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Symptome, Ursachen und ausgewählte Behandlungsmöglichkeiten der Zwangsstörung unter besonderer Berücksichtigung von jugendlichen Patienten

Facharbeit (Schule) 2017 36 Seiten

Psychologie - Beratung, Therapie

Leseprobe

Inhalt

Abstract

1 Einleitung

2 Zwangsstörung
2.1 Zwangsgedanken
2.1.1 Unangenehme Gedanken
2.1.2 Impulse
2.1.3 Bildhafte Vorstellungen
2.2 Zwangshandlungen

3 Mögliche Ursachen einer Zwangsstörung
3.1 Genetische Faktoren (Prädisposition)
3.1.1 Studien
3.2 Biologische Faktoren (Prädisposition)
3.2.1 Serotonin-Hypothese
3.2.2 Dopamin- und Basalganglien-Hypothese
3.3 Erziehung und Lernen (Auslösebedingung)
3.3.1 Erstes Lerngesetz (klassisches Konditionieren)
3.3.2 Zweites Lerngesetz (operantes Konditionieren)
3.3.3 Drittes Lerngesetz (Lernen am sozialen Modell)

4 Einfluss auf Außenstehende

5 Diagnostik
5.1 Diagnosekriterien
5.1.1 DSM-IV und ICD-10 im Vergleich
5.2 Verbreitung und Beginn
5.2.1 Verbreitung
5.2.2 Beginn

6 Behandlungsmöglichkeiten
6.1 Psychotherapie
6.1.1 Verhaltenstherapie
6.1.2 Gesprächspsychotherapie
6.1.3 Psychoanalytische Therapie
6.1.4 Familientherapie
6.1.5 Metakognitive Therapie
6.2 Medikamentöse Behandlung (Psychopharmakotherapie)
6.3 Chirurgische Eingriffe
6.4 Selbsthilfe

7 Selbsthilfegruppe
7.1 Erwartungen und erster Eindruck
7.2 Das Verhalten der Mitglieder
7.3 Fazit der Selbsthilfegruppe

8 Fazit

9 Literaturverzeichnis
9.1 Printmedien
9.2 Online zur Verfügung gestellte Quellen
9.2.1 PDF-Dokumente
9.2.2 Website
9.2.3 Studien
9.2.4 Videoquelle
9.3 Bildquellen
9.4 Tabellenquellen

10 Anhang

Teilnehmende Beobachtung

Formale Angaben (Zusammenfassung der Gruppenteilnehmer)

Schilderung der Beobachterin

Ablauf der Selbsthilfegruppe:

Abstract

Ticks wie Treppenstufen zu zählen oder ausschließlich die weißen Streifen des Schutzweges zu berühren sind fast jedem bekannt. Vor allem bei Kindern gibt es eine breite Palette an Aktivitäten und Ritualen, die ihnen Sicherheit und Struktur geben. Bis zu einem bestimmten Zeitpunkt werden diese Handlungen als Schutzverhalten gesehen – eine Phase in der Kindheit, die meistens ohne weitere Komplikationen wieder vergeht. Intensiviert sich das Verhalten, spricht man von einer psychischen Störung. Ab wann von einer Zwangsstörung gesprochen wird und welche Merkmale für eine Zwangsneurose typisch sind, sind daher Leitfragen dieser Arbeit.

Mithilfe von Literatur und dem Besuch einer Selbsthilfegruppe über einen Zeitraum von einem Jahr gelang es mir, Fragen, die insbesondere die sozialen Auswirkungen der Krankheit betreffen, weitgehend zu beantworten. Aufgrund von Widersprüchlichkeiten und verschiedenen Autorenmeinungen entschied ich mich für persönlich ausgewählte Quellen, die bereits von anderen Autoren zitiert wurden.

Nach langer Recherche über die Ursachen erscheint mir die Serotonin-Hypothese am plausibelsten und dadurch die Kombination aus Verhaltenstherapie und Psychopharmakotherapie als erfolgreichste und sinnvollste Behandlungsmethode. Therapieresistente Patienten sollten auf einen chirurgischen Eingriff zurückgreifen, für die sich meiner Meinung nach das größte Forschungs- und Innovationspotential bietet.

Selbstverständlich dient diese Arbeit nicht zur Selbstdiagnose.

1 Einleitung

Trotz des positiven Wandels der Gesellschaft im Hinblick auf Tolerierung und Unterstützung von Zwangserkrankten, wird heute noch die Zwangsstörung als Phänomen angesehen, das oft nicht ernst genommen wird. Daher vergehen oft Jahre, bis der Zwangskranke sich in therapeutische Behandlung begibt. Die Behandlungen haben sich jedoch grundlegend geändert – und das nicht nur im verhaltenstherapeutischen Bereich. Es sind mittlerweile auch Operationen möglich. Die Erfolgsquote bewegt sich im Bereich zwischen 60 und 85 Prozent. Dennoch ist die Störung schwer zu erforschen. Hypothesen geben Ansätze für mögliche Therapieformen, doch es ist noch immer keine sichere Feststellung der Ursachen möglich.

Zunächst wird geklärt, was die Zwangsstörung ist, wie sie definiert wird und was sie so besonders macht. Dann werden die unterschiedlichen Hypothesen zur Entstehung und Entwicklung der Erkrankung vorgestellt. Dabei spielen genetische und neurobiologische Aspekte eine wichtige Rolle. Anschließend wird dargelegt, ab wann das zwanghafte Verhalten als Krankheit diagnostiziert wird und wie die Betroffenen behandelt werden können. Letztlich wird im praktischen Teil von der persönlichen Erfahrung mit Zwangskranken berichtet.

Nachdem die Zwangsneurose im Vergleich zu anderen psychischen Störungen wie Depression oder Schizophrenie relativ unerforscht und unbekannt ist, können Ärzte, Autoren und Wissenschaftler keine Informationen mit eindeutiger Sicherheit geben. Daher widersprechen sich manche Aussagen, welche ich bewusst in dieser Weise übernommen habe.

2 Zwangsstörung

Unter der Zwangsstörung, auch Zwangsneurose genannt, versteht man den Zwang, alltägliche Aufgaben immer auf eine angewohnte, gleiche, irrelevante Art und Weise zu erledigen, obwohl eine andere Art der Ausführung keine Auswirkungen auf die Qualität des Ergebnisses hätte. Der englische Fachbegriff für die Zwangsstörung, „Obsessive-Compulsive Disorder“ (abgekürzt: OCD), leitet sich aus den zwei Hauptkomponenten, den Zwangsgedanken (engl. obsessions) und den Zwangshandlungen (engl. compulsions) ab. (vgl. Ambühl und Meier, Zwang verstehen und behandeln, S. 15ff)

Sobald diese Hauptkomponenten regelmäßig den Alltag der erkrankten Person „bestimmen“, werden gewöhnliche Aktivitäten durch den hohen Zeitaufwand eingeschränkt. Einer beruflichen Tätigkeit kann im Ernstfall nicht mehr nachgegangen werden. Kinder und Jugendliche verlieren die Bindung zu Freunden und können somit die sozialen Fähigkeiten nicht ausbauen. Folglich kann es zu Lernangst in der Schule kommen und ein Leistungsnachlass wird ersichtlich. Herrscht ein derartiger Zustand länger als zwei Wochen vor, spricht man von einer Zwangsstörung. Nimmt ein gesunder Mensch Informationen aus dem Umfeld auf, verarbeitet er diese gesammelt, nachdem er sie geordnet und strukturiert hat. Anschließend werden Handlungen geplant, sozusagen die Reaktionen. Diese werden folglich in die Tat umgesetzt. Somit kann ein nicht-zwangserkrankter Mensch seine Ziele verwirklichen. Nicht so beim Zwangserkrankten. Dieser filtert die Daten kaum und muss so eine größere Menge verarbeiten. Er verliert sich in den unwichtigen Einzelheiten. Somit wird die Strukturierung und die Verarbeitung sowohl verlangsamt, als auch erschwert. Die Betroffenen können nicht festlegen, was vorrangig ist. Infolgedessen ist das Erreichen des angestrebten Zustandes für sie diffizil. (vgl. Krüger, Die Zwangsstörung, S.4f)

Rituale und persönliche Angewohnheiten sind bei fast allen Menschen vorzufinden; sowohl bei erkrankten, als auch bei gesunden. So zählen Kinder zum Beispiel Treppenstufen oder Zugwaggons beim Vorbeifahren. Viele vermeiden sogar bis ins Erwachsenenalter das Treten auf Fugen zwischen Steinplatten. Andere werden rund um die Uhr von Ritualen begleitet. Diese Strukturierungshilfen geben uns Sicherheit, Beistand und Orientierung und nehmen uns Ängste. Sie fühlen sich angenehm an und dienen als Entlastung des Hirns. Wenn diese Rituale verhindert werden, sind wir irritiert. (vgl. Ambühl und Meier, Zwang verstehen und behandeln, S. 15ff)

Ebenso haben Nicht-Zwangserkrankte lästige Gedanken, zum Beispiel einen Ohrwurm. Der Ohrwurm wird als angenehm und ungefährlich wahrgenommen, sodass dagegen anzukämpfen grundlos wäre. Der Unterschied zwischen den Gedanken einer gesunden Person und den einer zwangserkrankten Person ist, dass der Gesunde die unangenehmen Vorstellungen wieder abschütteln kann. Er gewinnt durch Kontrolle und gutes Zureden Sicherheit. Anders bei einer zwangskranken Person. Wenn bei einer Frau beispielsweise die Angst auftritt, ihrem Kind etwas anzutun, setzt sie alles daran, auf andere Gedanken zu kommen, um Schaden zu vermeiden. Das Problem wächst dadurch aber nur, obwohl die Betroffene erkennt, dass in Wahrheit nichts Gravierendes passiert. Sie sieht ihr Kind dennoch als gefährdet. Die Krankheit besteht somit aus folgenden Bestandteilen und weist die eine typische Ablaufdynamik auf: Externe Auslöser, unangenehme Gedanken, Verarbeitung und Beurteilung jener Gedanken, negative Affekte, Neutralisation durch die Handlungen und Vermeidung des externen Auslösers. (vgl. ebd., S. 18ff)

Etwas, das vielen unbekannt ist, ist, dass Zwangsneurotiker eine höhere Konzentrationsfähigkeit haben. Sie können sich aber aufgrund dieser Eigenschaft nicht auf mehrere Sachen gleichzeitig konzentrieren und verzetteln sich in Details. Sie leiden unter Entscheidungsängsten; daher sind eine hohe Risikobereitschaft und Spontanität nicht vorhanden. (vgl. Hoffmann, Wenn Zwänge das Leben einengen, S.11ff)

Es sind drei Steigerungsstufen der Zwangserscheinungen bekannt. Wenn die Gedanken und die Handlungen die betroffene Person und dessen Alltag kaum behindern, spricht man von harmlosen Ereignissen. Muss eine Person jedoch täglich auf viele Aktivitäten verzichten, leidet sie unter einer zwanghaften Persönlichkeitsstörung. Sobald diese Person keine Kontrolle mehr über ihr Leben hat, ist eine Zwangsstörung erkennbar. (vgl. Krüger, Die Zwangsstörung, S.5) Typisch für die Krankheit ist die große Diversität an möglichen Symptomen. Jeder Zwangsneurotiker weist ein unterschiedliches Symptombild auf. Einige verlieren beispielsweise an Gewicht. Ein Drittel der Kinder und Jugendliche mit einer Zwangsstörung haben einen anorexie-ähnlichen BMI (Body-Mass-Index). Dem Betroffenen ist klar, dass seine Gedanken und Handlungen anormal sind, aber nicht alle sind sich ihrer Taten vollständig bewusst. (vgl. Kostarellos, Die Zwangsstörung, S.15)

In bis zu 70 Prozent der Fälle erscheinen weitere psychische Störungen. Diese sind meist weitere Angststörungen, Tics, das Aufmerksamkeitsdefizits-Hyperaktivitätssyndrom, Störungen des Sozialverhaltens und depressive Störungen. Je intensiver die Zwangsstörung ist, desto wahrscheinlicher treten weitere psychische Krankheiten auf. (vgl. Schmidt-Traub, Zwänge bei Kindern und Jugendlichen, S. 29)

2.1 Zwangsgedanken

Zwangsgedanken (engl. obsessions) beinhalten unangenehme Gedanken, Impulse oder bildhafte Vorstellungen, die sich zwanghaften Personen aufdrängen und sie übermäßig beschäftigen. Sie hindern diese an simplen Entscheidungen, die aber für ein geregeltes Leben relevant sind. Sowohl zwanghafte Minderjährige, als auch Erwachsene wissen, dass die Gedanken outriert1 und sinnlos sind. Kinder bis zum Alter von neun Jahren sind mental aber noch nicht reif genug, um dies zu erkennen. (vgl. Krüger, Die Zwangsstörung, S.6)

Die Gedanken haben weitgehend mit Kontamination, Verunreinigung, Gewalt, Sex oder Blasphemie zu tun; haben sie sich einmal im Kopf des Zwangserkrankten fixiert, fühlt sich dieser durch negative Gefühle wie Angst, Ekel und Scham dazu gedrängt, die lästigen Gedanken wieder loszuwerden. Je mehr er sich darauf konzentriert, die unangenehmen Inhalte mit angenehmen zu überdecken, desto wahrscheinlicher treten die störenden Gedanken wieder auf. (vgl. Schmidt-Traub, Zwänge bei Kindern und Jugendlichen, S. 17f) Um sich die negativen Gedanken zu entledigen, versuchen die Zwangsgestörten diese mit Zwangshandlungen zu neutralisieren. Der Versuch gelingt ihnen fast immer, jedoch nur für kurze Zeit. Manchmal manifestiert sich der Drang in Form eines permanenten Verhaltens, dem Grübelzwang (Kontrollzwang, Ordnungszwang,...). Beim diesem ist der Zweifel der Betroffenen das wichtigste Merkmal. Wenn Menschen beispielsweise sich vor Seuchen oder anderen infektiösen Krankheiten fürchten, waschen sie sich öfter als notwendig, um dem Angstgefühl und dem Gefühl des Ekels zu entgehen. Egal wie oft sie sich waschen, sie zweifeln immer noch an ihrer Sauberkeit. Aus dieser Angewohnheit bildet sich der Waschzwang. Ziel ist dennoch immer, den schlimmsten Fall zu vermeiden bzw. das Risiko zu vermindern. Kommt der Betroffene in eine Situation, in der ihn zwei oder mehrere Ängste plagen, richtet er sich nach der Rangliste. Er neutralisiert zuerst die größte Angst, dann kann er sich der anderen/den anderen stellen. Es können auch mehrere Rituale/Ängste gleichzeitig wirken und neutralisiert werden. (vgl. Ambühl und Meier, Zwang verstehen und behandeln, S. 20) Ein Beispiel dafür wäre die Zwangserkrankte Antonia, die auf ihrem YouTube-Kanal über ihre Krankheit berichtet.

„[Ich wasche meine Hände] immer erst dreimal, dann zweimal und dann noch zweimal.“ (Toni’s Welt, 2015, TC 5:25)

2.1.1 Unangenehme Gedanken

Betroffene, die an unangenehmen Gedanken leiden, gehen zu jeder Zeit und an jedem Ort von einer Katastrophe aus, die ihnen und den Menschen in der Umgebung schaden würde. Sie fühlen sich für das Leben ihrer Mitmenschen verantwortlich und sehen sich daher gezwungen, das befürchtete Unheil abzuwenden. Obwohl sie versuchen, alle möglichen Gefahren zu vermeiden und auszulöschen (z.B. durch Kontrolle), bleibt immer ein Restrisiko erhalten. (vgl. Ambühl und Meier, Zwang verstehen und behandeln, S.20ff)

2.1.2 Impulse

Impulse sind plagende Ideen, die die Ängste der Leidtragenden widerspiegeln, da sie für diese moralisch nicht vertretbar sind. Das heißt, dass der Inhalt jener Impulse der Kontrast dessen ist, das für sie moralisch wertvoll und geschätzt ist. So können Gläubige blasphemische Gedanken, Mütter Mordvorstellungen gegenüber ihren Kindern und Kindergärtner pädophile Fantasien haben. Es besteht aber bei Zwangskranken absolut keine Gefahr, die Impulse auch wirklich auszuführen, solang keine andere psychische Krankheit vorhanden ist. Sie sind für die Geschädigten niederdrückend; einerseits, weil die Impulse ethisch unkorrekt sind und an diese immer gedacht werden muss; andererseits, weil der Gedanke nicht verschwinden will. (vgl. Ambühl und Meier, Zwang verstehen und behandeln, S.26ff)

2.1.3 Bildhafte Vorstellungen

Die Erkrankten werden von beängstigenden Bildern heimgesucht. Bildliche Vorstellungen von Unfällen, Leichen und anderen Horrorszenen prägen sich bei ihnen ein und erschweren dem Betroffenen den Alltag. Diese Komponente der Zwangsgedanken tritt selten auf. Die Zwangskranken versuchen dann, die schrecklichen Bilder mit schönen zu überdecken. Ob dieser Versuch gelingt, ist unterschiedlich. (vgl. Ambühl und Meier, Zwang verstehen und behandeln, S.28f) Die Imagination kann auch von Nutzen sein. In der Medizin wird sie zur Schmerz- und Krebsbekämpfung und auch im Leistungssport eingesetzt. (vgl. Franklin, Fit bis in die Körperzellen, S.3)

2.2 Zwangshandlungen

Durch die vorausgegangen Zwangsgedanken baut sich ein innerer Druck auf. Wenn dieser unerträglich wird, reagiert der Zwanghafte mit Handlungen („Neutralisierungen“), die – wie der Name schon sagt – zur Neutralisation der negativen Gefühle dienen. Zu den Zwangshandlungen (engl. compulsions) zählen aber nicht nur die physischen Aktivitäten, wie viele glauben. Mentale Reaktionen fungieren ebenfalls zur Beruhigung (zum Beispiel das Überdecken der belastenden Bilder durch schöne Erinnerungen) und fallen unter den Begriff „Neutralisierung“. Diese Gegengedanken werden im Fachjargon als „Denkzwänge“ bezeichnet. (vgl. Ambühl und Meier, Zwang verstehen und behandeln, S.20ff)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Zyklus einer Zwangshandlung

Die Zwangshandlungen werden zu keiner Zeit willentlich und mit Freude ausgeführt! Wichtig ist, diese Reaktionen nicht zu unterdrücken. Es können dann gravierende Anspannungen und verstärkte Angstgefühle auftreten, die im ungünstigsten Falle auch Panikattacken verursachen können. Wenn eine bestimmte Handlung den seelischen Zustand – wenn auch nur für kurze Zeit – stark verbessert, prägt sich der Zwangserkrankte diese Handlung detailliert ein. Bei erneutem Kontakt mit dem Auslöser stellt jener diese so präzise wie nur möglich nach, um ein identisches Ergebnis zu erhalten. Es entsteht ein Ritual. (vgl. Kostarellos, Die Zwangsstörung, S.23ff) Diese Rituale werden nach strengen Regeln ausgeführt; sowohl vom Betroffenen, als auch von den Menschen in der Umgebung. Werden diese Regeln missachtet, muss das Ritual von vorne begonnen und so lange ausgeführt werden, bis das ablösende Gefühl eintritt. (vgl. Barnow, Freyberger, Fischer & Linden, Von Angst bis Zwang, S.62f)

Die Tabelle gibt Auskunft über die Häufigkeit des Auftretens folgender Rituale, wobei mehrere Rituale bei einem Patienten auftreten können:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Häufigkeit der Rituale, (vgl. Mag. Dr. Demal, ppt: Klinisch- psychologische Behandlung von Zwangsstörungen, Folie 23)

3 Mögliche Ursachen einer Zwangsstörung

Die Ursachen einer Zwangserkrankung können vielseitig sein.

„Vielmehr sind ganz unterschiedliche neurobiologische, genetische, lernpsychologische, umwelt- und persönlichkeitsspezifische Faktoren daran beteiligt.“ (Schmidt-Traub, Zwänge bei Kindern und Jugendlichen, S. 41)

Das Wechselwirken zwischen diesen Faktoren spielt eine signifikante Rolle. Im Mittelpunkt stehen zurzeit genetische und neuropsychologische Abhängigkeiten. Nach aktuellem Wissensstand ist ein Zusammenwirken dieser zwei Faktoren und Ereignissen aus dem Umfeld die Ursache für die Entfaltung der Krankheit. (vgl. Kostarellos, Die Zwangsstörung, S. 45f) Wichtig dabei sind die zwei Bereiche, Prädisposition (Vorbedingung) und Auslösebedingung. Eine Auslösebedingung kann nicht zur Zwangserkrankung führen, wenn keine Vorbedingungen existieren. (vgl. Ambühl und Meier, Zwang verstehen und behandeln, S. 77ff)

3.1 Genetische Faktoren (Prädisposition)

Unzählige Studien haben bereits belegt, dass die Wahrscheinlichkeit, Zwänge zu entwickeln, steigt, wenn zwanghafte Krankheitsfälle in der Familie oder in der Verwandtschaft bereits aufgetreten sind. Das heißt, die Zwangsstörung ist in vielen Fällen erblich bedingt. Der neueste Stand der Forschung in jenem Bereich weist auch auf eine erblich erhöhte Vulnerabilität hin. (vgl. Kostarellos, Die Zwangsstörung, 46f) Weiters können im Kindheitsalter Krankheitserreger oder Änderungen in der Umwelt die Erbsubstanz modifizieren, daher müssen die genetischen Bedingungen sich nicht unbedingt aus dem Vererbten resultieren. (vgl. Schmidt-Traub, Zwänge bei Kindern und Jugendlichen, S. 42f) Eine genetische Veranlagung fällt in den Bereich der Prädisposition (Vorbedingung). (vgl. Ambühl und Meier, Zwang verstehen und behandeln, S. 78f)

3.1.1 Studien

Eine Familienstudie an der Johns Hopkins Universität in Baltimore zeigte durch Untersuchungen ein erhöhtes Risiko bei Angehörigen von zwanghaften Personen. Nestadt G., Samuel J. und andere Forscher verglichen 343 Angehörige von Zwangserkrankten und 300 unbelastete Personen. Die Lebenszeitprävalenz2 der OCD-Angehörigen betrug das Fünffache der der Unbelasteten (11,7% verglichen zu 2,7%). (vgl. Nestadt et al. 2000)

Erwähnenswert sind ebenso sogenannte Zwillingsstudien, die besagen, dass die Prävalenz eineiiger Zwillinge hundert Prozent betragen müsste, wenn die Umwelteinflüsse keine Rolle spielen würden. In der Realität liegt die Rate jedoch bei eineiigen Zwillingen bei 80-87% und bei zweieiigen bei 25-47%. (vgl. Schmidt-Traub, Zwänge bei Kindern und Jugendlichen, S. 43)

3.2 Biologische Faktoren (Prädisposition)

Auffälligkeiten und diverse Untersuchungen lassen vermuten, dass nicht einzelne Funktionsgebiete, sondern prinzipielle Prozesse der Informationsverarbeitung und Normkreise des Hirns gestört sind. Es ist bisher noch unklar, ob einzelne Hirnschädigungen für die Erkrankung verantwortlich sein könnten, auch wenn psychochirurgische Behandlungsansätze darauf hinwiesen. Die logischsten Erklärungsansätze sind die Serotonin-, Dopamin- und die Basalganglien-Hypothesen, wobei der Serotonin-Hypothese das stärkste Gewicht zukommt. (vgl. Ambühl und Meier, Zwang verstehen und behandeln, S. 88f)

Aufgrund des weitreichenden Forschungsumfangs hinsichtlich der serotonergen Dysregulation3 wird im Folgenden auf diese am genauesten eingegangen.

3.2.1 Serotonin-Hypothese

Neueste Forschungen weisen auf einen Zusammenhang zwischen dem Serotonin-Haushalt und dem Erscheinen von Zwangssymptomen hin. Serotonin ist ein Neurotransmitter, der für die Affektregulation und die Verhaltensadaption zuständig ist. Die serotonergen Medikamente wirken symptomhemmend, jedoch nicht heilend. Nach der Beendigung der medikamentösen Behandlung kommt es zum Rückfall. (vgl. Kostarellos, Die Zwangsstörung, S. 47f)

Diese Hypothese entstand aus einer Vielzahl von Untersuchungen, in denen serotonerge Medikamente bei Zwangserkrankten auf ihre Wirksamkeit getestet wurden. (vgl. Neumann, „Metakognitionen bei Zwangsstörungen“, S. 17) Die Serotonin-Hypothese wird durch das Beispiel einer höheren Konzentration der Metaboliten4 des Serotonins in der Gehirnflüssigkeit der Zwangskranken im Vergleich zu der Konzentration von Gesunden gestützt. (vgl. Neumann, „Metakognitionen bei Zwangsstörungen“, S. 13)

Dass es sich bei der Krankheit um eine primäre Störung handelt, das heißt, dass die Krankheit unmittelbar aus der Ursache und nicht als Folge einer Beeinträchtigung entsteht (sekundär, tertiär), ist umstritten. Man nimmt an, dass eine Beeinträchtigung der Fähigkeit, das Verhalten an eine sich modifizierende Umwelt und an das emotionale Befinden anzupassen eine primäre Störung sei, aus dieser dann die Erkrankung als eine sekundäre Abwandlung folgt. (vgl. Baumgarten & Grozdanovic, 1998) Dies würde ein erneutes Auftreten der Zwangssymptome nach dem Absetzen der Medikamente erklären. (vgl. Neumann, „Metakognitionen bei Zwangsstörungen“, S. 13f)

3.2.2 Dopamin- und Basalganglien-Hypothese

Insbesondere bei Patienten, die unter dem Tic- oder dem Gilles-de-la-Tourette-Syndrom leiden, wird vermutet, dass Dopamin eine relevante Rolle spielt. Es sollen aber nicht Transmitterstörungen die Ursache an der Krankheit sein, sondern Begleiterscheinungen von Störungen in Teilen des Hirns. (vgl. Möller, Laux & Kapfhammer, 2000, S. 1233)

Die Basalganglien sind Hirnareale, die bei motorischen, kognitiven als auch limbischen5 Regelungen eine wichtige Rolle spielen. Es sind Hinweise bekannt, die auf Störungen in Teilen der Basalganglien hindeuten. Jene Hinweise werden von der Positronenemissionstomographie6 (PET) gestützt. In Studien wurde mithilfe der PET ein erhöhter Glucoseumsatz in Teilen der Basalganglien vorgefunden. Ebenso lag eine Reduktion der Durchblutung in diesen Hirnregionen vor. Daher betrachten viele Forscher die Zwangsstörung als eine Basalganglienerkrankung und verknüpfen sie mit Bewegungs- und Impulskontrollstörungen, Parkinson und anderen Krankheiten mit Einschließung der Basalganglien. (Kostarellos, Die Zwangsstörung, S.51ff)

[...]


1 übertreiben, einer Sache mehr Bedeutung beimessen (vgl. Duden online, outrieren, o. J.)

2 Häufigkeit einerKrankheitoder einesSymptomsin einer Bevölkerung auf die gesamte Lebenszeit bezogen (vgl. Robert Koch-Institut, Heft 41-Psychotherapeutische Versorgung, Glossar, 2008)

3 Regulationsstörung im Serotoninsystem (vgl. Duden online, Dysregulation, o. J.) (vgl. DocCheck Medical Services GmbH, Serotoninerg, 2015)

4 Zwischenprodukt des Zellstoffwechsels (vgl. Duden online, Metabolit, o. J.)

5 limbisches System dient der Entstehung vom Triebverhalten und der Gefühlsverarbeitung (vgl. Duden online, limbisch, o. J.)

6 nuklearmedizinische Untersuchungsform (vgl. DocCheck Medical Services GmbH, Positronenemissionstomographie, 2015)

Details

Seiten
36
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783346048677
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v504000
Institution / Hochschule
Bundesrealgymnasium Linz
Note
Sehr gut
Schlagworte
Psychologie Zwangsstörung Zwangsneurose Medizin Biologie Humanmedizin Krankheit Chronisch

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Titel: Symptome, Ursachen und ausgewählte Behandlungsmöglichkeiten der Zwangsstörung unter besonderer Berücksichtigung von jugendlichen Patienten