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Abstinenz- und akzeptanzorientierte Drogenhilfe in der Sozialen Arbeit. Ein Vergleich

Bachelorarbeit 2012 38 Seiten

Pädagogik - Sozialpädagogik

Leseprobe

lnhalt

Einleitung

1 Drogenabhangigkeit
1.1 Drogen
1.2 Abhangigkeit

2 Themen- und Aufgabenfelder der Drogenhilfe in der Sozialen Arbeit

3 Pragende Ansatze in der Drogenhilfe- von der Abstinenz zur Akzeptanz
3.1 Abstinenzorientierte Drogenhilfe
3.2 Akzeptanzorientierte Drogenhilfe

4 Ein Vergleich zwischen abstinenz- und akzeptanzorientierter Drogenhilfe
4.1 Zur Reichweite von abstinenz- und akzeptanzorientierten Hilfeangeboten
4.2 Herausforderungen einer Akzeptanzorientierung fi.ir Mitarbeiter/innen der Drogenhilfe
4.3 1st eine akzeptierende Drogenhilfe in Deutschland tatsachlich moglich?

5 Fazit

Einleitung

"Jeder vierte in Deutschland lebende Erwachsene (26,5 Prozent) im Alter von 18 bis 64 Jahren hat schon einmal eine illegale Droge probiert, die Mehrheit Cannabis­ produkte. 7,4 Prozent der Erwachsenen haben Erfahrung mit dem Konsum anderer illegaler Substanzen wie Heroin, Kokain oder Amphetaminen" (URL: http://www. drogenbeauftragte.de/fileadmin/dateien-dba/Presse/Downloads/12-0522_Drogen suchtBericht_2012.pdf: 26). lnsgesamt konsumieren etwa 200.000 Personen in der Bundesrepublik Deutschland risikohaft illegale Substanzen abgesehen von Canna­ bis, wobei die Dunkelziffer nicht mitgerechnet wurde (vgl. ebd.). Hier setzt interve­ nierend die Drogenhilfe an. lhre Aufgabe ist es, praventive MaBnahmen gegen risi­ kohaften Drogenkonsum zu entwickeln, Drogenabhangige beratend zu unterstut­ zen und zu behandeln sowie Oberlebenshilfe und Schadensminimierung zu leisten (vgl. Jungblut 2011: 294). "30.651 Patienten waren 2010 wegen einer Opioid­ bezogenen Storung in einer ambulanten oder stationaren Einrichtung in Behand­ lung, gefolgt von etwas uber 9.800 Patienten mit kokain- und stimulanzien­ bezogenen Storungen" (URL: http://www.drogenbeauftragte.de/fileadmin/dateie n-dba/Presse/Downloads/12-05-22_DrogensuchtBericht_2012.pdf: 26.).

Die Drogenhilfe ist in ihren lnterventionsbemuhungen von verschiedenen, sich wandelnden wissenschaftlichen Theorien beeinflusst, die wesentlich von zweit An­ satzen gekennzeichnet sind: der Abstinenz- und Akzeptanzorientierung (vgl. Dollin­ ger/Schmidt-Semisch 2007: 326). Beide Ansatze haben in den letzten Jahren nicht nur die Drogenhilfe, sondern auch die Drogenpolitik bis heute gepragt. Aus diesem Grunde soli in der folgenden Arbeit ein theoretischer Vergleich zwi­ schen der abstinenz- und akzeptanzorientierten Drogenhilfe gezogen werden. Der Fokus soli dabei nicht darauf liegen, welches der "richtige" oder ,,falsche" Ansatz ist, sondern vielmehr soli herausgestellt werden, welche Hilfen besser von Drogen­ nutzern wahrgenommen werden. Welche Orientierung in der Drogenhilfe tragt besser zum Abbau negativer Folgen einer Abhangigkeit illegaler Orogen bei? Und uberdies muss hinterfragt werden, ob eine effektive Form von Drogenhilfe unter herrschenden drogenpolitischen und strafrechtlichen Bedingungen in Deutschland letztlich uberhaupt moglich ist.

lm Folgenden werden zunachst die Begriffe Orogen und Abhangigkeit erklart, um ein ausreichendes Hintergrundwissen zur Thematik zu schaffen. lm Anschluss da­ ran wird das Arbeitsfeld der Drogenhilfe kurz vorgestellt. lm Folgenden werden die beiden primaren Ansatze der Drogenhilfe erklart, um diese letztendlich in ihrer Wirkung miteinander vergleichen zu konnen.

1 Drogenabhangigkeit

Da in der Offentlichkeit wie auch im Fachdiskurs viele unterschiedliche Definitionen fOr Begriffe wie Orogen und Drogenabhangigkeit existieren und diese oft synonym verwendet werden, obwohl ihnen unterschiedliche Bedeutungen zukommen (Sau­ er/Weilemann 2001: 9L muss in der folgenden Arbeit zunachst ein grundsatzliches und einheitliches Verstandnis der Begriffe geschaffen werden, um die Ansatze in der Drogenhilfe miteinander vergleichen zu konnen.

1.1 Orogen

Der Konsum von Orogen wird schon seit Menschengedenken praktiziert (vgl. Kahnert 1999: 23). lm Lauf der Geschichte haben sich jedoch die Art und Weise sowie auch die gesellschaftliche Bewertung des Drogengebrauchs geandert (vgl. Blum 2002: 79). lm alltaglichen Sprachgebrauch und in den Medien gibt es verschiedene Begriffe fur Orogen, deren Bedeutung teilweise unscharf ist (vgl. Sauer/Weilemann 2001: 9). Die Stoffe Ober Abhangigkeitspotential, Zusam­ mensetzung oder Wirkungsweise zu definieren, gestaltet sich schwierig und es gibt viele verschiedene wissenschaftliche Definitionen auf dem Gebiet (vgl. ebd.). Aile Darstellungen stimmen jedoch in dem Punkt Oberein, dass Orogen psychoaktive Stoffe bezeichnen, folglich Substanzen, die aufgrund ihrer chemi­ schen Natur auf das zentrale Nervensystem wirken (vgl. Algeier-Foii/Schmidt 2003: 32 f.; van Treeck 2004: 174, 489; Thenort/Tippelt 2007: 168). lm offiziel­ len Sprachgebrauch wird anstelle von Orogen die Bezeichnung "Betaubungs- mittel" verwendet. Die in der BRD als Betaubungsmittel deklarierten Stoffe werden in Anlage I bis Ill des Betaubungsmittelgesetzes1 aufgezahlt (vgl. URL: http://www.gesetze-im-internet.de/btmg_1981/BJNR106810981.html).

Anlage I bis Ill unterteilt die Substanzen dabei in drei verschiedene Kategorien: Nicht verkehrsfahige Betaubungsmittel, verkehrsfahige, aber nicht verschrei­ bungsfahige Betaubungsmittel und verschreibungs- und verkehrsfahige Betau­ bungsmittel (vgl. ebd).

Als nichtverkehrsfahige und damit illegale Betaubungsmittel werden in Anlage I Substanzen bezeichnet, die gesundheitsschadigend und fOr medizinische Zwecke ungeeignet sind (vgl. ebd). Jeder Umgang mit ihnen ist demnach ver­ boten und stellt eine Straftat dar. Zu diesen Substanzen gehoren Cannabinoi­ de, verschiedene natOrliche und kOnstliche Halluzinogene wie LSD und psilocy­ binhaltige Pilze, weiterhin zahlen dazu Ecstasy sowie auch Heroin und samtli­ che ihnen strukturverwandte Stoffe (vgl. Blum 2002: 84). Verkehrsfahige, aber nicht verschreibungsfahige Betaubungsmittel schlie en in Anlage II die Stoffe ein, die in der Pharmaindustrie als Grundstoff, Rohstoff oder Zwischenprodukt verwendet werden konnen. Sie sind im Handel frei erhaltlich, jedoch nicht von Medizinern verschreibbar. Hierzu zahlen unter anderem Coca-Biatter, Codein und Methadon (vgl. ebd. 90f.). In Anlage Ill werden verschreibungs- und ver­ kehrsfahige Betaubungsmittel aufgezeigt (vgl. URL: http://www.gesetze-im­ internet.de/btmg_1981/BJNR106810981.html). Diese konnen aufgrund einer arztlichen Diagnose fOr medizinisch-therapeutische Zwecke genutzt werden.

,Zu ihnen zahlen unter anderem Amphetamine, Kokain, Fentanyl, Opium und Pflanzenteile des Schlafmohns (ausgenommen der Samen) und Morphin" (Blum 2002: 91). Der Umgang mit verkehrs- und verschreibungsfahigen Sub­ stamen wird in der Betaubungsmittei-Verschreibungsverordnung2 geregelt (vgl. URL: http://www.gesetze-im-internet.de/btmvv_1998/BJNR008000998. html). Die Wirkung von Drogen und deren Abhangigkeitspotential hangt nicht nur von der Substanz selbst ab, sondern von Dosierung, Anwendungsart, Kom­ bination der Stoffe, biologischen Faktoren wie Geschlecht, Gewicht und Kor­ pergroBe, Ernahrungszustand, genetischer Ausstattung sowie erheblich von kulturellen, soziologischen und psychologischen Umstanden des/der Drogen­ konsument/in. Drogen durch bestimmte Klassifizierungen in Kategorien einzu­ teilen, erweist sich daher als ungemein schwierig, wenn nicht gar unmoglich (vgl. Blatter 2007: 83). Nach Bollinger und Stover (1992) sind die Begrifflichkei- ten immer abhangig "vom Zeitgeist, von der moralischen Bewertung der Droge und ihrer Konsumenten, vom Wissensstand, von der Bedeutung" (S.21) und der Verbreitung des Gebrauchs der Droge. lm wissenschaftlichen Fachdiskurs sowie im allgemeinen Sprachgebrauch werden psychotrope Substanzen zur Differenzierung dennoch wiederholt in verschiedene Kategorien eingeteilt. "Die Einordnung kann nach der chemischen Struktur, der Herkunft, der Wir­ kung, nach rechtlichem Status oder nach Wirkstarke und Abhangigkeitspoten­ tial erfolgen"(Bastigkeit 2003: 79). In dieser Arbeit erfolgt die Klassifizierung nach rechtlichem Status in legale und illegale Drogen sowie auBerdem nach der Wirkstarke der Betaubungsmittel. Diese Klassifizierung soli die Auswirkung auf Konsumenten/ Konsumentinnen solcher Substanzen unter den gesell­ schaftlichen und strafrechtlichen Normen verdeutlichen und des Weiteren den so geschaffenen gesellschaftlichen Status von Droge und Konsument/in sowie den Grad der Kriminalisierung hervorheben.

Nach dieser Klassifizierung sind legale Drogen sozial akzeptierte Substanzen oder Genussmittel, deren Konsum erlaubt und gesellschaftlich toleriert wird. Zu ihnen zahlen arztlich verordnete Medikamente mit eventuellem Abhangig­ keitspotential, Koffein, Nikotin und Alkohol (vgl. Algeier-Foll/ Schmidt 2003: 32f.). lllegale Drogen hingegen bezeichnen die Stoffe, die nach dem Betau­ bungsmittelgesetz verboten und deren Konsum und Vertrieb, ohne entspre­ chende medizinische Erlaubnis nach dem BtMVV, strafbar sind. lllegale Betau­ bungsmittel werden vorwiegend in weiche und harte Drogen unterteilt, be- grundet durch ihre Wirkweise und die Risikohi:ihe einer Abhangigkeit (vgl. van Treeck 2004: 175f.).

Der Fokus diese Arbeit liegt hauptsachlich auf dem Konsum illegaler harter Be­ taubungsmittel, so kann verstandlicher nachvollzogen werden, was eine Abs­ tinenz- oder Akzeptanzorientierung in der Drogenhilfe, nicht nur fUr die Kon­ sumenten/Konsumentinnen dieser Stoffe, sondern auch fUr die Fachkrafte in der sozialen Arbeit bedeutet.

Weiche, illegale Orogen:

Zu den weichen illegalen Orogen zahlen "Cannabis und LSD, einmal wegen der Applikationsform, d.h., sie werden inhaliert oder oral eingenommen, nicht inji­ ziert, zum anderen weil sie nicht zu einer ki:irperlichen Abhangigkeit flihren" (Aigeier-Fi:iii/Schmidt 2003: 32f.). Cannabis zahlt neben Alkohol zu den altesten und am haufigsten konsumierten Orogen. Cannabinoide sind aus der weibli­ chen Hanfpflanze gewonnene Produkte wie Marihuana, Haschisch und Haschi­ schi:il (vgl. Kahnert 1999: 26). Das Gebrauchen von Cannabis flihrt nicht zur ki:irperlichen, jedoch in manchen Fallen zur leichten psychischen Abhangigkeit oder es kann durch die Wirkung eventuell zum Konsum anderer Substanzen verleitet werden (vgl. ebd. 28).

Das Betaubungsmittel Lysergsaurediethylamid, bekannt unter der Abkurzung LSD, ist ein halbsynthetisches Produkt, welches oral in Form von Fli.issigkeit oder auch Pillen eingenommen wird und eine halluzinogene Wirkung auf den/die Konsument/in hat. Aufgrund der durch die Droge hervorgerufenen, auf die Psyche wirkenden Effekte, kann es zwar zu einer psychischen-, nicht aber zu einer physischen Abhangigkeit von LSD kommen, im Gegenteil tritt es haufiger auf, dass der Konsum des Stoffes von selbst aufgegeben wird (vgl. ebd. 30 f.). Laut Blum (2002), ist LSD ist am haufigsten unter den 18- bis 20- Jahrigen vertreten (88).

Harte. illegale Orogen:

Harte illegale Orogen bezeichnen ,vor allem Opiate (Heroin), Amphetamine und sog. Designerdrogen [...], da sie injiziert werden und eine physiologische Abhangigkeit erzeugen" (Blum 2002: 32).

Amphetamine sind vollsynthetische Steffe, die oral als Pillen, als Pulver ge­ schnupft oder in flussiger Form injiziert werden. Bis zu 12 Stunden lang wer­ den Gefuhle wie Hunger und Mudigkeit unterdruckt, die Aufmerksamkeit ge­ steigert und die Stimmung aufgehellt. Auch konnen bei den Konsumenten/ Konsumentinnen Halluzinationen und aggressive oder angstliche Verstimmun­ gen auftreten. Die Zahl der Nutzer/innen von Amphetaminen hat in den letz­ ten Jahren stark zugenommen, dabei konsumieren Manner 2-3 Mal haufiger Amphetamine als Frauen und die hochste Konsumrate weist die Altersgruppe der unter 20-Jahrigen auf. Da sich bei Konsumierenden gegenuber dem Wirk­ stoff schnell eine Toleranz3 ausbildet, zeichnen sich Amphetamine durch ein hohes Suchtpotenzial aus und konnen zu psychischer und moglicherweise kor­ perlicher Abhangigkeit flihren (vgl. Blum 2003: 95).

Designerdrogen bezeichnen eine Vielzahl synthetisch hergestellter Steffe, de­ ren wichtigste Substanz Methylendioxymetamphetamin (MDMA) ist, besser bekannt als Ecstasy (vgl. Fengler 2002: 230). Ecstasy findet den Hohepunkt sei­ ner Verbreitung bei den 18-bis 20- Jahrigen und ist ein synthetisches Betau­ bungsmittel, das in Pillen- oder Kapselform oral konsumiert wird. Es lost eine Serotoninausschuttung im Gehirn aus, weshalb es eine euphorisierende Wir­ kung auf den/die Nutzer/in hat und enthemmend wirkt. In gr6Beren Mengen eingenommen, kann Ecstasy zu Halluzinationen fuhren. Die Wirkung des Be­ taubungsmittels setzt nach ca. 30 Minuten ein und kann bis zu 6 Stunden an­ halten (vgl. Blum: 90f.). Neben einer gefahrlichen Oberhitzung des Korpers auf uber 40oC kann es bei der Einnahme von MDMA zu Magenbeschwerden, Kie­ fermuskei-Verkrampfungen, Herzrasen, erhohtem Blutdruck und Krampfanfal­ len kommen. Es kann durch den Gebrauch von Ecstasy zu Angstzustanden, Hirninfarkten, Krampfanfallen und Psychosen kommen (vgl. Kahnert 1999: 36). Van Treeck (2004) stellt die BefUrchtung auf, dass die dauerhafte Einnahme von Ecstasy zu "unumkehrbaren Schaden im Gehirn fi.ihrt" (198). MDMA bringt zwar keine korperliche Abhangigkeit mit sich, jedoch lassen sich Toleranzeffek­ te feststellen, die sich durch Dosissteigerungen nicht ausgleichen lassen und so eventuell zum Konsum anderer Orogen verleiten (vgl. Blum 2002: 96).

Opiate werden entweder aus dem Milchsaft des Schlafmohns hergestellt und enthalten unter anderem die Wirkstoffe Codein und Methadon oder sie wer- den synthetisch erzeugt (vgl. van Treeck 2004: 453). Zu den Opiaten zahlen Opium, Morphium, Methadon und Heroin. Opium kann durch spezielle Was­ serpfeifen inhaliert oder in Alkohol aufgelost oral eingenommen werden, wah­ rend Morphium intravenos verabreicht wird (vgl. Blum 2002: 96). Methadon ist ein vollsynthetisches Opiat und wird kontrolliert bei Substitutionsbehand­ lungen4 eingesetzt (vgl. Kahnert 1999: 40). lm Vergleich zu Heroin sind Opium und Morphium auf dem Markt der illegalen harten Orogen weniger verbreitet (vgl. ebd.). "Heroin wird haufig unter Beimischung von Zusatzstoffen [...] und Streckmitteln [...} angeboten. Es wird in den meisten Fallen injiziert, aber auch geraucht, inhaliert, geschluckt oder als Zapfchen resorbiert"( Blum 2002: 96). Laut Blum (2002), greifen dreimal haufiger Manner zu Heroin als Frauen. Ent­ sprechend ihrer Aussage machen die 18- bis 21-Jahrigen hierbei den grol?.ten Anteil aus (97). Opiate wirken je nach Einnahme- und Dosierungsart unter­ schiedlich auf den Organismus. Neben einer beruhigenden, angst- und schmerzstillenden Wirkung, die ca. 2-3 Stunden andauert, rufen sie eine heite­ re, nahezu euphorische Stimmung bei den Konsumenten/ Konsumentinnen hervor. Wird Heroin intravenbs eingenommen, setzt die Wirkung sofort in aller lntensitat ein und ein extremes GefUhl von Lust und Euphorie durchstromt den Kbrper, was auch als ,Kick' oder ,Flash' bezeichnet wird (vgl. ebd.). Lasst die Wirkung der Droge nach, kommt es zu psychischen wie auch kbrperlichen Ent- zugserscheinungen. Friedrichs (2002) zahlt zu den psychischen Reaktionen "Angst, Niedergeschlagenheit, depressive Verstimmungszustande, Unruhezu­ stande, Schlafstorungen, Bewusstseinsstorungen, Wahrnehmungsstorungen, erhohte Schmerzempfindlichkeit mit Gliederschmerzen" (71). Zu den korperli­ chen Entzugserscheinungen zahlt Friedrich (2002): "krampfartige Bauch­ schmerzen, Erbrechen und Durchfall, Zittern, Schwitzen mit SchweiBausbruch, Tranen- und Speichelfluss, Temperaturerhohung, Blutzuckererhohung, Herz­ und Kreislaufstorungen" (71).

Ein weiterer hoher Risikofaktor der intravenosen Einnahme illegaler harter Drogen ist, dass es durch das lnjizieren von Betaubungsmitteln, abgesehen von Spritzenabszessen und VenenentzUndungen, zu lnfektionskrankheiten wie He­ patitis oder AIDS kommen kann (vgl. Kahnert 1999: 41).

1.2 Abhangigkeit

Wer sich mit verschiedenen Drogen und dem Konsum solcher Stoffe auseinan­ dersetzt, gerat schnell an die Frage, wie eine Abhangigkeit zu diesen Substan­ zen eigentlich entstehen kann und was genau abhangig sein letztlich fi.ir die Be­ troffenen bedeutet. Wenn von einer Abhangigkeit gesprochen wird, ist zu­ nachst einmal wichtig, eine Grenze zu ziehen, zwischen dem einfachen Sub­ stanzkonsum auf der einen Seite und einer exzessiven Entwicklung des Drogen­ gebrauchs auf der anderen Seite. Nicht jede Drogennutzung muss auf eine Ab­ hangigkeit des/der Konsument/in hindeuten. Der Substanzkonsum hat eine Rauscherfahrung zum Ziel, wahrend bei ausschweifendem und maBiosem Ge­ brauch von einer Abhangigkeit gesprochen wird (vgl. Sting 2011: 1598 f.). Doch was genau bezeichnet Abhangigkeit? In der Offentlichkeit wie im Fachdiskurs werden fUr Drogenabhangigkeit die Begriffe Sucht und Abhangigkeit meist sy­ nonym verwendet. Dabei ist Sucht ein eindeutig negativ besetzter Begriff, da er vom gemeingermanischen Wort siechen abgeleitet wird, welches Ubersetzt "krank sein" bedeutet (vgl. Schmidt-Semisch/Nolte 2000: 54). Nach Dollinger und Schmidt- Semisch (2007a) gibt es keine einheitliche Definition von Abhan- gigkeit sondern lediglich eine Anhaufung von Definitionen und Definitionsver­ suchen, die jeweils aile Kritikpunkte enthalten (8). In der WHO- Definition von 1957 bezeichnet Sucht einen Zustand periodischer oder chronischer lntoxikati­ on, die fUr das Individuum und fUr die Gesellschaft schadlich ist und hervorge­ rufen wird durch den wiederholten Gebrauch einer natlirlichen oder syntheti­ schen Droge, gekennzeichnet durch unbezwingbares Verlangen zur Einnahme und Beschaffung des Mittels, eine Tendenz zur Dosissteigerung, die psychische und meist auch physische Abhangigkeit von der Wirkung der Droge und die Schadlichkeit fUr den einzelnen und/oder die Gesellschaft (vgl. URL: http://www.fungerendeliv.no/Artikler/pdf/failings%20of%20the%20disease%2 Omodel.pdf). Da diese Bezeichnung wissenschaftliche Ungereimtheiten aufwarf und um Diagnose und Behandlung von Suchtproblemen zu erleichtern, wurde Sucht 1964 von der WHO durch den substanzzentrierten Begriff der ,Abhangig­ keit" ersetzt und zusatzlich unterteilt in ,psychische-" und ,physische" Abhan­ gigkeit (vgl. Schmidt-Semisch/Nolte 2000: 54f.). Drogenabhangigkeit ist nach dieser Bestimmung ,ein Zustand, der sich aus der wiederholten Einnahme einer Droge ergibt, wobei die Einnahme periodisch oder kontinuierlich erfolgen kann. lhre Charakteristika variieren in Abhangigkeit von der benutzten Droge"( WHO 1964 zit. n. Schmidt-Semisch/Nolte 2000: 54). Die internationalen medizini­ schen Klassifikationssysteme DSM IV und ICD-10, orientieren sich seither am Begriff der Drogenabhangigkeit. Unter der Bezeichnung ,Psychische und Ver­ haltensstorungen durch psychotrope Substanzen" (URL: http://www.dimdi.de /static/de/klassi/icd10who/kodesuche/onlinefassungen/htmlamtl2011/block­ f10-f19.htm) wird im ICD-10 das sogenannte ,Abhangigkeitssyndrom" be­ schrieben als ,eine Gruppe von Verhaltens-, kognitiven und korperlichen Pha­ nomenen, die sich nach wiederholtem Substanzgebrauch entwickeln. Typi­ scherweise besteht ein starker Wunsch, die Substanz einzunehmen, Schwierig­ keiten, den Konsum zu kontrollieren, und anhaltender Substanzgebrauch trotz schadlicher Folgen. Dem Substanzgebrauch wird Vorrang vor anderen Aktivita­ ten und Verpflichtungen gegeben. Es entwickelt sich eine Toleranzerhohung und manchmal ein korperliches Entzugssyndrom" (ebd.). Psychische Abhangig­ keit bezeichnet die seelische Verfassung des Konsumenten/der Konsumentin, in der dieser/diese sich nach erneutem Drogenkonsum sehnt und sich ,nicht in der Lage fUhlt, ohne die Einnahme eines Suchtstoffes zu Ieben" (van Treeck 2004: 10). Physische Abhangigkeit hingegen bezeichnet die korperlichen Ent­ zugssymptome, die sich bei Drogengebrauchern einstellen, wenn die Wirkung der Droge nachlasst. Diese reichen von leichten Erscheinungen wie Schwitzen und vermehrte Unruhe bis hin zu starken Erscheinungen wie Krampfen, Entglei­ sungen des Kreislaufes mit Blutdruckkrisen und psychoseahnlichen Zustanden (vgl. ebd. 9). lm ICD-10 werden korperliche Entzugserscheinungen unter dem Begriff ,Entzugssyndrom" naher erlautert (vgl. URL: http://www.dimdi.de /static/de/klassi/icd-10-who/kodesuche/onlinefassungen/htmlamtl2011/block­ f10f19.htm).

[...]


1 lm BeUiubungsmittelgesetz, Abkurzung BtMG, werden der Umgang, Handel und die Strafvorschriften mit psychoaktiven Stoffen geregelt. Es umfasst "Einfuhr, Ausfuhr, Herstellung, Verarbeitung und Aufbe­ wahrung, die arztliche Verordnung und Abgabe von Betaubungsmitteln"(van Treeck 2004 5.101). Ein VerstoiS gegen das BtMG flihrt zu schweren Sanktionen (vgl. ebd. 5.99).

2 Die Betaubungsmittei-Verschreibungsverordnung, Abkurzung BtMVV, ,,findet ihre Rechtsgrundlage in §13 Abs. 3 BtMG. Aufgabe dieser Rechtsverordnung ist es, die Einzelheiten uber die Verschreibung von Betaubungsmitteln zu regeln. Dieses sehr formalisierte Verfahren ist zwingend einzuhalten, weil sonst relativ schnell eine Ordnungswidrigkeit nach § 17 BtMVV oder sogar eine Straftat nach $ 16 BtMVV er­ fiillt sein kann" (Bernd, Schroeder-Printzen 2009 5.15).

3,Unter Toleranz versteht man den Effekt, dass bei langerfristiger Einnahme die Wirkung einer Droge nachlasst. Um die gleiche Wirkung zu erzielen, wird eine immer hohere Dosis benotigt. Man spricht auch von Gewohnung oder Habituation" (van Treeck 2004: 623).

4 Bei Substitutionsbehandlungen soli mit Hilfe des kontrollierten Gebrauchs von Methadon eine schritt­ weise Wiederherstellung der Drogenabstinenz von illegalem Heroin geschaffen werden. Die Abgabe des Opiats erfolgt unter strenger Aufsicht und Dokumentation durch medizinische Fachkrafte und ist im BtMG geregelt(vgl. Tenorth/ Tippelt 2007: 706). In der BRD befanden sich 2009 ca. 70.000 Drogenab­ hangige in einer Substitutionsbehandlung mit Methadon (vgl. Stover 2009: 15).

Details

Seiten
38
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783346062086
ISBN (Buch)
9783346062093
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v507677
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2,3
Schlagworte
Drogenhilfe Drogenarbeit Drogenabhängigkeit Suchtberatung Drogenberatung Akzeptanzorientierung Sucht Abhängigkeit Beratung

Autor

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Titel: Abstinenz- und akzeptanzorientierte Drogenhilfe in der Sozialen Arbeit. Ein Vergleich