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Werkstätten eines lernenden Menschen - Lern-, Reise- und Lesetagebücher

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 20 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Neue Herausforderungen

3. Schreiben als reflexive Praxis

4. Formen reflexiver Praxis
4.1. Das Lerntagebuch
4.2. Das Reisetagebuch
4.3. Das Lesetagebuch

5. Ungewohnte Einsatzorte des Lerntagebuchs:

6. Praktische Umsetzung

7. Fazit

8. Literatur

1. Einleitung:

In der folgenden Arbeit geht es um “Werkstätten des Lernens”1 genauer gesagt um Lern-, Reise- und Lesetagebücher. Je intensiver man sich mit diesem Thema beschäftigt, um so mehr erkennt man die Schätze, die man damit entdecken kann: die Lernprozesse der Schüler. Es ist einem möglich, auch in die Gedankenwelt derjenigen einzutauchen, die im Unterricht nie einen Beitrag leisten. Lerntagebücher scheinen zwar mit einer Menge Zeitaufwand verbunden zu sein, doch ich habe in keiner meiner Quellen eine Aussage gefunden, die besagt, dass es sich aufgrund des Zeitaufwandes nicht lohnt. Die Erkenntnisse und Prozesse, die man damit in Bewegung setzt, müssen von sehr entschädigender Qualität sein.

In dieser Arbeit werde ich mich mit den neuen Herausforderungen an Schule und Lehrer beschäftigen, vor allem unter dem Licht der Bewertung, denn auch diese befindet sich in einer Phase der Veränderung.

Ein Teil der Veränderungen im Bereich der Bewertung sind Lerntagebücher, d.h. die Verschriftlichung und Reflexion von Lernstrategien. Aber wozu: Zum einen gibt es dem Lehrer breiter gefächerte Einblicke in die Lernstrategien der Schüler als dies durch bloße Beobachtung und eingeschränkte Tests möglich wäre. Zum anderen gewinnt auch der Schüler ein Interesse und neue Einblicke in seine eigenen Lernstrategien. Beides soll im besten Falle dazu führen, die positiven Ansätze eines Lerners zu erkennen, zu stärken und zu nutzen.

Auf die verschiedenen Formen der Tagebücher, ihre Unterschiede und Gemeinsamkeiten werde ich im vierten Punkt eingehen. Danach folgt ein Exkurs zur Nutzung von Lerntagebüchern in Fächer, die nicht für intensives Schreiben bekannt sind, Mathematik und Englisch.

Um dann mit einer eigenen Idee für die Verwendung eines Lerntagebuchs im Englischunterricht zu schließen. Diese Idee ist für eine fünfte Klasse einer Grundschule konzipiert, welche seit der dritten Klasse Englisch als Begegnungssprache hat.

Bei der Literaturrecherche trifft man auf unzählige Werke, die sich mit Leistungsbeurteilung beschäftigen. Spezielle Werke zu den Lerntagebüchern gibt es nicht so viele, allerdings haben in den letzten Jahre diverse Zeitschriften Artikel zu diesem Thema veröffentlicht. Dies sind allerdings meist Praxisberichte, welche sehr inspirierend auf den Leser wirken. Man bekommt wirklich Lust die Lerntagebücher einmal auszuprobieren.

Noch wird häufig der große Zeitaufwand, als Hindernis für die häufigere Nutzung genannt. Doch wenn eines Tages die Lehrer zu Teams zusammengeführt sind und Lerntagebücher nach gleichen oder zumindest ähnlichen Prinzipien geführt werden dann ergibt sich ein Profil. Das Führen dieser Bücher wird erleichtert und dies führt dazu, dass man als Lehrer nicht immer wieder von Vorne beginnen muss. Lerntagebücher können dann auch bei Schul- oder Lehrerwechsel wesentlich effizienter genutzt werden.

2. Neue Herausforderungen:

Der neue Rahmenlehrplan hat einige Veränderungen mit sich gebracht. Für den Lehrer geht es nicht mehr nur noch darum, bestimmte Fachinhalte zu behandeln und sie mit Klassenarbeiten zu überprüfen. Seine Rolle als Lehrer hat sich verändert. Es geht darum, den Schülern2 beizubringen, wie sie selbstständig lernen. Sie sollen in der Schule mit Fertigkeiten ausgestattet werden, die es ihnen erleichtern in der vom Fortschritt geprägten Welt zurechtzukommen. Es geht also darum, das Lernen zu lernen.

Außerdem ändert sich die Sicht auf den Schüler. Viel mehr als früher wird er als Individuum mit ganz speziellen Fähigkeiten wahrgenommen. Den Besonderheiten eines jeden Kindes muss die Lehrperson von heute gerecht werden. Das bedeutet für den Unterricht ein differenzierendes Programm, welches auf die Stärken und die Schwächen jedes Kindes reagieren kann. Die Schule hat den Auftrag, die Besonderheiten der Schüler zu erkennen und zu fördern, sowie seine Benachteiligungen auszugleichen.3

Doch wie können diese Ansprüche verwirklicht werden, welche Unterrichtsform muss hier gewählt werden? Immer häufiger greifen Lehrer4 auf Konzepte aus der Reformpädagogik zurück. Die großen Zauberworte, welche all diese Kompetenzen erfüllen sollen, heißen “Offener Unterricht” und “Freiarbeit”. Doch diese Begriffe “sind größtenteils zu alles und nichts sagenden Schlagworten bzw. Leerformeln geworden”5. Peschel schreibt aber, dass man bei einem schülerorientierten, “beweglichen” Unterricht von “Offenem Unterricht” sprechen kann. Beweglich soll der Unterricht also sein, das bedeutet, dass die Schüler weitestgehend selbstgesteuert arbeiten. Dies geschieht schon oft mit Hilfe von Wochenplänen oder Projekten, um nur zwei der vielen Möglichkeiten zu nennen. Bei dieser Form des Unterrichts steht der Schüler im Mittelpunkt. Der Schüler kann sich z.B. beim Wochenplan selbst einteilen wie er was und wann lernen möchte. Er hat zwar vom Lehrer einige Vorgaben, was erledigt werden muss aber am Ende geht es nur darum, dass der Schüler seine Aufgaben erfüllt hat. Er hat allerdings gewisse Auswahlmöglichkeiten, die seiner persönlichen Vorgehensweise entgegenkommen. Doch hier tritt die nächste Herausforderung ans Licht. Es geht nicht mehr nur noch darum seine Aufgaben zu erfüllen, auch der Weg zu der Erkenntnis ist Teil des Lernprozesses und soll seit dem neuen Rahmenlehrplan mit in die Bewertung des Schülers einfließen.

Die neue Herausforderung heißt “Rückmeldung geben”. Dieser Begriff umfasst weit mehr als die traditionelle Leistungsbeurteilung. Die Lehrer müssen auf den erweiterten Lernbegriff reagieren, das heißt sie müssen sowohl das Produkt, als auch den Prozess gleichermaßen bei der Würdigung der Einzelleistung mit einbeziehen. Es geht um die Begleitung und die Unterstützung jedes Schülers bei seinem individuellen Lernweg. Im Grunde genommen geht es darum jeden Schüler in seiner Lernerpersönlichkeit ernst zu nehmen und ihm eine individuelle Rückmeldung über sein Lernen zu geben.

Im Rahmenlehrplan wird geraten, die traditionellen Formen der Leistungsermittlung und Leistungsbewertung wie mündliche und schriftliche Kontrollen zu ergänzen. Instrumente wie Beobachtungsbogen, Lern- Tagebücher, Interviews und Fragebogen, Sammelmappen und Portfolios werden genannt.

Die Schüler sollen in ihren Leistungsermittlungs- und Leistungsbewertungsprozess mit einbezogen werden. So sieht der Rahmenlehrplan vor, dass Leistungen “auch durch Mitschülerinnen und Mitschüler zu bewerten [sind], denn nur so können sie Formen der Fremdbewertung akzeptieren und erlernen.”6 Auch sollen die Schüler stärker in die Bewertung ihrer eigenen Arbeit einbezogen werden, “um ihnen die Verantwortung für ihre Lernprozesse und -ergebnisse bewusst zu machen und sie zu befähigen, ihre Stärken und Schwächen zu erkennen und zu artikulieren.”7 Und hier schließt sich der Kreis. Die Schüler von heute sollen individuell nach ihren Stärken und Schwächen gefördert werden, dies kann nur im relativ offenen Unterricht geschehen. Nur in einer Schule in der sich die Kinder “selbst unterrichten” kann die erforderte Differenzierung bzw.. Individualisierung unter Berücksichtigung des einzelnen Kindes umgesetzt werden.8 Und nur in diesem offenen Unterricht hat der Lehrer den Spielraum den tatsächlichen Fortschritt des Schülers im Auge zu behalten. Denn im offenen Unterricht ist Zeit für pädagogische Tagebücher, individuelle Hausaufgabennachbereitung oder individuelle Förderung während der Unterrichtszeit.9

Als Lehrer an der Schule von Heute muss man sich darüber im Klaren sein, “dass [man] das Lernen nicht erzwingen kann, sondern dass es deine Rolle ist, die Kinder bei ihrem Lernen zu begleiten, ihnen Stolpersteine aus dem Weg zu räumen und sie in ihrem Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten zu unterstützen.”10 Dabei kommt es bei dem Begleiten der Lernprozesse auf wenige zentrale Aspekte an, die Frau Pieler so zusammenfasst:

- Die Kinder einbeziehen
- Von den Kindern lernen
- Entwicklungen sichtbar machen
- Entwicklungsmodelle kennen und Risikofaktoren einschätzen

Für diese Arbeit ist der Punkt “Entwicklungen sichtbar machen” von größter Bedeutung. Für die Bewertung und die Rückmeldung an die Schüler brauchen wir eine Dokumentation der Entwicklungen des Kindes. Wie bereits erwähnt, reichen die Hausaufgaben, Lernkontrollen und Klassenarbeiten nach dem neuen Lernverständnis nicht mehr aus, da sie nur Momentaufnahmen sind. Was man in ihnen nicht sieht, ist die Lernentwicklung des Kindes. Diese muss festgehalten werden und auch Frau Pieler nennt in diesem Zusammenhang das Lerntagebuch.

3. Schreiben als reflexive Praxis:

Es geht also um das Dokumentieren, um das Aufschreiben, von Lernprozessen.

“Inzwischen ist das Verständnis dafür gewachsen, dass Schreiben bei weitem nicht nur das Schreiben befördert, sondern darüber hinaus Einsichten vielfältiger Art hervorbringt: zum jeweiligen Gegenstand des Geschriebenen, zu Schreibenden und Lesenden, zur Art und Weise, wie jemand arbeitet, denkt, versteht.”11

Schreiben hat demnach eine reflexive Eigenschaft, die so gut wie immer in Texten vorhanden ist, aber meist nicht zum Thema gemacht wird. Wenn man über ein persönliches Ereignis schreibt, tritt man normalerweise ‘einen Schritt zurück’, da man so einen besseren Blick auf das Geschehene hat. Erzählungen sind wesentlich emotionaler, da man sie nicht korrigieren kann. Beim Schreiben kann man innehalten und nachdenken und so zu neuen Erkenntnissen kommen. Während des Schreibens durchläuft man einen Prozess des Entwerfens und Verwerfens, des Zweifelns und des Überdenkens, des Inspirierens und des Planens und irgendwann des Abschließens.12 Der Prozess des Schreibens ist dynamisch. Schreiben ist ein Werkzeug zur Erkenntnisgewinnung, zum Teil hilft es auch bei der Klärung von Sachverhalten, da der Schreiber in eigenen Worten wiedergeben muss, was er gehört oder gelesen hat. Er muss also sein Wissen abrufen, eventuell mit eigenen Erfahrungen oder eigenem Wissen ergänzen und dann alles in eine bestimmte, in sich schlüssige, Form bringen. Erst jetzt bei der eigenen Formulierung stellt sich heraus, ob er den Sachverhalt wirklich verstanden hat. “Erst durch das Formulieren wird es ihnen möglich, ihr Lernen zu reflektieren, zu vergleichen und zu verändern.”13

“Die Auswirkungen persönlich bedeutsamen Lernens durch Schreiben werden als unterrichtspraktische Tatsachen inzwischen weithin geschätzt:

[...]


1 Ruf, U., Gallin, P.; Ein Unterricht mit Kernideen und Reisetagebuch. S. 54

2 immer Schülerinnen und Schüler gemeint

3 vgl. Rahmenlehrplan S.7

4 immer Lehrerinnen und Lehrer gemeint

5 Peschel, F.: Offen bis geschlossen. S.230

6 Rahmenlehrplan S.14

7 Rahmenlehrplan S.14

8 Peschel, F.; Offen bis geschlossen. S.231

9 vgl. Peschel, F.; Offen bis geschlossen. S.265

10 Pieler,M.; Lernprozesse begleiten und diagnostizieren im Anfangsunterricht. S.7

11 Bräuer, G.; Schreiben als reflexive Praxis. S. 10

12 vgl. Bräuer,G.; Schreiben als reflexive Praxis. S.13

13 Pieler, M.; Lernprozesse begleiten und diagnostizieren im Anfangsunterricht. S.7

Details

Seiten
20
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638465595
Dateigröße
398 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v50316
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,3
Schlagworte
Werkstätten Menschen Lern- Reise- Lesetagebücher

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Titel: Werkstätten eines lernenden Menschen - Lern-, Reise- und Lesetagebücher