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Argentinien - Ursachen für die aktuelle Krise

Seminararbeit 2006 19 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Wirtschaftsgeographie

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Bedeutung der makroökonomischen Stabilität für die Wirtschaft

3. Wirtschaftsgeschichtlicher Hintergrund Argentiniens
3.1 Das 20. Jahrhundert – Export-Import-System, Importsubstitution und Hyperinflation
3.2 Die 1990er Jahre – Vom Aufschwung bis zur Rezession

4. Die argentinische Währungskrise

5. Ursachen der Krise
5.1 Currency Board
5.2 Haushaltsdefizit
5.3 Unzureichende Strukturreformen

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Argentinien geriet 2001/02 in eine tief greifende Währungskrise, in deren Konsequenz der bisher größte Staatsbankrott der Weltwirtschaftsgeschichte folgte. Für viele Kapitalanleger und Analysten kam dieses Ereignis überraschend, zumal Argentiniens Wirtschaftsmodell noch bis Mitte der 1990er Jahre als Vorzeigebeispiel für andere Länder galt und der IWF den Staat bis zuletzt unterstützt hatte.

Ziel dieser Arbeit ist es, Ablauf und Ursachen der argentinischen Krise zu erklären. Dazu wird zunächst ein theoretischen Rahmen geschaffen, der die Bedeutung von makroökonomischer Stabilität deklariert. Im Folgenden werden die landesspezifischen Hintergründe erläutert, die es 1991 notwendig machten, einen sogenannten Currency Board, der eine fixe Wechselkursbindung beinhaltet, einzuführen. Durch diese wirtschaftspolitische Maßnahme geriet Argentinien nach anfänglichen Erfolgen in eine abwärtsdrehende ökonomische Spirale, welche das Land letztendlich in den Ruin trieb. Kern dieser Arbeit wird die Analyse der Fehlentwicklungen und konkreten Ursachen, die in die Krise führten bzw. sie auslösten sowie der Verlauf der Währungskrise sein. Den Abschluss bildet ein kurzes Fazit.

2. Bedeutung der makroökonomischen Stabilität für die Wirtschaft

Die bedeutenden Finanzkrisen des vergangenen Jahrzehnts weisen auf den Welttrend hin, dass der makroökonomische Erfolg der Wirtschaft sehr eng mit bestimmten Variablen verbunden ist. Werden diese nicht gewissenhaft von der Wirtschaftspolitik kontrolliert, um der Wettbewerbs- und Integrationsfähigkeit zu dienen, so ist das Risiko von Destabilisierungen hoch (Strasek 2000: 196). Im Folgenden werden die Faktoren dargestellt, die in den letzten Finanzkrisen eine primäre Rolle spielten:

Die Bedeutung des Wechselkurses ist in einer Wirtschaft immanent; zum einen gewährleistet ein stabiler Wechselkurs das hinreichende Niveau globaler Wettbewerbsfähigkeit, zum anderen hat er eine wichtige Funktion bei der Sicherstellung makroökonomischer Stabilität inne. Durch die Abwertung eines Wechselkurses kann über einen kurzen Zeitraum ein höherer Wert in Bezug auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit erreicht werden; gleichzeitig steigt aber auch der inländische Inflationsdruck. Bei einer Aufwertung ist die gegenteilige Entwicklung der Fall (Strasek 2000: 196). Die Wechselkurspolitik ist somit ein zentrales Element der Stabilitätspolitik. Ohne monetäres Gleichgewicht ist kein solides Wachstum und auch kein dauerhafter Aufholprozess möglich (Schweickert 2002a: 2f.). In den Finanzkrisen der 1990er Jahre hat sich gezeigt, dass eine hohe Kapitalmobilität und fixe Wechselkurse Risiken für die Wirtschaft bergen, da die Gefahr von spekulativen Währungsattacken gegeben ist. Initiiert werden diese durch die Reaktionen von Kreditgebern und Investoren auf schlechte wirtschaftliche und/oder politische Nachrichten aus dem jeweiligen Land (Strasek 2000: 196f.).

Die Zahlungsbilanz spielt bei der makroökonomischen Stabilität eine entscheidende Rolle, insofern dass ein Zahlungsbilanzungleichgewicht zur Instabilität eines Währungsregimes mit festen Wechselkursen führen kann. In diesem Zusammenhang sind vor allem drei Teilbilanzen wesentlich (Wessolly/Wienert 2002: 52f.):

Die Leistungsbilanz; sie erfasst Warenhandel und Zinszahlungen.

Die Kapitalverkehrsbilanz; sie erfasst grenzüberschreitende Kapitalbewegungen.

Die Devisenbilanz; ihr Saldo gibt unter festen Wechselkursen Aufschluss darüber,

ob die betreffende Währung unter Aufwertungs- oder Abwertungsdruck steht.

Ein Leistungsbilanzdefizit bedeutet die Verschlechterung der Nettovermögensposition eines Landes. Für Schwellenländer sind solche Defizite der Normalfall, da sie aufgrund fehlender Produktionsmöglichkeiten Kapitalgüter importieren müssen. Damit übersteigen die Einfuhren in der Aufholphase die Ausfuhren (Wessolly/Wienert 2002: 53f.). Ein großes Defizit in den Kapitalerträgen ist u. a. ein Indikator für eine in der Vergangenheit akkumulierte Auslandsverschuldung (Strasek 2000: 198).

Für ein hohes und wachsendes Zahlungsbilanzungleichgewicht sind üblicher Weise mehrere Faktoren verantwortlich (Strasek 2000: 198):

Reale Aufwertungen und Verlust der Wettbewerbsfähigkeit,

Investitionsboom und Lücken während des Sparens und Investierens,

Schwächeres Wirtschaftswachstum in benachbarten Staaten und folglich verlangsamter Export auf diese Märkte,

Stärkung der Ankerwährung,

Devalvierung wettbewerbsfähiger Staaten,

Terms of trade[1] Schock.

Speziell in Lateinamerika stellt ein Kernproblem der makroökonomischen Stabilisierung der krisenanfällige Exportsektor dar. Die Überwindung von wirtschaftlichen Krisen kann nur dann gewährleistet werden, wenn die Exporte dynamisch auf die Abwertung der Währung reagieren. Stattdessen wird in Lateinamerika die Leistungsbilanzentwicklung primär von der Importentwicklung getrieben. In Boomphasen steigen die Einfuhren, die Währungen werten auf und die Ausfuhren werden gedämpft. In Anpassungsphasen erhöhen Abwertungen die Importpreise und zügeln so die Produktion von Exportgütern (Schweickert/Thiele 2004: 18f.).

Maßgeblicher Verursacher makroökonomischer Instabilität sind überschüssige Investitionen in risikoreiche und wenig gewinnbringende Projekte. Die Merkmale solcher Anlagen sind in einem großen Zuwachs von Investitionen im Non-tradeable Sektor (vor allem im Sektor Immobilien), spekulativen Vermögensankäufen und dem „Aufblasen des sogenannten Vermögensballons“ (Strasek 2000: 199) zu finden. In der ersten Phase der Investitionen ist ein ansteigendes Vermögen zu verzeichnen. Da das Risiko jedoch erhöht und die Rentabilität solcher Projekte gering sind, wird in der zweiten Phase das Abmindern des Kapitals unumgänglich und mit der Gefahr eines Überganges in eine Finanz- oder Wirtschaftskrise verbunden sein.

In Staaten mit einem sehr schwachen Bank- und Finanzsystem kann es aufgrund des „moral hazard“[2] im Finanzsektor zu überschüssigen Anleihen kommen. Typische Indizien schwacher Finanzsysteme sind u. a. ein niedriges Niveau der Kapitaleignung der Banken, fehlende Bankregulation und Kontrolle von Finanzinstitutionen, und mangelnde Transparenz öffentlicher und privater Finanzinstitutionen (Strasek 2000: 199).

Als letztes Element der makroökonomischen Stabilität sollen Ansteckungseffekte („contagion“) zwischen benachbarten Staaten genannt werden. Aufgrund des Abbaus nationaler und regionaler Handelsbarrieren wurden in den vergangenen zwei Jahrzehnten die Verbindungen zwischen nationalen Wirtschaften intensiviert. Einerseits stimulieren diese Verknüpfungen den internationalen Handel zwischen Staaten, andererseits bergen sie aber auch das Risiko eines potentiellen Ansteckungsherdes. Strasek (2000) definiert die Ansteckung als Situation, bei der die Krise in einem Staat als Anlass für die Krise in einigen anderen Staaten wirkt. Gründe dieser Ansteckungseffekte sind zum einen in makroökonomischen Ursachen, zum anderen im psychologischen Verhalten der Marktteilnehmer zu finden. Dazu zählen Handels- und Finanzverflechtungen, geographische Nähe sowie psychologische Begründungen wie z. B. die Herdenorientierung der Investoren (Ganz/Waller 2003: 411f.).

Versucht man speziell für Lateinamerika und dessen makroökonomische Perspektive ein Chancen- und Risikenkatalog zu erstellen, so ergeben sich folgende Indikatoren: Die Chancen eines Landes sind umso besser zu beurteilen, je geringer das Staatsdefizit und die Inflationsrate, je höher die Zuflüsse an Direktinvestitionen und die Investitionsquote und je stärker das Exportwachstum sind. Das makroökonomische Risiko hingegen ist umso größer, je stärker die reale Aufwertung, je höher der Geldmarktzins, je geringer das Leistungsbilanzsaldo, je höher die Auslandsverschuldung und je geringer die Währungsreserven relativ zu den kurzfristigen Auslandsschulden sind (Schweickert 2002b: 173f.).

[...]


[1] Terms of trade bezeichnet die Relation zwischen Exportpreisen eines Landes und seinen Importpreisen.

[2] Bestehendes Verhältnis, das inländischen Finanzinstitutionen einen übergroßen Umfang aufgenommener Kredite und gleichzeitig einen übergroßen Umfang einer weiteren Kreditierung des Privatsektors ermöglicht (Strasek 2000: 199).

Details

Seiten
19
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638468145
ISBN (Buch)
9783638782456
Dateigröße
649 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v50627
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
2,0
Schlagworte
Argentinien Ursachen Krise

Autor

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