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Die postindustielle Gesellschaft Teil I

Hausarbeit 2005 16 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Dienstleistungsgesellschaft
2.1 Der Begriff
2.2 Die ökonomische Sicht
2.3 Die soziologische Sicht
2.4 Zwischenergebnis

3 Ist-Zustand
3.1 Die Selbstbedienungsgesellschaft
3.1.1 Der methodologischer Individualismus
3.1.2 Der flexible Mensch
3.2 Soziale Faktoren der privaten Nachfrage
3.2.1 Fun-Dienste
3.2.2 Demographischer Wandel

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Die Gesellschaft ist immer

eine dynamische Einheit zweier Faktoren,

der Elite und der Masse“[1]

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der strukturellen Weiterentwicklung moderner Volkswirtschaften durch Eliten. Zu diskutieren ist, welche grundsätzlichen Rahmenbedingungen im Anschluss an die so genannte Industriegesellschaft gelten und welche Konsequenzen daraus für die Masse folgen. Nerdinger definiert, dass sich eine Gesellschaftsform überlebt hat, wenn die Prämissen oder Grundsätze, nach denen sie sich entwickelt hat, überholt sind und die gewandelte Gesellschaft als ,,Zerfallsprodukt"29 der vorherigen Ordnung erscheint.

Ist ein solcher Zerfall geben und wie stellt sich die Gegenwart dar? Ein diskutiertes Modell ist die Dienstleistungsgesellschaft. Bei der Identifizierung ergeben sich allerdings Probleme hinsichtlich der Trennschärfe. Ihren Ursprung findet dies in einer mehrheitlich industriellen Erhebung und Betrachtung.[2] – „Wo ihr ideale Dinge seht, sehe ich – Menschliches, ach Allzumenschliches.“[3] In diesem Sinne möchte sich die Arbeit von dem Führungsanspruch der dahinter stehenden Eliten nicht beirren lassen und bei der gesellschaftlichen Zukunftssuche „soziales mit Sozialem“ erklären.[4] Soziologisch sei somit festzustellen, dass es Dienstleistungen nicht nur schon immer gab, sie waren in früherer Zeit noch viel verbreiteter.[5]

Aus den angerissenen Dimensionen hat sich bis dato eine große Zahl von Definitionen entwickelt. Die Vielfältigkeit des Begriffes wird deshalb im zweiten Kapitel grob aufgefächert. So sollen aus den ökonomisch geprägten Theorien gesellschaftliche Aspekte und Uraschen herausgeschält werden. Die gewonnen Einsichten werden im dritten Kapitel mit dem Ist-Zustand - sprich Konsequenzen – abgeglichen. Bevor eine Bewertung der Situation im vierten Kapitel erfolgt, welches mit einer abgeleiteten These schließt.

2 Die Dienstleistungsgesellschaft

2.1 Der Begriff

Auf der Definitionssuche stechen die Namen der Postmaterialisten Bell und Fourastié, der als ,,Vater der Debatte"[6] gilt, ins Auge. Die Grundüberlegung ist, dass sich die Konsumneigung der Menschen durch Übersättigung und Wohlstand verändert.[7] Fourastié sieht danach, vor allem die Produktion und den Konsum von personenbezogenen oder persönlichen Dienstleistungen dominieren. Für Bell hingegen ist diese Vision jediglich eine Vorstufe zum Postmaterialismus.[8] „Die nachindustrielle Gesellschaft schließlich beruht auf Dienstleistungen, ist also ein Spiel zwischen Personen. In ihr zählt weniger Muskelkraft und Energie als Information. (...) Bemisst sich der Lebensstandard der Industriegesellschaft nach der Quantität der Güter, so bemisst sich die Lebensqualität der nachindustriellen Gesellschaft nach den Dienstleistungen und Annehmlichkeiten – Gesundheits- und Bildungswesen, Erholung und Künste – die nun jedem wünschenswert und erreichbar scheinen.“[9]

Folglich wird als Dienstleistungsgesellschaft jene betitelt, „…deren Beschäftigungs-struktur durch ein Übergewicht von Dienstleistungen gekennzeichnet ist.“[10] Damit wäre eine solche Gesellschaft eigentlich trennscharf definiert. Bei genauerer Betrachtung erweist sich der Begriff allerdings als unklar. In der Literatur sind häufig Negativdefinitionen anzutreffen, die beschreiben, was sie alles nicht sind und damit ungenau werden. Zur Veranschaulichung ist anzuführen, dass Autoren in der Praxis je nach eigener Gewichtung beispielsweise produktive/unproduktiven oder notwendige/luxuriösen Dienstleistungen trennen.[11] Die implizierte Subjektivität verdeutlicht die Unschärfe. Wer soll beispielsweise objektiv beurteilen, wann eine Dienstleistung notwendig oder gerade die Grenze zum Luxus überschreitet? Durch die grobe Fächerung des Begriffes oder einen Blick in die einschlägige Literatur sollte deutlich werden, dass keine trennscharfe Definition vorliegt. Somit kann ab diesem Punkt schon nicht mehr von einer vorhanden Dienstleistungsgesellschaft gesprochen werden.

2.2 Die ökonomische Sicht

Ihren Ursprung haben die eben beschriebenen Unschärfen in einer ökonomischen Betrachtungs- und Herangehensweisen. Schon vor, aber speziell nach dem zweiten Weltkrieg sorgten Wachstumstheoretiker für einen enormen Zuwachs an Wohlfahrt für die industriellen Staaten.[12] Ihre Macht und Einfluss waren gewollt und legitimiert. Die hergeleiteten Theorien dieser Zunft haben beträchtlicher Weise die Industriege-sellschaften konstituiert und damit soziale Realitäten geschaffen. Elementar erscheint in der ökonomischen Literatur das Grundtheorem der sektoralen Aufteilung.

Der primäre Sektor beinhaltet nach der klassischen Struktur die Betriebe der Urproduktion[13]: Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Tierhaltung, Fischerei und Jagd.

Der sekundäre oder auch industrielle Sektor umfasst die Unternehmungen der verarbeitenden Fabrikation in Industrie und Handwerk, Bergbau, Energiewirtschaft und das gesamte warenproduzierende Gewerbe.[14]

Der tertiäre Sektor, oder auch der Dienstleistungssektor, umfasst die Unternehmungen der privaten und öffentlichen Dienstleistungen, der Verteilung, den Handel, den Transport, Banken und Versicherungen sowie die öffentlichen Verwaltungen.[15]

Die Lösung, den tertiären Sektor als das zu definieren, was von der Gesamtheit nach Abzug von Landwirtschaft und produzierendem Gewerbe übrig bleibt, mag zwar praktikabel sein,[16] ist aber ebenfalls eine unbefriedigende Negativdefinition.[17]

Die Folgen der sektoralen Aufteilung betreffen vor allem die grundlegende volks-wirtschaftliche Gesamtrechnung. Ein Blick in die aktuellen Statistiken stellt die in-dustrielle Position und Erhebung allerdings in Frage. Der „warenproduzierende Bereich“ wird in 41 und der Dienstleistungsbereich in 16 Untergruppen eingeteilt. Das Festhalten ist umso unverständlich, da bereits 1985 55% der Bruttowert-schöpfung und 54% aller Erwerbstätigen den Dienstleistungssektor zugeordnet wurden.[18]

[...]


[1] Zitiert nach: Jose Ortega Y Gasset (1883-1955), Der Aufstand der Massen, 1930, S. 737

[2] Anmerkung: Die ökonomische Frage richtete sich stets nach dem Wachstum. Wichtig ist die daraus resultierende Blindheit für gesellschaftliche Ursachen und Konsequenzen. Sie ergeben sich aus der primären Zieldefinition des Gewinnes, die zugespitzt, den Menschen als Mittel zum Zweck nutzt.

[3] Zitiert nach: Nietzsche, Der Wille zur Macht, Stuttgart, 1964, S. 696f.

[4] Anmerkung: Die Fragen der Soziologen richten sich allenfalls sekundär nach dem Wachstum. Vielmehr stehen im Fokus, welche Bedürfnisse befriedigt werden, Funktionen die damit erfüllt werden, auf welche Art dieses geschieht und vor allem welche Konsequenzen sich daraus ergeben.

[5] Vgl. Nerdinger, Zur Psychologie der Dienstleistungen, 1994, S. 8ff.

[6] Zitiert nach: Häußermann/Siebel, Dienstleistungsgesellschaft, 1995, S.149

[7] Anmerkung: Genau wie die Menschen vom Land in die Stadt wanderten, weil der Markt für Nahrungsmittel übersättigt war, so werden sich an einem Punkt industrielle Überproduktionen durch Produktivitätssteigerung ergeben. Nun wird nach anderen Mitteln gesucht, um die veränderten Bedürfnisse der Konsumenten zu befriedigen – sprich, die Nachfrage nach Dienstleistungen steigt. Weiterhin lässt sich die Theorie mit der Maslowsche Bedürfnishierarchie untermauern

[8] Vgl. Bell, Die nachindustrielle Gesellschaft, 1975, S. 135

[9] Zitiert nach: ebenda

[10] Zitiert nach: Häußermann/Siebel, Dienstleistungsgesellschaft, 1995, S.21

[11] Vgl. Häußermann/Siebel, Dienstleistungsgesellschaft, 1995, S.134-142

[12] Vgl. Blanchard, Makroökonomie, 2004, S. 296

[13] Vgl. Voss, Trend zur Dienstleistungsgesellschaft?, 1976, S. 8

[14] Vgl. ebenda

[15] Vgl. Albach, Dienstleistungen in der modernen Industriegesellschaft, 1989, S. 24

[16] Vgl. Cipolla/Borchardt, Die industrielle Révolution, 1976, S. 235

[17] Anmerkung: Aus dieser Residualdefinition ergibt sich das grundsätzliche Problem der Betrachtung. Da der Dienstleistungssektor keinesfalls so homogen ist, wie die anderen beiden Sektoren, liegt hier der Ursprung der Definitionsvielfalt begründet.

[18] Vgl. Häußermann/Siebel, Dienstleistungsgesellschaft, 1995, S.149

Details

Seiten
16
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638471169
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v51046
Institution / Hochschule
Universität Lüneburg – Zentrum für Sozialwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Gesellschaft Teil Dienstleistungsgesellschaften

Autor

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