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Ende der Politik? Zur Krisis der Politik in der Neuzeit

Seminararbeit 2004 16 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

I. Einleitung

II. Inhaltliche Aussagen

III. Wilhelm Hennis als Anhänger und Vertreter eines wertrationalen Politikbegriffes?

IV. Ist das Ende der Politik erreicht?
IV. I. Wilhelm Hennis als ein Vertreter der „zweiten Generation“
IV. II. Der Politikbegriff in der Postmoderne

V. Schlussbemerkungen

VI. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Der vorliegende Aufsatz: „Ende der Politik? Zur Krisis der Politik in der Neuzeit“ stammt aus der Feder des Politikwissenschaftlers Wilhelm Hennis und ist in: Politik und praktische Philosophie. Schriften zur politischen Theorie 1968 erschienen.

Willhelm Hennis, geboren am 18. Februar 1923 in Hildesheim, könnte man, wenn er ein Politiker wäre, als ein „politisches Urgestein“ bezeichnen.[1] So jedenfalls meinte ihn Rüdiger Voigt in dem Beitrag „Politikwissenschaft als Berufung“ in der Zeitschrift Soziologische Revue 2001 treffend zu beschreiben. Hennis gehöre zu den wohl bedeutendsten Vertretern der modernen deutschen Politikwissenschaft der zweiten Generation und seine Arbeiten, mit der ihnen verliehenen „Schnörkellosigkeit“[2] seien zeitlos geblieben und auch heute noch für die Politikwissenschaft absolut unverzichtbar. Ob dies dann auch bei dem vorliegenden Aufsatz „Ende der Politik? Zur Krisis der Politik in der Neuzeit“ der Fall ist, soll hier unter anderem untersucht werden.

Die nachfolgenden Teilbereiche der Arbeit sind im Schwerpunkt auf die Argumentationsweise und die politiktheoretischen Kernaussagen des Autors ausgerichtet. Im ersten Teil soll eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Thesen des Textes und dessen zentrale Aussagen zum Verständnis des sich anschließenden politiktheoretischen Teils dienen. Der politiktheoretische Teil dieser Arbeit wird sich mit der Analyse der Argumentationsweise des Autors beschäftigen. Hier wird besonderes Augenmerk auf die Theorien, welchen sich Hennis verpflichtet bzw. verschrieben sieht, zu legen sein. Am Ende der Arbeit soll schließlich auf den schon hier in der Einleitung hingewiesenen, eventuellen Gegenwartsbezug des Textes und der zum Vergleich dienenden modernen Rezessionsmeinungen ausführlicher eingegangen werden.

II. Inhaltliche Schwerpunkte

Das Thema des Aufsatzes „sei reißerisch“, behauptet Hennis und betont, dass der Titel: “Ende der Politik?“ nur das formuliere, was Helmut Schelsky bereits vorgelegt habe. Schelsky, ein Politikwissenschaftler der „ersten Generation“[3] war der Meinung, dass in der unsrigen Epoche bisherige Herrschaftsverhältnisse, von Person über Person, aufgehoben werden und an die Stelle politischer Normen und Gesetze „Sachgesetzlichkeiten der wissenschaftlich- technischen Zivilisation“ treten würden; sozusagen eine werturteilsfreie Gesellschaft im Sinne eines technisch funktionierenden Staates entstehen würde.[4] Dieser von Schelsky in den 60er Jahren aufgestellten These einer, die Politik ablösenden, Technokratie[5] stellt Hennis das Argument entgegen, dass bevor von Sieg der Technokratie über die Politik gesprochen werden könne, müsste erst der Begriff Politik selbst klarer verstanden werden.[6]

Hennis bemängelt nämlich an Schelskys These, dass zwar Politik mit dem Satz „Herrschaft von Menschen über Menschen“ definiert ist, aber nicht von welch spezifischer Art denn politische Herrschaft nun sei und wie sich diese von anderen Herrschaftsformen unterscheide. Dass ein Rest von Politik immer „zu tragen bleiben wird“[7], wie Hennis betont, ist in dem Umstand zu begründen, dass auch in einem modernen Staat das öffentliche Leben nicht auf bloße <wenn - dann - Relationen> zu beschränken wäre. Das wohl entscheidende Faktum hingegen sei, dass sich sowohl der Definition Politik als auch sein Verständnis ändere. Hennis verweist auf die mangelnde Klarheit der Lehr- und Wörterbuchdefinitionen des Begriffs Politik. Die zentrale Aussage, dass Politik die Fähigkeit sei, „andere zu einem bestimmten Verhalten zu bringen“[8], hätten wohl alle Begriffsdefinitionen gemeinsam aber würde eben nicht auf den Begriff selbst verweisen, geschweige denn ihn eingrenzen. Als zentrales Problem einer endenden Politik sieht Hennis die historische Veränderung des Politikbegriffes. Setzte der traditionelle Begriff noch Politik mit Macht und Herrschaft gleich, so versteht der moderne Begriff von Politik diese als Macht in Form von Willensbildung, und eben dies mache Politik zu einen so allgemeinen Begriff, dass selbst, wie er schreibt, der Umgang einer Frau mit ihrem Ehegatten zu Politik würde.[9]

Hennis geht noch einen Schritt weiter. Er stellt die Frage ob bei einer mangelnden Politikdefinition nicht auch der Staatsbegriff, welcher ja politisches Gemeinwesen meint, nicht auch abgewertet werden müsse, da es sich um einen auf Herrschaft beruhenden Verband handle, und diesen, weil politische Herrschaft nicht klar formuliert sei, von anderen Verbänden eben nicht unterscheide. Diese Denkweise sei, begründet durch die Mangelhaftigkeit des Politikbegriffes, ein Rückfall hinter eine der, wie Hennis formuliert, größten Errungenschaften der abendländischen Welt. In seinem griechischen Ursprung verwurzelt, habe der aus der Polis hergeleitete Begriff von Politik in der Moderne seine ursprüngliche Bedeutung verloren und befände sich nicht am Ende, sondern auf dem Weg in eine neue Epoche.[10]

Um diese These zu untermauern, gibt Hennis einen historischen Einblick in das, was denn nun politische Herrschaft in seiner Tradition von anderen Formen der Herrschaft strukturell unterscheide, was dessen spezifische Eigenarten sind und unter welchen Vorrausetzungen politische Herrschaft bisher möglich war. Laut Hennis wurde erst mit Aristoteles eine erste Unterscheidung von politischer und häuslicher Herrschaft vorgenommen. Bei der griechischen Polis galt der einzelne Bürger als Mitglied der politischen Gemeinschaft

durch seine aktive Beteiligung. Dies unterscheidet, nach Hennis, die Herrschaft der Polis von der despotischen Herrschaft, welche durch Befehl und Gehorsam funktionierte. Aristoteles unterschied sich durch diese klare Trennung von den Auffassungen Platons, der eben auch die Herrschaft der Polis nach dem gleichen Prinzip wie häusliche Herrschaft verstand und mit seiner Auffassung mehr als Aristoteles das neuzeitliche Politikverständnis prägte.[11] Hennis sieht hierin die Ursache für den weiteren geschichtlichen Verlauf des sich ändernden Politikverständnisses und in besonderem Maße die Eigenheit des von ihm als Phänomen bezeichneten Absolutismus. Im Absolutismus sei die alte Unterscheidung von politischer und häuslicher Herrschaft aufgehoben. Erst mit der Trennung dieser wäre die alte aristotelische Unterscheidung im modernen Verfassungsstaat wieder entdeckt und von Politikwissenschaftlern erneut vollzogen worden. Mit der Demokratisierung des 19. Jahrhunderts und der Aufhebung bestimmter politischer Schranken im 20. Jahrhunderts wird der Mensch, wie Hennis schreibt, in seinem status politicus mit dem status naturalis gleichgesetzt.[12] Der erwachsene Mensch sei vollwertig, zu einem aktiv teilnehmenden Bestandteil der politischen Gemeinschaft geworden und damit Politik, zumindest aus soziologischer Sicht, da ja „nun alle Unvollkommenheiten beseitigt scheinen“[13], überflüssig. Hennis reicht dieser Umstand aber nicht, er stellt nun die Frage nach der Modalität von politischer Herrschaftsweise. Politische Herrschaft habe keinen spezifischen Zweck, sie würde nicht ausgeübt, um eines bestimmten Lebensbedürfnisses willen. Den Kern von politischer Herrschaft stellten die Bürger, dar. Damit bliebe die von Aristoteles getätigte Unterscheidung von politischer und despotischer Herrschaft bestehen und mache die politische Herrschaft in der politischen Gemeinschaft abhängig vom Charakter der Bürger, ihren Lebensweisen und der Praxis ihres Miteinanderumgehens, also das tugendhafte Leben.[14] Hennis gibt aber zu bedenken, dass das tief in unserem Politikverständnis verwurzelte Streben nach Tugend niemals erreicht wurde und niemals erreicht werden wird. Dieser Umstand habe in der Neuzeit zu einem neuen Politikverständnis geführt. Das Ziel einer durch politische Klugheit und Weisheit funktionierenden Gemeinschaft wurde durch das technische Funktionieren oder Nichtfunktionieren des modernen Staates ersetzt. Damit verstand sich die Politik der Neuzeit als eine technische Leistung, nicht als Leistung der Tugend. Nebenher machte sich die Illusion eines perfekt funktionierenden Staates und einer perfekt funktionierenden Politik breit. In diesem Zusammenhang kam es nach Hennis zu einer Trennung von Politik und Ethik. Zwar sei die Ethik als traditionelles Element im Politikverständnis des modernen Staates noch verwurzelt, aber hier schon in den Bereich der Familieinstitution vollends abgeschoben worden. Auch dieser Zustand einer familiären ethischen Prägung als letzte staatsfreie Bastion sei natürlich nicht von Dauer, da der moderne Staat auch hier bereits eingreife und die Funktion der familiären Führsorgepflicht, beispielsweise durch wissenschaftliche Erziehung, übernehme. Der Staat würde durch die Vernachlässigung der sittlichen Norm so systematisch zu einem Dienstleistungsbetrieb, welcher die Existenz des Individuums sichern soll, verkommen.[15] Das Resultat wäre verheerend. Denn im Vergleich zu vorhergehenden Generationen, die Tod als individuelles Schicksal verstand, wird die unsrige mit dem möglichen Tod der Gattung Mensch konfrontiert. Die mit dem beschriebenen staatlichen Rückzug einhergehende Auflösung der religiösen Grundlagen in allen Gesellschaften unserer Zeit würde ihren Beitrag zur Krise und zum möglichen Ende der Politik beitragen.[16] Hennis ist überzeugt, dass der Mensch irgendeine Art von Religion braucht, um ein Gemeinwesen aufrecht zu erhalten. Sittliche Ordnungen, die durch religiöse Vorstellungen geprägt sind, und politische Ordnungen stehen in unlösbaren Zusammenhang. Eine Beseitigung von Religion oder aber auch Ideologie habe das Ende des Staates zur Folge. Dies bleibt dann auch zum Schluss Hennis letzter Hinweis. Wenn die Sitte und Moral der Bürger verloren geht ist auch das Ende des Staates erreicht, und damit verbunden, auch das Ende der Politik im abendländischen Sinne.

[...]


[1] Vgl. Voigt, Rüdiger: Politikwissenschaft als Berufung, in: Sozilogische Revue, 24. Jg. 2001, S.293.

[2] Vgl. ebenda, S. 293.

[3] Vertreter sind geistesgeschichtlich- normativ orientiert. Vgl. Lietzmann, Hans J. u. Bleek ,Wilhlem (Hrsg.): Politikwissenschaft. Geschichte und Entwicklung in Deutschland und Europa. München 1996, S. 83.

[4] Vgl. Hennis, Wilhelm: Ende der Politik ? Zur Krisis der Politik in der Neuzeit. in: Politik und praktische Philosophie. Schriften zur Politischen Theorie. Stuttgart 1981, S. 176.

[5] Politik ihre ureigene Funktion als Prozess des öffentlichen Aushandelns allg. verbindlicher Entscheidungen zwischen mögl. Handlungsalternativen verliert. Vgl. Holtmann, Everhard (Hrsg.):Politik – Lexikon, München, 1991, S. 630.

[6] Vgl. Hennis, Wilhelm: Ende der Politik ? Zur Krisis der Politik in der Neuzeit. in: Politik und praktische Philosophie. Schriften zur Politischen Theorie. Stuttgart 1981, S. 176.

[7] Vgl. ebenda, S. 177.

[8] Vgl. ebenda, S. 178.

[9] Vgl. Hennis, Wilhelm: Ende der Politik ? Zur Krisis der Politik in der Neuzeit. in: Politik und praktische Philosophie. Schriften zur Politischen Theorie. Stuttgart 1981, S. 178.

[10] Vgl. ebenda, S. 179.

[11] Vgl. ebenda, S. 180-181.

[12] Vgl. Hennis, Wilhelm: Ende der Politik ? Zur Krisis der Politik in der Neuzeit. in: Politik und praktische Philosophie. Schriften zur Politischen Theorie. Stuttgart 1981, S. 183.

[13] Vgl. ebenda, S.183.

[14] Vgl. ebenda, S. 185.

[15] Vgl. ebenda, S. 193

[16] Vgl. Hennis, Wilhelm: Ende der Politik ? Zur Krisis der Politik in der Neuzeit. in: Politik und praktische Philosophie. Schriften zur Politischen Theorie. Stuttgart 1981, S. 194.

Details

Seiten
16
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638469098
ISBN (Buch)
9783638775410
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v50761
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
2,3
Schlagworte
Ende Politik Krisis Neuzeit

Autor

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