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"Ich bin für mich! Der Wahlkampf der Tiere" von Martin Baltscheit als politischer Unterrichtsgegenstand im literarischen Gespräch

Hausarbeit 2019 16 Seiten

Didaktik - Deutsch - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das literarische Unterrichtsgespräch

3. Analyse des Bilderbuchs ‚Ich bin für mich! Der Wahlkampf der Tiere‘
3.1. Sachanalyse des Gesprächsgegenstands
3.2. Didaktische Analyse des Gesprächsgegenstands

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Kaum einer betrachtet die Politik heutzutage noch unbelastet. Schon im frühen Kindesalter werden wir mit politischer Propaganda, Wahlkämpfen und politischen Akteuren konfrontiert. Durch die neuen Medien ist es kaum möglich politischen Themen im Alltag auszuweichen. Und gerade durch das Verspotten der Parteien und ihrer einzelnen Anhänger, durch Karikaturen und vieles mehr was auf sozialen Netzwerken kursiert, ist es von Nöten, das Politikbewusstsein von Kindern schon im jungen Alter in Schule aufzugreifen und auszubilden. Denn was sich wirklich hinter der Politik verbirgt, wissen nur wenige.

Unser Wissen ist in Konzepten organisiert. Konzepte meinen Vorstellungen, die mit erfahrbaren Überlegungen verknüpft sind und somit eine Wiederkennung im Alltag gewährleisten.[1] Da Konzepte veränderbar, ausbaubar und ineinander verflochten sind[2], muss im schulischen Kontext an deren Existenz im Alltag der Schülerinnen und Schülern[3] angeknüpft werden. Besonders im schulischen Kontext ist eine Verknüpfung der bereits erworbenen (Alltags-)Konzepte von SuS förderlich, damit deren Wissen innerhalb der Konzepte erweitert, vertieft und/ oder korrigiert werden kann.[4] Insbesondere vor dem Hintergrund der Output-Orientierung ist die Arbeit im Unterricht mit bereits vorhandenen Konzepten ein wichtiger Bestimmungsfaktor.[5]

Um die Kluft zwischen alltäglicher und unterrichtlicher Praxis in Bezug auf das Thema Politik zu schließen, wurde in den vergangenen Jahren das Konzept der politikdidaktischen Rekonstruktion eingeführt. Ausgangspunkte des Konzepts sind „lebensweltliche Schülervorstellungen, welche Politikbewusstsein als zentrale Kategorie herausstellen“[6]. Politikbewusstsein meint das Aufbauen einer eigenen Vorstellung von Politik, das subjektive Konstrukte politischer Wirklichkeit beinhaltet.[7]

Vor einigen Jahren dachte man noch, Kinder wollen nichts mit Politik zu tun haben, interessieren sich nicht dafür, doch diese Annahme war falsch. Entscheidend ist jedoch, dass Kinder sehr wohl an den politischen Geschehnissen interessiert sind. Allerdings packen sie lieber mit an, als nur darüber informiert zu werden. Bewegungen wie ‚Fridays for Future‘ zeigen, dass Kinder heutzutage mitreden wollen und sehr wohl politisches Engagement zeigen wollen.

Aus diesem Grund ist es unabdinglich Kinder frühestmöglich in das politische Denken einzuführen und deren Wissen/ Konzepte zu erweitern, verändern und/oder zu korrigieren.

Weiterführend wird das von Martin Baltscheit geschrieben Bilderbuchs ‚Ich bin für mich! Der Wahlkampf der Tiere‘[8] dahingegen analysiert, inwieweit der Inhalt in einem literarischen Gespräch in Schule betrachtet und diskutiert werden kann. Die Analyse des Unterrichtsgegenstands erfolgt hinsichtlich der Frage, inwieweit die Textgrundlage das Politikbewusstsein der SuS schult. Auch liegt der Fokus der Ausarbeitung auf dem Kompetenzerwerb der SuS in der Auseinandersetzung mit der Materie und darauf, welche Unterrichtsziele mit dem Gegenstand des Gesprächs angestrebt werden.

2. Das literarische Unterrichtsgespräch

Das literarische Gespräch stellt eine Leseart aus Interpretationen einzelner dar. Durch den Austausch der unterschiedlichsten Lesearten kann Plausibilität und Akzeptanz erzeugt werden. Die Interpretation an sich gewinnt erst im Gespräch einen erhöhten Grad an Intersubjektivität.[9] Der Text ist demnach nicht ausschließlich zur Texterschließung gedacht, sondern wird als dynamischer Prozess betrachtet. Das literarische Gespräch erfolgt entweder mit sich selbst, mit einem Dritten oder mit einer Gruppe. Es zielt darauf ab, dass sich SuS mit menschlichem Handeln, Denken und Fühlen befassen und dabei lernen ihre eigenen Ansichten zu überdenken. Es stellt eine gemeinsame Sinnsuche in Form eines offenen Gesprächs dar, in das ohne Melden eingestiegen wird.[10] Die Lehrkraft steuert zwar den Ablauf des Gesprächs als partizipierende Leitung, überlässt jedoch den Kindern ihre Meinungen und Ansichten hinsichtlich des gelesenen Textes oder gegebenen Impulses diskutieren. Ob die erlangte Interpretation vollständig und mehrdeutig ist, spielt keine entscheidende Rolle. Diese Form der Texterschließung bezeichnet man auch als Heidelberger Modell. Es erfolgt themenzentrierte Interaktion im Klassenzimmer, die auch als probate Form eines literarischen Gesprächs verstanden wird. Die Lehrkraft übernimmt in literarischen Gesprächen nicht nur die leitende Funktion, sondern beteiligt sich durch die partizipierende Leitung aktiv am Gespräch, in dem sie authentische Redebeiträge, Fragen und Eindrücke formuliert, die die SuS in ihrem Gesprächsverlauf produktiv unterstützen. Der Ablauf eines literarischen Gesprächs nach dem Heidelberger Modell lässt sich in sechs Phasen gliedern: den Einstieg, die Textbegegnung, die erste Runde, das offene Gespräch, die Schlussrunde und den Abschluss.

Beim Einstieg wird ein positiver und angenehmer Rahmen für das Gespräch geschaffen. Die Lehrkraft sorgt in dieser Phase dafür die Atmosphäre und die Regeln für den weiteren Verlauf des Gesprächs innerhalb der Klasse zu verdeutlichen und leitet über zu dem zweiten Schritt; der Textbegegnung. Nach Schaffen einer arbeitsfördernden Atmosphäre liest die Leitung/ die Lehrkraft den Text, über den das Gespräch gehen wird, einmal vor und bittet danach einen oder mehrere der SuS den Text nochmals vorzulesen.[11] Abschließend kann der Text noch einmal in Stillarbeit gelesen werden, um ein optimales Textverständnis zu gewährleisten. Nach Abschluss der Lesephase beginnt die erste Runde des literarischen Gesprächs. Die SuS und die Lehrkraft erhalten in dieser Runde die Chance ihre unbeeinflussten Eindrücke zum Text zu äußern. Es obliegt an dieser Stelle der Lehrkraft, ob sie demnach einen Impuls (z.B. ein Bild) setzt oder ob sie das Geschehen unverwandt in das offene Gespräch überleitet.[12] Die partizipierende Lehrkraft und die SuS erhalten in diesem Teil des Gesprächs die Chance sich mit eigenen Gedanken, Thematiken und Ideen zum Text zu äußern. Die Lehrkraft beteiligt sich durch eigene Beiträge und Gedanken und fungiert als steuernde Person, wenn der Verlauf des Gesprächs dies erfordert, indem sie Hilfen gibt oder Impulse einwirft. Hier eignet es sich, Raum für Irritationen zu schaffen. In der darauffolgenden Schlussrunde des literarischen Gesprächs haben SuS und Lehrkraft die Möglichkeit sich abschließend über den gesprochenen Text zu äußern. An diesem Punkt des Gesprächs werden oftmals Schwerpunkte oder offene Fragen formuliert, die weiterer Diskussion bedürfen[13]. Für diese Phase kann die Lehrkraft sich bereits im Vorhinein Gedanken über mögliche Fragen oder Anhaltspunkte machen, die sie gerne mit den SuS abhandeln würde. Der Abschluss wird durch die Gesprächsleitung/ die Lehrkraft transparent durchgeführt.[14] Oftmals ergibt es sich, danach die SuS erneut den Text lesen zu lassen. Durch den Austausch der Lesearten entsteht bei den SuS ein erweitertes Bild ihrer eigenen Sichtweisen, Interpretationen und Eindrücken, wodurch der Text mit einem breiteren Verständnis gelesen wird, als vor Beginn des literarischen Gesprächs.

3. Analyse des Bilderbuchs ‚Ich bin für mich! Der Wahlkampf der Tiere‘

Im nachfolgenden Teil der Hausarbeit wird das von Martin Baltscheit verfasste Bilderbuch ‚Ich bin für mich! Der Wahlkampf der Tiere‘[15] hinsichtlich seiner Tauglichkeit als Gegenstand eines literarischen Gesprächs geprüft. Diesbezüglich wird das Bilderbuch als Sachgegenstand betrachtet und dessen didaktische Analyse durchgeführt. Auch wird erarbeitet, inwieweit Baltscheits Fabelerzählung das Politikbewusstsein der Kinder fördert und ausbildet.

3.1. Sachanalyse des Gesprächsgegenstands

Das im Jahr 2011 von Martin Baltscheit erschiene Bilderbuch mit dem Titel ‚Ich bin für mich!‘ setzt sich aus Illustrationen und Textpassagen zusammen. Die Illustrationen dienen übergreifend dem Verständnis des Gelesenen und schaffen eine Interferenz zwischen Realität und dem imaginären Textgeschehen[16]. Bei ‚Ich bin für mich!‘ handelt es sich um ein erzählendes Bilderbuch[17] mit politischem Charakter, in dem Baltscheit auf spielerische und provokative Weise Fragen, Themen und Probleme der kindlichen Erfahrungswelt in einer Fabel verpackt.

Baltscheits Bilderbuch beschäftigt sich mit dem politischen Thema Wahlen im Tierreich. In seinem Buch findet die Wahl eines Königs alle vier Jahre statt[18]. Bereits mehrere Jahre in Folge ist der Löwe der einzige Kandidat, der sich zur Wahl stellt. Folge daraus ist, dass nach jeder Wahl der Löwe erneut auf seinem Thron sitzt, da sich niemand getraut hat, sich ebenfalls aufstellen zu lassen. Doch in diesem Jahr stellt sich neben dem Löwen als Erstes auch die Maus zur Wahl. Ihr folgen die restlichen Tiere (Katze, Karpfen, Ameise, Schaf, Strauß, Schäferhund, Stier, Fuchs, Wal) der imaginären von Baltscheit geschaffenen Welt. Während der Wahl kreieren die einzelnen Tierarten Wahlplakate und entwerfen eigene Slogans, mit denen sie die anderen Tierarten davon überzeugen wollen, ihnen ihre Stimme zu geben.[19] Demnach findet eine (fast) geheimen Wahl statt. Der blinde Maulwurf verkündet das Ergebnis: Jede Tierart hat ausschließlich für sich selbst gestimmt. Ergebnis ist eine Anarchie im Tierreich, mit der Konsequenz, dass das dieses in absolutem Chaos versinkt. Jede Tierart setzt ohne Rücksicht ihre eigenen Interessen um, wodurch es letztendlich Dank der Einmischung des Löwen und der Maus zu Neuwahlen kommt. Da lediglich der Karpfen als Kandidat fungiert, erhält dieser kurzerhand den Königstitel mit der dazu gehörigen Krone.[20]

Das Bilderbuch wird anhand einer Fabelerzählung den jungen Lesern ein altersgerechter Zugang zu einem wichtigen politischen Aspekt nähergebracht. Das Wahlsystem der Demokratie ist ein entscheidender Faktor im Verständniserwerb über Politik. Es ist entscheidend Kinder frühzeitig mit derlei Themenbereichen zu konfrontieren, um deren Politikbewusstsein durch lebensweltliche Vorstellung zu schulen und auszuprägen. Die Einfachheit der Bilderbuchfabel erleichtert es diese als Gegenstand für ein literarisches Gespräch zu verwenden. Bereits im Kleinkindalter werden Kinder mit Bilderbüchern konfrontiert. Sie sind der erste literarische Bezug, zu denen sie eine eingehende Beziehung aufbauen. Mehr noch sind Bilderbücher das erste Medium, durch welches Kinder zur Literatur hingeführt werden.[21] Das Medium Bilderbuch setzt sich aus einem Spannungsfeld zwischen Bild und Text zusammen. Durch die Parallelität von Bild und Text, die in Martin Baltscheits Bilderbuch zum Teil vorzufinden ist, aber auch durch das Ineinandergreifen der Text- und Bildebene, wird dem Leser ein intensives Erfahren des Inhalts ermöglicht. Die Illustrationen von Christine Schwarz in ‚Ich bin für mich!‘ Überbrücken das hierarchische Verhältnis zwischen Bild und Text und schaffen somit eine Interferenz zwischen der Realität der Kinder und dem fiktiven Inhalt des Bilderbuchs. Durch das Spannungsbild von Bild und Text wird eröffnet das Bilderbuch Kommentare zur bildästhetischen Kultur.[22] Dadurch, dass in Baltscheits Bilderbuch breitflächig Illustrationen zum Einsatz kommen, die ohne dazugehörigen Text verstanden werden müssen, werden neue Dimensionen in der Analyse dieser Illustrationen ermöglicht. Da am Ende von ‚Ich bin für mich!‘ der Bildstrang die Handlung übernimmt und die Sprache endet, ist es wichtig, von Beginn des Lesens an die Illustrationen als entscheidenden Faktor zu betrachten. Durch diese Verknüpfung von Bild und Text entsteht an einer Vielzahl von Stellen eine doppelte Bedeutungsebene. So zum Beispiel der rote fünfzackige Stern auf der Mütze der Ameise auf Seite elf, die ein Symbol für den Kommunismus darstellt oder das Vorhaben des Straußes, einen Flughafen zu errichten, obwohl keine finanziellen Mittel vorhanden sind[23], was auf den Bau des Berliner Flughafens anspielt.

Es gilt somit in den Blick zu nehmen, welche Vorteile die ausschließlich aus Tieren bestehende Geschichte offenbart und welche Bezüge sie zu politischen Gebieten herstellt. Baltscheit bedient sich nicht nur an klassischen Fabeltieren, wie dem Löwen, der Maus und dem Fuchs, sondern greift auch auf untypische und provokative Akteure zurück, wie den Schäferhund, den Maulwurf oder den Karpfen.

Innerhalb von Bild und Text finden sich eine Vielzahl an Parallelen zu der deutschen Geschichte, beispielsweise wurde der Hund einer speziellen Rasse zugeordnet – dem Schäferhund[24] – und eine politische Agenda zu setzen. Durch die Verwendung einer klassischen deutschen Hunderasse erfolgt ein abstruser Hintz auf die deutschen Parteien. Zum Beispiel „Danach gibt es Freibier und Bockwurst“[25] eröffnet einen breiten Diskussionsspielraum über die Blickwinkel der deutschen Politik. Die braunen und rötlichen Farben der Wahlplakate spielen auf den Zweiten Weltkrieg an und untermalen die danach ausbrechende Anarchie im Tierreich. Während der Vorstellung der Wahlversprechen der einzelnen Tiergruppen und deren Wahlplakate wird erkennbar, dass mit wenigen Ausnahmen (der Stier, der Karpfen) alle ihre individuellen Interessen vertreten und keinerlei Rücksicht auf die anderen Tierarten nehmen. Die Versprechungen der einzelnen Tiere sind von Ironie begleitet und veranschaulichen in überspitzter Weise reale Wahlthematiken. Ein Beispiel liefert zum Beispiel der Wahlspruch der Ameise: „Mehr Arbeit für alle. 20 Stunden am Tag sind nicht genug!“[26] Die NSDAP und auch viele neuzeitliche Politiker hatte/haben lediglich ihre eigenen Interessen vor Augen, wodurch ein Bezug zur deutschen Geschichte im literarischen Gespräch ermöglicht wird. Einen weiteren intertextuellen Bezug bietet Ferdinand der Stier mit seinem Blumenschmuck im Haar und seinem Versprechen, ein Paradies zu errichten, in dem alle gleich sind, sollte er gewinnen.[27] Der Charakter des Stiers stammt aus dem Munro Leafs und Robert Lawson geschriebenen Bilderbuch ‚Ferdinand der Stier‘[28] und wurde von Martin Baltscheit als satirische Komponente zu dem regulären Wesen eines Stiers gesetzt. Der Stier in Baltscheits Bilderbuch richtet sich gegen Tierklischees, wie sie nur allzu weit verbreitet sind. Weiter platziert Baltscheit in seiner Geschichte einen Wink an das Wahlverfahren, indem er einen Maulwurf die Stimmen auszählen lässt. Auf der dazugehörigen Illustration von Christine Schwarz trägt der Maulwurf eine Brille und zudem eine Manschette am Arm[29]. Diese Manschette ist weithin als Behindertenmanschette bekannt und verdeutlicht den zynischen Gedanken vieler Deutscher, dass die Wahl abgekartet und keinerlei Sinn mit sich bringt. Der blinde Maulwurf dient zur Verdeutlichung der Irrelevanz einzelner Stimmen für das große Ganze. Auch die Figur des Löwen kommt nicht zu kurz. Zu Beginn der Fabel ist er selbstsicher und überheblich, er zweifelt keine Sekunde daran, dass er wieder zum König erwählt wird. Auch als sich die Maus gegen ihn zur Wahl aufstellt, ist er noch voller Siegessicherheit, wodurch sein Plakat dem einer Kinderzeichnung ähnelt[30]. Nachdem er die Wahl verloren hat, zieht er sich aus seinem Herrschaftsgebiet zurück und weilt auf einem Berg, von dem aus er das hereinbrechende Durcheinander beobachtet, bis die Maus ihn um Hilfe bittet.[31] Nachfolgend enthält das Bilderbuch eine zweiseitige Illustration des Löwen, der laut „Neuwahlen“[32] brüllt und der Maus, die eine Krone auf dem Kopf trägt und bei seinem lauten Gebrüll hochschreckt[33]. An dieser Stelle übernimmt die Illustration vollständig den Erzählstrang und lässt die Verflechtung zwischen Bild und Text deutlich hervorstechen. Durch das Brüllen des Löwen werden seine Emotionen deutlich gezeigt und durch die Darstellung der verletzten und erschöpften Tiere auf Seite 28 bis 29 eröffnen sich deren Gedanken anhand der bildlichen Veranschaulichung, welches Chaos durch die Anarchie angerichtet wurde. Auch wichtig zu erkennen ist, dass niemand außer der Maus das Chaos realisiert hat, jedoch alle dankbar für die Machtausübung des ehemaligen Königs sind. Da sich lediglich der Karpfen als Kandidat für die Neuwahl zur Verfügung stellt nimmt die Fabel an dieser Stelle eine entscheidende Wendung. Man sollte meinen der Löwe würde sich ebenfalls zur Wahl stellen, da er als Stimme der Vernunft fungiert hat und seinen Herrscherstatus immer noch innehat, doch auch er stellt sich nicht erneut zur Wahl. Der neue König wird erneut mit einer zweiseitigen Illustration bekanntgegeben[34], auf der der Karpfen auf dem Meeresgrund mit Krone auf dem Kopf zu sehen ist. Auf den Seiten 32 und 33 sieht man auf einer weiteren Illustration die Wahlplakate des Karpfens, die über die übrigen Plakate geklebt wurde. Auf ihnen steht „Ein guter Fang“, was für einen ironischen Beigeschmack sorgt, da der Sieg des Karpfens ohnehin stupide erscheint. Der Karpfen wird von keinem der Tiere verstanden, hat aber von vornherein ein Wahlmotiv gehabt, das die Interessen aller Tiere vertritt. Er will einen Stausee bauen, um somit genug Wasser für eine Dürre sammeln zu können. Der ironische Punkt ist, dass über sein Vorhaben nur die Seinesgleichen wissen, nicht jedoch aber die anderen Tierarten. Er wurde lediglich zum König gekrönt, um der Anarchie zu entsagen. Martin Baltscheit verpackt in dem gekrönten Bild des Karpfens die Nachricht, dass ein König ohne Inhalt besser ist, als ein König mit zu vielen Inhalten. Gleichwohl spielt Baltscheit hier erneut auf die deutschen Parteien und somit auf deren Interessenvertretungen und Versprechungen an. Auch zeigt das Bild einen Konflikt zwischen dem ehemaligen und dem neuen König. Der Löwe fungierte als Vernunft und Herrscher über sein Königreich. Im Gegensatz zu ihm ist der Karpfen nicht in der Lage den Frieden zu wahren, ebenso wenig wie eine Anarchie Frieden wahren kann. Baltscheit veranschaulicht dadurch, dass ein Zusammenwirken verschiedener Tierarten für mehr Frieden sorgen würde, als wenn ein einziger über das Land entscheidet.

[...]


[1] vgl. Daniela Schmadel: Politische (Prä-)Konzepte von Schülerinnen und Schülern und sprachdidaktische Ansätze zur Bewusstmachung, Erweiterung und Vertiefung. In: Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (Hg.): Politische Sprache und politischer Sprachgebrauch im Deutschunterricht. Linguistische und didaktische Bausteine für die Unterrichtspraxis. Kiel 2017, S. 44-48, hier: S. 44.

[2] vgl. Wolfgang Sander: Konzepte und Kategorien in der politischen Bildung: In: Goll, Thomas (Hg.): Politikdidaktische Basis- und Fachkonzepte. Schwalbach/Ts. 2011, S. 32-43, hier: S. 36

[3] Im folgenden SuS genannt.

[4] vgl. Sander: Konzepte und Kategorien in der politischen Bildung, S. 37.

[5] vgl. Schmadel: Politische (Prä-)Konzepte, S. 44.

[6] Schmadel: Politische (Prä-)Konzepte, S. 45.

[7] vgl. Ebd.

[8] Martin Baltscheit & Christine Schwarz: Ich bin für mich! Der Wahlkampf der Tiere. Weinheim, Basel 2011.

[9] vgl. Valentin Merkelbach: Das literarische Gespräch im Unterricht. In: Ossner, Jakob; Rosebrock, Cornelia u. Pieper, Irene (Hg.). Interpretationen und Modelle. CD-Rom. Berlin: Cornelsen.

[10] vgl. Marcus Steinbrenner & Maja Wiprächtiger-Geppert: Verstehen und Nicht-Verstehen im Gespräch. Das Heidelberger Modell des Literarischen Unterrichtgesprächs. In: Literatur im Unterricht, Jg. 7, H. 3. 2006, S. 227-241, hier: S. 277.

[11] vgl. K.H. Spinner: Literarisches Lernen. In: Praxis Deutsch 200. Seelze 2006, S. 14.

[12] Ebd.

[13] vgl. K.H. Spinner: Literarisches Lernen, S. 15.

[14] Ebd.

[15] Im Folgenden abgekürzt mit: ‚Ich bin für mich!‘.

[16] vgl. Jens Thiele: Das Bilderbuch. Ästhetik-Theorie-Analyse-Didaktik-Rezeption. Aschenbeck, Isensee 2003, S. 12-36.

[17] Ebd.

[18] vgl. Baltscheit: Ich bin für mich, S. 1.

[19] vgl. Baltscheit: Ich bin für mich, S. 2-18.

[20] vgl. Baltscheit: Ich bin für mich, S. 19-32.

[21] vgl. K.H. Spinner: Schreiben zu Bilderbüchern. Unterrichtsanregungen. In: Praxis Deutsch 113. Seelze 1992, S. 17.

[22] vgl. Thiele: Das Bilderbuch, S. 12-36.

[23] vgl. Baltscheit: Ich bin für mich, S. 14.

[24] vgl. Baltscheit: Ich bin für mich, S. 15.

[25] vgl. Baltscheit: Ich bin für mich, S. 1.

[26] Baltscheit: Ich bin für mich, S. 13.

[27] vgl. Baltscheit: Ich bin für mich, S. 16.

[28] Munro Leaf & Robert Lawson: Ferdinand der Stier. Zürich 2013.

[29] vgl. Baltscheit: Ich bin für mich, S. 21.

[30] vgl. Baltscheit: Ich bin für mich, S. 4.

[31] vgl. Baltscheit: Ich bin für mich, S. 25.

[32] vgl. Baltscheit: Ich bin für mich, S. 26-27.

[33] Ebd.

[34] vgl. Baltscheit: Ich bin für mich, S. 30-31.

Details

Seiten
16
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346068828
ISBN (Buch)
9783346068835
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v506360
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
Schlagworte
wahlkampf martin baltscheit unterrichtsgegenstand gespräch literarischesgespräch

Autor

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