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Die klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie von C. R. Rogers

Hausarbeit (Hauptseminar) 2000 47 Seiten

Psychologie - Beratung, Therapie

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Biographischer und historischer Hintergrund

3. Entwicklung der Gesprächspsychotherapie

4. Persönlichkeitstheorie
4.1 Persönlichkeitspsychologische Begriffe
4.2 Entwicklung des Selbstkonzepts

5. Fehlerentwicklung

6. Förderliches Therapeutenverhalten und seine Auswirkungen auf den Klienten
6.1. Echtheit (Kongruenz)
6.2. Wertschätzung
6.3. Empathie
6.4. Zusammenfassung der Therapeutenmerkmale
6.5. Selbstexploration des Klienten
6.6. Die Prozeß-Skala von Rogers
6.7. Die "fully functioning person"

7. Konsequenzen für Pädagogen
7.1. Klientenzentrierte Beratung
7.2. Schülerzentrierter Unterricht

8. Evaluation

9. Literatur:

1. Einleitung

„Die klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie ist eine soziale Interaktion zwischen meist zwei Personen: einem Therapeuten/Berater und dem Klienten, wobei der Schwerpunkt auf sprachlicher Kommunikation liegt. Als hilfreich wird sie dann verstanden, wenn es dem Klienten allmählich gelingt, seine Probleme selbständig zu lösen und somit seine Beeinträchtigung im Erleben und Verhalten zu vermindern. Der Therapeut unterstützt und fördert diese Entwicklung durch bestimmte Verhaltensweisen, die die Selbstheilungskräfte im Klienten aktivieren sollen“ (Sieland 1979).

Die Gesprächstherapie ist eine klientenzentrierte Behandlungsmethode der humanistischen Psychologie. Die nichtdirektive Gesprächstherapie geht auf Carl Rogers (1902-1987) zurück.

Rogers setzt eine angeborene Tendenz des Menschen zur Selbstverwirklichung voraus. Dabei umfaßt die Selbstverwirklichung die Erfüllung aller Bedürfnisse, die auf die Erhaltung oder Förderung des Einzelnen gerichtet sind. Jeder Mensch verfügt über einen angeborenen Bewertungsmaßstab, anhand dessen er einschätzen kann, was gut oder schlecht für ihn ist.

Nach Rogers entstehen psychische Probleme, wenn die natürliche Tendenz zur Selbstverwirklichung und das durch Erfahrung und Bewertung ausgebildete Selbstkonzept nicht übereinstimmen.

In der klientenzentrierten Gesprächstherapie, die von Echtheit, Wärme und Empathie auf Seiten des Therapeuten gekennzeichnet sein soll, spricht der Klient über die emotionalen Konflikte, die seine Selbstverwirklichung blockieren.

Nach Rogers wird mit Hilfe bestimmter therapeutischer Techniken, wie z. B. Widerspiegeln der Emotionen durch den Therapeuten oder vorsichtiges Interpretieren von Klientenäußerungen ein Prozeß in Gang gebracht, in dem sich die Klienten über bestimmte Gefühle und Gedanken Klarheit verschaffen, sie akzeptieren und in ihr Selbstkonzept integrieren können.

Mit diesem neuen, erweiterten Selbstkonzept ist es ihnen nun möglich, Verhaltensänderungen durchzuführen, die ihrerseits aber nicht Gegenstand der klientenzentrierten Gesprächstherapie sind (Microsoft Encarta 2000).

2. Biographischer und historischer Hintergrund

Carl R. Rogers ist der Begründer der klientenzentrierten Gesprächspsychotherapie. Die verschiedensten wissenschaftlichen und philosophischen Einflüsse kann man in seiner Theorie erkennen.

1. Anfang der vierziger Jahre beschäftigte sich die Sozialpsychologie in den USA mit den Auswirkungen autoritärer Strukturen. Kurt Lewin zeigte, daß ein demokratischer Stil im Vergleich zu autoritären Interaktionsformen Angstgefühle vermindert. Auch fördert dieser die Zufriedenheit und Sicherheit. Verbessert wird Insgesamt die Kommunikation der Beteiligten. In der Gesprächspsychotherapie ist das eine wichtige Grundlage in der Beziehung zwischen dem Therapeut und dem Klient. Hier übernimmt der Therapeut nicht mehr die Expertenrolle, sondern unterstützt die Problemlösungsversuche, Aktivitäten und Initiativen des Klienten. Zusätzlich versucht der Therapeut den Klienten auf seine aktuelle Situation zu konzentrieren.
2. Rogers arbeitete an einem Institut für Erziehungsberatung und wurde dort mit der Psychoanalyse vertraut. In seiner Tätigkeit als Psychologe in einer Beratungsstelle beschäftigte er sich mit straffälligen und unterprivilegierten Jugendlichen. Auch hier war die Psychoanalyse für ihn bestimmend. Von der Psychoanalyse Abstand nehmend, machte er sich mit dem Freud-Schüler Rank und dessen Beziehungs-Therapie bekannt. Bei der Psychoanalytischen Behandlung geht es um eine schrittweise Aufarbeitung früherer affektiver Beziehungen. Aber Rank faßt eine bestimmte Beziehung zwischen Therapeut und Klient schon als heilend auf: das Hier und Jetzt, die aktuellen Gefühle sind wichtig. Dem Klienten sollen angemessene Problemlösungen ermöglicht werden durch die Freisetzung seiner „Willenskräfte“. Das Konzept zielt auf Unabhängigkeit und Selbständigkeit des Klienten ab. Zusätzlich wird die Therapeutenautorität vermindert.
3. Für Rogers wird außer den schon aufgeführten Einflüssen (sozialpsychologisch, psychoanalytisch, beziehungstherapeutisch) auch der Ansatz der Gestalttherapie wichtig. Er schreibt von dem Erfahrungsfeld des Individuums, in dem Erfahrungen Gestalt werden und andere in den Grund zurücksinken. Oder aber er hebt den Gestaltcharakter des Selbstkonzepts hervor, welches er als organisierte Konfiguration von Selbsterfahrungen verfaßt.
4. Rogers sieht seine persönlichen Erfahrungen als prägend für die philosophische und wissenschaftstheoretische Orientierung der Gesprächspsychotherapie an. Von Bedeutung waren für ihn z.B. folgende Erfahrungen: Befreiung aus einem kontrollierenden, dogmatischen Elternhaus und auch die Möglichkeit , in einem liberalen Theologischen Seminar eine eigene Lebensphilosophie zu finden, die in seinen späteren phänomenologischen-existentialistischen Therapieeinsatz eingeht. Früher hatte er im Gegensatz dazu ein Interesse an Naturwissenschaften und richtete danach seine Ausbildung am Lehrerseminar aus. Dieser soeben beschriebene Konflikt durchzieht seine gesamte Arbeit (Sieland 1979).

3. Entwicklung der Gesprächspsychotherapie

Der Ausgangspunkt und auch die Entwicklung der Gesprächspsychotherapie sind eng mit den Erfahrungen Rogers im Umgang mit beeinträchtigten Personen zu sehen.

Es werden 3 Phasen nach Seeman (1965) unterschieden. Hierbei werden unterschiedliche inhaltliche Akzente gesetzt.

1.) Rogers grenzt mit „Counseling and Psychotherapy“ die Gesprächspsychotherapie als „non-direktiv“ ab von direkter Beratung und psychoanalytischer Behandlung. Dabei ist Vertrauen in die autonome Kraft und Selbstverantwortlichkeit der Klienten besonders wichtig. Die Hauptaufgabe des Therapeuten ist die Wahrnehmung und Klärung der geäußerten Gefühle des Klienten.
2.) Den Ansatz einer Persönlichkeitstheorie legt Rogers mit „client-centered Therapy“ (1951) vor. Damit verbindet er diese mit der Therapie. Hierbei ist das Bemühen um das Verstehen der subjektiven Welt des Klienten ausschlaggebend. Sehr wichtig ist die Einstellung des Therapeuten zum Klienten. Eher unwichtig ist dagegen die Anwendung bestimmter Techniken.
Betont wird die Verwendbarkeit des Ansatzes zur Erklärung und Veränderung aller menschlichen Beziehungen und Interaktionen.
3.) Ab Ende der fünfziger Jahre liegt der Schwerpunkt nun auf der Erforschung des Therapeutenverhaltens und seinem Zusammenhang mit Änderungen beim Klienten. Dabei kommt der Echtheit und dem Engagement des Therapeuten besondere Bedeutung zu.

Um die Verbreitung des Gesprächspsychotherapie-Ansatzes machte sich in der Bundesrepublik R. Tausch verdient (Sieland 1979).

4. Persönlichkeitstheorie

Rogers Persönlichkeitstheorie basiert auf einigen grundlegenden Aussagen über das Wesen des Menschen.

Dabei gelten folgende Grundannahmen:

a.) Rogers geht von einem grundsätzlich positiven und konstruktiven Charakter des Menschen aus. Für Fehlentwicklungen hält er negativ bewertetes Verhalten wie Aggression oder quälende Gefühle wie Eifersucht. Diese werden durch ungünstige Bedingungen in der sozialen Umwelt ausgelöst.
b.) Er bezeichnet eine angeborene und lebenslang wirksame Fähigkeit jedes Menschen, all seine Anlagen zu entwickeln, daß er sich als Ganzes erhalten und auf größere Reife hin entwickeln kann, als „Aktualisierungstendenz“ oder „Verwirklichungstendenz“.

Diese Aktualisierungstendenz äußert sich nicht nur in den Reifungs- und Lernprozessen des Kleinkindes. Ein gesunder Organismus ist ständig bestrebt, sich von Fremdbestimmung in Richtung auf größere Unabhängigkeit hin zu entwickeln. Rogers versteht die Aktualisierungstendenz als biologische Gesetzmäßigkeit, welche für alle Organismen gültig ist. Dabei wird sie auch als grundlegende Motivation des menschlichen Verhaltens angesehen. Dies äußert sich auf psychologischer Ebene als Aktualisierungstendenz des Selbstkonzepts.

c.) Rogers geht davon aus, daß alle Menschen die Möglichkeit zur Selbststeuerung besitzen. Er nimmt auch an, daß der Mensch sich seiner Reaktionen bewußtwerden kann. Der Mensch kann durch das volle, unverzerrte Bewußtwerden von Bedürfnissen, Erfahrungen, Befriedigungsmöglichkeiten und von Umweltreaktionen verschiedene Reaktionsmöglichkeiten erwägen und schließlich zielgerichtetes Verhalten zeigen. Dies bedeutet auch, daß der Mensch im Prinzip die Möglichkeit hat, seine Fehlanpassung und ihre Bedingungen zu erkennen und sich auf eine größere Übereinstimmung mit seiner Aktualisierungstendenz hinzubewegen (Sieland 1979).

Carl Rogers entwickelte seine theoretischen Vorstellungen über Psychotherapie in langen Jahren intensiver klinischer Erfahrung. Er lehrte in den vierziger und fünfziger Jahren an der Universität und half dann, das Center for Studies of the Person in La Jolla, Kalifornien, aufzubauen.

Rogers geht von mehreren grundlegenden Annahmen über die menschliche Natur aus. Dabei hat er bestimmte Vorstellungen über die Art und Weise, wie diese zu verstehen ist :

1. Wir können andere nur aus der Perspektive ihrer eigenen Wahrnehmungen und Gefühle verstehen, d.h. aus ihrer phänomenologischen Welt. Nicht den Ereignissen selbst, sondern der Art und Weise, wie der andere sie erlebt, muß unsere Aufmerksamkeit gelten, denn die phänomenologische Welt des einzelnen ist die Hauptdeterminante seines Verhaltens und macht ihn einmalig.
2. Gesunde Menschen sind sich ihres Verhaltens bewußt. Insofern hat das System von Rogers Ähnlichkeit mit Psychoanalyse und Ich-Analyse, denn auch Rogers betont, daß Motive bewußt sein sollten.
3. Der Mensch ist von Natur aus gut und leistungsfähig. Gestörtes Verhalten und beeinträchtigtes Leistungsvermögen sind allein die Folge falscher Lernprozesse.
4. Verhalten ist zweck- und zielgerichtet. Menschen sind ihrer Umwelt und ihren inneren Trieben nicht passiv ausgeliefert, denn sie sind selbst-direktiv. In dieser Annahme ist Rogers den Ich-Analytikern näher als den Psychoanalytikern orthodox-freudianischer Prägung.
5. Der Therapeut sollte nicht versuchen, Ereignisse für den Klienten zu manipulieren. Er sollte vielmehr die Bedingungen schaffen, die es dem Klienten leichter machen, frei zu entscheiden. Wenn die Menschen sich keine Sorgen um Beurteilungen, Forderungen und Vorlieben anderer machen müssen, dann wird ihr Leben von der angebotenen Neigung zur Selbstaktualisierung bestimmt (Davison und Neale 1998).

4.1 Persönlichkeitspsychologische Begriffe

Als Merkmale für die klientenzentrierte Theorie gelten:

1. Sie wurde aus der kontinuierlichen Erfahrung mit einem breiter werdenden Spektrum von Klienten heraus entwickelt und nicht am Schreibtisch oder im Laboratorium.
2. Sie ist eine sich verändernde und weiterentwickelnde Theorie, die die in ihrem Ursprung ständig wachsende Forschungsarbeit und die Erfahrung mit neuen Klientenarten und –gruppen berücksichtigt.

(Corsini 1994)

Im folgenden werden einige zentrale Vorstellungen aus Rogers Persönlichkeitstheorie erläutert, welche in enger Beziehung zur Theorie der Therapie stehen.

Rogers erklärt das menschliche Verhalten aus der subjektiven Deutung der Realität des Handelns. Hierbei sind zentrale Begriffe: Erfahrung und Wahrnehmung.

Erfahrung:

Gemeint sind die aktuellen Vorgänge im Organismus, die durch physiologische Prozesse ausgelöst werden wie z.B. Hungergefühl bei Senkung des Blutzuckerspiegels, Vorgänge des Erinnerns oder die Wirkung von Umweltereignissen (über Reizungen der Sinnesorgane) durch Gerüche, Töne usw.

Diese sind im Prinzip bewußtseinsfähig, müssen aber nicht unbedingt im Bewußtsein gegenwärtig sein.

Beispiel: Ein Kind kann während eines faszinierenden Spiels seinen Hunger vergessen. Nimmt das Interesse ab, so würde die Erfahrung „Hunger“ mehr oder weniger deutlich bewußt werden. Das bedeutet, daß sie in den Brennpunkt der Aufmerksamkeit rücken würde.

Die Erfahrungen können also vorerst in „organismischer“ Form (d.h. nicht in Begriffen oder Bildern) z.B. als diffuse Empfindung vorliegen. Nur ein Teil der Erfahrungswelt wird vom Individuum bewußt erfaßt und symbolisiert.

Nach Rogers entspricht die Symbolisierung, d.h. die begriffliche oder anschauliche Repräsentation der Erfahrung, der Bewußtheit. Sie ist nicht einfach eine objektive Spiegelung von Umwelterfahrungen oder innerorganischen Prozessen, sondern vielmehr eine Deutung, eine individuelle Konstruktion der objektiven Realität aufgrund früherer Erfahrungen und aktueller Bedürfnisse.

Diese subjektive Abbildung der Realität ist die Grundlage des individuellen Verhaltens.

Beispiel: Ein zurückhaltendes Kind schlägt mit einem Ball eine Fensterscheibe ein. Die Eltern beobachten diesen Vorgang. Der Vater könnte stolz sein, daß sein Sohn etwas aus sich herausging, während die Mutter betroffen sein könnte, da sie an eine schlechtere nachbarliche Beziehung mit dem Betroffenen denkt. Vater als auch Mutter werden sich entsprechend ihrer Erlebnisweise verhalten. Wahrscheinlich wird die Mutter schimpfen und der Vater versucht auszugleichen und zu beschwichtigen.

Beide selegieren und symbolisieren eine objektiv gleiche Reizsituation aufgrund ihrer aktuellen Bedürfnisse und vorherigen Erfahrungen und werden sich auch dementsprechend verhalten. Daher kann das individuelle Verhalten am besten verstanden werden, wenn man von den Erfahrungen, vom inneren Bezugssystem des Individuums ausgeht. Es wird auch deutlich, daß nur der Einzelne selbst (unter günstigen Umständen) die Möglichkeit hat, sein ganzes Erfahrungsfeld, seine subjektive Realität zu erkennen.

Die Begriffe „Erfahrung“ und „Wahrnehmung“ werden in der Literatur offenkundig als austauschbar betrachtet. Rogers selbst mißt ihnen aber doch unterschiedliche Bedeutung bei.

Die Erfahrungen stehen demnach für die unmittelbaren psychischen Reaktionen des Organismus (organismische Erfahrungen) für äußere und innere Reize. Sie stellen das „Rohmaterial“ des menschlichen Bewußtseins dar und können mehr oder minder bewußt werden.

Wahrnehmungen:

Sie sind für Rogers dagegen bewußte Vorgänge, welche durch äußere Reize hervorgerufen werden. Sie werden als handlungsleitende Hypothesen auf der Basis vorheriger Erfahrungen gesehen.

Beispiel: Erblicke ich auf dem Tisch ein Gefäß mit einer weißen Substanz und nehme es als „Salz“ wahr, bedeutet das: Ich sage voraus, daß dieses Objekt, von dem die Reize ausgehen, bei einer Überprüfung durch Schmecken und Fühlen die Eigenheiten salzig und körnig zeigen würde, die ich früher als charakteristisch für Salz erfahren habe.

Um erklären zu können, daß äußere Reize offenkundig auch ohne bewußte Erfassung wirksam sind und zu sinnvollem Verhalten führen, zieht Rogers das Konzept der unterschwelligen Wahrnehmung (Subception) heran.

Ein Individuum hat die Möglichkeit zwischen bedrohlichen und nicht bedrohlichen Reizen zu unterscheiden und mit Flucht oder Meidung zu reagieren, ohne den Reiz zu symbolisieren (z.B. Diskussionen vermeiden, um nicht "dumm" dazustehen).

Emotionen (= Gefühle bzw. Affekte) begleiten und fördern das zielgerichtete Verhalten des Organismus. Es läßt sich folgende Einteilung treffen: unangenehme und/oder erregende Gefühle begleiten die Befriedigung suchende Anstrengung des Organismus und bewirken seine Konzentration auf das Ziel hin.

So führt z.B. Angst dazu, daß sich sämtliche Körpersysteme des Individuums auf Flucht richten. Angenehme und/oder ruhige Gefühle begleiten die Befriedigung des Bedürfnisses. Sie sind also verknüpft mit Verhalten, das die Erhaltung und Förderung des Organismus im Sinne seiner Verwirklichungstendenz sicherstellt. Diese einfache Beziehung gilt beim Kleinkind und bei Übereinstimmung zwischen Organismus und Selbstkonzept.

Die Intensität der Emotionen steigt mit der Bedeutsamkeit des Verhaltens für die Bedürfnisbefriedigung des Individuums.

Beispiel: Ein rettende Sprung auf den Bürgersteig ist von stärkeren Emotionen begleitet als das Lesen dieses Textes.

Im "organismischen Bewertungsprozeß", der Grundausstattung jedes Individuums, werden die Erfahrungen daraufhin überprüft, ob sie der Selbsterhaltung und Förderung des Organismus förderlich sind. Kriterium dieser Bewertung ist also die Aktualisierungstendenz des Organismus. Die Bewertungen in diesem Prozeß sind nicht lebenslang fixiert. Erfahrungen werden genau symbolisiert und kontinuierlich neu bewertet hinsichtlich der organismisch erfahrenen Befriedigung.

So mag ein Kind in einem Augenblick Anregung wünschen, im nächsten Moment Ruhe.

Folgende Darstellung verdeutlicht den Ablauf dieses organismischen Bewertungsprozesses (nach Ford u. Urban, 1965).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Schema des organismischen Bewertungsprozesses

Dazu ein einfaches Beispiel:

Jemand ist hungrig (1). Er geht ins Cafe, wählt Kuchen aus und ißt ihn (2). Das Essen produziert Reaktionen mittels äußerer und innerer Sinnesorgane (3). Es löst angenehme Gefühle aus, d.h. es schmeckt (4), was das Individuum deutlich wahrnimmt (5) und was in ihm positive Gedanken darüber auslöst (6). Er wird wahrscheinlich weiteressen bzw. wiederkommen (7).

In die endgültige Bewertung gehen also die organismischen Erfahrungen und die auf sie folgenden emotionalen Reaktionen ein.

Die bisher geschilderten Beziehungen zwischen den Konstrukten: Organismus, Aktualisierungstendenz, Bedürfnis, zweckgerichtetes Verhalten zur Bedürfnisbefriedigung und organismischer Bewertungsprozeß werden durch die Einführung eines weiteren Konstrukts, das Selbstkonzept, kompliziert.

Das Selbstkonzept ist, gegensätzlich zu den anderen Konstrukten, ein Lernprodukt aus der Interaktion mit der vorwiegend sozialen Umwelt.

Es besteht aus Erfahrungen:

- der eigenen Person, ihrer Eigenarten und Fähigkeiten: „Ich hatte immer schon zwei linke Hände“
- der Beziehung zu anderen oder zur Umwelt: „Bei Kindern komme ich besonders gut an“
- der Wertqualitäten, die mit bestimmten Erfahrungen und Objekten wahrgenommen werden: „Sex macht mir besonders Spaß“
- der Ziele und Ideale, die als von negativer oder positiver Bedeutung wahrgenommen werden: „So borniert wie Herr Meier möchte ich nicht werden“.

Die einzelnen Selbsterfahrungen sind nicht als isoliert nebeneinander existierende Elemente aufzufassen. Sie sind aufeinander bezogen und bilden eine Struktur. Normalerweise werden solche Selbstfahrungen gewohnheitsmäßig in das Selbstkonzept integriert, wenn die bestehenden Selbsterfahrungen übereinstimmen. Ändert sich eine dieser Erfahrungen, so hat das Auswirkungen auf die anderen.

Für die meisten Menschen sind solche Änderungen des Bildes von sich ("So bin ich") möglich, wobei die Grundstruktur zumindest über längere Zeit hinweg erhalten bleibt. Dies deutet zugleich den Prozeßcharakter des Selbstkonzeptes an.

Das Selbstkonzept umfaßt also gewohnheitsmäßiges Nachdenken über die eigene Person sowie auch deren Bewertung und führt dazu, daß Umwelt- oder Körperereignisse, die mit bedeutsamen Selbsterfahrungen verbunden sind, stärker beachtet werden.

[...]

Details

Seiten
47
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638130967
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v5099
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Psychologisches Institut
Note
1
Schlagworte
Gesprächspsychotherapie Rogers Gesprächstherapie

Autor

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Titel: Die klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie von C. R. Rogers