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Human Enhancement. Die Maximierung der individuellen Leistungsfähigkeit durch Neuroenhancement und technischen Fortschritt

Wissenschaftlicher Aufsatz 2014 20 Seiten

Medizin - Pharmakologie, Arzneimittelwesen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

1) Einleitung

2) Generelle Wirkungsweisen

3) Potenzielle Präparate
3.1 Methylphenidat
3.2 Antidepressiva
3.3 Modafinil
3.4 Natürliche Stoffe, Soft-Enhancer und Drogen

4) Prävalenzraten. 8

5) Motivatoren und Inhibitoren

6) Der soziokulturelle Kontext
6.1 Das gesellschaftliche und mediale Interesse
6.2 Akzeptanz und moralische Grenzen
6.3 Gesellschaftlicher Nutzen und ethische Betrachtungsweise

7) Technische Domäne
7.1 Heutige Möglichkeiten
7.2 Aussichten

8) Diskussion und Kritik

9) Quellenverzeichnis

Abstract

Human Enhancement beschäftigt sich mit der Verbesserung des Menschen als Ganzes auf kognitiver, emotionaler und motivationaler Ebene, ohne eine medizinische Notwendigkeit. Pharmakologisches Neuroenhancement ist der primäre Hoffnungsträger, der diesen progressiven Prozess einleiten soll. Über die exemplarische Darstellung einiger pharmakologischer Medikamente hinaus werden grundlegende Prävalenzen und Motive dargelegt. Danach folgt eine mediale, gesellschaftliche und sozialethisch Betrachtung auf Neuroenhancemant. Die Arbeit schließt mit dem technischen Teil, welcher besonders futuristisch beleuchtet und einer anschließenden kritischen Diskussion unterzogen wird.

Human enhancement deals with the improvement of human beeings on a cognitive, emotional and motivational level without any medical necessity. Nowadays pharmacological neuroenhancement is the strongest faktor to initiate this process. Moreover the presentation of some selected remedies in the study outlines the prevalence and motives for using neuroenhancement. This is followed by a medial, social and socio-ethical view on neuroenhancement. The paper ends with a technical domain, which is particularly futuristically illuminated, and finally leads to a critical discussion.

1) Einleitung

Human Enhancement (engl. enhancement für Verbesserung oder Steigerung) bezieht sich auf eine, durch natürliche oder künstliche Mittel erreichte Verbesserung des Menschen. Diese soll die jetzigen Grenzen unserer Fähigkeiten aufheben und auf ein neues Level bringen. Etwas spezifischer ist der Terminus des Neuroenhancements. Dieser schließt die technische Domäne aus.

Pharmakologisches Neuroenhancement (PN) bildet einen Sammelbegriff für alle medizinischen Substanzen, welche sowohl die kognitive als auch die emotionale und motivationale Verbesserung von gesunden Personen herbeiführen soll. In Analogie zum Leistungssport spricht man stellvertretend auch von „Hirn Doping“. Dies legt auch nah, dass es sich bei PN teilweise um eine missbräuchliche Einnahme von entweder verschreibungspflichtigen oder illegalen Substanzen handelt. Der Begriff Cognitiv Enhancment kennzeichnet noch etwas genauer die Verbesserung rein kognitiver Fähigkeiten. Sogenannte „Soft Enhancer“ wie Kaffee oder Traubenzucker fallen deswegen in die Kategorie Neuroenhancement, aber nicht in die Gattung Cognitiv Enhancement.

Da es sich bei der Definition von Neuroenhancement nicht um eine vereinheitlichte handelt, gibt es auch Fachliteratur, in der sogar stimmungsaufhellende Mittel wie Alkohol zu Neuroenhancement gezählt wird.

Um Missverständnissen vorzubeugen werden die von mir vorgestellten Messdaten immer erst operationalisiert, um die doch recht schwammigen Begrifflichkeiten des Neuroenhancement klarer zu definieren. Das Streben nach Verbesserung und Optimierung liegt im menschlichen Sein. So zieht es sich durch die Geschichte, dass Menschen immer wieder versucht haben, ihren Geist und ihren Körper so zu gestalten, dass die eigene Leistungsfähigkeit zunahm. Die daraus entstandene Diskussion über PN ist also keine neue, sie wurde lediglich aufgrund einer starken Medienpräsenz und der immer wachsenden Vielfalt an pharmazeutischen Produkten neu aufgerollt.

Auf der einen Seite genießt Neuroenhancement ein starkes gesellschaftliches Interesse, auf der anderen fehlt es jedoch an wissenschaftlichen Studien und Belegen (Partridge, Bell, Lucke, Yeates, & Hall, 2011). Erst nach einer entsprechenden Grundlagenforschung ist überhaupt daran zu denken, PN real und weniger medial einzugliedern.

2) Generelle Wirkungsweisen

Welche Wirkungsmechanismen und Ansätze zum kognitiven Enhancement gibt es?

Alle derzeit bekannten potenziellen Neuroenhancer wurden ursprünglich zur Therapie von Kranken entwickelt. Noch gibt es keine Medikamente, welche explizit für die Verbesserung von Gesunden hergestellt werden. In dem Zusammenhang spricht man von einem off-label use, da zugelassene Arzneien außerhalb ihres Anwendungsbereichs eingenommen werden. „Aus pharmakologischer Sicht spielt es aber durchaus eine Rolle, ob mit einem Eingriff ein gestörtes System korrigiert, oder ein normal funktionierendes System optimiert werden soll“ (Dimitros Repantis, 2011).

Nur bei entsprechend defizitärem Gesundheitszustand können die Medikamente im vollständigen Maße ihre entsprechenden Wirkungsweisen entfalten. Aufgrund der Illegalität des off-label use von PN bei Gesunden, gibt es nahezu keine Experimentalstudien, welche die Wirksamkeit oder die Unwirksamkeit eines Stoffes belegt. Die Wissenschaft beschränkt sich hier primär auf die Methode der systematischen Befragung bezüglich Neuroenhancement.

Das kognitive Enhancement erweist sich als das am schwierigsten zu verbessernde System. Intelligenz ist ein komplexes, hypothetisches Konstrukt, welches nicht mit einer monokausalen Veränderung verbessert werden kann. Das Zusammenspiel von elektrischer und chemischer Reizübertragung im Gehirn ist dermaßen ausdifferenziert, dass die Medikamente punktgenau die spezifischen Anwendungsfelder modifizieren, ohne gleich das gesamte Gehirn mit ihrer Substanz zu fluten. Die meisten Psychopharmaka, sowie die größte Zahl der PN, setzen bei der chemischen Signalübertragung im synaptischen Spalt an (Boris B. Quednow, 2010). Die dort agierenden Neurotransmitter können nun von den Substanzen angepasst und modifiziert werden.

Die wichtigsten Mechanismen bilden dabei die Neurotransmittersynthese, die Stimulation oder Blockierung der Rezeptoren oder die direkte Enzymblockade (Boris B. Quednow, 2010). Durch ein exakt ausgewogenes Zusammenspiele von einer Vielzahl Botenstoffen, hat sich unser Gehirn evolutionär genauestens den Umweltbedingungen angepasst.

Dadurch ist ein gesundes Gehirn ein in sich nahezu perfektes System, und keine bis jetzt erfundene Tablette kann dieses erheblich verbessern ohne Defizite in anderen Regionen hinnehmen zu müssen. Es gibt zwar schon Stoffe, welche beispielsweise das Arbeitsgedächtnis erweitern können, aber nur auf Kosten einer Reduktion andere Hirnareale (T. K. Metzinger, 2012).

Bei ausgeschlafenen, vigilen Probanden wird also keine Leistungssteigerung bei PN stattfinden. Bei müden Personen verhält es sich etwas anders. Studien zeigen, dass die Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit durch PN signifikant verbessert werden kann (T. K. Metzinger, 2012). Und tatsächlich setzen die meisten PNs an dieser Stelle an. Sie bilden eine Art kognitiven Enhancer zweiter Ordnung, indem sich indirekt - über Verbesserung der Vigilanz und der Motivation - die eigentliche Leistungsfähigkeit verbessert (Boris B. Quednow, 2010).

Dabei spielt die Wiederherstellung der inneren Homöostase eine wichtige Rolle. Bei Personen mit einer geringen Intelligenz setzten die Medikamente durchschnittlich besser an, als bei Personen die von hause aus eine hohe kognitive Leistungsfähigkeit mitbrachten. Bei ihnen kam es sogar oftmals zu einem gegenläufigen Effekt, indem sie aufgrund der eingenommenen Substanzen schlechtere Testergebnisse erzielten als ohne Substanz (2010; Hariri et al., 2003). Grundsätzlich gilt bei Neuroenhancemant genau so wie bei anderen pharmakologischen Wirkungszielen: Es gibt keine Wirkung ohne eine Nebenwirkung (S. Schleim . H. Walter, 2007).

3) Potenzielle Präparate

Welche Substanzen könnten potenzielle Neurohenhancer sein?

3.1 Methylphenidat

Der chemische Wirkstoff Methylphenidat (MPH) findet wohl am meisten Anwendung in dem Medikament Ritalin®. Bei Methylphenidat handelt es sich um eine Substanz, welche die Neurotransmitter Noadrenalin und Dopamin erhöht. Dies geschieht durch eine Wiederaufnahme der Transmitter in den Präsynapsen. Bei einer erhöhten Dopamin und Noadrenalin Ausschüttung kommt es zu einer Steigerung der inneren Erregung, des Wachzustands und der Motivation (Boris B. Quednow, 2010). Die Wirkungsweise von MPH ist angelehnt an der von Amphetaminen, jedoch bleibt die für Amphetaminen typische, starke euphorisierender Wirkung aus. Das Medikament Ritalin kommt primär zur Anwendung in der Behandlung von Aufmerksamkeitsdefizit / Hyperaktivität bei Kindern. MPH ist die Substanz, welche am ehesten als Cognitiv Enhancement gehandelt wird. Michale Gazzaniga spricht in seinem Buch „The Ethnical Brain“ über eine Leistungssteigerung von ca. 7 IQ Punkten durch Einnahme von Ritalin (Michael Gazzaniga, 2006). Diese Angaben sind jedoch sehr kritisch zu betrachten, da es an entsprechenden wissenschaftlichen Belegen mangelt. Was aber bewiesen werden konnte ist, dass die Versuchspersonen unter MPH zu einer erhöhten Selbsteinschätzung neigen. Diese Selbstüberschätzung trägt dazu bei, dass Medikamenten wie Ritalin eine enhancende Wirkung nachgesagt wird, obwohl dies lediglich ein subjektives Gefühl darstellt.

3.2 Antidepressiva

Auch bei Antidepressiva wird der Neurotransmitterhaushalt so versucht zu regulieren , dass alle Botenstoffe (besonders Serotonin Dopamin und Noadrenalin) im richtigen Verhältnis zueinander stehen. Antidepressiva ist laut Robert-Koch-Institut (2010) mit 4,9 % das in Deutschland am meisten eingenommene rezeptpflichtige Medikament zur Verbesserung oder Steigerung der geistigen Fähigkeit. In seiner primären Wirkung handelt es sich bei Antidepressiva eher um eine Art „mood enhancer“.

Eine positivere Stimmung fördert aber auch eine verbesserte Lern- und Leistungsfähigkeit , da das Belohnungszentrum im Gehirn mehr in den Lernprozess mit einfließen kann. Stimmungsaufhellende Medikamente oder sogenannte „Lifestyle Drugs“ werden jedoch überwiegend nicht aus dem Motiv der kognitiven Steigerung konsumiert. Die ursprünglich für psychische Erkrankungen entwickelten Medikamente finden heutzutage immer mehr Anwendung im Kurieren von Alltagsproblemen. Durch diese Tendenz und durch das medizinisch breitgefächert Anwendungsfeld bei Antidepressiva, wird dem Medikament auch ein Effekt bei gesunden Personen nachgesagt. (Dimitros, Repantis 2011) Damit die Wirkung von Antidepressiva vollständig anschlagen kann, bedarf es einer Vorlaufzeit von acht Tagen bis zu 3 Wochen je nach Medikament (Matthias Thalhammer, 2012) Ein dahingehendes Enhancement ist also weitläufig durchzuplanen und nicht geeignet für eine einmalige Spontanhandlung. Für wissenschaftliche Studien stellt dies einen zusätzlich Zeit- und damit auch Kostenfaktor dar.

3.3 Modafinil

Modafinil verspricht Hochleistung trotz wenig Schlaf. Es ist ein Wirkstoff, welcher eingesetzt wird gegen Narkolepsie, obstruktiven Schlafapnoe- Syndrom und chronischen Schichtarbeiter-Syndrom. Es findet in den Arzneien Modasomil© und Vigil© Anwendung (S. Schleim . H. Walter, 2007).

Untersuchungen zufolge trägt Modafinil dazu bei, dass Nachtschicht Arbeiter im Krankenhaus eine gesteigerte Aufmerksamkeit und eine bessere kognitive Kontrolle haben. Damit einher geht ein verbessertes Arbeitsgedächtnis. In der Experimentalgruppe kam es im Gegensatz zu der Placebogruppe jedoch vermehrt zu Ein- und Durchschlafproblemen (Gill, Haerich, Westcott, Godenick, & Tucker, 2006) .

Das Anwendungsgebiet bei Modaphenil etwas breiter gefächert. Es kommt nicht nur unter Studenten oder in akademischen Kreisen zur Anwendung. Auch das Militär ist daran interessiert, Forschung in dieser Richtung zu betreiben, um zum Beispiel lange Auslandseinsätze mit wenig Schlaf zu ermöglichen (Husain & Mehta, 2011). Im engeren Sinn handelt es sich bei Modafinil jedoch eher um einen Wachmacher als um ein Neuroenhancement.

3.4 Natürliche Stoffe, Soft-Enhancer und Drogen

Oft wird darüber spekuliert, ob es natürliche Stoffe gibt, welche einen Effekt auslösen, der die Gehirnleistung erweitert. Ein dahingehend immer wieder zu Diskussion stehendes Substrat ist Ginko. Ginko wird aus der Rinde des in Ostasien beheimateten Ginkobaums gewonnen. Eine sechswöchige, randomisierte, Placebo kontrollierte Doppelblindstudie mit 130 Versuchspersonen ergab kein signifikanten Ergebnisse in Aufmerksamkeit und Gedächtnis zwischen Ginkosubstrat und Placebo (Solomon, Adams, Silver, Zimmer, & DeVeaux, 2002) .

Vorteile der meisten natürlichen Stoffe sind die geringen Nebenwirkungen. Leider gehen diese mit einer an sich geringen Wirkung einher. Der psychologisch wirkende Placeboeffekt auf die eigenen kognitive Fähigkeiten ist jedoch nicht zu unterschätzen. Der durch Selbstindunktion internalisierte Glaube an einen Wirkstoff kann ausschlaggebend für dessen Leistungsfähigkeit sein.

Unter die Kategorie der sogenannten Soft-Enhancer sublimieren sich hauptsächlich alle Arten von frei verkäuflichen Mitteln wie Energy Drinks (Taurin),Traubenzucker, isotonische Getränke und jedwede Form von koffeinhaltigen Lebensmitteln.

Im Gegensatz zu den verschreibungspflichtigen Medikamenten sind die Soft-Enhancer arm an Nebenwirkungen und weniger gesundheitsgefährdend, weil diese eine weniger starke Beeinflussung des Zentralnervensystems darstellen. Hierbei kommt es erst nach exzessiver Benutzung zu ungewollten Nebeneffekten. Bei Koffein habituiert sich der Körper relativ schnell, sodass die Menge des Substrats stetig erhöht werden muss, um eine gleichbleibende physiologische Reaktion herbeizuführen. Von denjenigen Personen , die als Ziel angaben, ihre geistige Leistungsfähigkeit verbessern zu wollen, griff der überwiegende Teil zu frei verkäuflichen Produkten. Spitzenreiter hierbei sind Traubenzucker (83,9 %) Energy Drinks (61,%) und isotonische Getränke (44,2%) . Illegale chemisch-synthetische Stimulanzen erreichen in der gleichen Umfrage einen Prozentwert von lediglich zu 3,2 % (Cornelia Lange Jens Hoebel et al., 2011).

Aktuell ist die halb-synthetische Droge Crystal Meth für ihre anfänglich aufputschende Wirkungsweise bekannt. Sie überschwemmt von Osteuropa her kommend die deutschen Städte. Crystal Meth ist die Droge, die derzeit bei den Konsumenten die größte leistungssteigernde Wirkung verspricht. 50 Prozent der Konsumenten geben den Beruf als Motiv für die Einnahme an. (Kistner, 2014) Nach einem anfangs gesteigerten Selbstbewusstsein, Produktivitätsdrang und einem anhaltenden Hochgefühl folgt bald ein Einbruch mit verheerenden, irreversiblen physischen Schäden.

4) Prävalenzraten

Wie verbreitet ist Neuroenhancement wirklich ?

Je nach Modulation und Setting einer Studie schwanken die prozentualen Prävalenzen zwischen 5 % und 35 %. Das ergab eine amerikanische Metastudie über das Konsumverhalten von PN an Universitäten. (Hildt, Franke, & Lieb, 2011).

Aus einer repräsentativen, randomisierten E-Mail Befragung von über 10.000 amerikanischen Studenten kam heraus, dass 6,9% wenigstens einmal im Leben verschreibungspflichtige Arzneien für einen nicht medizinischen Zweck verwendet haben. 4,1% der Befragten taten dies innerhalb des letzten Jahres, und nur 2,1 % betrieben im letzten Monat einen „off-lable use“ (McCabe, Knight, Teter, & Wechsler, 2005). Die Zielgruppe, welche dabei am häufigsten einen solchen Gebrauch ausübten, ist männlich, weiß, und hatte eher unterdurchschnittliche Zensuren. Hinzu kam ein höherer Risikofaktor bei Mitgliedern von Studentenverbindungen und Elitecollage, die vorwiegend im Nordosten der USA beheimatet sind. Je nach Collage gab es eine Prävalenz Range von 0 % bis 25% (McCabe et al., 2005). Nicht nur das Collage, sondern auch das Studienfach ist ausschlaggebend in der Haltung gegenüber PN. In Sport bezogenen Studienfächern kommt es laut einer deutschen Studie zu den höchsten Prävalenzraten (25,4%) (Dietz et al., 2013). Diese Prozentzahl ist jedoch mit Vorsicht zu betrachten, da es an großangelegten, repräsentativen deutschen Studien noch mangelt. Die am ehesten konvergierende Befragung im deutschsprachigen Raum ist der (DAK-Gesundheitsreport, 2009)welcher das Schwerpunktthema Doping am Arbeitsplatz hat. Die Befragungen bezogen sich jedoch dabei nicht nur auf Studenten. Der DAK - Gesundheitsreport ergab , dass 5 % der befragten Arbeitnehmer verschreibungspflichtige Medikamente zur Verbesserung der Leistungsfähigkeit oder des Wohnbefindens einnehmen.

Die große Spannweite an Daten ergibt sich aus den intern gesetzten Vorgaben. Beispielsweise differenzieren einige Studien nicht in der Regelmäßigkeit der Einnahme. Dadurch wird eine Person, die eine einmalige Lebensprävalenzrate hat, medial gleich als ein Konsument klassifiziert. Ein weiterer Aspekt, welcher nicht durchgehend gleichmäßig behandelt wird, ist die Motivation hinter dem Enhancment. Dies geht sicherlich mit den individuellen Auslegung der Begrifflichkeiten einher. So ziehen einige Studien keine Grenzen zwischen der Einnahme zur Leistungssteigerung und der Einnahme von verschreibungspflichtigen Medikamenten zum Abnehmen oder zum freizeitlich angelegten „ High“-Gefühl (Sattler, Sauer, Mehlkop, & Graeff, 2013). Es ist wichtig diese Settings additiv zu den Prozentzahlen zu übernehmen, da es sonnst zu einer starken Verzerrung der Ergebnisse kommt (siehe mediale Darstellungen Seite 10).

Vergleicht man die verhältnismäßig geringe Resonanz bei den Umfragen bezüglich Neuroenhancement (Hildt et al., 2011),(Maier, Liechti, Herzig, & Schaub, 2013) mit der epidemiologischen Prävalenzrate, so kann man davon auszugehen, dass es sich hier um eine hohe Dunkelziffer an Konsumenten handeln muss. Alle die darauf verweisenden Quellen deuten auf einen hohen Internet Schwarzmarkt hin. Allein die Amerikaner bestellen über das Internet jährlich 20 Millionen Packungen Medikamente aus dem Ausland, wobei es sich nach Schätzungen bis zu 40 % um verunreinigte Arzneien handelt, welche im pharmazeutischen Stoffgehalt starke Schwankungen aufweisen (Wilford, Smith, & Bucher, 2006).

Das Einhalten von internationalen Standards ist bei den meisten Medikamenten, welche auf ominösen Plattformen im Internet gekauften werden, nicht gewährleistet. Dass daraus schwere gesundheitliche Probleme entstehen können, liegt auf der Hand.

Um mögliche Aussichten zu den Prävalenzraten zu beleuchten, soll an dieser Stelle Neuroenhancement in Analogie zum Leistungssport betrachtet werden. Zirka 35 % der im deutschen Leistungskader befindlichen Athleten nehmen illegale Dopingmittel ein (Werner Pitsch, Peter Maats, 2009). Irgendwann werden die pharmakologischen Mittel für ein Neuroenhancement soweit ausgereift sein, dass sie im gleichen Maße die Intelligenz verbessern, wie heute schon Dopingmittel in der Lage sind, die körperliche Leistungsfähigkeit zu steigern. Dann werden wir an einem Punkt ankommen, an welchem die Leistungselite eine ähnliche Prävalenzrate von PN aufweist, wie der Leistungssport heutzutage im physiologischen Doping.

5) Motivatoren und Inhibitoren

Was wollen Menschen mit PN erreichen und was hindert sie an der Einnahme?

Es gibt viele Beweggründe, welche ausschlaggebend dafür sein können, sich Human Enhancern in irgendeiner Weise zuzuwenden. Die drei häufigsten Motive, welche schweizerische Studenten zu der Einnahme von verschreibungspflichtigen Medikamenten zum Human Enhancement veranlasste, sind:

1. eine Verbesserung des Lernens, (66,2%)
2. zur Entspannung oder für einen bessern Schlaf (51,2%)
3. eine Reduktion der Nervosität (39,1%) (Maier et al., 2013).

Dabei kann man darüber spekulieren, ob ein Mittel zur Entspannung oder für einen besseren Schlaf nun als ein Neuroenhancer gelten soll oder nicht. Die Entscheidungsfindung, welche einem möglichen Konsum von PN vorausgeht, ist nicht immer rationalen Ursprungs. Meistens wird sie bestimmt durch die von uns internalisierten, subjektiven Normen. Diese wiederum befinden sich in einer reziproken Beziehung zu den gesellschaftlich- sozialen Normen.

Diese Direktiven induzieren eine gewisse Grundhaltung gegenüber Drogen, welche dann auf die Verwendung von PN übertragen wird (Sattler et al., 2013). Der Wunsch nach gesteigerter kognitiver Leistungsfähigkeit ist vor allem bei jüngeren Erwachsenen ein Motiv (Banjo, Nadler, & Reiner, 2010). Ein weiterer Entscheidungsgrund zur Einnahme von PN ist der gesellschaftliche Leistungsdruck. Dieser ist global und allgegenwärtig in unserer heutigen Gesellschaft verankert, und versetzt jeden Einzelnen in eine Position, in der er sich gegen Konkurrenz behauten muss. Wenn dieser Druck zu groß wird, sucht man nach alternativen Lösungswegen, welche oft mit destruktiven Folgen behaftet sind. Die Bereitschaft zur Einnahme von PN stieg bei amerikanischen Studenten von einer wenig kompetitiven Umgebung (1,3%) zu einer stark wettbewerbsorientierten Umgebung (5,9%) , um mehr als das vierfache an (McCabe et al., 2005) .

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Details

Seiten
20
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783346074935
ISBN (Buch)
9783346074942
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v509874
Institution / Hochschule
Deutsche Hochschule für Gesundheit und Sport (vormals H:G Hochschule für Gesundheit & Sport, Technik & Kunst)
Note
1,0
Schlagworte
Neuroenhancement Human Enhancement Leistungsfähigkeit Intelligenz Pharmakologie Transhumanismus

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