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'Scheidung ist die Zukunftsform von Heirat' - Ein integrativer Ansatz zur Erklärung des Phänomens Scheidung

von Christian Vandrey Florian Popp

Seminararbeit 2006 52 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Divergierende Erkenntnisprogramme < Ökonomie vs. Soziologie>

3. Untersuchungsinteresse

4. Haushaltsökonomisches Modell (Gary S. Becker)
4.1 Theoretische Modellierung des ‚Haushaltsökonomischen Ansatzes’
4.2 Anwendung des theoretischen Modells auf den Ehegewinn
4.3 Anwendung des theoretischen Modells auf das Phänomen der Scheidung
4.4 Exkurs ‚Scheidungsrecht’

5. Beschreibung des ‚Modells der Frame-Selektion’ (Hartmut Esser)
5.1 Vorannahmen des Modells
5.2 Theoretische Modellierung des Ansatzes der ‚Frame-Selektion’
5.3 Anwendung des theoretischen Modells auf das Phänomen der Scheidung

6. Die Metatheorie des ‚soziologischen Erklärungsschemas’ <ein integrativer Ansatz>

7. Eigene Modifikation des ‚soziologischen Erklärungsschemas’

8. Schlussbemerkung

1. Einführung

Die „Zahl der Ehescheidungen steigt auf fast 214000 im Jahr 2003“[1] an, so betitelt das Statistische Bundesamt eine Pressemitteilung vom 13.August 2004. Im Vergleich zum Vorjahr sei die Zahl der Ehescheidungen um 4,8% gestiegen, was in Zahlen ausgedrückt bedeutet, „dass im Jahr 2003 von 1000 bestehenden Ehen elf geschieden wurden“.[2] Auch sei ein kontinuierliches Ansteigen von Ehescheidungen seit 1993 zu erkennen, welches 2003 einen neuen Höchststand erreichte. Weiterhin weist das Statistische Bundesamt darauf hin, dass etwa 38% aller Ehen wieder geschieden werden – die meisten davon bereits nach 5 bis 9 Jahren.

Aufgrund dieses nicht zu vernachlässigenden Sachverhaltes der Scheidung als kollektives Phänomen mit höchster Brisanz (vgl. Anstieg der jährlichen Scheidungszahlen), ist es uns ein Anliegen, bei der Betrachtung der Scheidungsraten nicht nur die Zahlenmaterialien heranzuziehen, wie das Statistische Bundesamt, sondern auch gesellschaftliche und individuelle Determinanten anzuführen, die die Vielzahl der Eheauflösungen erklären sollen. Im Vorfeld unserer Recherchen fiel auf, dass das Thema Scheidung bereits in mannigfachen Untersuchungen zentraler Forschungsgegenstand war, wie zum Beispiel eine Studie im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung[3] zeigt. Diese sieht das Phänomen der Ehescheidung in den verschiedenen Arbeitszeitmodellen begründet, durch die die private Zeit nur noch schwer zu planen sei und unter denen die Familien leiden würden. Stress und Unzufriedenheit führten u.a. zu Brüchen des traditionellen Lebens.[4]

Der von der Ökonomie in Vertretung von Gary S. Becker und der Soziologie durch Hartmut Esser unternommene Versuch, die Scheidung als ehelichen Prozess zu beschreiben, der von variierenden Strukturen oder neuen Anreizen, die durch eine erneute Heirat oder dem ‚Alleinbleiben` entstehen, gekennzeichnet ist, möchten wir in der folgenden Arbeit darstellen. Deutlich zu erkennen und somit charakteristisch für die Analyse von Ehe und Scheidungsursachen bei Becker, ist dessen ökonomischer Denkansatz, den er auf die Familie als Konsum- bzw. Produktionsgemeinschaft bezieht. Hierbei verwendet er die für den ‚Produktionsprozess einer Familie´ typischen Begriffe wie Ehegewinn, Ressourcenknappheit oder Produktionsgüter. Demnach funktioniert die eheliche Gemeinschaft nur solange der Ehegewinn noch ´lohnenswert erscheint´. Darin kommt zum einen die ´industrielle Rationalität´, aber auch die für die Beschreibung und Bewertung einer Ehe subjektive Betrachtungsweise zum Ausdruck, die durch Gefühlsausdrücke geprägt wird.

Eine andere Herangehensweise wählt Hartmut Esser, dessen Theorie durch die Rahmung des sozialen Handelns der Akteure gestützt wird. Ausgehend von anfänglichen subjektiven Vorstellungen bezüglich des Verheiratetseins entsteht ein ´Frame´, durch den der Akteur seinen Partner wählt und in die eheliche Gemeinschaft eingeht. Ist diese Vorstellung mit der Realität des täglichen Ehelebens komgruent, so bleibt die eheliche Bindung bestehen und gewinnt mit Dauer ihrer Beständigkeit an Stabilität. Im Gegenteil dazu lösen Ehekrisen eine ´Disharmonie´ aus, die im weiteren Verlauf den anfänglichen Rahmen oder die Vorstellungen, die der Akteur zu Beginn seiner Ehe hatte, beeinflussen und verändern. Es entsteht eine neue Rahmung, die, laut Esser, die Scheidung bereits wahrscheinlicher werden lässt.

Das Anliegen dieser Arbeit soll es sein, die Scheidungsrate, die wie bereits erwähnt, ständig ansteigt, aus soziologischer Sichtweise zu erklären und dabei die Scheidung mit ihren Ursachen analysieren zu können. Die Besonderheit liegt dabei in der theoretischen Betrachtungsweise des ökonomischen Standpunktes. Denn wie wir ökonomisches Denken in allen anderen gesellschaftlichen Handlungsweisen erkennen können, hat Wirtschaftlichkeit auch nicht Halt gemacht vor gesellschaftlichen Phänomenen, wie dem der Scheidung, denen man in jüngerer Vergangenheit nur wenig ökonomische Berührungspunkte zugeschrieben hätte.

Den Kern unserer theoretischen Forschungsarbeit bildet eine fundierte Fragestellung bezüglich eines integrativen Ansatzes zur Lösung diametraler Einzelperspektiven der soziologischen und ökonomischen Forschungsrichtung. Um die Differenz zwischen der ökonomischen und traditionell soziologischen Grundlage erkennen zu können, verdeutlichen wir zunächst die zentralen Determinanten der Ökonomie und der Soziologie.

Die Mitbegründer ökonomischer und soziologischer Scheidungsforschung, Becker und Esser, zeigen mit dem Modell des haushaltsökonomischen Ansatzes beziehungsweise dem Modell-der-Frame-Selektion die Integrationsfähigkeit des Phänomens der Scheidung in ökonomische und soziologische Sichtweisen. Ausgehend von deren Prämissen beschreiben wir die theoretische Grundlage der Modelle und betrachten diese im Zusammenhang mit dem Scheidungsrisiko.

Im Folgenden versuchen wir anhand der soziologischen Erklärungslogik ein eigenes theoretisches Modell zu entwerfen, das eine Aufwertung in dem Sinne erfährt, als dass wir die Mesoebene, die Perspektive der Familie, einführen und somit nicht nur die Scheidungsrate auf die Gesellschaft bezogen schematisch darstellen, sondern auch Auswirkungen der Scheidung innerhalb der Familien beleuchten können. Unser Versuch der theoretischen Modellierung der Schidungsrate in einer von uns entwickelten grafischen Darstellung soll nicht den Anspruch alleiniger Gültigkeit und Richtigkeit erheben, sondern ausschließlich eine Möglichkeit einer weiteren Herangehensweise an das Thema Scheidung aufzeigen.

Abschließend enden wir mit einer kritischen Reflexion unserer Ausführungen und schließen die Arbeit mit der Beantwortung der zu Beginn erhobenen Fragestellung.

1. Divergierende Erkenntnisprogramme < Ökonomie vs. Soziologie>

Da die Forschungsrichtungen der Ökonomie und der Soziologie Unterschiede in ihren Prämissen und Grundvorstellungen aufweisen, sollen im Folgenden Differenzen aber auch mögliche Übereinstimmungen beider Erkenntnisprogramme herausgestellt werden. Diese Differenzierung beider Begriffe ist es auch, die im weiteren Verlauf der Arbeit in Bezug auf die von uns zu beantwortende Fragestellung als Vorwissen vorhanden sein muss. Zunächst verweisen wir auf allgemein gültige, den beiden Forschungsrichtungen zugrunde liegende Vorannahmen, die diese jeweils charakterisieren.

Der „haushaltsökonomische Ansatz“ nach Gary S. Becker bedient sich, wie bereits aus seiner Bezeichnung ersichtlich wird, der Ökonomie, die „als die Wissenschaft von der Allokation materieller Güter zur Befriedigung materieller Wünsche“,[5] definiert wird. Hierbei liegt das Hauptaugenmerk in der Allokation von Gütern, die so aufgeteilt werden, dass der einzelne Akteur seine subjektiven Absichten zu verfolgen versucht. Wirtschaft und wirtschaftliches Handeln gehen aus dem Begriff der `Ökonomie` hervor. Albert Reiss benennt die Ökonomie als „die Sozialwissenschaft, die sich mit den Mitteln und Wegen befasst, durch die Menschen und Gesellschaften versuchen, ihre materiellen Bedürfnisse und Wünsche [zu] erfüllen.“[6] Die Ökonomie legt ihren Forschungsschwerpunkt in Erklärungsansäzte ökonomisch-rationalen Charakters und bezieht alles menschliche Verhalten als deren Forschungsgegenstand mit ein. Nach Becker zählen die Wahl eines Partners, Entscheidungen über die gewünschte Kinderzahl, soziale Interaktionen, Kriminalität oder politisches Verhalten u.a. zu den untersuchten Thematiken[7]. Das zugrunde liegende Denken der ökonomischen Betrachtungsweise liegt im Verhältnis knapper Mittel und konkurrierender Ziele. Dabei wird das Vorhandensein von Ressourcenknappheit vorausgesetzt. Aus dieser Situation heraus versucht der rational handelnde Akteur mit möglichst geringem Kostenaufwand eine hohe Wahrscheinlichkeit tatsächlichen Nutzens zu erzielen. Unter die Betrachtungsweise ökonomischer Denkansätze fallen nicht nur Einzelakteure, sondern auch kollektive Akteure, wie Becker in seinen Forschungen am Beispiel der Familie zeigt. Weiterhin werden bei eben genannten Personen oder Gruppen klare Präferenzordnungen angenommen. Der Aspekt der vollständigen Informiertheit stellt für den Ökonomen ein nicht zu erreichendes Ziel dar, dieser strebt vielmehr nach optimaler, subjektiv für die Befriedigung eigener Bedürfnisse nötiger Information. Die ökonomische Verhaltenstheorie bezieht sich nicht nur auf bewusst rationale Entscheidungen, sondern auch auf solche, die sich unbewusst, zufällig, sich wiederholend oder aus emotionalen Affekten heraus ergeben.

Soziologische Paradigmen und Theorien dagegen, versuchen einen Einblick in die soziale Wirklichkeit zu geben und weisen auf die Methodologie dieser Forschungsrichtung hin. Dabei steht das menschliche Zusammenleben insgesamt und nicht nur bestimmte Bereiche (Politik, Recht, Wirtschaft, Bildung u.a.) konträr zur Ökonomie im Mittelpunkt der Betrachtung. Folge einer gemeinschaftlichen Lebensweise, wie sie der Mensch lebt, sind Effekte und Ergebnisse, die die soziale Wirklichkeit darstellen und, wie erwähnt, den Forschungsgegenstand der Soziologie ausmachen. Aus dem Verständnis einer sich durch den geschichtlichen Wandel veränderten Gesellschaft und deren Strukturen schöpft die Wissenschaft der erklärenden Soziologie ihre Kenntnisse und legt diese ins Zentrum ihrer Forschungsbemühungen. Soziologisches wissenschaftliches Arbeiten bedeutet in diesem Zusammenhang nicht psychische Dispositionen einzelner Akteure zu ergründen, sondern vielmehr das Handeln aufgrund struktureller Gegebenheiten zu erklären. Zu ihren Hauptproblemfeldern zählt die Soziologie die Erklärung des Phänomens einer „gesamt gültigen Ordnung, das Problem der sozialen Ungleichheit, den sozialen Wandel (insbesondere das Prognoseproblem) [und] die Erklärung des sozialen Verhaltens bzw. Handelns“.[8] Wenn es aus soziologischer Betrachtungsweise um die Analyse von familialen Prozessen geht, befindet sich der Forscher im Felde spezieller Soziologie. Als Erfahrungswissenschaft möchte die Soziologie ihre Aufgabe darin verortet sehen, dass sie Informationen über die soziale Wirklichkeit systematisch sammelt und diese aus rational-logischer Sichtweise analysiert, um sich auf der Grundlage einer stringenten Argumentation von „rein formal-logischen Wissenschaften, wie etwa der Mathematik, abgrenzen“[9] zu können. Weiterhin grenzt sich die Soziologie von dogmatischen Satzungen dahingehend ab, die als Ursache für bestimmte Verhaltensweisen determinierte Weltanschauungen oder Glaubensrichtungen festlegen, dass sie auf den fehlenden Verstand und das Nichtvorhandensein der logischen Begründung solcher Wirklichkeitsbeschreibungen hinzuweisen versucht.

Auch die Ökonomie findet ihren Standpunkt unter den formal-rationalen Wissenschaften und ist somit in diesem Punkt, in ihrer Grundkonzeption mit der Soziologie begrenzt verknüpfungsfähig. Als eine Form spezieller Soziologie betreibt die Ökonomie auf der Grundlage rationaler Erklärungsmuster bzgl. sozialen Verhaltens wissenschaftliche Forschungsarbeit. Dabei finden sich in der ökonomischen Verhaltensforschung Ansätze der Wirtschafts- oder Spieltheorie, weiterhin der Rational-Choice-Ansatz sowie die Wert-Erwartungstheorie. Die ökonomischen Ansätze berufen sich insbesondere auf die Grundlage festgelegter rationaler Denkprozesse, die die Bereiche und Tätigkeitsfelder wirtschaftlichen Handelns determinieren. Georg Bernard Shaw fokussiert Ökonomie in seinem Zitat treffend, wenn er behauptet, „Ökonomie (sei) die Kunst, das Beste aus dem Leben zu machen“.[10] Dabei betont er jedoch nur die Tatsache, dass ökonomisches Denken eine immanente Bedeutung für das positive Gestalten des eigenen Lebens hat, verweist jedoch nicht auf die Mittel und Möglichkeit diese Fähigkeit durchzusetzen. Der ökonomische Ansatz legt sich formal-rationales Kalkül zugrunde und blendet jegliches emotional-motiviertes Handeln aus. Der ursprüngliche Begriff der Ökonomie bezeichnet die wirtschaftlichen Prozesse und deren Folgen und orientiert sich an Regeln und Satzungen innerhalb betrieblicher Organisationen. Dagegen versucht die Soziologie sowohl auf struktureller, wie auch aus sozial-emotionaler Sicht Verhaltensweisen der Akteure zu erklären und mögliche Regeln oder Ordnungen, die daraus resultieren, zu begründen. Der aktuelle Forschungsstand offenbart, dass „die ökonomische Verhaltenstheorie in Bereiche der soziologischen Entscheidungs- und Handlungsforschung eingedrungen [ist]“.[11] Ausgehend vom ‚ökonomischen Imperialismus’ sehen auch wir die nun vorliegende Arbeit im Wesentlichen bedingt durch die ökonomische Perspektive, die allenfalls eine ‚soziologische Zäsur’ erfährt in der Form, dass wir die Akteursperspektive des homo oeconomicus in unserer eigenen Modellierung als Spezialfall des homo sociooeconomicus theoretisieren. Das Essersche Modell der Frame-Selektion beinhaltet neben dem ökonomischen Akteurmodell die normative Akteursperspektive in Form des homo sociologicus, die handlungstheoretisch im Modell miteinander in Beziehung gesetzt werden, um den Unzulänglichkeiten beider theoretischen Einzelperspektiven Rechnung tragen zu können. So wird beispielsweise die ökonomische Unvollkommenheit in der Modellierung der Situation durch das ‚Gegenprogramm’ der Soziologie ergänzt. In Anlehnung an Hartmut Esser ist es auch uns ein Anliegen die verschiedenen Handlungslogiken der Akteure miteinander in Verbindung zu setzen, die von den zwei ‚theoretischen Einzelperspektiven’ als unvereinbar bezeichnet wurden (werden). Ob eine Überführung der dualen Einzelperspektiven in eine integrative handlungstheoretische Selektionsregel logisch und stringent möglich ist, soll dabei im Verlauf der Arbeit theoretisiert und problematisiert werden.

2. Untersuchungsinteresse

Wie die Unterscheidung der vorherrschenden Forschungsrichtungen denen diese Arbeit zuzuschreiben ist, ergeben hat, weisen letztere zwar Differenzen in ihren Grundgedanken auf, doch lassen sie sich nicht vollständig voneinander abgrenzen. Der Umstand, dass sowohl die Soziologie als auch die Ökonomie die Erklärung des Phänomens der Scheidung zu ihrem Forschungsgegenstand wählten, lassen auf ein gemeinsames Interesse schließen, das beide verfolgen. Nach dem Kennenlernen der beiden Forschungsperspektiven bzgl. der Scheidungen in Familien, die Auswirkungen auf den Anstieg der Scheidungsrate in der Gesellschaft haben, ist es uns ein Anliegen die Verortung beider Betrachtungsweisen auf ihre diametrale Beziehung zueinander zu untersuchen, obwohl sich doch beide Modelle mit dem kollektiven Phänomens der Scheidung auseinandersetzen. Zunächst versuchen wir, mit den theoretischen Annahmen beider Modelle vertraut, den bereits angesprochenen gegensätzlichen Zusammenhang beider Modelle, dem ökonomischen nach Becker und dem soziologischen nach Esser, zu hinterfragen. Des Weiteren war es uns in dieser Arbeit ein Anliegen, den Versuch zu starten, ein Modell nach dem soziologischen Erklärungsschema zu generieren, das beide Sichtweisen, sowohl den soziologischen als auch den ökonomischen Ansatz, zu integrieren versucht. Dieses Integrationsmodell soll wiederum ´Scheidung´ als auch die dadurch implizierte ´Scheidungsrate´ erklären.

3. Haushaltsökonomisches Modell (Gary S. Becker)

Die Rechtfertigung für die Existenz

eines [Familien-]Betriebes

ist der eigenständige Beitrag,

den er leistet.
Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten
Cyril Northcote Parkinson (1909-93),

brit. Historiker u. Publizist

Im Mittelpunkt des haushaltsökonomischen Modells von Gary S. Becker steht die Heirat als ein Produkt menschlichen Handelns, das durch die ökonomische Betrachtungsweise einen neuen Zugriff erfährt. Wenn sich die Ökonomie ausschließlich mit „Verhaltensweisen, die“ [innerhalb] „des monetären Marktbereichs liegen“[12] beschäftigt, so ist es nach Becker ebenfalls zulässig, die ökonomische Theorie der Einheit Familie, die Nichtmarktprozesse und Ressourcenknappheit an den Tag legt und von Kapitalallokationen geprägt ist, mit einer ökonomischen Betrachtungsweise zu analysieren. Angelehnt an die sich dynamisch gestaltende demographische Entwicklung versucht der ökonomische Ansatz Beckers aufzuzeigen, „dass die Heirat […] (respektive die Scheidung) innerhalb des Bezugrahmens, den die moderne Ökonomie bietet, mit Erfolg analysiert werden kann“.[13] Auch liegen die Vorzüge des Ansatzes beispielsweise in der Erklärung der geschlechtspezifischen Arbeitsteilung der Familienproduktion, so dass der Tragweite des Beckerschen Modells zur Erklärung gesellschaftlicher Phänomene in den nun folgenden Ausführungen nicht gebührend Rechnung getragen werden kann und wir uns darauf beschränken, das Explanandum ‚Scheidung’ als eine mögliche Implikation des Ansatzes modellierend zu erklären. Der theoretischen Modellierung des haushaltsökonomischen Ansatzes liegen die folgenden zwei Annahmen zugrunde: Es handelt sich bei der Vermählung immer um ein freiwilliges Geschehen, entweder aus der Sicht der Eheleute selbst oder aus der Sicht der Eltern der heiratenden Personen. Unter Zugrundelegung eines relationalen Vertrages, der sich durch unvollständige Information und eine als lang antizipierte Austauschbeziehung charakterisiert, determiniert vor allem die nicht vollständige Einklagbarkeit der ehelichen Rechte und Pflichten die Form der ‚sozialen Einheit’. Diese setzt als eine wesentliche Vorannahme die Freiwilligkeit der ehelichen Akteure voraus. Des Weiteren kann das Vorhandensein einer stabilen Präferenzordnung der Betroffenen vorausgesetzt werden als auch die Annahme, dass bei der Heirat ein höheres Nutzenniveau (Ehegewinn) erreicht wird wie für den Fall, dass ein alternatives Lebensmodell präferiert wird. Von der ökonomischen Theorie wird diese Annahme insofern explizit betont, als das es heißt, „dass durch eine Heirat der sich im Haushalt vollziehende Produktionsprozess der Erstellung von nicht-marktfähigen Gütern [im folgenden ‚commodities’ genannt] besser gestaltet werden kann, […] denn durch das Poolen der Fähigkeiten können Synergieeffekte verwirklicht werden“.[14] Nachteilig wirkt sich die Heirat für den einzelnen Akteur insofern aus, als dass ihm „Mitspracherechte eingeräumt werden und (...) so Verfügungsgewalt über Ressourcen erteilt werden, über die man vor der Ehe völlig autonom entscheiden konnte“.[15]

Der exponierten Stellung der Familie als ‚zentralen Baustein der Gesellschaft’ ist es zuzuschreiben, dass es Becker ein Anliegen ist, sich mit der Heirat, einem ‚Verhaltensbeispiel’, das von knappen Ressourcen geprägt und in allen Gesellschaftsformen zu finden ist, zu beschäftigen. Dadurch, dass eine Vielzahl von Männern und Frauen bei der Partnersuche im Wettbewerb zueinander stehen, spricht man aus ökonomischer Sicht von einem `Heiratsmarkt`. „Jeder einzelne [Akteur] versucht [dabei] den besten Ehepartner zu finden, in Abhängigkeit von den Restriktionen, die die Marktbedingungen auferlegen“.[16] Dieses Prinzip erklärt somit vereinfachend, „warum es unter offensichtlich unterschiedlichen Bedingungen zu einer gleichartigen Zuordnung der Partner nach Wohlstand, Ausbildung und anderen Charakteristika kommt“.[17] Nach Notburga Ott kann somit der ‚handlungstheoretische Kern’ (bzw. die Beckerschen ‚Basisannahmen’) des ökonomischen Ansatzes auf „nutzenmaximierendes Verhalten, Marktgleichgewicht und Präferenzstabilität“[18] zurückgeführt werden. Weiterhin sollte im Vorfeld der Analyse des Heiratsverhaltens der Menschen darauf hingewiesen werden, dass sich die derzeitige Entwicklung der Gepflogenheiten des Heiratsverhaltens in den westlichen Ländern immer stärker von sog. ‚Langzeitehen’ distanziert. Das Phänomen der Scheidung wird von den Ländern in unterschiedlicher Form bewertet. So gibt es Gesellschaften in denen die Scheidung unmöglich ist, im Gegensatz dazu aber in anderen Fällen auch relativ üblich ist. Um sich als Betroffener von etwaigen Problemen zu distanzieren, werden ein „Hinauszögern der Heirat“ oder die „Gründung von flexibleren „Einverständnis“-, „Gewohnheitsrechts“- oder „Probe“-Ehen[19] bevorzugt. Der aus einer Ehe `erworbene` Gewinn (Output), der das Motiv zur Heirat aus ökonomischer Sicht bildet, hängt mit der Passung der Güter, der Zeit und der in einer Ehe eingesetzten ‚Inputs’ der Verehelichten zusammen. Weiterhin wird bei der Analyse von Ehen und deren Entstehungsmotiven angenommen, dass sich Männer und Frauen nur mit Partnern ehelichen, die subjektiv gleiche oder ähnliche Merkmalsausprägungen in Bezug auf IQ, Ausbildung, Größe, Hautfarbe, etc. darlegen. Nicht unter diese Zuteilungsregel fällt aber das Verdienstpotential. Das heißt, dass nicht immer davon auszugehen ist, dass Wohlhabende sich ebenso wohlhabende Partner suchen.[20]

Die sich daraus ergebende ‚Institution der Ehe’ bedeutet für Becker zunächst nur, „dass sie [Mann und Frau] den selben Haushalt miteinander teilen“.[21] Das zu erklärende, soziale Phänomen der Familie unterliegt dabei exogenen als auch endogenen Veränderungen und hat in diesem Zusammenhang weit reichende Auswirkungen auf gesellschaftliche Gesamtentwicklungen, wie die sich dynamisch gestaltende, generative Struktur einer Gesellschaft. Dieser Logik folgend, hat das „Heiratsmuster“[22] Auswirkungen „auf die Geburtenzahl, das Bevölkerungswachstum, für die Erwerbsbeteiligung der Frauen, für die Ungleichheit der Einkommen, der Fähigkeiten und anderer Charakteristika von Familien, für die natürliche genetische Selektion verschiedener Charakteristika im Zeitablauf, und für die Verwendung der Freizeit und anderer Ressourcen des Haushaltes“.[23]

Weiterhin lässt die Modellierung des Haushalts als ‚betrieblichen Produktionsprozess’ Implikationen erkennen, etwa als Erklärungsgrundlage für das Eingehen einer ehelichen Gemeinschaft, dem Auflösen der formal-gesatzten ‚Institution Ehe’, die insbesondere für die Familiensoziologie von Interesse ist. Auch wenn die Beckersche Gleichsetzung oder synonyme Verwendung der Begriffe ‚Haushalt’ und ‚Wirtschaftsunternehmung’ Schwierigkeiten als auch Besonderheiten beinhaltet, die der Vollständigkeit halber ergänzend angeführt werden, unterscheiden sich „Familienhaushalte (…) von Unternehmen und anderen Organisationen hauptsächlich dadurch, dass die Allokation innerhalb von Familien großteils durch Altruismus und dementsprechende Verpflichtungen bestimmt wird, während die Allokation in Unternehmungen durch implizite oder explizite Verträge zwischen eigennützigen Mitgliedern bestimmt wird“.[24]

Wir konnten nun einige Vorannahmen, die eine Ehe mit sich bringt, darlegen und weisen abschließend auf die beiden zentralen Kernthesen des ökonomischen Heiratsmodells hin: Dass jede Person zum einen im Rahmen ihres nutzenmaximierenden Handelns sich den Partner wählt, der ihm den größten Nutzen, gemessen an den in einer Ehe entstehenden Gütern erbringt, kann mit ökonomischen Denkansätzen verglichen werden. Zum anderen ist der „Heiratsmarkt“[25] in einem Zustand des Gleichgewichtes verharrend, der dadurch entsteht, dass sich niemand durch den Wechsel eines Partners besser stellen könnte. Diese Situation stellt allerdings nur die optimale Weise dar, wie der Heiratsmarkt aussehen könnte. Die Realität dagegen zeigt ein anderes Bild: dort ist es gerade so, dass die Möglichkeit besteht, aus einer Vielzahl von Partnern auszuwählen, die etwaige Verbesserungen meines eigenen ‚Wohlstandes’ bewirken könnten. Diese Möglichkeit der freien Auswahl, die den Akteur evtl. besser `dastehen lässt` impliziert die Heterogenität der Nachfrage. Auffällig aber bei der Analyse der Ehe aus ökonomischer Sicht, ist das Ausbleiben der Betrachtung emotionaler Aspekte, da diese zu den exogenen Faktoren einer ehelichen Gemeinschaft zählen, die aber beim Eingehen von zwischenmenschlichen Beziehungen nicht außer Acht gelassen werden dürfen. Im Folgenden möchten wir auf die Verteilung des Ehegewinns (Output) eingehen. Hierbei lässt sich feststellen, „dass der [Ehe]gewinn mit der ‚Kompatibilität’ oder ‚Komplementarität’ der Zeit, der Güter, und anderer – in der Haushaltsproduktion eingesetzter - ‚Inputs’ der beiden Personen zusammenhängt“.[26] Darauf aufbauend und mit der eigentlichen Modellmodellierung des Haushaltsmodells nach Becker werden wir im weiteren Verlauf fortfahren.

3.1 Theoretische Modellierung des ‚Haushaltsökonomischen Ansatzes’

Die `New Home Economics`, der insbesondere Gary S. Becker und das haushaltsökonomische Modell vorsteht, liefert die Antwort auf die Frage wie die Familie ökonomisch definiert werden kann. Die Entwicklung des haushaltsökonomischen Ansatzes fällt dabei in die siebziger Jahre und dem damals vorherrschenden Selbstverständnis der Ökonomie, wonach sich `alles menschliche Handeln nach Becker durch die Ökonomie erklären lässt.` „Den Kern des ökonomischen Ansatzes bezeichnet [Becker] dabei die Annahmen von nutzenmaximierendem Verhalten, Marktgleichgewicht und Präferenzstabilität“.[27] Diesem Anspruch konnte der haushaltsökonomische Ansatz ausschließlich in einem begrenzten Maße gerecht werden, wurde er im zeitlichen Verlauf doch zur Genüge von anderen soziologischen Programmen kritisiert und vom Autor selbst zu großen Teilen in seiner ursprünglichen Konstruktion revidiert. „Wenngleich es unter den Ökonomen etliche gibt, die diese Definition ablehnen, darf man doch davon ausgehen, dass ihr die Mehrheit der Ökonomen im Prinzip zustimmt, was aber nicht bedeutet, dass sie der Verallgemeinerbarkeit auf alles menschliche Verhalten beipflichten“.[28] Auch fehlen, im Gegensatz zu traditionellen Märkten, Austauschbeziehungen zwischen Entscheidungsträgern, „wie z.B. [lassen sich] viele biologische Prozesse, (…) mit dem ökonomischen Ansatz nicht analysieren“.[29]

[...]


[1] www.destatis.de

[2] ebd.

[3] www.boeckler.de

[4] www.destatis.de

[5] Becker, 1993, S. 223

[6] Reiss, 1968, S. 624

[7] Becker, 1993

[8] Hillmann, 1994, S. 822-823

[9] Korte/Schäfers, 2002, S. 16

[10] Becker, 1993, S. 223

[11] Hillmann, 2002, S. 628

[12] Becker, 1993, S. 225

[13] Becker, 1993, S. 226

[14] Ribbegge, 1993, S. 66

[15] Ribbegge, 1993, S. 67

[16] Becker, 1993, S. 226

[17] ebd.

[18] Ott, 1998, S. 64

[19] Becker, 1993, S. 227

[20] Becker, 1993

[21] Becker, 1993, S. 228

[22] Becker, 1993, S. 226

[23] Becker, 1993, S. 226

[24] Becker,, 1996, S. 106

[25] ebd., S. 258

[26] Becker, 1993, S. 227

[27] Ott, 1998, S. 64

[28] ebd.

[29] ebd.

Details

Seiten
52
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638469562
ISBN (Buch)
9783638708791
Dateigröße
653 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v50828
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,3
Schlagworte
Scheidung Zukunftsform Heirat Ansatz Erklärung Phänomens

Autoren

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