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Hermeneutik und Hermeneutisches Fallverstehen in der Pflege

von Jutta Kaltenegger (Autor) Andreas Frank (Autor)

Hausarbeit 2003 25 Seiten

Gesundheit - Pflegewissenschaft - Pflegemanagement

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Hermeneutik: Begriff und Entwicklung
2.1 Verstehen als Zugang zur Welt
2.2 Der Begriff Hermeneutik
2.3 Absicht und Bedeutung
2.4 Von der hermeneutischen Methode zur hermeneutischen Philosophie
2.4.1 Schleiermacher
2.4.2 Dilthey
2.4.3 Heidegger
2.4.4 Gadamer
2.5 Hermeneutik im Kontext der Pflege
2.5.1 Kommunikative Anforderungen
2.5.2 Bereitstellen einer individuell angemessenen Pflege
2.5.3 Anforderungen im Hinblick auf die Reflexion der eigenen Professionalität

3 Hermeneutik in der Patientenkommunikation
3.1 Historische Sichtweise
3.2 Heutige Sichtweise
3.3 Sichtweise der Hermeneutik
3.4 Patientenkommunikation

4 Hermeneutisches Fallverstehen im Pflegeprozess

5 Hermeneutik im Kontext der Professionalisierung der Pflege
5.1 Professionalisierungsansatz nach Weidner
5.2 Weiterführender Ansatz

6 Schluss

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema Hermeneutik in der Pflege. Innerhalb des Moduls neue Entwicklungen in der Pflege - innovative Pflegemethoden beschäftigten wir uns mit dem hermeneutischen Fallverstehen als einer innovativen Pflegemethode. Dies sollte ursprünglich Thema unserer Hausarbeit werden. Im Rahmen unserer Literaturrecherche wurde jedoch schnell deutlich, dass Hermeneutik innerhalb der Pflege einen weit größeren Stellenwert einnimmt. Aus diesem Grund weiteten wir die Perspektive unserer Hausarbeit auf den gesamten Komplex der Hermeneutik als Methode und Denkrichtung innerhalb der Pflege aus. Auf das hermeneutische Fallverstehen als Methode der Pflegepraxis kommen wir im mittleren Teil der Arbeit zu sprechen. Insgesamt überschreitet diese Hausarbeit jedoch den Rahmen der Pflegepraxis und beschreibt die Gesamtthematik aus einer abstrakten Perspektive.

Zunächst klären wir den Begriff Hermeneutik in seiner Bedeutung und Entwicklung. Aufgrund der Komplexität des Begriffs Hermeneutik entschieden wir uns für eine ausführliche Einführung in die Lehre des Verstehens. Im folgenden Teil beleuchten wir die Ebenen der Pflege, in denen Hermeneutik eine Rolle spielt bzw. spielen sollte. Dies betrifft die Ebene der Patientenkommunikation, des Pflegeprozesses und der Professionalisierung der Pflege. Darüber hinaus wird im Laufe der Arbeit immer wieder deutlich, dass Hermeneutik nicht nur eine Methode des Verstehens und der Kommunikation ist sondern eine Art und Weise die Pflege im Allgemeinen, ihre Ebenen zu betrachten. Dass Hermeneutik also eine Form der Weltsicht darstellt, dem pflegerischen Handeln eine bestimmte, auf Kommunikation und Verstehen gerichtete Zielrichtung gibt.

Für das Thema entschieden wir uns aus verschieden Beweggründen. Zum einen war uns der Begriff bereits aus der Theologie und der Literaturwissenschaft bekannt und es ergab sich daraus die Frage, wie er im Bereich der Pflege anzuwenden sei. Zum anderen war es der Reiz der Besonderheit, den die Welt des hermeneutischen Verstehens ausstrahlt.

2 Hermeneutik: Begriff und Entwicklung

2.1 Verstehen als Zugang zur Welt

Für ein sehr kleines Kind ist die Welt selbstverständlich. Die Dinge sind da. Sie sind wie sie sind. Das Erleben des Kindes ist unmittelbar und was ihm widerfährt, bedarf keiner Erklärung. Bald beginnt das Kind jedoch, sich die Welt zu erschließen; zu begreifen, zu erfragen: „Warum?“ Ein Wort, das nicht nur junge Eltern in Bedrängnis bringen kann. Dieses Beispiel zeigt die grundlegende Bedeutung, die dem Verstehen als dem primären menschlichen Zugang zur Welt zukommt. Wir erschließen uns die Welt, indem wir sie verstehen. Der Akt des Verstehens beginnt an dem Punkt, wo etwas sich nicht mehr von selbst versteht, sich die Welt dem unmittelbaren Verstehen verschließt. Und er vollzieht sich in allen Bereichen des Lebens; im materiellen, geistigen und sozialen. „Menschen sind verstehende Tiere, auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen, sich die Symbole zu entschlüsseln, in denen die Welt für sie da ist.“ (Jung; 2001; S. 8)

2.2 Der Begriff Hermeneutik

Die Lehre des Verstehens ist zusammengefasst in dem Begriff Hermeneutik. Der Philosoph Hans-Georg Gadamer definiert Hermeneutik als „die Kunst des ermeneuein, d.h. des Verkündens, Dolmetschens, Erklärens und Auslegens. ‘Hermes’“, schreibt Gadamer, „hieß der Götterbote, der die Botschaften der Götter den Sterblichen ausrichtet. Sein Verkünden ist offenkundig kein bloßes Mitteilen, sondern Erklären von göttlichen Befehlen, und zwar so, dass er diese in sterbliche Sprache und Verständlichkeit übersetzt. Die Leistung der Hermeneutik besteht grundsätzlich immer darin, einen Sinnzusammenhang aus einer anderen ‘Welt’ in die eigene zu übertragen“ (Gadamer, H-G, 1974, S 1062 nach Rittelmeyer/ Parmentier, S 1). Im Folgenden möchte ich versuchen, anhand eines kurzen Abrisses ihrer historischen Entwicklung, das Feld zu eröffnen, innerhalb dessen Hermeneutik sich bewegt.

2.3 Absicht und Bedeutung

Von ihrem wissenschaftlichen Ursprung her beschäftigt sich die Hermeneutik mit dem Erfassen des Sinns und der sinngemäßen Auslegung von Texten. Es gibt zwei unterschiedliche Herangehensweisen, um an das Verständnis eines Textes zu gelangen: Eine textkritisch-intentionale, die sich an der Absicht des Autors orientiert und eine allegorisch-interpretative, die den Text auf mögliche verborgene, implizite Bedeutungen hin untersucht. Zur Verdeutlichung ein kurzes Beispiel aus der Musik: Man kann ein klassisches Werk exakt, Note für Note so wiedergeben, wie es die Partitur (also der Komponist) vorgibt. Oder man interpretiert es freier, verändert Geschwindigkeit, Lautstärke, Rhythmus und weicht dadurch vom ursprünglichen Ausdruck ab. Das Stück bleibt dasselbe, doch es wird beim Publikum unterschiedlich wirken und in der Dauer variieren.

Einen Urtext, an dem sich die Kunst der Auslegung ausbildete, stellt die Bibel dar. Im Spannungsfeld der oben angesprochenen Verstehensweisen bewegte sich auch das Verstehen der Schrift. Der Kirchenvater Augustinus bediente sich zur Schriftauslegung der klassischen (antiken) Hermeneutik. Das Verstehen der Bibel vollzog sich über ein schrittweißes Vordringen von der Oberfläche des biblischen Geschehens über ihren allegorischen (sinnbildlichen) Gehalt hin zu einem tieferen, allgemeinen Sinn, der hinter den Worten liegt. Im Gegensatz zu dieser allegorischen Interpretationsweise lag der Königsweg zum rechten Glauben nach dem Verständnis der Reformation im exakten Erfassen des Schriftsinns. Die Worte geben den Weg vor, nicht ein möglicher Sinn, der hinter ihnen vermutet wird. Um zu einem möglichst exakten Erfassen des biblischen Wortsinns zu gelangen, war es nötig, zurück zu den Quellen zu gehen und die Schrift von historischen Ungenauigkeiten und Beimengungen zu befreien. Damit war der Grundstein zur textkritischen Hermeneutik gelegt.

Im 17. Jh. erweiterte der Philosoph Spinoza diesen Ansatz um die historische Dimension:

„Für Spinoza wurde Bibelexegese zur Bibelkritik. Seit sich der Glaube durch Wunderberichte nicht mehr rational begründen lässt, müssen wir die historischen Sinnzusammenhänge der Bibelautoren und ihrer Zeitgenossen erklären, die sich in diesen Wundererzählungen ausdrücken“ (Routledge Encyclopedia of Philosophy, Bd.2, 1998, S. 385).

Eine möglichst genaue Kenntnis der geschichtlichen Entstehenshintergründe des Werks wurde zum notwendigen Instrument hermeneutischer Erkenntnis.

2.4 Von der hermeneutischen Methode zur hermeneutischen Philosophie

Im Laufe seiner historischen Entwicklung wurde das hermeneutische Verstehen um verschiedene Dimensionen erweitert. Die Wegmarken dieser Entwicklung markieren die Namen Schleiermacher, Dilthey und Heidegger. Mit dem Philosophen Gadamer vollzog die Hermeneutik endgültig den Wandel von der humanwissenschaftlichen Methode zur eigenständigen Philosophischen Richtung.

2.4.1 Schleiermacher

Zu Beginn des 19. Jh. erhob der Philosoph Schleiermacher die Hermeneutik in den Rang einer „universale(n) Lehre des Verstehens und Auslegens“ (Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd.3, 1974, S. 1063). Er kombinierte die verschiedenen Ansätze, wie den textimmanenten, den historischen und biographischen und fügte sie in einen ‘hermeneutischen Zirkel’. So, dass ein Gesamtverständnis des Textes nur über ein Verständnis seiner Teile möglich wird, das Teilverständnis wiederum erst über das Verständnis des Ganzen. Ebenso resultiert das Werkverständnis erst aus der Kenntnis des Gesamtwerks und der Biographie eines Autors, was wiederum die genaue Kenntnis seiner Einzelwerke voraussetzt und so weiter. Damit wird Verstehen zum schöpferischen Akt. „Verstehen ist reproduktive Wiederholung der ursprünglichen gedanklichen Produktion aufgrund der Kongenialität der Geister“ (Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd.3, 1974, S. 1063). Der Interpret rückt also dem Autor durch seine Forschungsarbeit so nahe, dass er den Entstehungsprozess des Werks Schritt für Schritt nachvollziehen kann und so zu einem umfassenden Verständnis des Textes im Sinne seines Urhebers gelangt. Diese Sichtweise orientiert sich ganz am Werk und an der Intention des Autors. (Schleiermacher war ganz offensichtlich ein Protestant)

2.4.2 Dilthey

In der Nachfolge Schleiermachers steht der Philosoph Wilhelm Dilthey. Dilthey erklärte die Hermeneutik zur Grundlage der Geistes- und Sozialwissenschaften. Damit weitete er ihre Anwendung auf alle Bereiche menschlichen Ausdrucks und Handelns aus. Die Geistes- und Sozialwissenschaften befassen sich, nach Dilthey, damit menschlichen Ausdruck und menschliches Handeln zu verstehen. Alle menschlichen Äußerungen haben eine Bedeutung, deren Gesamtverständnis einen Sinn ergibt. Grundlage für das Verständnis dieser Bedeutungen ist für Dilthey die Psychologie. Damit ist der Begriff des Erlebens in die Hermeneutik eingeführt. Ein Mensch, wie seine Äußerungen und Handlungen, wird dann verständlich, wenn sein Erleben nachvollziehbar wird. Überall dort, wo Menschen sich ausdrücken und handeln, entsteht Sinn. Diesen Sinn zu verstehen, ist Aufgabe der Geistes- und Sozialwissenschaft. Demgegenüber steht, nach Dilthey, das naturwissenschaftliche Erklären objektiv messbarer und kategorisierbarer Phänomene. Der Dualismus aus Verstehen und Erklären bildet nach diesem Verständnis die Grenze zwischen Geistes- und Naturwissenschaft. In der Folgezeit wurde deutlich, dass diese Trennung nicht so klar vollzogen werden kann. Besonders in der Sozialwissenschaft und in der Pflege kommen beide Wissenschaftsrichtungen mit gleicher Berechtigung Einsatz und ergänzen sich gegenseitig. Dazu später mehr.

2.4.3 Heidegger

Für Martin Heidegger ist Verstehen „nicht mehr ein Verhalten des menschlichen Denkens unter anderen, sondern die Grundbewegtheit des menschlichen Daseins“ (Historisches Wörterbuch der Philosophie, 1974, S. 1067). Jedoch vollzieht sich der Akt des Verstehens niemals voraussetzungslos. Ist Hermeneutik, wie Schleiermacher meinte, nichts „als die Reproduktion einer ursprünglichen Produktion?“ (Historisches Wörterbuch der Philosophie, 1974, S. 1067) Oder ist es nicht vielmehr so, dass in jede Interpretation das Vorverständnis des Interpreten miteinfließt? Verschiedene Übersetzer können noch so wort- und werktreu vorgehen und doch werden zwei Übersetzungen desselben Werks niemals identisch sein. Damit wird Hermeneutik vor das Problem der Objektivität gestellt. Wenn es in der Sinnerschließung keine vollkommene Objektivität gibt, wenn in jede Interpretation das Vorverständnis des Interpreten einfließt, wie ist es dann um die Wissenschaftlichkeit der Hermeneutik bestellt? Den Ausweg aus diesem Dilemma weist die Anerkennung der Tatsache, „dass Verstehen nur so möglich ist, dass der Verstehende seine eigenen Voraussetzungen ins Spiel bringt….Der produktive Beitrag des Interpreten gehört auf eine unaufhebbare Weise zum Sinn des Verstehens selber“ (Historisches Wörterbuch der Philosophie, 1974, S. 1070).

2.4.4 Gadamer

Mit Hans-Georg Gadamer, dem Begründer der hermeneutischen Philosophie schließt sich der Kreis hin zur allegorischen Deutungstradition der Antike und des Mittelalters. Die moderne Hermeneutik hat sich von der Intention und Erfahrung des Autors weitgehend abgewandt. Hermeneutik fragt nicht mehr danach, was der Urheber einer Äußerung und sagen wollte, sondern danach, was die Äußerung uns sagt. Dabei ist Mehrdeutigkeit kein Hindernis, sondern Teil des Programms. Ein geschichtliches Ereignis wie die französische Revolution wird für jede Generation, die versucht sie zu verstehen, eine andere Bedeutung besitzen. Jeder Interpret wird sie aus seinem eigenen Welt- und Selbstverständnis heraus deuten und diese Deutung wird niemals, oder doch höchst selten, identisch sein mit der Intention ihrer Urheber. Dennoch bewegt sich jeder Deutungsansatz im Kontext einer bestimmten Deutungstradition, die auf kommunikativer Überlieferung basiert. Die Sprache ist das Medium, in dem sich uns die Welt vermittelt. Wir denken die Welt in Worten. Die Worte sind Symbole für die Dinge, die sie bezeichnen. Dabei gibt Sprache nicht nur Sinn wieder, sie setzt ihn auch und gibt die Richtung des Verstehens vor. Sprache nimmt somit eine Zentralstellung im hermeneutischen Bereich ein. Auf der Zentralstellung der Sprache innerhalb des Verstehens „beruht die Universalität der hermeneutischen Dimension“ (Historisches Wörterbuch der Philosophie, 1974, S. 1071). Die hermeneutische Philosophie geht darüber hinaus, bestimmte menschliche Äußerungen und Handlungen zu deuten. Sie erhebt die Hermeneutik zur Grundlage der menschlichen Welterfahrung überhaupt, die auf anderem Wege nicht erreichbar ist; „hermeneutische Anstrengung gelingt überall dort, wo Welt erfahren, Unvertrautheit aufgehoben wird, wo Einleuchten, Einsehen, Aneignung erfolgt“ (Historisches Wörterbuch der Philosophie, 1974, S. 1071).

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Details

Seiten
25
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638467490
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v50551
Institution / Hochschule
Hochschule Esslingen
Note
1,0
Schlagworte
Hermeneutik Hermeneutisches Fallverstehen Pflege Innovative Methoden

Autoren

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