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Koproduktion im SGB II. Zusammenarbeit zwischen SGB II Leistungsbeziehern und Arbeitsverwaltung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2019 19 Seiten

Organisation und Verwaltung - Öffentliche Verwaltung

Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung:

2. Bürgerkommune und Koproduktion:
2.1. Leitbild Bürgerkommune:
2.2. Der koproduktive Ansatz – ein Instrument der Bürgerkommune:
2.3. Kritikansätze am Leitbild Bürgerkommune und am Instrument Koproduktion:

3. Koproduktion im Kontext SGB II:
3.2. Koproduktion im SGB II – Bestandsaufnahme anhand von zwei Beispielen:
3.2.1. Beispiel 1) Eingliederungsvereinbarung nach § 15 SGB II:
3.2.2. Beispiel 2) Jobing:
3.3. Koproduktion im SGB II – Potenziale und Hindernisse:

4. Fazit:

Literaturverzeichnis:

1. Einleitung:

Seit der Erosion des klassischen Leitbildes des „versorgenden Staates“[1] nehmen Bürger als Konsumenten zunehmend eine aktive Rolle als Mit-Produzenten im Dienstleistungsprozess ein. Dieses sich verändernde Rollenverständnis von einem fürsorgenden „Vater Staat“ bis hin zu einer „MehrwertStadt“[2] findet sich in Diskussionen um Bürgerhaushalte, Bürgerengagement und Leitbildern wie der Bürgerkommune und Public Governance wieder.

Koproduktion von Dienstleistungen ist per se kein neuer Ansatz und auch kein neuer Begriff, jedoch existiert keine einheitliche Definition oder Verwendung. In der Privatwirtschaft wird Co-Creation bzw. Co-Design, d.h. die Entwicklung von Produkten durch Kundeneinbindung bzw. Kundenintegration seit vielen Jahren durch Firmen wie P&G, Lego, BMW oder Dell praktiziert.[3] Knappe Kassen, neue Informationstechnologien, die Folgen des demografischen Wandels und ein neues Selbstbewusstsein der Bürgerinnen und Bürger[4] markieren mittlerweile auch in der öffentlichen Verwaltung eine Trendwende im gegenseitigen Rollenverständnis.

Kommunen und lokaler Raum sind aufgrund der Erfahrungsnähe und der lebensweltlichen Rückbindung von besonderer Bedeutung für Bürgerengagement.[5] Daher liegt der Fokus dieser Arbeit auf dem Ansatz der Koproduktion in der Kommune und bezogen auf das SGB II auf den kommunalen Jobcentern einer Optionskommune, die im Gegensatz zu den gemeinsamen Einrichtungen der Bundesagentur für Arbeit dezentral gesteuert und organisiert sind.[6]

Was wird unter Koproduktion verstanden, wie ist sie einzuordnen und welche Potenziale und Hindernisse bieten sich im SGB II in der Optionskommune?

Für das SGB II liegen bisher keine umfangreicheren Erfahrungsberichte oder Abhandlungen in der Literatur zu Koproduktion von öffentlichen Dienstleistungen der aktiven Arbeitsmarktpolitik vor. Insofern erfolgt ein Transfer des koproduktiven Ansatzes auf bereits bestehende und gesetzlich verankerte Instrumente des SGB II und eine Diskussion über Potenziale und Hindernisse eines Ansatzes von Koproduktion als Instrument der Bürgerkommune. Methodisches Vorgehen und die konkrete, praktische Umsetzung(splanung) von Koproduktion im SGB II sind hingegen nicht Gegenstand dieser Arbeit.

2. Bürgerkommune und Koproduktion:

2.1. Leitbild Bürgerkommune:

Die Idee einer schlanken kundenorientierten Verwaltung, die unternehmensähnlich agiert, schien eine passgenaue Lösung für die Anfang der 90er Jahre einsetzende kommunale Haushaltskrise zu sein.[7] Aufgrund von Implementations- und Akzeptanzproblemen stand das Modell jedoch alsbald in der Kritik. Es wurde deutlich, dass die ökonomische Betrachtungsweise dem politischen Charakter der kommunalen Selbstverwaltung und den unterschiedlichen Rollen des Bürgers nicht genügend Rechnung trägt.

Die Idee der Bürgerkommune Ende der 90er Jahre sollte das Neue Steuerungsmodell (NSM) als Leitbild in folgendem Sinne ablösen: Bürger sollten in sämtlichen Phasen des kommunalen Entscheidungs- und Produktionsprozesses einbezogen werden. Im Kern geht es, so Bogumil, „bei dem Reformmodell Bürgerkommune darum, aufbauend auf dem Leitbild der kundenorientierten Verwaltung, das freiwillige Engagement zu fördern und die Bürger stärker an kommunalen Planungsprozessen zu beteiligen.“[8]

Eine „partizipativ agierende Gemeinde, in der Bürger in Governance-Arrangements direkt und freiwillig an der Vorbereitung und Umsetzung politischer Entscheidungen beteiligt sind und aktiv in Entscheidungsfeldern Verantwortung für das Gemeinwesen übernehmen“ steht im Vordergrund des Leitbilds.[9] Neben Maßnahmen zur Qualitätssicherung, „die sich von Qualifizierungsmaßnahmen, Festlegung von Servicestandards über qualitätsorientierte Zielvereinbarungen mit Mitarbeitern bis zur Zertifizierung von Qualitätssicherungssystemen erstreckten, sollten auch die Bürger und Kunden dazu befähigt werden, einen Verbesserungsdruck auf die Verwaltung(…) zu erzeugen bzw. die Qualität von Leistungen und Infrastruktureinrichtungen zu bewerten und zu kontrollieren.“[10] Fünf Ziele und Leistungen werden von Bogumil und Holtkamp mit dem Konzept Bürgerkommune verbunden, die sich mit den beschriebenen Zielen anderer Autoren decken[11]:

- „Höhere Bürgerzufriedenheit mit kommunalen Dienstleistungen und Planungsprojekten (Akzeptanz).
- Stärkere Teilnahme der Bürger an der demokratischen Willensbildung (…) (Demokratisierung).
- Stärkung der Unterstützungsnetzwerke der Bürger (Solidarität).
- Entlastungen der kommunalen Haushalte (Effizienz). Die Bürgerkommune kann einen Beitrag zur Haushaltskonsolidierung leisten. Fehlinvestitionen können vermieden werden. Beispielsweise bei der Aufgabenübertragung können Bürgerressourcen eingebracht werden.
- Bessere Politikergebnisse im Sinne der politischen Zielsetzungen (Effektivität).“[12] Über Partizipation können Politik und Verwaltung an aussagekräftige und qualitativ hochwertige Informationen gelangen, die Ihnen über herkömmliche Methoden, beispielsweise über Expertengutachten, verschlossen blieben. „Dieser „Informationsmehrwert“ kann bei kommunaler Planung und Dienstleistungsproduktion (…) zu effektiveren Problemlösungen führen.“[13]
- König ergänzt hierbei um den Aspekt der Gemeinwohlförderung sowie der Akquise sozialen Kapitals in der lokalen Politik.[14]

Zur Umsetzung dieser Ziele werden die unterschiedlichen Beteiligungsrollen der Bürger festgelegt und gestärkt. Die Beteiligung in der Auftraggeberrolle setzt bei der kommunalen Politikformulierung sowie Planung an, während die Mitgestalter- und Kundenrolle in der Phase der Politikumsetzung wirksam wird. Während die Kundenrolle die eher passive Beurteilung des kommunalen Outputs umfasst, beispielsweise bei Instrumenten wie der Kundenbefragungen, dem Beschwerdemanagement oder E-Government, ist unter der Mitgestalterrolle das aktive Mitproduzieren des Verwaltungsoutputs zu verstehen. Instrumente für die Auftraggeberrolle sind beispielsweise Bürgerversammlungen, Bürgerforen und E-Democracy.[15] Diese drei Beteiligungsrollen, die Bogumil und Holtkamp als Säulen der Bürgerkommune bezeichnen, sollen deren Ziele realisieren. Hierzu seien zunächst Organisationsstrukturen zu schaffen und eine politikfeldübergreifende Koordination sowie ein Partizipationsmanagement. Weiterhin soll eine Delegation von Verantwortung stattfinden. Darüber hinaus sei ein „umfassender Kulturwandel erforderlich, der als kollektiver Lernprozess dazu führen sollte, dass die kommunalen Entscheidungsträger (…) die Beteiligung der Bürger eher als Bereicherung, denn als Beschneidung ihrer Kompetenzen und Gefährdung eingespielter Routinen empfinden.“[16] Von Politik und Verwaltung wird, so König, die Bereitschaft zu Dialog und zur Delegation vorausgesetzt.[17]

2.2. Der koproduktive Ansatz – ein Instrument der Bürgerkommune:

Ein relativ neues Instrument innerhalb des Leitbilds Bürgerkommune in der Reformdiskussion ist der Ansatz der Koproduktion. Das Rollenverständnis von Verwaltung als Dienstleister und Bürger als abhängiger Kunde bzw. Adressat hat sich kontinuierlich seit der Kritik und den Problemstellungen des NSM gewandelt zu einem partizipierenden, mitgestaltenden bzw. mitarbeitenden und selbstbewussten Bürger, der das Bild von einem passiven Kunden in vielerlei Hinsicht und Bereichen verdrängt. Neue gesellschaftliche Herausforderungen und insbesondere Veränderungsprozesse in den Kommunen erfordern innovative Lösungen und können nur bewältigt werden, wenn Bürger „aktiv an der Definition, Bearbeitung und Lösung sozialer Probleme beteiligt werden.“

Das Instrument bzw. der Ansatz der Koproduktion sind in der Literatur nicht einheitlich definiert bzw. werden diskutiert; teilweise geht die Diskussion in Richtung eines neuen Leitbilds wie beispielsweise einer „Mehrwertstadt“.[18]

Im Verständnis von Löffler, Bovaird, Birk u.a. setzt „wirkungsorientierte Steuerung bewusst auf die Bildung neuer Verantwortungsgemeinschaften“ mit hoher Eigenverantwortung.[19] Verwaltungen „lassen sich auf innovative Konzepte wie das der Koproduktion ein, um daraus Wertschöpfung für die Gesellschaft zu generieren, indem durch die Interaktion mit den Bürgern eine hochwertigere, weil von den Bürgern mitgestaltete Dienstleistung entsteht“, die mit Expertenwissen der Bürger mitproduziert wurde und „nicht mehr ausschließlich aus der internen Logik der öffentlichen Verwaltung heraus“, entstanden ist, so Mergel.[20] Es soll ein Mehrwert entstehen, der Investitionen in das Vorhaben und die Neuausrichtung von Prozessen rechtfertigt. Attraktive Ziele sind nach Löffler die Verbesserung der Dienstleistungs- und Lebensqualität durch Einbringen von Expertenwissen, Präventionsverhalten und Engagement der Bürger, Kostenersparnisse und Haushaltsentlastungen, Imagegewinn der Verwaltung sowie die Verbesserung des „Inputs“ der Demokratie, indem Bürger „an der Willensbildung und Entscheidungsfindung, mithin an intelligenterer politisch-administrativer Steuerung beteiligt werden. Sie kann aber auch den demokratischen „Output“, die Effektivität, Innovation und Effizienz staatlicher Aufgabenerledigung verbessern.“[21]

„Dabei geht es nicht um einen Rückzug der öffentlichen Hand oder Verminderung der Daseinsvorsorge, sondern um ein qualitativ besseres Miteinander von Staat und Zivilgesellschaft. Bei der Erbringung wird zunehmend auf bürgerschaftliches Engagement zurückgegriffen. Dies sei nicht zuletzt der Fall, da „die Kosten aufgrund einer negativen demografischen Entwicklung in manchen Regionen nicht mehr aufgebracht werden können.“[22] So verstehen Butzin und Gärtner Koproduktion aus der Nutzerperspektive heraus, wobei Daseinsvorsorge als gemeinsames Handeln bzw. Produkt einzelner Akteure verstanden wird, um die Lebensqualität vor Ort zu erhalten oder zu verbessern.[23] Eine solche Verantwortungsteilung, die in der internationalen Literatur als „co-production of public services“ diskutiert wird, soll bewirken, dass Angebote zielgenauer und aufgrund der höheren Akzeptanz tragfähiger werden.[24] Somit kann Koproduktion auch als ein Wesensmerkmal von Dienstleistungen und als ein zentraler Aspekt von Dienstleistungsqualität im Sinne von Qualitätsmanagement verstanden werden und meint grundsätzlich den „Prozess, durch den der für die Produktion eines Gutes oder einer Dienstleistung benötigte Input von Akteuren geleistet wird, die nicht derselben Organisation angehören.“[25] Bei Normann wird dem Adressaten lokaler Leistungsproduktion eine doppelte Rolle als einerseits Kunde und gleichzeitig als Teil des Dienstleistungsprozesses zugewiesen.[26] Insofern kann Koproduktion auch als Kundenintegration verstanden werden.[27]

Koproduktion geht sowohl bei Butzin und Gärtner als auch bei Löffler, Bovaird u.a. über Bürgerbeteiligung oder bürgerschaftliches Engagement hinaus und umfasst die „konkrete Mitplanung und -ausführung öffentlicher Aufgaben und beispielsweise auch die Entwicklung neuer Finanzierungsmodelle (…) sowie die Aktivierung neuer Finanzierungsquellen.“[28] Löffler, Bovaird u.a. grenzen außerdem Formen der Selbsthilfe oder Selbstorganisation von Koproduktion ab. Bürgerschaftliches Engagement ohne Koordination, Steuerung oder sonstiger Partizipation der öffentlichen Verwaltung sei kein koproduktiver Ansatz. Stattdessen biete Koproduktion eine Chance Formen der Selbsthilfe bzw. Selbstorganisation wirksamer zu gestalten, um Synergien zu erzielen.

Von Bürgerbeteiligung grenzen Löffler und Timm-Arnold Koproduktion dadurch ab, da erstere einen höheren Input von Bürgern fordere als Bürgerbeteiligung oder Konsultation, wie folgende Abbildung verdeutlicht:Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltenDie öffentliche Verwaltung sei bei der Umsetzung von Koproduktion stets gefordert und könne sich nicht auf eine Politik des Zuhörens beschränken (Konsultation) oder lediglich öffentliche Dialoge durchführen (Bürgerbeteiligung), so Löffler und Timm-Arnold, „Koproduktion erfordert immer ein gemeinsames Handeln von öffentlicher Verwaltung und (…) Bürgern, um öffentliche Leistungen und Wirkungen zu verbessern.“[29]

[...]


[1] Vgl. Olk, Dienstleistungsbeziehungen, S.483.

[2] Löffler, Öffentlich-Private-Partnerschaften, S. 317.

[3] Vgl. Birk, Löffler, Kundenorientierung, S. 96.

[4] Im Folgenden wird im Sinne der Lesbarkeit und Vereinfachung auf die weibliche Form verzichtet.

[5] Vgl. Bogumil, Holtkamp, Kommunale Ebene, S. 383.

[6] Sogenannten Optionskommunen sind zugelassene kommunale Träger der Grundsicherung für Arbeitsuchende.

[7] Vgl. ebd., S. 385.

[8] Bogumil, Bürgerkommune, S. 177.

[9] König, Bürgerkommune, S. 17.

[10] Dahme, Schütter, Wohlfahrt, Sozialverwaltung, S. 190.

[11] Vgl. ebd.; König; Bürgerkommune, S.17ff.

[12] Bogumil, Holtkamp, Schwarz, Reformmodell, S. 22.

[13] Bogumil, Holtkamp, Kommunale Ebene, S. 394.

[14] König, Bürgerkommune, S. 18.

[15] Vgl. Bogumil, Kommunale Ebene, S. 394f.; Dahme, Schütter, Wohlfahrt, Sozialverwaltung, S. 190f.

[16] Bogumil, Die Kommunale Ebene, 2010, S. 390.

[17] König, Bürgerkommune, S. 18.

[18] Löffler, Koproduktion mit Bürgern, S.319.

[19] Löffler, Koproduktion, S. 510f.

[20] Mergel, Nutzerperspektive, S.22.

[21] Löffler, Vater Staat, S.202.

[22] Butzin, Gärtner, Engagement, S. 514.

[23] Vgl. ebd.

[24] Butzin; Gärtner, Engagement, S. 515.

[25] Ostrom zitiert nach: Butzin, Gärtner, S. 515

[26] Normann zitiert nach: Timm-Arnold; Löffler, Vater Staat, S. 198.

[27] Butzer-Strothmann; Ahlers; Gülke, Kundenintegration, S. 48ff.

[28] Butzin, Gärtner, Engagement, S. 515.

[29] Timm-Arnold; Löffler, Haushaltssicherung, S. 308.

Details

Seiten
19
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346080417
ISBN (Buch)
9783346080424
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v507628
Institution / Hochschule
Universität Kassel – Wirtschafts- und Verwaltungswissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
Koproduktion SGB II co-production SGB II Arbeitsvermittlung Arbeitsförderung Jobcenter Bürgerbeteiligung Bürgerkommune

Autor

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