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Industrie 4.0 in der Produktions- und Prozessleittechnik

Geschichte und Implikationen auf die Gegenwart

Seminararbeit 2018 58 Seiten

Informatik - Industrie 4.0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Hinführung zur Thematik

2 Der Weg zu Industrie
2.1 Definition des Begriffs
2.2 Industrielle Revolution
2.3 Zentrale Elemente der Industrie 4.0 Vision
2.3.1 Automatisierungspyramide
2.3.2 Vertikale Integration
2.3.3 Horizontale Integration
2.3.4 Durchgängiges digitales Engineering

3 Elemente der Industrie
3.1 Cyber-Physische Systeme
3.2 Big Data
3.3 Cloud Computing
3.4 Reale und Virtuelle Welt
3.5 Radio Frequency Identification
3.6 Internet der Dinge

4 Smart Factory: Fabrik der Zukunft
4.1 Zentralen Aspekte der Smart Factory
4.2 Anwendungsbeispiel: Konfiguration des Traumautos

5 Chancen und Risiken von Industrie
5.1 Chancen
5.2 Risiken
5.3 Die Rolle der Mitarbeiter in Industrie

6 Potenziale in Deutschland

7 Fazit und Ausblick

Verzeichnisse

1 Hinführung zur Thematik

In den vergangenen Jahrzehnten kam es zu bedeutenden technologischen Veränderungen. Beispielsweise wurden Sensoren immer preisgünstiger. Das Internet wurde ausgebaut und ist mittlerweile über LAN, WLAN, LTE und 4G weltweit verfügbar. Die weltweite Ortung via GPS ist mit einer Genauigkeit von wenigen Metern möglich. Speicherkapazität ist inzwischen günstig und nahezu unbegrenzt verfügbar. Hier spielen Cloudbasierte Lösungen eine sehr wichtige Rolle. Data Mining bietet neue Möglichkeiten, um große Da­tenmengen beinahe in Echtzeit zu analysieren. Die Benutzerfreundlichkeit und Verwendung von Software und Hardware ist signifikant gestiegen und Rechenleistung (CPU) ist günstig und beinahe unbegrenzt verfügbar.1

Diese Entwicklungen prägen den Alltag des Menschen in vollen Zügen und sind nicht mehr wegzudenken. Zudem bestimmen sie auch die Industrie und die Produktionstechnik. Menschen und Dinge tauschen ständig mehr Infor­mationen über das Internet aus. Waren 1995 nur 40 Millionen Menschen ver­netzt, so sagen Prognosen aus, dass 2020 etwa 7 Mrd. Menschen vernetzt sein werden. Eine ähnliche Entwicklung wird auch bei der Vernetzung der Dinge beobachtet. 1997 waren 6 Mio. Computer mit dem Internet verbunden wohingegen es 2020 ca. 50 Mrd. vernetzte Dinge geben wird.2 In diesem Zu­sammenhang wird immer wieder der Begriff „Digitalisierung“ verwendet. Werden jedoch die verschiedenen industriellen Revolutionen betrachtet, kann festgestellt werden, dass es sich hierbei um ein Missverständnis han­delt. Nach der Mechanisierung und Elektrifizierung war die dritte industrielle Revolution als Zeitalter der Digitalisierung bekannt. Die speicherprogram­mierbare Steuerung (SPS) löste die analoge und binäre Logik ab und leitete die Digitalisierung ein. Die vierte industrielle Revolution, die auch unter In­dustrie 4.0 steht für das Zeitalter der Vernetzung.3

Computer, Smartphones, Fahrzeuge, Haushaltsgeräte, Maschinen, Gabel­stapler aber auch Werkstücke und Transportkisten sind miteinander vernetzt und teilen Daten über das Internet. Diese Entwicklung verändert die Indust- rie und auch den Markt. Rahmenbedingungen werden sich verändern und neue Geschäftsmodelle werden entstehen. Vorteile, wie beispielsweise hö­here Produktivität, Flexibilität, Qualität, volatile Märkte, individuelle Kunden­anforderungen, kürzere Lieferzeiten und Produktlebenszyklen, 24/7 Service an jedem Ort der Welt sprechen für diese Entwicklung. Zudem werden dis-ruptive Geschäftsmodelle ganze Branchen prägen. Neben den aufkommen­den Chancen und Möglichkeiten gehen jedoch auch neue Herausforderungen und Risiken einher.4

Diese Seminararbeit beschäftigt sich mit dem Thema Industrie 4.0 mit ver­stärktem Fokus auf die Produktions- und Prozessleittechnik. Im Rahmen dieser Seminararbeit wird zunächst der Weg hin zu Industrie 4.0 beschrieben und wesentliche Begrifflichkeiten geklärt. Anschließend werden zentrale technologische Elemente von Industrie 4.0 vorgestellt und anhand von einem Fallbeispiel in einer intelligenten Fabrik in Zusammenhang gebracht. Ab­schließend werden die Chancen und Risiken für Industrie, Mensch und Um­welt erläutert.

2 Der Weg zu Industrie 4.0

Der Begriff „Industrie 4.0“ hat sich in sehr kurzer Zeit zu einem sogenannten Buzzword entwickelt und ist heute in aller Munde. Inspiriert von Wolf-Dieter Lukas, Wolfgang Wahlster und Henning Kagermann wurde die Bezeichnung erstmals bei der Hannover Messe 2011 in die Öffentlichkeit getragen.5 Mit diesem Buzzword wird bekundet, dass eine vierte industrielle Revolution eingeleitet wird. In diesem Kapitel wird zunächst „Industrie 4.0“ definiert und die Vielschichtigkeit dieses Begriffs aufgezeigt. Anschließend wird der Weg zu Industrie 4.0, angefangen vom ersten mechanischen Webstuhl 1784 über das erste Fließband bis hin zur ersten speicherprogrammierbaren Steue­rung von 1969, beschrieben.6 Abschließend werden zentrale Elemente der Industrie 4.0 Vision vorgestellt.

2.1 Definition des Begriffs

Robert Obermeier definiert den Begriff Industrie 4.0 in seinem Werk „Indust­rie 4.0 als unternehmerische Gestaltungsaufgabe“ folgendermaßen:

Der Begriff Industrie 4.0 steht für die vierte industrielle Revolution, einer neuen Stufe der Organisation und Steuerung der gesamten Wertschöpfungs-kette über den Lebenszyklus von Produkten. Dieser Zyklus orientiert sich an den zunehmend individualisierten Kundenwünschen und erstreckt sich von der Idee, dem Auftrag über die Entwicklung und Fertigung, die Auslieferung eines Produkts an den Endkunden bis hin zum Recycling, einschließlich der damit verbundenen Dienstleistungen.

Basis ist die Verfügbarkeit aller relevanten Informationen in Echtzeit durch Vernetzung aller an der Wertschöpfung beteiligten Instanzen sowie die Fä­higkeit aus den Daten den zu jedem Zeitpunkt optimalen Wertschöpfungs-fluss abzuleiten. Durch die Verbindung von Menschen, Objekten und Syste­men entstehen dynamische, echtzeitoptimierte und selbst organisierende,

unternehmensübergreifende Wertschöpfungsnetzwerke, die sich nach un­terschiedlichen Kriterien wie bspw. Kosten, Verfügbarkeit und Ressourcen-verbrauch optimieren lassen7

Eine zentrale Aussage dieser Definition ist, dass Industrie 4.0 den gesamten Wertschöpfungsprozess betrachten will. Das Ziel ist es flexibel auf individu­elle Kundenwünsche und im Nachhinein getätigte Änderungswünsche zu reagieren. Grundlage für diese neue Stufe der Organisation ist die Verfüg­barkeit von Informationen in Echtzeit. Durch die Vernetzung aller Beteiligten des Wertschöpfungsnetzwerks, kann dieser Informationsaustausch stattfin-den.8 Dadurch ist es auch möglich, zu jedem Zeitpunkt den Prozess- und Produktionszustand abzufragen. Das übergeordnete Ziel von Industrie 4.0 ist der Aufbau einer intelligenten Fabrik (Smart Factory), die sich durch Wand-lungsfähigkeit, Ressourceneffizienz, Ergonomie sowie Integration von Kun­den und Geschäftspartnern auszeichnet. Technologische Grundlage sind Cyberphysische Systeme, das Internet der Dinge, Big Data, Cloud Computing, RFID, Virtual Reality und Augmented Reality. Diese zentralen Elemente wer­den im Laufe dieser Seminararbeit vorgestellt.9

2.2 Industrielle Revolution

Der geschichtliche Ablauf von der ersten Industriellen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts bis zum Status quo, den wir als Industrie 4.0 kennen, wird in Abbildung 2-1 demonstriert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2-1: Überblick: Industrielle Revolutionen

Um ein besseres Verständnis für die Entwicklung der Industrie zu erhalten, ist es notwendig, die erste, zweite und dritte industrielle Revolution näher zu betrachten.

Die erste industrielle Revolution begann 1784 in England mit dem Betrieb des ersten mechanischen Webstuhls und breitete sich später dann auf Kontinen­taleuropa aus. Auch wenn der Beginn der ersten industriellen Revolution auf 1784 datiert wurde, war die Erfindung der Dampfmaschine im Jahr 1712 und die Weiterentwicklung durch James Watt im Jahr 1769, Haupttreiber für den Startschuss dieser neuen Ära.10 Die Notwendigkeit für diesen Wandel ent­stand zum einen aus einem rasanten Bevölkerungswachstum und zum ande­ren aus dem rapide zunehmenden Export von industriell gefertigten Gütern. Durch die Einführung mechanischer Produktionsanlagen, angetrieben von Wasser- und Dampfkraft, stieg die Produktivität durch Massenfertigung um den Faktor 200.11 Vor der Revolution waren manuell verrichtete Arbeiten und durch Muskelkraft angetriebene Spinnräder noch vorherrschend. Neben der Produktivitätssteigerung wurde zudem eine erhebliche Wohlstandssteige­rung durch diese erste Stufe der Mechanisierung und Automatisierung er­zielt. Jedoch profitierten nicht alle Beteiligten gleichermaßen von diesen Auswirkungen. Während sich Arbeitgeber dank der geringeren Arbeiterkos­ten und der höheren Produktivität bereicherten, musste die Arbeitergesell­schaft unter harten Bedingungen leben. Die erste industrielle Revolution brachte für die Arbeiter Probleme wie lange Arbeitszeiten bis zu einer 80h-Woche, schlechte Arbeitsbedingungen, geringer Arbeitsschutz, niedrige Löh­ne, katastrophale Wohnbedingungen, Entlassungen und Kinderarbeit, mit sich. Diese Situation führte angetrieben durch den Weberaufstand zur Grün­dung der ersten Gewerkschaften. Zu den Branchen die von der technischen Neuerung der ersten industriellen Revolution profitierten, gehörte neben der Eisenbahn und Dampfschifffahrt, insbesondere die Nahrungs-, Eisen-, Textil-und Stahlindustrie. 12

Die zweite industrielle Revolution fand 1870 seinen Startschuss in den Schlachthäusern von Cincinnati. Neben den ersten hochgelegten Transport­bändern, spielte das Prinzip der Arbeitsteilung eine sehr wichtige Rolle. Ge­prägt von der „Taylorschen Idee“ wurde die Fertigung in einzelne, in sich abgeschlossene Arbeitsschritte, unterteilt.13 Ein prägender Meilenstein für diese Ära war zudem die Einführung der ersten Fließbandfertigung von Hen- ry Ford. Angetrieben durch elektrische Energie war die Massenfertigung möglich und die Produktivität stieg explosiv an. Fabrikhallen konnten dadurch in Rekordzeiten fertigen. Dank des Skaleneffekts konnten die Pro­dukte auch kostengünstiger hergestellt werden. Folglich wurden beispiels­weise die Löhne bei Ford verdoppelt und die Autopreise fielen um den Faktor 3 oder 4.14 Entscheidend für diese Ära werden neben der Erfindungen der Verbrennungskraftmaschine und des Elektromotors auch die Herstellung von Kunststoffen, gezählt.15 Neben der Elektrisierung und Automatisierung der Produktion, wurde auch der Außenhandel während der zweiten industri­ellen Revolution angekurbelt. So konnten Güter wie Kleidung, Autos, Le­bensmittel oder auch Rohstoffe transkontinental exportiert werden. Angeb-trieben wurde dieser Prozess insbesondere durch die Luftfahrt, die zu dieser Zeit ihren Betrieb aufnahm.16

Der Beginn der dritten industriellen Revolution wird grob auf den Anfang der 70er Jahre datiert. Angetrieben wurde diese Phase insbesondere durch die Informationstechnologie und der Vereinigung von Mechanik mit elektroni­schen und steuerungstechnischen Komponenten.17 Die erste digitale und frei programmierbare Steuerung (SPS) begann im Jahr 1969 die bis dato vor­herrschende analoge und binäre Logik abzulösen. Diese Entwicklung setzte ein weiteres Fundament in Hinblick auf Automatisierung und moderne Pro­zessleitsysteme. Durch den Einsatz von Sensorik, Aktorik, Steuerungstech­nik und Kommunikation ist bis heute eine variantenreiche vollautomatisierte Serienproduktion möglich.18 Neben der Vollautomatisierung der Produkti- onshallen, wurden Fertigungsschritte erstmals durch Elektronische Daten­verarbeitung (EDV) gesteuert.19 Zudem wurden durch den Einsatz von Indust­rieroboter, Montage- und Fertigungszeiten reduziert. Zu den weiteren tech­nologischen Errungenschaften dieser Phase zählen beispielsweise Personal Computer, Mobiltelefone, Satellitentechnik oder das Internet. Dies führte zur Revolutionierung der industriellen und gesellschaftlichen Kommunikation und war Hauptantreiber der Globalisierung.20

Das Besondere an der vierten industriellen Revolution ist, dass erstmals eine industrielle Revolution im Vorfeld ausgerufen wurde. Die Bezeichnungen Industrie 1.0 bis 3.0 wurden historisch gesehen im Nachhinein formuliert. Der Begriff Industrie 4.0 bezog sich ursprünglich auf ein Zukunftsprojekt in der Hightech-Strategie der Bundesregierung und wurde zum ersten Mal auf der Hannover Messe 2011 vorgestellt. Das Ziel dieses Projekts war es, dass in erster Linie die Digitalisierung und Vernetzung der Fertigungstechnik voran­getrieben wird. Die Arbeitsgruppe um Wolf-Dieter Lukas, Wolfgang Wahlster und Henning Kagermann, die auch als Hauptantreiber dieses Themas ange­sehen werden, stellten der Bundesregierung zwei Jahre später auf der Han­nover Messe 2013 das Projekt vor.21 Spätestens ab diesem Zeitpunkt war das Buzzword „Industrie 4.0“ in aller Munde. Wie auch auf der Grafik 2-5 von Google Trends zu erkennen ist, stiegen die Google Suchanfragen für den Begriff Industrie 4.0 ab 2013 explosionsartig an.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2-5: Google Trends "Industrie 4.0“22

Der Name Industrie 4.0 bezeichnet die vernetzte Fertigung der Zukunft. Nach Webstuhl, Fließband und Einsatz von Elektrotechnik, befinden wir uns nun mitten in der vierten industriellen Revolution. Das Internet mit seinen gren­zenlosen Möglichkeiten des Informationsaustausches wird in die Produktion mit einbezogen. Das Ergebnis ist die „intelligente Fabrik“, welche sich durch Wandlungsfähigkeit, Ressourceneffizienz und ergonomische Gestaltung so­wie durch die direkte Integration von Geschäftspartnern auszeichnet.

(Teil-)autonome Maschinen bewegen und arbeiten in der „intelligenten Fab­rik“ ohne direkte menschliche Steuerung und treffen selbstständig Entschei-dungen.23 Dies soll eine Steigerung der Produktivität bringen, um die Wett­bewerbsfähigkeit zu erhalten und zu verbessern. Dem Mensch wird hier als Gestalter, Nutzer und Entscheider eine neue Rolle zukommen. Die Technik unterstützt ihn dabei besser als je zuvor. Die technische Grundlage wird da­bei durch das Internet der Dinge (IdD) und Cyber-Physische Systeme (CPS) gelegt. Mit Hilfe dieser Technologien, ist die Fusion der physischen Welt der Produktion mit der virtuellen Welt der Informations-technologie und des Internets möglich.24

Menschen, Maschinen, Objekte und Systeme sind durch moderne Informa-tions- und Kommunikationstechnologie (IKT) und das Internet vernetzt und kommunizieren in einem dynamischen, Echtzeitoptimierten und selbstorga­nisierten Weg. In diesen intelligenten Fertigungssystemen sind alle Instan- zen der Wertschöpfungskette von der eigenen Fertigung über den Lieferan­ten bis hin zum Kunden vernetzt. Dadurch kann die industrielle Produktion individualisierte Kundenanforderungen nach bekannten höchsten Qualitäts­standards umsetzen, während höhere Flexibilität und Stabilität sowie opti­male Ressourcenverteilung erreicht werden. Die klassische Produktion ver­ändert sich demzufolge und Industrie 4.0 ruft einen ein Paradigmenwechsel hervor: Alles im Produktionssystem wird miteinander vernetzt.25 Informatio­nen und Daten werden in Echtzeit übermittelt, so dass der Mensch oder ent­scheidungsautonome Systeme bei Störungen unverzüglich Gegenmaßnah­men einleiten können. 26 Das Produktionssystem reagiert sozusagen selbst­ständig auf ungeplante Ereignisse. Zudem ist das Ziel, alle Prozesse der Wertschöpfungskette zu digitalisieren und dadurch transparent zu machen, um somit alle Optimierungspotenziale auszuschöpfen. 27 Ein Merkmal dieser neuen Ära ist, dass Prozesse nicht mehr zentral gesteuert werden. Das ent­stehende Produkt steuert sich selbst und übernimmt fortan auch die Steue­rung des Produktionsprozesses. Werkstücke und Produkte, die bisher eine passive Rolle in der Wertschöpfungskette übernommen haben, werden zu intelligenten Objekten mit Kommunikationsfähigkeiten. Der Mensch kann die dadurch entstehenden Freiheitsgrade nutzen und seine Kreativität und Er­fahrung einbringen. Wie weiter oben bereits schon erklärt, ist das finale Ziel die Smart Factory, die alle technischen Errungenschaften dieser Ära in einer intelligenten und vernetzten Fabrik verbindet.

2.3 Zentrale Elemente der Industrie 4.0 Vision

Die vierte industrielle Revolution, wird nur Realität und ein Erfolg, wenn alle beteiligten Akteure sich öffnen und zusammenarbeiten. Alle individuellen Akteure in der Industrie müssen zusammenkommen und ein gemeinsames Orchester bilden. Hier müssen offene Standards eingerichtet werden.28 Je­der Beteiligte muss an das Wertschöpfungsnetzwerk gebunden sein. Zuvor war der Blick auf die Optimierung der eigenen Werke gerichtet. Mit Industrie 4.0 müssen die eigenen Barrieren überwunden werden und die Unterneh­men müssen sich über die Unternehmensgrenzen hinweg vernetzen. Daher wird die Integration und Vernetzung zwischen Abteilungen und Bereichen innerhalb eines Unternehmens (vertikale Integration) aber auch zwischen verschiedene Unternehmen (horizontale Integration) als zentrales Element der Industrie 4.0 Vision gesehen. Grundlage hierfür ist die Digitalisierung.29 Sie gewährleistet den effizienten Austausch von Informationen und Daten zwischen internen und externen Partnern, Maschinen und Werkstücken. Daher ist die digitale Durchgängigkeit des Engineerings über Wertschöp-fungsketten hinweg auch ein zentraler Punkt der Industrie 4.0 Vision. Das Ergebnis der Zusammenführung dieser drei Aspekte sind sich verschiebende Unternehmensgrenzen und die Entstehung virtueller Unternehmen und da­mit verbunden auch die Verbesserung der Zusammenarbeit, Koordination und Transparenz.30 Dadurch ist beispielsweise eine gemeinsame Maschi­nen-, Programm- und Werkzeugverwaltung vorstellbar. Zudem wird die Be­obachtung und Kontrolle des Fortschritts eines Produkts oder des War­tungsbedarfs einer Maschine an einem beliebigen Standort auf der Welt möglich.31 Folglich werden die vertikale und horizontale Integration sowie die digitale Durchgängigkeit des Engineerings näher erklärt.

2.3.1 Automatisierungspyramide

Die Automatisierungspyramide, die in Abbildung 2-7 dargestellt wird, cha­rakterisiert die Ära der dritten industriellen Revolution.32 Zu den Ebenen der Pyramide gehören die Unternehmensebene, die Betriebsleitebene, die Pro-zessleitebene, die Steuerungsebene und die Feldebene. Die Automatisie­rungspyramide ist bekannt für seine strikte, hierarchische Struktur. Indust­rie 4.0 beabsichtigt diese Strukturen zu durchbrechen und ein Kommunikati­onsnetzwerk zwischen allen Ebenen herzustellen. 33

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2-7: Automatisierungspyramide34

Die Pyramide wird aufgelöst und verteilte Dienste zwischen Cyber-Physische Systemen übernehmen fortan.35 Dieser Zusammenhang ist in Abbildung 2-8 dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2-8: Auflösung der Automatisierungspyramide36

Ein weitere zentraler Aspekt der der Industrie 4.0 Strategie ist die Integrati­on. Unterschieden wird zwischen der vertikalen und horizontalen Integration. Bei der vertikalen Integration handelt es sich um die Vernetzung innerhalb des Unternehmens. Mit der horizontalen Integration wird die Vernetzung mehrerer Unternehmen und Produktionsstätten beschrieben. Folglich wer­den diese beiden Formen näher erklärt.37

2.3.2 Vertikale Integration

Mit der vertikalen Integration wird die Vernetzung innerhalb des Unterneh­mens beschrieben. Produktionssysteme werden mit betriebswirtschaftlichen Prozessen verknüpft. Anschließend erfolgt die horizontale Integration in die Wertschöpfungsnetzwerke.38 Die vertikale Verknüpfung erfolgt auch über alle Hierarchieebenen der Automatisierungspyramide hinweg.39 Alle Produk­tionssysteme von der Produktionsebene bis hin zur Feldebene werden mitei­nander vernetzt. Auch IT-Systeme können auf allen Ebenen miteinander kommunizieren. Somit ist die Kommunikation innerhalb des Unternehmens gewährleistet.40 Zudem sind Optimierungs- und Steuerungsvorgänge in Echtzeit realisierbar. Durch den Austausch von Produktionsdaten in Echtzeit wird ferner die Produktivität gesteigert und die Ressourcen optimiert.

2.3.3 Horizontale Integration

Die horizontale Integration beschreibt die Verkettung von Akteuren und Sys­temen entlang der Wertschöpfungskette. Die horizontale Verknüpfung findet zwischen mehreren Unternehmen oder Bereichen statt. Das Ziel ist es Wert-schöpfungsnetzwerke aufzubauen, die über Unternehmensgrenzen hinweg funktionieren und für alle Teilnehmer abrufbar sind. Die Prozesse und die gesamte Wertschöpfungskette vom Produktdesign bis hin zu Aftermarket-Dienstleistungen werden digitalisiert und mit unternehmensübergreifenden Geschäftsprozessen, wie beispielsweise Logistikketten oder Gesamtressour-ceneinsatz, verbunden. 41 Sie stehen dann allen Teilnehmern des Netzwerks in Echtzeit zur Verfügung. Dank des Informationsflusses und der intelligen­ten Vernetzung können Geschäftspartner beispielsweise kundenspezifische Änderungen anordnen oder auch auf diese reagieren.42 Dieses Modell öffnet den Weg auch für neue Geschäftsmodelle und es entsteht ein komplett neuer Markt für innovative Dienstleistungsunternehmen. Die intelligente System- kommunikation in allen Bereichen macht es möglich, dass intern gewonnen Produktivitäts- und Flexibilitätsvorteile auf das gesamte Wertschöpfungs-netzwerk übertragen werden können.43

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1 Vgl. Bosch, S.4f.

2 Vgl. Bosch, S.4f.

3 Vgl. Bauernhansl, T. et, al. (2017), S. 5 ff

4 Vgl. Bosch, S.4

5 Vgl. Kagermann, H et. al. (2013), S. 6

6 Sendler, U: (2013), S.6f.

7 Obermaier, R. (2016), S.4

8 Vgl. Kagermann, H et. al. (2013), S. 18

9 Vgl. Andelfinger, V. (2017), S.22

10 Vgl. Andelfinger, V. (2017), S.39f.

11 Vgl. Göbel, W (2004), S. 57f.

12 Vgl. Köhler-Schute, C. (2015), S. 17

13 Vgl. Andelfinger, V. (2017), S.39

14 Vgl. OpenAutomation

15 Vgl. Andelfinger, V. (2017), S.39

16 Vgl. LMISnews

17 Vgl. Andelfinger, V. (2017), S.40

18 Vgl. Bauernhansl, T. et, al. (2017), S. 5 ff.

19 Vgl. OpenAutomation

20 Vgl. Andelfinger, V. (2017), S.40f.

21 Vgl. Kagermann, H et. al (2011)

22 Vgl. Google Trends

23 Vgl. Kagermann, H et. al (2013)

24 Vgl. Eckert, C. (2014), S. 13

26 Vgl. ABB (2013)

27 Vgl. Eckert, C. (2014), S. 14

28 Vgl. Bosch, S.18

29 Vgl. Vogel-Heuser et. al. (2017), S.4

30 Vgl. Vogel-Heuser et. al. (2017), S.4f.

31 Vgl. HBM

32 Vgl. VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik (2013)

33 Vgl. VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik (2013)

34 Vgl. VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik (2013)

35 Vgl. VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik (2013)

36 Vgl. VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik (2013)

37 Vgl. VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik (2013)

38 Vgl. Kagermann, H. (2013), S. 36

39 Vgl. VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik (2013))

40 Vgl. Köhler, P. et. al (2015), S. 20

41 Vgl. VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik (2013)

42 Vgl. Köhler, P. et. al. (2015), S. 19

43 Vgl. VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik (2013)

Details

Seiten
58
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783346055811
ISBN (Buch)
9783346055828
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v503376
Institution / Hochschule
Hochschule Darmstadt
Note
1,7
Schlagworte
Industrielle Revoution Cyber-Physische Systeme Big Data Cloud computing Smart Facotry

Autor

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Titel: Industrie 4.0 in der Produktions- und Prozessleittechnik