtlinien festgelegt, um die Relevanz der Stichprobe für das Forschungsthema sicherzustellen (Brüsemeister, 2008, S. 21). Das Interview musste in schriftlicher Form vorliegen und auf deutscher Sprache verfasst sein. Die Form und Sprache der Primärdatenerhebung ist unwichtig. Die befragte Person2 musste eine Frau sein oder sich selbst als solche fühlen und bezeichnen3. Zusätzlich durfte das Gründungsdatum des Start-ups nicht mehr als zehn Jahre in der Vergangenheit liegen, um der Definition eines Start-ups nach Kapitel 2.1 zu entsprechen. Darüber hinaus muss das Geschäftsmodell digital sein. Die Gründung musste nicht zwingend alleine durchgeführt werden, denn auch Teamgründungen wurden berücksichtigt. Ein weiteres Kriterium war die Stadt des Hauptsitzes, welche in Deutschland liegen musste. Dabei spielte das Herkunftsland der Gründerin jedoch keine Rolle.

Tabelle 1: Stichprobenziehung der Sekundärdaten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an (Döring und Bortz, 2016, S. 303 f.)

Bei den Sekundärdaten handelt sich um Journalisteninterviews, mit Start-up- Gründerinnen, in unstrukturierter Form. Die Fragestellungen sind offen formuliert und erlaubten der Befragten das Antworten nach eigenem Ermessen. (Döring und Bortz, 2016, S. 369) Durch die Einzel- und Paarbefragungen wurden qualitative Datensätze erzeugt. Die gesammelten Interviews wurden mithilfe der Suchmaschine Google gefunden und in einer Tabelle (s. Anhang) gesammelt.

Da die Sekundär-Interviews bereits in schriftlicher Form vorlagen, wurde auf eine vollständige Transkription verzichtet. Die Datensätze wurden nicht anonymisiert, da sie in personenbezogener Form online verfügbar sind und dieser Schritt daher überflüssig erschien. (Döring und Bortz, 2016, S. 367–584) Nach der Erhebung von 27 Datensätzen wurde mit der Datenanalyse begonnen, die nun veranschaulicht wird.

3.3 Datenanalyse

Die Datenanalyse basiert auf der zusammenfassenden qualitativen Inhaltsanalyse. Diese stammt aus der Kommunikationswissenschaft und hatte das Ziel, Anfang des 20. Jahrhunderts, neue Medien aus den Vereinigten Staaten zu analysieren. Die Methode ist besonders gut für die Auswertung und Analyse von Interviews geeignet und wird daher als Instrument verwendet. Die Vorteile sind die strukturierte Vorgehensweise der Datenanalyse und die gezielte Reduktion des Materials. (Mayring, 2002, S. 114 f.) Die Richtlinien ermöglichen einen Bezug zur Theorie, der für diese Untersuchung besonders wichtig ist, um die Ergebnisse in einen theoretischen Kontext einordnen zu können und die wissenschaftliche Substanz zu prüfen (Mayring, 2015, S. 13). Wegen dieser Eigenschaften werden die Daten dieser Studie nach dem Ablaufmodell der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (Abbildung 1) aufbereitet und analysiert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Ablauf der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an (Mayring, 2002, S. 116)

Das Forschungsthema wird in Kapitel 1 dieser Arbeit festgelegt und die Auswahlkriterien der Stichprobe sind in Kapitel 3.2 einsehbar. Für die Sichtung des Materials werden die einzelnen Abschnitte der Sekundärdaten ausgewertet (s. Anhang). Zunächst werden die Inhalte jedoch in Kodiereinheit, Kontexteinheit und Auswertungseinheit eingeteilt. Die kleinste Kodiereinheit entspricht einem einzigen Wort, welches eine Kategorie darstellen kann. Die größte Kodiereinheit stellt ein einzelnes Interview dar. Sie wird für das vorliegende PRP jedoch vernachlässigt, da wegen des hohen Informationsgehaltes, die Genauigkeit der jeweiligen Aussagen verloren geht. Mehrere Antworten eines Interviews stellen eine Kontexteinheit dar. (Mayring, 2015, S. 61)

Für den weiteren Ablauf der qualitativen Inhaltsanalyse werden Inhalte, die nicht der Forschungsthematik entsprechen, aus dem Datensatz entfernt. Eine zusätzliche zusammenfassende Paraphrasierung ist nicht nötig, da die Sprachebenen zwischen den Datensätzen ähnlich ist und eine grammatikalische Kürzung nicht notwendig ist. Das Abstraktionsniveau ist so festgelegt, dass die Kategorien nah am Inhalt gebildet werden oder diesem entsprechen. Durch den Prozess wurde der Umfang des Materials auf das Wesentliche reduziert. Die Inhaltsanalyse verläuft nach der induktiven Vorgehensweise, da die Kategorien nicht vorab festgelegt wurden. Die Kategorien werden als themenorientiert bezeichnet, da sie keinerlei wertende oder weiterführende Funktion übernehmen und sich stark auf den Text beziehen. Pro Kodiereinheit wird die Kategorisierung durchgeführt. Bei einem neuen Sachverhalt im nächsten Abschnitt wird bei Bedarf eine neue Kategorie festgelegt, um den Inhalt treffend zusammenzufassen. Dadurch entsteht ein großer Umfang aus Kategorien, der im Kategoriensystem in Kapitel 4 vorgestellt wird. Nach 30 Prozent der Sichtung des Datenmaterials werden die Kategorien auf Gemeinsamkeiten untersucht und ähnliche Kategorien werden unter eine Oberkategorie eingeordnet. Diese Oberkategorien werden jeweils mit einem Kürzel versehen. Die Ergebnisse werden danach nochmals auf Wiederholungen und Wichtigkeit überprüft. Anschließend wird die Kategorisierung weitergeführt. Nach der Überprüfung von 70 Prozent des Materials wird keine neuen Kategorien mehr erstellt, da eine Sättigung an Erkenntnissen eintrat. Die übrigen Sekundärdaten und Unterkategorien wurden für die Übersichtlichkeit aus dem Datensatz im Anhang entfernt. (Kuckartz, 2018, S. 34–74; Mayring, 2002, S. 114–116, 2015, S. 59–88) Für den Nachweis der Korrektheit aller Schritte der Methodik, werden im Folgenden die Gütekriterien empirischer Forschung geprüft.

3.4 Gütekriterien qualitativer Empirie

Gütekriterien dienen dazu, die Qualität von qualitativer Forschung sicherzustellen. Mithilfe von Vorschriften wird dies in den Phasen der Planung des Forschungsdesigns, der Datenerhebung und der Datenauswertung durchgeführt. Werden diese Regeln angewandt, gilt die Forschungsarbeit als wissenschaftlich korrekt und anerkannt. (Misoch, 2019, S. 245)

Die ursprünglichen Kriterien der Objektivität, Validität und Reliabilität wurden speziell für die quantitative Forschung entwickelt. Dabei müssen die Erkenntnisse unabhängig von den Einflüssen des Forschenden sein und die Methode, muss zu den gleichen Ergebnissen führen, wenn sie durch eine andere Person wiederholt wird. Bei qualitativer Forschung ist dies jedoch kaum möglich, denn die Äußerungen einer interviewten Person können beispielsweise davon abhängen, wie der Interviewer auf sie wirkt. Bei einer wiederholten Befragung werden die Antworten anders ausfallen, wodurch die Validität nicht gegeben ist. Zusätzlich muss veranschaulicht werden, dass das gewählte Forschungsdesign mit dem Forschungsziel übereinstimmt. Diese Gütekriterien sind für qualitative Forschung unzureichend, da die Subjektivität des Forschenden starken Einfluss auf die Datenauswertung nimmt. Dieser kann nicht vermieden werden und ist oftmals ein wichtiger Teil der Forschung. (Flick, 2014, S. 412; Misoch, 2019, S. 245) Für qualitative Forschung gibt es daher andere Gütekriterien, um die Qualität zu sichern. Diese wurden teils von den klassischen Kriterien abgeleitet oder neu entwickelt. (Misoch, 2019, S. 246)

Für das vorliegende PRP werden die acht Gütekriterien nach TRACY (Tracy, 2010, S. 839–847) genutzt, da diese flexibel, je nach Forschungsziel, anwendbar sind. Das erste Kriterium ist das „würdige Thema“ und dies wurde in den Kapiteln 1 und 2 sichergestellt, da die Herausforderungen für Start-up-Gründerinnen aktuell sind und unumgänglich. Die Kapitel 3.1 , 3.2 und 3.3 stellen die „Stabilität der Daten“ dar, da diese, nach vorher festgelegten Richtlinien, gesammelt werden und nach dem Modell von Mayring ausgewertet werden. Das Gütekriterium der „Ehrlichkeit“ wird erfüllt, da die Verfasserin angibt, dass die Kategorisierung subjektiv im Ermessen der Verfasserin durchgeführt wird und die Ergebnisse somit keine objektive Aussagekraft haben. Die „Glaubwürdigkeit“ ist sichergestellt, da im Anhang die verwendeten Informationen enthalten sind und alle Details des Forschungsthemas erläutert werden. Durch die Darstellung der Befunde und die Generalisierung können die Ergebnisse auf alle potenziellen Gründerinnen übertragen werden. Dadurch besitzt diese Arbeit die notwendige „Resonanz“. Durch die Erkenntnisse aus der Datenanalyse ergibt sich für die Wissenschaft ein „wesentlicher Beitrag“, der vorwiegend durch theoretisches Wissen gestützt wird. Durch die Nutzung von Sekundärdaten ist das siebte Kriterium der „Ethik“ hinfällig, da mit keiner interviewten Person direkter Kontakt besteht und somit ethisches Verhalten nicht erforderlich ist. Das letzte Gütekriterium des „sinnvollen Zusammenhangs“ ist bestätigt, da das Ergebnis der Forschungsarbeit die Problemstellung und Zielsetzung aus Kapitel 1 beantwortet. Zudem wurden die qualitativen Erkenntnisse mit der Literatur verknüpft und stehen im Zusammenhang mit der Fragestellung und der gewählten Methodologie.

Nach der Sicherstellung der Qualität für die qualitative Forschung können die Befunde der Datenanalyse, aus der qualitativen Inhaltsanalyse, im nachfolgenden Kapitel ausgewertet und vorgestellt werden.

4. Auswertung des Kategoriensystems der qualitativen Inhaltsanalyse

Zur richtlinienkonformen Auswertung der Sekundärdaten wird ein Kategoriensystem erstellt, welches die jeweilige Definition der Kategorie umfasst. Darüber hinaus dokumentiert der Kodierungskatalog die verwendeten Kürzel, welche die relativen Häufigkeiten der Befunde darstellen und damit ihre Bedeutung für Gründerinnen demonstrieren. Um die Verbindung zwischen den Untersuchungsergebnissen zu veranschaulichen, wird ein Netzwerk-Modell aufgeführt.

4.1 Kategoriendefinitionen

Während der Durchführung der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring wird eine Tabelle mit Kategoriendefinitionen erstellt, um die Nachvollziehbarkeit der Auswertung sicherzustellen und die weitere Sichtung zu vereinfachen. Die Definitionen basieren auf einer inhaltlichen Zusammenfassung eines jeweiligen Abschnitts. Nach Abschluss der Datensichtung wird die Übersicht aus Tabelle 2 ausführlich ergänzt.

Tabelle 2: Kategoriendefinitionen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung

4.2 Kodierungskatalog

Der Kodierungskatalog (s. Tabelle 3) wird erstellt, um eine schnellere Kodierung für die weitere Sichtung des Materials zu ermöglichen. Dieser enthält eine Übersicht aller verwendeten Kategoriebezeichnungen und ihre zugehörigen Kodierungskürzel. Die Relevanz der Ergebnisse wird durch die Berechnung der relativen Häufigkeiten wiedergegeben4.

Die „Unterstützung“ aus dem privaten und beruflichen Umfeld hebt sich mit 19,77 Prozent ab und stellt für die Gründung eines Start-ups die größte vermeintliche Herausforderung für Frauen dar. Danach folgt die „Persönlichkeit“ von Frauen mit 17,44 Prozent. Zu diesen Charaktereigenschaften zählen unter anderem das Defizit an Selbstbewusstsein, Entscheidungsstärke, Belastbarkeit, Mut, Größenwahn und Selbsteinschätzung. Die Kategorie „ Angst“, mit 12,21 Prozent, wird wegen ihrer Häufigkeit von den persönlichen Eigenschaften klar abgegrenzt. Sie bezieht sich größtenteils auf die Angst vor dem Scheitern, vor Risiko, vor dem Verlust der Sicherheit eines Angestelltenverhältnisses und vor Verantwortung. Auch die „Vorbilder“, die „Gesellschaft“ und die Vereinbarkeit von „Beruf und Familie“ spielen mit 8,72 Prozent jeweils eine wichtige Rolle im deutschen Start-up-Gründungsgeschehen. Es existieren viele Vorbehalte zur Kompetenz von Frauen, eine Überlegenheit von Männern in vielen Bereichen und bestimmte geschlechterspezifische Ideale, die sich in Erwartungen an Frauen widerspiegeln. Durch die patriarchalische Dominanz gibt es laut Befragten nur wenig weibliche Vorbilder in der Gesellschaft, die Frauen zur Gründung inspirieren. Dazu zählen neben Frauen aus dem persönlichen Umfeld vor allem Investorinnen oder Mentorinnen. Die Verfügbarkeit von bezahlbarer Kinderbetreuung und Freizeit sind kritisch. Darauffolgend geben die Gründerinnen zu 8,14 Prozent „Netzwerke“ als Herausforderung an. Für Frauen ist es schwieriger, die richtigen Kontakte zu knüpfen, weil in vielen Netzwerken Männer überrepräsentiert sind und Frauen dort nur schwer Zutritt bekommen. 5,81 Prozent schieben die Gründungsabneigung von Frauen auf die „Bildung“ in Deutschland. Aber auch „Vorurteile“ sind für 4,07 Prozent der Frauen herausfordernd. Während Veranstaltungen, insbesondere bei der Investorensuche oder im beruflichen Alltag, erleiden Frauen Nachteile, weil sie von Männern nicht ernst genommen werden oder ihre Kenntnisse nicht anerkannt werden. Anschließend beklagen Gründerinnen zu 3,49 Prozent den Mangel an „beruflichen Fähigkeiten“, da die innovativen Start-ups laut Definition aus Kapitel 2.1 digital sind und technologische Kenntnisse erfordern. Zuletzt bemängeln die Gründerinnen die geschlechterspezifische „Erziehung“ zu 2,91 Prozent, weil Mädchen zu typischen Frauenberufen motiviert werden und sie daher mit MINT-Bereichen weniger in Kontakt kommen. (Blechman, 06.05.2016, o.S.; Dembowski, 27.11.2018, o.S.; Elsässer, 02.10.2018, o.S., 13.02.2019, o.S.; Gedeon, 23.03.2017, o.S.; Grotendorst, 18.02.2015, o.S.; Heuser, 05.12.2018, o.S.; Hofmann, 22.01.2019, o.S.; Ihring, 04.10.2016, o.S.; Köhn-Haskins, 04.09.2018, o.S.; Lotter, 22.01.2016, o.S.; Ludowig, 02.08.2018, o.S.; Räth, 24.05.2019, o.S.; Richter, 18.04.2018, o.S.; Schade, 11.07.2019, o.S.; Scherkamp, 22.06.2016, o.S.; Schink, 05.11.2018, o.S.; Schmitt, 26.04.2019, o.S.; Tanriverdi, 09.08.2017, o.S.)

Tabelle 3: Kodierungskatalog

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung

4.3 Zusammenhänge der Herausforderungen

Die Ergebnisse der Datenanalyse können nicht unabhängig voneinander betrachtet werden, da sich die Bereiche gegenseitig beeinflussen und in Verbindung zueinanderstehen. Daher sind die Zusammenhänge der jeweiligen Herausforderungen in Abbildung 2 zu sehen. Die Größe und Dicke des Kreises um die Kategorie ist abhängig von der Relevanz, die sich aus Kapitel 4.2 ergibt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Zusammenhänge der Herausforderungen Quelle: Eigene Darstellung

Beginnend auf der persönlichen Ebene, ist ersichtlich, dass die Persönlichkeit die wichtigste Herausforderung für eine Gründerin ist. Sie wird von unterschiedlichen Faktoren beeinflusst, die ihren Ursprung in der Erziehung finden. Diese wird durch die Gesellschaft und die darin verankerten Normen, Werte und Vorstellungen gesteuert. Die Erfahrungen als Kind und das Verhältnis zu Angst wirken sich auf den Bildungsweg aus. Dieser gibt die Motivation und die Fähigkeiten für die berufliche Karriere vor. Die Bildung steht im Zusammenhang mit erlebten Vorurteilen, welche die Ausübung von Berufen und die Leistung dirigieren. Aus dem privaten Umfeld kann Unterstützung kommen oder ein ablehnendes Verhalten. Das Verhalten wird maßgeblich durch die Vorurteile der Gesellschaft geprägt.

Die Vorurteile bilden den ersten Überschneidungsbereich der persönlichen und gesellschaftlichen Ebene, denn sie können sowohl aus dem privaten als auch dem beruflichen Umfeld kommen. Sie haben dadurch Einfluss auf die Persönlichkeit und die Entwicklung von jungen Erwachsenen. Besonders in der Gesellschaft gibt es Stereotype und Vorurteile gegenüber Frauen, die sich in beruflichen Netzwerken widerspiegeln. Die Kontakte dort hegen Vorurteile gegenüber weiblichen Gründerinnen und zweifeln ihrer Kompetenz an. Sie können weibliche Gründerinnen dennoch unterstützen.

Der zweite Überschneidungsbereich ist von positiver Natur, da es um das Vorhandensein von Vorbildern geht. Sie können aus der Familie stammen, der Schule, dem Netzwerk oder auch aus der Gesellschaft. Diese Vorbilder können die Motivation zur Gründung durch Frauen beeinflussen, aber bei Nichtvorhandensein davor abschrecken.

Auf der gesellschaftlichen Ebene spielt die Unterstützung die wichtigste Rolle. Diese stammt zwar auch aus dem privaten Umfeld, wie zum Beispiel von Freunden, wird von der Verfasserin jedoch der Gesellschaft zugeordnet, da es um qualitative Hilfeleistung geht. Diese treibt die Gründung voran und bietet professionelle Hilfe. Es handelt sich vorwiegend um Mentorinnen und Investorinnen, welche die Gründung eines Start-ups erleichtern. Sie stammen aus Netzwerken oder generell aus der Gesellschaft.

Durch all diese Einflüsse wird eine Person geprägt und die Gründungsneigung beeinflusst. Wegen der unterschiedlichen Verknüpfungen werden im nächsten Kapitel die Bereiche Persönlichkeit und Gesellschaft mit ihren zusammenhängenden Kategorien auf ihren Wahrheitsgehalt kontrolliert.

5. Diskussion der Herausforderungen für Start-up Gründerinnen

Die Herausforderungen für Start-up-Gründerinnen werden in diesem Kapitel auf ihre wissenschaftliche Belegbarkeit untersucht. Es wird geprüft, inwiefern die analysierten Argumente, Vorurteilen gegen Frauen entsprechen und nicht durch veröffentlichte empirische Erhebungen oder theoretische Kenntnisse der Forschung gestützt werden können. Hierfür werden überwiegend die Bereiche Soziologie, Geschlechterforschung, Erziehungswissenschaften, Biologie und Psychologie untersucht. Die Diskussion erfolgt entlang der Einordnung nach persönlicher Ebene mit den Bereichen Erziehung, Bildung und berufliche Fähigkeiten sowie der Persönlichkeit und der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Anschließend wird die gesellschaftliche Ebene mit den Bereichen Gesellschaft, Stereotype und Vorurteile sowie Unterstützung, Vorbilder und Netzwerke untersucht.

5.1 Persönliche Ebene

In diesem Teil der Diskussion der Herausforderungen für potenzielle Gründerinnen wird die persönliche Ebene betrachtet. Die Erziehung und Bildung wirken auf die beruflichen Fähigkeiten ein und beeinflussen die Entwicklung der Persönlichkeit. Auch andere persönliche Eigenschaften, wie zum Beispiel die Angst, haben Auswirkungen auf die persönliche Ebene. Zuletzt wird die Vereinbarkeit von Beruf und Familie untersucht, um dieses Problem ebenfalls eingehend zu prüfen.

5.1.1 Erziehung, Bildung und berufliche Fähigkeiten

Frauen und Männer unterscheiden sich durch ihre Veranlagungen und entwickeln dadurch andere Vorlieben und Begabungen (Bischof-Köhler, 2010, S. 159). Diese spiegeln sich „in ihrer Weise des Fühlens, des Denkens, des Wünschens und ihrer Handlungsmuster“ (Bischof-Köhler, 2010, S. 154) wieder. Dabei können Gemeinsamkeiten vor allem auf das gleiche Erbgut zurückgeführt werden. Dennoch hat jede Person eine individuelle Persönlichkeit, die sich aus einem bestimmten Temperament und einem eigenen Charakter zusammensetzt. Die Persönlichkeit entwickelt sich schon in den ersten Lebensjahren eines Kindes, verändert sich jedoch im Laufe der Jahre durch den Einfluss der Gesellschaft und wichtiger Bezugspersonen. (Montag, 2016, S. 7–65) Gründerinnen klagen über die typische Mädchenerziehung und dass eine geschlechtertypische Erziehung das Interesse an bestimmten Bereichen weckt und andere ausgrenzt (Köhn-Haskins, 04.09.2018, o.S.; Schink, 05.11.2018, o.S.). In der Erziehung geht es darum, den Kleinkindern Regeln, Vorschriften und Wissen beizubringen, um ihnen die sozialen Ansprüche näherzubringen (Grundmann, 2011, S. 67). Dabei ist das Verhalten der Heranwachsenden schon von Geburt an geprägt. Beobachtungen zeigen, dass Mädchen ruhiger und weniger temperamentvoll sind. (Bischof-Köhler, 2010, S. 159) Später spiegeln sich die Eigenschaften eines Babys im Spielverhalten und den Interessen wieder (Rohrmann, 2019, S. 1072). Die Geschlechter werden in der Erziehung unterschiedlich behandelt und in die vorgeschriebenen Rollen der Gesellschaft getrieben. Dabei spielt neben sozialen Faktoren auch die Kultur eine wichtige Rolle. Mädchen sollen ruhig, umsichtig, nett und hilfsbereit sein. (Bath, 2019, S. 72; Bischof-Köhler, 2010, S. 161; Montag, 2016, S. 52) Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern in der häuslichen Erziehung werden in der Kinderbetreuung und Schule noch weiter verstärkt, da die Bezugspersonen unbewusst unterschiedlich mit Mädchen und Jungen interagieren und sie für gegensätzliches Handeln strafen (Steffens und Ebert, 2016, S. 82). Dies unterstützt die Entwicklung und Stärkung der weiblichen Stereotype (Rohrmann, 2019, S. 1070).

Laut einer interviewten Gründerin werden in der Schule MINT-Fächer an die Interessen von Jungen ausgerichtet und schrecken Mädchen schon in jungem Alter davon ab (Tanriverdi, 09.08.2017, o.S.). Für die Start-up-Gründung brauchen sie jedoch technische Kenntnisse oder zumindest ein Verständnis von digitalen Themen (Heuser, 05.12.2018, o.S.; Ludowig, 02.08.2018, o.S.). Interessieren sich Mädchen für MINT-Fächer, werden sie diskriminiert und um dem zu entkommen, entwickeln Mädchen schon in der Grundschule ein desinteressiertes Verhalten gegenüber Mathematik und naturwissenschaftlichen Fächern (Moschner, 2010, S. 181). Diese ablehnende Verhaltensweise zeigt sich dann im weiteren Bildungsverlauf in schlechteren Noten und Auffassungsschwierigkeiten (Koreuber und Mischau, 2019, S. 723). Dies kann auch mit der geringeren Anzahl von Lehrerinnen in Zusammenhang stehen, da Mädchen ein weibliches Vorbild fehlt, das ihr Interesse stärkt und fördert (Köller und Steffensky, 2019, S. 10–14).

Im Studium setzt sich die Ungleichheit der Interessen fort. Obwohl es Frauen in Deutschland seit ungefähr 100 Jahren erlaubt ist zu studieren und die Zahl der StudentInnen mittlerweile fast ausgeglichen ist, hat die Vergangenheit noch heute Einfluss auf die erwarteten Fähigkeiten von den Geschlechtern in bestimmten Bereichen. Doch Mädchen erbringen nachweislich bessere Leistungen und Frauen in der Ausbildung oder im Studium sind dem anderen Geschlecht überlegen. (Bath, 2019, S. 55; Kortendiek, Riegraf und Sabisch, 2019, S. 1331; Moschner, 2010, S. 175; Rendtorff, 2019, S. 859; Scheele, 2019, S. 759) Dennoch gibt es weitaus weniger Frauen in den meisten MINT- Studiengängen. 2017 gab es laut dem KOMPETENZZENTRUM TECHNIK- DIVERSITY-CHANCENGLEICHHEIT E. V. (2018a, S. 2, 2018b, S. 2) 128.000 MINT- Absolventen und 56.700 Absolventinnen. Der Unterschied beträgt somit rund 30 Prozent und Frauen sind besonders in Ingenieurwissenschaften und Mathematik deutlich unterrepräsentiert (Steffens und Ebert, 2016, S. 130). Dies liegt nicht an ihrer Qualifikation, sondern an den Einflüssen aus der Gesellschaft und der Erziehung. Mathematik wird in Deutschland mit Männern assoziiert und Frauen fühlen sich dadurch nicht zugehörig. (Blunck und Pieper-Seier, 2008, S. 815–817; Steffens und Ebert, 2016, S. 134) Zudem ist die Anzahl von männlichen Professoren deutlich höher als die der Professorinnen (Kortendiek, 2019, S. 1332). Studentinnen fällt es schwer, sich in dem männlich geprägten Umfeld durchzusetzen und einzubringen. Sie erhalten wenig bis keine Unterstützung aus der Familie oder der Schule und werden oftmals aufgrund ihres Interesses an MINT benachteiligt. (Bath, Schelhowe und Wiesner, 2008, S. 823) Dennoch gibt es eine kleine Anzahl an jungen Frauen, die sich für eine Karriere in MINT entscheiden. Sie ignorieren gängige Geschlechterstereotypen und Vorurteile, da ihre Fähigkeiten und Interessen diese Barrieren übersteigen. (Bath, 2019, S. 58) Es fehlen ihnen allerdings weibliche Idole oder Mentorinnen, denn Männer sind für die Unterstützung nicht in derselben Weise geeignet (Steffens und Ebert, 2016, S. 154).

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1 NB: Im Fortfolgenden werden Unternehmensgründungen, Jungunternehmen, Gründungen, Gründer und Gründerinnen ausschließlich auf den digitalen Start-up-Sektor bezogen.

2 NB: Um die Lesbarkeit zu vereinfachen, wird im Folgenden das Singular für alle Befragten verwendet.

3 NB: Das diverse und männliche Geschlecht wurden aus der Datenerhebung vollständig ausgeschlossen.

4 NB: Die genaue Zuordnung der Kodierung zu den Interviewdaten lässt sich durch den beigefügten Anhang nachvollziehen.

Details

Seiten
89
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346086877
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v511498
Institution / Hochschule
Hochschule für angewandte Wissenschaften Kempten
Note
1,3
Schlagworte
gründer frauen startup start-up inhaltsanalyse interview gründerinnen herausforderungen beruf und familie geschlechter

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Titel: Herausforderungen von Gründerinnen in Deutschland