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Phänomene des Doppelgängers in „Das Unheimliche“ von Sigmund Freud

Essay 2016 6 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Phänome des Doppelgängers in „Das Unheimliche“ von Sigmund Freud Essay

Lektürekurs: Literaturtheorie: Sigmund Freud und die Literatur

Phänome des Doppelgängers in „Das Unheimliche“ von Sigmund Freud.

„Denn der Doppelgänger war ursprünglich eine Versicherung gegen den Untergang des Ichs, eine ‚energische Dementierung der Macht des Todes‘ (O. Rank) und wahrscheinlich war die ‚unsterbliche‘ Seele der erste Doppelgänger des Leibes.“ (Freud 2000: 258)

Die Anfänge des Motivs des Doppelgängers sind in der Literatur der Romantik zu finden. Das Doppelgängertum verkörpert einen Doppelgänger des Menschen, der entweder als die dunkle Seite der Persönlichkeit oder als Antithese zum Schutzengel angesehen wird. Das Motiv des Doppelgängers hat bisher an Aktualität nichts verloren. Immer wieder kommt es zu zahlreichen Erscheinungen in Literatur, Kino, medialen Unterhaltungen und Lebensgeschichten. Beispielsweise das Auftreten von Personen, die wegen ihrer gleichen Erscheinung für identisch gehalten werden, das Überspringen der seelischen Vorgänge von einer Person auf die andere, die Identifizierung mit einer anderen Person (vgl. Freud 2000: 257) haben auf den Leser bzw. den Zuschauer intuitiv eine unheimliche, negativ gefärbte Wirkung des Doppelgängers.

Nicht selten wird der Doppelgänger auf Kosten des Protagonisten selbstsicherer und nimmt seinen Platz in der Welt. Die das Doppelgängertum vertretenden Werke, auf die Freud in seiner Arbeit „Das Unheimliche“ Bezug nimmt, sind „Die Elixiere des Teufels“ von E.T.A. Hoffmann und „Der Doppelgänger“ von Otto Rank (vgl. Freud: 257f). Dem Werk „Die Elixiere des Teufels“ schreibt Freud eine unheimliche Wirkung der Geschichte zu. Diese erzielt beabsichtigte Irreführung des Lesers, indem der Dichter Gleichartiges an Szenen anhäuft (vgl. Freud 2000: 257).

Freud definiert den Doppelgänger als Entfremdung vom eigenen Selbst, als Ich-Spaltung, die die eigene Persönlichkeit verdoppelt, teilt oder vertauscht (vgl. Freud 2000: 257). Der Wunsch, ewig zu existieren und dabei die eigene Existenz auf diverse Arten zu genießen, hat niemals den menschlichen Verstand verlassen. Hier wäre zu fragen, wie der Wunsch nach dem ewigen Leben entstanden ist und wie das alles mit Doppelgängertum in Verbindung steht. Dafür kann folgendes Zitat angeführt werden, das das Entstehungskonzept des Doppelgängers erläutert: „Aber diese Vorstellungen [über das Doppelgängertum, Anm. d. Verf.] sind auf dem Boden der uneingeschränkten Selbstliebe entstanden, des primären Narzissmus, welcher das Seelenleben des Kindes wie des Primitiven beherrscht, und mit der Überwindung dieser Phase ändert sich das Vorzeichen des Doppelgängers, aus einer Versicherung des Fortlebens wird es zum unheimlichen Vorboten des Todes.“ (Freud 2000: 258)

Freud bestimmt den primären Narzissmus als eine Fusion von Subjekt und Objekt, eine Nicht- Differenzierung zwischen Selbst und Objekt (vgl. Laplanche/Pontalis 1972: 319ff) und somit Nicht - Unterscheidung zwischen dem Wunsch und seiner Erfüllung. Mit der Nicht- Differenzierung nach Freud wird der ideale Vollkommenheitszustand eines Menschen definiert.

Die Phase des primären Narzissmus besitzt eine positive Vorstellung in der Entwicklung eines Kindes und wird später auf eine natürliche Weise durch die Spiegelstufe überwunden. Die Wahrnehmung des eigenen Spiegelbildes funktioniert weiterhin als lebensnotwendige Basis, ohne derer das Ich verloren geht in psychotischer Nicht-Abgrenzung des Inneren und Äußeren. An die Stelle des überwundenen primären Narzissmus tritt der sekundäre samt der Fähigkeit, zwischen Ich und Nicht-Ich zu unterscheiden und die Liebe auf ein Objekt auszurichten. (vgl. Laplanche/Pontalis 1972: 321f) Gleichzeitig aber löscht die Überwindungsphase den Idealzustand aus und wird von der Angst gefolgt, eines Tages zu sterben. Das muss das Ende der Selbstliebe bedeuten, auf die das Individuum nicht verzichten kann. Auch das Christentum besagt mit dem Postulat „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ das Vorhandensein und folglich die Wichtigkeit der Selbstliebe.

Die Tatsache, dass wir alle sterblich sind und uns selbst darum nicht bis in alle Ewigkeit lieben können, steht mit dem Menschen immanenten Narzissmus im Widerspruch und wird somit „zum unheimlichen Vorboten des Todes“ (Freud 2000: 258).

Daher sucht man nach einem Ausweg: Einige widmen sich der Religion, in der die als unsterbliche angenommene Seele sich von dem vergänglichen Körper ablösen, und so den Untergang des Ichs versichern kann. Andere haben Kinder, der Beweis der eigenen Fortbestehung, ihre Wiederspiegelung, die sie weiterlieben können (vgl. Freud 1924: 22). Dazu ist die narzisstische Liebe zu erwähnen, die einem Menschen ermöglicht, seine Züge in der Partnerin oder dem Partner zu lieben, die man entweder selbst besitzt oder besitzen will (vgl Freud 1924: 21).

Andere konzentrieren sich auf das in der Vorstellung aufgebaute Ich-Ideal, welches das Erbe des primären Narzissmus darstellt, da es den Gefühlszustand der Vollkommenheit verspricht, und an dem, laut Freud, das aktuelle Ich gemessen wird (vgl. Laplanche 1972: 217f). Die Persönlichkeit strebt danach, das Ich-Ideal im Leben zu verwirklichen und so die narzisstischen Bedürfnisse zu befriedigen. Wenn aber die Annäherung zum Ich-Ideal gescheitert ist, die Religion oder die Familie für das Fortbestehen des Ichs nicht genug überzeugend wirken, kann die Möglichkeit entstehen, die schmerzhafte Erkenntnis, dass Realität etwas Anderes ist als die frühe Wunschvorstellung, zu verdrängen, was zur Ich-Spaltung, zum Doppelgängertum führen kann. Freud porträtiert die Ich-Spaltung als einen tiefergreifenden innerlichen Konflikt und stellt fest, dass es sich dabei um eine pathologische Erscheinung handelt (vgl. Freud 2000: 258).

Aus dem Ich bildet sich eine besondere Instanz heraus, die sich dem restlichen Ich gegenüberstellt und sich von Ich abtrennt, als ob im Innern des Psychischen zwei Persönlichkeiten existieren, die sich gegenseitig ignorieren können (J. Laplanche/Pontalis 1972: 208). Auf diese Weise können dem Doppelgänger Inhalte zugewiesen werden, welche der Zensurinstanz, die für Selbstbeobachtung und Selbstkritik verantwortlich ist, nämlich das „Über- Ich“, zu „anstößig“ (Freud 2000: 259) erscheinen. Dies hat zur Folge, dass die Spiegelung des Ichs zur Quelle des Bösen wird. Es ist zu bemerken, dass auf den Doppelgänger auch anderes Unbewusstes projiziert werden kann, zum Beispiel verdrängte Wünsche oder Entscheidungen, oder auch Strebungen des Ichs, die sich nicht durchsetzen können (vgl. Freud 2000: 259). Der Mensch könnte die Unsterblichkeit und somit den Wunsch nach ewiger Selbstliebe retten, wenn er die Fähigkeit besäße, sich nach dem vorgestellten Vorbild des eigenen Leibes zu verdoppeln und sich in seiner Phantasie eine unkörperliche, aber dem eigenen Leib ähnliche zweite Gestalt zu schaffen.

Es ist anzumerken, dass für Freud das Doppelgängertum ein unheimlich wirkendes Schreckbild ist (vgl. Freud 2000: 259), weil etwas Fremdes aus dem Ich hineinprojiziert wird, was den Sturz des eigenen Selbst bedeutet. Wenn wir jetzt eine Parallel zwischen Göttern, die nach dem Sturz ihrer Religion zu Dämonen werden (vgl. Freud 2000: 259), anstellen, so hat die gespaltene Persönlichkeit das Aufrechterhalten seiner Ganzheit nicht erfüllt, und das eigene Selbst verloren. Dies verkörpert die Regression und den obsessiven Wunsch zurück in die Zeiten zu gelangen, wo man sich noch nicht definieren konnte, wo die Person selbst ein idealer Ich-Zustand in voller Verschmelzung mit der Mutter war (vgl. Freud 2000: 259), ohne zwischen Tod oder Sozialisation auswählen zu müssen und somit jede Art des Doppelgängertums ausgeschlossen war.

Aber ist es wirklich so, dass es sich beim Doppelgänger immer um eine pathologische Erscheinung handelt oder immer die unheimliche Wirkung verursacht wird? Möglicherweise ist jede Persönlichkeit zu einem gewissen Grad gespalten: In der Gesellschaft mancher Menschen verhalten wir uns anders als in der Gesellschaft anderer. So spürt das Subjekt ständig die Anwesenheit von Jemand Anderem in sich. Es ist evident, dass die Kultur mit sozialen Normen selbst dazu beigetragen hat, dass man sich in verschiedenen Gesellschaften den jeweiligen Normen oder Erwartungen entsprechend verhalten soll, was unmittelbar das Heraustreten einer leichten Form des Doppelgängers provoziert. Wir verfügen über eine Vielzahl szenischer Gestalten, in deren wir, sobald sich bestimmte Umstände ergeben, ohne Mühe oder jegliche Art von Unheimlichkeit hineinschlüpfen, zwischen denen wir jederzeit wechseln können, ohne dabei Sehnsucht nach dem idealen Aufenthalt im Mutterleib zu empfinden.

Was verdrängte Wünsche anbelangt, kann der Doppelgänger zu ihnen zurückkehren, um zu reflektieren, ob die verdrängten Wünsche wirklich so „anstößig“ sind, dass man sie wieder verdrängen und somit den eigenen Abwehrmechanismus überladen muss, oder ob die eigene Zensurinstanz, also „Über-Ich“ sie schon für gültig erklären kann. Möglicherweise hilft das zeitweilige Verweilen im Doppelgängertum nicht nur sich der Gesellschaft anzupassen sondern auch unterdrückte Wünsche oder Willensentscheidungen einer kritischen Beurteilung zu unterziehen.

Literaturverzeichnis:

1. Freud, Sigmund: Das Unheimliche. In: Alexander Mitscherlich, Angela Richards, James Strachey. [Hrsg.], I.G-S. [Mithrsg. d. Ergänzungsbandes]: Psychologische Schriften. Studienausgabe BAND IV. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, 2000.
2. Freud, Sigmund: Zur Einführung des Narzißmus. Leipzig / Wien / Zürich. In: Internationaler Psychoanalytischer Verlag, 1924.
3. Laplanche, Jean / Pontalis, Jean-Bertrand: Das Vokabular der Psychoanalyse. Unter der Leitung von Daniel Lagache. Aus dem Französischen von Emma Moersch. Frankfurt/M: Suhkamp Verlag, 1972.

Details

Seiten
6
Jahr
2016
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v503415
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Doppelgänger Doppelgängertum Hoffmann Sigmund Freud

Autor

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Titel: Phänomene des Doppelgängers in „Das Unheimliche“ von Sigmund Freud