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Que(e)rverweise zu Franziska Schößlers "Gender Studies in der Literaturwissenschaft"

Schachmatt einer Denkfigur

Projektarbeit 2019 12 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Theoretisches
Geschlecht als Kultur
Feministische Theorie vs. Gender Theory
Gender & Cultural Studies
Gender & Psychoanalyse
Gender & Dekonstruktion
Gender & Diskursanalyse

Methodik-Lektüremodelle
Weiblichkeit, Maskerade, Cross-Dressing
Produktions-/ Rezeptionsbedingungen & -fantasien

Schachmatt einer Denkfigur – Ein Fazit

Literatur- & Quellenverzeichnis

Anhang

Einleitung

Travestie, Homosexualität, Intersexualität – die Liste ist endlos. Die Denkfigur einer homogenen Kategorisierung zwischen ‚Frau‘ und ‚Mann‘ steht längst im Schach und blickt müde einem Matt entgegen. Aussichtslos erscheint der Versuch zu definieren, was es heißt, männlich oder weiblich zu sein. Die folgenden Gedanken basieren also auf den Annahmen, dass die Sozialisation von Individuen für deren Geschlechterzugehörigkeit bzw. Geschlechtsidentität verantwortlich ist und ‚Gender‘ unabhängig von Sex betrachtet werden kann. ‚Gender‘ bezeichnet hiernach das soziale Geschlecht in Abgrenzung vom biologischen (Sex).1

Die nächsten Zeilen beschäftigen sich mit den Gender Studies in der Literaturwissenschaft (2003) von Dr. Franziska Schößler, die eine Professur für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Uni Trier inne hat und dort vor allem Drama und Theater, Literatur und Ökonomie sowie kulturwissenschaftliche Literaturtheorie und zu Gender Studies erforscht und lehrt. Nach jeweils kurzen und teils kritischen Blicken auf die Kernaussagen des Aufsatzes – die Abschnitte Sozialgeschichte als kulturelle Geschichte der Geschlechter und Abspaltungs- und Projektionsverfahren – Die schöne Leiche bleiben unbeachtet2 – wägt diese Projektarbeit anhand einiger Verweise auf Nell Zinks Virginia, Christian Krachts Faserland und Roger Willemsens Kleine Lichter immer wieder die Frage, warum Gender eine relevante Kategorie für die Literaturwissenschaft sein kann. Dem Gedanken, dass sie das längst neben Psychologie, Soziologie, Kunst, Politik- und Sportwissenschaften unter anderem auch für die Medizin3 sein könnte, kann der Form halber nicht nachgegangen werden. Dieser Form auch geschuldet sind die exemplarisch gehaltenen Que(e)rverweise, die hier nur anreißen können, was einer ausführlicheren Betrachtung bedarf.

Theoretisches

Geschlecht als Kultur

Gender Studies, so Schößler, verstehen kulturelle Akte als geschlechtlich semantisiert. In patriarchalen Gesellschaften bleibe die männliche Position vielfach unmarkiert und werde als neutrale proklamiert. In der Tat gibt es zumindest in den europäischen Kultur- sprachen keine Übersetzung für ‚Mensch‘: Das englische Pendant ist ‚man‘, die franzö- sische Entsprechung ‚homme‘, im Italienischen findet sich ‚uomo‘ und im Spanischen ‚hombre‘. Der Geschlechterdiskurs, überlegt sie weiter, sei das Fundament kultureller Prozesse. Die erzählten Gender-Konfigurationen und Weiblichkeitsrepresentationen strukturieren literarische Texte.

Diese sprachliche und damit auch gesellschaftlich artikulierte qualitative Ungleich- heit zwischen den Geschlechtern veranschaulicht Zink, wenn sie Peggy Vaillaincourt als (Ehe-)frau so unsichtbar sein lässt, dass sie „nur als steuerlich absetzbarer Posten [ihres Mannes Lee Fleming existiert]“.4 Für Zinks Roman ist der Geschlechterdiskurs nicht nur fundamental, sondern Richtstatt, auf der, wie Maike Albath treffend im Deutschlandfunk formulierte, „so ziemlich jede <<heilige Kuh>> der amerikanischen Gender- und Identitätsdebatten genüsslich geschlachtet [wird]“.5 Gender- Konfigurationen und Weiblichkeitsrepräsentationen finden in einem bemerkenswerten Plural Eingang in den Roman und gesellen sich „[zum] <<Strauß herrlich blühender Nebenfiguren>>“, an dem sich auch Petra Kohse in der Frankfurter Rundschau erfreut.6

Feministische Theorie vs. Gender Theory

Der Feminismus unterstelle, erklärt Schößler, seit den 70er Jahren einen eindeutigen Unterschied zwischen Mann und Frau. Gender Studies brechen diese Binarität auf und definieren sie neu. Geschlecht gelte demnach als etwas Produziertes, Körperbilder und - erfahrungen als eingebunden in eine kulturelle Praxis: Geschlechter-Normen werden durch Imitation konstituiert (Cross-Dressing), Geschlecht ergebe sich aus Gestik, Be- wegung und Kleidung. Dieser Ansatz erweise sich für die Literaturanalyse als sehr fruchtbar.

Als sehr fruchtbar erweist sich tatsächlich die Analyse von Nell Zinks Virginia: Der Unterschied zwischen Mann und Frau in eben diesen 70er Jahren, in denen der Roman bemerkenswerterweise angesiedelt ist, verschwimmt, die Geschlechter-Binarität wird aufgebrochen, als Zinks Protagonistin Peggy Vaillaincourt Männlichkeit imitiert und fortan „im Allgemeinen mit <<Sir>> angeredet [wird], weil sie sich in Eigenarbeit ei- nen absurd kurzen Haarschnitt verpasst [hat]“.7

Männlichkeit kodiert auch Christian Kracht in seinem Faserland, das 25 Jahre später in Deutschland und der Schweiz verortet ist und die Männlichkeit des namenlosen Ich- Erzählers über Gel-Frisur, Barbourjacke, Jacket, Alden-Slipper und Ralph-Lauren- Hemden konstituiert.8 Kracht gelingt es sogar, einen speziellen Männlichkeitstypen zu schattieren, indem er den Kleidungsstücken populäre Marken zuordnet9 oder darauf hinweist, dass sie auf eine besondere Art angelegt und getragen werden.10 Dieser effe- miniert wirkende Typus kontrastiert mit Zinks radikaler Idee von Männlichkeit, die sie „[auf] Behaarung, dicke Bäuche, Rülpser, Obszönitäten und so weiter“ reduziert11 und davon nur den androgyn gezeichneten Vater Peggy Vaillaincourts und Lee Fleming in Sonderstellungen ausklammert.

Zentral für die Gender Studies, schreibt Schößler, sei also die soziale Geschlechtwerdung, die auch Zink in Virginia verhandelt: „Miss Miller, [Peggy Vaillaincourts] Turnlehrerin, hatte etwas über ihren Turnanzug gesagt, und Peggy hatte begriffen, dass sie eigentlich ein Mann hatte werden sollen.[…]“.12 Erforscht, so Schößler weiter, werden Geschlechteridentitäten und geschlechtlich gebundenes Han- deln, das diese Identitäten produziert. So muss Peggy in Virginia dennoch in „dreivier- tellange[m], schulterfreie[n] Kleid aus fester Baumwolle mit aufgedruckten Blumen und Tüllunterrock“ zu ihrem Debütantinnenball gehen.13 Mit der sozialen Geschlechtwerdung, von denen Zink eine beispielhaft illustriert, seien, so Schößler, Gender Studies benachbart mit der Psychoanalyse, der Dekonstruktion, der Diskursana- lyse und den Cultural Studies.

Gender & Cultural Studies

Gender Studies, schreibt Schößler, heben die traditionelle Grenze zwischen ‚high‘ und ‚low culture‘ auf. Sie entgrenzen den Textbegriff und vertextualisieren zugleich die Kulturgeschichte. Damit können auch Filme, Werbung, Modeerscheinungen, Behand- lungsmethoden, Krankheitsbilder u.v.m. zum Corpus der Gender Studies gerechnet werden.

Fasst man autobiographische Literatur als Zeitzeugnisse auf, macht Christian Kracht in Faserland solche vertextualisierte Kulturgeschichte explizit: der adjektivisch ver- wendete Markensymbolismus,14 Rekurrenzen, Referenzen und Reminiszenzen auf Film, Mode und Werbung transportieren diskursiv das Bild eines speziellen Männlichkeitsty- pus15 und kreieren „eine Identifikationsfigur für große Teile einer ganzen Generation […]“.16

Gender & Psychoanalyse

Grundsätzlich moniert werde die phallozentrische Position Freuds: Kultur sei männlich, Natur weiblich: „Der Mensch [sei] männlich, die Frau ein mangelhafter Mann.“,17 rezi- tiert Schößler. Eine Vielzahl von Gender-Analysen arbeite mit dem Modell der Mutter und Geliebten als Allegorie für die Sterblichkeit des Mannes. Mit seiner Hysterica schreibe Freud medizinisch fest, dass Weiblichkeit Theatralik sei, Uneigentlichkeit, Nicht-Identität, kurz eine ‚Anomalie‘. Weiblichkeit sei Maskerade, schreibe auch Riviere um 1929 und ebne damit den Weg für den Gedanken, dass Geschlecht eine kul- turelle Konstruktion sei.

Eine außerordentlich bemerkenswerte Randnotiz ist an dieser Stelle die thematische Dimension, die der Lacan’sche Phallus für wissenschaftliche als auch literarische Be- trachtungen zu haben scheint: Was Schößler geistesgeschichtlich streift18 ist Zink litera- risches Spielzeug, wenn sie Byrdie, Peggys Sohn, mit dem erigierten menschlichen Pe- nis vergleichend charakterisiert.19

Gender & Dekonstruktion

In Weiblichkeit wiederlesen analysiere Shoshana Felman Balsacs Das Mädchen mit den Goldaugen: das dekonstruktivierende Verfahren Felmans bestehe darin, Diskontinuitä- ten zwischen den Oberflächenerscheinungen – die Frau werde als fetischisiertes Objekt narzisstischer Spiegelung behauptet – und den subtextuellen Einschreibungen nachzu- weisen. Fazit ihrer Analyse sei, dass sich der Protagonist Henri selbst als Frau erkennt. Dekonstruktion sei also die Analyse sozialgeschichtlicher Umstände, die den primär sprachorientierten, dekonstruktivistischen Lesarten gegenübersteht.

Solche Diskontinuitäten zwischen Oberflächenerscheinungen lassen sich auch in Zinks Virginia nachweisen, nämlich in den Momenten, in denen Peggy Vaillaincourt als fetischisiertes Objekt narzisstischer Spiegelung zum Debütantinnenball geht20 und sich wenige Seiten später einen Männerhaarschnitt frisiert,21 der auch sozialgeschichtlicher Umstände wegen – langes Haar (Frauenfrisur) vs. „absurd kurze[r] Haarschnitt“22 (Sol- datenfrisur) – als ein solcher gelesen wird.

Gender & Diskursanalyse

Eine Schwäche von Schößlers Aufsatz ist, dass er sich zwar dem Gedanken öffnet, dass die Diskursanalyse ein nützliches Instrument zur Beschreibung von Gender- Konfigurationen sein könnte, diesen aber nicht weiter verfolgt. Dabei scheint gerade die Analyse von Diskursen hierfür eine der ergiebigsten zu sein: Durch die eingeschriebene Markenaffinität des namenlosen Ich-Erzählers in Faserland, um das kurz an einem na- heliegenden Beispiel festzumachen, rücken Oberfläche und Maskerade in den Vorder- grund und konterkarieren Heteronormativität. Hier plausibilisiert sich die Annahme, Kracht verfolge literarisch den Diskurs eines Phänomens, dem 1994, ein Jahr vor Er-scheinen des Romans, Mark Simpson mit dem Begriff ‚metrosexual‘ einen Namen gegeben hat.23

[...]


1 https://www.uni-bielefeld.de/gendertexte/gender.html abgerufen am 17.09.2019.

2 Schößler, Franziska: Gender Studies in der Literaturwissenschaft. in: Freiburger Frauenstudien 12 (2003), S. 187-206. [Bd.: Dimensionen von Gender Studies.] hier S. 195-197.

3 https://sz-magazin.sueddeutsche.de/frauen/frauen-gesundheit-medizin-87304?reduced=true abgerufen am 23.09.2019.

4 Zink, Nell: Virginia, Hamburg bei Reinbek, Rowohlt, 2019, S. 71.

5 https://www.perlentaucher.de/buch/nell-zink/virginia.html abgerufen am 13.09.2019.

6 Ebd.

7 Zink, Nell: Virginia, Hamburg bei Reinbek, Rowohlt, 2019, S. 70.

8 Kracht, Christian: Faserland (1995), 4. Auflage, Frankfurt am Main, S. Fischer, 2015. S. 17f.

9 Ebd. S. 48, 50, 56.

10 Ebd. S. 133.

11 Zink, Nell: Virginia, Hamburg bei Reinbek, Rowohlt, 2019, S. 15.

12 Vgl. ebd., S. 11-17.

13 Vgl. ebd., S. 14.

14 Eco, Umberto [zitiert nach Weber, Stefanie: Der Bildungsroman im Zeitalter der Pop-Literatur. Wolf- gang Herrndorf und Christian Kracht, München, GRIN Verlag, 2016. https://www.grin.com/document/351339].

15 Kracht, Christian: Faserland (1995), 4. Auflage, Frankfurt am Main, S. Fischer, 2015. S. 17f, 48, 50, 56.

16 Beuse, Stefan: 154 schöne weiße leere Blätter. Christian Krachts „Faserland“ (1995). In: Der deutsche Roman der Gegenwart. Hrsg. von Wieland & Winfried Freund. München: Wilhelm Fink Verlag 2001. S. 150-155, hier S. 151.

17 Schößler, Franziska: Gender Studies in der Literaturwissenschaft. in: Freiburger Frauenstudien 12 (2003), S. 187-206. [Bd.: Dimensionen von Gender Studies.] hier S. 191.

18 Ebd., S. 192.

19 Zink, Nell: Virginia, Hamburg bei Reinbek, Rowohlt, 2019, S. 138.

20 Zink, Nell: Virginia, Hamburg bei Reinbek, Rowohlt, 2019, S. 14.

21 Ebd. S. 70.

22 Ebd.

23 https://web.archive.org/web/20070119202843/http://www.marksimpson.com/pages/journalism/mirror_ men.html abgerufen am 03.09.2019.

Details

Seiten
12
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346060600
ISBN (Buch)
9783346060617
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v505293
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Germanistik
Note
1,3
Schlagworte
Gender Gender Studies Literatur Literaturwissenschaft Theorien Methoden Franziska Schößler Denkfigur Christian Kracht Roger Willemsen Nell Zink Virginia Faserland Kleine Lichter

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Titel: Que(e)rverweise zu Franziska Schößlers "Gender Studies in der Literaturwissenschaft"