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Die Bedeutung der "fides" in der römischen Republik

Hausarbeit 2015 15 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Fides – Eine erste Definition
2.1 Das Patron – Klient – System
2.2 Das Bundesgenossensystem

3. Der erste punische Krieg als Paradebeispiel für das Wesen der fides

4. Die Mentalität des populus romanus

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der erste punische Krieg (264 – 241 v. Chr.) stellt in seiner Gesamtheit ohne jeden Zweifel ein bedeutendes weltgeschichtliches Ereignis dar.1 So war es die erste größere Auseinandersetzung Roms mit der karthagischen Großmacht, welche das junge italische Bundesgenossensystem erstmals auf die Probe stellen sollte. In den langen Jahren des Krieges mussten sowohl die römischen Bürger als auch die Verbündeten Roms unzählige Niederlagen erdulden, und doch gelang es ihnen am Ende, den Sieg für sich zu erringen. Angesichts dieser verlustreichen Rückschläge erscheint es erstaunlich, dass der Krieg über diese Dauer fortgeführt wurde und es stellt sich die Frage, was die Römer dazu veranlasste, ihn mit solch einer Zähigkeit bis zu seiner letzten Entscheidung durchzukämpfen.

In dieser Arbeit soll untersucht werden, inwiefern die Mentalität des populus romanus Grund für die Hartnäckigkeit und somit auch für den Verlauf des Krieges war. Besonderer Schwerpunkt wird hierbei auf die fides gelegt, welches ein für die römische Republik charakteristisches Phänomen darstellt und mitunter der stärkste Halt des Volkslebens war.2 Doch welchen Platz haben die fides in der politischen Kultur? Welche Rolle spielt das Klientelwesen und das römische Bundegenossensystem im ersten punischen Krieg? Diese Fragen sollen auf den kommenden Seiten untersucht und beantwortet werden.

Das Hauptaugenmerk dieser Arbeit richtet sich jedoch auf die Frage, was genau der Antrieb für die Beharrlichkeit im Krieg gegen die Karthager war, wobei dem Geist der römischen Kultur in der Republik besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden soll.

In der Forschung ist die Diskussion zum sozialen und staatlichen Leben in der Republik genauso aktuell und lebendig wie auch die Debatte um die politische Rolle des römischen Volkes.3 Grundlage dieser Arbeit ist der Aufsatz „Die Römer im Ersten Punischen Krieg“ von Hans-Joachim Gehrke aus dem Jahre 2002.4 Gehrke wiederum stützt sich weitgehend auf die Überlegungen Heuss`, welcher sich in seinem Buch mit dem Titel „Der erste punische Krieg und das Problem des römischen Imperialismus“ besonders mit dem Thema der Kriegsursachen und der Zielsetzungen beschäftigt.5 Auch Richard Heinzes Aufsatz „ fides “ bildet eine Grundlage der folgenden Ausführungen.6 Als zeitgenössische Quelle bietet wohl der antike Geschichtsschreiber Polybios die besten Zeugnisse, dessen Aussagen ein wesentliches Fundament der verwendeten Literatur bedeuten.

Da die Bedeutung der fides nicht nur in einem beschränkten Bereich zu betrachten ist, sollen im Folgenden verschieden Facetten des römischen Phänomens aufgezeigt werden, hierunter in erster Linie das Klientelwesen und das römische Bundesgenossensystem. Zudem eignet sich der erste punische Krieg in seinem Beginn und seiner stufenweisen Entwicklung hervorragend um das Wesen der fides zu analysieren und zu erklären. Aus diesem Grunde wird dem Kriegsverlauf in dieser Arbeit entsprechende Aufmerksamkeit gewidmet. Am Ende soll zudem noch ein Einblick in die Mentalität des populus romanus gewährt werden, wobei die Darstellung der Religion und auch Ereignisse wie die pompa funebris das Zusammengehörigkeitsgefühl repräsentieren sollen.

2. Fides – Eine erste Definition

Eingangs soll der Begriff der fides näher erläutert werden. Um keine floskelhafte Beschreibung zu riskieren, sollen die verschiedenen Facetten des Begriffs beleuchtet werden und gleichzeitig seine Vielseitigkeit verdeutlichen. So handelt es sich um einen Terminus, der nicht mit einem einzigen deutschen Wort wiederzugeben ist, welches ansatzweise die gleichen Vorstellungen im Leser weckt, wie es fides tut.7

Zunächst soll es für einen Einstieg in das Thema jedoch ausreichen, den Begriff mit den deutschen Wörtern des Vertrauens und des Glaubens zu übersetzen. Auch Termini wie „Gewähr“, „Treue“ und „Glaubwürdigkeit“8 können helfen, den Begriff einzuordnen. Durch einen Artikel des neuen Paulys wird der Begriff zunehmend konkretisiert, indem hier von einer Beständigkeit/Wahrhaftigkeit des gegebenen Wortes bzw. des Vereinbarten die Rede ist.9 Nach Cicero sei fides sogar die „Grundlage der Gerechtigkeit“10. So begründet nach Richard Heinze fides die sittliche Verpflichtung innerhalb des populus romanus und stellt so den stärksten Halt des Volkslebens dar, ja gilt sogar als die moralische Schöpfung eines Volkes.11

Doch nicht nur auf der sozialen Ebene, sondern auch in der Religion im antiken Rom spielt der Begriff der fides eine wichtige Rolle. Bei der Göttin fides handelt es sich um eine jahrhundertealte Gottheit, welche als Personifikation der Treue und Wahrhaftigkeit galt und verehrt wurde. In Abbildungen aus dem alten Rom wird sie verhüllt dargestellt, häufig mit einem Schleier oder auch geschmückt mit einem Kranz. Ihre Aufgabe war es, die treuen Bünde außerhalb, aber vor allem die innerhalb Roms zu schützen und über die Einhaltung von Vereinbarungen und Versprechen zu wachen. Da den Bündnissen und gleichsam deren Schutz eine hohe Bedeutung in der Gesellschaft zugemessen wurde, errichtete der Konsul Aulus Atilius Caiatinus im Jahre 254 v. Chr. sogar einen Tempel für die Göttin, welcher in den Jahren danach erweitert und restauriert wurde.12

Als erstes Fazit lässt sich also festhalten, dass die fides die Grundlage für die moralische Schöpfung des populus romanus war und sich die Römer durch sie seinen Mitbürgern gegenüber sittlich gebunden fühlten. Zudem standen ihre Bündnisse und Versprechungen unter dem göttlichem Schutz, was diesen (Bündnissen) zusätzlich eine besondere Bedeutung verlieh.

2.1 Das Patron – Klient – System

Auf dem Begriff der fides ruhend, sollte an dieser Stelle ein weiteres Phänomen der römischen Gesellschaftsordnung als Stützpfeiler der römischen Republik13, näher erläutert werden. Hierbei handelt es sich um das Klientelwesen, welches als soziales Institut den Römern eigen war und durch die gesamte Geschichte der Republik und noch weit danach ein Fundament der staatlichen Ordnung bildete.14 Die Klientel waren personale Verhältnisse, welche zwischen einer Person mit Sozialprestige, Macht und Ansehen (Patron) und einer Person (oder einer Gemeinde) mit geringerem Ansehen bestanden (Klient).

Die Aufgaben des Patron innerhalb dieses Verhältnisses bestanden darin, seinem Klienten Schutz zu gewähren, sowohl auf sozialer als auch auf juristischer Ebene. Er hatte also für die Existenz seiner Klienten Sorge zu tragen, vertrat ihre Interessen und schützte sie vor Ungerechtigkeiten innerhalb der Gesellschaft. Dies geschah vor allem vor Gericht, wobei der Patron seinen Klienten vertrat und sein Ansehen innerhalb der res publica mit dem Ausgang dieser Gerichtspatronaten steigen oder fallen konnte.15 Aufgabe der Klienten hingegen war es vor allem, ihren Patron auf politischer Ebene zu unterstützen und deren politischen Willen zu absorbieren. Dies geschah in erster Linie durch Wahlen, indem sie ihr Stimmrecht für ihren Herren einsetzten, sei es bei einer Wahl zur Magistratur oder bei Gesetzesanträgen innerhalb der Volksversammlungen. Trotz der politischen und juristischen Hintergründe blieb die Beziehung zwischen Patron und Klient jedoch dem sozialen Leben zuzuordnen.

Obwohl dieses System auf den ersten Blick so abgeklärt und durchsichtig wirken mag, ist dem Begriff des Klientelwesens jegliche rechtliche Verpflichtung ursprünglich fremd. Es handelt sich um ein individuelles abstraktes Verhältnis, welches nirgends die Pflichten der beiden Parteien eindeutig festhielt und dadurch auch ebenso individuelle Verhaltensweisen verlangte. Diese Unbestimmtheit war jedoch durchaus gewollt und bildete die Grundlage des Klientelwesens.16 So gab es weder eine staatliche Ordnung noch rechtliche Strafen, die die Einhaltung der Pflichten garantierte.17 Es hätte außerdem dem Wesen der fides widersprochen, wenn dem Patron das Recht zustünde, Gegendienst von seinem Klienten zu fordern (oder umgekehrt).

Doch wodurch wurde dieses Verhältnis geschützt? Da es sich bei dem Klienten um den schwächeren Part dieses Vertrauensbundes handelte, bedurfte dieser eines Schutzes, welcher durch das Zwölftafelgesetz aus dem Jahre 450 v. Chr. garantiert wurde.18 Dieses drohte dem Patron bei Bruch des Verhältnisses mit Ächtung. Und diese Androhung wirkte tief. Denn für einen römischen Bürger war das Ansehen innerhalb der res publica das wichtigste und erstrebenswerteste Gut. Wer die fides verletzte, schadete sich selbst, da dies den politischen Einfluss und seinen Wert erheblich minderte.19 Jochen Bleicken geht sogar so weit zu sagen, dass die Folgen einer Pflichtverletzung so schwerwiegend waren, dass sie die wirtschaftliche und persönliche Existenz des Patron gänzlich vernichteten20. Der Bruch der fides bedeutete die Zerstörung der moralischen Persönlichkeit und den Verlust der Achtung innerhalb der römischen Gesellschaft.

2.2 Das Bundesgenossensystem

Nicht nur innerhalb der römischen Gesellschaft, sondern auch im internationalen Verkehr Roms war die fides romana, die fides Roms im Verhältnis zu anderen Völkern, die Grundlage allen Handelns21 und bekräftigte als Besonderheit der sozialen Ordnung die innere Stärke Roms. Die äußere Stärke und Macht Roms beruhte vor allem auf dem Bundesgenossensystem. Staatsrechtlich gesehen stellte diese römisch-italische Wehrgemeinschaft ein absolutes Unikum dar. In seiner Entwicklung hatte diese Wehrgemeinschaft nie das Ziel vor Augen, sich zu einem durchdachten und durchorganisierten System zu entwickeln. Dennoch lässt es sich als solches bezeichnen.22 Der Begriff des "Bundes" im Zusammenhang mit dem römischen Herrschaftssystem weckt unzutreffende Assoziationen. Es handelte sich keinesfalls um einen „Bundesstaat“, denn die Stadtgemeinden, die in dieses System miteinbezogen waren, blieben formalrechtlich souverän, d.h. sie blieben autonom.23 Auch darf im Leser nicht der Gedanke an einen Staatenbund geweckt werden, denn schließlich existierten zwischen den italischen Städten und Rom sogenannte bilaterale Verträge, welche keine politische Willensbildung der Bundesangehörigen erlaubte. Auch der Begriff der „Genossen“ ist irreführend. So handelte es sich bei Rom in diesem Verhältnis nicht um einen Partner, sondern um eine Vormacht und die Verbündeten dürfen nicht als Genossen, sondern als „Abhängige“ bzw. als „Unterworfene“ bezeichnet werden.24

[...]


1 Heuss 1970, 5.

2 Heinze 1960, 80.

3 Bleicken 1999,136.

4 Hans-Joachim Gehrke, Die Römer im Ersten Punischen Krieg. Res publica reperta. Zur Verfassung und Gesellschaft der römischen Republik und des frühen Prinzipats, Festschrift für Jochen Bleicken zum 75. Geburtstag, hrsg. von J. Spielvogel, Stuttgart 2002, 153-171.

5 Alfred Heuss, Der Erste Punische Krieg und das Problem des römischen Imperialismus. (Zur politischen Beurteilung des Krieges), 3., neu durchgesehene und berichtigte Auflage, Darmstadt 1970.

6 Richard Heinze, Vom Geist des Römertums. Ausgewählte Aufsätze, 3., erweiterte Auflage, hrsg. von Erich Burck, Darmstadt 1960.

7 Heinze 1960, 61.

8 Heinze 1960, 59.

9 Prescendi, DNP 4, 1990, 507f.

10 Prescendi, DNP 4, 1990, 507.

11 Heinze 1960, 80f.

12 Zur Göttin fides siehe: DNP S. 506/7

13 Merten 1965, 3.

14 Bleicken 1995, 24.

15 Heinze 1960, 73.

16 Bleicken 1995, 28

17 Heinze 1960, 75.

18 Prescendi, DNP 4, 1990, 507-9.

19 Merten 1965, 3.

20 Bleicken 1995, 26.

21 Merten 1965, 4.

22 Bleicken 1999, 38.

23 Heftner 2005, 95.

24 Bleicken 1999, 38.

Details

Seiten
15
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783346074447
ISBN (Buch)
9783346074454
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v509883
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,7
Schlagworte
punische Kriege fides Rom

Autor

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Titel: Die Bedeutung der "fides" in der römischen Republik