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Littérature beur am Beispiel von "Kiffe kiffe demain". Literatur im Fremdsprachenunterricht

Seminararbeit 2019 7 Seiten

Romanistik - Französisch - Literatur

Leseprobe

1. Einleitung

Literatur im Fremdsprachenunterricht (FSU) zu nutzen birgt viele Vorteile. Zudem ist die französische Jugendliteratur, die nach Friot der „Spiegel der französischen Gesellschaft“ ist, facettenreich und divers. In seinem Text La littératre dejeunesse en France, die die aktuellen Entwicklungen und Tendenzen der Jugendliteratur beschreiben soll, fällt jedoch auf, dass die littérature beur nicht erwähnt wird. Dabei spiegelt sie einen wichtigen mouvement, welcher Anfang der 80er beginnt und in ständigem Wandel ist (vgl. Schumann 2002, S.63ff). Im Folgenden soll zunächst definiert werden, was man unter Transkulturalität versteht, ehe die Beur-Literatur definiert und durch ihr transkulturelles Schreiben hervorgehoben wird.

Der Begriff der Transkulturalität beschreibt das Konzept indem die eigene und andere Kultur sich im ständigen Wandel befinden und einander gegenüber nicht „abgeschlossen [sind], sondern [...] Elemente anderer Kulturen auf[nehmen]“ (Janz 2012, S.21). Sandkühler 2004 unterscheidet hier, dass nicht Nationen Träger der Kulturen sind; es sind „Individuen, die mit anderen aufgrund von Überzeugungen, Gewohnheiten, Ritualen oder Lebensweisen in soziokulturellen Milieus verbunden sind“ (ebd. S.21). Laut Welsch 1995 sind Individuen demnach „kulturelle Mischlinge“. Die littérature beur bildet dabei ein Beispiel für transkulturelles Schreiben, welches sich durch Kulturgrenzüberschreitung charakterisiert.

Die Bezeichnung beur „stammt aus der Pariser banlieue“ und ist in der Jugendsprache verlan bereits in den 70er Jahren verwendet worden, als Wort für „jugendliche Araber [...]: arabe - rebeu - beur“ (Schumann 2002, S.29-30). Zum einen verhalf der Begriff gerade der zweiten Generation „zur Entwicklung einer Gruppenidentität und einer [...] Normierung der Eigenwahmehmung“, zum anderen „lieferte [er] der Fremdwahmehmung ein Klassifizierungsmuster“ (ebd. S.30).

Es sind seit den 80er Jahren ca. „75 Werke von jungen Autoren maghrebinischer Herkunft erschienen“, wobei mehr als die Hälfte dieser Autobiographien sind (ebd. S.91). Dabei gilt Ze thé au harem d‘Archi Ahmed von Mehdi Charef als erster Roman der „sich öffentlich zur Immigrationsgeschichte seiner Eltern bekannte“ und dies als zentrales Thema setzte (ebd., S.113). Der Schwerpunkt der ersten Romane lag bei der Auseinandersetzung mit den Erfahrungen „des Fremdseins und des Abgelehntwerdens“ (Schumann 2002. S.92). Oftmals sehen sich die Protagonisten als Menschen, die zwischen zwei Welten stehen und dadurch verschiedene Grenzüberschreitungen vollziehen müssen (vgl. Struve 2008, S.179ff). Dabei „spielen spezifische Orte eine zentrale Rolle für die Selbstentwürfe“ der Figuren, wie die Nation Frankreich, das Heimatland der Eltern, das Elternhaus, die Schule und das Gefängnis (ebd. S.181). Diese zuvor restriktiv sich einander ausschließenden Orte bilden heute Heterotopien, was zur „Neusemantisierungen der Räume“ führt, da sie „Überlagerungen der kulturellen Sphären“ beschreiben (ebd. S.182). Die Texte sind vielmehr über den „Moment der Transgression“ als die eigene Zuordnung zu einem bestimmten Ort (ebd. S.187). Die Aufstellung von sich entgegenstehenden Orten wird ersetzt durch Bewegungen, d.h. örtliche als auch mentale Reisen. Die Verortung wird somit aufgehoben und „das auf-dem-Weg-Sein“ wird postuliert (ebd. S.188). Das Schreiben selbst spiegelt somit die „transkulturelle Verfassenheit“ und dient dem „ästhetischen Moment des Dritten Raums nach Bhabha“ (ebd. S.189-190). Die écriture hat damit eine selbstreferentielle Funktion und dient zur Erschaffung einer eigenen Sphäre, die zum einen die Flucht ermöglicht und zeitgleich auch den Fluchtort bilden kann (vgl. ebd. S.191ff).

Zur Erarbeitung eines möglichen Unterrichtsvorschlags mit Beur-Literatur wird das Portfolio nach Unterberg 2015 erklärt und darauffolgend das Beispielwerk Kiffe, kiffe demain von Faiza Guène vorgestellt.

Das Portfolio nach Unterberg 2015, soll durch eine angeleitete Lesereise mit Gestaltfreiheit dazu führen, dass sich die SuS mit dem Themengebiet des Romans, seiner Textart und der Geschichte auseinandersetzen. Es besteht aus drei Teilen: dem Fundamentum, Additum und Bilan. Das Fundamentum bildet dabei die Einführung in die Lektüre. Das Additum dient textspezifischen Aufgaben, welche in Gruppen durchgeführt werden. Der Bilan ist die produktive Ausgestaltung. Hier werden die gesammelten Informationen zusammengeführt, so dass diese gemeinsam reflektiert und diskutiert werden.

Das Beispielwerk Kiffe, kiffe demain von Faiza Guène (2004) handelt von Doria, 15 Jahre, die ihren Alltag in Tagebuchform wiedergibt. Doria ist die Tochter marokkanischer Einwanderer und lebt allein mit ihrer Mutter in Livry-Gargan einem Pariser Vorort. Ihr Vater hat sie sechs Monate vor Beginn der Erzählung verlassen und ist nach Marokko zurückgekehrt. Laut Doria ist dieser zurückgewandert, um dort erneut zu heiraten und einen Sohn zu bekommen, da ihre Eltern nach ihrer Geburt vergeblich versuchten ein weiteres Kind zu bekommen. Ihre Mutter arbeitet als Putzfrau in einem Hotel, wo sie sich aufgrund des Arbeitsklimas unwohl fühlt. Doria ist in der Schule ebenfalls unglücklich und wird, auf Vorschlag ihrer Lehrer, psychologisch betreut. Ihr bester Freund ist der 28-jährige Hamoudi, den sie seit ihrer Kindheit kennt. Des Weiteren werden ihre Mutter und sie seitens der Stadt durch eine Sozialarbeiterin unterstützt. Durch die Ich-Perspektive und dem sarkastischen Humor und Dorias Art sich in Gedankenströmen auszudrücken wird eine depressive Atmosphäre erzeugt, welche gegen Ende des Romans jedoch durch die Jobchancen ihrer Mutter und weiteren Ereignissen eine Wende ins Positive nimmt.

2. Darstellung der Fragestellung

Aus den gesammelten Informationen bietet sich an die Potentiale der littérature beur für den Französischunterricht zu analysieren unter Erstellung eines Unterrichtsvorschlags mit Hilfe des Portfolios nach Unterberg 2015. Wie beschrieben lassen sich viele Leitmotive in der Beur- Literatur wiederfinden, die Fragen nach der eigenen Identität und der Zugehörigkeit aufwerfen. Da die SuS sich in einem kritischen Alter des Selbstfindens befinden, können hier Anknüpfpunkte gefunden werden. Zeitgleich hebt sich das transkulturelle Schreiben in unserer Zeit der kulturellen Vielfalt hervor und bietet Möglichkeiten der Reflexion dieser.

Es folgen nun einzelne Thesen, die die Potentiale aufgreifen und wie diese in der unterrichtlichen Verwendung genutzt werden können.

3. Darstellung der einzelnen Thesen

- Behandlung von einem Roman der littérature beur ermöglicht Empathie und Perspektivübernahme gegenüber einer marginalisierten Menschengruppe Frankreichs

Minderheitenliteratur als „Gegenpol zu Vorurteilen, Normen und Denkweisen der dominanten Kultur“ (Fäcke 2006, S.37)

- „vektorisiert gewohnte und von nationalen Institutionen geschützte Grenzziehung“ (Ette 2004)

- Perspektivübernahme „d[as] Fremden als Eigenes erfahren“ (Fäcke 2006, S.38)

- Situation von Minderheiten- und Mehrheitsangehörigen in Frankreich aus Sicht der Minderheit (vgl. Schumann 2002, S.113ff)

- „Machtverhältnisse, kulturelle Hierarchien und soziale Konflikte aus einer marginalisiertenPerspektive“ (Fäcke 2006, S.43)

- « Les seuls qui s’y intéressent c’est les journalistes mythos avec leurs reportages dégueulasses sur la violence en banlieue. » (Guène 2004, S.124)

-> Stellungnahme zur Darstellung der Wohngegend durch die Medien

- FSUals „Rahmen für Verstehensprozesse“ (Fäcke 2006, S.40)

- „Prozess des Austauschs kultureller Bedeutungen und Erfahrungen“ (ebd.)

- Identifikationsmöglichkeiten durch das Lesen und Reflektieren der Gedankenwelt der Protagonistin

-> Meinungen der Protagonistin sind klar dargestellt: „Elle se prend pour qui l’autre ?“ (Über die Sozialarbeiterin, Guène 2004, S.68)

- : Relevanz des Alters der Protagonisten (Bsp.: Doria ist 15 Jahre alt)

-> SuS sind Teil der Zielgruppe und erleben ähnliche Lebensetappen

Verstärkte Einbindung der Schülerperspektiven (kulturelle Vielfalt) „bergen Offenheit und Abkehr von eingrenzenden Normierungen [und] Hierarchisierungen“ (Fäcke 2006, S..41)

- Einbezug kultureller Vielfalt des Klassenraums Möglichkeit für SuS eigene

Erfahrungen im Kontext des Romans zu reflektieren

-> „Biografische Kontexte und persönliche Vorerfahrungen bilden [...] wesent­lichen Anlass für mentale Prozesse in der Auseinandersetzung mit dem literarischen Text“ (Ergebnisse der empirischen Studie: Fäcke 2006, S.236)

- Globalisierung und Digitalisierung der Welt (Kontakt zu Menschen aus anderen Ländern heute einfacher und häufiger) (vgl. ebd., S.40)

- Zu beachten: keine „unreflektierte[r] Dominanz westlicher Industriestaaten und ihrer Kultur“ bei der Interpretation und Reflexion des Werks (ebd.)

- Die Beur-Literatur bietet eine authentische Sprache und Darstellung der Lebensweise von Jugendlichen maghrebinischer Herkunft

Für das Lesen ist „nicht allein der Inhalt und das Thema entscheidend, sondern auch die Art der Darstellung und die [...] eingenommene Perspektive“ (Fäcke 2006, S.39) O „Selbstdarstellung der an die Peripherie gedrängten oder ausgegrenzten Literaturen“ (ebd., S.43)

- Thematisierung des code-switching und der Mehrsprachigkeit im Französischen o Romantitel „Kiffe kiffe demain“ -> „kiffer“ aus der Jugendsprache für „sehr mögen“

- „pour moi c’est kif-kif demain“ (Guène 2004, S.76)^ ,,kif kif‘ Darija für „immer das gleiche“

- : „Hybridisierung von Kulturen und ihre Verflüssigung“ (Fäcke 2006, S.45)

- « la façade du côté de la cité, y a plein de tags, des dessins et des affiches de concerts et soirées orientales diverses, des graffitis, [...] des marques de patriotisme, ‘Viva Tunisia’, ‘Sénégal représente’ » (Guène 2004, S.90) Mauer zum einen Kulturvielfalt aber gleichzeitige Trennung der

Nachbarschaften

- „Sie beschreiben ihr eigenes Leben“ und reflektieren dabei ihr transkulturelles Dasein als „kulturelle Mischlingfe]“ zwischen der Majoritäts- und Minoritätskultur(Schumann 2002, S.113 undWelsch 1995)

Einblick in die Jugendsprache Frankreichs

- Französisch im alltäglichen Kontext gerade im Bezug Jugend

- « Elle se rendait pas tout à fait compte » (Guène 2004 S.61),« C’est pas pareil » (ebd., S.100) -> Das « ne » wird weggelassen

- Transkulturelle Phänomene sind anhand des Werkes erschließbar und in situativen Kontexten dargestellt

Inhalte des Romans als „Anlass oder Auslöser für transkulturelle mentale Prozesse“ im FSU (Fäcke 2006, S.47)

- «Le concept Taxiphone, il est made in bled [...] c’est un petit bout d’Oujda à Livry-Gargan » (Guène 2004, S.171)

Selbstverständliche Sprachmischung derProtagonistin

- « Il est made in bled » (ebd.) -> Französisch, Arabisch und Englisch

- Unter Verwendung des Portfolio Unterbergs 2015 wird sich, über eine aktive Lesereise, mit dem Themengebiet Beur-Literatur, seiner Textart und der Geschichte auseinandergesetzt.I

Fundamentum: Einführung

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I Vollständige Ausarbeitung des Portfoliovorschlags für Kiffe kiffe demain siehe Anhang

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