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Pierre-Auguste Renoir - Zeitgeschehen und Zeit im Frühstück der Bootsfahrer

Forschungsarbeit 2002 25 Seiten

Kunst - Malerei

Leseprobe

Inhalt

1. Das Motiv
1.1. Vordergrund
1.2. Mittelgrund
1.3. Hintergrund

2. Zeitgeist und Zeitgeschehen im Frühstück der Bootsfahrer
2.1. Die Darstellungsart (Verborgene Aspekte von Zeitlosigkeit und Zeit)

3. Erzählte Zeit (Die Zeit der Handlung)

4. Resümee

Abgekürzt zitierte Literatur

1. Das Motiv

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dieses Bild zeigt die Terrasse des Restaurants „Fournaise“ in Chatou, einem Vorort von Paris am westlichen Verlauf der Seine. Auf der Terrasse dieses am Flussufer gelegenen Restaurants haben sich Freunde und Bekannte Renoirs zum Frühstück zusammenge-funden. Vertreter aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten treffen hier „ in völliger Harmonie“[1] aufeinander: Maler, Schauspielerinnen, Modelle vom Montmatre, Beamte, Journalisten, Adlige und einfache Bürger. „ Sie alle eint das gemeinsame Fest und das Glück des Augenblicks.“[2]

1.1. Vordergrund

Am linken Bildrand hat Renoir seine künftige Ehefrau, Aline Charigot, abgebildet. Obgleich mitten im Geschehen, zeigt sie offensichtlich keinerlei Interesse an der sie umgebenden Gesellschaft und wendet sich statt dem Hund zu, der vor ihr auf dem Tisch sitzt.

Renoirs Verlobte ist im Profil gegeben und trägt ein dunkelblaues Kleid, das an Hals und Ärmeln mit weißen Rü­schen abgesetzt ist, einen roten Schal und einen leuchtend gelben, mit Mohnblumen geschmückten Strohhut. Sowohl das Blumengebinde als auch das in Pastelltönen gehaltene Band, an dem die Blumen befestigt sind, der Schal und die Rüschen sind mit kurzen, beinahe punktartigen Pinselstrichen ausgeführt. Das Blau des Kleides hingegen wurde mit langen Pinselzügen aufgetragen. Sein Farbverlauf geht von einem tiefen Ultramarinblau, das in den Schattenpartien fast schwarz wirkt zu einem Rauchblau in den Licht besetzten Bereichen an Rücken, Schulter und Arm über.

Der Pinselduktus, mit dem Renoir seine künftige Ehefrau, den vor ihr sitzenden Hund sowie das beiseite geräumte Geschirr dargestellt hat, ist skizzenhaft und flüchtig. Konturen wurden nicht akzentuiert, sie ergeben sich nur aus dem Aufeinandertreffen gegensätzlicher Tonwerte.

Neben Aline Charigot erhebt sich die stattliche Figur Alfonse Fournaises. Dieser bärtige Mann, bei dem es sich um den Sohn des Restaurantinhabers handelt[3], ist ebenfalls ohne harte Konturen dargestellt. Wie schon bei Aline Charigot, ergeben sich feste Umrißlinien nur aus dem Kontrast von Hell und Dunkel oder aus dem unterschiedlicher Farbwerte.

Aufrecht stehend an ein Geländer gelehnt, überragt Alfonse Fournaise das übrige Geschehen und erstreckt sich fast bis zum oberen linken Bildrand. Auch dieser Mann trägt einen leuchtend gelben Strohhut - allerdings mit einer blauen Einfassung am Rand -, eine weiße Hose und ein weißes, ärmel­loses Hemd, das seine muskulösen Arme gut zur Geltung bringt. Das Weiß seines Hemdes vermischt sich partiell mit Rot und Blau und lässt an der Knopfleiste Spuren von Gelb erkennen. Diese findet man auch in der aus unterschiedlich gerichteten Pinselzügen bestehenden Vegetation im Hintergrundbereich, deren vorherrschendes Blau-grün einen Komplementärfarbkon-trast zu dem frischen, rosigen Ton von Fournaises Haut bildet.

Fournaises unterer Körperbereich ist von der Taille abwärts von Aline Charigot bedeckt. Sein Körper ist in Drei­viertelansicht von rechts dargestellt, das Gesicht ist jedoch im Profil gegeben. Mit offensichtlichem Interesse verfolgt er das Hinter­grundgeschehen am rechten oberen Bildrand.

Ihm gegenüber ist am rechten unteren Bildrand der Maler Gustave Caillebotte abgebildet.[4] Rittlings auf seinem Stuhl sitzend schaut er zu Aline Charigot hinüber. Doch diese ist zu sehr mit dem Hund beschäftigt um seinen Blick zu erwidern. Caillebotte trägt eine schwarze Hose, ein weißes ärmelloses Hemd und ebenfalls einen Strohhut. Wie schon die Kleidung von Aline Charigot und Fournaise, sind auch Hemd und Hose von Caillebotte in ihrer Farbgebung nicht einheitlich strukturiert: Das weiße Hemd reflektiert die Lokalfarben seiner nächsten Umgebung und lässt an Rücken und Schulter blaue Segmente erkennen. Die schwarze Hose weist rote und blaue Spuren auf und verrät auf diese Weise die Zusammensetzung ihrer chromatischen Bestandteile. Das aufgehellte Kadmiumgelb seines Strohhutes kann mit der Farbintensität der Hüte von Fournaise und Aline Charigot durchaus konkurrieren. Allerdings ist Caillebottes Hut - im Gegensatz zu dem Fournaises - nicht am Rand eingefaßt, sondern hat ein breites blaues Band.

Modi­sche Strohhüte in unterschiedlichen Ausfertigungen gehörten im 19. Jahrhun-dert zur Ausstattung der Bootsfahrer. Das breite Band dokumentierte die Mit­glied-schaft in einem Ruderclub.[5] Folglich werden Fournaise und Caillebotte durch ihre Hüte als Bootsfahrer ausgewiesen; dies jedoch mit dem Unterschied, dass Fournaise diese Tätigkeit professionell ausübte, während sie für Caillebotte nur ein Freizeitvergnügen war.

Zwischen Aline Charigot und Gustave Caillebotte befindet sich der reich gedeckte Frühstückstisch, auf dessen weißen Tafeltuch ein stilllebenhaft arrangiertes Ensemble aus Flaschen, Gläsern, Obstschale und Früchten anschaulich wird. Der dominieren-de Farbton dieses in skizzenhafter Flüchtigkeit ausgeführten Arrangements ist ein tief dunkles, stellenweise zum Schwarz übergehendes Blau. Es findet sich in den Flaschen und in den Weintrauben in der Mitte des Tisches. Daneben erscheinen Einsprenkelun-gen von Rot, Grün und Gelb. Diese zeigen sich in den Birnen. Rot und Gelb vereinigen sich schließlich zu einem satten Orange, werden durch Beimischung von Malmittel transparent und geben den restlichen Trauben ihr bernsteinartiges Aussehen.

Direkt neben Aline Charigot kann man ein kleines rostrotes Faß erkennen. Der warme Farbton dieses Gefäßes wiederholt sich in den Korken der Weinflaschen. Von den fünf Flaschen sind zwei bereits geleert, zwei nur noch zur Hälfte gefüllt. Das Frühstück scheint offensichtlich schon eine Weile anzudauern, wovon auch das beiseite geräumte Geschirr und die Essensreste an der vor­deren Tischkante zeugen.

1.2. Mittelgrund

Direkt im Zentrum dieses Bildes befindet sich der Baron Raoul Barbier, ein Bekannter Renoirs. Er ist mit einem braunen Anzug und einem gleichfarbigen Bowlerhut bekleidet. Die Jacke, nur knapp skizziert, scheint, als hätte sie ihre ursprüngliche Konsistenz eingebüßt: Sie wirkt nicht wie ein textiles Gewebe aus Kette und Schuss, sondern wie ein wattiges Etwas. Dem Diffusen ihrer Form entspricht das nicht näher Definierbare ihrer Farbgebung. Statt eines konsequent durchgehaltenen Lokalfarbtons zeigt sich auch hier ein Nebeneinander unterschiedlich gerichteter Pinselzüge aus Blau, Ocker und Rostrot. Ähnlich in der Struktur, doch durch die Reflexion des Rottons aus der Markise wärmer im Tonwert ist der Hut.

Barbier ist in Rückenansicht dargestellt. Offensichtlich ist er mit der jungen Dame, die sich vor ihm lässig auf das Geländer stützt, in ein Gespräch verwickelt. Die Identität dieser Figur ist jedoch unbekannt.[6]

Am rechten Bildrand neigt sich ein junger Mann in einem hellen, gestreiften Jackett der jungen Dame in Blau zu. Diese kümmert sich jedoch nicht um ihn und konzentriert sich statt dessen vollständig auf Caillebotte. Der Mann in der gestreiften Jacke ist der Journalist Maggiolo, ein Bekannter Renoirs, die Dame in Blau ist die Schauspielerin Ellen Andrée.[7]

1.3. Hintergrund

In dem v-förmigen Ausschnitt zwischen Barbier, Ellen Andrée und Maggiolo kann man an einem weiteren Tisch eine Frau mit einem Blumen besetzten Strohhut erkennen. Diese skizzenhaft ausgeführte Frau, bei der es sich um Angèle, ein Blumenmädchen vom Montmartre handelt, ist gerade dabei, ihr Glas zum Mund zu führen.

Direkt hinter ihr steht Charles Ephrussi, ein wohlhabender Bankier und Kunstmäzen. Unübersehbar mit dem hoch aufragendem Zylinder und in Dreiviertelansicht von links dargestellt, wendet er sich einem jungen Mann zu, dessen rehbraune Jacke einen warmen Tonwert in das kühle Blau der Hintergrundlandschaft wirft.

Am rechten oberen Bildrand zeigt sich eine Dreiergruppe, bestehend aus zwei Herren und einer Dame, die offensichtlich in eine amüsante Unterhaltung vertieft ist. Bei den beiden Herren handelt es sich um Renoirs Freunde Lhote und Lestringuez, bei der Dame um die Schauspielerin Jeanne Samary.[8]

Lhote trägt einen Strohhut, ebenfalls mit dem breiten Band der Ruderclubmitglieder, und Lestringuez, dessen Gesicht nur knapp angedeutet ist, einen schwarzen Bowlerhut. Lhote und Lestringuez waren ebenfalls Künstler, die Renoir ab Mitte der siebziger Jahre häufig Modell standen.[9] Beide sind auch in dem 1876 vollendeten Werk Le Moulin de la Galette dargestellt.[10] Die grau-roten Streifen in Lhotes Pullover wiederholen sich in der Markise, welche die Terrasse, auf der diese ausgelassene Veranstaltung stattfindet, überdacht.

Im linken Bilddrittel erkennt man unter der Markise die schemenhafte Anlage einer Eisenbahnbrücke. Davor befinden sich, ebenfalls nur flüchtig angedeutet, zwei Segelboote und im Anschluss an die Terrasse die Uferböschung der Seine.

[...]


[1] Sagner-Düchting 1996, S. 90

[2] ebd., S. 90

[3] vgl.: Herbert 1989, S. 268f

[4] vgl.: Eberle 1993, S. 19

[5] vgl.: Herbert 1989, S. 268f

[6] vgl.: ebd.,S.268

[7] vgl.: Sagner-Düchting 1996, S. 88

[8] vgl.: Herbert 1989, S. 268; Sagner-Düchting 1996, S. 89f

[9] vgl.: Rewald 1986, S. 247

[10] vgl.: Herbert 1989, S. 268; Meier-Graefe 1966, S. 547; Feist 1987, S. 44

Details

Seiten
25
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638130684
Dateigröße
611 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v5036
Schlagworte
Pierre-Auguste Renoir Zeitgeschehen Zeit Frühstück Bootsfahrer

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Titel: Pierre-Auguste Renoir - Zeitgeschehen und Zeit im Frühstück der Bootsfahrer