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Das private Politische der "Homosexualität_en" Ausstellung in Berlin

Hausarbeit 2016 14 Seiten

Geschlechterstudien / Gender Studies

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Räumliche und thematische Konzeption des DHM

3. Künstlerische Erweiterung durch das Schwule Museum*

4. Coming-Out
4.1 Coming-Out: In der NS-Zeit
4.2 Coming-Out: Heute

5. Schluss

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis:

[Hinweis: Die Abbildungen mussten von der Redaktion aus urheberrechtlichen Gründen entfernt werden]

1. Einleitung

Die Doppelausstellung „Homosexualität_en“ des Schwulen Museums* und des Deutschen Historischen Museums in Berlin war vom 26.06.2015 bis zum 01.12.2015 zu besuchen und verteilt auf 1.600 Quadratmetern. Es handelt sich um eine von der Kulturstiftung des Bundes und der Kulturstiftung der Länder geförderten Initiative zur Repräsentation der 150-jährigen Geschichte, Politik und Kultur der Homosexualität des späten 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart und auch in Hinblick auf die zukünftigen Entwicklungen. Aufgezeigt werden soziale, juristische sowie wissenschaftliche Aspekte einer schrittweisen Emanzipation der Geschlechterrolle Homosexueller. Unüblicher Weise wird der Fokus nicht auf die Verbindung von Homosexualität mit schwulen Männern, sondern auf die Bedeutung lesbischer Frauen bei dem Fortschritt in den Punkten Gesellschaft, Politik, Kunst, Recht und Wissenschaften gesetzt. Als Widmung der Lesben- und Schwulenbewegung beschäftigt sich die Ausstellung besonders mit der Kriminalisierung durch die Gesetzgebung und der Ausgrenzung seitens der Gesellschaft. Kurator/innen dieses Projekts sind Birgit Bosold, Dorothée Brill und Detlef Weitz.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Heather Cassils and Robin Black, Homage to Benglis, part of the larger body of work CUTS, 2011

Als das Gesicht der Ausstellung, sichtbar auf Plakaten (siehe Abb. 1) der ganzen Stadt und überall im Internet, gilt die kanadische Bodybuildnerin und Künstlerin Heather Cassils. Durch einen strengen Trainings- und Ernährungsplan hat sie aus ihrem eigenen Körper ein Kunstwerk geschaffen. Sie stellt sich selbst mit männlich muskulösem Körper, femininen Brüsten und rot geschminkten Lippen, sowie universeller Frisur dar. Die Grenze zwischen den gängigen Geschlechtern scheint zu verschwinden und genau das war das Ziel, welches des Weiteren durch die Bezeichnung der Ausstellung deutlich werden soll: „Homosexualität_en“. Der durch den Unterstrich hervorgehobene Plural des Begriffs hinterfragt unsere gegenwärtige Konzeption der Geschlechterordnung. Die Vielfalt der anderweitigen Sexualitäten von Homo-, über Trans- und Intersexualität soll in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit rücken und zur Desensibilisierung des Themas beitragen.

Die getrennten Meinungen über das Geschlecht des Models regen weitreichende Diskussionen an und erregen eine immense Aufmerksamkeit. Das Provokante fällt innerhalb der Gesellschaft auf und erntet neben positiver auch zahlreiche negative Kritik. Diese abwertenden Äußerungen der Kritiker führten zu einem stellungsnehmenden Brief der Museen und des kuratorischen Teams der Ausstellung. In diesem heißt es:

Ebenfalls wollen wir mit diesem Motiv für die Akzeptanz von Uneindeutigkeiten werben und tun dies mit einer künstlerischen Arbeit, die die Ästhetik der Werbung nutzt und scheinbar einen "Idealkörper" präsentiert, der jedoch als sein Gegenteil rezipiert wird. Uneindeutigkeit, so wird auch in den teilweise harschen Reaktionen auf dieses Plakat deutlich, geht häufig mit dem Vorwurf des "Monströsen" und "Abartigen" Hand in Hand.[1]

Die politischen, gesellschaftlichen und rechtlichen Umstände unter denen Homosexualität ausgelebt werden kann verändern sich kontinuierlich, wie in dieser Ausstellung besonders durch die Darstellung des Privaten veranschaulicht wird. In diesem Konsens wirft sich unter anderem die Frage auf, inwiefern sich die Ängste eines Coming-Outs im Laufe der Geschichte veränderten.

2. Räumliche und thematische Konzeption des DHM

Die gesamte Ausstellung ist unterteilt in das Deutsche Historische Museum und das Schwule Museum*. Während sich das Deutsche Historische Museum vorwiegend mit Entwicklung der Geschichte in der Vergangenheit bis in die Gegenwart beschäftigt, stehen im Schwulen Museum* besonders die zeitgenössischen Positionen der Gegenwart und mögliche zukünftige Fortschritte der Sexualität im Vordergrund. Ausgestellt werden Flugblätter, Pressematerialien, Plakate, Fotografien, Videos und Gegenstände.

Der Empfangsraum der Ausstellung im Deutschen Historischen Museum trägt den Namen „Das erste Mal“. Hier werden auf quadratischen Säulen individuelle Coming-Out Geschichten präsentiert (siehe Abb. 2). Freiwillige haben hierfür persönliche Bezugsgegenstände aus den entscheidenden und prägenden Phasen ihres Outings bereitgestellt und die betreffenden Geschichten jeweils in einem kurzen Video erläutert, wodurch ein Einblick in die Gefühle und Identitäten der Menschen möglich wird. Bei diesen Gegenständen handelt es sich exemplarisch um den Outingbrief aus jungen Jahren eines Mannes an seinen Vater oder um das erste Paar Balletschuhe eines Mannes, welcher bereits als Junge eine Hingabe dem Tanz gegenüber verspürte. Auf den anderen Seiten der Säulen befinden sich Bilder von Ikonen wie Tilda Swinton und lesben- bzw. schwulenfeindliche Zitate, wie beispielsweise „ Lesben sind keine Frauen “ von Monique Wittig.

„Das zweite Geschlecht“ ist die Bezeichnung des darauffolgenden Raums, in welchem das weibliche Geschlecht im Vordergrund steht. Nicht nur in rechtlichen Angelegenheiten waren Frauen eine lange Zeit über benachteiligt und von dem männlichen Geschlecht unterdrückt. Weibliche Künstlerinnen waren in den frühen 90er Jahren noch immer unüblich und außerdem wenig anerkannt. Porträts und Selbstportraits von selbstbewussten und emanzipierten Frauen sollen die verschiedenen abweichenden Betrachtungsmöglichkeiten zum Ausdruck bringen.

Unter dem Titel „Andere Bilder“ gibt es im dritten Raum Ausschnitte der 6000-teiligen Sammlung Andreas Sternweilers, bei welchem es sich um einen der Mitbegründer des Schwulen Museums* handelt. Die Spuren der homoerotischen Kultur des 16. Bis 19. Jahrhunderts werden in seinen Fotografien und Malereien verbildlicht. Eines seiner häufig gewählten Motive sind homosexuelle Soldaten. Generell ist der Bereich in 6 Kategorien unterteilt: Antike und Rezeption, europäische Männeraktfotografie, Homoerotik in der Kunst, Geschichte der Travestie und Geschlechterfolge, Sozialgeschichte der Homosexuellen und amerikanische Männeraktfotographie. In dieser Sektion gibt es weder eine Chronologie, noch Angaben zu den jeweiligen Jahreszahlen.

Der anschließende Bereich „Wildes Wissen“ stellt gewählte Bestände aus Archiven und Sammlungen zur Schau. Angeordnet werden diese in einer alphabetischen Reihenfolge. Die Ausstellung „Homosexualität_en“ ist bewusst nicht chronologisch ausgerichtet, da eine zeitliche Formation bei den Betrachtern Kausalitäten und Verbindungen ergeben könnten, welche nicht der Wahrheit entsprächen.

In dem Durchgangsbereich „Schimpf und Schande“, auch „Shame and Disgrace“, hat der Besucher die Möglichkeit sich hinzusetzen und sich auf unterschiedlichen Bänken verschiedene Audio-Dateien aktueller oder länger zurückliegender Zitate bekannter Persönlichkeiten wie Politikern und Prominenter, oder auch anderer Mitbürgern anzuhören und auf sich wirken zu lassen. Diese äußern sich auf homophobe Weise zu gegebenen Situationen, wie der Vermerk Paris Hiltons bei einer Taxifahrt im Jahr 2012: „Schwule Typen sind die notgeilsten Leute der Welt, bei denen geht es doch immer nur ums Ficken. Die sind total ekelerregend. Wahrscheinlich haben die meisten sowieso Aids. Ich hätte Angst, wenn ich ein Schwuler wäre, die sterben doch alle irgendwann an Aids.“ oder der Kommentar Matthias Mattuseks in einem Interview 2014: „Ich bin wohl homophob. Und das ist auch gut so.“

Durch die Aktualität der meisten Kommentare wird erneut deutlich, dass sich das Thema Homophobie auch heutzutage noch sehr präsent zeigt und ein großer Teil der Gesellschaft noch immer deutlich durch Vorurteile, Angst und Abneigung geprägt ist.

Der einzig chronologisch angeordnete Raum heißt „Vor Gericht“ und zeigt anhand einer Timeline den Wandel des Strafrechts, sprich die erreichten politischen und gesellschaftlichen Meilensteine, sowie auch die juristischen Hürden, welche es auf diesem Wege vorerst zu bewältigen gab. Es werden Daten und Paragraphen aufgelistet, an welchen die schrittweisen Veränderungen deutlich werden. So galt etwa unter der Gesetzgebung des Reichsstrafgesetzbuches von 1872 der Paragraph 175:

Widernatürliche Unzucht, welche zwischen Personen männlichen Geschlechts oder von Menschen mit Tieren begangen wird, ist mit Gefängnis zu bestrafen; auch kann auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden.[2]

Seit 1909 galt das Verbot des gleichgeschlechtlichen Aktes ebenfalls für Frauen, welche jedoch bei weitem nicht so stark verfolgt und bestraft wurden wie Männer. Im Jahr 1935 wurde dieses Gesetz noch verschärft und es drohten Gefängnis- bis hin zu Todesstrafen. Erst im Jahre 1994 wurde dieser Paragraph komplett gestrichen, womit Homosexualität nicht mehr als Strafe galt. Schließlich gibt es seit 2001 auch die Möglichkeit auf offiziell eingetragene Partnerschaften in Deutschland. Der Aspekt der Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe in den Vereinigten Staaten von Amerika seit 2015 wird an dieser Stelle jedoch nicht aufgelistet. Dies hat den Grund, dass nicht bereits bewältigte Hindernisse widergespiegelt werden sollen, sondern jene Ziele die zukünftig es noch zu erreichen gilt. Ergänzend wird an einer Weltkarte veranschaulicht, in welchen Ländern die Strafverfolgung geendet hat und in welchen sie auch heute noch stattfindet.

[...]


[1] Deutsches Historisches Museum/ Kuratorisches Team der Ausstellung Homosexualität_en/ Schwules Museum*: Zur Kritik am Plakatmotiv der Ausstellung Homosexualität_en (2015). - Online: https://www.dhm.de/fileadmin/medien/relaunch/presse/pressebilder/HMSX/Plakatkritik_final.pdf (25.03.2016).

[2] Schilling, Thorsten: Vor 20 Jahren: Homosexualität nicht mehr strafbar (2014). - Online: https://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/180263/20-jahre-homosexualitaet-straffrei-10-03-2014 (26.03.2016).

Details

Seiten
14
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783346080479
ISBN (Buch)
9783346080486
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v508239
Institution / Hochschule
Universität Siegen
Note
1,3
Schlagworte
politische homosexualität_en ausstellung berlin
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Titel: Das private Politische der "Homosexualität_en" Ausstellung in Berlin