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Bewältigung von Belastungen und Stress bei psychiatrisch Pflegenden

Bachelorarbeit 2016 231 Seiten

Gesundheit - Pflegewissenschaft - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Literaturkritik

3 Stress im beruflichen Kontext
3.1 Gesellschaftliche Einordnung
3.2 Medizinische Betrachtungen
3.2.1 Stressentstehung
3.2.2 Stressreaktionen
3.2.3 Gesundheitliche Spätfolgen
3.3 Modelle zur Stressentstehung am Arbeitsplatz
3.4 Bewältigungsstrategien im Umgang mit Stress
3.5 Arbeitsbezogene Gesundheitsressourcen
3.6 Belastungselemente in Helferberufen

4 Forschungsdesign
4.1 Erhebungsmethodik
4.2 Auswertungsmethodik

5 Qualitative Interviewforschung
5.1 Vorbereitung der Interviews
5.2 Durchführung der Interviews
5.3 Auswertung der Interviews

6 Forschungsresultate
6.1 Stressoren und Belastungen in der psychiatrischen Pflege
6.2 Stressbewältigungsstrategien psychiatrisch Pflegender
6.3 Betriebliche Unterstützung psychiatrisch Pflegender

7 Handlungsempfehlungen

8 Kritische Reflexion der Forschung

9 Schlussbetrachtung

Literatur- und Quellenverzeichnis

Anhang I: Leitfaden für das Experteninterview

Anhang II: Interview mit B1

Anhang III: Interview mit B2

Anhang IV: Interview mit B3

Anhang V: Interview mit B4

Anhang VI: Interview mit B5

Anhang VII: Interview mit B6

Anhang VIII: Interview mit B7

Anhang IX: Interview mit B8

Anhang X: Interview mit B9

Anhang XI: Interview mit B10

Anhang XII: Paraphrasierung, Generalisierung und Reduktion der

Interviews bezüglich Stressoren und Arbeitsbelastungen

Anhang XIII: Paraphrasierung, Generalisierung und Reduktion der

Interviews bezüglich Stressbewältigungsstrategien

Anhang XIV: Paraphrasierung, Generalisierung und Reduktion der Interviews bezüglich Wünschen der betrieblichen Gesundheitsförderung

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungs - und Tabellenverzeichnis

Abb. 1: Allgemeines inhaltsanalytisches Ablaufmodell

Abb. 2: Kategorie 1 Arbeitsgestaltung

Abb. 3: Kategorie 2 Patienten

Abb. 4: Kategorie 3 Notfallsituationen

Abb. 5: Kategorie 4 konzeptuelle Rahmenbedingungen

Abb. 6: Kategorie 5 Stellung der Pflege

Abb. 7: Kategorie 6 Ethik

Abb. 8: Kategorie 7 Arbeitsplatzumgebung

Abb. 9: Kategorie 8 Personal

Abb.10: Kategorie 9 Berufseinstieg/-ausstieg

Abb.11: Kategorie 10 Körperliche Aktivitäten

Abb.12: Kategorie 11 Geistige Aktivitäten

Abb.13: Kategorie 12 Kommunikation

Abb.14: Kategorie 13 Trennung von Beruf und Privatleben

Abb.15: Kategorie 14 Selbstfürsorge

Abb.16: Kategorie 15 Auszeit

Abb.17: Kategorie 16 Arbeitsorganisatorische Strategien

Abb.18: Kategorie 17 Medikamentöse Unterstützung

Abb.19: Kategorie 18 Innerbetriebliche Angebote für Mitarbeiter

Abb.20: Kategorie 19 Fort- und Weiterbildungen

Abb.21: Kategorie 20 Kommunikation im Betrieb

Abb.22: Kategorie 21 Führungsverhalten

Abb.23: Kategorie 22 Räumlichkeiten

Abb.24: Kategorie 23 Arbeits- und Pausenzeiten

Abb.25: Kategorie 24 Unternehmensstrukturen

Abb.26: Kategorie 25 Außerbetriebliche Angebote für Mitarbeiter

Abb.27: Kategorie 26 Finanzielle Unterstützung durch den Arbeitgeber

Tab. 1: Übersicht der Analyseeinheiten der einzelnen Analysen

Tab. 2: Übersicht der Abstraktionsniveaus bezogen auf die drei Analysen

Tab. 3: Übersicht der Kategorien bezüglich Stressoren und Belastungen in der psychiatrischen Pflege

Tab. 4: Übersicht der Kategorien bezüglich Stressbewältigungsstrategien psychiatrisch Pflegender

Tab. 5: Übersicht der Kategorien bezüglich der Wünsche zur betrieblichen Gesundheitsförderung psychiatrisch Pflegender

1 Einleitung

In der derzeitigen gesellschaftlichen Entwicklung nimmt die Bedeutung psychischer Belastung im Kontext von beruflicher Tätigkeit immer weiter zu. Es lasse sich ein deutlicher Anstieg von psychischen Störungen als Ursache von Arbeitsunfähigkeit feststellen.1 Insbesondere der Krankenstand in den Gesundheitsberufen sei deutlich oberhalb des durchschnittlichen Wertes bei Betrachtung aller Branchen.2 Eine Untersuchung von 1989 zu Stressoren von Pflegenden habe mehrere Stressoren über die Auswertung von Fragebögen aufgedeckt. Neben den Patienten3 und Ethik hätten sich Personalkonflikte, Verunsicherung, Arbeitsbelastung, Unselbstständigkeit, Beziehung zu Vorgesetzten und Beziehung zum Arzt als Stressoren der Pflegenden gezeigt.4 Aus dieser pflegeübergreifenden Studie lassen sich jedoch die Belastungen, die sich aus der Arbeit speziell in der Psychiatrie ergeben, nicht ablesen. Die in der psychiatrischen Pflegetätigkeit liegenden Stressoren könnten sich aufgrund des speziellen Patientenklientel und der unterschiedlichen Schwerpunktsetzung voneinander unterscheiden. Die erste Forschungsfrage, welche sich aus dieser Problematik ergibt, lautet daher:

Welche Stressoren und Arbeitsbelastungen sind in der psychiatrischen Pflege vorhanden?

Zur Bewältigung von belastenden Herausforderungen oder Ereignissen nutzen Menschen gewisse Strategien, die sich allgemeiner betrachtet als Coping-Strategien bezeichnen lassen.5 Auch die Arbeit mit psychiatrischen Patienten ist zum Teil darauf ausgelegt, Coping- Strategien zu vermitteln und die Bewältigung zu fördern. Auch im Bereich des beruflichen Stresses gibt es unterschiedliche Möglichkeiten auf diese zu reagieren. Die zweite Forschungsfrage befasst sich daher mit den Stressbewältigungsstrategien psychiatrisch Pflegender und versucht diese zu kategorisieren. Sie lautet:

Auf welche Bewältigungsstrategien greifen psychiatrisch

Pflegende selbst zurück?

Im Zusammenhang mit Gesundheit, Krankheit und betrieblichen Interessen taucht immer wieder der Begriff der betrieblichen Gesundheitsförderung auf, deren Ziel eine gesundheitsförderliche Gestaltung von Arbeitsprozessen sei.6 Zur Entwicklung von hilfreichen Gesundheitsförderungsprogrammen kann es nützlich sein, neben der Ermittlung des Kenntnisstandes der Mitarbeiter in Bezug auf Stressbewältigung auch die Wünsche der Mitarbeiter an eine betriebliche Unterstützung im Umgang mit psychischen Belastungen zu erörtern. Aufgrund dieser Tatsache versucht die vorliegende Forschung auch eine Antwort auf die folgende Frage zu finden:

Welche betriebliche Unterstützung wünschen sich psychiatrisch

Pflegende im Umgang mit psychischen Belastungen?

Zur Beantwortung dieser Forschungsfragen taucht der Verfasser in den Bereich der qualitativen Forschung ein. Durch leitfadengestützte Interviews mit psychiatrisch Pflegenden und der anschließenden inhaltsanalytischen Auswertung entsteht für jede der drei Forschungsfragen ein Kategoriensystem, welches eine Beantwortung der jeweiligen Forschungsfrage zulässt.

In einem einführenden Teil befasst sich diese Arbeit zunächst mit dem Phänomen Stress als solches. Nach einer kurzen gesellschaftlichen Einordnung wird die medizinische Seite von Stress betrachtet. Zunächst werden hierfür die neurologischen Zusammenhänge der Stressentstehung angerissen. Im Anschluss werden die verschiedenen Ebenen der Stressentstehung beleuchtet bevor letztlich die gesundheitlichen Spätfolgen etwas ausführlicher betrachtet werden. Im Anschluss an diese eher medizinische Betrachtung von Stress folgt eine kurze Erläuterung unterschiedlicher arbeitsplatzbezogener Stressentstehungsmodelle. Darauf aufbauend wird der Begriff der Bewältigungsstrategien kurz angerissen bevor mit der Betrachtung von arbeitsplatzbezogenen Gesundheitsressourcen fortgefahren wird. Der theoretische Teil dieser Arbeit wird mit einer auf den Forschungsgegenstand bereits expliziter zugeschnittenen Betrachtung der Belastungselemente in Helferberufen abgeschlossen.

Im Anschluss an den theoretischen Teil dieser Arbeit wird zunächst das Forschungsdesign vorgestellt. Als Teil dieser qualitativen Forschung wird hierbei die Entstehung des Interviewleitfadens verdeutlicht. Der anschließenden Präsentation der Transkriptionsregeln folgt die prozesshafte Beschreibung des für die Analyse der Daten genutzten inhaltsanalytischen Ablaufmodells.7 In einem weiteren Schritt wird nun die Vorbereitung der Interviews beleuchtet. Es findet hierbei zunächst eine Zuordnung der Forschungsfragen zu den einzelnen Themenkomplexen des Interviewleitfadens statt. Außerdem wird die Struktur des Samplings beleuchtet. Im abschließenden Teil der Beschreibung dieser qualitativen Interviewforschung wurden auf Grundlage der zusammenfassenden Inhaltsanalyse nach Mayring die Kodier-, Kontext- und Auswertungseinheiten der drei Interview-Analysen definiert.

Nach der ausführlichen Beschreibung der qualitativen Forschung werden die Ergebnisse der Interviews zusammengetragen. Zunächst werden die neun aus dem ersten Analyseprozess entstandenen Kategorien, welche sich mit den Stressoren und Belastungen in der psychiatrischen Pflege beschäftigen, vorgestellt. In einem weiteren Schritt werden die kategorisierten Stressbewältigungsstrategien psychiatrisch Pflegender aufgezeigt. Die Forschungsergebnisse werden abschließend von den neun Kategorien, die die Wünsche von Mitarbeitern zur betrieblichen Gesundheitsförderung darstellen, ergänzt.

Auf den Forschungsergebnissen aufbauend zeigt der Autor im Folgenden mögliche Handlungsfelder auf, die aufgrund der Forschungsergebnisse und in Bezug auf betriebliche Gesundheits- förderung naheliegend erscheinen. Gleichzeitig besinnt sich der Autor hier auch auf die theoretischen Erkenntnisse vom Beginn dieser Arbeit zurück.

Es folgt eine kritische Reflexion dieser qualitativen Forschung, in welcher der Autor die Gütekriterien qualitativer Arbeit auf diese Forschung anwendet. Nicht zuletzt betrachtet der Autor hier auch ethische Gesichtspunkte der Forschung.

In einer letzten Betrachtung gibt der Verfasser einen Ausblick auf weitere mögliche Forschungsbereiche und bezieht sich dabei auch auf die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit.

2 Literaturkritik

Zur systematischen Erschließung von Literatur nutzte der Verfasser neben der Recherche im Bibliothekskatalog der Fachhochschule Wolfsburg auch die gängige, wissenschaftliche Suchmaschine livivo. Aufgrund des Aufbaus der vorliegenden Arbeit ist es sinnvoll, die verwendete Literatur in die Themenbereiche Stress und qualitative Forschung zu unterteilen und diese dementsprechend getrennt voneinander zu betrachten. Zunächst soll die verwendete Literatur betrachtet werden, die bei der Entwicklung der qualitativen Forschung hilfreich war.

Eine praxisnahe Einführung mit hilfreichen Hinweisen und Ausführungen enthält das von Bogner/Littig/Menz stammende Werk „Interviews mit Experten“.8 Dieses diente in Verbindung mit dem von Mayring stammendem Werk „Qualitative Inhaltsanalyse“9 im gesamten Prozess der Entwicklung der Forschung als Leitfaden.

Bei der Entwicklung eines geeigneten Interviewleitfadens gaben insbesondere die Werke von Lamnek10 und Mayer11 einen guten Überblick. So orientiert sich das Layout des in dieser Forschung genutzten Interviewleitfadens an einer abgebildeten Darstellung von Mayer.12 Auch das Lehrbuch von Bogner/Littig/Menz konnte zur Konstruktion des Interviewleitfadens beitragen, insbesondere bei der Formulierung der Fragestellungen.13 Einige für das Gelingen der Interviews wesentliche Strategien konnten diesem Werk ebenso entnommen werden. Die für die Transkription zugrunde gelegten Regeln wurden den Werken von Dresing/Pehl14 und Fuß/Karbach15 entnommen. Für die anschließende inhaltliche Aufbereitung in Form von qualitativer, zusammenfassender Inhaltsanalyse stehen insbesondere die Werke von Mayring parat.16 Herauszuheben ist hierbei die sehr hilfreiche Darstellung zu den Techniken qualitativer Inhaltsanalyse, in denen Mayring die regelgeleitete und prozesshafte Durchführung von zusammenfassender Inhaltsanalyse in Form eines anschaulichen Modells zeigt.17 Auch die beispielhafte Durchführung einer zusammenfassenden Inhaltsanalyse und der anschließenden Darstellung der Ergebnisse war für die Durchführung dieser Forschungsarbeit aufschluss- und hilfreich.18 Für die kritische Beurteilung der vorliegenden Forschungsarbeit konnten wiederum mehrere Werke herangezogen werden. Hierbei bot wiederum Mayring einen interessanten Einblick in die Methodenspezifität von qualitativen Gütekriterien.19 Aber auch die Werke von Kruse20 und wiederum von Bogner/Littig/Menz21 ergänzten diese Betrachtungsweisen sinnvoll.

Im nächsten Schritt werden nun die Werke betrachtet, die bei der theoretischen Auseinandersetzung mit dem Themengebiet Stress halfen. Im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Einordnung von Stress war insbesondere ein Werk von Domnowski hilfreich, welches sich mit dem Themengebiet Burnout und Stress in Pflegeberufen auseinandersetzt.22 Neben diesem Werk stach auch die Monographie von Kaluza dadurch hervor, dass es neben den körperlichen Stressreaktionen auch einen Blick auf Stressoren des Berufes und des Alltages richtete.23 Um die medizinische Seite der Stressentstehung zu beleuchten, griff der Verfasser auf den Sammelband „Stressmedizin“ zurück, der von Haurand, Ullrich und Weniger herausgegeben wurde. Innerhalb dieses Sammelbandes zeigten sich insbesondere die Beiträge im Bereich der Stressphysiologie24, der Grundlagen zur Stressentstehung25 und der Auswirkungen des Stresses auf das Herz26, den Bewegungsapparat27 und den Magen-Darm-Trakt28 als nützlich. Im Bereich der Modelle zur Stressentstehung am Arbeitsplatz greift der Verfasser vermehrt auch auf das Werk von Koch/Lehr/Hillert29 zurück, da dieses ausführlich über verschiedene Störungstheorien und Modelle aufklärt. Zum selben Zweck wurden auch die Beiträge von Richter/Schütte30 und Peter31 aus dem Lehrbuch „Betriebliche Gesundheitsförderung“ von Herausgeberin Faller genutzt. Für die Fokussierung auf Bewältigungsstrategien im Umgang mit Stress nutzte der Verfasser eine Monografie von Brinja Schmidt, die der Stressbewältigung32 ihrerseits ein eigenes Kapitel schenkte. Der Aufsatz von Müller et al. aus der Fachzeitschrift Die Schwester / Der Pfleger von 2016 konnte als gewinnbringende Literatur im Bereich der arbeitsplatzbezogenen Gesundheitsressourcen herangezogen werden. Ergänzend hierzu diente auch die Monographie von Kernen/Meier, die sich zum Teil ebenfalls mit Ressourcenmodellen auseinandersetzte.33 Für die Beschreibung der Belastungselemente in helfenden Berufen konnte neben Domnowski34 insbesondere die Monografie von Fengler35 dienlich zur Seite stehen. Aus dem klassischem „Lehrbuch Psychiatrische Pflege“ (Hrsg. Sauter/Abderhalden/Needham/Wolff) konnten einige Aufsätze für den gesamten theoretischen Teil dieser Arbeit verwendet werden. Neben den klassischen Lehrbüchern und Monografien konnten auch Fachzeitschriftenaufsätze wie von Kunter36 und Eckardt37 die theoretische Aufarbeitung unterfüttern. Besondere Erwähnung sollte auch die Autorin Lohmann-Haislah als Autorin des Stressreportes 2012 finden. So konnte sie an mehreren Stellen dieser Arbeit paraphrasiert werden.

Insgesamt betrachtet lässt sich resümieren, dass die Auswahl an Literatur sowohl im Bereich der qualitativen Forschung als auch im Bereich der Stressforschung insbesondere durch die große Menge an zur Verfügung stehenden Daten erschwert ist. Gleichzeitig erleichtert diese große Datenmenge den Zugang und ist dafür verantwortlich, dass größtenteils Literatur der vergangenen vier Jahre herangezogen werden konnte. Neben den wissenschaftlichen Lehrbüchern wurden zum großen Teil Monografien für die wissenschaftliche Auseinandersetzung genutzt. Die ergänzende Nutzung von Aufsätzen aus Fachzeitschriften rundet das Gesamtbild der Wissenschaftlichkeit ab. Die in dieser Arbeit verwendete Literatur genügt also den bestehenden wissenschaftlichen Kriterien.

3 Stress im beruflichen Kontext

3.1 Gesellschaftliche Einordnung

Um sich in die Auseinandersetzung mit dem Thema Bewältigung von Stress und Belastungen bei psychiatrisch Pflegenden zu begeben, bedarf es zunächst einer gesellschaftlichen Einordnung des Themengebiets Stress.

Der Begriff Stress entstamme ursprünglich dem Englischen und erfahre Erwähnung im Bereich der Materialprüfung. Stress beschreibe den Zustand der Anspannung oder Verzerrung von Materialien, beispielsweise Glas oder verschiedene Metalle.38 In der heutigen Gesellschaft wird der Begriff Stress insbesondere mit Spannungszuständen, wie dem Gefühl der Nervosität, Gereiztheit, Überforderung oder Hektik verbunden. Diese Zustände beeinflussen das Wohlbefinden des Körpers auf unterschiedlichen Ebenen. Stress trage dazu bei, dass sowohl das geistige und seelische, als auch das körperliche Wohlbefinden geschmälert werde.39

In die Medizin habe der Begriff Stress ungefähr in den 40er-Jahren des 20. Jahrhundert Einzug gefunden. Der damalige Arzt Hans Selye betrachtete den Begriff Stress als Auswirkung von Belastungen auf lebende Körper. Durch seine Forschungen wurde deutlich, dass körperliche und seelische Belastung zu körperlichen und seelischen Veränderungen der Person führe und letztlich auch eine ernsthafte Bedrohung für die Gesundheit darstelle, sofern die Belastung über einen längeren Zeitraum andauern würde.40

Stress zähle mittlerweile zu den größten gesundheitlichen Risikofaktoren in der westlichen Gesellschaft. Die Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz habe bereits im Jahr 2010 festgestellt, dass Stress, der im Zusammenhang mit Arbeit auftritt, zu den größten Bedrohungen für die Gesundheit der Mitarbeiter zähle. Man könne aufgrund von Studien davon ausgehen, dass 50-60% der verlorenen Arbeitstage in einem direkten Zusammenhang mit Stress und ihren Folgeerscheinungen auftrete.41 Nicht zuletzt auch aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklungen habe Stress einen großen Anteil daran, dass die psychische Gesundheit in den Fokus öffentlichen Interesses gerückt werde. Insbesondere im Zusammenhang mit Arbeit erfahre psychische Gesundheit eine besondere Aufmerksamkeit.42

3.2 Medizinische Betrachtungen

3.2.1 Stressentstehung

Verallgemeinernd könnte man zunächst feststellen, dass Stress eine unspezifische Reaktion des Körpers auf Reize der Umwelt darstelle, die als Bedrohung oder Gefahr erlebt werden.43

Stress stelle aus medizinischer Sicht eine Anpassungsstrategie des Körpers dar, um sich den Anforderungen und Belastungen der Umwelt zu stellen und sich ihnen anzupassen.44 Das Erleben von Stress sei demnach ein lebenswichtiger Prozess, denn einzig durch diese Stressreaktionen könne sich der Organismus auf die unterschiedlichen Anforderungen des Lebens einstellen und überlebensfähig bleiben.45 Diese Stressreaktionen werden über eine kaskadenartige Ausschüttung von Stresshormonen gesteuert. Sie versetzt den Organismus in eine Art Alarmbereitschaft, die den Körper in Bedrohungssituationen leistungsfähig erhält oder für kurze Zeit die Leistungsfähigkeit steigert.46 Insbesondere vor dem Hintergrund der Evolution des Menschen ist diese Betrachtung von großer Bedeutung. Hier lässt sich erkennen, dass Stressreaktionen primitive Reflexe wie Angriff, Flucht oder Totstellen auslösten, die das Überleben gegen Fressfeinde und andere Naturgewalten gesichert haben.47

Aus neurologischer Sicht spielen bei der Betrachtung von Stresserleben und Stressreaktionen neben den Stresshormonen insbesondere die Assoziationsfelder der Großhirnrinde, das Zwischenhirn und die Amygdala eine entscheidende Rolle. Die Assoziationsfelder sind insofern von Bedeutung, da sie einen Einfluss auf Lernvorgänge haben und damit verbundene Reaktionen des Körpers steuern können. Das Zwischenhirn ist ein wichtiger Ort für die hormonelle Steuerung des Körpers. Durch komplexe neuronale Verschaltungen werden verschiedene Informationen an den Körper übertragen. Letztlich steuert das Zwischenhirn unter anderem den Schlaf-Wach-Rhythmus des Körpers. Die Amygdala sichert in ihrer Funktion eine schnelle Reaktion des Körpers in Form von Reflexen. Auch die Amygdala beeinflusst die Ausschüttung von Hormonen. Die Amygdala beeinflusst dementsprechend einige Abwehrreaktionen des Körpers. Es aktiviert in Stressreaktionen den Sympathikus, verstärkt Reflexe, Mimik und Atmung und sorgt gleichzeitig für eine Drosselung der Magen-Darm-Tätigkeit sowie eine Verbesserung der Aufmerksamkeit und Vigilanz.48

Neben den neuronalen Strukturen des Gehirns spielen insbesondere die Hormone bei der Vermittlung von Stress eine übergeordnete Rolle. Das Hormon Adrenalin, welches im Nebennierenmark gebildet wird, trägt dazu bei, kurzfristig große Energiemengen bereit zu stellen um somit eine größtmögliche Aktivierung des gesamten Organismus zu ermöglichen. Es sorgt letztlich dafür, dass die Kontraktionskraft der Muskeln zunimmt. Gleichzeitig bewirkt es, dass sich Herzfrequenz, Herzzeitvolumen und der Atemantrieb erhöhen. Der Körper ist somit in Alarmbereitschaft versetzt. In einer Stresssituation nicht benötigte Organe, wie beispielsweise der Verdauungstrakt werden ruhig gestellt. Ein häufig mit Stress in Verbindung gebrachtes Hormon stellt das Cortison dar. Ziel der Ausschüttung von Cortison ist das zur Verfügung stellen von Energie auf längere Zeit. Insbesondere durch das Zusammenspiel von Adrenalin und Cortisol gelangt der Organismus in die Lage, sehr schnell Energie bereit zu stellen und diese über einen längeren Zeitpunkt aufrechtzuerhalten. Für die schnelle Bereitstellung von Energie sorgen Katecholamine wie beispielsweise das Adrenalin. Für die langfristige Aufrechterhaltung der Aktivität sorgt wiederum das Cortison. Auch Endorphine tragen einen wichtigen Teil zum Stresssystem bei. Durch ihre analgetische Wirkung sorgen sie dafür, dass beispielsweise die Schmerzempfindlichkeit in Stresssituationen herabgesetzt ist. Außerdem sind sie mit dafür verantwortlich, dass der Körper in Notsituationen nicht durch Angst übermannt wird und somit leistungsunfähig wird.

Eine neuronal wichtige Funktion bei der Stressreaktion stellt das vegetative Nervensystem dar. Die antagonistischen Anteile dieses Systems, nämlich der Sympathikus und der Parasympathikus, nehmen unterschiedliche Aufgaben wahr. Während die Hauptaufgabe des Sympathikus die Erhöhung der Leistungsbereitschaft des Körpers darstelle, so bestehe die Hauptaufgabe des Parasympathikus in der Regeneration der Organe. Alle Reaktionen der beiden Anteile des vegetativen Nervensystems sind unwillkürlich, also nicht bewusst steuerbar. Die Funktion dieser beiden Nervensysteme erfolgt über Neurotransmitter.49 50

3.2.2 Stressreaktionen

Als Stressreaktion werden alle Prozesse und Antworten des Körpers auf Stressoren der Umwelt verstanden. Die Stressreaktionen lassen sich in verschiedene Ebenen aufteilen. Auf der körperlichen Ebene kommt es bedingt durch Stresssituationen zu den bereits beschriebenen Phänomenen der erhöhten körperlichen Aktivierung und Energiebereitstellung. Wir gelangen innerhalb kürzester Zeit in eine notwendige Handlungsbereitschaft. Bleibt der Körper über einen längeren Zeitraum in diesem Aktivierungszustand, tritt allmählich ein Erschöpfungszustand ein, der längerfristig zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führt.51 Stress darf jedoch nicht nur auf die medizinische und körperliche Sichtweise heruntergebrochen werden.

Die zweite Ebene der Stressreaktion ist beschrieben durch das Verhalten der gestressten Person. Typische Verhaltensweisen von gestressten Personen seien beispielsweise das ungeduldige oder hastige Konsumieren von Nahrung, das schnelle Sprechen oder Unterbrechen anderer. Auch ein unkoordiniertes Arbeitsverhalten mit mangelnder Planung und Ordnung lassen sich hier aufführen. Es lasse sich außerdem eine allgemeine motorische Unruhe beobachten. Auch die unkontrollierte Einnahme von Betäubungsmitteln wie Koffein, Alkohol oder Schmerz- und Beruhigungsmedikamenten lasse sich zu den typischen Verhaltensweisen zählen. Ein weiteres klassisches Verhaltensmuster von gestressten Personen ist ein konfliktbesetzter Umgang mit anderen Menschen. Es gebe aggressivere und gereiztere Verhaltensweisen, häufiger auch Meinungsverschiedenheiten und vorwerfendes Verhalten. Allgemein lasse sich eine deutlich niedrigere Reizschwelle beobachten. Diese vielseitigen Verhaltensmuster sind dadurch gekennzeichnet, dass sie für einen Außenstehenden beobachtbar sind. Sie lassen sich also als offene Stressverhaltensweisen bezeichnen. 52

Auf der kognitiv-emotionalen Ebene der Stressreaktion werden Vorgänge zusammengefasst, die von Außenstehenden zunächst nicht direkt zu erfassen sind. Hierunter zählen etwaige Gedanken oder Gefühle, die durch eine belastende Situation hervorgerufen werden.

Auf kurze Zeit gesehen lasse sich eine erhöhte Denk- und Gefühlsbereitschaft beobachten, die zu einer Konzentrations- und Gedächtnisaktivierung beiträgt. Gleichzeitig zeigen sich Erregung in Form von gespannter Erwartung oder innere Unruhe. Auf längere Sicht betrachtet, führe Stress zu Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, eine permanente Gereiztheit, ein reduziertes Selbstwertgefühl und damit einhergehend auch starke Gefühlsschwankungen.53 Im Bereich der emotional-kognitiven Verhaltensmuster lassen sich auch ständige, kreisende Gedanken, eine Leere im Kopf oder die Angst zu versagen, als Langzeitreaktionen nennen.54

Stressreaktionen können nur schwer gesondert voneinander betrachtet werden. Oftmals bedingen und beeinflussen sich die Stressreaktionen der gestressten Person gegenseitig. So könne aufgrund der körperlichen, verhaltensmäßigen und emotionalen Stressreaktionen ein regelrechter Teufelskreis entstehen, der einen Ausbruch aus der Stresssituation erschwert. Umgekehrt lasse sich durch diese Kopplung auch eine positive Beeinflussung der Stressreaktion herstellen, indem durch den Abbau von körperlichen Stressreaktionen, beispielsweise durch Sport, auch eine emotionale und kognitive Beruhigung geschaffen wird. 55

3.2.3 Gesundheitliche Spätfolgen

Stress im Sinne einer erhöhten körperlichen Aktivierung sei allerdings für einen kurzen Zeitraum betrachtet nicht gesundheitsschädlich. Der Wechsel von hoher Aktivität und Phasen der Entspannung und Erholung sei demnach ein positives Zeichen von Lebendigkeit, was sich beispielhaft auch in der Herztätigkeit mit dem beständigen Wechsel von Systole und Diastole zeige. Phasenhafte Aktivierung werde als angenehm und leistungssteigernd empfunden. In Fällen von abwechselnder Aktivierung mit ausgleichender Ruhe und Erholung lasse sich vom so genannten Eustress sprechen. Abzugrenzen davon ist der Distress, der wiederum als gesundheitsgefährdend gelte.56 Für die gesundheitsschädliche Auswirkung von dauerhaftem Stress spielen unterschiedliche Aspekte eine Rolle.

Eine dauerhafte Auseinandersetzung mit Stress sorge für eine erhöhte Energiebereitstellung. Anders als zu Urzeiten benötige der Mensch allerdings diese Energien nicht mehr auf, da er nur selten in Kampf- oder Fluchtaktivitäten verwickelt wird. Überschüssige Energie beispielsweise in Form von Zucker und Fett, können durch den fehlenden Abbau so zur Arteriosklerose führen und somit letztlich einen Herzinfarkt begünstigen.57

Ein zweiter wichtiger Aspekt bei der Betrachtung von gesundheitlichen Spätfolgen bei dauerhaftem Stress ist die Chronifizierung. Für den Menschen wesentliche Stressoren der heutigen Gesellschaft dauern deutlich länger an als früher. Der Organismus wird daher gezwungen sich in einen Zustand der permanenten Anspannung zu versetzen. Durch die lange Aufrechterhaltung des erhöhten Widerstandsniveaus verliere der Organismus seine physiologische Fähigkeit zur Selbstregulation mit der Folge, dass er selbst in Phasen in denen keine akute Belastung vorliegt, nicht mehr zur Ruhe kommt. Die Anspannung chronifiziere sich und es kommt zu weiteren körperlichen Beeinträchtigungen.58

Ein weiterer essentieller Aspekt, der dafür sorgt, dass dauerhafter Stress zu gesundheitlichen Beschwerden führt, ist die Schwächung unseres Immunsystems durch die langfristige Bereitstellung von Kortisol. Durch die Schwächung des Immunsystems ist der Körper allgemein angreifbarer gegenüber Infektionskrankheiten. Diese geschwächte Immunkompetenz könne in einem weiteren Schritt auch dazu führen, dass bereits bestehende Erkrankungen, die sich ihrerseits ebenfalls aus Entzündungsreaktionen ergeben, weiter fortschreiten. Hier können beispielsweise die multiple Sklerose oder die rheumatoide Arthritis genannt werden. Der einstige Ausbruch dieser Erkrankungen muss dabei nicht zwangsläufig in Zusammenhang mit Stress entstanden sein. Alleine durch die Schwächung des Immunsystems mit der Bereitstellung von Kortison können sich diese Erkrankungen fortwährend verschlechtern. 59

Ein letzter Aspekt, der bei der Entstehung gesundheitlicher Spätfolgen eine Rolle spielt, ist das gesundheitliche Risikoverhalten, welches sich aus Stress ergibt. Viele Menschen nutzen in Stresssituationen vermehrt gesundheitsschädliche Verhaltensweisen. Der übermäßige Konsum von Alkohol, Tabak oder die unregelmäßige und ungesunde Ernährung erhöhen auf direkter Art und Weise das Risiko zahlreicher Erkrankungen. Gleichzeitig schaden diese Verhaltensweisen aber auch indirekt und längerfristig dem Körper, in dem sie die allgemeine Belastbarkeit verringern und so zu rascherer Erschöpfung der Widerstandskräfte beitragen.60 Auch mediale Abhängigkeiten spielen in der heutigen Gesellschaft eine Rolle, insbesondere als spezifische Folge von Dauerstress. Dieser könne demnach auch zu pathologischer Internet- und Social-Media-Nutzung oder zur Spielsucht führen.61

Möchte man die gesundheitlichen Folgen von Dauerstress rein auf die körperlichen Beeinträchtigungen, die sich aus ihm ergeben können, beziehen, so lassen sich viele Erkrankungen aufzählen. Bei der Betrachtung der Auswirkungen von Stress komme den Herz- Kreislauferkrankungen eine besondere Rolle bei. Dies ist auch dadurch zu erklären, dass Herz-Kreislauferkrankungen seit Jahrzehnten die Haupttodesursache der Menschen darstelle. Stress wirkt sich direkt auf die Herzfrequenz und den Blutdruck aus, so dass die Auswirkungen des Stresses akut und direkt gespürt werden können. Als Spätfolge von dauerhaftem Stress stellt die Arteriosklerose als Ursache für Herzinfarkte eine wesentliche gesundheitliche Erkrankung dar. Stress führe aber auch zu Herzrhythmusstörungen und arterieller Hypertonie. Insbesondere letztere habe einen großen Anteil an der Mortalität in der gesamten Welt.62

Stress habe allerdings auch deutliche Auswirkungen auf den Bewegungsapparat. Stress könne dazu führen, dass sich kurzfristige Schmerzsymptome und Muskelverkrampfungen häufen, wiederkehren und sich als eigenes Schmerzsyndrom mit daraus folgenden Fehlhaltungen und funktionellen Störungen manifestieren. Diese könnten sich über den gesamten Bewegungsapparat erstrecken. Insbesondere der Bereich der Wirbelsäule zeige sich als anfällig. Dort führe chronischer Stress zu Schmerzsyndromen, die sich unter anderem in chronischen Blockaden der Wirbelsäule und somit chronischen Rückenschmerzen äußern können.63

Folgen von Stress lassen sich auch auf Ebene des Gastrointestinaltraktes finden. Klassische stressbedingte Erkrankungen dieses Bereiches stellt die Magenschleimhautentzündung dar, auch unter dem Begriff Stressgastritis bekannt. Diese kann sich bis hin zum Ulkus entwickeln. Gleiches gilt für den Bereich der Dünndarmentzündungen. Ebenso gelten auch chronisch entzündliche Darmerkrankungen wie die Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn als anfällig für Stressoren.64

Stress wirke sich auch auf den Stoffwechsel des Körpers aus. So begünstige Stress die Entwicklung von Diabetes. Gleichzeitig werde durch die vermehrte Freisetzung von Fettsäuren der Cholesterinspiegel erhöht. Dies führe zu Ablagerungen an den Gefäßen, was wiederum das Risiko eines Herzinfarktes oder eines Schlaganfalles erhöhe.65

Neben den bereits beschriebenen Auswirkungen von Dauerstress auf die körperliche Gesundheit, lassen sich auch psychische Erkrankungen in Verbindung mit chronischem Stress bringen. Diese würden sich sogar häufig bereits vor den körperlichen Störungen einstellen. Die Annahme, dass sich Depressionen auch als Folge von Dauerstress entwickeln können, sei wissenschaftlich ausreichend belegt. 66

Ein weiteres psychisches Phänomen, welches im Volksmund sehr häufig in direkter Verbindung mit Stress und Depression gebracht wird, ist das Burnout-Syndrom. Allen Forschungen zum Burnout ist gemein, dass sie keine einheitliche Definition zum Burnout-Syndrom hervorbringen konnten. Insgesamt werden mehr als 120 Symptome mit Burnout in Verbindung gebracht. Für das Burnout-Syndrom seien bisher allerdings keine klaren Kriterien definiert worden, so dass auch keine diagnostischen Verfahren entwickelt werden konnten. Dies bedeutet, dass sich das Burnout-Syndrom im ICD-10-Katalog nicht als Diagnose wiederfindet.67 Burnout könne auch als Schnittmenge zwischen Erschöpfung, Depression und Stress gesehen werden.68 Das wesentliche Merkmal des Burnout-Syndroms sei der direkte Bezug auf die Ätiologie ihrer Symptomatik. Im Fall des Burnout-Syndroms gilt die berufliche Belastung als ursächlich für eine sich einstellende Symptomatik. Gleichzeitig stehe diese Art der Betrachtung in einem Spannungsverhältnis zur klassischen Diagnostik, die versucht, psychische Störungen unabhängig von ätiologischen Gegebenheiten zu definieren.69 Trotz aller Probleme, Symptome des Burnouts zu klassifizieren, lassen sich drei Symptome durchaus als charakteristisch ansehen. Hier wäre zunächst die emotionale Erschöpfung zu nennen, welche sich auf Gefühle der Überforderung und Frustration gegenüber dem Beruf beziehe. Gefühle werden gedämpft und es könne keine Erholung in der Freizeit mehr stattfinden. Des Weiteren gelte die Depersonalisation als markantes Merkmal des Burnouts. Als Abwehrreaktion des Menschen erfolge ein Rückzug von Kollegen, Kunden oder Freunden. Die Frustration spiegelt sich in Abwertung der Arbeit, Zynismus oder in negativen Einstellungen gegenüber Veränderungen wieder. Zuletzt sei auch eine verringerte Leistungsfähigkeit zu beobachten, welche häufig mit reduziertem Selbstwertgefühl einhergehe. Das Konzentrationsvermögen lasse nach und bewirke Einbußen bezüglich Motivation, Kreativität und Organisation.70

Burnout habe sich in den letzten Jahren als Label für psychische Gefährdung in der Arbeitswelt etabliert.71 Die Etablierung des Begriffes Burnout sei es zu verdanken, dass der Blick für Zusammenhänge von beruflichem Stress und der Entwicklung von psychischen Störungen geschärft wurde.72 Gleichzeitig könne die Etablierung des Burnouts auch als Symptom von den rasanten Entwicklungen in der Arbeitswelt angesehen werden. Diese gravierenden Veränderungen lassen sich als Folge globaler Beschleunigung bei gleichzeitiger Verringerung von wirtschaftlichen und auch sozialen Sicherheiten betrachten. Zu dieser Beschleunigung des sozialen Wandels tragen auch der technische Fortschritt, die beschleunigte Kommunikation und Produktion bei. Ferner würden sich aufgrund dieser Entwicklungen Wissen, soziale Normen, Beschäftigungsverhältnisse und Lebensstile rasant verändern. Dadurch steige insgesamt das Lebenstempo und verringere so unsere ungebundenen Zeitressourcen. Es entstehen Zeitknappheit und Stress, die unser soziales und berufliches Handeln bestimmen würden.73 Innerhalb dieser Entwicklung stelle das Burnout-Syndrom eine schlüssige Möglichkeit dar, Betroffene zu entlasten. Sie entgehen einer Stigmatisierung, die bei den meisten anderen psychischen Krankheiten typisch sei. Außerdem biete das Burnout die Chance, die eigene Erschöpfung nicht auf persönliches Versagen zurückführen zu müssen.74

3.3 Modelle zur Stressentstehung am Arbeitsplatz

Vielmehr als die klassischen körperlichen Stressoren sind es in der heutigen Arbeitswelt die psychosozialen Stressoren, die zu Belastungen am Arbeitsplatz beitragen würden. Es gibt eine Vielzahl an unterschiedlichen psycho-sozialen Stressoren, die die Arbeitswelt in ihrer hohen Komplexität beeinflussen.75 Es sei nur schwer möglich, allgemein gültige Aussagen bezüglich der Stressentstehung in spezifischen Sektoren, beispielweise in der Gesundheits- und Krankenpflege, zu definieren.76 Die folgend beschriebenen Modelle sollen in ihrer Gesamtheit einen Überblick über die Aspekte von beruflicher Stressentstehung geben.

Das erste Stressmodell, welches in diesem Kontext näher beleuchtet werden soll, ist das Modell beruflicher Gratifikationskrisen, im Englischen auch Effort-reward-imbalace-model genannt. Dieses Modell geht davon aus, dass Menschen, deren Leistung und Anforderungen in einem unverhältnismäßigen Verhältnis zu einer Belohnung stehen, in eine so genannte Gratifikationskrise geraten. Diese erzeuge Stress und stelle somit eine Gesundheitsgefahr dar.77 Je höher die Arbeitsanforderungen an die einzelne Person sind, desto wichtiger sei eine angemessene Entlohnung für geleistete Arbeit. Hier spielen neben der finanziellen Vergütung insbesondere soziale Anerkennung, Wertschätzung und Sicherheit eine gesonderte Rolle. Der Begriff Wertschätzung beziehe sich hier auf die Person des Beschäftigten. Das Unternehmen könne persönliche Wertschätzung beispielsweise in der angenehmen und angemessenen Gestaltung von Arbeitsräumen, über Angebote zur Vereinbarung von Beruf und Familie oder in einem wertschätzenden Umgang der Führungskräfte mit den Mitarbeitern demonstrieren. Ein weiterer wichtiger Faktor in diesem Bereich stelle auch die Gewährleistung einer langfristigen Existenzgrundlage dar, denn die Unsicherheit des Arbeitsplatzes sei eine der größten Gefahren für die Entstehung einer Gratifikationskrise.78

Das weitverbreitetste Konzept in der deutschen Arbeitswissenschaft stelle das Belastungs-Beanspruchungs-Modell dar. Es entstamme ursprünglich aus der technischen Mechanik und beschreibe eine Ursache-Wirkungs-Beziehung der Begriffe Belastung und Beanspruchung.79 Der Begriff der Belastung müsse hierbei wertfrei betrachtet werden als die Gesamtheit aller Einflüsse, die von außen auf den Menschen einwirken. Der Begriff der Beanspruchung hingegen sei die körperliche und psychische Reaktion auf eine Belastung.80 Bezogen auf Arbeitsprozesse gehe das Modell davon aus, dass jeder Arbeitsplatz durch äußere Bedingungen gekennzeichnet sei, die für jede Person gleich sind. Diese äußeren Bedingungen können als Belastungen verstanden werden. Die Beanspruchung, die sich aus den für jede Person gleichen Belastungen ergibt, variiere in Abhängigkeit der individuellen Eigenschaften und Fähigkeiten der dort arbeitenden Person. Gleiche Belastungen könnten demnach unterschiedliche Beanspruchung zur Folge haben. Gleichzeitig könne auch bei derselben Person zu verschiedenen Zeitpunkten die gleiche Belastung zu unterschiedlichen Beanspruchungsreaktionen führen. Somit gebe es einen zwingenden Zusammenhang zwischen der entstandenen Beanspruchung und der Höhe, Dauer und dem Zeitpunkt des Auftretens der Belastung.81 Das Erleben von Stress könne in diesem Modell als eine psychische Beanspruchungsfolge betrachtet werden. Eine solche Fehlbeanspruchung, die sich als Folge einer psychischen Fehlbelastung ergibt, führe zu einem Abbau von inneren Ressourcen und damit zu einer Schwächung.82

Ein weiteres Modell, welches die Entstehung von Stress in der Arbeitswelt zu erklären versucht, ist das Anforderungs-Kontroll-Modell von Robert Karasek. Dieses Modell stelle die mit dem Beruf verbundenen Anforderungen und die mögliche Kontrolle über die Arbeitsabläufe gegenüber. Dem Modell zu Folge seien stressgefährdete Arbeitsplätze immer dort gegeben, wo hohe Anforderungen mit einer niedrigen Kontrolle einhergehen. Diese werden auch als so genannte High-Strain- Jobs bezeichnet. 83 Als gesundheitsfördernd gelten in diesem Modell die so genannten Active-Jobs, welche wiederum hohe Anforderungen mit einem hohen Entscheidungsspielraum und Kontrolle koppeln. Daraus lasse sich folgern, dass sich der Handlungsspielraum als Ressource betrachten lasse und somit Stresserleben günstig beeinflusse.84 Unter Entscheidungsspielraum und Kontrolle werden die Komponenten der Entscheidungsmöglichkeit im Sinne von Selbstständigkeit und die Komponente des Hinzulernens von neuem gezählt. Unter letzterem seien beispielsweise erforderte Kreativität, das Weiterentwickeln von Fähigkeiten oder die Variabilität zu verstehen.85 In einer späteren Erweiterung des Modells wurde die soziale Unterstützung am Arbeitsplatz als dritte Variable ergänzt. Eine gute soziale Unterstützung könne ähnlich wie die der Handlungsspielraum als Ressource aufgefasst werden. Ein High-Strain-Job mit einer geringen sozialen Unterstützung stelle demnach das größtmögliche Erkrankungsrisiko dar.86

Ein weiteres Stressmodell, welches ebenfalls den Zusammenhang zwischen Anforderungen und Ressourcen in den Mittelpunkt stellt, sich dabei allerdings nicht direkt auf den Arbeitsmarkt beschränke, sei das transaktionale Stressmodell von Lazarus.87 Ob eine Situation Stress auslöse, hänge von einer individuellen Bewertung und dem Bewältigungsverhalten der Person ab. Als Folge eines primären Bewertungsprozesses stufe eine Person Situationen entweder als bedrohlich, herausfordern, schädigend oder irrelevant ein. Die Anforderungen der jeweiligen Situation werden in einem sekundären Bewertungsschritt mit den eigenen Ressourcen abgeglichen. Übersteigen die Anforderungen die Menge an zur Verfügung stehenden Ressourcen, entstünde eine Stressreaktion. Nach dieser Bewertung setze der Bewältigungsprozess ein. Die Person wählt Bewältigungsstrategien aus, die auch als Coping-Strategien bekannt sind.88 Coping definiere sich als Bewältigungsstrategie von Stressoren und sei unabhängig von ihrem Erfolg zu betrachten. Bewältigungsverhalten könne dabei entweder problemorientiert oder emotionsorientiert sein.89 Die angesprochenen Bewertungsprozesse verdeutlichen die Subjektivität von Stresserleben und zeigen, dass die Bewertung von Stresssituationen veränderlich und flexibel ist. Wird eine Situation, die zunächst als bedrohlich eingestuft wurde, erfolgreich verarbeitet, habe dies einen direkten Einfluss auf die zukünftige Einschätzung ähnlicher Situationen. Sie werde folglich eher nicht mehr als bedrohlich empfunden, was wiederum auch Einfluss auf die Wahl der Bewältigungsstrategien habe. Gleichwohl kann es auch vorkommen, dass Situationen, die als gut zu bewältigen eingestuft worden sind, eine Überforderung darstellen. Auch diese Erfahrungen werden in der zukünftigen Bewertung der Stresssituationen und Wahl der Coping- Strategien eine Rolle spielen.90

3.4 Bewältigungsstrategien im Umgang mit Stress

Wie bereits hinlänglich herausgearbeitet sind Stresserleben und Stressreaktionen extrem subjektiv zu betrachten. Demnach ist auch der Umgang mit den verschiedenen arbeitsplatzbezogenen Stressoren eine höchst subjektive Angelegenheit. Das Feld der Bewältigungsstrategien ist daher auch hochgradig heterogen und vielschichtig. Oftmals geschehen diese Stressbewältigungsstrategien unterbewusst und automatisch.91 Im Vorfeld der Stressbewältigung sei es sinnvoll, pathologische Stressoren aktiv zu meiden. Ist dies beispielsweise aufgrund der Arbeitsplatzkonstellation nicht möglich, so gebe es weitere Möglichkeiten, Stress zu begegnen. Eines davon sei das Reizmanagement. Ziel ist es, die Ursachen von äußeren Stressoren zu beseitigen.92 Das Belastungsmanagement soll helfen, die subjektive Bewertung von Stressoren zu verändern. Hierunter werden alle Maßnahmen zusammengefasst, welche die Belastbarkeit und Widerstandskraft erhöhen. Zu nennen seien hierbei auf kognitiv- emotionaler Ebene das Aufstellen von Zielen und Plänen. Auch soziale Kontakte und Aktivitäten und Erlebnisse sollten gefördert werden. So haben Bewegung, Ernährung und ausreichende Ruhephasen einen positiven Effekt auf die Widerstandskräfte und die allgemeine Belastbarkeit.93 Unter Einstellungsmanagement verstehen sich alle Maßnahmen, die dazu führen, dass stressfördernde Gedanken, Einstellungen und Überzeugungen hinterfragt und gegebenenfalls verändert werden. Der Ansatz des Erregungsmanagements versucht Stressreaktionen dadurch abzuschwächen, indem bereits vor, während und kurz nach akuten Stressreaktionen Maßnahmen der Stressbewältigung eingesetzt werden. Dies könnte beispielsweise das Führen von Gesprächen, die Meditation, Teilnahme an Selbstsicherheitstrainings, autogenes Training oder die progressive Muskelentspannung sein.94

Eine mittlerweile weitverbreitete Methode in der Stressbekämpfung stellt die bewusste Wahrnehmungslenkung und Konzentration auf Tätigkeiten dar.95 Diese bewusste Wahrnehmungslenkung ist auch unter dem Begriff der Achtsamkeit bekannt. Achtsamkeit wirke sich positiv auf das Gesamtbefinden des Menschen aus und unterstütze die Körper- und Selbstwahrnehmung.96 Durch die Konzentration auf einen bestimmten Gegenstand werde Abstand geschaffen und so erlebte Belastung verringert werden. Auch bewusste Atemübungen könnten laut Schmidt dazu führen, Entspannung anzuregen und somit Stressreaktionen abzuschwächen. 97

Schmidt spricht beim Thema Methoden der Stressbewältigung auch von bewusster Freizeitgestaltung. Der Austritt aus bisherigen Konsummustern und die Suche nach anderen Tätigkeitsfeldern in der Freizeit könnten helfen, Kräfte zu entwickeln und somit die Stressbewältigung zu fördern.98

3.5 Arbeitsbezogene Gesundheitsressourcen

Betrachtet man den Gesundheitsbegriff aus der Sicht von Antonovsky, so liegen Gesundheit und Krankheit auf einem nicht endenden Kontinuum einander gegenüber. Aus Sicht Antonovskys sind dabei weder vollständige Gesundheit noch vollständige Krankheit erreichbar. Der Gesundheitszustand eines Menschen läge folglich immer irgendwo auf dem Kontinuum zwischen den beiden Polen. Einen maßgeblichen Einfluss auf das Erleben von Gesundheit und Krankheit habe das Vorliegen von belastenden Stressoren und zur Verfügung stehenden Ressourcen.99 Ressourcen lassen sich hier als Widerstandskräfte und Schutzfaktoren des Menschen bezeichnen. In der Arbeits- und Gesundheitspsychologie bezeichnen Ressourcen Mittel, die bewirken, dass persönliche Ziele angestrebt und unangenehme Einflüsse reduziert werden.100 Ressourcen wirken sich also protektiv und fördernd auf die Gesundheit aus. Somit stellen Ressourcen den Antagonisten zu Stressoren dar. Eine Übermacht an Stressoren bewirke, dass der Gesundheitszustand einer Person in Richtung Krankheit tendiere. Umgekehrt führe ein Übergewicht von Ressourcen zu einer Tendenz zur völligen Gesundheit.101

Ressourcen lassen sich ihrerseits in äußere und innere Ressourcen unterteilen. Innere Ressourcen oder auch personale Ressourcen seien eng mit der Person verknüpft. Hierzu zählen sowohl die physischen Ressourcen, wie beispielsweise Ausdauer, Koordination und Schnelligkeit, als auch die psychischen Ressourcen. Zu diesen zähle unter anderem die Fähigkeit der Zuversicht und des Optimismus.102 Zu den personalen Ressourcen würden allerdings auch fachliche und soziale Kompetenzen zählen. So stelle ein hohes Bildungsniveau und eine gute Qualifizierung eine gesundheitsförderliche Ressource dar.103

Die äußeren Ressourcen lassen sich im beruflichen Kontext wiederum in soziale und arbeitsbezogene, organisationale Ressourcen unterteilen. Zu den sozialen Ressourcen im beruflichen Setting zählen ein positives Betriebsklima, ein mitarbeiterorientiertes Vorgesetztenverhalten, die Unterstützung durch Kollegen und die Anerkennung der geleisteten Arbeit.104 Auch das Vorliegen von Leitlinien, das damit verbundene Erleben von Stabilität, der Austausch, das Einbinden und die Kommunikation von und mit Kollegen können als soziale Unterstützung und somit als gesundheitsförderliche Ressource betrachtet werden.105

Arbeitsbezogene Gesundheitsressourcen gehen aus den unterschiedlichen Merkmalen des Arbeitsplatzes hervor. Aus infrastruktureller Sicht lassen sich hier die ergonomische Gestaltung des Arbeitsplatzes, die Gestaltung von Arbeits- und Pausenräumen, die Pausenregelung und Arbeitszeitmodelle nennen. Physikalische Einflussfaktoren stellen die Lichtverhältnisse, Temperatur und Geräuschpegel innerhalb der Arbeitsbereiche dar.106

Zu den prozess- und technologieorientierten Ressourcen zähle das Vorliegen von zeitgemäßen, technischen Hilfsmitteln, das Nutzen von Führungsinstrumenten im Sinne einer Feedback-Kultur, eine eindeutige Verantwortungs- und Kompetenzregelung sowie die Transparenz von Entscheidungen.107 Aus ökonomischer Sicht lasse sich auch die Liquidität eines Unternehmens als Ressource betrachten.108

Zu den organisationalen Ressourcen werden auch die Möglichkeiten zur kontinuierlichen Fort- und Weiterbildung gezählt. Auch ein hoher Handlungsspielraum der Mitarbeiter, Aufgabenvielfalt und die Möglichkeit der Partizipation an Planungs-, Evaluierungs- und Ausführungsprozessen wirke sich als gesundheitsförderliche Ressource aus.109

3.6 Belastungselemente in Helferberufen

Die wirtschaftliche Entwicklung der westlichen Welt in den letzten Jahrzehnten sorge dafür, dass sich die Arbeitswelt zu einem stressbelasteten Spannungsfeld entwickelt habe. Die Zunahme von psychischen Arbeitsanforderungen lasse sich durch einige Faktoren, welche die Arbeitswelt mitunter deutlich verändert haben, näher beleuchten. Einen großen Stellenwert erfährt hier der Begriff der Tertiarisierung. Er beschreibe eine Entwicklung zu einer Dienstleistungsgesellschaft, einhergehend mit zunehmenden geistigen und interaktiven Tätigkeiten in einem Feld mit sich ständig erweiterten emotionalen und kognitiven Anforderungen. Ein weiterer Prozess, der insbesondere die Abgrenzung von Privatleben und Beruf erschweren könne, ist die Informatisierung und Vernetzung. Die Verbreitung von Kommunikationstechnologie führe zu einer Entgrenzung der Arbeit.110 Aber auch die Vernetzung im Sinne von Kooperationen zwischen Aufgabenträgern, Unternehmensbereiche oder letztlich ganzen Unternehmen führe zu einen an Komplexität gewinnenden Arbeitsplatz.111 Diese veränderte Arbeitswelt bringe selbstverständlich auch andere Belastungsfaktoren mit sich. So gelten ein hohes Arbeitspensum und damit einhergehender Zeitdruck als belastende Faktoren.112

In der psychiatrischen Gesundheits- und Krankenpflege lassen sich weitere, spezielle Belastungsfaktoren erkennen, die bei der Betrachtung von beruflichem Stress eine Rolle spielen. Möchte man alle Belastungsfaktoren aus Helferberufen wie der Gesundheits- und Krankenpflege ordnen, so lasse sich feststellen, dass Belastungen in diesem Beruf nicht alleine im beruflichen Umfeld entstehen. Vielmehr gebe es auch belastende Aspekte, die beim Helfer persönlich lägen. So trage beispielsweise eine mangelnde Fähigkeit zur Selbstabgrenzung dazu bei, das Leid von Klienten oder Kollegen über den sinnvollen Punkt hinaus zu teilen und somit sich selbst zu schädigen.113 Es käme zu einer Vermischung von geteilten Schicksalen und dem eigenen Privatleben. Der notwendige Abstand könne nicht mehr gewahrt werden und Probleme von Klienten oder Kollegen werden in die eigene Lebenswelt getragen.114 Zu den persönlichen Belastungsaspekten zähle außerdem das Fehlen von innerer Rückmeldung bezüglich Belastungen. Insbesondere Helferberufe würden dazu neigen, ihre eigenen Belastungen nicht zu spüren und zu erleben. Durch diesen Umstand sei eine notwendige Selbstkorrektur im Rahmen einer kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Person oder seiner Arbeit nicht möglich.115 Neben den Aspekten der Selbstbelastung lasse sich auch das Feld der Belastungen im Privatleben von Personen in Helferberufen erkennen. Das Übertragen von Helferverhalten in die eigene Privatsphäre könnte dazu führen, dass Familie und Freunde sich eingeschränkt und gegebenenfalls auch bevormundet fühlen. Beziehungen werden in dieser Weise strapaziert und könnten unter Umständen daran zerbrechen.116 Gleichzeitig werde der Helferberuf allerdings auch häufig von anderen Personen ausgenutzt. In Familien- und Freundeskreisen entstünde eine anspruchsvolle Grundhaltung gegenüber dem Helfer. Der Helfe müsse Verständnis zeigen, solle neue Impulse geben und stets hilfsbereit sein. Dies könne sich schnell zu einer Überforderung des Helfers entwickeln, sofern dieser keine Grenzen definiere.117

Ein weiterer Aspekt, der bei der Betrachtung von Belastungen in Helferberufen eine wichtige Rolle spielt, ist die Belastung durch die Klienten. Durch den häufigen und intensiven Kontakt mit Klienten und ihren charakterlichen Eigenarten und Fehlverhalten könne es zu belastenden und schädigenden Folgen für den Helfenden kommen. In der psychiatrischen Gesundheits- und Krankenpflege tauchen hier immer wieder Klienten auf, die mit ihren besonderen Merkmalen dafür sorgen, dass Frust und Ermüdung entstehen. So gebe es Klienten, die ihren Helfer so sehr in Anspruch nehmen, dass dieser selbst kaum Kraft und Ruhe für sein eigenes Leben finde. Darüber hinaus könnten auch manipulative Klienten den Helfer belasten, indem sie den Helfer durch ihr Verhalten dazu zwingen, Entscheidungen zu treffen, die sie in späterer Betrachtung so nicht vertreten könnten. Die Manipulation selbst werde jedoch zunächst nicht bemerkt, setze sich daher über einen gewissen Zeitraum hinweg fort und könnte darüber sogar dazu führen, dass der Helfer seine Taten rechtfertigt oder idealisiert.118 Ebenso könnten Klienten intrigierend tätig sein. Sie versuchen Teile des Teams gegeneinander auszuspielen, in dem sie Sachverhalte verdrehen und sich gegenüber den Helfern unterschiedlich äußern. Solche Verhaltensweisen führen mitunter dazu, dass Spannungen innerhalb des Teams entstünden die sich destruktiv auf das Team oder die Arbeit auswirken.119 Zu den belastenden Merkmalen von Klienten gehöre auch die passive Aggressivität. Diese Klienten würden Arbeit und Verantwortung immer wieder an den Helfer abgeben, selbst jedoch wenig zum Genesungsprozess betragen.120 Weitere belastende Merkmale von Klienten seien Uneinsichtigkeit und Unerreichbarkeit sowie die Tendenz zum Abbrechen der Behandlung. Ist der Kontakt zum Klienten immer wieder dadurch gekennzeichnet, dass er infolge von sprachlichen, kognitiven oder emotionalen Barrieren immer wieder abbricht oder versandet, könne dies dazu beitragen, dass der Helfer frustriert ist und sich in seiner beruflichen Arbeit nicht bestätigt sieht. Komme es darüber hinaus zu Abbrüchen der Therapie, könnte der Helfer die Motive des Abbruchs in seinem eigenen Versagen suchen.121

Im stationären Alltag ergeben sich auch Belastungen, die sich aus der Konstellation des Teams ergeben. So könnten sowohl zu kleine, als auch zu große Teams problematisch sein. Zu große Teams bedeuten dabei häufig eine erschwerte Beziehungsgestaltung und führe dazu, dass notwendige Rückmeldungen innerhalb des Teams nur erschwert möglich sind. Zu kleine Teams und dadurch bedingte fehlende Distanz könnten dazu führen, dass sich Mitarbeiter belastet fühlen. Ebenso spiele die Zusammensetzung des Teams eine Rolle. Ein hoher Anteil an Teilzeitkräften könnte so dazu führen, dass Zusammenarbeit aufgrund fehlender ablauftypischer Kenntnisse gefährdet ist. Auch die möglichweise rudimentäre Partizipation an gemeinsamen Entscheidungen, Gesprächen oder Evaluationen könnte bei den Teilzeitkräften Gefühle des Ausgeschlossen-seins hervorrufen. Durch eine nachteilige Zusammensetzung des Teams könnten sich über längere Zeit in ungünstigen Fällen auch starre Muster und Einseitigkeiten entwickeln, die die Arbeitsleistung beeinträchtigen könnten. Selbstverständlich könnten auch verschiedene konzeptionelle Ansichten oder Kompetenzstreitigkeiten innerhalb des Teams die Belastung der Helfer verstärken.122

Neben den Belastungen, die sich innerhalb des Teams ergeben, gibt es auch institutionelle Bedingungen, die sich als Belastungen einordnen lassen. Zunächst seien hier Engpässe im Personalbereich zu nennen. Gesellen sich zu diesen Engpässen noch die Angst vor Verlust des Jobs oder eine hohe Fluktuation von Mitarbeitern, stelle dies eine extreme Belastung dar.123 Auch ein Mangel an beruflichen Aufstiegschancen stelle eine Belastung dar.124 Wird der Helfer durch institutionelle Vorgaben dazu gezwungen, mehr Klienten innerhalb der gleichen Zeit zu betreuen, stelle dies ebenfalls eine erhebliche Belastung dar.125 Ein weiterer institutioneller Belastungsfaktor im Bereich von Helferberufen wie der Gesundheits- und Krankenpflege stellt das Fehlen von Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten sowie das Angebot der Supervision dar. Insbesondere Supervisionen tragen maßgeblich dazu bei, dass die beruflichen Belastungen erkannt und abgebaut werden können.126

[...]


1 Vgl. Rothe 2012, S.9f.

2 Vgl. Müller et. al 2016, S.87

3 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personen- bezeichnungen gelten gleichzeitig für beide Geschlechter.

4 Vgl. Needham 2015, S.305

5 Vgl. Abderhalden 2011, S.682

6 Vgl. Faller 2012, S.15

7 Vgl. Mayring 2015, S.62

8 Bogner/Littig/Menz 2014

9 Mayring 2015

10 Lamnek 2010

11 Mayer 2006

12 Vgl. Mayer 2006, S.44

13 Vgl. Bogner/Littig/Menz 2014, S.58f.

14 Dresing/Pehl 2013

15 Fuß/Karbach 2014

16 Mayring 2002 ; Mayring 2015

17 Vgl. Mayring 2015, S.62

18 Vgl. Mayring 2015, S.73ff.

19 Vgl. Mayring 2002, S.142

20 Kruse 2014

21 Bogner/Littig/Menz 2014

22 Domnowski 2010

23 Kaluza 2015

24 Vgl. Haurand 2015b, S.13ff.

25 Vgl. Haurand/Weniger 2015, S.7ff.

26 Vgl. Haurand 2015a, S.43ff.

27 Vgl. Hackenberg 2015, S.57

28 Vgl. Jakobeit 2015, S.73ff.

29 Koch/Lehr/Hillert 2015

30 Vgl. Richter/Schütte 2012

31 Vgl. Peter 2012

32 Vgl. Schmidt 2004, S.55ff.

33 Vgl. Kernen/Meier 2014

34 Domnowski 2010

35 Fengler 2008

36 Vgl. Kunter 2011

37 Vgl. Eckardt 2010

38 Vgl. Domnowski 2010, S. 58; Vgl. Nagel/Petermann 2012, S.25

39 Vgl. Domnowski 2010, S.57

40 Vgl. Kaluza 2015, S.4

41 Vgl. Kaluza 2015, S.4

42 Vgl. Klein-Heßling/Krause 2014, S.2ff.

43 Vgl. Haurand/Weniger 2015, S.6

44 Vgl. Nagel/Petermann 2012, S.25

45 Vgl. Domnowski 2010, S. 59

46 Vgl. Haurand/Weniger S.6f.

47 Vgl. Haurand/Weniger 2015, S. 7f.; Vgl. Kaluza 2015, S.34

48 Vgl. Haurand 2015b, S.13ff.

49 Vgl. Haurand 2015b, S.13ff.

50 Auf eine explizitere Auseinandersetzung mit den neurologischen und hormonellen Aspekten des Stresserlebens wird an dieser Stelle absichtlich verzichtet, da diese für die Erarbeitung der Forschungsfrage nicht in ihrer Ausführlichkeit notwendig sind.

51 Für eine umfangreiche Auseinandersetzung mit den Spätfolgen von länger anhaltendem Stress verweist der Autor an dieser Stelle auf Kapitel 3.2.3.

52 Vgl. Kaluza 2015, S.11ff.

53 Vgl. Eckardt 2010, S.100

54 Vgl. Kaluza 2015, S.11ff.

55 Vgl. Kaluza 2015, S.12

56 Vgl. Ebd., S.33f.

57 Vgl. Ebd., S.34

58 Vgl. Kaluza 2015, S.35

59 Vgl. Ebd., S.36f

60 Vgl. Ebd., S.37

61 Vgl. Nagel/Petermann 2012, S.29f.

62 Vgl. Haurand 2015a, S. 43ff.

63 Vgl. Hachenberg 2015, S.57

64 Vgl. Jakobeit 2015, S.73ff.

65 Vgl. Kaluza 2015, S.38

66 Vgl. Ebd., S.38f.

67 Vgl. Koch/Lehr/Hillert 2015, S.9

68 Vgl. Kunter 2011, S.20

69 Vgl. Koch/Lehr/Hillert 2015, S.4

70 Vgl. Ullrich 2015, S.129f.; Nagel/Petermann 2012, S.28

71 Vgl. Nagel/Petermann 2012, S.27

72 Vgl. Koch/Lehr/Hillert 2015, S.15f.

73 Vgl. Koch/Lehr/Hillert 2015, S.6

74 Vgl. Ebd., S.15

75 Vgl. Peter 2012, S.79

76 Vgl. Siegrist 2014, S.80

77 Vgl. Lohmann-Haislah 2012b, S.16f.

78 Vgl. Kaluza 2015, S.56f.

79 Vgl. Richter/Schütte 2012, S.89

80 Vgl. Nagel/Petermann 2012, S.21f.

81 Vgl. Richter/Schütte 2012, S.90

82 Vgl. Nagel/Petermann 2012, S.22

83 Vgl. Koch/Lehr/Hillert 2015, S.19

84 Vgl. Lohmann-Haislah 2012b, S.14

85 Vgl. Peter 2012, S.80f.

86 Vgl. Koch/Lehr/Hillert 2015, S.19

87 Vgl. Lohmann-Haislah 2012b, S.15

88 Vgl. Abderhalden 2011, S.689f.

89 Vgl. Lohmann-Haislah 2012b, S.15f

90 Vgl. Schmidt 2004, S.60

91 Vgl. Ebd., S.64

92 Vgl. Eckardt 2010, S.101

93 Vgl. Schmidt 2004, S.77

94 Vgl. Eckardt 2010, S.101

95 Vgl. Schmidt 2004, S.75

96 Vgl. Ahrens 2011, S.399f.

97 Vgl. Schmidt 2004, S.74f.

98 Vgl. Ebd., S.78

99 Vgl. Müller et al. 2016, S.87

100 Vgl. Nagel/Petermann 2012, S.31

101 Vgl. Müller et al. 2016, S.87

102 Vgl. Kernen/Meier 2014, S.93

103 Vgl. Richter 2013, S.89

104 Vgl. Müller et al. 2016, S.87; Vgl. Richter 2013, S.89

105 Vgl. Nagel/Petermann 2012, S.32

106 Vgl. Kernen/Meier 2014, S.99

107 Vgl. Nagel/Petermann 2012, S. 32; Vgl. Kernen/Meier 2014, S.99, Vgl. Müller et al. S.87

108 Vgl. Kernen/Meier 2014, S.99

109 Vgl. Nagel/Petermann 2012, S.34

110 Vgl. Lohmann-Hauslah 2012a, S.11

111 Vgl. Stork 2015, S.232

112 Vgl. Kaluza 2015, S.52

113 Vgl. Fengler 2012, S.44ff.

114 Vgl. Domnowski 2010, S.42

115 Vgl. Fengler 2012, S.47

116 Vgl. Domnowski 2010, S.43

117 Vgl. Fengler 2012, S.48f.

118 Vgl. Fengler 2012, S.57f.

119 Vgl. Domnowski 2010, S.44f.

120 Vgl. Fengler 2012, S.56f.

121 Vgl. Domnowski 2010, S.45

122 Vgl. Fengler 2012, S.70ff., Vgl. Schmidt 2004, S.41

123 Vgl. Fengler 2012, S.80f.

124 Vgl. Schmidt 2004, S.41

125 Vgl. Fengler 2012, S.80ff.

126 Vgl. Domnowski 2010, S.50

Details

Seiten
231
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783346055019
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v505510
Institution / Hochschule
Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbüttel
Note
1,0
Schlagworte
Stress Stressoren Pflege Psychiatrie Belastungen

Autor

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Titel: Bewältigung von Belastungen und Stress bei psychiatrisch Pflegenden