Lade Inhalt...

Der Mindestlohn in Deutschland. Eine Analyse der Beschäftigungseffekte

Seminararbeit 2019 27 Seiten

VWL - Arbeitsmarktökonomik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkurzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Institutionelles
2.1 Definition und Geltungsbereich
2.2 Betroffenheit vom Mindestlohn

3 Theoretische Modelle des Mindestlohns
3.1 Neoklassisches Arbeitsmarktmodell
3.2 Monopsonistisches Arbeitsmarktmodell

4 Empirie
4.1 Deskriptive Evidenz
4.2 Methodik
4.3 Kausaule Evidenz
4.3.1 Studien auf Basis des strukturellen Ansatzes
4.3.2 Studien auf Basis des DiD-Ansatzes

5 Vergleich Theorie und Empirie

6 Fazit

Anhang

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Auswirkungen eines Mindestlohns auf einem Wettbewerbsmarkt

2 Auswirkungen eines Mindestlohns in einem Monopson

Tabellenverzeichnis

1 Branchen mit den hochsten Anteilen an Beschaftigungsverhaltnissen mit einem Stundenlohn unterhalb von 8,50 Aim April 2014

2 Detaillierte Ubersicht uber die aufgefuhrten Studien

Abkurzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Die Einfuhrung desallgemeinen gesetzlichen Mindestlohns im Januar2015 warzweifellos eine der bedeutendsten arbeitsmarktpolitischen Maftnahmen seit den Hartz-Reformen. Bevor der Mindestlohn am 04. Juli 2014 im Bundestag verabschiedet wurde, durchzog die Kontroverse um die Vor-und Nachteile des Mindestlohns den Bundestagswahlkampf im Jahr2013. Die Seite, die sich furden allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn aussprach, brachte unter anderemfolgende Argumente hervor: Ein Mindestlohn sorge fur gerechtere Lohne, er reduziere Armut in Personenkreisen mit Beschaftigung im Niedriglohnsegment und die Anzahl der sogenannten Aufstocker, und er sorge fur zusatzliches Steueraufkom- men (Brenke & Muller 2013). Die Kritikerdes Mindestlohns brachten vorallem hervor, dass er massive Beschaftigungsverluste verursachen wurde. So zitierte das Handelsblatt am 19.10.2013 Michael Huther, den Direktordes Instituts derdeutschen Wirtschaft: ,,Ein all- gemeiner gesetzlicher Mindestlohn ist beschaftigungsschadlich und verteilungspolitisch ineffizient" (Handelsblatt online 2013).

Mittlerweile liegt die Einfuhrung des Mindestlohns uber vier Jahre zuruck, folglich liegt es auf der Hand, die Frage zu formulieren, ob der allgemeine gesetzliche Mindestlohn tat- sachlich zu Beschaftigungsverlusten auf den deutschen Arbeitsmarkten gefuhrt hat. Diese Seminararbeit gliedert sich wie folgt: Zunachst wird ein Blick auf die Definition ei­nes Mindestlohns und den Geltungsbereich des Mindestlohngesetzes (MiLoG) geworfen. Anschlieftend folgt eine kurze Abgrenzung der von der Reform betroffenen Wirtschafts- subjekte. Im darauffolgenden Kapitel werden anhand zweier theoretischer Arbeitsmarkt- modelle die Wirkungen eines Mindestlohns auf die Zielgrofte der Beschaftigung erortert. Der Abschnittstelltzwei Hypothesen uber die, anhand der Theorie abgeleiteten, Beschaf- tigungseffekte eines Mindestlohns in den Raum. Im darauffolgenden Abschnitt wird so- wohl die tatsachliche Beschaftigungsentwicklung in Deutschland im Zeitraum von 2014 bis 2017 betrachtet, als auch jene Entwicklungen, die durch geeignete empirische Me­thoden kausal auf den Mindestlohn zuruckfuhrbar sind. Anschlieftend werden die Hy­pothesen und die empirischen Erkenntnisse zusammengefuhrt, um die aus der Theorie abgeleiteten Hypothesen mit den Erkenntnissen der Empirie zu testen. Das Ziel dieses Vorgehens ist, die oben aufgeworfene Frage nach den Beschaftigungseffekten eines Min­destlohn zu evaluieren.

2 Institutionelles

2.1 Definition und Geltungsbereich

,,Ein Mindestlohn ist ein via gesetzlicher oder tarifvertraglicher Regelung in der Hohe fest- gelegtes kleinstes rechtlich zulassiges Arbeitsentgelt" (Gabler Wirtschaftslexikon 2019a). Grundlegend werden drei Arten von Mindstlohnen unterschieden (Boeri & van Ours 2013):

1. Ein bundesweiter Mindestlohn, der von Regierungen gesetzlich verankert wird.
2. Ein bundesweiter Mindestlohn, der das Ergebnis von Tarifverhandlungen ist.
3. Ein branchenspezifischer Mindestlohn, der das Ergebnis von Tarifverhandlungen auf Branchenebene ist.

Ein Mindestlohn kann auf stundlicher, taglicher, wochentlicher oder monatlicher Basis festgelegt werden. Teilweise erfolgt eine Indexierung an die Inflationsrate (Boeri & van Ours 2013).

Seit dem 01. Januar 2015 gilt auf Grundlage des Mindestlohngesetzes (MiLoG) ein bun- desweiter gesetzlicher Mindestlohn in Deutschland. Er erganzt bereits bestehende Bran- chenmindestlohne, die im Arbeitnehmer-Entsendegesetz und im Arbeitnehmeruberlas- sungsgesetz konstituiert sind. Sofern ein Branchenmindestlohn nicht kleiner als der all- gemeine gesetzliche Mindestlohn ist, besitzt er gegenuber letzterem Vorrang (§ 1 Abs. 3 MiLoG). Grundsatzlich hat jede Arbeitnehmerin und jeder Arbeitnehmer Anspruch auf Zahlung dieses Mindestlohns durch den Arbeitgeber (§ 1 Abs. 1 MiLoG). Von der Re- gelung ausgenommen sind Auszubildende, minderjahrige Personen ohne abgeschlosse- ne Berufsausbildung, Praktikanten, die ein verpflichtendes oder ein bis zu dreimonatiges Praktikum im Rahmen einer Berufs- oder Hochschulausbildung absolvieren, ehrenamt- lich Tatige und Langzeitarbeitslose in den ersten sechs Monaten der Beschaftigung (§ 22 MiLoG). Bis zum 31.12.2017 gab es zusatzlich, gemaft §24 Abs.1 MiLoG, eine Uber- gangsregelung, die es spezifischen Branchenmindestlohnen erlaubte, die Hohe des all- gemeinen gesetzlichen Mindestlohns zu unterschreiten. Eine zweite Ubergangsregelung betraf die Zeitungszustellerinnen und Zeitungszusteller, bei ihnen durfte der Stunden- lohn erst ab dem 1. Januar 2017 nicht mehr kleiner als 8,50 A brutto je Zeitstunde sein (§ 24 Abs. 2 MiLoG). Das MiLoG sah zunachst ab dem 1. Januar 2015 einen Mindest­lohn in Hohe von 8,50 A brutto je Stunde vor. Einer Mindestlohnkommission, die eben­falls im MiLoG konstituiert wird, ist die Aufgabe zugewiesen, alle zwei Jahre uber eine Anpassung des Mindestlohns zu befinden. Bisher wurde der Mindestlohn zweimal auf Vorschlag der Mindestlohnkommission durch zwei Mindestlohnanpassungsverordnungen durch die Bundesregierung angepasst. Vom 01.01.2017 bis Ende 2018 betrug der Min­destlohn 8,84 A brutto je Stunde (§ 1 Mindestlohnanpassungsverordnung). Seit dem 01. Januar 2019 betragt letzterer 9,19 A brutto je Stunde. Ab dem 01.01.2020 soll er 9,35 A brutto pro Zeitstunde betragen (§ 1 Zweite Mindestlohnanpassungsverordnung).

2.2 Betroffenheit vom Mindestlohn

Anhand der Verdienststrukturerhebung 2014 (VSE 2014) lasst sich der Anteil der Beschaf­tigungsverhaltnisse mit einem Stundenlohn unter8,50 A im April 2014 in Deutschland auf insgesamt 11,3 % betiteln. Dabei sind solche Beschaftigungsverhaltnisse in Ostdeutsch­land im Vergleich zu Westdeutschland deutlich starker ausgepragt gewesen. Wahrend in Ostdeutschland 20,7 % derostdeutschen Beschaftigungsverhaltnisse mit einem geringe- ren Stundenlohn als 8,50 A datiert gewesen sind, waren es in Westdeutschland 9,3 %. Differenziert nach personlichen und betrieblichen Charakteristika ergibt sich folgendes Bild: Im April 2014 sind besonders haufig un- oder angelernte Beschaftigte, Beschaftigte ohne Berufsausbildung, Beschaftigte mit befristeten Arbeitsvertragen und Beschaftigte in kleineren Betrieben von einem Stundenlohn unter 8,50 A betroffen gewesen. Weiterge- hend lasst sich festhalten, dass im April 2014 26,9 % aller Beschaftigungsverhaltnisse, die von Personen im Alter von 18-24 Jahren besetzt, mit einem Stundenlohn von un- ter 8,50 A gekennzeichnet waren. Mit 31,8 % ist letzterer Anteil in der Altergruppe der uber 65-jahrigen noch ausgepragter gewesen. In den dazwischenliegenden Altersgrup- pen, d.h. bei Personen im Alter von 25-65 Jahren, spielte der Anteil der Beschaftigungs­verhaltnisse mit Stundenlohnen unter 8,50 A hingegen eine untergeordnete Rolle. Eben­falls stark betroffen war die Gruppe der geringfugigen Beschaftigten, etwa 39 % all jener Beschaftigungsverhaltnisse wurden im April 2014 mit einem Stundenlohn unter Mindest- lohnniveau entlohnt. Die Daten geben einen Hinweis, dass der Anteil in der Gruppe der ausschlieftlich geringfugigen Beschaftigten noch grofter gewesen ist (Mindestlohnkom- mission 2016, S. 37ff.). Diese Befunde bestatigen die Beobachtung, dass geringfugige Beschaftigungsverhaltnisse vorwiegend von Studenten, Schulern und Rentnern ausge- ubt werden (Brenke & Muller 2013).

Die Betrachtung der Zusammensetzung der Beschaftigungsverhaltnisse, die im April 2014 mit einem Stundenlohn unter Mindestlohnniveau entlohnt wurden, lasstfolgende Befunde zu. Demnach waren im April 2014 etwa zwei Drittel aller Beschaftigungsverhaltnisse mit einem Stundenlohn unter8,50 Avon Frauen besetzt. Mehralsdie HalftealljenerBeschaf­tigungsverhaltnisse waren geringfugiger Natur (Mindestlohnkommission 2016, S. 41). Differenziert nach Branchen mit dem hochsten Anteil von Beschaftigungsverhaltnissen mit einem Stundenlohn unter Mindestlohnniveau im April 2014 lasst sich feststellen, dass das Taxigewerbe, das Spiel-, Wett und Lotteriewesen und die Gastronomiebranche die hochsten Anteile aufweisen. Jene Branchen, auf die die oben angesprochene Ubergangs- regelung gemaft § 24 Abs. 1 MiLoG zutraf, sind dabei nicht berucksichtigt (Mindestlohn­kommission 2016, S. 42). Im Anhang I befindet sich eine Tabelle mit den 20 Branchen, die im April 2014 die hochsten Anteile an Beschaftigungsverhaltnissen mit einem Stun­denlohn unter Mindestlohnniveau aufwiesen. Stark vertreten sind besonders Branchen, die nicht dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt sind (Brenke & Muller 2013).

3 Theoretische Modelle des Mindestlohns

3.1 Neoklassisches Arbeitsmarktmodell

Im Folgenden wird die Wirkung eines durch den Gesetzgeberfestgelegten Mindestlohns auf die Beschaftigung in einem grundlegenden Arbeitsmarktmodell dargestellt. Die Grund- annahmen sind folgende: Auf den Faktor-und Absatzmarkten herrscht vollstandige Kon- kurrenz und die Wirtschaftssubjekte maximieren gemaft des Menschenbildes des Homo oeconomicus ihren Nutzen bzw. Gewinn. Das Modell stutzt sich auf diverse zusatzliche Annahmen. Die Volkswirtschaft ist durch eine gegebene Ressourcenausstattung, eine un- begrente Teilbarkeit und Mobilitat von Produktionsfaktoren und Gutern sowie durch eine unendliche Reaktionsgeschwindigkeit gepragt. Die Individuen, Anbieter von homogener Arbeit und Nachfrager von Gutern und Dienstleistungen, haben im Zeitverlauf konstan- te Praferenzen und besitzen die Moglichkeit, frei zwischen ihren Handlungsalternativen zu wahlen. Die Markte sind durch eine atomistische Struktur und vollstandige Transpa- renz charakterisiert. Die Unternehmen, Anbieter von Guter und Dienstleistungen sowie zugleich Nachfrager von Arbeit und Kapital, produzieren homogene Guter und sehen sich einer konstanten Produktionstechnik und Produktpalette gegenuber (Fritsch 2018, S. 25ff.). Es existieren keine Transaktionskosten und externe Effekte (Gabler Wirtschaftsle- xikon 2019b). Diese Annahmen implizieren, dass die Preise gegeben sind und die Wirt- schaftssubjekte lediglich Mengenanpasser sind. Es herrscht keine Dynamik und es gibt keinerlei Anpassungsprozesse. Das Marktgleichgewicht beschreibt eine gewinnlose und pareto-optimale Situation, in der die Wohlfahrt maximiert wird (Fritsch 2018, S. 25ff.).

Die Angebotsseite besteht aus Individuen, die einen Teil ihrer verfugbaren Zeitausstattung fur Arbeit aufwenden, um einen gewissen Lebensunterhalt erzielen zu konnen. Die Indi­viduen maximieren ihre Nutzenfunktion unterder Nebenbedingung, dass das potentielle Gesamteinkommen der Summe aus Konsumausgaben und den Opportunitatskosten der Freizeit entspricht. Alle Konsum-Freizeit-Kombinationen zwischen denen ein Individuum indifferent ist, liegen auf einer Indifferenzkurve. Da das Individuum bestimmte Kombina- tionen gegenuber anderen praferiert, lassen sich diverse Indifferenzkurven kreieren. In einem ordinalen Nutzenkonzept kann jeder Indifferenzkurve ein Nutzenwert zugewiesen werden. Je weiter eine Indifferenzkurve vom Koordinatenursprung entfernt ist, desto ho- her ist ihrzugeordneter Nutzenwert. Im Haushaltsoptimum tangiert eine Indifferenzkurve die auferlegte Restriktion, die Grenzrate der Substitution zwischen Konsum und Freizeit entspricht dem Reallohn, d.h. die Steigung der Indifferenzkurve gleicht in diesem Punkt der Steigung der Restriktion. Wenn nun letzteres Ergebnis in die Restriktion eingesetzt wird, folgt eine Funktion fur die optimale Freizeitwahl, aus derer sich unter Zuhilfenah- me der Zeitausstattung eine Arbeitsangebotsfunktion fur ein Individuum berechnen lasst. Durch eine Addition der individuellen Arbeitsangebotskurven erhalt man eine Funktion fur das Marktangebot, Q S, (Varian 2016, S. 479).

Die Unternehmen bilden die Nachfrageseite nach Arbeit ab. Sie maximieren ihre Gewinn- funktion unter der Nebenbedingung einer gegebenen Produktionsfunktion, die durch die technischen Gegebenheiten bestimmt wird. Arbeit und Kapital sind in dieser Modellvor- stellung die einzigen beiden Produktionsfaktoren. Ein Unternehmen wird beispielswei- se solange Arbeit nachfragen, wie der Grenzertrag einer weiteren Einheit Arbeit grower ist als die Grenzkosten dieser weiteren Einheit. In letzterer Situation kann das Unter­nehmen zusatzlichen Gewinn erzielen, indem weitere Arbeitskrafte eingestellt werden. Sobald der Grenzertrag der weiteren Einheit Arbeit kleiner ist als jene Grenzkosten, die diese zusatzliche Einheit verursachen, macht es fur das Unternehmen Sinn, den Arbeits- einsatz zu senken, um den Gewinn zu maximieren. Folglich liegt das Optimum in jenem Punkt, an dem der Grenzertrag den Grenzkosten einer weiteren Einheit Arbeit gleicht. Aus diesem Maximierungsansatz lasst sich eine Arbeitsnachfragefunktion ableiten. Die aggregierte Marktnachfrage, Q D, ist dabei die Summe der inviduellen Nachfrage uber alle Unternehmen. An diesem Punkt lassen sich nun die beiden Funktionen in einem Beschaftigungsmenge-Reallohn-Diagramm abtragen. Dieses ist in der Abbildung 1 dar- gestellt. Bei einem bestimmten Reallohn, w *, stimmt die nachgefragte Menge an Arbeit, QD(w *), genau mit der angebotenen Menge an Arbeit, Q S (w *), uberein. Die Angebots- und Nachfragefunktion schneiden sich. Dieser Schnittpunkt wird als Marktgleichgewicht bezeichnet. Sobald der Gesetzgeber einen Mindestlohn, w M, festlegt, der uber dem Ni­veau des Gleichgewichtslohns liegt - ein solcher Mindestlohn wird in der Literatur als ein bindender bezeichnet (Krugmann & Wells 2018, S. 221) -, entsteht ein Angebotsuber-schuss an Arbeit. Zu diesem Lohnsatz ist also die angebotene Menge an Arbeit grower als die nachgefragte Menge an Arbeit.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Die Auswirkungen eines Mindestlohns auf einem Wettbewerbsmarkt Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Varian (2016, S. 563)

Wenn nun die beiden Marktergebnisse vorund nach Einfuhrung des bindenden Mindest­lohns komparativ-statisch miteinander verglichen werden, fallt auf, dass die Beschafti- gungsmenge von Q * auf Q M zuruckgegangen ist. Das Ausmaft des Beschaftigungsruck- gangs hangt hierbei maftgeblich von der Arbeitsangebots- und Arbeitsnachfrageelastizitat ab (Mankiw & Taylor 2016, S. 265). Sofern ein nicht-bindender allgemeiner Mindestlohn, d.h. ein Mindestlohn, der unterhalb des ursprunglichen Gleichgewichtslohns liegt, einge- fuhrt wurde, verandert sich das Marktergebnis nicht. Die gleichgewichtige Beschaftigung, Q *, ware weiterhin vorzufinden. Folglich hangen in diesem Modell die Auwirkungen des Mindestlohns auf die Beschaftigung von der Hohe des eingefuhrten Mindestlohns ab. Wenn er bindend ist, reduziert sich die Beschaftigung, ist er nicht-bindend, lasst sich kein modellltheoretischer Effekt beobachten.

Hypothese 1: Ein bindender Mindestlohn reduziert die Beschaftigungsmenge.

3.2 Monopsonistisches Arbeitsmarktmodell

Im Folgenden wird die Annahme der vollstandigen Konkurrenz auf dem Faktormarkt auf- gegeben und ein Arbeitsmarkt betrachtet, der als Monopson bezeichnet wird. Ein Markt wird als Monopson bezeichnet, wenn es nureinen Nachfragergibt (Mankiw & Taylor 2016, S. 519). Es ist also die gegenteilige Marktform zum Monopol, in der nur ein Anbieter existiert. Ein Monopson auf dem Arbeitsmarkt konnte dort realistisch sein, wo ein grofter Arbeitgeber in einem kleinen, abgelegenen Ort ansassig ist und dieser den ortlichen Ar­beitsmarkt dominiert. Letzterer erkennt per Annahme, dass die Menge an Arbeit, die er nachfragt, einen entscheidenden Einfluss auf den Preis des Faktors Arbeit hat. Folglich besitzt er einen maftgeblichen Einfluss auf den vorherrschenden Reallohn, der Arbeitge­ber hat eine gewisse Marktmacht inne. Die inverse Arbeitsangebotskurve w(L) spiegelt diesen Zusammenhang wieder. Es wird angenommen, dass die Funktion einen steigen- den Verlauf hat, sodass der Monopsonist stets einen hoheren Reallohn zahlen muss, wenn er zusatzliche Arbeitskrafte beschaftigt. Durch die erkannte Marktmacht wird das Unternehmen zum Preissetzer. Weiterhin wird angenommen, dass das Unternehmen den produzierten Output auf einem Wettbewerbsmarkt verkauft (Varian 2016, S. 560f.).

Der Monopsonist sieht sich der in Gleichung 1 dargestellten Gewinnfunktion gegenuber, wobei L den Arbeitseinsatz, w den Reallohn und p den Preis fur den homogenen Output Y notiert. Das Unternehmen produziert auf Basis einer Technologie, die durch die konkave Produktionsfunktion F(L) dargestellt wird. Letztere weist ein positives, d.h.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

und abnehmendes, d.h.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Grenzprodukt des Faktors Arbeit auf. Von anderen Produktionsfaktoren, wie z.B. Kapital, wird abstrahiert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Gewinnmaximierungskalkul bestimmt der Monopsonist die Bedingung 1. Ordnung, die in Gleichung 2 gegeben ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Folglich erreicht das Unternehmen sein Gewinnmaximum, wenn der Grenzerlos des Fak­tors Arbeit den Grenzkosten des Faktors Arbeit gleicht. Diese Relation entspricht genau jener, mit der auch das Unternehmen im vollstandigen Wettbewerb rechnet. Allerdings sind im Monopsonfall im Optimum die Grenzkosten des Faktors Arbeit grofter als der Re­allohn w. Dies lasst sich mathematisch aus der Gleichung 3 ablesen, in der der Buchsta- be - L die Arbeitsangebotselastizitat wiederspiegelt. Da diese positiv ist, bleibt der zweite Faktor im Produkt der Grenzkosten, MC, stets grofter 1, dies fuhrt dazu, dass MC > w. Die mathematischen Umformungen, um zu Gleichung 3 zu gelangen, sind im Anhang II dargestellt. Das Ergebnis stimmt ebenfalls mit der inhaltlichen Interpretation uberein. Der Monopsonist ist angehalten, wenn er den Arbeitseinsatz marginal erhohen mochte, der zusatzlichen Arbeitskraft den Reallohn w zu zahlen. Da aber die erhohte Nachfrage den Reallohn steigern wird, muss der Monopsonist allen weiteren Beschaftigten diesen hohe- ren Reallohn zahlen. Dieser marginale Zusatzkosteneffekt kommt in dem Term,

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

zum Ausdruck. Im Modell der vollstandigen Konkurrenz ist dies nicht der Fall, im Optimum entsprechen die Grenzkosten des Faktors Arbeit dem Reallohn. Folglich ist der Lohn, den der Monopsonist zahlt, geringer als jener Gleichgewichtslohn in der vollstandigen Konkur­renz. Der vom gewinnmaximierenden Monopsonisten gewahlte optimale Arbeitseinsatz ist ebenfalls geringer als im Fall des Polypols (Varian 2016, S. 560 ff.).

Wenn nun ein gesetzlicher Mindestlohn in geeigneter Hohe eingefuhrt wird, kann in die- sem Modell die Beschaftigungsmenge steigen. In Abbildung 2 sind beispielhaft drei ver- schieden hohe Mindestlohne, wJ -3, bei denen dies der Fall ist, dargestellt. Dennoch il- lustriert der Mindestlohn in der Hohe, wj, dass ein vergleichsweise hoher Mindestlohn auch negative Beschaftigungseffekte haben kann. Es gibt somit einen nicht-monotonen Zusammenhang zwischen dem Mindestlohn und der Beschaftigungsmenge (Boeri & van Ours 2013, S. 42). Der Mindestlohn lost die Abhangigkeit des Reallohns von der Be- schaftgungsmenge. Daher fuhrt beispielsweise ein Mindestlohn in Hohe des Gleichge- wichtslohns auf dem Wettbewerbsmarkt dazu, dass sich der Monopsonist genau wie das Unternehmen im Polypol verhalten wird. Er wird seinen Arbeitseinsatz im Gewinnmaxi- mierungskalkul solange erhohen, bis das Wertgrenzprodukt, p * MP L, dem Reallohn, w, gleicht (Varian 2016, S. 564).

Zusammenfassend sind die Auswirkungen einer Einfuhrung eines gesetzlichen Mindest- lohnes nachfolgend abhangig von der Hohe des Mindestlohns dargestellt:

1. Fall:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(In Abbildung 2 beispielhaft:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Sowohl die Beschaftigungsmenge als auch der Reallohn ist hoher als im Monop- sonfall.

2. Fall:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(In Abbildung 2 beispielhaft: wm)

Die Beschaftigungsmenge ist kleiner als im Monopsonfall.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Die Auswirkungen eines Mindestlohns in einem Monopson

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Varian (2016, S. 563)

Es lasst sich in diesem modelltheoretischen Kontext also festhalten, dass der Mindestlohn bei geeigneter Hohe einen positiven Beschaftigungseffekt haben kann. Dennoch ist dar- auf hinzuweisen, dass auch ein negativer Beschaftigungseffekt eintreten konnte, wenn der Mindestlohn aufterordentlich hoch angesetzt wird.

Ob das monopsonistische Arbeitsmarktmodell ein gutes Abbild der Realitat ist, bleibt kri- tisch zu hinterfragen. Einesolche Extremsitaution eines Arbeitgebers, der einen raumlich abgegrenzten Arbeitsmarkt beherrscht, in der Wirklichkeit zu finden, ist vermutlich auf wenige Einzelfalle in Deutschland beschrankt. Monopsonistische Tendenzen konnten je- doch auch auftreten, wenn der Arbeitsmarkt kein klassisches Monopson ist. So ware es denkbar, dass auch auf einem Arbeitsmarkt mit mehreren Nachfragern monopsonistische Tendenzen zum Vorschein kommen, wenn hohe Transaktionskosten, wie z.B. Jobsuch-, Informations-, oder Mobilitatskosten, vorzufinden sind (Bruttel 2019).

Hypothese 2: Ein Mindestlohn in geeigneter Hohe steigert die Beschaftigungsmen­ge.

4 Empirie

Im Folgenden wird zunachst deskriptiv die Beschaftigungsentwicklung in Deutschland im Zeitraum von 2014 bis 2017 dargestellt, bevor ein Blick auf Studien geworfen wird, die mit- tels geeigneter empirischer Methoden, die in Abschnitt 4.2 dargestellt werden, diejenigen Entwicklungen herausfiltern, die kausal auf den Mindestlohn zuruckzufuhren sind.

4.1 Deskriptive Evidenz

Insgesamt ist in den Jahren von 2014 bis 2017 eine positive Entwicklung der Gesamtbe­schaftigung erkennbar. Die Gesamtbeschaftigung definiert die Mindestlohnkommission als Summe aus ausschlieftlich geringfugig und den sozialversicherungspflichtig Beschaf- tigten (Mindestlohnkommission 2018, S.87). Im April des Jahres 2015 ist im Vorjahres- monatsvergleich ein Gesamtbeschaftigungszuwachs von 1,4 % zu beobachten gewesen, d.h. etwa 462 Tsd. neue Beschaftigungsverhaltnisse entstanden in diesem Zeitraum. Die- se Entwicklung setzte sich bis 2017 fort. Im April 2016 betrug der Beschaftigungszuwachs 1,9 %, im April 2017 1,8 % im Vorjahresmonatsvergleich. An dieser Stelle ist hervorzu- heben, dass die Gesamtbeschaftigung aufgrund eines Zuwachses von insgesamt etwa 1.980 Tsd. sozialversicherungspflichtigen Beschaftigungsverhaltnissen von April 2014 bis April 2017 zwargestiegen ist, die ausschlieftlich geringfugige Beschaftigung im gleichem Zeitraum jedoch in einem Umfang von etwa 257 Tsd. Beschaftigten abnahm. Ein Groftteil dieses Ruckgangs, 59,5 %, ereignete sich im Jahr der Mindestlohneinfuhrung 2015. Im gleichen Jahr ist aber auch ein Anstieg der Ubergange von ausschlieftlich geringfugiger Beschaftigung in sozialversicherungspflichtige Beschaftigung zu beobachten gewesen. Nach Regionen differenziert, sank die Anzahl der ausschlieftlich geringfugigen Beschafti­gungsverhaltnisse im Jahr 2015 im Vergleich zum April des Vorjahres in Westdeutschland um 2,5 %, in Ostdeutschland gar um 6,7 %. Differenziert nach der Betroffenheit der Bran- che vom Mindestlohn, die in Abschnitt 2.2 dargestellt wurde, lassen sich die folgenden Aussagen treffen. Im Jahr 2015 weisen besonders die vom Mindestlohn stark betroffe- nen Branchen ein hoheres Wachstum der sozialversicherungspflichtigen Beschaftigung als weniger stark betroffene Branchen auf. Dieser Trend ist sowohl in Ost- als auch West­deutschland zu beobachten, setzt sich allerdings in den Jahren 2016 und 2017 nichtfort. Bezuglich des Ruckgangs der ausschlieftlich geringfugigen Beschaftigung sind in West­deutschland keine Unterschiede zwischen stark und weniger stark betroffenen Branchen zu verzeichnen. In Ostdeutschland hingegen schon, stark betroffene Branchen bauten in einem grofteren Ausmaft ausschlieftlich geringfugige Beschaftigungsverhaltnisse ab (Mindestlohnkommission 2018, S. 85ff.).

4.2 Methodik

Bachmann et al. (2008) unterscheiden zwei grundlegende empirische Ansatze, mit denen Beschaftigungseffekte, die auf die Einfuhrung des gesetzlichen Mindestlohns zuruckfuhr- barsind, bestimmt werden konnen.

Der erste Ansatz baut auf der Schatzung der Arbeitsnachfrageelastizitat auf. Er wird auch struktureller Ansatzgenannt (Bachmann et al. 2008). Im einfachsten Fall konnte eine sol- che Schatzung mittels OLS-Regression auf Basis von Arbeitsmarktdaten durchgefuhrt werden. Durch die Spezifikation eines multivariaten log-log-Modells lasstsich auf Anhieb die Elastizitat bestimmen und andere Faktoren, die potentiell die Arbeitsnachfrage be- einflussen, konnten miteinbezogen werden, um eine Verzerrung der Ergebnisse induziert durch das Auslassen relevanter Variablen zu vermeiden. Auf Basis der ermittelten Elas­tizitat werden Simulationsrechnungen durchgefuhrt. Es wird der Preis des Produktions- faktors Arbeit erhoht und geschaut, wie einerseits die Einsatzmenge des Faktors Arbeit variiert, aberandererseits auch ermittelt, wie sich die Einsatzmengen anderer verwende- ter Produktionsfaktoren verhalten. Das Ergebnis ist meist eindeutig: Die Einsatzmenge des Faktors, dessen Preis erhoht wurde, geht zuruck. Die Einsatzmengen anderer Pro­duktionsfaktoren konnen steigen aber auch sinken, je nachdem, ob letztere Produktions­faktoren im vorliegenden Produktionsprozess Substitute oder Komplemente des Faktors sind, dessen Preis erhoht wurde. Dabei wird unterstellt, dass das Produktionsniveau trotz steigender Kosten konstant bleibt. Dieser empirische Ansatz beruht auf zwei Identifikati- onsannahmen. Erstens wird angenommen, dass auf den Faktormarkten vollstandige Kon- kurrenz herrscht (Bachmann et al. 2008). Hier wird deutlich, dass dieser Ansatz auf der in Abschnitt 3.1 vorgestellten neoklassischen Theorie aufbaut. Diese Annahme ist not- wendig, um eine Verzerrung der Ergebnisse durch Endogenitat zu vermeiden. Zweitens wird unterstellt, dass sich der Produktionsfaktor, dessen Preis kunstlich erhoht wird, in der Datenbasis exakt von anderen Produktionsfaktoren abgrenzen lasst. Dies konnte gerade dann problematisch sein, wenn man zum Beispiel Beschaftigte mit niedrigerQualifikation als einen und Beschaftigte mit hoher Qualifikation als einen anderen Produktionsfaktor betrachtet, die Daten jedoch keinen Aufschluss daruber geben, welche Qualifikation der Arbeitnehmer oder die Arbeitnehmerin hat (Bachmann et al 2008).

[...]

Details

Seiten
27
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346077400
ISBN (Buch)
9783346077417
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v508872
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,3
Schlagworte
Mindestlohn Beschäftigung Deutschland Arbeitsmarkt Monopson Neoklassik Theorie Empirie

Autor

Zurück

Titel: Der Mindestlohn in Deutschland. Eine Analyse der Beschäftigungseffekte