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Die Eroberung der hellenistischen Welt

Eine kulturelle Perspektive unter Berücksichtigung der Schriften des Polybios, Titus Livius, Pausanias und Theokritos

von Simeon Michalski (Autor) Kim Zerhusen (Lektor)

Hausarbeit 2019 14 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Historische Rahmen der Eroberung Griechenlands

3. Die Hellenistische Kultur
3.1 Entstehung und Verbreitung
3.2 Herrscherkult und Götterwelt
3.3 Sprache, Philosophie und Bildung

4. Hellenistische Kultur unter römischer Besetzung

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Quellen

Sekundärliteratur

1. Einleitung

Die Jahre zwischen 215 v.Chr. und 145 v.Chr. waren geprägt von einem fortdauernden Konflikt zwischen den Griechen und Römern. Zuerst entlud sich dieser im Ersten Makedonischen Krieg (215-205 v.Chr.), gefolgt vom Zweiten Makedonischen Krieg (200-197 v.Chr.), dem Dritten Makedonischen Krieg (171-168 v.Chr.) und dem entscheidenden Achaiischen Krieg (146-145 v.Chr.).

Der Achaiische Krieg besiegelte den Verlust der letzten unter griechischer Kontrolle stehenden Regionen, nachdem Makedonien bereits 168 v.Chr. eine römische Provinz geworden war. Die griechische Kultur hingegen bestand fort und beeinflusste zunehmend auch das Römische Reich. Selbst die rasche Ausbreitung des Christentums in der Spätantike konnte die griechischen Lehren nicht nachhaltig unterdrücken oder verdrängen.

In späteren Jahren fand die griechische Kultur auch bei mehreren römischen Kaisern gesteigerte Beachtung. So gilt etwa Kaiser Hadrian (117-138) als besonders hellenophil. Diese Vorliebe trat neben seinem Äußeren auch in seinem Auftreten und in seiner Ernennung zum Archonten im Jahr 111 zum Vorschein.

Um die Vorgänge der Jahre 215-145 v.Chr. am besten zu verstehen, eignen sich die Berichte des Polybios (ca. 200 – 120 v.Chr.) und Titus Livius (59-17 n.Chr.), sowie des Pausanias (115- ca. 180). Titus Livius, ein römischer Geschichtsschreiber, der zur Zeit der Konflikte um Augustus lebte, verfasste das Werk Ab urbe condita. Dieses umfasst die römische Geschichte von der Gründung der Stadt bis zum Tode des Drusus, dem Stiefsohn des Augustus. Polybios, ein griechischer Geschichtsschreiber, verfasste die Historíai, ein Geschichtswerk in griechischer Sprache, welches eine Beschreibung Jahre 264 bis 146 v.Chr. enthält.

Diese Hausarbeit soll sich mit den kulturellen Aspekten der römischen Invasion Griechenlands befassen. Sie soll erläutern wie sich die römische und hellenistische Kultur in der Folge gegenseitig beeinflusst und katalysierend für die Entwicklung des Altertums gewirkt haben. Hierzu ist es zuerst von Nöten, die Eroberung Griechenlands in einen historischen Kontext einzuordnen. Danach gilt es ausgewählte Aspekte der hellenistischen Kultur zu erläutern, um schließlich Rückschlüsse auf die Auswirkungen auf das Römische Reich zu analysieren.

2. Der Historische Rahmen der Eroberung Griechenlands

Im Jahr 215 v.Chr. kam es zwischen dem Römischen Reich und den Makedonen unter König Phillip V. zum Ersten Makedonischen Krieg. Der Konflikt entstand als Folge des Zweiten Punischen Krieges, da Phillip V., aufgrund der augenscheinlichen Schwäche des Römischen Reiches versuchte die Stadt Illyrien unter seine Kontrolle zu bringen. Polybios berichtet von einem Bündnisvertrag zwischen den Karthagern und Makedonen, welcher vorsah, dass „[…] König Philippus […] mit einer möglichst großen Flotte - er schien 200 Schiffe stellen zu können - nach Italien hinüberfahren, die Küste verwüsten und sich dann seinerseits am Land- und Seekrieg beteiligen [solle].“1 Der Krieg endete schließlich 215 v.Chr. im Frieden von Phoinike, der eine gegenseitige Anerkennung des Status-quo beinhaltete.

Die Römer, welche durch diesen Frieden einen gewissen Imageschaden erlitten hatten, seien erbittert gewesen.2 201 v. Chr. richteten Pergamon und Rhodos ein Hilfegesuch an Rom, da sie eine Bedrohung durch die Makedonen fürchteten. Diese hatten einen Raubvertrag mit dem Seleukiden König Antiochos III. geschlossen, der eine Annexion der Ptolemäer Gebiete vorsah. Die Entscheidung fiel 197 v.Chr. in der Schlacht bei Kynoskephalai, die das Ende der makedonischen Hegemonie in Griechenland zur Folge hatte. Livius schreibt, dass die Römer forderten Phillip V. solle „[…] seine Besatzungen […] aus den Städten abziehen, die in Asien seien, aus Euromos und Pedasa und aus Bargylia, Jasos, Myrina, Abydos, Thasos und Perinth; denn man wolle, daß [sic!] auch diese frei seien.“3

Daraufhin kommt es schließlich 171 v.Chr. zum Dritten Makedonischen Krieg. Der Sieg in der ersten Schlacht ging an die Makedonen, Polybios beschreibt ihre Reaktion darauf wie folgt: „Als sich die Kunde von dem makedonischen Sieg in der Reiterschlacht über ganz Griechenland verbreitete, flammte wie ein Feuer die Stimmung der Menge für Perseus auf, mit der vorher die meisten hinter dem Berge gehalten hatten.“4 Perseus war nach dem Tod Phillips V. im Jahr 175 v.Chr. zu dessen Nachfolger gewählt worden und hatte bereits früh versucht die Griechen wegen des absehbaren Krieges hinter sich zu vereinen.5

Zu einer finalen Entscheidung kommt es schließlich im Jahr 168 v.Chr. in der Schlacht bei Pydna. Das römische Heer unter dem Konsuln L. Aemilius Paullus stand dem makedonischen unter der Führung des Perseus gegenüber. Die taktische Überlegenheit der Römer führte schließlich zu deren Sieg und der Vernichtung eines Großteils des makedonischen Heeres. Zwar gelang es Perseus zunächst nach Amphipolis zu fliehen, dort wurde er jedoch später von den Römern gefangen genommen und schließlich nach Italien gebracht.6 Die Niederlage in Pydna wird heute taktischen Fehlern des Perseus zu geschrieben.

Makedonien wurde schließlich von Rom in vier Bezirke geteilt, erhielt eingeschränkte Freiheitsrechte und wurde steuerpflichtig. Die Steuern wurden allerdings im Vergleich zur Herrschaft des Perseus um die Hälfte niedriger angesetzt.7 Die Reaktion der Makedonen war laut Livius gespalten:

„Die wider Erwarten verliehene Freiheit und die Minderung der jährlichen Abgaben ließ die Herzen höher schlagen [sic!]. Da aber der Handel zwischen den Bezirken unterbunden war, schien ihnen Makedonien so zerstückelt, als wenn ein Lebewesen in seine einzelnen Glieder auseinandergerissen wäre, von denen das eine das andere doch nötig hat […]“.8

Der Achaiische Bund, der seit dem zweiten Makedonischen Krieg mit Rom verbündet war, sollte ganz Griechenland unter seine Kontrolle bringen. Da es aber innerhalb des Bundes immer wieder zu Konflikten um Sparta kam und auch die Erlangung der Kontrolle über Griechenland nicht erreicht werden konnte, kam es schließlich 147 v.Chr. zum Bruch mit Rom. Die Römer forderten Sparta und einige andere Städte dazu auf den Bund zu verlassen.9 Da der Achaiische Bund sich allerdings weigerte sich den Forderungen Roms zu beugen, kam es zum Krieg. Der römische Feldherr L.Mummius besiegt die Bundesgenossen schließlich und zerstört Korinth. Der griechische Geograph Pausanias10 schreibt hierzu: „[…] am dritten Tage nach der Schlacht endlich nahm er [die Stadt] mit Sturm und zündete sie an. Die Männer, deren man noch habhaft wurde, vielen größtenteils unter dem Schwerte der Römer. Die [Frauen] und Kinder wurden von Mummius verkauft.“11

Nach der Zerstörung Korinths und dem Sieg über den Achaiischen Bund wurde dieser durch die Römer in die bereits bestehende Provinz Makedonien integriert. Bei Pausanias heißt es hierzu: „Als […] die ihm beigegebenen Berater angekommen waren, da hob er die volksherrschaftliche Verfassung auf und machte die obrigkeitlichen Ämter vom Vermögen abhängig; ganz Hellas wurde eine Steuer auferlegt […].“12 Folglich gliederten die Römer die Städte des Achaiischen Bundes in ihr Herrschaftssystem ein, schafften die Demokratie ab und führten eine Regierung nach dem Zensus ein.

Somit stand Griechenland im Jahr 145 v.Chr. vollkommen unter römischer Kontrolle. Trotz größerer Umbrüche in Bezug auf die Verwaltung blieb Griechenland unter römischer Kontrolle: Im Jahr 27 n.Chr. wurde die Provinz Achaea gebildet, die die Peloponnes und Attika umfasste. Unter der Reichsreform Kaiser Diokletians wurde schließlich die Diözese Macedoniae gebildet, die 395 im Zuge der Reichsteilung mit Achaea, Thrakien und Epirus an das Oströmische Reich ging.

3. Die Hellenistische Kultur

3.1 Entstehung und Verbreitung

Der Feldzug Alexanders des Großen in den Jahren 334 bis 323 v.Chr. führte zur Unterwerfung eines Gebietes „[…] dessen West-Ost-Ausdehnung sich von Makedonien bis nach Indien und dessen Süd-Nord-Ausdehnung sich von Ägypten bis zum Kaukasus erstreckte.“13 Der Historiker Klaus Meister beschreibt die kulturelle Ausbreitung des Hellenismus als Folge der Eroberungen durch Alexander den Großen. Durch seine Feldzüge seien die griechische Kultur und Sprache (Koine14 ) weit über die Grenzen Griechenlands hinausgetragen. Diese Verbreitung habe schließlich zu der Bildung eines großen Wirtschaftsraums geführt. Dieser Vorgang wurde im Besonderen durch die Schaffung einer gemeinsamen Währung beschleunigt.15

Meister beschreibt den Alexanderzug als Beginn eines „dritten Kolonisationszeitalters“16. Dieses war seiner Meinung nach besonders durch die Gründung neuer Städte, die nach dem Vorbild der griechischen Polis gebaut wurden, begründet.17 Meister schreibt hierzu:

„Die Neugründungen wiesen zumeist die charakteristischen Bauten griechischer Städte auf: Neben riesigen Wohnblöcken Mauern aus massivem Stein, monumentale Stadttore, prachtvolle Heiligtümer, repräsentative Buleuteria (»Rathäuser«), großartige Säulenhallen, mächtige Theaterbauten und großzügige Gymnasien.“18

Eine besondere Rolle kommt laut Meister dem griechischen Gymnasion zu, über das an späterer Stelle mehr zusagen sein wird. Er unterstreicht die Wichtigkeit dieser Erziehungseinrichtungen, da diese neben der griechischen Kultur auch „[…] das Gefühl der griechischen Überlegenheit gegenüber anderen Völkern“19 vermittelt habe.

Meister fasst hier zu zusammen: „Überhaupt erlebte das griechische Vereinswesen im Hellenismus eine hohe Blüte: Religiöse, soziale und gewerbliche Vereinigungen sind sehr häufig anzutreffen, daneben auch Priester und Kultbeamte für die zahlreichen Heiligtümer.“20

3.2 Herrscherkult und Götterwelt

Die Herrschaft und die Verehrung der Götter waren in den hellenistischen Reichen eng miteinander verbunden. Peter Scholz schreibt in seinem Buch Der Hellenismus: Der Hof und die Welt: „Die Herrscher besaßen kein ihnen eigenes Medium, um <Öffentlichkeitsarbeit> zugunsten ihrer eigenen Person zu machen oder um bestimmte politische Botschaften zu verbreiten.“21 Vielmehr seien die Herrscher darauf angewiesen gewesen ihre Politik an Orten wie Heiligtümern zu propagieren. Ihre Ehrfurcht vor Göttern demonstrierten sie über Weihgeschenke oder Feste, was wiederum ihr Ansehen bei der Bevölkerung verbesserte.22 Die Herrscher selbst wurden ebenfalls kultisch verehrt. Scholz sieht dafür zwei Gründe:

„Zum einen ging sie auf die Initiative der unterworfenen Völkerschaften, wie etwa der Ägypter zurück, deren Traditionen es entsprach, einen Herrscher als Gottheit […] zu begreifen […]. Zum anderen riefen die griechischen Bürgerschaften selbst diese neuartigen Herrscherkulte ins Leben, da sie aus der Tradition ihrer begrenzten stadtstaatlichen Strukturen heraus bislang keinerlei angemessene Ausdrucksform hatten entwickeln müssen, wie solch (über)mächtige Männer zu ehren seien.“23

Belegen lässt sich dies etwa durch den griechischen Dichter Theokrit. Im 15. Kapitel seiner Eidyllia schreibt er über zwei Freundinnen namens Gorgo und Praxinoa, die ein von der alexandrinischen Königin Arsinoe ausgerichtetes Fest besuchen wollen: „Gehen wir hin auf die Burg Ptolemaios', des reichen Gebieters, um den Adonis zu schau'n; denn herrliche Dinge - so hört' ich - ordnet die Königin an.“24

Die Religionen des Hellenismus waren geprägt durch die Verschmelzung verschiedener Götter und Kulte. Angelos Chaniotis hebt die tiefere Bedeutung dieser Kulte als Medium eines göttlichen Schutzes heraus, der in der kriegerischen Zeit des Hellenismus oft ersehnt wurde.25 Diesen Ursprung erkennt auch Scholz an. So ist er der Meinung das besonders die römische Eroberung der hellenistischen Städte zu einer Unsicherheitsgefühl in der Bevölkerung geführt habe. Ein Indiz dafür sieht er in der raschen Verbreitung von Münzen und Reliefs, die die Schicksalsgöttin Tyche darstellen.26

[...]


1 Liv.23,33,9.

2 vgl. Liv.31,1,6-10.

3 Liv.33,30,3f.

4 Polyb.27,9.

5 vgl. Liv.41,22-26.

6 vgl. Liv.45,4-9.

7 vgl. Liv.45,18,7.

8 Liv.45,30,1f.

9 vgl. Paus.7,14.

10 Pausanias war eigentlich Geograph und Reiseschriftsteller, auch wenn seine Werke zum Teil Züge eines Historikers haben, folgt er doch keinem Historiographischen Ansatz.

11 Paus.7,16.

12 Paus.7,16.

13 Klaus Meister, Der Hellenismus, Stuttgart 2016, S.9.

14 Die Koine (ἡ κοινὴ διάλεκτος übersetzt „der allgemeine Dialekt“) war die zwischen ca. 200 v.Chr. bis 600 n.Chr. gängie Form der griechischen Sprache.

15 vgl. Meister 2016, S.9.

16 a.a.O.

17 vgl. ebd., S.9f.

18 vgl. ebd. S.10.

19 ebd., S.12.

20 a.a.O.

21 Peter Scholz, Der Hellenismus: Der Hof und die Welt, München 2015, Kapitel VI 1.

22 vgl. a.a.O.

23 a.a.O.

24 Theok, eid. 15

25 vgl. Angelos Chianotis, Die Öffnung der Welt: Eine Globalgeschichte des Hellenismus, London 2018, S.397.

26 vgl. Scholz 2015, Kapitel VI 1.

Details

Seiten
14
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346043771
ISBN (Buch)
9783346043788
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v503513
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1,0
Schlagworte
Hellenismus Römische Republik Kulturgeschichte Antike Eroberung Dritter Makedonischer Krieg Achaiischer Bund Korinth Herrscherkult

Autoren

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