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Anthropologie bei Jean-Jacques Rousseau und ihre Bedeutung für die Erziehungstheorie Winfried Böhms

Hausarbeit 2019 16 Seiten

Pädagogik - Geschichte der Päd.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Jean- Jaques Rousseaus Menschenbild
2.1. Definition Menschenbild
2.2. Jean-Jaques Rousseau als Vertreter des optimistischen Menschenbildes
2.2.1 Der naturalistisch-anthropologische Optimismus
2.2.2 Der gesellschaftlich-zivilisatorische Pessimismus
2.2.3 Zusammenfassung der wichtigsten Aspekte

3. Erziehung bei Winfried Böhm
3.1. Der Begriff Erziehung nach Winfried Böhm
3.2. Böhms Erziehungstheorie
3.2.1. Die Bedeutung von Theorie
3.2.2. Der moderne Personalismus
3.2.3. Winfried Böhms personale Erziehungstheorie

4. Das Menschenbild bei Winfried Böhm
4.1. Der Mensch als Person
4.2. Vergleich mit Rousseaus Menschenbild

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Jean-Jaques Rousseau gilt als wohl bekanntester Vertreter des optimistischen Menschenbildes. Seine anthropologischen Schriften des 18. Jahrhunderts waren ausschlaggebend für viele Erziehungstheorien der Reformpädagogik, wie die Maria Montessoris oder auch Ellen Keys. Er kritisierte die zu seiner Zeit vorherrschende Erziehung damit, dass sie den Menschen an sich vernachlässige und ihn nur nach dem Abbild des erwachsenen Bürgers zu formen versucht. Er entdeckte einen neuen Blickwinkel auf den Menschen, der ihm mehr Anerkennung in seinem Wesen schenkte, indem er die Natur des Menschen als eine wichtige Anlage versteht (vgl. Böhm, Schiefelbein, Seichter 2015, S. 108).

Da Rousseau gerade auf diese Zeit des Umschwungs in der Pädagogik einen großen Einfluss ausgeübt hat, wird in dieser Arbeit versucht, die Auswirkungen von Jean-Jaques Rousseaus Menschenbild auf die Erziehungstheorie Winfried Böhms herauszuarbeiten.

Als ein Wirkender der heutigen Zeit ist Winfried Böhm ein wichtiger Vertreter der personalistischen Pädagogik, welche einen großen Wert darauf legt, den Menschen als solchen anzuerkennen und die Erziehung darauf auszurichten (vgl. Ebd., S. 167-182).

Besonders interessant ist bei dieser Erarbeitung die Tatsache, dass die beiden Pädagogen, welche in dieser Arbeit im Mittelpunkt stehen, über 200 Jahre trennen.

Auf den folgenden Seiten dieser Arbeit wird eine Antwort auf die Frage gesucht: Welchen Einfluss hat das optimistische Menschenbild Jean-Jaques Rousseaus auf die personale Erziehungstheorie Winfried Böhms?

Zu Beginn dieser Arbeit erfolgt eine Definition des Begriffs „Menschenbild“, um ein einheitliches Verständnis der Thematik vorauszusetzen. Dabei wird auf Texte der letzten sieben Jahre zurückgegriffen, die sicherstellen, dass diese Definition eine aktuell gültige ist. Im Folgenden wird dann das Menschenbild Jean-Jaques Rousseaus herausgearbeitet. Anschließend wird zur pädagogischen Strömung des modernen Personalismus übergeleitet. Dieser wird dann vorgestellt, sowie die Erziehungstheorie Winfried Böhms, welcher als einer der bekanntesten Vertreter der personalistischen Pädagogik gilt. Der Begriff der Erziehung wird zuvor als Grundlage zum Verständnis der Theorie definiert. Bei dieser Definition wird eine sehr ausführliche von Böhm selbst verwendet, um sicherzustellen, dass bei der Erörterung seiner Theorie der Erziehungsbegriff nicht missverstanden oder fehlinterpretiert wird. Im darauffolgenden Kapitel wird dann das Menschenbild Winfried Böhms aus seiner zuvor genannten Erziehungstheorie herausgearbeitet und im Anschluss daran mit dem zu Beginn erörterten Menschenbild Jean-Jaques Rousseaus auf Gemeinsamkeiten und Verbindungen untersucht. Die Ergebnisse dieser Erarbeitung werden abschließend in einem Fazit zusammengefasst, wodurch auch die Frage, die dieser Arbeit zugrunde liegt, beantwortet wird.

2. Jean-Jaques Rousseaus Menschenbild

Um die anthropologische Sichtweise und somit das Menschenbild Jean-Jaques Rousseaus zu beschreiben, muss zuerst eine Definition erfolgen, die festlegt, was unter den Begriff des Menschenbildes gefasst wird.

2.1. Definition Menschenbild

Wie der Begriff an sich schon vermuten lässt, ist unter „Menschenbild“ ein Bild vom Menschen zu verstehen. Das Wort „Bild“ darf hier allerdings nicht wörtlich genommen werden, womit es auf ein künstlerisches Werk hindeuten würde, sondern ist metaphorisch gemeint. Ein Menschenbild lässt sich mehr als ein Konstrukt beschreiben, welches Vorstellungen, Meinungen und Ideen über den Menschen enthält. Somit hat jeder eine andere Sichtweise auf den Menschen, da seine eigenen, individuellen Erfahrungen in diese einfließen. Es sind sowohl deskriptive als auch normative Elemente in einem Menschenbild enthalten. Deskriptiv, die Aussagen darüber wie man den Menschen wahrnimmt, also das Seinen betreffend. Normative Aussagen hingegen, schreiben vor, wie der Mensch sein soll (vgl. Schumann 2015, S. 29-32).

Diese bilden sich vor allem aus vorherigen Eindrücken, die der Einzelne über den Menschen erhalten hat und strukturieren dann sein zukünftiges Handeln in weiteren Begegnungen. Durch eine Erwartungshaltung, welche in dem Menschenbild zugrunde liegt, ist es erst möglich, mit unserem Gegenüber in Dialog zu treten. Wenn eine Person im Dialog etwas äußert, hat sie eine oder auch mehrere mögliche Erwartungen, wie ihr Gegenüber reagiert. Auf dieser Grundlage handelt die Person, um die erwünschte Reaktion hervorzurufen. Das Gegenüber handelt dann aus demselben Beweggrund und durch die sich immer wieder generierenden Erwartungen ist erst eine Unterhaltung, ein Dialog möglich. Die normativen Elemente eines Menschenbildes sind also grundlegend für die Kommunikation und somit auch essentiell für ein Zusammenleben, auch wenn diese immer Gefahr laufen, die Menschen verallgemeinern zu wollen. Daher ist es notwendig, sich seines Menschenbildes stets bewusst zu sein und dieses immer wieder zu hinterfragen und durch neue Erfahrungen, die als deskriptive Elemente einfließen, stetig zu erneuern. Neben einer Unterscheidung der Elemente, die in Menschenbildern enthalten sind, wird auch das Vorhandensein von Menschenbildern nach implizit und explizit unterteilt. Dabei sind explizite Menschenbilder diejenigen, die wir bewusst wahrnehmen. Zu diesen können wir offen Stellung nehmen und sie anderen erläutern. Implizite Menschenbilder hingegen, sind solche Ansichten über den Menschen, die wir unterbewusst vertreten. Diese sind oft nur in den daraus folgenden Handlungen erkennbar, da wir die darin enthalten Meinungen oder Einstellungen nicht offenkundig vertreten (vgl. Liebau 2012, S. 29-30).

Thomas Rucker hat eine Definition für den Begriff Menschenbild mit folgendem Satz treffend zusammengefasst: „Als Menschenbild bezeichne ich eine Auffassung darüber, was der Mensch ist, sein kann oder sein soll“ (Rucker 2015, S. 140).

Was in dieser Beschreibung allerdings nicht berücksichtigt wird, ist das nebeneinander Existieren mehrerer Aussagen, die sich in einem oder aber auch mehreren Menschenbildern befinden. Die Pluralität der Menschenbilder ist ein wichtiges Element, das auch für die Aktualisierung ausschlaggebend ist, welche Menschenbilder in der heutigen Gesellschaft durchlaufen (vgl. Schumann 2015, S. 31).

Vollständig zutreffend wäre diese kurze Definition also, wenn das Wort „Aussage“ durch seine Pluralform „Aussagen“ ersetzt werden würde.

2.2. Jean-Jaques Rousseau als Vertreter des optimistischen Menschenbildes

Der gebürtige Schweizer Jean-Jaques Rousseau lebte und wirkte mit seinen französischen Schriften im 18. Jahrhundert. Jedoch waren seine im Erziehungsroman „Émile ou De l’éducation“ verfassten grundsätzlichen Gedanken zum Menschen und zur Erziehung auch für spätere Erziehungstheorien anderer Pädagogen ausschlaggebend. Grundlegend stützt sich sein Menschenbild auf die Annahme eines naturalistisch-anthropologischen Optimismus und eines gesellschaftlich-zivilisatorischen Pessimismus. Diese beiden Begriffe werden im Folgenden geklärt und im Anschluss zu einer vollständigen Einheit Jean-Jaques Rousseaus Menschenbild zusammengeführt.

2.2.1. Der naturalistisch-anthropologische Optimismus

Als Einstiegszitat zur Klärung dieser beiden Ansichten eignet sich folgender Satz Rousseaus dem Anfang des ersten Buches des Émiles: „Alles ist gut, wie es aus den Händen des Schöpfers kommt; alles entartet unter den Händen des Menschen“ (Rousseau 1983, S. 9).

Rousseau bestimmt drei Lehrer, die den Menschen beeinflussen: die Natur, die Dinge und den Menschen. Die Natur sei dabei aber der einzige Lehrer, welcher nicht vom Menschen beeinflusst oder verändert werden kann. Daher hat sich der Mensch nach dieser zu richten, so wie er auch die Dinge der Natur gemäß richten soll. Die Natur ist also die entscheidende und somit auch bestimmende Konstante für jeden Menschen (vgl. Böhm, Soëtard 2012, S. 28-29).

Zu der unveränderbaren Natur zählen auch die Anlagen, die jedem Menschen von Beginn an eigen sind. Diese besitzt jeder von Geburt an und sie zeigen sich in der Entfaltung des Charakters eines jeden. Außerdem zählen die Fähigkeiten, sowie auch die Leidenschaft zu den gegebenen Anlagen (vgl. Ebd., S. 66-68). Die Natur legt also laut Rousseau schon von Geburt an die Charaktereigenschaften jedes Menschen fest und auch die Leidenschaften, welche man im Laufe seines Lebens für die verschiedensten Dinge erfährt, liegen schon von Geburt an in jedem verborgen.

Der Mensch wird aber in seiner Entwicklung auch durch die Natur beeinflusst. Diese Einflüsse bewertet er je nachdem, wie sie seinen Anlagen entsprechen oder diesen widersprechen. Er ist stets bestrebt danach sein inneres Geleichgewicht aufrecht zu erhalten (vgl. Rousseau 1983, S. 11-12).

Als wichtigstes Gut, das der Mensch besitzt, bestimmt Rousseau die Freiheit nach dem eigenen Willen zu handeln und eigenständig handeln zu können (vgl. Ebd., S. 60-62).

Auch wenn Rousseau davon ausgeht, dass der Mensch in seinem Charakter von Natur aus bestimmt ist, unterscheidet er ihn grundsätzlich vom Tier. Der Mensch ist nicht Sklave seiner Triebe, sondern er hat die Möglichkeit zu entscheiden, ob er seinem Trieb nachgeht oder ihm widersteht. Darin liegt ein weiterer Aspekt der Freiheit des Menschen, welche den entscheiden, aber nicht den einzigen Aspekt ausmacht, der das menschliche Verhalten von dem des Tieres trennt. In der Möglichkeit Entscheidungen zu treffen und Wählen zu können, sieht Rousseau auch die Seele des Menschen verborgen, da diese Prozesse als rein geistige beschrieben werden (vgl. Rousseau 2008, S. 100-109).

Und auch wenn der Mensch bereits die Anlagen besitzt, welche seinen Charakter und somit wohl auch einen Großteil seines Lebens bestimmen, ist er in seinem Aufwachsen dennoch der Hilfe eines Erwachsenen bedürftig. Der Mensch kommt als schwach und unwissend auf die Welt und benötigt daher eine Unterstützung in seiner Entwicklung zum Erwachsenen (vgl. Rousseau 1983, S. 10)

2.2.2. Der gesellschaftlich-zivilisatorische Pessimismus

Wie schon im Anfangszitat des vorherigen Unterkapitels herauszulesen ist, sieht Rousseau die Gesellschaft als einen negativen Einfluss, der das von der Natur gegebene Gute verdirbt. Er unterscheidet den Menschen in den natürlichen auf der einen Seite, der sich seiner Natur entsprechend entfalten kann und den von der Gesellschaft beeinflussten Bürger auf der anderen Seite.

„Der natürliche Mensch ruht in sich. Er ist eine Einheit und ein Ganzes; er bezieht sich nur auf sich oder seinesgleichen. Als Bürger ist er nur ein Bruchteil, der vom Nenner abhängt, und dessen Wert in der Beziehung zum Ganzen liegt, d. h. zum Sozialkörper“ (Rousseau 1983, S.12).

Dieses Verderben der Gesellschaft wird dadurch erzeugt, dass der Mensch ein Bedürfnis danach hat, sich in der Gesellschaft einzufinden. Wenn er aber in Kontakt mit dieser tritt, wird er die Erfahrungen machen, dass zum einen sein Charakter sich von dieser unterscheidet, wodurch negative Gefühle bei ihm ausgelöst werden.

Außerdem beschreibt Rousseau den Übergang von der Selbstliebe zur Eigenliebe als einen kritischen Scheideweg. Bevor der Mensch in Kontakt mit anderen tritt, erfährt er nur die reine Selbstliebe, die er für sich selbst empfindet. Wenn er dann auf ein Gegenüber trifft, erwartet er, dass dieser ihn genauso sehr liebt, wie er sich selbst, was aber nicht passieren wird. Da der andere nicht so viel empfindet, wie er aus seiner Eigenliebe erwartet, treten auch hier negative Gefühle wie Hass oder Ablehnung auf. Daraus resultiert, dass nur der „natürliche Mensch“, der sich möglichst wenig bis gar nicht mit anderen vergleicht, ein von Glück erfülltes Leben führen kann. Beim Aufeinandertreffen mit anderen wird dann automatisch ein Wetteifern um die meiste Anerkennung in Kraft treten. Er ist dann nur noch damit beschäftigt, um die Wertschätzung der anderen zu kämpfen und wird sich nicht mehr seinen ursprünglichen Leidenschaften hingeben. Der Mensch kann in diesem Zustand auch nicht mehr glücklich werden, da dieser gesellschaftliche Zustand im Widerspruch zu seiner ursprünglichen Natur steht (vgl. Rousseau 1983, S.211-213). Für Rousseau birgt die Gesellschaft Gefahren, durch die der Mensch von seinem eigenen Weg abkommt und nur noch ein Teil der Gesellschaft existiert. Dabei verliert er seine eigentlichen Bestimmungen und versucht nur noch den gesellschaftlichen Aufstieg zu erreichen.

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Details

Seiten
16
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346072320
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v509336
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
3,0
Schlagworte
anthropologie jean-jacques rousseau bedeutung erziehungstheorie winfried böhms

Autor

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