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Die Gestalttherapie

Hausarbeit (Hauptseminar) 2000 64 Seiten

Psychologie - Beratung, Therapie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die humanistische Psychologie und ihre Therapieformen

2. Die Gestaltpsychologie

3. Die Entwicklung der Gestalttherapie

4. Die Grundlagen der Gestalttherapie
4.1 Einführung
4.2 Das fakultative Strukturmodell
4.2.1 Das Selbst als Kontaktfunktion
4.2.2 Das Ich (als Akt der Absicht)
4.2.3 Persönlichkeit
4.3 Es-Selbst-Ich-Außenwelt-Verhältnis
4.4 Assimiliertes Über-Ich
4.5 Kontaktzyklus
4.6 Organismische Selbstregulation
4.7 Assimilation und Wachstum
4.8 Blockierung des Bewußtseins (Abwehrmechanismen)
4.8.1 Introjektion
4.8.2 Projektion
4.8.3 Retroflektion
4.8.4 Konfluenz
4.8.5 Deflektion
4.8.6 Desensitivierung

5. Zur Krankheitslehre der Gestalttherapie
5.1 Die Gestaltgesetze
5.2 Die Auffassung von Ganzheit
5.3 Die Gestaltbildung
5.4 Der „gesunde“ Mensch als Utopie
5.5 Der neurotische Mensch als Realität
5.5.1 Die Entstehung von Neurosen nach Petzold
5.5.2 Das 5-Phasen-Modell der Neurosenauflösung nach Perls
5.5.3 Das 4-Phasen-Modell der Problemlösungsprozesses nach Petzold

6. Zur Methodik und Technik der gestalttherapeutischen Behandlung
6.1 Therapieziele
6.2 Das Vorgehen des Gestalttherapeuten
6.2.1 Fördern
6.2.2 Stützen
6.2.3 Frustrieren
6.2.4 Konfrontieren
6.2.5 Paradoxe Interventionen
6.2.6 Anregen und Verstärken
6.2.7 Vergegenwärtigen
6.3 Förderung von Selbstverantwortlichkeit und Bewußtheit
6.3.1 Interaktion
6.3.2 Keine Fragen
6.3.3 "Wie" statt "Warum"
6.3.4 Nichts erzwingen
6.3.5 Bewußtheit / Awareness
6.4 Therapeutische Techniken
6.4.1 Ich-Sprache
6.4.2 Der leere Stuhl
6.4.3 Umkehr
6.4.4 Beachtung nichtverbaler Signale
6.4.5 Die Verwendung von Metaphern
6.4.6 Bewußtheit lenken
6.4.7 Experimentieren
6.4.8 Rollenspiel
6.4.9 Rollentausch
6.4.10 Innerer Dialog
6.4.11 Traumarbeit
6.4.12 Kreative Medien

7.Formen der Gestalttherapie
7.1 Einzel- und Gruppentherapie
7.2 Ost- und Westküstenstil

8. Diagnostik

9. Klientel und Behandlungsdauer

10. Forschung

11. Kritik

12. Literatur

1. Die humanistische Psychologie und ihre Therapieformen

Eine radikale Abkehr von der Psychoanalyse führte etwa ab 1950 in den USA zur Entwicklung neuer Theorien und Verfahren, die unter der Bezeichnung humanistische Psychologie bekannt sind (Kraiker /Burkhard 1983).

Die Humanistische Psychologie gründet sich auf ein humanistisches Wertsystem, das die Achtung vor dem menschlichen Wesen und vor seiner individuellen Entwicklung betont. In den Vordergrund tritt der Wunsch, im Hier und Jetzt offen, begegnungsfähig und verantwortlich für seine eigenen Entscheidungen zu sein. Die Humanistische Psychologie geht von einem aktiven, autonomen Selbst aus, das nach Selbstverwirklichung durch Entwicklung und Differenzierung der vorhandenen Anlagen strebt und sich dabei an kulturellen Werten ausrichtet,- der Mensch wird als organisches Ganzes, als Einheit kognitiver, seelischer und körperlicher Aspekte betrachtet. Sie orientiert sich an Vorstellungen vom "gesunden" Menschen, der sich durch Ganzheitlichkeit, Selbstverantwortlichkeit, Humanität und Entwicklungsfähigkeit auszeichnet (Dinslage 1990).

Nachfolgend sind einige grundlegende Aspekte des Menschenbildes der Humanistischen Psychologie aufgeführt:

- Autonomie und soziale Interdependenz:

„Der Mensch strebt aus seiner postnatalen biologischen und emotionalen Abhängigkeit heraus nach Unabhängigkeit von äußerer Kontrolle. Er entwickelt ein aktives Selbst, das zunehmend in die eigene Entwicklung eingreifen und die Verantwortung für das eigene Leben übernehmen kann“ (Kritz 1994).

- Selbstverwirklichung

„Wenn die grundlegenden Bedürfnisse befriedigt sind, ist der Organismus aktiv und strebt u.a. danach, seine schöpferischen Fähigkeiten zu entfalten“ (Kritz 1994). Das spontane Ausleben der eigenen Antriebe führt im allgemeinen zu einer befriedigenden Lebensform. Libido und Aggression werden als sozial wünschenswert erachtet; da sie Annäherung und Abgrenzung der Individuen voneinander steuern (Kraiker /Burkhard 1983).

- Ziel- und Sinnorientierung

„Neben den materiellen Grundlagen seiner Existenz prägen humanistische Wertvorstellungen wie Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde Leben und Handeln eines Menschen“ (Kritz 1994).

- Ganzheit

“Die Humanistische Psychologie sieht den "menschlichen Organismus als Gestalt, als organisches, bedeutungsvolles Ganzes und betont die Ganzheitlichkeit von Gefühl und Vernunft, von Leib und Seele" (Kritz 1994).

„In den humanistischen Therapien geht es um diese Ziele: nicht allein um die Behebung von Defiziten, sondern darüber hinaus um das Wachstum des Individuums zur Entfaltung seiner Möglichkeiten. Diese Therapieformen wenden sich daher nicht nur an den leidenden Neurotiker und Psychotiker, sondern ebenso an den Angepaßten, der seine Möglichkeiten erweitern will“ (Kraiker /Burkhard 1983).

„Vertreter der humanistischen Psychologie haben daher keine Alternative zum Krankheitskonzept entwickelt; sie haben es vielmehr ignoriert. Zwischen verschiedenen Störungen werden, weder in ihrem grundsätzlichen Verständnis, noch hinsichtlich der Entstehungsbedingungen, noch im Hinblick auf die Therapie, Unterschiede gemacht“ (Baumann 1998).

Neben der Psychoanalyse und dem Behaviorismus wird die "Humanistische Psychologie" oft als "Dritte Richtung" oder "Dritte Kraft" in der Psychologie bezeichnet.

Alle drei psychologischen Strömungen haben jeweils eine Reihe unterschiedlicher Psychotherapieansätze hervorgebracht:

Während die tiefenpsychologischen und die verhaltenstherapeutischen Therapiekonzepte sich zumindest anfänglich jeweils aus einem relativ homogenen Theoriegebäude entwickelten, kennzeichnet der Begriff "Humanistische Therapien" einen lockeren Verbund unterschiedlichster Ansätze, die eher durch ein hinreichend gleichartiges Menschenbild und einige grundsätzliche Übereinstimmungen in den Prinzipien therapeutischer Arbeit als durch eine gemeinsame Theorie zusammengehalten werden (Kritz 1994).

Diese theoretische Heterogenität ist historisch allein schon daraus zu erklären, daß sich die Humanistische Psychologie als Sammelbewegung für ziemlich unabhängig voneinander entwickelte und ausdifferenzierte Ansätze entstanden ist (Kritz 1994).

Zu den Hauptpräsentanten der Verfahren der Humanistischen Psychologie gehören die Gestalttherapie von Fritz Perls, die Gesprächspsychotherapie (bzw. die klientenzentrierte Psychotherapie) von Carl Rogers, das Psychodrama von lacov Moreno und die Logotherapie von Viktor Frankl. Häufig wird auch noch die Bioenergetik (Lowen) und die Transaktionsanalyse (Berne) mit zu den humanistischen Ansätzen gerechnet (Kritz 1994).

Die Grundeinstellung des Therapeuten bezüglich selektiver Authentizität, Förderung von echter Begegnung, Gegenwartsbezogenheit und Akzeptanz der Realität sind bei diesen Verfahren ähnlich. Bei der Gestalttherapie kommen jedoch für gezielte Konfliktbearbeitung besondere strukturelle Angebote hinzu.

2. Die Gestaltpsychologie

Die Gestalttherapie erhielt ihren Namen von der Schule der Gestaltpsychologie, die sich Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland entwickelte. Ihre Vertreter waren der Auffassung, daß der Mensch psychologisch nur von seiner Ganzheit her verstanden werden kann. Die Gestaltpsychologie vertritt das Prinzip, daß die Gesamtheit des menschlichen Verhaltens mehr sei als die Summe von Verhaltenselementen (Kiermann 1976). Beim Wahrnehmen, beim Denken, bei Willenshandlungen und bei Bewegungsabläufen findet eine ganzheitliche Organisation nach übergreifenden Gestaltgesetzlichkeiten und dynamischen Gerichtetheiten statt (Kritz 1994). Die Gestalttherapie übernahm diese Prinzipien.

Dennoch kann keineswegs gesagt werden, daß die Gestalttherapie etwa die praktische Anwendung der Gestaltpsychologie wäre. Vielmehr wurden die Formulierungen gestaltpsychologischer Gesetze (vorwiegend im kognitiven und wahrnehmungs-psychologischen Bereich) weitgehend in sehr verallgemeinerter Form und oft nur in metaphorischer Analogie verwendet (Kritz 1994).

Die Gestalttherapie war daher weniger ein unmittelbares Nebenprodukt der Gestaltpsychologie als eine Gegenbewegung gegen die Freudsche Analyse (siehe weiter unten) und eine Konsequenz der späteren existentialistischen Bewegung.

Die gestaltpsychologischen Grundlagen der Humanistischen Psychologie sind am stärksten und detailliertesten in den Konzepten der Gestalttherapie zum Ausdruck gekommen.

3. Die Entwicklung der Gestalttherapie

Die Gestalttherapie ist in hohem Maße mit der Persönlichkeit Frederick ("Fritz") Salomon Perls (1893 - 1970) verbunden, der als der Begründer der Gestalttherapie gilt. Perls war ein deutschen Psychiater, der seine Ausbildung noch unter Freud erhalten hatte. Nach Abschluß seines Medizinstudiums 1921 in Deutschland wurde Perls Psychoanalytiker. Perls Auseinandersetzung mit der Gestaltpsychologie ist einerseits auf die Annahme einer Assistentenstelle bei Kurt Goldstein in Frankfurt (ab 1926) zurückzuführen, und andererseits auf die Ehe mit seiner Frau Lore, die als Psychologin in Gestaltpsychologie promoviert hatte (Fritz Perls selbst hatte ja eine medizinische Ausbildung) (Kritz 1994).

Fritz Perls orientiert sich geistig zunächst an der Berliner Schule, an den Schriften Freuds (bis zu den dreißiger Jahren hin), an der Gestaltpsychologie und am Existentialismus. Da er gegen den Totalitarismus war , emigrierte er 1933, kurz nach der Machtübernahme Hitlers, nach Holland und 1934 nach Südafrika. Dort entwickelte er auch die Grundlagen der Gestalttherapie. 1946 siedelte er in die USA über (Davison/Neale 1998). Entsprechend wurde die Gestalttherapie von ihm nach Amerika gebracht. Hier entfalteten und entwickelten sich die Ideen und Techniken seiner Therapie. In den fünfziger und sechziger Jahren orientierte sich Perls an der Human-Potential-Bewegung und an östlichen Meditationsformen des Zen. Er setzt sich mit Psychodrama einerseits und Behaviorismus andererseits auseinander. Am Ende seines Lebens findet sich Perls als passionierter Einzelgänger in der sozialintegrativen Esalen-Bewegung aufgehoben. Dabei verändert sich sein gestalttherapeutischer Stil von der Einzeltherapie zur Gruppenmethode.

Daher werden die Einflußfaktoren auf die Gestalttherapie von Perls in der Psychoanalyse, der Charakteranalyse Reichs, östlichen Philosophien, der existentialistischen Philosophie und der Gestaltpsychologie gesehen (Wittling 1980).

Neben Fritz Perls und seiner Frau Lore Perls werden insbesondere Paul Goodman, James Simkin, Paul Weisz und Ralph Hefferline mit zu den Begründern der Gestalttherapie gezählt. Doch steht Fritz Perls zweifellos im Zentrum der Beachtung. Unbestreitbar ist es das Verdienst Perls, sehr viele unterschiedliche Ansätze und Strömungen in die Gestalttherapie integriert zu haben (Kritz 1994).

Die Konzepte der Gestalttherapie wurden erst langsam aus der Psychoanalyse heraus entwickelt. Wie bereits erwähnt, arbeitete Perls anfangs als "klassischer" Psychoanalytiker. Doch die europäischen Analytiker lehnten ihn ab, da er einige Grundkonzepte der psychoanalytischen Theorie, insbesondere die Bedeutung der Libido und ihre verschiedenen Transformationen im Laufe der Neurosenentwicklung in Frage stellte (Davison/Neale 1998). Seine Abwendung von der Psychoanalyse wird heute deshalb im Zusammenhang mit einer sehr kritischen Aufnahme seines Beitrages über "orale Widerstände" auf dem Psychoanalyse-Kongreß 1936 und eine ablehnende Haltung Freuds bei Perls Besuch in Wien im selben Jahr gesehen.

Für seine ersten Ansätze der Gestalttherapie, die er aus Modifizierungen der Psychoanalyse ableitete, hielt er noch lange die Bezeichnung "Psychoanalyse" bei. Als Perls dann Ende der vierziger Jahre nach einem passenderen Namen für seinen Ansatz suchte, wollte er im Hinblick auf die starken existenzialistischen Züge die Therapie eigentlich "Existenzpsychotherapie" nennen. Dennoch wählte er den Namen „Concentration Therapy“ bevor er letztendlich den Namen "Gestalttherapie" vorzog. Der Name "Gestalttherapie" war somit nur Perls zweite Wahl für seinen Ansatz (Kritz 1994).

„Indem Perls verschiedene therapeutische, psychologische und philosophische Ansätze aufgriff und in seiner Arbeit vereinigte, wurde die Gestalttherapie ein breitgefächertes Verfahren, das entsprechend den vielfältigen Quellen aus unterschiedlichen Blickwinkeln (Perspektiven) beschrieben werden kann“ (Dinslage 1990).

4. Die Grundlagen der Gestalttherapie

4.1 Einführung

Die „Gestalttherapie ... ist ein existentialistisch fundiertes, holistisches Psychotherapiesystem mit einem phänomenologischen, gegenwarts- und personenbezogenen Ansatz. Sie betrachtet gestörtes Verhalten als eine Unterbrechung selbstregulatorischer organismischer Prozesse psychologischer und physiologischer Art innerhalb eines Individuums, oder zwischen Individuen und der Umwelt. Der Therapeutische Prozeß zielt auf konistente Annäherung an die phänomentale Welt und Integration der Persönlichkeit. Die Therapie ist erlebnis- und aktionsorientiert mit persönlicher Beteiligung des Therapeuten“ (Gottschaldt et al 1978).

Die Gestalttherapie will nicht nur eine Technik zur Behebung von Neurosen und Persönlichkeitsstörungen, sondern auch eine Lebensphilosophie sein. Dabei vertritt sie eine existentialistische Position: Es gibt für das Individuum keine verbindliche Norm; es kann sich zur Rechtfertigung für sein Denken und Handeln auf nichts berufen als auf sich selbst (Kraiker /Burkhard 1983).

Die Gestalttherapie besteht, wie bereits erwähnt, aus einer Vielzahl von Techniken, die z.T. anderen Therapieansätzen entstammen. Sie integriert Elemente aus dem Psychodrama und anderen erlebnisorientierten "Humanistischen Verfahren", aus dem Behaviorismus und nimmt ferner meditative Therapieanstöße in sich auf. Die Gestalttherapie beinhaltet somit existentialistische und humanistische Elemente. Deshalb sind es nicht die Bausteine und Teilerkenntnisse der Gestalttheorie die neu sind, sondern das Neue der Gestalttherapie liegt vielmehr in der Art ihrer Benutzung und Organisation.

Einige wichtige Konzepte Perls sollen an dieser Stelle nun kurz vorgestellt werden, bevor auf sie ausführlich eingegangen wird:

“Die Organismus-Umwelt-Beziehung stellt ein strukturiertes Feld dar, dessen Teile und Beziehungen nur durch das Ganze verständlich sind.

Jeder Organismus trägt die Tendenz zur » Selbstregulierung « in sich mit dem Ziel der Homöostase. Bewußtheitawareness «) ist ein Teil dieser Selbstregulierung; sie ermöglicht sie. Das Selbst besteht aus Ego, Es und Persönlichkeit, wobei das Ego die Beziehung zur Außenwelt herstellt. Erregung (»excitement«) ist für Perls die Lebensenergie, die Motorik und Sinne mobilisiert. Identifikation mit sich selbst ist dann erreicht, wenn der Mensch volle Selbstverantwortung (»responsibility«) übernimmt” (Kiermann 1976).

“Es gehört zu den Grundannahmen der Gestalttherapie, daß wir alle in jede Situation unsere Bedürfnisse und Wünsche mitbringen. Wir nehmen Situationen nicht einfach so wahr, wie sie sind"(Davison/Neale 1998).

Die Gestalttherapie gehört zu den Körperpsychotherapien, weil sie u.a. dem Patienten beibringt, daß er in einem neuen Bewußtsein über zuvor ignorierte körperliche Funktionsweise und verändertes Erleben seiner körperlichen Prozesse, verschiedene Antworten darauf finden wird:

- wer er ist ,
- was er zu erreichen versucht,
- wie er dies zu erreichen versucht,
- was seinen Absichten innerhalb seiner eigenen Person im Wege steht und
- wie all diese Dinge seine Beziehungen zu anderen beeinflussen (Harper 1979).

4.2 Das fakultative Strukturmodell

Perls geht zunächst vom Freudschen Strukturmodell aus, das Freud 1923 als Arbeitshypothese einführte. Seine "Instanzen", das Es, das Ich und das Über-Ich, sind bei Freud im Konfliktfall abgrenzbar. Perls bringt die Dimension der Bewegung hinein und beschreibt das Strukturmodell als Zeitgestalt mit fließenden Grenzen.

Schon 1926 äußert sich Freud, daß bei gesunden Menschen praktisch keine Trennung zwischen dem Ich und dem Es bestehe, die ihrerseits dicht zusammengehörten. Dieser Aspekt, daß sich die Grenzen innerhalb der hypothetischen Untereinheiten aufheben, wo immer auch echte Identifikation geschieht, ist für Perls zentraler Aspekte und gilt gleichermaßen für das Es wie für das Über-Ich.

4.2.1 Das Selbst als Kontaktfunktion

Das Selbst umfaßt die Teilsysteme "Ich", "Es" und "Persönlichkeit. Allerdings sind diese Teilsysteme nicht scharf gegeneinander abgegrenzt (Kritz 1994):

Das Selbst wird bei Perls als Funktion der schöpferischen Anpassung im Organismus/Umweltfeld definiert. Es ist zunächst eine Funktion der Physiologie, soweit es das Gewahrwerden innerer Erlebnis- und Handlungsbereitschaften betrifft, und es ist gleichzeitig eine Funktion des "Feldes", soweit das Umfeld vom Selbst wahrgenommen wird und es darauf Bezug nimmt. Das Selbst hat somit keine festen Grenzen, es hebt die Trennung zwischen Geist, Körper und Außenwelt auf und existiert in jedem besonderen Fall im Kontakt zu einer wirklichen Situation.

Das Selbst ist die Zeitgestalt der spontan wahrgenommenen Kontaktfunktion nach innen und außen. Das System des Selbst ist der Integrator des Organismus. Es versucht einen Ausgleich zu schaffen zwischen 1., den Triebimpulsen, von denen es für Perls zumindest den Hunger- und den Sexualtrieb gibt, in dessen beider Dienste die Aggression stehen kann, 2., den Möglichkeiten und Ansprüchen der Außenwelt und 3., der richtunggebenden Identität der Persönlichkeit. Das Kontaktsystem des Selbst steht im Dienste der organismischen Selbstregulation (siehe weiter unten).

4.2.2 Das Ich (als Akt der Absicht)

Das Ich ist die absichtsvolle, bewußtseinsintensive Komponente des Selbst.

“Das Ich, hat eine Art Verwaltungsfunktion. Es verbindet die Handlungen des ganzen Organismus mit seinen vordringlichen Bedürfnissen.

Wenn man jemanden, der hungrig ist, in eine luftdichte Kiste steckt, hat er nun das Gefühl, daß er erstickt - der Hunger ist weg. Es tritt also je nach Bedürfnislage eine Figur (z.B. ein Bedürfnis) aus dem Hintergrund und drängt im gestaltpsychologischen Sinne nach Schließung. Ist eine entsprechende Kontaktaufnahe zur Umwelt geglückt, so wird die Gestalt geschlossen, sinkt in den Hintergrund zurück und macht einer neuen Figur Platz” (Kritz 1994).

Das Ich ist die aktive, zielgerichtete Phase im Prozeß des Selbst, d. h. im Kernstück der Kontaktfunktion.

4.2.3 Persönlichkeit

Den Begriff Persönlichkeit belegt Perls mit Verantwortungsstruktur des Selbst. „Die Persönlichkeit, ist die Verantwortungsstruktur des Selbst, die sich aus den bisherigen Sozialbeziehungen ergeben hat. Sie ist das Ergebnis all des aufgenommenen (assimilierten und auch nicht assimilierten) Materials, das man als Basis für die Erklärung des Verhaltens dieser Person heranziehen würde” (Kritz 1994). In neueren Ansätzen der Gestalttherapie steht für den Begriff der Persönlichkeit auch der Begriff der Identität.

4.3 Es-Selbst-Ich-Außenwelt-Verhältnis

“Aus dem Es kommen die Bedürfnisse des Organismus, die vom Ich aufgegriffen werden und als bewußte, zielgerichtete Handlungsintensionen gegenüber der Umwelt erscheinen” (Kritz 1994). In einem gesunden Organismus, wie ihn Perls sieht, lassen sich keine konstanten Teileinheiten abgrenzen. Wenn Bedürfnisse aus dem Es auftauchen und vom Selbst aufgegriffen werden, verwandeln sie sich innerhalb des Kontaktzykluses, der noch besprochen werden soll, zum Ich-Impuls, der sich in der Außenwelt ein angemessenes Zielobjekt sucht und Befriedigung findet.

4.4 Assimiliertes Über-Ich

Alle Ereignisse, die assimilierbar waren und deren Prozesse zu Ende gekommen sind, werden vergessen. Auch assimilierbare Beziehungen zu Elternfiguren und Vorbildern gehen in die eigene Substanz über, ohne eine abgegrenzte Instanz im Sinne des Über-Ichs zu bilden, wenn die Identifikation voll gelungen ist.

Ein Beispiel dazu: Wenn ich es liebe, in einem ordentlichen Zimmer zu wohnen, wird es mir ein Bedürfnis, ausreichend aufzuräumen. Ich fühle mich dann im Gleichgewicht, wenn ich mich entsprechend dieser Identifikation verhalten kann.

4.5 Kontaktzyklus

Mit diesem Kreislauf der Bedürfnisbefriedigung (Kontaktzyklus), der den Weg vom Hunger zur Sättigung, vom Ungleichgewicht zum Gleichgewicht umfaßt, kann nicht nur die Aneignung und Verarbeitung körperlicher, sondern auch die seelischer und geistiger Nahrung beschrieben werden.

Dabei ist jeder Kontaktzyklus in vier Schritten vorstellbar:

1.) Vorkontakt: Aus dem Organismus oder der Umwelt taucht ein Verlangen bzw. ein Reiz auf, der zur Figur wird (der übrige Körper bzw. die übrige Umwelt wird zum Hintergrund) (Kritz 1994). Damit wird der Kontaktzyklus in Gang gebracht.
2.) Kontaktnahme: Die Erregung des Verlangens selbst wird nun zum Hintergrund. Zur Figur wird ein dazu passendes Phantasieobjekt bzw. Suchbild, mit Hilfe dessen die gegebenen Möglichkeiten, die in diesem Stadium zur Figur werden, abgetastet werden. Im Vordergrund steht nun das "ad-greddi" als das Herangehen und Überwinden von Hindernissen, das absichtliche Orientieren und Zugreifen. In diesem Stadium, in dem gezielt differenziert, ausgewählt und verworfen wird, erlebt der Organismus die Funktion seines Ichs. Das Ich ermöglicht gezielte Identifikation.
3.) Kontaktvollzug: Nun sind Umwelt und Körper zum uninteressanten Hintergrund geworden, während als Figur im Vordergrund die Berührung erlebt wird. Die Intention des Ich wird in die Spontaneität des Selbst transformiert, d.h., die ganze Person ist nun vom Erleben (Wahrnehmen, Fühlen) erfaßt.
4.) Nachkontakt: Der Kontakt-Prozeß ist zu Ende, das Selbst verblaßt, die Figur tritt in den Hintergrund zurück. Der Prozeß ist zu Ende gekommen. In der Begegnung vollzog sich im optimalen Fall ein Wachstums- und Reifeschritt.

Der Organismus ist nun bereit für den nächsten Kontaktzyklus.

Die Organismische Selbstregulation (siehe unten), d.h., die permanente Aufeinanderfolge solcher Kontaktzyklen mit flexiblen und intakten Gestaltbildungsprozessen ist nach Perls die Grundlage für lebenslanges Wachsen und Reifen (Kritz 1994).

„Das Vermeiden einer Kontaktaufnahme, oder eines Kontaktvollzugs hingegen läßt eine unvollendete Gestalt entstehen, die nach ihrer Schließung drängt. Offene Gestalten (unerwünschte Gefühle, vermiedene äußere Konflikte, peinliche Wünsche) lassen sich auf Dauer nicht wegschieben - analog zum Zeigarnik-Effekt - und tauchen immer wieder gegen den bewußten Willen der Person auf. Die Vermeidung äußerer Konflikte hat ihre Bedeutung für die Krankheitsentstehung, da sie innere Konflikte schafft“ (Slunecko et al 1999).

Der Kontakt mit der Umwelt ist eng mit dem Begriff "Grenze" verwoben. „Die Grenze, die deutlich wird, wenn der Organismus mit seiner Umwelt Kontakt herstellen möchte und die Reaktion der Umwelt nicht genau vorhergesagt werden kann, wird Kontaktgrenze genannt. Nur da, wo eine Grenze ist, kann auch Kontakt stattfinden, denn ohne eine solche Grenze würde nur eine undifferenzierte Verschmelzung stattfinden (s.u.:"Konfluenz"). Die Grenze ist gleichzeitig der Ort der Begegnung und der Trennung (Kritz 1994). Hier spielen sich die seelischen Vorgänge ab, die die Bedürfnisbefriedigung begleiten. Sie äußern sich in Gefühlen wie z.B. Neugier, Begehren, Angst oder Schrecken. Die Gefühle zeigen an, daß man mit dem, was außerhalb ist, in Berührung steht.

4.6 Organismische Selbstregulation

Wie andere Lebewesen ist auch der Mensch ein Organismus, dessen Aufgabe es ist, sich selbst und seine Art zu erhalten und sich zu entwickeln. Um dies zu ermöglichen, stehen Organismus und Umwelt im wechselseitigen Austausch (Dinslage 1990).

„Um sich zu erhalten und zu entwickeln, muß der Organismus seine Bedürfnisse befriedigen. Da er von sich aus weiß, was er hierzu benötigt, kann er zwischen dem, was ihm nutzt und was ihm schadet, unterscheiden. So reguliert der Organismus sich selbst (Selbstregulation; angelehnt an die Theorie von Goldstein). Wenn er Hunger hat, sucht er Nahrung. Wenn er friert, sucht er Wärme. Bei der Selbstregulation befriedigt er immer das für ihn wichtigste gegenwärtige Bedürfnis, während alle anderen Bedürfnisse zunächst zurückgestellt werden, bis das jeweils bestehende Ungleichgewicht durch Bedürfnisbefriedigung ausgeglichen ist“ (Dinslage 1990).

„Da jedes Bedürfnis das Gleichgewicht des Organismus stört, läuft der homöostatische Prozeß ständig ab. Alles Leben ist durch dieses endlose Spiel von Gleichgewicht und Ungleichgewicht im Organismus gekennzeichnet. Wenn der homöostatische Prozeß bis zu einem gewissen Grade versagt, der Organismus zu lange in einem Zustand des Ungleichgewichtes bleibt, seine Bedürfnisse nicht befriedigen kann, ist er krank. Wenn der homöostatische Prozeß ganz versagt, stirbt der Organismus. Damit das Individuum seine Bedürfnisse befriedigen, Gestalten schließen und sich anderen Tätigkeiten zuwenden kann, muß es wahrnehmen können was es braucht, und wissen, wie es sich selbst und seine Umgebung im Sinne seiner Ziele manipulieren kann“ (Slunecko et al 1999).

„Abraham Maslow, einer der Mitbegründer der Humanistischen Psychologie, hat eine fünfstufige Bedürfnishierarchie vorgestellt (Maslow 1973), in der bestimmte Bedürfnisse auf einer Stufe erst relevant werden, wenn alle darunter liegenden Stufen (weitgehend) erfüllt sind:

Auf der untersten Stufe sind demnach physiologische Bedürfnisse wie Hunger, Durst, Sexualkontakt zu finden, auf der nächsten Stufe Sicherheitsbedürfnisse, dann kommen Bedürfnisse nach Sozialkontakt (Zugehörigkeit und Liebe), und auf Stufe 4 Bedürfnisse nach Bestätigung und Wertschätzung.

Erst wenn diese vier sog. "Defizitbedürfnisse" befriedigt sind, kommen die Wachstums- und Selbstverwirklichungs-Bedürfnisse zum Tragen“ (Kritz 1994).

4.7 Assimilation und Wachstum

Kein Organismus ist so autark, daß er allein aus sich heraus existieren könnte. Die Befriedigung von Bedürfnissen vermag das Selbst mit Hilfe seiner Kontaktmöglichkeiten bewerkstelligen. Leben und Wachstum finden daher grundsätzlich in Auseinandersetzung mit der Umwelt statt.

“Entwicklung und Wachstum geschieht durch Assimilation, dh. durch Transformation dessen, was nicht zum Selbst gehört in Anteile des Selbst. Assimilation ist dabei die Endstufe eines Zykluses, der mit Differenzierung und Gestaltbildung beginnt und über mehrere Kontaktstufen im Austauch mit der Umwelt zu einer Erweiterung der Grenzen des Selbst führt” (Gottschaldt et al 1978).

Genau diese geglückte Transformation von Fremdmaterial in Eigenmaterial zum Zwecke des Wachstums kennzeichnet den Prozeß der Assimilation. Dabei ist es wichtig, daß das nicht verwertbare Material zurückgewiesen ("ausgespuckt") wird.

Wachstum setzt also die als Assimilation gekennzeichnete Transformation von (Organismus-)Fremdem in (Organismus-)Eigenes voraus. Abgesehen von dem Nahrungs-Beispiel ist hier im psychologischen Sinne die Auseinandersetzung mit Erfahrungs- und Erlebnismaterial gemeint (Kritz 1994).

4.8 Blockierung des Bewußtseins (Abwehrmechanismen)

Aus gestalttherapeutischer Sicht gehören zur psychischen Gesundheit die Fähigkeit zu flexiblen und intakten Gestaltbildungsprozessen des Selbst und des Ich und damit auch die Fähigkeit zu lebenslangem Wachstum und Reifung. „Die Gestalttherapie geht davon aus, daß Wachstum ein lebenslanger Prozeß ist. Solange ein Mensch in der Lage ist, Neues zu erfahren und zu verarbeiten, wird er sich weiterentwickeln. Dieser Wachstumsprozeß wird von Erfolgen und Mißerfolgen begleitet“ (Dinslage 1990).

Die Mechanismen, die unter schwierigen Bedingungen Überleben, Anpassung und individuelles Wachstum ermöglichen, werden zunächst bei Perls traditionsgemäß noch Abwehrmechanismen genannt. Diese Schutz- und Verteidigungsmannöver werden später in der Gestalttherapie unter dem Aspekt der Kontaktvermeidung beschrieben, da sie den Kontakt im Hier-und-Jetzt behindern (Slunecko et al 1999).

Das allgemeine Prinzip von Abwehrstrategien beruht auf Vermeiden von Kontaktaufnahme mit unerwünschten inneren oder äußeren Impulsen, wodurch es zu vielfältigen Ausblendungen oder subjektiv zu Blockierungen kommt. Die Art der Abwehrform wurzelt im biographisch vorgegebenen Interaktionsangebot. Unter einer schwierigen Organismus/Umfeld-Gesamtkonstellation wählt der Organismus als Notmaßnahme dasjenige Vermeidungsverhalten, das ihn in der jeweiligen Situation und mit den gegebenen Erfahrungen am ehesten ein neues und lebbares Gleichgewicht zu garantieren scheint.

„Das therapeutische Geschehen bezieht sich hauptsächlich auf die Widerstände gegen Veränderungen, also darauf, auf welche Weise Teile der Persönlichkeit von der Bewußtheit ("awareness«) ausgeschlossen werden. Der Therapeut tut alles, damit der Patient[1] seine Widerstände »erfährt«“ (Wittling 1980). Die Formen des Widerstands sind Projektion, Introjektion, Retroflektion, Deflektion und Konfluenz und Desensitisierung.

4.8.1 Introjektion

Introjektion ist die Aufnahme unbekömmlichen (oder zumindest unverdauten) Materials, das somit als fremder Bestandteil bestehen bleibt und nicht assimiliert wird. “Die Introjektion ist der Prozeß des passiven Einverleibens dessen, was andere in der Umgebung bereitstellen“ (Harper 1979). Ein Mensch nimmt nicht nur Nahrung auf, sondern auch Vorschriften, Verhaltensnormen, Werthaltungen und Meinungen, die von Eltern, Lehrern und anderen Bezugspersonen vermittelt oder aufdrängt werden (Dinslage 1990).

Auch Theorien, Tatsachen, moralische, ethische, ästhetische, politische Werte kommen ursprünglich aus der Außenwelt auf den Organismus zu (Slunecko et al 1999). Filmindustrie und Werbung versorgen mit Leitbildern, an denen Menschen sich orientieren. Vieles übernimmt der Organismus ungeprüft, ohne zu fragen, ob es uns guttut oder angemessen ist. (Dinslage 1990).

Übernimmt der Organismus etwas unverdaut, dann bleibt dies als Fremdkörper über, gegen die sich der Organismus ständig wehrt (Introjektion). Dabei wird seine Energie aufzehrt (Kraiker /Burkhard 1983). "Psychiatrische Krankheiten" wie Depression oder Zwangsneurose können die Folge sein (Dinslage 1990).

[...]


1 Der Begriff “Patient' besteht vielfach noch aus Gewohnheit. Niemand hat bisher eine akzeptable Alternative zur Sprache gebracht. "Klient' wird nach Ansicht vieler zu stark mit Rechtsanwälten in Verbindung gebracht. Nur wenige Therapeuten halten ihre Patienten für wirklich kranke Personen, die “Behandlung" im medizinischen Sinne des Wortes benötigen (Harper 1979).

Details

Seiten
64
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638130974
Dateigröße
622 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v5100
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Psychologisches Institut
Note
1
Schlagworte
Gestalttherapie Gesprächstherapie

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Titel: Die Gestalttherapie