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Die Entwicklung der Organisationsstruktur des deutschen Radios zwischen 1945 und 1960

Hausarbeit 2004 19 Seiten

Medien / Kommunikation - Mediengeschichte

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG: INHALT, AUFBAU UND INTENTION DER ARBEIT
1.1 1945-1949: RADIO UNTER ALLIERTER KONTROLLE
1.2 1949-1961: DAS RADIO IN DER BRD UND DER POLITISCHE DISKURS

2. 1945-1961: EINE BILANZ

3. BIBLIOGRAPHIE

1.) Einleitung: Inhalt, Aufbau und Intention der Arbeit

In meiner Abhandlung über das deutsche Radio und die Entwicklung seiner Organisationsstruktur zwischen 1945 und 1961 möchte ich im Sinne eines mediengeschichtlichen Abrisses versuchen zu beleuchten, wie sich die deutsche Rundfunklandschaft der frühen Nachkriegszeit entwickelte und welchen Einflüssen und Veränderungen sie dabei ausgesetzt war. Es wird dabei darzustellen sein, wie zunächst die Alliierten auf den Trümmern der Infrastruktur des NS-Rundfunks, der wie weite Teile Deutschlands fast vollständig zerstört war, aus einer „stunde Null“ heraus das neue deutsche Radio der Nachkriegs-

Zeit schufen und es unter ihrer Kontrolle in einer Weise gestalteten, die sich von allen vorherigen deutschen Organisationsformen des Radios unterschied.

Im weiteren Verlauf der Arbeit soll dann geschildert werden, wie ab dem Ende der 40er Jahre, vor allem nach der Gründung der BRD im Jahre 1949, die wiedererstarkte deutsche Politik versuchte den „frisch geschaffenen“ öffentlichen-rechtlichen Rundfunk in ihrem Sinne zu beeinflussen. Der daraus erwachsende politische Diskurs zwischen Bundesregierung und Alliierten, vor allem aber zwischen Bund und Ländern, wird in diesem Kontext ein weiteres wichtiges Thema darstellen. Die rundfunkpolitischen „Irrungen und Wirrungen“ der 50er Jahre sollen dann bis zum Jahre 1961 verfolgt werden, wo sie ihren Ausgang fanden. Ziel eines abschließenden Fazits soll es sein, die wichtigsten Grundlinien der Entwicklung noch einmal kurz zusammenzufassen und zu versuchen diese zu bewerten.

Beim Lesen des Textes wird sicherlich nicht unbemerkt bleiben, dass wenn von „den Alliierten“ die Rede ist, fast ausschließlich die Westalliierten gemeint sind und dass die Darstellung sich auf die Entwicklung des Radios in den drei westlichen Besatzungszonen, aus denen dann die BRD entstand, beschränkt. Dies liegt ganz einfach daran, dass die Russen in ihrer Besatzungszone schon sehr früh ganz eigene Pläne für einen zentralistischen Staatsrundfunk hatten, den man dann nach Beginn der Berlin-Blockade und dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu den anderen Besatzungsmächten für die DDR umzusetzen begann. Eine ausführliche Darstellung, die diesen autonomen Entwicklungen gerecht werden wollte, hätte den ohnehin schon knapp bemessenen Rahmen der Darstellung vollkommen gesprengt.

Außerdem sei noch angemerkt, dass die Beschreibung der sehr komplexen, vielschichtigen und teilweise auch simultan verlaufenden Entwicklungen des deutschen Rundfunks, die in der Forschungsliteratur oft nur bruchstückhaft dargestellt sind, eine chronologische Form der Darstellung sehr schwierig macht. Ich habe dennoch versucht die Arbeit chronologisch zu strukturieren. Ab und an war es allerdings unabdingbar diese Form zu verlassen, um eine thematische „Zerstückelung“ zu vermeiden.

1.1) 1945-1949: Radio unter alliierter Kontrolle

Nach der Kapitulation des deutschen Reiches am 9. Mai 1945 war neben weiten Teilen des Landes auch der großdeutsche Rundfunk der NS-Zeit vernichtet und damit für das deutsche Radio eine „Stunde Null“ (Dussel 1999, 181) erreicht. Trotz der Wirren der letzten Kriegstage und den teilweise immer noch sattfindenden Scharmützeln mit den „Überbleibseln“ des deutschen Widerstandes, herrschte aber erstaunlicherweise zu keiner Zeit Funkstille in Deutschland: Schon 9 Tage bevor der letzte Reichssender geschlossen wurde begannen die britischen Besatzer aus dem Hamburger Funkhaus zu senden. „Am 13. Mai 1945 ließen die Sowjets aus einem Übertragungswagen über den Sender Tegel verkünden: „Achtung! Achtung! Hier spricht Berlin“ (Bausch 1980,15).

Dies waren die frühesten Lebenszeichen des deutschen Rundfunks unter alliierter Kontrolle. Im übrigen Deutschland „gelang es kleinen Spezialeinheiten der amerikanischen Besatzungstruppen, den Betrieb für die Sender der Militärregierungen innerhalb weniger Wochen in Gang zu setzen.“ (Bausch 1980, 15). In der amerikanischen Besatzungszone ging als erster Sender Radio Bremen am 23. Dezember 1945 auf Sendung, während es in der französischen Zone am 14. Oktober 1945 der ehemalige Nebensender Koblenz war, der zuerst den Sendebetrieb aufnahm. Der Südwestfunk startete sein Programm erst am 31. März 1946.

Beim Wiederaufbau des deutschen Radiowesens wurde zwar die aus der NS-Zeit noch erhaltene Infrastruktur und Sendetechnik, wie zum Beispiel einige noch mehr oder weniger intakte Einrichtungen des alten Norddeutschen Rundfunks in der britischen Zone, mitbenutzt, aber davon abgesehen gab es keinerlei Verbindung des deutschen Rundfunks der Nachkriegszeit mit „jenem gigantischen Propagandaapparat eines totalitären Regimes, das jedermann vor [...] Augen geführt hatte, wie das [...] publizistische Instrument Rundfunk als „Führungsmittel“ eines allmächtigen Einparteienstaats zu missbrauchen war.“ (Bausch 1980, 13). Der Staatsrundfunk der NS-Zeit „bestimmte weitgehend das Bild, das sich die Alliierten vom deutsche Rundfunk machten.“ (Halefeldt 2001, 1420). Dementsprechend sollte natürlich beim Aufbau des „neuen deutschen Radios“ eine Wiederkehr dieses Schreckensbildes in den einzelnen Besatzungszonen verhindert werden. Die regionalen Radiostationen, die in den Jahren 1945/46 sozusagen „auf den Trümmern des NS-Rundfunks“ (Halefeldt 2001, 1420) errichtet wurden, nahmen die Alliierten also zunächst als Besatzungssender vollständig unter ihre Kontrolle und beließen sie auch, wie sich im weiteren Verlauf der Arbeit zeigen wird, für längere Zeit in diesem Zustand. Allerdings wurden bereits von Beginn an deutsche Mitarbeiter, die „eine politisch „weiße Weste“ vorzeigen konnten“ (Bausch 1980, 15) bei der Programmgestaltung mit einbezogen. So wurden die neuen Besatzungssender auch genutzt, um den deutschen Mitarbeitern eine demokratische Nutzung des Mediums Radio beizubringen und erfüllten in diesem Sinne eine elementare Funktion bei der „re-education“ deutscher Rundfunkfunktionäre. Die Gefahren einer Einflussnahme durch politisch radikale Kräfte auf personeller Ebene wurden minimiert und da der personelle Aufbau sehr schnell vonstatten ging, wurde schon zu Zeiten alliierter Einflussnahme ein Großteil des Mitarbeiterbedarfes der Rundfunkanstalten, vor allem in den leitenden Funktionen, gedeckt. Die personellen Entscheidungen der Alliierten wirkten sich daher besonders nachhaltig aus und bestimmten die personellen Strukturen der deutschen Radiosender der Nachkriegszeit über Jahrzehnte hinweg, was wohl auch der Absicht der Besatzungsmächte entsprach. Durch diese personellen Entscheidungen verwandelten sich die Besatzungssender also „allmählich in deutsche Stationen unter alliierter Leitung.“ (Halefeldt 2001, 1420).

Nichtsdestotrotz mussten die frisch eingeführten dezentralistischen, föderalen Strukturen des Rundfunks im Sinne einer gemeinsamen Organisationsstruktur gefestigt werden, um einen „Rückfall in die Traditionslinien des Staatsrundfunks“ (Halefeldt 2001, 1420) nach der damals schon einkalkulierten Rückgabe des Rundfunkwesens in deutsche Hände zu verhindern. Zunächst einmal wurden für die Zeit der alliierten Besatzung jegliche deutsche Rundfunkaktivitäten verboten: „Artikel 9 der alliierten Erklärung in Anbetracht der Niederlage Deutschlands vom 5. Juni 1945 bestätigte das Verbot jeglichen deutschen Sendedienstes.“ (Bausch 1980, 17). Parallel dazu entstand zwischen Ende 1947 und Mitte 1949 ein staatsfernes Rundfunkwesen, das die Sendegesellschaften bzw. die Radiosender als selbstständige Anstalten des öffentlichen Rechts auffasste und als Organisationsstruktur den, von den Alliierten angestrebten dezentralistischen Aufbau des Rundfunks zementieren sollte: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk.

Hier stellt sich nun die Frage, ob bei der Entstehung dieses neuen Rundfunkwesens für das Gebiet der BRD, die drei Westalliierten ein gemeinsames Konzept verfolgten? Die Antwort muss grundsätzlich nein lauten. Zwar begannen sich Briten und Amerikaner nach der Gründung der Zwei-Zonen-Behörde 1947 immer stärker abzustimmen und als 1949 die hohen Kommissare in allen drei Besatzungszonen eingesetzt wurden, wurde die Abstimmung in Rundfunkfragen untereinander, auch mit den Franzosen, noch enger, grundsätzlich aber ging man nach Kriegsende getrennte Wege was die Vorstellungen über die Organisation des neuen deutschen Rundfunks und deren Umsetzung anging:

Die Briten orientierte sich in ihrer Besatzungszone sehr stark am Modell der heimischen BBC und versuchten dementsprechend „die in Großbritannien bewährte Form der „Public Corporation“ [das heißt einer Mitwirkung der Gesellschaft und ihrer verschiedenen Bevölkerungsgruppen an der Gestaltung des Radios] auf deutsche Verhältnisse zu übertragen.“ (Bausch 1980, 18). Davon abgesehen organisierte man den Rundfunk zentralistisch, das heißt, neben Radio Bremen, das sozusagen als Enklave zur amerikanischen Zone gehörte, wurde für die gesamte Besatzungszone nur eine einzige „Mammutanstalt“, der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR) geschaffen, dessen „Herzstück [...] die weitgehend unversehrt gebliebenen Sende- und Produktionsanlagen in Hamburg“(Dussel 1999, 182) waren. Von hier aus wurden alle Sendeaktivitäten in diesem Bereich koordiniert.. Die Amerikaner hingegen versuchten zu keiner Zeit ihr heimisches, kommerzielles Rundfunksystem zu importieren; „wie wäre dies in einer Gesellschaft möglich gewesen, in der es nichts zu knabbern und zu beißen gab?“ (Bausch 1980, 18). Sie verfolgten allerdings zwei strikte Grundsätze: nach den amerikanisch-demokratischen Grundsätzen sollte 1. der deutsche Rundfunk jeglichem Regierungseinfluss entzogen werden und 2. dezentralisiert strukturiert werden, was einen entscheidenden Unterschied zur Organisationsform in der britischen Zone darstellte. Die Franzosen schließlich „handelten pragmatisch“ (Bausch 1980, 18): sie zögerten die Verfassung einer eigenen Ordnung hinaus, um schließlich im wesentlichen Gesetze und Verordnungen aus den anderen westalliierten Besatzungszonen zu übernehmen. Obwohl ihre Zone politisch dezentral in drei Länder gegliedert war, gaben sie dabei dem Rundfunk ähnlich den Briten eine zentralistische Organisation, wie sie auch im französischen Rundfunk bestand. Der Südwestfunk (SWF) übernahm hier als einzige Sendeanstalt die Rolle, die dem NWDR in der britischen Zone zukam.

Als Resultat des Fehlens eines gemeinsamen Konzeptes wurden in den westalliierten Besatzungszonen zunächst 6 „in ihrer Größe und Finanzkraft [...] extrem unterschiedliche Rundfunkgebilde“ (Bausch 1980, 19) geschaffen, deren Konstellation sich im wesentlichen aus der der Besatzungszonen ergab: In der britischen Zone war es der NWDR, der als einzige Sendeanstalt sage und schreibe 53% der deutschen Gesamthörerschaft auf sich vereinigte. Der SWF als Radiosender der französisch besetzten Gebiete hatte 10% der Hörerschaft inne, während für die amerikanische Zone mit dem hessischen Rundfunk (HR), dem süddeutschen Rundfunk (SDR), dem bayerischen Rundfunk und Radio Bremen (RB) insgesamt 4 Sender 37% der Radiohörer unter sich aufteilen mussten.

[...]

Details

Seiten
19
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638470063
ISBN (Buch)
9783638764810
Dateigröße
445 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v50888
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Zentrum für Kommunikations- und Medienwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Entwicklung Organisationsstruktur Radios Medienkultur Unterhaltung Mediengeschichte Radio Medienwissenschaft

Autor

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Titel: Die Entwicklung der Organisationsstruktur des deutschen Radios zwischen 1945 und 1960