Lade Inhalt...

Heilungszeremonien der Temiar in Malaysia. Schamanismus- und Ritualforschung

Buchrezension zu Marina Rosemans „Healing Sounds from the Malaysian Rainforest. Temiar Music and Medicine."

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 20 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Marina Roseman
1.2. Zum Begriff des Schamanismus

2. Hauptteil: Buchrezension: „Healing Sounds from the Malaysian Rainforest. Temiar Music and Medicine“
2.1. Die Temiar Gesellschaft
2.2. Kosmos und Krankheitsvorstellungen
2.3. Die Initiation eines Mediums
2.4. Die Heilungszeremonie
2.5. Genderaspekte
2.6. Moderne Einflüsse

3. Schlussanalyse der Temiarrituale unter Berücksichtigung vorhandener Ritualtheorien
3.1. Transformationsprozesse
3.2. Rituelle Umkehrungen
3.3. Die Beachtung des Kontextes
3.4. Performanztheoretischer Ansatz
3.5. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Basierend auf der Ethnographie von Marina Roseman „Healing Sounds from the Malaysian Rainforest. Temiar Music and Medicine“ von 1991, stellt vorliegende Arbeit eine Analyse der Temiarheilungszeremonien anhand klassischer Ritualtheorien dar. Die Arbeit ist in mehrere Teile aufgeteilt. Zunächst gibt sie einen kleinen Einblick in die Person der Autorin, dem die ausführliche Auseinandersetzung mit dem Begriff des „Schamanen“ und anderer Termini für religiöse Mittler folgt. Der Hauptteil präsentiert die erwähnte Ethnographie und spannt einen Bogen von der Temiargesellschaft und ihren Vorstellungen von Kosmos und Krankheit, über die Medien und ihre Heilungszeremonien, hin zu Genderaspekten und modernen Einflüssen auf die Rituale. In der Schlussanalyse werden die Heilungszeremonien der Temiar schließlich mit einigen bekannten Ritualtheorien, unter anderem geprägt durch Victor Turner, Arnold van Gennep und Émile Durkheim, in Verbindung gebracht. Hierbei werden sowohl die Ähnlichkeiten bestimmter Strukturen aufgezeigt, als auch die Grenzen der Theorien beleuchtet.

1.1. Marina Roseman

Marina Roseman ist Ethnologin, Ethnomusikologin, Musikerin und Tänzerin und hat über einen Zeitraum von zwanzig Jahren bei den Temiar im Regenwald der Malaysischen Halbinsel geforscht (http://www.wac.ucla.edu/cip/appexbook/writersandeditors.html). Von 1981 bis 1982 lebte sie zwanzig Monate lang in einem Temiardorf namens Ulu Kelantan (vgl. Roseman 1991: 9). Ihr Hauptinteresse galt während dieses Aufenthaltes den Krankheitsvorstellungen und Heilungszeremonien der Bewohner. Um diese zu erforschen hat sie nicht nur an zahlreichen Ritualen teilgenommen und alles genauestens aufgezeichnet, sie hat auch versucht, sich so weit wie möglich in die fremde Kultur zu integrieren und das Alltagsleben der Temiar kennen zu lernen. Durch diesen holistischen Ansatz ist es ihr gelungen, Bindeglieder zwischen Alltag und Ritual zu erkennen und so interessante Rückschlüsse auf die Funktionen und Wirkungsweisen der Heilzeremonien zu ziehen. In der Einleitung ihres 1991 erschienenen Buches schreibt sie:

„If you want to understand the building blocks of ritual, the movements, the music, the colors, the shapes, you cannot spend all your time taping rituals and playing them back for transcription and analysis. Even moving from documentation to performance and singing with the chorus or dancing with dancers gives but a partial picture. You must live the life of a people, follow their paths, dig in the dirt, gut a fish, ford a stream, and always be alert for the links between daily life and ritual activity” (Roseman 1991: 8).

Heute arbeitet Roseman als “Assistant Professor of Music, Anthropology and Folklore” an der University of Pennsylvania: http://www.wac.ucla.edu/cip/appexbook/writersandeditors.html).

1.2. Zum Begriff des Schamanismus

Bereits bei ihrem Buchtitel: “Healing Sounds from the Malaysian Rainforest. Temiar Music and Medicine” fällt Rosemans vorsichtige Wortwahl auf. Im Laufe ihrer Ethnografie bezeichnet sie die Person des Ritualführers als „medium“ und „healer“, und vermeidet somit den Begriff „shaman“. Dies ist durchaus verständlich, wenn man bedenkt, welch inflationärem Gebrauch der Terminus „Schamanismus“ in den letzten Jahrzehnten ausgesetzt war. Seit der von Eliade geprägte enge Begriff des (sibirischen) Schamanismus, mit seinen typischen Charakteristika wie Berufung des Schamanen durch Geister, ritueller Tod während der Initiation, Seelenflug, Ekstase und Weltenbaum, immer mehr ausgeweitet wurde, ist es heute schwierig einen Schamanen von anderen Ritualführern zu unterscheiden (vgl. Thiel 1984: 132). Heinze schreibt beispielsweise 1997:

„I propose the definition that shamans are individuals who respond to specific needs of their community. They mediate between different states of consciousness for those who seek immediate, personal experience of spiritual powers. Shamans fulfill pragmatic, physiological as well as psychological and spiritual needs, but, most of all, they claim to channel “higher powers” (Heinze 1997: 24).

Solch eine Definition trifft allerdings auf die meisten religiösen Mittler zu und sicherlich auch auf die Heiler der Temiar. Es gibt heute also zwei Schamanismuskategorien: auf der einen Seite den klassischen Schamanismus, wie er vor allem in Sibirien zu finden ist und auf der anderen Seite den weitgefassten Schamanismusbegriff, der sich im Laufe der Jahre entwickelt hat und kaum mehr eine Abgrenzung zu anderen religiösen Mittlern und spirituellen Heilern darstellt. In Südostasien, schreibt Winzeler, findet man klassischen Schamanismus vor allem bei den austronesichen Berggruppen der Inseln Sumatra, Sulawesi und Borneo, bei den Hmong und anderen Berggruppen des Festlandes und bei den Orang Asli, den indigenen Gruppen Zentral-Malaysias (vgl. Winzeler 2004: 834). Er behauptet auch, dass der klassische Schamanismus meist bei kleinen Jäger- und Sammlergruppen im Inland auftritt. Oft dort, wo der Außeneinfluss besonders gering ist und zum Beispiel noch Langhäuser in Gebrauch sind (vgl. ebd.: 835, 537). Tatsächlich würden all diese Aspekte für die Anwendung eines engen Schamanismusbegriffs bei den Temiar sprechen. Sie gehören zu den Orang Asli Zentral-Malaysias, jagen und sammeln, leben relativ abgeschottet von der Mehrheitsbevölkerung und hatten ursprünglich Langhäuser. Außerdem werden die Heiler im Traum berufen und holen verlorene Seelen zurück. Aber dies sind eben nur einige der Aspekte, die den klassischen Schamanismus ausmachen. Ich bin mir sicher, dass Roseman, wenn Sie auch nicht explizit zu ihrer Wortwahl Stellung nimmt, sich doch bei den Temiar bewusst gegen die Bezeichnung „Schamane“ und für die des „Mediums“ bzw. „Heilers“ entschieden hat. Atkinson schreibt:

„Significantly, East Asia is a region in which shamanic authority was long ago displaced by state authority and where the label „spirit medium“ is often used in place of shaman for ritual healers who do not match the classic model of the shaman in nonstate societies” (Atkinson 1992: 317).

Einem “Medium” wird eher eine gewisse Passivität als Empfänger spiritueller Macht zugeschrieben. Heinze sagt, Medien seien vor allem „vehicles“ für Geisterwesen (vgl. Heinze 1997: 22), Winzeler hingegen beschreibt Geistermedien als „specialists through whom the spirits speak and who cure or solve other personal problems through exorcism“ (Winzeler 2004: 835). Diese Ambivalenz zwischen Macht und Ohnmacht kommt auch bei den Heilern der Temiar zum Ausdruck. Roseman behauptet: „a Temiar medium is both a prestigious spirit-medium and nobody but the voice of the spiritguide“ (Roseman 1991: 74). Auf der anderen Seite benutzt sie aber den Begriff “empowerment” statt “possession” um den Trancezustand, wenn sich ein Geist im Körper des Temiarmediums niederlässt, zu beschreiben und negiert somit die Passivität des Mediums. Es scheint, dass wir die Vielzahl der verschiedenen religiösen Mittler, die weltweit in so vielen Kulturen auftreten, mit unseren weit gefassten Begriffen wie Schamanen, Heiler, Medien, Priester, Exorzisten, Wahrsager, Magier, Hellseher oder Hexer nicht mehr ausreichend von einander abgrenzen können. Da ich davon ausgehe, das sich Roseman bewusst zu den Termini „Medium“ und „Heiler“ entschieden hat, möchte ich diese im weiteren Verlauf meiner Arbeit übernehmen, um die religiösen Mittler der Temiar zu bezeichnen.

2. Hauptteil: Buchrezension: „Healing Sounds from the Malaysian Rainforest. Temiar Music and Medicine“

2.1. Die Temiar Gesellschaft

Die indigenen Gruppen Malaysias (Orang Asli) zählten 1991 schon unter einem Prozent der siebzehn Millionen Einwohner des Landes. Die Temiar bildeten mit ca. 12000 Menschen[1] die zweitgrößte Gruppe. Sie gehören zu der Sanoi-Gruppe der Orang Asli und sprechen eine austroasiatische Mon-Khmer Sprache. Über eine Fläche von 2500 Morgen weit verteilt leben sie in Dörfern von 25-150 Personen, an fünf Hauptströmen und deren Nebenströmen, im tropischen Hochland Malaysias. Da sie Brandrodungsfeldbau betreiben, müssen sie alle drei bis fünf Jahre, wenn das fruchtbare Land ausgelaugt ist, weiterziehen. Außerdem gehen sie auch auf die Jagd, auf Fischfang und sammeln Waldprodukte (vgl. Roseman 1991: 1, 2).

Die Temiar leben in einer relativ egalitären Gesellschaftsstruktur. Ein Dorf besteht aus mehreren Großfamilien, die durch Abstammung von einem Urgeschwisterpaar verbunden sind. Die Verwandtschaft wird bilateral gerechnet und bei einer Hochzeit, bei der die Ehepartner aus der gleichen oder aus zwei verschiedenen Gruppen stammen können, müssen beide ihr Einverständnis geben. Die Dorfchefs, die meist gleichzeitig Dorfälteste sind, regulieren die Gemeinschaftsarbeit indem sie die Bewohner überzeugen und beeinflussen; sie üben keinen Zwang aus (vgl. Roseman 1991: 2). Die Dorfoberhäupter sind oft auch Medien. In jedem Dorf sollte mindestens ein Medium leben, dessen Aufgabe es ist, die soziale Balance aufrecht zu erhalten und zwischen der Geisterwelt und der Gesellschaft zu vermitteln. Medien sind zwar auf Grund ihrer Funktion hoch angesehen, stehen aber als Personen innerhalb der egalitären Gesellschaft und besitzen somit, wenn sie nicht gleichzeitig Dorfoberhäupter sind, auch keine Autorität. Sollte der Dorfchef kein Medium sein, wird das beste Medium immer mit konsultiert, wenn es um Dorfangelegenheiten geht (vgl. ebd.: 72-76).

2.2. Kosmos und Krankheitsvorstellungen

Der Versuch, ständig ein Gleichgewicht in allen Bereichen aufrecht zu erhalten, spielt eine wichtige Rolle bei den Temiar. Das Dorf mit den Menschen ist eng mit dem Wald und den Geistern verbunden. Sie stehen ihrer Umwelt nahe und gehen davon aus, dass alles was dort existiert eine ähnliche Struktur besitzt. Das Grundprinzip der Glaubensvorstellung der Temiar bildet die Vorstellung, dass alle Dinge und Wesen mindestens zwei Seelen besitzen, die sich in bestimmten Situationen loslösen können (vgl. Roseman 1991: 4). Beim Menschen wird diese Trennung durch eine Kopf- und eine Herzseele gebildet, bei Pflanzen durch eine Blätter- und eine Wurzelseele, bei Tieren ist es eine Ober- und eine Unterseele und selbst Landschaftsgebilde besitzen verschiedene Seelen, so hat ein Berg beispielsweise eine Gipfel- und eine Höhlenseele (vgl. ebd.: 6).

[...]


[1] Die Zahlen stammen von 1989; der letzte Zensus der Orang Asli, vor Veröffentlichung des Buches, war 1980 (vgl. Roseman 1991: 2).

Details

Seiten
20
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638470872
ISBN (Buch)
9783640271764
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v51013
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Institut für Völkerkunde
Schlagworte
Heilungszeremonien Malaysia Ritualforschung Buchrezension Besessenheit Südostasien Schamanismus Ritual Marina Roseman Regenwald Musik Medizin Kosmos Initiation Gender Ritualtheorie Performanz religiöse Mittler Victor Turner Arnold van Gennep Emile Durkheim Ethnologie

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Heilungszeremonien der Temiar in Malaysia. Schamanismus- und Ritualforschung