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Die wichtigsten Indizes im deutschen Aktienmarkt sowie die wichtigsten globalen Aktienkursindizes

Hausarbeit 2004 59 Seiten

BWL - Bank, Börse, Versicherung

Leseprobe

I Inhaltsverzeichnis

II Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Historische Einführung
2.1 Entstehung der Aktiengesellschaften und des Aktienhandels
2.2 Entwicklung der Aktienkursindizierung
2.3 Aktienkursindizierung in Deutschland

3 Konzeption und Verwendung von Aktienindizes
3.1 Funktionen von Aktienindizes
3.2 Grundlagen der Konstruktion und Berechnung
3.2.1 Wahl der Zusammensetzung und der Indexbasis
3.2.2 Berechnungsmethoden
3.2.2.1 „Unechte“ Indizes
3.2.2.2 „Echte“ Indizes
3.2.3 Gewichtungsmethoden
3.2.3.1 Börsenumsatz
3.2.3.2 Börsenkapitalisierung
3.2.3.3 Free Floating Capital
3.2.4 Mathematische Bereinigung von externen Markteinflüssen
3.3 Verwendungsbereiche von Aktienkursindizes
3.3.1 Aktienindizes als Instrument der Marktanalyse
3.3.2 Vergleichsmaßstab zur Performancemessung
3.3.3 Basis für Terminmarktinstrumente
3.3.3.1 Indexfutures
3.3.3.2 Indexoptionen

4 Deutsche Aktienkursindizes – Die DAX-Indizes
4.1 Porträt der wichtigsten DAX-Indizes
4.1.1 DAX 30
4.1.2 MDAX
4.1.3 SDAX
4.1.4 TecDAX
4.2 Entstehungsgeschichte des DAX
4.3 Zusammensetzung und Auswahlkriterien
4.4 Berechnungsmethode der DAX-Indizes

5 Globale Aktienkursindizes
5.1 Dow Jones
5.1.1 Chronologische Entwicklung
5.1.2 Zusammensetzung und Auswahlkriterien
5.1.3 Berechnungsmethode
5.2 Standard & Poor’s Indizes
5.2.1 Chronologische Entwicklung
5.2.2 Zusammensetzung und Auswahlkriterien
5.2.3 Berechnungsmethode
5.3 NASDAQ
5.3.1 NASDAQ Composite
5.3.2 NASDAQ 100
5.4 Nikkei Stock Average
5.4.1 Chronologische Entwicklung
5.4.2 Zusammensetzung und Auswahlkriterien
5.4.3 Berechnungsmethode
5.5 STOXX Indizes
5.5.1 Chronologische Entwicklung
5.5.2 Zusammensetzung und Auswahlkriterien
5.5.3 Berechnungsmethode

III Fazit

IV Literaturverzeichnis

II Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Trendumkehrformationen

Abb. 2: Trendbestätigungsformationen

Abb. 3: Aufbauhierarchie der DAX-Indizes

Abb. 4: Aufnahmeregeln der DAX-Indizes

Abb. 5: Kursverlauf des Dow Jones 1990 – 1999

Abb. 6: S&P Indexfamilie

Abb. 7: Die 10 größten Unternehmen des S&P 500 Index

Abb. 8: Branchenstruktur des S&P 500

Abb. 9: 7-Jahres-Vergleich S&P 500, DJIA, NASDAQ Composite und NASDAQ 100

Abb. 10: STOXX Indizes

Abb. 11: Derivative Finanzinstrumente auf STOXX Indizes

1 Einleitung

Täglich werden wir heute in den Medien mit Informationen über die neusten Entwicklungen der wichtigsten Aktienindizes versorgt. Wirtschaftsjournalisten betätigen sich in der Interpretation der Zahlen und Analysten geben Prognosen zur künftigen Marktentwicklung an den Börsen ab.

Doch was verbirgt sich hinter den einfachen und doch so bedeutsam erscheinenden Ziffern der Aktienindizes? Auf welche Weise können sie für Analysen und Prognosen verwendet werden? Und welche Unterschiede gibt es zwischen den diversen Indizes?

Mit der nachfolgenden Arbeit verbindet sich das Ziel, dem Leser einen möglichst tiefen und umfassenden Einblick in die Thematik der Aktienindizes zu erlauben, damit er schließlich selbst zur Beantwortung jener Fragen befähigt ist. Um dieser Zielsetzung gerecht zu werden, sollen die wichtigsten nationalen und internationalen Aktienmarktindizes nicht nur beschrieben werden, sondern auch ihre Verwendungsbereiche aufgezeigt und ihre Aussagekraft untersucht werden. Dies schließt einen Blick auf die historischen Grundlagen ebenso ein, wie eine darauf aufbauende Darstellung der relevanten mathematisch-statistischen Theorie.

2 Historische Einführung

Obgleich im Fokus dieser Arbeit die wichtigsten deutschen und globalen Aktienindizes des beginnenden 21. Jahrhunderts stehen, ist gerade für das vollständige Verständnis ihrer theoretischen Grundlagen ein Blick in die Vergangenheit unerlässlich. Deshalb sei an dieser Stelle zur besseren Erläuterung der mit der Aktienkursindizierung verbundenen Intention zunächst ein kurzer historischer Abriss über die Entstehung der Aktiengesellschaften und des Börsenhandels sowie die Entwicklung der Aktienkursindizierung gestattet.

2.1 Entstehung der Aktiengesellschaften und des Aktienhandels

Die Entstehung der ersten Aktiengesellschaften lässt sich nicht auf einen bestimmten Zeitpunkt genau zurückdatieren. Die Ursache dafür liegt in der schwierigen Abgrenzung verschiedener Arten der Unternehmensfinanzierung, die sich über mehrere Jahrhunderte hinweg weiterentwickelten, bis die ersten Aktiengesellschaften der Geschichte entstanden, die in Ihren wesentlichen Merkmalen mit den heutigen Aktiengesellschaften übereinstimmen.

Bereits zu Beginn des 15. Jahrhunderts gab eine Bank in Genua erstmals verzinste Anleihen aus, um auf diese Weise die Staatsschulden zu finanzieren. Da die Anleihen jedoch mit staatlichen Steuereinnahmen besichert wurden und somit das Fehlen eines unternehmerischen Risikos angenommen werden muss, kann die Bank noch nicht als Aktiengesellschaft im heutigen Sinne anerkannt werden. Jenes stellt nämlich neben Miteigentümerschaft am Unternehmen, Anspruch auf Gewinnbeteiligung, Haftungsbeschränkung und Übertragbarkeit der Aktien eines der wichtigsten charakteristischen Merkmale einer Aktiengesellschaft dar.[1]

Als dann ausgangs des 15. Jahrhunderts zu Beginn der Kolonialisierung überall in Europa Kolonialhandelsgesellschaften gegründet wurden, entfaltete sich eine wirtschaftliche Dynamik, die dem Handel eine neue, globale, Dimension verlieh. Die Überseeunternehmungen hatten einen enorm hohen Kapitalbedarf, mussten sie ja nicht nur Handelsflotten und Kolonialniederlassungen betreiben, sondern oft auch ganze Hafenstützpunkte und –städte errichten, sowie Land, Verkehrswege und Rohstofflagerstätten erschließen.[2]

So gilt die 1602 gegründete Holländisch-Ostindische Kompanie nach übereinstimmender Meinung der Wirtschaftshistorik als erste Aktiengesellschaft im modernen Sinne. Der Handel und auch die Spekulation mit den Aktien der Kompanie florierten von Anfang an, wobei tägliche Kursschwankungen von 30 % an der Tagesordnung waren. Auch das Beleihen von Aktien und insbesondere der Terminhandel kamen bereits sehr frühzeitig auf. Durch die Erfolge der ersten Aktiengesellschaften und die Reize des spekulativen Aktienhandels inspiriert, folgten bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts zahlreiche weitere Gesellschaftsgründungen. 1747 konnte in Amsterdam mit den Aktien von 44 verschiedenen Gesellschaften gehandelt werden.[3]

Parallel zur Entwicklung in Holland entstand auch in Großbritannien das Geschäft mit den Aktien von Kolonialhandelsgesellschaften. Dort kam es, ausgelöst durch weitgreifende Aktivitäten zur Verbesserung der Infrastruktur und die einsetzende Industrialisierung, bald ebenfalls zu einem Boom von Gesellschaftsgründungen und einem regen Handel mit Wertpapieren.[4]

In Amerika emittierte eine Versicherungsgesellschaft 1752 die ersten Aktien. Die in der Folgezeit entstehenden Aktiengesellschaften entstammten jedoch größtenteils dem Transportsektor.[5] Die Landerschließung erforderte in den USA große Kapitalmengen und folgerichtig wurde bis ins 20. Jahrhundert hinein das Aktiengeschäft von den großen Eisenbahngesellschaften dominiert.[6]

Der Versuch in Deutschland Handelskompanien nach holländischem oder englischen Vorbild zu gründen schlug fehl. Die 1682 gegründete Brandenburgisch-Afrikanische Kompanie, die erste Aktiengesellschaft im deutschen Raum, musste 1717 ihre Geschäfte wieder einstellen und das Restvermögen wurde an die Holländisch-Westindische Kompanie veräußert.[7] Durch die politische und gesellschaftliche Zersplitterung Deutschlands bis tief ins 19. Jahrhundert hinein fanden Handels- und Wirtschaftsaktivitäten weitestgehend regional beschränkt statt.[8] Erst die Bemühungen Preußens, mit dem Zollverein von 1834 einen einheitlichen Wirtschaftsraum zu schaffen sowie andere ökonomische Restriktionen aufzuheben, verbunden mit der einsetzenden Industrialisierung und dem Beginn des Eisenbahnbaus, machten kapitalintensive Unternehmungen möglich und notwendig.[9] Zahlreiche große Aktiengesellschaften wie auch Bankhäuser, teilweise Unternehmen, die bis heute bestehen, entstanden in der folgenden Euphorie der Gründerzeit in Deutschland. Dementsprechend entwickelten sich auch in Deutschland bis Ende des 19. Jahrhunderts ein diversifiziertes Angebot an Wertpapieren und ein reger Aktienhandel.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass mit dem Aufkommen der Aktiengesellschaften in allen beschriebenen Staaten sehr ähnliche Folgen induziert wurden. Die Frühzeit des Aktienhandels war geprägt durch ein hohes Maß an unkontrollierbarer Spekulation, irrational schwankendes Kursverhalten und zahlreiche Betrugsversuche. Kleinkapitalanleger konnten sich faktisch auf keine Schutzrechte berufen, eine Kontrolle der Unternehmensführung war kaum möglich, Dividenden wurden oftmals vollkommen unregelmäßig ausgezahlt und Aktiengesetze konnten Spekulationen, Intransparenz des Aktienhandels und Betrugsversuche nur durch restriktive Maßnahmen verhindern.[10]

Obgleich die Emission von Aktien zur Finanzierung von Unternehmungen während der Industrialisierung fast selbstverständlich wurde und bald auch ausführliche Aktiengesetze den Wertpapierhandel reglementierten, erwuchs die sich entwickelnde Diversität der Aktiengattungen Ende des 19. Jahrhunderts zum Problem für Anleger, Banken und Unternehmen. Der Aktienmarkt wurde allmählich für Laien wie auch für Experten sehr unübersichtlich: langfristige Kursentwicklungen waren nur mühsam zu erkennen, Vergleiche und Analysen der Performance von Aktien und des Gesamtmarktes gestalteten sich als höchst aufwendig und fundierte Kauf- oder Verkaufsentscheidungen waren kaum möglich. Aus dieser Problematik heraus setzte die Entwicklung der Aktienkursindizierung ein und versuchte ein Instrument zu schaffen, mit dem auch Laien auf schnelle und einfache Weise die Entwicklung der Aktienmärkte überblicken und einzelne Wertpapiere mit der Gesamtmarktentwicklung vergleichen konnten.

2.2 Entwicklung der Aktienkursindizierung

Die Historie der Aktienkursindizierung ist bis heute untrennbar mit dem Namen eines amerikanischen Wirtschaftsjournalisten verbunden, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts die grundlegenden Theorien der Aktienkursindizierung und der technischen Aktienanalyse entwickelte: Charles Henry Dow (* 1851; † 1902).

Dow, der unter problematischen sozialen Bedingungen aufgewachsen war und weder einen akademischen Abschluss noch überhaupt irgendeinen Schulbesuch vorweisen konnte, kam 1879 nach New York, um dort als Wirtschaftsjournalist zu arbeiten. Im November 1882 gründete er zusammen mit Edward D. Jones und Charles M. Bergstresser an der Wall Street in Manhattan die Firma Dow Jones & Company. Zunächst operierte die Firma als Nachrichtenagentur für die Broker an der Wall Street. Ab November 1883 editierte sie erstmals eine Zeitung, den „Customer’s Afternoon Letter“. In den folgenden Jahren entwickelte Dow Jones & Company den „Customer’s Afternoon Letter“ weiter und gab ab Juli 1889 das „Wall Street Journal“ heraus, das sich bis heute seine Position als führende Finanz- und Wirtschaftszeitung erhalten hat. Neben seiner Tätigkeit als Wirtschaftsjournalist war Dow bis zu seinem frühen Tod auch als Buchautor, Historiker, Ökonom, Unternehmer und Broker erfolgreich aktiv.[11]

Seine bedeutendsten Verdienste liegen jedoch auf dem Gebiet der statistischen Börsenbeobachtung. Der weltweit erste Aktienindex wurde am 3. Juli 1884 im „Customer’s Afternoon Letter“ veröffentlicht. Über die ursprüngliche Idee und Entstehungsgeschichte dieses Index ist leider kaum etwas überliefert, da diesbezüglich weder private noch firmeninterne Dokumente existieren. Gemeinhin bekannt ist allerdings, dass Dow in seinen Überlegungen ein Instrument zu entwickeln suchte, mit dem man den amerikanischen Aktienmarkt “auf einen Blick im Griff haben konnte“. Um 1885 wurden an der Wall Street nämlich täglich, verteilt auf etwa 35 verschiedene Papiere, regelmäßig ca. 250.000 Aktien gehandelt. Die Unübersichtlichkeit des Aktienmarktes machte die Entwicklung eines Marktbarometers geradezu zwanghaft notwendig und Dows Konzept stellte genau das Instrument dar, auf das die Finanzwelt gewartet hatte.

Der von Dow berechnete Index setzte sich aus den meistgehandelten Werten der New Yorker Börse zusammen. Unter den insgesamt 11 Titeln waren 10 Eisenbahngesellschaften und eine Dampfschifffahrtsgesellschaft vertreten, weshalb Dow ihm den nahe liegenden Namen “Railroad Average“ verlieh. Berechnet wurde der Index als modifiziertes arithmetisches Mittel der Tagesschlusskurse der enthaltenen Wertpapiere. Die Bezeichnung Dow Jones Index stammt nicht von Dow selbst, sondern wurde erst später eingeführt. Sie ist auch insofern irreführend, dass allein Dow, nicht aber sein Geschäftspartner Jones, für die Konzeption und Umsetzung des Indexkonzeptes verantwortlich zeichnete.[12]

Die Idee eines Marktindikators, der die wichtigsten gehandelten Werte einer Börse repräsentiert, war so erfolgreich, dass in der Folge eine Vielzahl weiterer Indizes entwickelt wurde. Verschiedenste Konstruktionskonzepte sollten eine jeweils möglichst genaue und repräsentative Maßzahl hervorbringen, mit der die Kursentwicklung in einem Markt oder auch nur in einzelnen Branchen über einen langen Zeitraum analysiert werden konnte. Auch der Railroad Average von Dow wurde weiterentwickelt und um andere Indizes ergänzt (siehe Kapitel 5.1 Dow Jones), wird jedoch noch immer fortgeführt. An dem grundlegenden Prinzip der Aktienindizierung hat sich demnach bis heute trotz einer Vielfalt von unterschiedlichen Berechnungsmethoden nichts geändert.

Einen zweiten Meilenstein in der Entwicklung der Aktienkursindizierung stellt das Aufkommen der elektronischen Datenverarbeitung dar. Als Dow 1884 seinen Railroad Average berechnete, konnte er sich noch nicht einmal eines Taschenrechners bedienen. Sein Index enthielt jedoch nur wenige Werte und wurde nach einer relativ einfachen Formel berechnet, so dass ihm eine tägliche Berechnung möglich war. Berechnungen während der Handelszeit waren schon allein deshalb unmöglich, weil die Informationen über Kursveränderungen mangels technologischen Fortschritts gar nicht schnell genug aktualisiert und übermittelt werden konnten. Deshalb wählte man zur Indexberechnung die jeweiligen Tagesschlusskurse.

Später wurden Indizes entwickelt, die mit weitaus komplizierteren Formeln unter Berücksichtigung von Börsenkapitalisierungen berechnet wurden und die teilweise mehrere hundert Titel enthielten. In diesen Fällen wäre eine tägliche Berechnung so arbeitsintensiv gewesen, dass man sich entschloss diese Indizes nur einmal wöchentlich zu berechnen.

Der amerikanischen Firma Standard & Poor’s gelang es 1957 als erste, ihren 500 Werte umfassenden Aktienindex mittels eines Lochkarten-Computersystems täglich neu berechnen zu lassen. In Deutschland bediente sich die Frankfurter Allgemeine Zeitung erstmals 1961 eines Computers, um Ihren FAZ-Index zu berechnen. Bis in die 70er Jahre hinein war die Benutzung von Computern derart kostenintensiv, dass sich vielfach die Frage stellte, ob ein täglich oder gar stündlich neu berechneter Index überhaupt seine Kosten wert sei.[13]

Erst in den 80er Jahren wurden so leistungsfähige Computersysteme entwickelt, dass eine Berechnung nicht nur stündlich, sondern sogar faktisch in Echtzeit ermöglicht wurde. Seit 1982 in den USA, seit 1985 in Japan und seit 1988 auch in Deutschland werden viele der relevanten Aktienindizes während der Börsenzeit alle 60 Sekunden, inzwischen teilweise sogar alle 15 Sekunden, neu berechnet. Die Komplexität der Indexformeln, ihre Zusammensetzung und ihre Berechnungshäufigkeit waren fortan weder technologisch noch kostentechnisch begrenzt. Voraussetzung dafür war schließlich die Möglichkeit der Vernetzung der Computersysteme an den Börsenplätzen, wodurch jede Kursveränderung sofort in den aktuellen Index einfließen kann. Heute können die aktuellen Indexstände über das Internet jederzeit auf der ganzen Welt abgerufen werden.

2.3 Aktienkursindizierung in Deutschland

In Deutschland stellte die Frankfurter Zeitung erstmals 1919 einen Index auf, der aus 25 Aktien und 10 Anleihen berechnet wurde. Die Redakteure bemühten sich, durch die Auswahl der enthaltenen Wertpapiere ein möglichst breites Spektrum des deutschen Aktienmarktes abzudecken und wählten aus jeder Branche die meistgehandelten Werte aus. Zwar handelte es sich bei diesem ersten deutschen Index der FZ bereits um eine basierte Kennziffer, eine Gewichtung der verschiedenen Titel innerhalb des Indexportfolios erfolgte jedoch nicht. Komplexität und Aktualität bei der Berechnung von Indizes waren zur damaligen Zeit durch die unterentwickelte Informationstechnologie ambivalente Zielgrößen.

Im Übrigen wurde der Index der FZ sehr schnell wieder unbrauchbar. Die mit der wirtschaftlichen Krise einhergehende Hyperinflation dezimierte die Aussagekraft der Indexkennziffer vollständig und ihre Berechnung wurde wieder eingestellt. Ab 1923 berechnete auch das Statistische Reichsamt eine monatliche Aktienindexziffer. Deren Teilindex für Bergbau und Schwerindustrie nahm im Oktober 1923 auf Basis des Jahres 1913 (=100) einen Wert von 296,5 Milliarden Punkten an. Wegen der fragwürdigen Aussagekraft rechnete man den Index ab 1924 auf Goldmarktbasis um und führte ihn bis Ende 1942 fort. Unterbrochen durch Kriegs- und Nachkriegschaos sowie mangelnde Kursgrundlagen wegen des umfangreichen Schwarzhandels wurde erst ab Mai 1956 wieder ein Aktienindex durch das Statistische Bundesamt berechnet.[14]

Schon 1953 hatte die Commerzbank den gleichnamigen Aktienindex aufgelegt, 1958 folgte die Frankfurter Allgemeine Zeitung, deren Index zu den am meisten beachteten deutschen Marktbarometern zählte. Andere Großbanken und Zeitungen, so z.B. die WestLB, die Süddeutsche Zeitung oder die Börsenzeitung, antizipierten die Entwicklung mit eigenen Indexkonzepten. Die größte Präzision wurde jedoch nach wie vor dem Index des Statistischen Bundesamtes zugeschrieben, der sich nun täglich aus 430 in der BRD notierten Titeln errechnete.[15]

In den 80er Jahren wurde dann der Deutsche Aktienindex DAX entwickelt. Evolutionäre Schritte in der Informationstechnologie erlaubten eine sich permanent aktualisierende Berechnung und die Benutzung einer komplexen, alle externen Einflüsse ausschaltenden Berechnungsformel. Ein hochpräziser und dennoch übersichtlicher, aussagekräftiger Marktindikator sollte geschaffen werden, der die Entwicklung der wichtigsten deutschen Aktien abbildete. Zudem beabsichtigte man einen Index zu schaffen, der gleichzeitig als operative Grundlage für Terminmarktgeschäfte benutzt werden konnte, weil der Handel mit Futures und Optionen auf Indizes sich allmählich zu einem prosperierenden Marktsegment entwickelte.[16]

Heute können wir konstatieren dass der DAX, zusammen mit seinen Subindizes, der zweifellos wichtigste deutsche Aktienindex ist und weitreichend als Marktanalyseinstrument wie auch als Basis für Terminmarktgeschäfte verwendet wird. Andere deutsche Indexkonzepte wurden durch ihn vollkommen verdrängt und finden in der Praxis nur noch geringe Beachtung und Anwendung. Auf seine Konstruktion, Zusammensetzung und Anwendungsbereiche soll jedoch später noch genauer eingegangen werden.

3 Konzeption und Verwendung von Aktienindizes

Bevor sich eine detaillierte Untersuchung der wichtigsten nationalen und internationalen Aktienindizes anschließt, werden im Folgenden zunächst die theoretischen Grundlagen der Konstruktion und Berechnung von Aktienindizes dargestellt. Die Besonderheiten und Gegensätze unterschiedlicher Indexkonzepte sollen aufgezeigt werden, damit der Leser ein grundlegendes Verständnis für den mathematisch-statistischen Hintergrund von Indexziffern aufbauen kann und ihm sich die Funktionsweise und die Verwendungsmöglichkeiten von Aktienindizes erschließen.

3.1 Funktionen von Aktienindizes

Bei den Aufgaben von Aktienkursindizes unterscheidet man grundlegend zwischen deskriptiven und operativen Funktionen.[17]

Zum einen sind Aktienindizes Maßzahlen, mit deren Dokumentation und Präsentation die Kursentwicklung an einem Markt auf einen Blick verdeutlicht werden kann. Sie dienen somit als allgemeines Börsenbarometer. Ferner können sie durch ihre präzise und kontinuierliche Dokumentation des Indexportfolios über einen langen Zeitraum als Vergleichsmaßstab zur Performancemessung eines individuellen Aktienportfolios herangezogen werden. Über diese ex-post-Analyse hinaus werden Indizes im Rahmen von Chartanalysen und Trendprognosen auch als Grundlage für zukünftige Anlageentscheidungen genutzt.

Zum anderen fungieren Indizes als operative Basis für diverse Terminmarktinstrumente. So können sie z.B. als Investitionsobjekt für den Handel mit Futures und Optionen dienen. Außerdem gewinnen Aktienindizes eine immer größere Attraktivität als Fondsanlage, mit der vor allem die Möglichkeiten der Risikodiversifikation ausgenutzt werden können. Diese Funktionen sind erst zu Beginn der 80er Jahre herausgebildet worden und haben die Verwendungsmöglichkeiten von Aktienindizes weit über ihre ursprüngliche deskriptive Funktion ausgedehnt. Inzwischen wurden sogar Aktienindizes entwickelt, die durch ihre Konzeption speziell auf die Bedürfnisse des Handels mit Terminmarktinstrumenten ausgerichtet sind (siehe Kapitel 4.1 Deutscher Aktienindex DAX).[18]

3.2 Grundlagen der Konstruktion und Berechnung

Bei näherem Vergleich von Aktienindizes stellt man sehr schnell fest, dass es keine einheitliche Konzeption zur Berechnung von Aktienindizes gibt. Begründen kann man dies mit dem Mangel an einheitlichen Grundvorstellungen über den Aufbau des idealen, des perfekten Index.[19] Diese Uneinheitlichkeit resultiert wiederum aus der Verschiedenheit der mit der Indexierung verbundenen Absichten sowie teilweise auch aus der technologisch bedingten historischen Beschränkung bei der Wahl der Indexformel. Letztendlich hat sich in der Vergangenheit jedoch gezeigt, dass die meisten Indizes für ihren jeweiligen Zweck ein geeignetes Konstruktionskonzept fanden. Methodologische Einigkeit besteht allerdings über die Tatsache, dass der Index eine statistische Messzahl sein soll, die durch Vergleich mit einem bestimmten Basiszeitpunkt in der Vergangenheit Rückschlüsse auf die Entwicklung während des Messzeitraumes ermöglicht.[20] Die verschiedenen Ansätze zur Bestimmung einer zweckmäßigen Messzahl sollen in diesem Kapitel demonstriert werden.

3.2.1 Wahl der Zusammensetzung und der Indexbasis

Entscheidend für die spätere Aussagekraft eines Aktienindex ist die Auswahl der darin einbezogenen Aktientitel. Damit er seine wesentlichen Funktionen erfüllen kann, müssen die ausgewählten Aktien eine homogene Gesamtheit bilden. Es ist zur Beschreibung der Gesamtmarktentwicklung wenig sinnvoll, das Indexportfolio nur aus den Titeln einer einzigen Branche aufzubauen. Vielmehr sollte durch die enthaltenen Aktien ein möglichst breites Branchenspektrum abgebildet werden, wodurch man den Aktienindex als Spiegelbild einer Volkswirtschaft begreifen kann. Dies impliziert, dass durch die Wahl der Indexzusammensetzung eine möglichst hohe Repräsentativität für den gesamten Markt erzielt werden sollte.[21]

Dabei stellt sich noch vor der Auswahl der Aktien die Frage, wie viele verschiedene Aktien überhaupt notwendig sind, um eine ausreichende Repräsentativität zu erreichen. Zur Beantwortung dieser Frage ist zunächst zu bedenken, dass keineswegs alle an einer Börse notierten Papiere einen regelmäßigen, d. h. täglichen, Handel aufweisen können. Einem sehr breit angelegten Index, der auch kleinere, kaum gehandelte Papiere einschließt, dürfte deshalb ein Mangel an Aktualität anhaften, weil er teilweise auf historische Kursdaten zurückgreifen müsste. Für die Anwendung derivativer Finanzinstrumente auf einen Aktienindex ist ebenfalls ein regelmäßiger Handel der in ihm enthaltenen Wertpapiere erforderlich.[22]

Man muss jedoch auch anerkennen, dass ein sehr umfassender Index den Vorteil besitzt, dass jede marginale Markttendenz in ihn eingeht. Grundsätzlich steigt der indikative Gehalt eines Index also umso stärker an, je mehr Aktiengattungen er enthält.

Empirische Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass bereits mit einer sehr kleinen Anzahl von Aktientiteln das Marktgeschehen sehr exakt wiedergegeben werden kann, sofern die ausgewählten Aktien einen hohen Repräsentationsgrad für den Gesamtmarkt besitzen. Schon ein Index aus etwa 15 Papieren korreliert in seiner Entwicklung so stark mit der Gesamtentwicklung, dass eine Aufnahme zusätzlicher Aktien nur noch marginale Auswirkungen auf die indikative Präzision des Index determinieren würde. Auch die Möglichkeit einer Manipulation ist bei einem solchen Index ausgeschlossen, weil die Aktien der ausgewählten Unternehmen gewöhnlich eine so hohe Streuung aufweisen und ihre Börsenkapitalisierung derart groß ist, dass der für Manipulationen erforderliche Kapitalaufwand unverhältnismäßig hoch wäre.[23]

Damit können auch die Anforderungen an idealerweise in den Index aufzunehmende Aktien konkretisiert werden. Um den Gesamtmarkt in einem Aktienindex mit möglichst wenigen Aktien abzubilden, sollten diese folgende Merkmale aufweisen:

- inländische Gesellschaft von überregionaler Bedeutung
- hohes Grundkapital in Relation zu dem am Markt vertretenen Kapital
- großer Streubesitzanteil (hohes free floating capital) und hohe Marktbreite
- Branche mit hohem volkswirtschaftlichem Repräsentationsgrad
- regelmäßiger und umfangreicher Handel[24]

Die genannten Merkmale können dabei dem Grunde nach auch auf andere Indexebenen übertragen werden, so z. B. auf spezielle Subindizes, Branchenindizes oder regionale Indizes, wobei die Auswahl der Aktien hierbei dem jeweiligen Zweck der Indizierung anzupassen ist.

Schließlich können wir konstatieren dass die meisten Indizes in der Regel eine höhere Anzahl als die ungefähr erforderlichen 15 Aktien enthalten, um das Risiko zu minimieren, dass eine mögliche extreme Kursschwankung eines einzelnen Papiers die Aussagefähigkeit des Index verzerrt.

Weitere wichtige Eigenschaften aussagekräftiger Aktienindizes sind daneben Stabilität und Kontinuität, da sie insbesondere zur Untersuchung längerer Zeiträume herangezogen werden. Sie werden oftmals auf ein Datum zurückgerechnet, das mitunter mehrere Jahre vor Ihrer ersten Veröffentlichung liegt. Dadurch können sie sofort für eine umfassende vergangenheitsorientierte Analyse verwendet werden, wobei in der Regel als Vergleichsmaßstab einem in der Vergangenheit liegenden Basiszeitpunkt der Indexwert 100 zugeordnet wird. Damit die Kontinuität und Stabilität eines Index gewahrt bleiben, sollten in der Regel auch die Aktien der darin zusammengefassten Unternehmen in der Vergangenheit kontinuierlich und in hohen Umsätzen gehandelt worden sein.[25]

3.2.2 Berechnungsmethoden

Im Detail weist jeder Aktienindex gewisse Besonderheiten in der Berechnung auf. Versucht man nun, die unterschiedlichen Berechnungsmethoden zu systematisieren, so stößt man zunächst auf eine zweiteilende Kategorisierung, die auch durchgehend in der wissenschaftlichen Literatur zu finden ist. Grundlegend wird dabei zwischen so genannten „echten“ und „unechten“ Indizes differenziert.[26]

3.2.2.1 „Unechte“ Indizes

Als „unecht“ bezeichnet man diejenigen Aktienindizes, welche durch eine einfache Mittelwertbildung zustande kommen. Trotz der vordergründigen Simplizität dieser Berechnungsweise, findet die Mittelwertbildung in der Praxis bedeutende Anwendung. Einige der wichtigsten globalen Aktienkursindizes, darunter auch die Dow Jones Indizes, werden auf diese Weise berechnet.

Grundlage „unechter“ Aktienindizes ist das einfache arithmetische Mittel:[27]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

mit: n = Gesamtanzahl der Messwerte

a = Merkmalsausprägung

Vorteile des arithmetischen Mittels bei der Berechnung von Aktienindizes sind:

- schnelle und einfache Berechnungsweise
- gute Nachvollziehbarkeit
- jede Kursänderung hat unmittelbaren Einfluss auf den Indexwert[28]

Als wesentliche Nachteile des arithmetischen Mittels sind zu nennen:

- Aktien mit schnell steigenden Kursen haben nach einiger Zeit ein größeres Gewicht als Aktien mit langsamer steigenden Kursen
- Kurstendenzen werden prinzipiell zu stark antizipiert
- Veränderungen des Kursniveaus können nicht in Prozent sondern nur in Punkten ausgedrückt werden[29]

Abschließend muss bemerkt werden, dass der Divisor des arithmetischen Mittels nur im Basiszeitpunkt der Anzahl der enthaltenen Aktien entspricht. Er wird im Beobachtungszeitraum regelmäßig angepasst, wenn beispielsweise Kapitalveränderungen stattfinden oder die Zusammensetzung des Index verändert wird.

3.2.2.2 „Echte“ Indizes

Die Berechnung „echter“ Indizes beruht dagegen auf statistischen Formeln, mit deren Hilfe Kursveränderungen in einem Zeitraum ausgedrückt werden können. Dazu werden die Kurse in die Vergangenheit projiziert und ihre Veränderungen in Relation zu einem Basiszeitpunkt gesetzt.

Praktische Anwendung finden dabei vorzugsweise die Indizes von Laspeyres und Paasche. Deren Formeln waren ursprünglich für Preisvergleiche erdacht worden. Im Prinzip ist jedoch ein Aktienindexportfolio funktional vergleichbar mit einem Warenkorb wie er von Laspeyres und Paasche als Vergleichsmaßstab zugrunde gelegt wurde, weshalb ihre Preisindexformeln auch zur Konstruktion von Aktienindizes geeignet sind.

Die für Aktienindizes leicht modifizierte Formel von Laspeyres hat folgende Gestalt:[30]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

mit: p = Preis der Aktie

q = Menge pro Komponente

Die Verwendung der Laspeyres Indexformel hat folgende Vorteile:

- einfache Interpretierbarkeit
- gute statistische Vergleichbarkeit sowohl auf lange wie auf kurze Sicht
- durch Korrekturfaktor kann ein Veralten des Gewichtungsschemas verhindert werden

[...]


[1] Vgl. Rühle: Aktienindizes in Deutschland, S. 9 f.

[2] Vgl. Parker: Historischer Weltatlas, S. 156

[3] Vgl. Rühle: Aktienindizes in Deutschland, S. 10 ff.

[4] Vgl. Parker: Historischer Weltatlas, S. 196

[5] Vgl. Rühle: Aktienindizes in Deutschland, S. 14

[6] Vgl. Parker: Historischer Weltatlas, S. 218

[7] Vgl. Rühle: Aktienindizes in Deutschland, S. 15 ff.

[8] Vgl. Parker: Historischer Weltatlas, S. 186 f.

[9] Vgl. Parker: Historischer Weltatlas, S. 206 f.

[10] Vgl. Rühle: Aktienindizes in Deutschland, S. 19 ff.

[11] Vgl. Rühle: Aktienindizes in Deutschland, S. 22 ff.

[12] Vgl. Rühle: Aktienindizes in Deutschland, S. 29 ff.

[13] Vgl. Rühle: Aktienindizes in Deutschland, S. 59 ff

[14] Vgl. Rühle: Aktienindizes in Deutschland, S. 45 ff.

[15] Vgl. Richard: Aktienindizes, S. 150 ff.

[16] Vgl. Janssen: Der Deutsche Aktienindex DAX, S. 5 f.

[17] Vgl. Richard: Aktienindizes, S. 20

[18] Vgl. Janssen: Der Deutsche Aktienindex DAX, S. 2 ff.

[19] Vgl. Rühle: Aktienindizes in Deutschland, S. 78

[20] Vgl. Rühle: Aktienindizes in Deutschland, S. 70

[21] Vgl. Rühle: Aktienindizes in Deutschland, S. 62

[22] Vgl. Richard: Aktienindizes, S. 45 ff.

[23] Vgl. Richard: Aktienindizes, S.46

[24] Vgl. Rühle Aktienindizes in Deutschland, S. 67

[25] Vgl. Rühle: Aktienindizes in Deutschland, S. 64

[26] Vgl. Rühle: Aktienindizes in Deutschland, S. 70

[27] Vgl. Richard: Aktienindizes, S. 41 ff.

[28] Vgl. Kielkopf: Performance von Anleiheportefeuilles, S. 74

[29] Vgl. Rühle: Aktienindizes, S. 71

[30] Vgl. Janssen: Der Deutsche Aktienindex DAX, S. 11 ff.

Details

Seiten
59
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638471046
ISBN (Buch)
9783640143054
Dateigröße
841 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v51033
Institution / Hochschule
International School of Management, Standort Dortmund
Note
1.0
Schlagworte
Indizes Aktienmarkt Aktienkursindizes Finanzmärkte- Finanzintermediäre

Autor

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