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Dietrich Bonhoeffer: christlich verantwortliches Handeln. Theorie und Praxis

Magisterarbeit 1998 243 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

VORWORT:

I. TEIL:

GRUNDKENNTNISSE DER BIOGRAPHIE BONHOEFFERS, STATIONEN EINES LEBENS IN GEHORSAM UND FREIHEIT, Zucht, Tat, Leiden und Tod.
Einleitung: Stationen auf dem Wege zur Freiheit
I.I. Zucht
A. Das sechste Kind einer großbürgerlichen Familie
Kindheit und Jugend (1906- 1923)
1. Das Bonhoeffersche Elternhaus, Gegebenheiten
1.1. Die Eltern
1.2. Der Geschwisterkreis
1.3. Die Umwelt: Das Berliner Bildungsbürgertum
2. Der vierte Sohn aus dem Bonhoefferschen Elternhaus, Wirkungen
2.1. Eingewirkte Nachwirkung: das dankbare und verantwortliche Standesbewußtsein der Bonhoeffers
2.2. Nicht eingewirkte Bewirkung: die Berufswahl Dietrich Bonhoeffers
B. Die wissenschaftlichen Anfänge eines strebsamen Theologiestudenten Studium (1923-1927)
1. Tübingen (1923-24)
2. Rom (1924)
3. Berlin (1924- 27)
C. Der Praxis orientierte Werdegang eines angehenden Theologen und Pfarrers
1. Vikar in Barcelona (1928)
2. Assistent in Berlin (1929-30)
3. Seminarist in New-York (1930)
I.II. Tat
A. Christlicher Pazifist aus Verantwortung (1931-1939)
1. “Wendung des Theologen zum Christen.”
2. Mit der Kirche handeln für die Verfolgten
B. Christlicher Verschwörer aus Verantwortung (1939-1943)
1. “Wendung des Christen zum Zeitgenossen.”
2. Mit politisch Gleichgesinnten handeln gegen die Verfolger
I.III. Leiden und Tod
A. Leiden
B. Tod
Ergebnis: In der Verantwortung realisiert sich beides, Gehorsam und Freiheit

II.TEIL: GRUNDLEGUNG DER THEOLOGIE BONHOEFFERS: URSPRUNG,WESEN UND ZIEL CHRISTLICHEN LEBENS, Christologie und christusgemäßes Handeln
Einleitung
II.I. Wer ist Christus?: Die onto-christologische Frage,
Grundlegung der Christologie Bonhoeffers
Einführung: Die Entfaltung der christologischen Frage
A. Der gegenwärtige Christus, das Pro-me
1. Die Gestalt des Christus
1.1 als Wort. 1.2. als Sakrament.1.3. als Gemeinde
2. Der Ort des Christus
2.1 als Mitte der Existenz 2.2. als Mitte der Geschichte 2.3. als Mitte der Natur
B. Der geschichtliche Christus
II.II. Was will Christus heute von uns?: Die Vervollständigung der christologischen Frage,
Grundlage für christusgemäßes Handeln nach Bonhoeffer
A. Die Gestalt des geglaubten Christus und seine Anrede an den Glaubenden
1. Gestalt Christi für uns
2. Gestaltgewinnenwollen Christi unter uns
Exkurs: Rechtfertigung und Nachfolge bei M. Luther
B. Die Antwort des Glaubenden: die Gleichgestaltung mit Christus
Ergebnis

III.TEIL: BONHOEFFERS EKKLESIOLOGIE UND SEIN CHRISTLICH VERANTWORTLICHES HANDELN IM BEKENNTNISKIRCHLICHEN WIDERSTAND (1933-1939)
III.I. Bonhoeffers Ekklesiologie im Dienste der Christus bekennenden Kirche
A. Die wahre Kirche
1. Die Kirche als wahre Offenbarungsgestalt
1.1. Die in und durch Christus realisierte Kirche
1.1.1. Christi stellvertretendes Handeln als Begründung der Kirche
1.1.2. Die Grundstrukturen der Kirche in und durch Christus
1.2. Die durch den Heiligen Geist als Wort aktualisierte Kirche
1.2.1. .Verkündigung und Gemeinde Christi
1.2.2. Dauerverkündigung und Gemeindestruktur
2. Die wirkliche Kirche, die empirische Gestalt der wahren Kirche
2.1. Kirche in der Welt
2.1.1 Göttlichkeit und Weltlichkeit der Kirche in der Welt
2.1.2 Grenzen der Kirche in der Welt
Ergänzendes Ergebnis: Christus, die Wirklichkeit und das Gute
2.2. Kirche für die Welt
2.2.1 Das Wort der Kirche an die Welt.
2.2.2 Der Dienst der Kirche an der Welt.
Ergebnis: Die letzten und die vorletzten Dinge
3. Die Bekennende Kirche, eine zeitgeschichtliche Gestalt der wahren Kirche
3.1. Zeitbedingte Fragen, die man nicht umgehen kann: Kirchengemeinschaft und Bekenntnis Exkurs: Die Kirchengemeinschaft und der Arierparagraph
3.2. Zeitgeschichtliche Fakten, hinter die man nicht zurückkann: Die Bekennende Kirche und ihr Bekenntnis (Stand 1936)
3.3. Faktisch getroffene Entscheidungen
3.3.1. Praktisch nicht befolgte Entscheidungen.
3.3.2. Schleunigst zu treffende Entscheidungen
B. Die Kirche und der Staat
1. Die Kirche und der Staat im Normalfall
1.1 Die respektiven Mandate der Kirche und des Staates
1.2 Die gegenseitige Begrenzung von Kirche und Staat
2. Die Kirche und ein Zuviel oder Zuwenig an Staat, ein Problemfall
3. Die Kirche, der NS-Staat und der Arierparagraph, ein Notfall
III.II. Bonhoeffers christliches Bekenntnis durch christlich verantwortliches Handeln im kirchlichen Widerstand
A. Berlin, 1933
1. Der neue Staat und seine Religion
1.1 Januar-März: Hitlers Machtergreifung und Ermächtigungsgesetze
1.2 April: Die Deutschen Christen und ihre Forderungen
1.3 Bonhoeffers Stellungnahme zur Judenfrage
2. Anfänge der kirchenpolitischen Opposition
2.1 Mai-Juni: Die Jungreformatoren
2.2 Juli: Kirchenwahlen
2.3 August: Das Betheler Bekenntnis (Erstfassung)
3. Veränderung der kirchlichen Konstellation
3.1. September: Arierparagraph
3.2. Schisma?
4. Bonhoeffers Entscheidung, in England ein Pfarramt zu übernehmen
B. London, 1933-1935
1. Bonhoeffers informatorische Tätigkeit
1.1. Bei deutschen Pfarrern in England
1.2. Bei britischen Verantwortlichen in England
2. Bonhoeffers ökumenische Tätigkeit.
2.1. Bonhoeffers indirektes Wirken in der Ökumene über den Bischof von Chichester
2.2. Bonhoeffers direktes Wirken in der Ökumene anläßlich der Konferenzen auf Fanø (August 1934)
2.2.1. Bonhoeffers Beitrag zur Vorbereitung der Konferenzen
2.2.2. Bonhoeffers Beiträge auf den Konferenzen und Ergebnisse
3. Bonhoeffers kirchliche und diakonische Tätigkeit
3.1. Bonhoeffers Wirken und Bewirken in den Auseinandersetzungen der deutschen Auslandsgemeinden mit der Reichskirchenregierung
3.2. Bonhoeffers kirchliches und diakonisches Wirken und Nachwirken in seinen beiden Londoner Gemeinden
4. Bonhoeffers Entscheidung, in Deutschland die Leitung eines illegalen Predigerseminars zu übernehmen.
C. Pommern und Hinterpommern, 1935-1940
1. Gemeinsames Leben: illegale Theologenausbildung
1.1. Zielsetzung des gemeinsamen Lebens
1.2. Zeit der illegalen Predigerseminare in Pommern, 1935-1937.
1.2.1. “ Innerste Konzentration...”
1.2.2. “ ...für den Dienst nach außen.”
1.3. Zeit der getarnten Sammelvikariate in Hinterpommern, 1938-1940
2. Bonhoeffers Bekenntnis zu Zeiten der Verschärfung der Judenverfolgung und der Ab-schwächung der Bekennenden Kirche(1935-1937)
2.1. 1935, Synoden
2.2. 1936, Aktionen
2.3. 1936-1937, Schwächen
3. Bonhoeffers Bekenntnis zu Zeiten des Pogroms gegen die Juden und der Krise der Bekennenden Kirche (1938)
3.1. Wendepunkt in der Judenverfolgung: die Kristallnacht
3.2. Tiefpunkt der bekenntniskirchlichen Krise: der Treueid auf Hitler
3.3. Anklagepunkte: Bonhoeffers Schuldbekenntnis für sich und seine Kirche
4. Bonhoeffers Lebensentscheidung, in Deutschland an Deutschlands Geschick teilzuhaben. (1939-1940)
4.1. Amerika
4.2. Abwehr

IV. TEIL: BONHOEFFERS CHRISTLICH VERANTWORTLICHES DENKEN UND HANDELN IN DEM POLITISCHEN WIDERSTAND UND DER HAFT. (1940-1945)
IV.I. Bonhoeffers christlich verantwortliches Handeln im politischen Widerstand und seine Ethik im Ernstfall
A. Bonhoeffers konspirative Tätigkeit im Auftrag der Abwehr
1. Anfänge seiner konspirativen Tätigkeit (1940-1941): Auftrag und Auftraggeber
1.1. Anfänge des Doppellebens als Visitator für die Kirche und Informator für die Abwehr in Ostpreußen (Sommer 1940)
1.2. Übergänge zum Verbindungsmann der Abwehrstelle VII in München (Herbst-Winter 1940-1941)
2. Zentrum seiner konspirativen Tätigkeit (1941-1942): Reisen für die Abwehrfronde
2.1 Die erste Schweizer Reise (24.2.-24.3.1941)
2.2 Die zweite Schweizer Reise (29.8.-26.9.1941)
2.3. Die Norwegenreise (11.4.-18.4. 1942)
2.4. Die dritte Schweizer Reise (11.5.-26.5.1942)
2.5. Die Blitzreise nach Schweden (30.5.-2.6.1942)
2.6. “Unternehmen 7”
3. Ende seiner konspirativen Tätigkeit (1943-1945): Verfahren gegen die Abwehr(fronde)
3.1. Verdächtigungen und Verhaftung
3.2. Vermittlungen und Verarbeitung
3.3. Vernehmungen und Vernichtung
B. Bonhoeffers Ethik im Ernstfall: das freie Wagnis verantwortlichen Handelns
1. Geschichte und christliche Verantwortung
1.1 Die Geschichte und das Gute
1.2 Die Geschichte und die Bergpredigt
2. Verantwortliches Leben
2.1. Definition der Verantwortung
2.2. Struktur des verantwortlichen Lebens
2.2.1. Bestimmung der Verantwortung durch “die Bindung des Lebens an Gott und Mensch.”
2.2.1.a. Stellvertretendes Leben
2.2.1.b. Wirklichkeits- und sachgemäßes Handeln
2.2.2. Bestimmung der Verantwortung durch “die Freiheit des eigenen Lebens.”
2.2.2.a. Verantwortung, Gewissen und Schuldübernahme
2.2.2.b. Verantwortung, Gehorsam und freies Wagnis
IV.II. Bonhoeffers verantwortliches Leben und Denken in den Gefängnisjahren. (1943-1945)
A. Verantwortung ohne Freiheit?: Einblicke in Bonhoeffers Gefängnisalltag
1. Dasein im Gefängnis
2. Dasein für andere im Gefängnis
B. Verantwortung für gestern, heute und morgen: Einblicke in Bonhoeffers theologische Reflexionen in den Gefängnisjahren
1. Die Vergangenheit verantworten
2. Die Gegenwart verantwortlich wahrnehmen.
3. Die Zukunft verantwortlich gestalten

Schlußbetrachtungen: Dietrich Bonhoeffers diesseitige Zukunft post mortem

Verzeichnis der Abbildungen

Literaturhinweise

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1

1995 herausgegebene Gedenkmarke

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2

Grabstätte auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof Berlin.

“Daß wir viel Schlimmes erlebt und zwei Söhne ( Dietrich, Theologe, und Klaus, Chefsyndikus der Lufthansa )und zwei Schwiegersöhne ( Prof. Schleicher und Dohnanyi ) durch die Gestapo verloren haben, haben Sie, wie ich höre, erfahren.(…) Da wir alle aber über die Notwendigkeit zu handeln einig waren und meine Söhne auch sich im Klaren waren, was ihnen bevorstand im Falle des Mißlingens des Komplotts und mit dem Leben abgeschlossen hatten, sind wir wohl traurig, aber auch stolz auf ihre gradlinige Haltung.”

Brief des Vaters an Prof. Joßmann in Boston vom 9. Oktober 1945.

(zitiert in: Eberhard und Renate Bethge, Christian Gremmels :Dietrich Bonhoeffer. Bilder aus seinem Leben. S.234.)

Vorwort.

“ Die Erfahrung allein macht den Theologen.”

Martin Luther.

- “Wir haben einen dreifachen Umgang mit Figuren der Vergangenheit zu pfle-gen, nämlich den Umgang des Forschens, den Umgang der Vermittlung, und den Um-gang des Gedenkens[1], meinte 1986 Eberhard Bethge, Freund und Biograph Die-trich Bonhoeffers anläßlich des 80. Geburtstags des 1945 noch kurz vor Kriegsen-de einem ausdrücklichen Führerbefehl zufolge erhängten Theologen.

Umgang des Forschens und Umgang der Vermittlung mögen im Gedenkjahr 1995, ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod im KZ-Flössenburg in der editori-schen Vervollständigung der vom Christian Kaiser Verlag veröffentlichten ‘Dietrich Bonhoeffer Werke’ (DBW) eine wertvolle Konkretion gefunden haben. Und die 25. Auflage von Gemeinsames Leben, die Übersetzung in über 16 Sprachen von Nach-folge und von den “Briefen und Aufzeichnungen aus der Haft”, 1951 zum ersten Mal herausgegeben von E. Bethge unter dem Titel: Widerstand und Ergebung, bezeugen unbestreitbar das nicht erlahmende Interesse an der Theologie und der Biographie dieses “Kirchenvaters des 20. Jahrhunderts”[2]. Denn : “ anders als dies bei Karl Barth und Rudolf Bultmann der Fall ist, findet Dietrich Bonhoeffer (…) Leser weit über das theologische Fachpublikum hinaus ”[3], was nicht zuletzt auf die überzeugende Verknüpfung zurückzuführen ist, von “Leben und Verkündigung” (E.H. Robertson)[4], auf die “ Einheit von Denkart und Lebensakt ” (Gremmels, Pfeifer), die “ Versöhnung von Lehre und Leben ” (H.J. Schultz)[5], von Theorie und Praxis: eine immer wieder betonte Einheitlichkeit, die ihm eine große Glaubwürdigkeit zustatten kommen läßt.

Von der Wertschätzung Bonhoeffers zeugt des weiteren auch die 1995 von der deutschen Bundespost herausgegebene und unerwartet vielsagende Gedenk marke, die damals meine Aufmerksamkeit erweckte. In dieser Form begegnete ich zum ersten Mal dem Namen Dietrich Bonhoeffer und dem damit assoziierten Geschick.

Auffallend an dieser Sondermarke ist zunächst die ausführliche Angabe der Lebenseckdaten (4.2.1906 – 9.4.1945), wo meistens nur Geburts-und Todesjahr stehen, als wolle man nicht nur die Vorzeitigkeit seines Todes bedauernd hervorheben, sondern vor allem auch die Tatsache, daß er noch unmittelbar vor Hitlers eigenem Ende herbeigeführt wurde. Auch der Hinweis darauf, daß Bonhoeffer “hingerichtet” wurde, ist unüblich und umso erstaunlicher (oder gar unangebrachter), als die Rehabilitierung Bonhoeffers bis jetzt nicht stattgefunden hat.[6] Eine dankbar achtungsvolle Anerkennung seines selbstlosen, lebensgefährlichen Einsatzes gegen das nationalsozialistische Unheil?

Forschen, Vermitteln, Gedenken, alle drei sich gegenseitig befruchtenden Umgangsweisen haben Früchte getragen: “ Zur Zeit findet wohl kein deutsch-sprachiger Theologe so viel Beachtung und Resonanz in der Weltchristenheit wie Dietrich Bonhoeffer.”[7] Aus dem Vorangehenden lassen sich zwei Gründe hierfür ableiten. Der lebensgeschichtliche Nachvollzug theologischer Erkenntnis macht ihn glaubwürdig, sein Ende gewährt seinen Worten und Taten die machtvolle Autorität eines Märtyrers.

“ Viele achten ihn als Blutzeugen des christlichen Glaubens.”[8]

- Dennoch scheiden sich die Geister in der Bewertung von Bonhoeffers Leben und Werk ( insbesondere in den Jahren 1933 bis 1945) und demzufolge in der Bedeutung für Christen und Deutsche, die seinem Tod beigemessen wird. In Anlehnung oder Ablehnung, gedenkend oder bedenkend beurteilt man seine folgenschweren Entscheidungen und deren theologische Begründung bzw. Verarbeitung.

Am 27. Juli 1945 wurde von Bischof Bell[9], Franz Hildebrandt[10],und Julius Rieger[11] in der überfüllten Holy Trinity Church am Kingsway in London[12] ein Gedächtnisgottesdienst gehalten. Bischof Bell von Chichester deutete Bonhoeffers Opfer wie folgt:

“ His death is a death for Germany (…). His death, like his life, marks a fact of the deepest value in the witness of the Confessionnal Church . As one of a noble company of martyrs of diffe-ring traditions, he represents both the resistance of believing soul, in the name of God, to the assault of evil, and also the moral and political revolt of the human conscience against injustice and cruelty.”[13]

Bonhoeffers eigene Kirche hingegen unterschied deutlich zwischen christli-chen und politischen Märtyrern, z.B. zwischen Paul Schneider und ihm. So ließ die Berlin-Brandenburgische Kirche in der Kanzelabkündigung zum ersten Jahrestag des 20. Juli wissen, sie könne diesen Anschlag auf Hitler “niemals gutheißen, in welcher Absicht er auch ausgeführt sein mag. Aber unter denen, die haben leiden müssen, waren Ungezählte, die einen solchen Anschlag niemals gewollt haben. [14] Sie erklärte Paul Schneider, den rheinischen Pfarrer aus Dickenschied, der lediglich für seine Weigerung der Gestapo zu gehorchen, 1939 zu Tode geschlagen worden war, zum “Märtyrer im vollen Sinn des Wortes.”[15] Die Berlin-Brandenburgische Kirche betrachtete Bonhoeffer 1946 nicht als einen christlichen Märtyrer. Über zwei Jahr-zehnte später weigerte sich ein Bischof der Landeskirche, der Einweihung einer Erinnerungstafel in der Dorfkirche von Flössenburg beizuwohnen, mit dem Vorwand, es handele sich um einen politischen, nicht um einen christlichen Märtyrer.[16]

Umgekehrt: “weil [sie] die Namen [ihrer] Amtsbrüder, die um ihres Glaubens willen getötet sind, nicht in eine Reihe mit politischen Märtyrern gestellt wissen möchten”[17], ersuchten 1948 Bielefelder Pfarrer Dietrich Bonhoeffers Vater, Einspruch zu erheben gegen Straßenbenennungen nach P. Schneider und seinem Sohn neben anderen Widerständlern, die als Sozialisten oder Atheisten am Widerstand beteiligt waren. Karl Bonhoeffer antwortete darauf:

“daß es nicht nach [Dietrichs] Sinne wäre, sich von den aus politischen Gründen ums Leben Gebrachten, mit denen er jahrelang im Gefängnis und KZ zusammen gelebt hatte, zu distanzieren.”[18]

Diejenigen, die ein vertrautes Verhältnis zu Dietrich Bonhoeffer hatten, und somit auch gewissermaßen in der Lage sind, seine Entscheidungen und seinen Werdegang nachzuvollziehen und zu deuten, wollen sein politisches Engagement nicht verharmlost oder gar verhehlt sehen. Er war beides: Christ und Verschwörer. Als Christ Verschwörer. Und als solcher starb er.

Seine Mitverschwörer hatten es zu seinen und zu ihren Lebzeiten erkannt: als Christ war er in ihren Kreis aufgenommen worden.

Von seinen Amtsbrüdern hingegen wurde er entweder ein- oder ausgeschlos-sen. Ersteres, weil man über die Implikate seiner Beteiligung am Widerstand nach-sichtlich beide Augen zudrückte (und ihn als politisch Engagierten vertuschte). Letzteres, weil eben dieselben Implikationen ins Visier genommen wurden. Und zwar wurde in diesem Fall wenigstens an zweierlei Anstoß genommen: am Herbeisehnen von Hitlers Beseitigung und am politischen Eingriff des Pastors überhaupt.

Denn mit dem einen verstieß Bonhoeffer gegen das 5. Gebot: “Du sollst nicht töten.” (2. Mose 20,13), und mit dem anderen widersprach er der vom deutschen evangelischen Kirchentum oft auf irrtümliche Weise verstandenen (und vorgegebenen) lutherischen Zwei-Reiche-Lehre[19], deren Hauptbeleg im Römerbrief sich befindet:

“Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet.

Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt der Anordnung Gottes; die ihr aber widerstreben, ziehen sich selbst das Urteil zu.” (Römer 13,1-2)

- Noch muß man nach der Verteidigung und der Anklage dieser nahezu singulären Verbindung von Widerstand und Theologie in Bonhoeffers Leben die Rechenschaft des Betroffenen zumindest anklingen lassen.

Zwischen Juni und August 1943 verfaßte der Gefangene Bonhoeffer einen Briefentwurf, der dazu bestimmt war, seine konspirativen Aktivitäten zu decken, an den gegen ihn ermittelnden Oberstkriegsgerichtsrat Roeder, und in dem es heißt:

“Der Appell an die Unterwerfung unter den Willen und die Forderungen der Obrigkeit um des christlichen Gewissens willen ist wohl selten stärker ausgesprochen worden als dort [in der Nachfolge]. Das ist meine persönliche Einstellung zu diesen Fragen.”[20]

In der Nachfolge (1937) an der Stelle, wo er Römer 13 auslegt, weist Bonhoeffer darauf hin, daß alles Gesagte “unter der Ermahnung [steht] , die Paulus den Sätzen über die Obrigkeit vorangestellt hat”:

“ Laß dich nicht das Böse überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.” (Röm.12,21)[21]

und kommentiert mit Nachdruck, denn darauf kommt es an:

“ Nicht um die gute oder böse Obrigkeit, sondern um die Überwindung alles Bösen durch die Christen geht es.”[22]

Was dies für Bonhoeffer bedeuten kann, sollen, unser Thema andeutend, aussagekräftige Zitate veranschaulichen, die der Aufzeichnung Nach zehn Jahren (Nationalsozialismus) entnommen sind, einer “Rechenschaft an der Wende zum Jahr 1943.”[23]

“ Aus der verwirrenden Fülle der möglichen Entscheidungen scheint der sichere Weg der Pflicht herauszuführen. Hier wird das Befohlene als das Gewisseste ergriffen, die Verantwortung für den Befehl trägt der Befehlshaber, nicht der Ausführende. In der Beschränkung auf das Pflichtgemäße aber kommt es niemals zum freien Wagnis der aufs eigenste Verantwortung hin geschehenden Tat, die allein das Böse im Zentrum zu treffen und zu überwinden vermag.”(S. 11)

“Wer hält stand? Allein der, dem nicht seine Vernunft, sein Prinzip, sein Gewissen, seine Freiheit, seine Tugend der letzte Maßstab ist, sondern der dies alles zu opfern bereit ist, wenn er im Glauben und in alleiniger Bindung an Gott zu gehorsamer und verantwortlicher Tat gerufen ist, der Verantwortliche, dessen Leben nichts sein will als eine Antwort auf Gottes Frage und Ruf. Wo sind diese Verantwortlichen? ” (S. 12)

“Wir Deutschen haben in einer langen Geschichte die Notwendigkeit und die Kraft des Gehorsams lernen müssen. In der Unterordnung aller persönlichen Wünsche und Gedanken unter den uns gewordenen Auftrag sahen wir Sinn und Größe unseres Lebens.(…)Er [der Deutsche] hatte nicht damit gerechnet, daß seine Bereitschaft zur Unterordnung, zum Lebenseinsatz für den Auftrag mißbraucht werden könnte zum Bösen.(…) Es mußte sich herausstellen, daß eine ent-scheidende Grunderkenntnis dem Deutschen noch fehlte: die von der Notwendigkeit der freien, verantwortlichen Tat auch gegen Beruf und Auftrag.” (S. 13.)

Ein “geschichtlich bedeutsames Handeln” hat mit dem Überschreiten von gewissen Gesetzen zu tun.[24] Auch ist von “Befleckung durch verantwortliches Handeln”[25] die Rede. Bonhoeffer läßt sich bezeichnenderweise auf Betrachtungen über Zivilcourage ein, die er folgendermaßen definiert:

“ Civilcourage aber kann nur auf der freien Verantwortlichkeit des freien Mannes erwachsen. Die Deutschen fangen erst heute an zu entdecken, was freie Verantwortung heißt. Sie beruht auf einem Gott, der das freie Glaubenswagnis verantwortlicher Tat fordert und der dem, der darüber zum Sünder wird, Vergebung und Trost zuspricht.” (S. 13)

Verantwortliches Handeln in Zeiten, da “die große Maskerade des Bösen alle ethischen Begriffe durcheinander gewirbelt [hat].”[26] Hierin liegt ein wesentlicher Schlüssel zur zeitbedingten Theologie im biographischen Vollzug Dietrich Bonhoeffers. Denn für ihn heißt unverantwortlich auch ungeschichtlich[27], und “innere Berufung und Kraft zum Handeln schöpft man erst aus dem eingetretenen Ernstfall.[28] Die verantwortliche Tat und ihr theoretisch begründetes Fundament beruhen letzten Endes beide auf dem persönlichen Credo eines Theologen, Christen und Zeitgenossen, für den “tatenloses Abwarten und stumpfes Zuschauen keine christlichen Haltungen sind.[29]:

“ Ich glaube, daß Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen(…)

Ich glaube, daß Gott uns kein zeitloses Fatum ist, sondern daß er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.”[30]

Damit ist das soeben herangeführte Thema Dietrich Bonhoeffer: christlich verantwortliches Handeln, Theorie und Praxis, trotz dieser ganzen Reihe von Zeugnissen über und Zitaten von Bonhoeffer, (die in der Tat schon ziemlich präzise Hinweise beinhalten), keineswegs erschöpft. Wohl aber untermauert.

- Damit wird die Absicht dieser Abhandlung sichtbar. Vom mehrstimmigen Einklang über die vorbildliche Vereinbarung von Denkart und Lebensakt in der Person von Dietrich Bonhoeffer, zu seinen eigenen vollmächtigen Äußerungen zur Frage der geschichtlich verantwortlichen Tat, über die vorgelegten Hauptzüge der Kontroverse um ihn, die letztlich sein Außenseitertum nur deutlicher machten und die Worte derjenigen, die ihn inniglich kannten, zur Geltung kommen ließen: der eher assertorisch verfaßte Einstieg in unsere Thematik mag die Perspektive angedeutet haben, aus der heraus diese Arbeit geschrieben worden ist.

Ausgangspunkt war und blieb Dietrich Bonhoeffer.

Anvisiert wurde eine beziehungsreiche, und vor allem getreue Darstellung von dem was Bonhoeffer denkend und handelnd unter “christlich verantwortlichem Handeln” verstand, wobei die geschichtlichen Umstände, in denen es eingebettet war, stets in Betracht gezogen werden mußten. Doch obwohl die Frage nach der Verantwortung erst im Ernstfall dringlich akut wurde,[31] wurde letztendlich trotzdem eine, biographisch gesehen, nicht verstümmelte Behandlung der Frage vorgezogen: im Hinblick auf frühere Einstellungen (zum Wesen der Kirche etwa) läßt sich Bonhoeffers konsequenter Werdegang umso anschaulicher nachzeichnen. Daraus ergab sich eindeutig eine effektive Konzentration auf die “Schreckensjahre”, jedoch ohne apriorische Ausgrenzung der vorausgegangenen Erfahrungen und Erkenntnisse, was für die Konzipierung unserer Vorlegung auch nicht folgenlos blieb.

- Der Aufbau dieser Studie stützt sich auf die Beachtung zweier grundlegender Bestimmungen. Die grobe Einteilung ergab sich einerseits, aus der Berücksichtigung der Themenstellung, die das sinnvolle Gegenüberstellen von Theorie und Praxis erfordert; andererseits, aus dem geschichtlichen Kontext, in dem sie entstanden, der zu einem chronologisch bedingten Verfahren nötigt, und die Aufmerksamkeit hauptsächlich auf die Zeitspanne 1933-1945 richten läßt.

So hielt man für zweckdienlich, den Teilen III und IV, die sich jeweils mit Bonhoeffers christlich verantwortlichem Denken und Handeln im Kirchenkampf (1933-1940) und im Widerstand (1940-1945) befassen, und deren Untergliederung vom Spannungsverhältnis zwischen Theorie und Praxis bestimmt ist, zwei grundlegende Teile voranzustellen einen eher biographischen, einen rein theologischen.

Demzufolge besteht unsere allererste Aufgabe darin, Dietrich Bonhoeffers Lebenslauf zu skizzieren. Dabei sollten, zum einen, die Wechselwirkungen von Theorie und Praxis im allgemeinen, hervorgehoben, zum anderen, sein Lebensabschnitt bis 1933 zumindest konturiert werden.

I. TEIL: Grundkenntnisse der Biographie Bonhoeffers: stationen eines lebens in gehorsam und Freiheit.

Zucht, Tat, Leiden und Tod.

“ Verantwortung ist die in der Bindung an Gott und den Nächsten allein gegebene Freiheit des Menschen.”

D. Bonhoeffer: Ethik, S. 283.

Die Struktur des verantwortlichen Lebens ist durch ein doppeltes bestimmt: durch die Bindung des Lebens an Mensch und Gott und durch die Freiheit des eigenen Lebens. Es ist diese Bindung des Lebens an Mensch und Gott, die es in die Freiheit eigenen Lebens stellt. Ohne diese Bindung und ohne diese Freiheit gibt es keine Verantwortung.”(E 256). Ohne Vorbehandlung dieser horizontalen und vertikalen Bindung und dieser “Freiheit eigenen Lebens” gibt es keine Abhandlung über christlich verantwortliches Handeln.

Der Gehorsam bindet das Geschöpf an den Schöpfer” (E 288), und “wo immer (…) Mensch und Mensch einander begegnen, dort entsteht echte Verantwortlichkeit.” (E 287). Die Frage: “Wie verhält sich freie Verantwortung und Gehorsam zu-einander?” bestimmt einer Richtschnur gleich die Erstellung der angesagten Kurzbiographie, in der die Entwicklungsstufen bzw. Wendepunkte in Bonhoeffers christlichem Glauben veranschaulicht werden sollten, sowie deren Folgen in praxi, die an den mensch-menschlichen Beziehungen, die er hatte, beobachtbar sind.

Bonhoeffer selbst gab seiner Entwicklung in der Bindung an Gott und Mensch und der Verwobenheit von Gehorsam und Freiheit in seinem Leben einen bündigen Ausdruck , und dies, als es nur noch am seidenen Faden hing: am Tag nach dem mißlungenen Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 verfaßte er “in ein paar Stunden” das Gedicht Stationen auf dem Wege zur Freiheit.

Stationen auf dem Wege zur Freiheit

I. Zucht.

Ziehst du aus, die Freiheit zu suchen, so lerne vor allem

Zucht der Sinne und Deiner Seele, daß Begierden

und deine Glieder dich nicht bald hierhin, bald dorthin führen.

Keusch sei dein Geist und dein Leib, gänzlich dir selbst unterworfen,

und gehorsam, das Ziel zu suchen, das ihm gesetzt ist.

Niemand erfährt das Geheimnis der Freiheit, es sei denn durch Zucht.

Tat.

Nicht das Beliebige, sondern das Rechte tun und wagen,

nicht im Möglichen schweben, das Wirkliche tapfer ergreifen,

nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist die Freiheit.

Tritt aus ängstlichem Zögern heraus in den Sturm des Geschehens,

nur von Gottes Gebot und deinem Glauben getragen,

und die Freiheit wird deinen Geist jauchzend umfangen.

Leiden.

Wunderbare Verwandlung. Die starken Hände

sind dir gebunden. Ohnmächtig einsam siehst du das Ende

deiner Tat. Doch atmest du auf und legst das Rechte

still und getrost in stärkere Hand und gibst dich zufrieden.

Nur einen Augenblick berührtest du selig die Freiheit,

dann übergabst du sie Gott, damit er sie herrlich vollende.

Tod.

Komm nun, höchstes Fest auf dem Wege zur ewigen Freiheit,

Tod, leg nieder beschwerliche Ketten und Mauern

unsres vergänglichen Leibes und unsrer verblendeten Seele,

daß wir endlich erblicken, was hier uns zu sehen mißgönnt ist,

Freiheit, dich suchten wir lange in Zucht, und in Tat und in Leiden.

Sterbend erkennen wir dich im Angesicht Gottes dich selbst..

WE, S. 194.

Diesen Leitfaden laßt auch uns erfassen.

I. ZUCHT.

Ziehst du aus, die Freiheit zu suchen, so lerne vor allem
Zucht der Sinne und Deiner Seele, daß Begierden
und deine Glieder dich nicht bald hierhin, bald dorthin führen.
Keusch sei dein Geist und dein Leib, gänzlich dir selbst unterworfen,
und gehorsam, das Ziel zu suchen, das ihm gesetzt ist.
Niemand erfährt das Geheimnis der Freiheit, es sei denn durch Zucht.

A. Das sechste Kind einer großbürgerlichen Familie. Kindheit und Jugend (1906-1923).

“ Alle Familien haben aber eine gemeinsame Funktion: sie bieten dem Kind jene Bezugsgruppe, in der es seine ersten sozialen Erfahrungen machen kann, in der es seine Grundstrukturierung erfährt.”( Wilfried Gottschalch)[32]

1. Das Bonhoeffersche Elternhaus. Gegebenheiten.
1.1 Die Eltern.

Karl Bonhoeffer, Professor für Psychiatrie und Neurologie an der Breslauer Universität, war bereits der Vater einer kinderreichen Familie, als am 4.Februar 1906 in seinem Hause, unweit der psychiatrischen Klinik, deren Direktor er war, als sechstes und siebtes Kind, die Zwillinge Dietrich und Sabine geboren wurden.

Sabine hat ihn als etwas zurückhaltend und distanziert in Erinnerung. Und Prof. Scheller sagte von ihm:

“So wie ihm alles Maßlose, Übertriebene, Undisziplinierte von Grund auf zuwider war, so war an ihm selber alles Beherrschtheit, Einhalten der Form, äußerste Disziplin.”[33]

Diese “Beherrschung des Affektiven”, worin sich, seines Erachtens, die “Qualifika-tion zum Psychiater bekunden muß”,[34] erwartete er auch von seinen Kindern, die er durch sein Beispiel erzog.

“Er sprach leise und nicht sehr viel, doch was er sagte, merkte man sich…Phrasen waren ihm ein Greuel; man hatte sich sachlich, aber auch klar und möglichst kurz, ohne Ausschweife auszudrücken. Die Kinder gewannen dadurch an Urteil…”[35]

Aber: “ Seine Ablehnung der Phrase hat manchen von [ihnen] zu Zeiten einsilbig und unsicher gemacht.”[36]

Er hatte “ Respekt für warmherziges, selbstloses, selbstbeherrschtes Handeln und vertraute darauf, daß man dem Schwächeren zur Seite stand.”[37]

“Er hoffte vor allem, daß wir einmal Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden lernen und unsere Grenzen erkennen würden.”[38]

Paula Bonhoeffer (geb. Von Hase) war die Enkelin des erfolgreichen Jenaer Professors der Kirchen- und Dogmengeschichte Karl August von Hase (dessen Bücher dem Urenkel Dietrich hilfreich waren), die Tochter von Karl Alfred von Hase, dem zeitweiligen Hofprediger Wilhelm II., Konsistorialrat und Professor für praktische Theologie, (der auch die Zwillinge taufte) und von Clara von Hase (geb. Gräfin Kalckreuth), die Franz Liszt und Clara Schumann als Klavierlehrer gehabt hatte.

Unterricht in Klavier, Gesang, Cello oder Geige bekam jedes Kind im Haus Bonhoeffer. Dietrich soll ein vortrefflicher Klavierspieler und Begleiter gewesen sein, so daß, als er etwa vierzehn Jahre alt war, eine Ausbildung zum Pianisten in Betracht kam.

Die christliche Erziehung, die Paula Bonhoeffer im Theologen-Haus von Hase erhalten hatte, gab sie allerdings auf ihre eigene Art weiter:

“ Frömmlerisches kam nie auf, Seelenkramerei gab es nicht.”[39]“Sie hat niemals eine pietistisch- drängerische Atmosphäre um sich geduldet.”[40]

Zwar wurde dafür gesorgt, daß Bibelverse und Kirchenlieder den Kindern vertraut wurden, aber in den Kindergottesdienst wurden sie nicht geschickt.

Sie “ erlaubte sich ein eigenes, von der Kirche nicht zu bevormundendes Verhältnis zum Dokument der Bibel wie zu kirchengeschichtlichen Fakten und Traditionsstücken.”[41]

Überhaupt hatte sie sich schon als Jungfer temperamentvoll über das übliche Etikett hinweggesetzt, indem sie z.B. durchsetzte, ein Lehrerinnenexamen ablegen zu dürfen, das sie, einmal Mutter, dazu befähigte, als “vorzügliche Pädagogin”,[42] ihre Kinder, die späterhin auffallend früh ihr Abitur machten, in den ersten Jahren selbst zu unterrichten, was auch für die Religionsstunden galt, die sie sich lieber vorbehielt, als daß sie sie der ansonsten sehr geschätzten Erzieherin Maria von Horn aus der Herrnhuter Brüdergemeinde überließe…

Das skizzenhafte Portait des Elternpaares verlieh schon manchen Einblick in die erzieherische Grundordnung, die bei Bonhoeffers herrschte: Selbstlosigkeit, Selbstbeherrschtheit im Handeln, Sachlichkeit und Nüchternheit in Denken und Reden, und bei allem Einhalten der Disziplin doch auch die Möglichkeit, sich zu entfalten. Da aber “bei Bonhoeffer der Einfluß der Familie wohl über das übliche Maß hinaus[reichte]”[43], sei nochmals auf die Grundpfeiler seiner liberal-autoritären, Zucht und Gehorsam fordernden und freie Verantwortung fördernden Erziehung hingewiesen.

Nach der Geburt des 8. Kindes trug der Vater in sein Silvestertagebuch ein:

“ Das Haus ist geräumig, die Kinder normal entwickelt, wir Eltern noch nicht zu alt und darum bemüht, sie nicht zu verwöhnen und ihnen die Jugend freundlich zu gestalten.”[44]

Dazu trugen das Musizieren, das Spielen, die Familienausflüge bei, und vor allem das “zweite Zuhause” in Friedrichsbrunn.[45] Und Prof. Dr. Dietrich Bonhoeffer unternahm immer wieder Ausflüge, sei es mit seinen Konfirmanden, seinen Studenten oder noch mit den Finkelwalder Seminaristen. Sein Bechstein-Flügel folgte ihm nach London.

So unkirchlich gesinnt man war, so streng hatten jedoch christliche Haussitten, wie z.B. das Tisch- oder Abendgebet, gepflegt zu werden.

Die konkrete Kirche aber, wie sie in Bonhoeffers Erstlingswerk Sanctorum Communio erfaßt wird, die reale Kirche, die sein Wirken im Rahmen der Ökumene und der BK bestimmt, gehört, wie schon angedeutet, nicht zu den Erfahrungen seiner Jugendzeit.

“So war das christliche Wesen in diesem Hause mehr hinter- und untergründig zu spüren. Bestimmend war die bürgerlich-empiristische Atmosphäre. Dahin tendierten die älteren Brüder mit ihren Freundschaften und Interessen, und dahin wirkte der kritisch-nüchterne Sinn des Vaters.”[46]

Grundsätzlich erwartet war das Mitbedenken der Gefühle und Bedürfnisse der anderen, was auch Spuren in Bonhoeffers Theologie hinterlassen hat. “Die Maß-stäbe, nach denen Bonhoeffer erzogen worden ist, bilden den Hintergrund seiner Ethik.

“ Das Hauptziel der Erziehung lag darin, die Kinder zu verantwortlichen Menschen heranzubilden. Die Mutter sah hierin einen christlichen, der Vater einen humanistischen Wert.”[47]

Dies sollte ihnen schmerzlich gelingen.

1.2. Der Geschwisterkreis.

Der Platz, den Dietrich Bonhoeffer in der Geschwisterfolge einnahm, hat für seine Entwicklung und wahrscheinlich für seine Berufswahl einige Bedeutung gehabt.”[48]

1899 waren Karl-Friedrich im Januar, Walter im Dezember auf die Welt gekommen und bildeten mit Klaus (1901 geboren) den Kreis der in vielem maßgebenden und tonangebenden “drei großen Jungen”. Es folgten die “zwei Mädchen” Ursula 1902 und Christine 1903, darauf,1906 “die Zwillinge” und dreieinhalb Jahre später,1909, Susanne, wobei die Zwillinge, “um die Jüngste nicht einzeln zu lassen ,mit ihr zu den “drei Kleinen” gezählt wurden.”[49]

Demnach war der Junge Dietrich einerseits in überlegener, andereseits in unterlegener Position, hier ein ritterlicher, fürsorglicher, da der jüngste, um Anerkennung ringende Bruder.

Der erste Weltkrieg verdichtete die Grenzlinie zwischen den Großen, die Gefährdungen ausgesetzt wurden, und dem Kleinen, welcher geborgen daheim blieb.[50]

Exemplarisch pflichtbewußt, verantwortungsvoll rückten 1917 Karl-Friedrich und Walter freiwillig ein. Und zwar “wo die Not am größten war, bei der Infanterie.”[51]

Klaus wurde 1918 siebzehnjährig noch im Hauptquartier in Spa eingesetzt.

Selbstlos und selbstbeherrscht diktierte Walter drei Stunden vor seinem Tod:

“… Meine Technik an den Schmerzen vorbei zu denken, muß auch hier herhalten. Doch gibts jetzt in der Welt interessantere Sachen als meine Verwundung.(…) Wie mags den anderen Fahnenjunkern gehen?”[52]

“Daß die Kriegserlebnisse zu Dietrichs Entschluß, Pfarrer und Theologe zu werden, beitrugen, ist anzunehmen.”[53] Walters Konfirmationsbibel, die ihm zur eigenen Einsegnung überreicht wurde, blieb sein Lebtag die Bibel, aus der er las.

Zudem läßt die Bewährungsprobe des ersten Weltkriegs eine für die Familie Bonhoeffer charakteristische Grundhaltung zum Vorschein kommen, die verant-wortungsbewußte altruistische Bereitschaft, sich ganz selbstverständlich einer Notlage konsequent zu stellen. Im Kampf gegen das nationalsozialistische Unheil sollten außnahmslos alle Geschwister das Ihrige tun.[54]

“ Adel entsteht und besteht durch Opfer, durch Mut und durch ein klares Wissen um das, was man sich selbst und was man dem anderen schuldig ist.”

“Qualität ist der stärkste Feind jeder Art von Vermassung.”[55]

Bestandteil dieser “Qualität”, die “Sammlung”, “Besinnung” statt “Zerstreuung” und “Sensation”, “Bescheidenheit” und nicht “Snobismus”, “Maß” gegen “Maßlosigkeit” kennzeichnen, ist der überaus beachtliche Bildungsgrad, den die Bonhoeffer- Kinder erreichten, wobei die großen Brüder kaum überflügbare Standards setzten.[56]

Zweifelsfrei trifft die Qualifizierung “Elite’” auf die Familie Bonhoeffer zu.

1.3 Die Umwelt: Das Berliner Bildungsbürgertum.

1912 leistete das eminente Oberhaupt dieser Dynastie, Karl Bonhoeffer, dem Ruf nach Berlin Folge, übernahm somit den führenden Lehrstuhl für Psychiatrie und Neurologie in Deutschland und blieb bis zu seinem Tode der Berliner Psychiater und Neurologe.

So wurde Dietrich Bonhoeffer ein Berliner.

Eberhard Bethge betont nachdrücklich, daß man seine bewegte Geschichte nicht ohne dieses Zentrum denken kann:

“ Alle anderen Orte, die in seinem Leben wichtig wurden,(…)haben ihn viel beeinflußt, aber bestimmend blieb Berlin in seiner komplexen Vielfalt (…). Es ist die Stadt, in der er alle wichtigen Wendungen seines Denkens und Handelns vollzog.(…) In Berlin hat er alle Privilegien seiner Lebenssphäre genossen, und dort hat er für sie schließlich mit Leib und Leben einstehen müssen.”[57]

Zu seiner “Lebenssphäre” zählten die aufs höchste auserlesenen Nachbar-schaften im Stadtteil Grunewald, wo Bonhoeffers 1916 ein großräumiges Einfamilienhaus bezogen. In jenem Professorenviertel wohnten unter anderen der Physiker Max Planck, der Theologe Adolf von Harnack,- Dietrichs Professor für Kirchengeschichte und Karl Barths Kontrahent[58] -, und die mit Harnacks verwandte Familie des Historikers Hans Delbrück.

Die meisten Beziehungen, die sich damals anbahnten, erwiesen sich als lebens-entscheidend bis hin zur Schicksalsgemeinschaft.

Klaus befreundete sich mit Justus Delbrück, mit dessen Schwester Emmi er sich 1930 vermählte. 1944 sollten Klaus und Justus dasselbe Gefängnis teilen, in dem übrigens auch Ernst von Harnack endete. 1923 heirateten Ursula und Rüdiger Schleicher, derzeit Gerichtsassessor im Reichsverkehrsministerium. Ministerialrat im Luftfahrtministerium R. Schleicher und Schwager Klaus Bonhoeffer, Chefsyndikus bei der Lufthansa wurden beide am 2.2.1945 zum Tode verurteilt und Ende April 1945 hinterrücks erschossen.[59] Den im Konfirmandenunterricht kennengelernten späteren Juristen Gerhard Leibholz heiratete 1924 Dietrichs Zwillingsschwester Sabine. Sie mußten 1938 emigrieren: der Professor für Staatsrecht war jüdischer Abstammung.[60] Über das humanistische Grunewald-Gymnasium entstanden enge Freundschaften mit den Geschwistern von Dohnanyi. Grete von Dohnanyi wurde Karl-Friedrichs Ehefrau, Christine Bonhoeffer die des ebenfalls über-durchschnittlichen, stets in Verantwortung stehenden Juristen, Hans von Dohnanyi, den die Gestapo zwei Jahrzehnte darauf als “ das geistige Haupt der Bewegung zur Beseitigung des Führers” bezeichnete.[61]

“ Von ihm empfing Bonhoeffer Informationen, Ratschläge und später Aufträge, während Dohnanyi bei ihm ethische Gewißheit und das klärende Gespräch suchte.”[62]

Hans von Dohnanyi, an zentraler Stelle bei der Abwehr, also im Oberkommando der Wehrmacht tätig, war derjenige, der Dietrich Bonhoeffer dem engeren Kern der Verschwörer vorstellte. Sie wurden 1943 am selben Tag verhaftet, und beide am 9.4.1945 hingerichtet, Bonhoeffer im KZ-Flössenburg, von Dohnanyi im KZ-Sach-senhausen.

Noch hatte der jüngere Dietrich in den Freundeskreis seiner Geschwister hineinzuwachsen. Aber die Vorwegnahmen der jeweiligen Lebens- bzw. Schicksalsgemeinschaften, die diese Sprößlinge des Geistesadels untereinander besiegelten, zeugen beispielhaft von dem mutigen Kampf gegen die Nationalsozialisten und wider den Ungeist “der Verantwortungslosigkeit, der Bequemlichkeit und des Mitläufertums.”[63]

“ Auch wenn die Nachwelt in erster Linie das persönliche Beispiel Dietrich Bonhoeffers ins Blickfeld rückt, so ist er doch nicht der einzige aus der Familie Bonhoeffer, der für den Kampf gegen den nazistischen Irrglauben sein Leben gelassen hat.”

Möge es erkennbar worden sein,

“ wie alle Glieder der Familie sich ihrer tiefen Verantwortung vor den ethisch-moralischen Werte der christlichen Kultur bewußt waren und mit welch persönlichem Mut und welcher Opferbereitschaft sie als Zeugen für das “andere”, bessere Deutschland…gewirkt haben. Dieses unerschütterliche Eintreten für die sittlichen Werte des christlichen Glaubens konnte nur aus einem Elternhaus entspringen, das in seinen religiösen, humanen Grundwerten gefestigt war.”[64]

Über die Blutverwandtschaften und Verschwägerungen hinaus krönt eine innigste Geistesverwandtschaft die unauflösliche Zueinandergehörigkeit innerhalb dieser weitverzweigten Familie.

1943 versuchte Bonhoeffer, sich “ Rechenschaft zu geben über einiges von dem, was sich [ihnen] in diesen Zeiten als gemeinsame Erfahrung und Erkenntnis aufgedrängt hat.”:

“ gemeinsam im Kreise Gleichgesinnter gewonnene Ergebnisse auf dem Gebiet des Menschlichen, nebeneinandergereiht, nur durch die konkrete Erfahrung zueinander gehörig, nichts Neues, sondern gewiß in vergangenen Zeiten längst Gewußtes (…) Man kann über diese Dinge nicht schreiben, ohne daß das Gefühl der Dankbarkeit für alle in diesen Jahren bewahrte und bewährte Gemeinschaft des Geistes und des Lebens jedes Wort begleitet.”[65]

2. Der vierte Sohn aus dem Bonhoefferschen Elternhaus, Wirkungen.

Unerläßlicher noch als die Zusammenhang herstellende Schilderung der sozio-kulturellen und menschlichen Verhältnisse, die nicht nur die Kindheit und Jugend D. Bonhoeffers geprägt haben, ist selbstverständlich die Frage nach ihrem Wurzeln-Schlagen und Früchte-Tragen. Die nächstfolgende Untersuchung der Ein- und Bewirkungen des Elternhauses in Bonhoeffers Entwicklung wird sich auf zwei bestimmte und bestimmende Auswirkungen konzentrieren. Zum einen, auf das nachwirkend stete Bewußtsein um das Niveau seines Milieus…und um die Verantwortlichkeit, das es nach sich zieht, worin die erzieherische Einwirkung der Eltern zu erkennen ist, und worin sich alle Familienmitglieder einig waren. Zum zweiten, auf den indirekt bewirkten Entschluß Bonhoeffers, Theologe zu werden, wodurch er sich unter den Geschwistern auszeichnete.

2.1. Eingewirkte Nachwirkung: das dankbare und verantwortliche Standesbewußtsein der Bonhoeffers.

Was seine eigene Herkunft alles ausmachte, blieb Bonhoeffer sein Leben lang vor Augen. Als er sie in Tegel literarisch in der Geschichte einer bürgerlichen Familie verarbeitete, ließ er sich, dem Bürger, von einem Proletarier sagen:

“ Ihr habt ein Fundament, Ihr habt Boden unter den Füßen, Ihr habt einen Platz in der Welt, für Euch gibt es Selbstverständlichkeiten, für die Ihr einsteht und für die Ihr Euch auch ruhig den Kopf abschlagen lassen könnt, weil Ihr wißt, daß Eure Wurzeln so tief liegen, daß sie wieder treiben werden.”(FT 63)[66]

Zum Tauftag von D.W.R. Bethge, dem Sohn seines Freundes Eberhard und seiner Nichte Renate (geb. Schleicher) wünscht er, aus dem Gefängnis schreibend, seinem Patensohn:

“daß [er] einmal später mit Bewußtsein und Dankbarkeit die Kraft, die im Geiste dieses Hauses liegt, in [sich] aufnimmt.”(WE 150)

Diesem christlich-bürgerlichen Erbe bewußt und dankbar gegenüber zu stehen, hieß für alle Bonhoeffer-Geschwister samt Familien, daß man es als Geschenk und als Herausforderung ansah.

“Die im Elternhaus Deiner Mutter[67] verkörperte städtische Kultur alter bürgerlichen Tradition, die in ihren Trägern das stolze Bewußtsein der Berufung zu hoher allgemeiner Verantwortung, zu geistiger Höchstleistung und Führerschaft und die tiefverwurzelte Verpflichtung, Hüter eines großen geschichtlichen Erbes und geistiger Überlieferung zu sein, geschaffen hat, wird Dir, noch bevor Du es begreifst, eine Art zu denken und zu handeln geben, die Du nie mehr verlieren kannst, ohne Dir untreu zu werden.” (WE 150)

Dies ist natürlich auch auf Bonhoeffer selbst übertragbar.

Jene “Berufung zu hoher und allgemeiner Verantwortung” bleibt nicht folgenlos im Umgang mit den schwächeren Mitmenschen. Einem Neffen, der 1942 einberufen worden war, schrieb er:

“ Du weißt, was ein gutes Familienleben, was gute Eltern, was Recht und Wahrheit, was Menschlichkeit und Bildung, was Tradition für höhere Güter sind…Aber es ist klar,(…) daß Dir dadurch Konflikte bevorstehen (…)einfach schon dadurch, daß Du aus einer solchen Familie kommst, anders bist als die meisten anderen Menschen. (…) Wichtig ist darum nur, daß man das, was man im voraus hat…, nicht als Verdienst sondern als Geschenk auffaßt und daß man sich mit allem, was man hat, ganz den anderen zur Verfügung stellt und sie trotz ihres Andersseins gerne hat.” (GS III, 423)[68]

Bei Bonhoeffer ging dieses anspruchvolle Standesbewußtsein mit dem Verlangen, “die anderen” verstehen zu können einher.[69]

“ Ich möchte einmal ungeborgen sein. Wir können die anderen nicht verstehen. Bei uns sind immer die Eltern, die alle Schwierigkeiten erleichtern. Und ob wir auch noch so weit weg sind, gibt uns das eine so unverschämte Sicherheit.”[70]

Der ersehnte “Blick von unten” wurde ihm schließlich zuteil, so daß er in seiner “Rechenschaft an der Wende zum Jahr 1943” schreiben konnte:

“ Es bleibt ein Erlebnis von unvergleichlichem Wert, daß wir die großen Ereignisse der Weltgeschichte einmal von unten, aus der Perspektive der Ausgeschalteten, Beargwöhnten, Schlechtbehandelten, Machtlosen, Unterdrückten und Verhöhnten, kurz der Leidenden sehen gelernt haben.” (WE 26)

Aus den alltäglichen Erfahrungen unter seinen Mitgefangenen sprossen dann die Keime für eine Theologie des “religionslosen Christentums”,[71] die nie zur Entfaltung kam, abgebrochen durch Bonhoeffers Beseitigung.

Hierin gipfelte das bei Bonhoeffers tiefverwurzelte, sich fortpflanzende, und aus gesundem Standesbewußtsein erwachsende Verantwortungsgefühl den Schwä-cheren gegenüber.

2.2. Nicht eingewirkte Bewirkung: Bonhoeffers Berufswahl.

Hat die “Berufung zu hoher allgemeiner Verantwortung” der gesamten Bonhoeffer-Familie unter Berücksichtigung ihres “Platzes in der Welt” allen Anschein des Angeborenen, so ist für Dietrich Bonhoeffer die (ihm selbst fragliche) Berufung zur Theologie im Grunde kaum auf die namhaften Theologen unter seinen Vorfahren zurückzuführen.

Ihr liegt schon eher “ ein elementarer Drang nach Selbstständigkeit” (DB 62) oder gar Selbstbehauptung des kleinsten Bruders zugrunde, d.h. das vom Platz, der ihm innerhalb der Familie zukam, bedingte Sehnen nach Anerkennung.

“ So wurden die Jüngeren eben aus diesem Gegenüber mit den älteren Brüdern dahin geführt, selbst schöpferisch zu gestalten, nicht so sehr das Gegebene verantwortlich zu tragen und auszuhalten, als frei eine eigene Form des Lebens aus radikaler Kritik heraus zu schaffen.” (GS II, 23 f.)[72]

Des weiteren mögen frühzeitige Auseinandersetzungen mit dem Totsein und dem ewigen Leben in Form von Todes- und Jenseitssehnsucht, die der Verlust des im ersten Weltkrieg gefallenen Bruders Walter erst recht vertieften, bei seiner Entschei-dung für das Theologiestudium mitgewirkt haben.[73]

Im Zwielicht der inneren Antriebe für die Berufswahl steht überdies Bonhoeffers selbst eingestandener Ehrgeiz.[74]

“ Er wurde rot, als er eines Tages in der Prima auf die Frage seines Lehrers leise antwortete, Theologie wolle er studieren…

Der Junge hatte diesen kurzen Augenblick tief in sich hineingesogen. Es war etwas Außerordentliches geschehen, und er genoß dies Außerordentliche und schämte sich zugleich.(…) Jetzt mußte sich ihm das Rätsel seines Lebens lösen. Jetzt stand er feierlich vor seinem Gott, vor seiner Klasse. Jetzt war er der Mittelpunkt.(…) Da stand er in der Mitte der Welt als der Verkündiger und Lehrer seiner Erkenntnis und seiner Ideale (…) und das Wohlgefallen des Ewigen ruhte auf seinen Worten und auf seinem Haupt. Und er schämte sich wiederum. Denn er wußte um seine erbärmliche Eitelkeit.(…) Er betet.(…) Ich, ich. Ich will siegen (…) Ich mit dir! Ich bin stark. Gott, ich bin mit dir ! Hörst Du? Oder hörst du nicht? Zu wem rede ich denn? Zu mir? Zu dir? Zu diesen anderen hier? Wer redet denn? Mein Glaube? Meine Eitelkeit? Gott, ich will Theologie studieren.(…) Es gibt kein Zurück mehr. Ich will…aber wenn…? ”

Die auf dem Gebiet der Wissenschaften erfolgreichen Brüder trieben ihren Spott mit seinem festen Entschluß zum Theologiestudium. Die evangelische Kirche war provinziell, “ohne Verbindung zur Welt wie sie wirklich war und schwächlich dazu. Wie konnte dieser begabte jüngere Bruder nur seine Zeit an eine so veraltete und überholte Organisation verschwenden?”[75]

Seine schlagfertige Antwort darauf:

“ Dann werde ich eben die Kirche reformieren!”

B. Die wissenschaftlich motivierten Anfänge eines strebsamen Theolo-giestudenten.

Studium 1923-1927.

1. Tübingen (1923-24).

In Tübingen, der Alma Mater seines Vaters, begann 1923 für zwei Semester der Siebzehnjährige sein Studium. In der Auswahl seiner Vorlesungen und Fächer wirkte sich der Geist des Elternhauses aus: neben Theologie und Religions-geschichte[76] belegte er auch in Philosophie (im ersten Semester sogar vorwiegend in dieser Disziplin), Musik und Sozialpolitik. Intensiv besuchte er Hörsaal und Seminar, nicht aber die Kirche.

Er trat als einziger unter den Söhnen Karl Bonhoeffers in die Verbindung seines Vaters ein. Über den “Igel”[77] wurde er auf eigenen Wunsch für zwei Wochen Soldat bei den Ulmer Jägern, d.h. daß er an der sogenannten schwarzen Reichswehr teilnahm, “um für kritische Lagen ein gesichertes Gefühl zu haben, mithelfen zu können”[78]

Viel entscheidender und richtungsweisender für Bonhoeffers theologischen Werdegang als die ersten Schritte auf dem Gebiet der Wissenschaft wurde die ihn überwältigende Begegnung mit der konkreten Kirche.

Und zwar im katholischen Rom.

2. Rom (1924).

Frei von jeglicher Voreingenommenheit, die man von einem Protestanten der katholischen Kirche gegenüber erwarten könnte,[79] bekundete er während seines Rom-Aufenthalts[80] eine unbefangene Rezeptivität für die liturgische Ausprägung der “Universalität der Kirche” im allgemeinen, für den Brauch der Beichte,[81] die als Konkretion des Evangeliums aufzufassen ist, insbesondere.

“Ich fange an, glaube ich, den Begriff Kirche zu verstehen” trug er in sein Tagebuch ein.

3. Berlin (1924-27)

Um diese Kirchenerlebnisse in Rom nachhaltig bereichert setzt er ab Juni 1924 sein Studium in Berlin fort[82], und beginnt bereits im September 1925 bei R. Seeberg seine Doktorarbeit. Sanctorum Communio, eine dogmatische Untersuchung zur Soziologie der Kirche lautet das selbsterstellte Thema der Arbeit, die “halb historisch, halb systematisch angelegt” (GS VI, 96)[83] ist, Historismus und Soziologie einerseits (mit der Frage nach der konkreten Gestalt der Kirche) und Offenbarungstheologie andererseits ( mit der Behauptung, die Kirche bezeuge die Offenbarung ), zusammenfügen sollte, und aus Hegel die versöhnende Formel gewann: “Christus als Gemeinde existierend”.

Denn in der Zwischenzeit hatte ein erheblich mitbestimmendes Ereignis satt-gefunden: Bonhoeffer hatte Barths Theologie für sich entdeckt.[84] Dem erfolgsorientierten Theologiestudenten Bonhoeffer lehrte Karl Barths Wort Gottes und die Theologie, daß die Theologie zwangsläufig eine Niederlage impliziert.[85]

Daraus erfolgte aber auch die Erkenntnis, daß “das schwierigste Theologumenon Barths nichts wert sei, wenn die darin enthaltene Sache nun eben diesen Grunewalder Kindern nicht ganz massiv gesagt werden könne[86], unter denen er zwei Jahre lang war, nicht nur um pflichtgemäß für die Examenzulassung eine praktische Tätigkeit in einer Kirche nachweisen zu können. Kaum hatte er Ende 1925 mit der Übernahme des immer sorgfältig vorbereiteten Kindergottesdienstes seine ersten Schritte in der kirchlichen Praxis gemacht,

“ rührte er das ganz persönliche Problem auf, ob die praktische Tätigkeit Kontrapunkt zum Thema seines theologischen Existierens werden dürfe –oder ob es sich nicht umgekehrt verhalten müsse.”( DB 124)

Selbstverständnis und Verständnis der Theo logie sind nicht länger die ursprünglichen.

“ Als ich anfing mit der Theologie, habe ich mir etwas anderes darunter vorgestellt –doch vielleicht eine mehr akademische Angelegenheit.” (GS III, 25)[87]

1927 promoviert Bonhoeffer, einundzwanzigjährig. Die erträumte akademische Laufbahn ist bei weitem kein Hindernislauf. Er aber nimmt, neben dem durchaus gut ausgeschilderten Zugang zum Katheder, den Wegweiser “Kanzel” wahr, und richtet unabläßlich seine Blicke darauf.

C. Der Praxis orientierte Werdegang eines angehenden Theologen und Pfarrers.

Erfahrungen in Barcelona, Berlin und New-York.(1928-1931)

Dies führt ihn zunächst 1928 nach Barcelona, wo er als Vikar seine (19!) ersten Kanzelreden hält, vor einer deutschsprachigen Auslandsgemeinde. Seine dortige praktische Tätigkeit begrüßte er als “ Zusammenfließen von Arbeit und Leben”, weil es “ der Arbeit Würde und dem Arbeiter Sachlichkeit” gebe.(GS I,51)[88]

Der akademischen Laufbahn kehrte er jedoch nicht den Rücken: bloß war sie mittlerweile nur noch Mittel zum Zweck.[89]

Seit Frühjahr 1929 wieder in Berlin legt der neue Volontärassistent am systematischen Seminar im Juli 1930 sein Zweites Theologisches Examen ab, habilitiert mit Akt und Sein, Transzendentalphilosophie und Ontologie in der systematischen Theologie, und hält seine Antrittsvorlesung über Die Frage nach dem Menschen in der gegenwärtigen Philosophie und Theologie.

Dafür mußte er auf der parallel eingeschlagenen kirchlichen Laufbahn eine Pause einlegen: das Mindestalter zur Ordination hatte er vorerst noch zu erreichen.

So kam es, daß der ausgebildete Akademiker auf Veranlassung seines kirchlichen Vorgesetzten nach Amerika aufbrach und am New-Yorker Union Theological Seminary ein weiteres Jahr “studierte”.[90] Besonders entscheidend war, daß er in der Neuen Welt in Berührung kam mit der das Evangelium predigende und praktizierende, lebendige Kirchlichkeit der Neger,[91] mit der weltoffenen, aktivistischen Bewegung des “social gospel”, die sich dem Problem der gesellschaftlichen Ethik und der theologischen Begründung der kirchlichen Verantwortung dafür stellte.[92] Ganz ausschlaggebend für den deutschen Lutheraner war außerdem das Antreffen des christlichen Pazifismus, den die ökumenische Bewegung des “Weltbundes für Freundschaftsarbeit der Kirchen” (“ World Alliance”) vertrat, der französische Mitstipendiat und Freund Jean Lasserre in Gehorsam gegen das christliche Friedensgebot der Bergpredigt verkörperte.

“ Der christliche Pazifismus, den ich noch kurz vorher (…) leidenschaftlich bekämpft habe, ging mir auf einmal als Selbstverständlichkeit auf.”[93]

Hiermit klingt eine wesentliche Wende an, das Präludium einer zur hohen Verantwortlichkeit berufenen Existenz ( wie auch ein Stück weit unverzichtbarer Präliminarien) aus. Durchlaufend blieb, als Generalbaß, die Erziehung zur Selbstbeherrschung, zur Sachlichkeit, zur Verantwortung. Der beinahe übermutige, selbstherrliche Auftakt des Theologiestudiums verhallt.[94] Auf das Vorspiel der römischen Kirche waren im Werk Sanctorum Communio die ersten Takte einer Theologie gefolgt, die sich dem Thema Kirche widmet. Kathederweisheiten stellen Bonhoeffer nicht zufrieden, sie bedürfen einer sich nach und nach behauptenden praktischen Begleitung, werden kontrapunktisch nach und nach durch seine Wirklichkeitsnähe übertönt. Ein Nachspiel möge unsere Akzentsetzung noch einmal bekräftigen:

“ Ich habe mich , glaube ich, nie geändert, höchstens in der Zeit meiner ersten Auslands-eindrücke und unter dem ersten bewußten Eindruck von Papas Persönlichkeit. Damals ist eine Abkehr vom Phraseologischen zum Wirklichen erfolgt.” (Brief vom 22.4.44.WE 135-36).

II. TAT.

Nicht das Beliebige, sondern das Rechte tun und wagen,
nicht im Möglichen schweben, das Wirkliche tapfer ergreifen,
nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist die Freiheit.
Tritt aus ängstlichem Zögern heraus in den Sturm des Geschehens,
nur von Gottes Gebot und deinem Glauben getragen,
und die Freiheit wird deinen Geist jauchzend umfangen.

Wirklichkeitsgemäß gewagtes, frei und gehorsam beschlossenes, christlich verantwortliches Handeln: somit rückt das Kernstück unserer Untersuchung näher, wenn auch erst keimhaft : im zentralen dritten Hauptteil dieser Arbeit sollte es entfaltet werden. Es sei an dieser Stelle nur schlaglichtartig, eine Art Radiogramm dieses Herzstückes herstellend auf die zwei lebensentscheidensten, jeweils Anfang und Ende der Dreißiger anbrechenden Wendepunkte im Leben Bonhoeffers hingewiesen.

A. Christlicher Pazifist aus Verantwortung.(1931-1939)

1. “Wendung des Theologen zum Christen.”

“ Ich stürzte mich in die Arbeit[95] in sehr unchristlicher und undemütiger Weise. Ein… Ehrgeiz, den manche an mir gemerkt haben, machte mir das Leben schwer…

Dann kam etwas anderes, etwas, was mein Leben bis heute veränderte und herumgeworfen hat. Ich kam zum ersten Mal zur Bibel… Ich hatte schon oft gepredigt, ich hatte schon viel von der Kirche gesehen, darüber geredet und geschrieben- und ich war noch kein Christ geworden, sondern… ungebändigt mein eigener Herr…

Ich weiß, ich habe damals aus der Sache Jesu Christi einen Vorteil für mich selbst, für meine wahnsinnige Eitelkeit gemacht.(…) Daraus hat mich die Bibel befreit und insbesondere die Bergpredigt. Seitdem ist alles anders geworden. Das habe ich deutlich gespürt und sogar andere Menschen um mich herum. Das war eine große Befreiung. Da wurde mir klar, daß das Leben eines Dieners Jesu Christi der Kirche gehören muß und Schritt für Schritt wurde es deutlicher.” (Rückblickend aus Finkelwalde, an Elisabeth Zinn, 27.1.36)[96]

“ Theologisch begann er, die Bergpredigt zu studieren. Ethisch reflektierte er den Pazifismus. Persönlich fing er an, eine disziplinierte praxis pietatis zu üben. Er ging regelmäßig zur Kirche.”[97] Beruflich war er allzugleich für Universität, Kirche und Ökumene tätig. Der Privatdozent an der Berliner Fakultät, Studentenpfarrer an der technischen Hochschule in Charlottenburg, Hilfsprediger in der Berlin- Branden-burgische Kirche betreute Konfirmanden im proletarischen Viertel Berlin- Wedding und bekleidete etliche Ämter innerhalb der Ökumene.

“ Dann kam die Not von 1933. Das hat mich darin bestärkt. Ich fand nun auch Menschen, die dieses Ziel mit mir ins Auge faßten. Es lag mir nun alles an der Erneuerung der Kirche und des Pfarrerstandes…Der christliche Pazifismus (…) ging mir auf einmal als Selbstverständlichkeit auf. Und so ging es weiter Schritt für Schritt.”[98]

2. Mit der Kirche handeln für die Verfolgten.

Bonhoeffers Stellungnahmen im Kampf gegen Hitlers verführerischen Führeranspruch, gegen die “Deutschen Christen”, für die Verteidigung derjenigen Kirche, die ihnen stand-, den Juden beihalten sollte, und für den Frieden, stehen unter dem Zeichen der absolut radikalen Kompromißlosigkeit, die beispielsweise in bekannt gewordenen Schlagworte prägnant zum Ausdruck kamen wie:

“ Nur wer für die Juden schreit, darf gregorianisch singen.” (1935)

Oder: “ Wer sich wissentlich von der Bekennenden Kirche in Deutschland trennt, trennt sich vom Heil.” ( GS II, 238.)

Den meisten seiner mitkämpfenden Amtsbrüder waren seine Ansichten allzu unerbittlich und unvertretbar.

Im September 1933 willigt die Kirche der altpreußischen Union (seine Kirche) frei in die Einführung des Arierparagraphen in ihre Mitte ein.

“ einer Kirche gegenüber, die den Arierparagraphen durchführt, [gibt es] nur noch einen Dienst der Wahrheit, nämlich den Austritt.” ( GS II, 65f.)[99]

So zog sich Bonhoeffer von der vordersten Front zurück und trat sogleich (im Oktober) ein Auslandspfarramt in London an, von wo aus er seine ökumenischen Verbindungen für die BK gewann.

Dem endlich konsequenter unternehmenden Notkirchenregiment der Bekenntnissynode verweigerte er seine Dienste nicht, als man ihn mit der Ausbildung von Pfarrern für die BK beauftragte. Bonhoeffer versäumte zum zweiten Mal, die Möglichkeit in Indien Gandhis gewaltlosen, politisch verantwortlichen Widerstand in situ zu erkunden, und kehrte angesichts seines dringenden Gebrauchtwerdens unverzüglich 1935 nach Deutschland zurück, wo er fünf Jahre lang Predigerseminare leitete, bis im März 1940 die Gestapo auch den illegalen Sammelvikariaten in Hinterpommern ein Ende setzte, in denen die Arbeit nach der polizeilichen Schließung des Finkelwalder Bruderhauses (im Herbst 1937) fortgesetzt wurde.

Erkenntnisse und Erfahrungen aus dieser “ beruflich und menschlich ausgefüllteste[n] Zeit” schlugen sich in zwei Werken nieder: Nachfolge (1937) und Gemeinsames Leben (1938).

Am entscheidungsschwersten wurde für den überzeugten christlichen Pazifisten das Jahr 1939.

B. Christlicher Verschwörer aus Verantwortung 1939-1943

1. Wendung des Christen zum Zeitgenossen.

“ Ich plane, Deutschland irgendwann zu verlassen. Der Hauptgrund dafür ist die allgemeine Wehrpflicht.(…) Es scheint mir mit meinem Gewissen unvereinbar, an einem Krieg unter den gegebenen Umständen teilzunehmen. Andererseits(…) würde ich meinen Brüdern einen ungeheuren Schaden zufügen, wenn ich an diesem Punkt Widerstand leistete(…) ich fühle, daß ich es wirklich aus christlichen Gründen schwierig finde, unter den gegenwärtigen Bedingungen Militärdienst zu leisten.”[100]

R.Niebuhr und P. Lehman hätten allerlei Aufträge für den Emigranten gehabt. Amerika nische Universitäten und Kirchen erwarteten ihn. Er aber fuhr am 2. Juni 1939 hin, am 7. Juli zurück. Die Losung für den 24.6. hatte ‘ Wer glaubt, der flieht nicht.(Jesaja 28,16) gelautet. Und er gehorchte[101]:

“ Ich bin zum Schluß gekommen, daß ich einen Fehler gemacht habe, indem ich nach Amerika kam. Ich muß diese schwierige Periode unserer nationalen Geschichte mit den Christen Deutschlands durchleben.(…) Die Christen in Deutschland stehen vor der fürchterlichen Alternative, entweder in die Niederlage ihrer Nation einzuwilligen(….), oder in den Sieg und dabei unsere Zivilisation zu zerstören. Ich weiß, welche dieser Alternativen ich zu wählen habe; aber ich kann diese Wahl nicht treffen, während ich in Sicherheit bin.”[102]

Bereuen gab es keins:

“ Du mußt wissen, daß ich noch keinen Augenblick meine Rückkehr 1939 bereut habe, noch auch irgend etwas von dem, was dann folgte. Das geschah in voller Klarheit.(…) Und daß ich jetzt sitze… rechne ich auch zu dem Teilnehmen an dem Schicksal Deutschlands, zu dem ich entschlossen war.” ( Tegel 22.12.43, WE 100)

1939 ward die zeit- und bedingungslose “Nachfolge” zeitbedingt, der Christ Dietrich Bonhoeffer, Zeitgenosse.

2. Mit politisch Gleichgesinnten handeln gegen die Verfolger.

1933 hatte Bonhoeffer “eine dreifache Möglichkeit kirchlichen Handelns dem Staat gegenüber” ersehen:

“ Erstens (…) die an den Staat gerichtete Frage nach dem legitim staatlichen Charakter seines Handelns, d.h. die Verantwortlichmachung des Staates. Zweitens der Dienst an den Opfern des Staatshandelns.(…) Die dritte Möglichkeit besteht darin, nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen. Solches Handeln wäre unmittelbar politisches Handeln der Kirche.”[103]

1938 mußte er einsehen:

“Sie[ die Kirche] war stumm, wo sie hätte schreien müssen, weil das Blut der Unschuldigen zum Himmel schrie. Sie hat das rechte Wort in rechter Weise zur rechten Zeit nicht gefunden.(…) Sie hat mitangesehen, daß unter dem Deckmantel des Namens Christi Unrecht geschah.” (E 129)

1939 mußte er zusehen, daß er sich und seine ökumenischen Verbindungen, den unter dem Deckmantel der “Abwehr” aktiven Widerstandskämpfern zur Verfügung stellte. Nicht mit der Kirche, sondern mit Verschwörern wagte er den politischen Schritt, “dem Rad in die Speichen zu fallen ”. Denn:

“ Wenn ein Wahnsinniger auf dem Kurfürstendamm sein Auto über den Gehweg steuert, so kann ich als Pastor nicht nur die Toten beerdigen und die Angehörigen trösten; ich muß hinzuspringen und den Fahrer vom Steuer reißen, wenn ich eben gerade an dieser Stelle stehe.”[104]

Als Verbindungsmann der Abwehr (und als solcher vom Wehrdienst freigestellt) machte der Schwager Hans von Dohnanyis nun konspirative Reisen in die Schweiz, nach Schweden, Norwegen und Italien. 1941 bezweckten sie, im Frühjahr, die Bekundung der Existenz einer untergründigen Widerstandsbewegung, im Herbst, die Erkundigung der Friedensziele seitens der Alliierten, im Mai 1942, die präzise Ankündigung eines Putschs(versuchs). Hierin, in dieser, für Bonhoeffer, ethischen Grenzsituation befindet sich der Ansatzpunkt für seine fragmentarisch gebliebene Ethik, an der er, trotz Schreibverbots, zwischendurch, arbeitete.

“ Eine geschichtliche Entscheidung geht nicht in ethische Begriffe auf. Es bleibt ein Rest, das Wagnis des Handelns.”[105]

Am 5. April 1943 wurden sie verhaftet, Hans von Dohnanyi und er.

III. LEIDEN und TOD.

A. LEIDEN.

Wunderbare Verwandlung. Die starken Hände
sind dir gebunden. Ohnmächtig einsam siehst du das Ende
deiner Tat. Doch atmest du auf und legst das Rechte
still und getrost in stärkere Hand und gibst dich zufrieden.
Nur einen Augenblick berührtest du selig die Freiheit,
dann übergabst du sie Gott, damit er sie herrlich vollende.

Mitleiden und Leiden[106] sind seit jeher Los und Losung des Christentums. Ihre christologische und christliche Tiefe erkannte Bonhoeffer immer gründlicher.

“ Ich wehre mich innerlich dagegen, wenn ich in Briefen Wendungen lese, die von meinem “Leiden” sprechen (…). Nein, Leiden muß etwas ganz anderes sein, eine ganz andere Dimension haben, als was ich bisher erlebt habe.” ( 9.3.44.WE 125-126)

“ Tatenloses Abwarten und stumpfes Zuschauen sind keine christliche Haltungen. Den Christen rufen nicht erst die Erfahrungen am eigenen Leibe zur Tat und zum Mitleiden.” (WE 22)

Die Stellvertretung hatte er als Theologe und Christ theoretisch festgesetzt, als Christ und Zeitgenosse praktisch umgesetzt. Die Haft jedoch setzte dem bisherigen Einsatz endgültig ein Ende, den Überlegungen neue Akzente. In Ohnmacht versetzt theologisierte der trotzdem nicht wirklichkeitsfremde christliche Zeitgenosse, Zeuge einer “mündig gewordenen Welt”, die einer “völlig unreligiösen Zeit entgegen” geht, nun brieflich:

“ Was mich unablässlich bewegt, ist die Frage, was das Christentum oder wer auch Christus heute für uns eigentlich ist.(…)Wie kann Christus auch der Herr der Religionslosen werden?” (30.4.44.WE 138-139)

Erfahrungsbezogen, wirklichkeitsnah…und gottesergeben sind Bonhoeffers Briefe und Aufzeichnung aus der Haft (Widerstand und Ergebung).

“ Ich habe in den letzten Jahren mehr und mehr die tiefe Diesseitigkeit des Christentums kennen und verstehen gelernt; nicht ein homo religiosus, sondern ein Mensch schlechthin ist der Christ (…) die tiefe Diesseitigkeit die voller Zucht ist, und in der Erkenntnis des Todes und der Auferstehung immer gegenwärtig ist.(…) ich erfahre es bis zur Stunde, daß man erst in der vollen Diesseitigkeit des Lebens glauben lernt Wenn man völlig darauf verzichtet hat, aus sich selbst etwas zu machen (...) dann wirft man sich Gott ganz in die Arme, dann nimmt man nicht mehr die eigenen Leiden, sondern das Leiden Gottes im der Welt ernst (…) und so wird man ein Mensch, ein Christ.

Ich bin dankbar, daß ich das habe erkennen dürfen und ich weiß, daß ich es nur auf dem Wege habe erkennen können, den ich nun einmal gegangen bin. Darum denke ich dankbar und friedlich an Vergangenes und Gegenwärtiges.” ( 21.7.44,WE 194-195)[107]

Im Oktober wurden auch sein Bruder Klaus und R. Schleicher verhaftet. Er gab einen Fluchtplan auf, um sie nicht zu gefährden. Dann überstürzten sich die un-heilvollen Vorgänge. Am 8. Oktober wurde er vom Militärgefängnis Tegel ins Keller-gefängnis der Prinz-Albrecht-Straße, von dort aus am 7.2.45 ins KZ-Buchenwald gebracht, von wo aus er am 3.April nach Schönberg kam.

B. TOD.

Komm nun, höchstes Fest auf dem Wege zur ewigen Freiheit,
Tod, leg nieder beschwerliche Ketten und Mauern
unsres vergänglichen Leibes und unsrer verblendeten Seele,
daß wir endlich erblicken, was hier uns zu sehen mißgönnt ist,
Freiheit, dich suchten wir lange in Zucht, und in Tat und in Leiden.
Sterbend erkennen wir dich im Angesicht Gottes dich selbst..

Im Führerhauptquartier befahl Hitler am 5. April 1945, die Liquidierung von Oster, Canaris, von Dohnanyi und Bonhoeffer. Noch wurde den “Führerbefehlen” Folge geleistet.

“Das ist das Ende- für mich der Beginn des Lebens.”[108]

Dies ist der Wortlaut seines allerletzten verbalen Zeugnisses, bevor man ihn am 8. April von Schönberg ins KZ-Flössenburg holte, wo er in der Nacht von einem SS- Standgericht auf “politischen Hochverrat” erkannt, und zum Tode verurteilt wurde. Im Morgengrauen des 9. April wurde die Hinrichtung vollstreckt.[109] Das schriftliche Zeugnis des Lagerarztes Dr. Hermann Fischer spricht weiter:

“Am Morgen des betreffenden Tages etwa zwischen 5 und 6 Uhr wurden die Gefangenen, darunter Admiral Canaris, General Oster…aus den Zellen geführt und die kriegsgerichtlichen Urteile verlesen. Durch die halbgeöffnete Tür eines Zimmers im Barackenbau sah ich vor der Ablegung der Häftlingskleidung Pastor Bonhoeffer in innigem Gebet mit seinem Herrgott knien. Die hingebungsvolle und erhörungsgewisse Art des Gebets dieses außerordentlich sympathischen Mannes hat mich aufs Tiefste erschüttert. Auch an der Richtstätte selbst verrichtete er noch ein kurzes Gebet und bestieg dann mutig und gefaßt die Treppe zum Galgen. Der Tod erfolgte nach wenigen Sekunden. Ich habe in meiner fast 50jährigen ärztlichen Tätigkeit kaum je einen Mann so gottergeben sterben sehen.”[110]

Dem Ausklang dieses vom “cantus firmus”[111] getragenen polyphonischen Lebens würde etwas Nachklang fehlen, wenn nicht kontrapunktisch zum Ouvertüre-Gedicht,- den Einklang mit den Gehorsam und Freiheit fordernden Wegen Gottes abermals betonend-, an dieser Stelle die letzten Verse vom Tod des Mose,[112] einem Schwanengesang, ertönen dürften.

Treuer Herr. Dein ungetreuer Knecht

Weiß es wohl: Du bist allzeit gerecht.

So vollstrecke heute Deine Strafe,

Nimm mich hin zum langen Todesschlafe.

[…]

Wunderbar hast Du an mir gehandelt,

Bitterkeit in Süße mir verwandelt,

Läßt mich durch den Todesschleier sehn,

Dies mein Volk zu höchster Feier gehn.

Sinkend, Gott, in Deine Ewigkeiten

Seh mein Volk ich in die Freiheit schreiten

Der die Sünde straft und gern vergibt,

Gott, ich habe dieses Volk geliebt.

Daß ich seine Schmach und Lasten trug

Und sein Heil geschaut – das ist genug.

Halte, fasse mich! Mir sinkt der Stab,

Treuer Gott, bereite mir das Grab.

“ In der Verantwortung realisiert sich beides, Gehorsam und Freiheit.”[113]

Entschlossen ging Bonhoeffer in Gehorsam und Freiheit seinen“Weg zur Freiheit”, auf dessen Stationen wir, bevor dieser Orientierung verschaffende Vorgang abgeschlossen wird, anhand von zwei Zitaten Eberhard Bethges zurückweisen wollen.

“ Die Partner und Adressanten seiner Arbeit haben gewechselt. Zunächst sind es die Theologen gewesen (…); ihnen sagt er wider alle vage Verflüchtigung, daß Jesus Christus nirgends anders zu haben ist als in den konkreten …Kirchen. Dann ist es die Kirche selber, in deren Kampf er von Beginn an in voller Parteinahme eintritt; ihr sagt er, daß sie mit der bindungslosen billigen Verschleuderung der Gnade die Welt um die Gnade Christi betrügt. Und am Ende sind es die schuld-beladenen Teilhaber an dem rasenden Ablauf eines Weltabschnittes: Juristen, Soldaten, Wächter und Gefangene, Verschwörer und Atheisten; ihnen zeigt er, daß Jesus Christus (…) brüderlicher Herr dieser modernen Welt [ist]”[114]

“ Bonhoeffer hatte dreimal versucht, seiner Bestimmung zu entfliehen: 1933 in ein klerikales Exil nach London, 1939 in ein akademisches nach New York, 1944 aus der Zelle in ein ziviles Untertauchen. Dreimal kehrte er zurück: 1935 in seine verfolgte Kirche(…), 1939 in die Mitarbeit konspirierender Freunde(…), 1944 in die Gemeinschaft der Verurteilten.”[115]

Die Führung über die verschiedenen Stationen dieses Lebens, in dem Verkündigen und Handeln parallel durch die Windungen der deutschen Geschichte liefen, möge bereits erschlossen haben, daß Bonhoeffer ein Verantwortlicher war:

“Der Mensch der Verantwortung, der zwischen Bindung und Freiheit steht, der als Gebundener in Freiheit zu handeln wagen weiß, findet seine Rechtfertigung weder in seiner Bindung noch in seiner Freiheit, sondern allein in dem, der ihn in diese – menschlich unmögliche – Situation gestellt hat und die Tat von ihm fordert. Der Verantwortliche liefert sich selbst und seine Tat Gott aus.” (E 289)

?

Diesem Zitat kommt eine doppelte Funktion zu. Es schließt unseren ersten Teil, indem es auf Bonhoeffers verantwortliches Leben in der Freiheit des Gehorsams gegen Gott übertragen werden kann, in dem er “sich ganz Gott in die Arme”[116] warf.

Es dient außerdem als Übergang, was allein auf Bonhoeffers konsequent christlichen Leben und Denken zurückzuführen ist. Der letzte Satz dieses Zitats dürfte nämlich folgendermaßen ergänzt werden:

“ Weil Gott Mensch wurde, darum muß verantwortliches Handeln im Bereich des Menschlichen abwägen, urteilen, werten, darum muß es auch die Folgen des Handelns ernstlich bedenken und den Blick in die nächste Zukunft wagen, - verantwortliches Handeln darf nicht blind sein wollen -, weil aber Gott Mensch wurde, darum muß verantwortliches Handeln im Bewußtsein der Menschlichkeit seiner Entscheidungen das Urteil über dieses Handeln wie auch seine Folgen ganz an Gott ausliefern.” (E 224)

Hiermit kommt der Urgrund verantwortlichen Handelns deutlicher zum Vorschein: es ist in der Menschwerdung Gottes, im Gottmenschen, d.h. in Jesus Christus allein verwurzelt.

Bonhoeffer mußte als Christ ein Verantwortlicher sein, weil sein Herr, sich in seiner Menschwerdung als der Verantwortliche par excellence erwies und ihn zur Verantwortung, deren alleiniger Begründer er ist, aufrief.

“ Jesus Christus ist der verantwortlich Lebende schlechthin. (...) Sein gesamtes Leben, Handeln und Leiden ist Stellvertretung. Als der Menschgewordene steht er wirklich an der Stelle aller Menschen. Was die Menschen leben, handeln und leiden sollten, trifft ihn. In dieser realen Stellvertretung, die seine Menschliche Existenz ausmacht, ist er der Verantwortliche schlechthin. In der realen Stellvertretung Jesu Christi für die Menschen liegt die Wurzel aller menschlichen Verantwortlichkeit.” (E 230f.)

Bonhoeffers Leben entsprang “aus dem allumfassenden Leben, das Jesus Christus heißt, das Ursprung, Wesen und Ziel alles Lebens ist.” (E 250).Darum begegnet man ihm auf Bonhoeffers Lebensweg bei jedem Schritt, dem “verantwortlich Lebende[n] schlechthin.” Darum müßte man dieses “allumfassende Leben, das Jesus Christus heißt”, näher betrachten, wenn man Bonhoeffers Leben, seine Lebens-entscheidungen nicht mißverstehen will.

Bonhoeffers Denken und Leben ist aufs engste mit der Kirche verbunden.

“ Bonhoeffer beginnt seine Theologie mit der Kirche und von der Kirche her.”[117]

Indes setzt die Ekklesiologie, die in Bonhoeffers Doktorarbeit Sanctorum Communio entwickelt wird, eine Christologie voraus:

“ So ist Christus der Grund, auf dem allein der Bau der Kirche ruht, die Wirklichkeit, an der das geschichtliche ‘Gesamtleben’ entsprang.” (SC 97)[118]

“ Hitlers Machtergreifung zog Bonhoeffer wie nie zuvor in den Tageskampf seiner Kirche hinein.”[119]

Indes läuft nicht von ungefähr bereits der zweite Satz des Vorworts zur Nachfolge (19 37) auf Jesus Christus hinaus:

“ Hinter den notwendigen Tages- und Kampfparolen der kirchlichen Auseinandersetzung regt sich ein stärkeres Suchen und Fragen nach dem, um den es allein geht, nach Jesus selbst.” (N 21)

Weil Bonhoeffers Theologie grundsätzlich eine Christologie ist, weil er in die Nachfolge Christi tretend, als Christ leben und handeln wollte, darum muß auch der Ausbau unseres Themas, wenn er eine Spur von Gründlichkeit beanspruchen will, auf dem Leben Jesu Christi, auf dem Leben Jesus Christus, auf Christus dem “Eckstein”[120] basieren, darum müssen wir, nachdem wir im ersten Teil Grundkenntnisse der Biographie Bonhoeffers vermittelt haben, zuallererst seiner Theologie auf den Grund gehen, indem wir dem Fragen Bonhoeffers nach Jesus Christus folgen.

“ Denn einen anderen Grundstein kann niemand legen, als den, der gelegt ist, nämlich Jesus Christus.” ( I. Korinther 1,3)

II. TEIL Grundlegung der Theologie Bonhoeffers: Ursprung, wesen und Ziel christlichen Lebens Christologie und christusgemäßes Handeln .

“Nicht von der Welt zu Gott, sondern von Gott zur Welt geht der Weg Jesu Christi und daher der Weg alles christlichen Denkens.” (Ethik 328)

In Bonhoeffers Leitfrage nach Jesus Christus selbst laufen alle seine theologischen und existenziellen[121] Überlegungen zusammen, in der Antwort darauf fand er jedesmal einen persönlichen Ariadnefaden. Diese “Frage an Christus, wer bist Du?, auf der “die Entfaltung der christologischen Frage”[122] nicht nur in der Christologie-Vorlesung von 1933 fußt, durchzieht als roter Faden das Werk Bonhoeffers: den Vortrag Jesus Christus und vom Wesen des Christentums, den er am 11.12.1928 in Barcelona hielt, begann der junge Vikar mit folgenden Worten:

“Ob Christus in unseren Tagen noch an einer Stelle stehen kann, an der die Entscheidung über das Tiefste, das wir kennen, über unser und unseres Volkes Leben fallen, das ist die Frage, die wir uns heute vorlegen.”[123]

In Tegel schrieb am 30.4.1944 der Verfasser des Gedichts “Wer bin ich?[124]:

“Was mich unablässig bewegt, ist die Frage, was das Christentum oder auch wer Christus heute für uns eigentlich ist.” (WE 138)[125]

Ist beinahe die gesamte Theologie Bonhoeffers von dieser Grundfrage durchwoben, so muß sich dieser Teil über jede chronologische und chronologisch bestimmte bibliographische Eingrenzung hinwegsetzen (auch den Stoff der Ethik wird man schon heranziehen müssen); so können, des weiteren, darin vorerst nur wie Kettfäden in den Rahmen eingespannt werden, wohinein die kommenden Bearbeitungen dann eingewoben werden können; so bedarf es einer Grundlegung, daher das 1. Kapitel: Wer ist Christus?: Die onto-christologische Frage als Grundlegung der Christologie Bonhoeffers.

Nicht in abstracto und auch nicht dem historischen Jesus stellt Bonhoeffer seine Frage nach Jesus selbst. Die Bonhoeffersche Frage lautet bezeichnenderweise “Wer ist Christus heute für uns ?” Der Vorrang dieses “heute für uns” ist für Bonhoeffers Denken wesenhaft. Ihn spiegelt z.B. die Gliederung der Christologie-Vorlesung aufs Deutlichste wider: erst ‘ A. Der gegenwärtige Christus – Das Pro- me’, dann ‘ B. Der geschichtliche Jesus’.

Vollständig ist die christologische Frage aber erst, wenn wir die Frage, wer Christus heute für uns sei, durch die Frage: “Was will er heute von uns?[126] ergänzen. “D ie Frage, wie Christus unter uns heute und hier Gestalt gewinne beziehungsweise wie wir seiner Gestalt gleichgestaltet werden”,[127] ist die Ausgangsfrage in Bonhoeffers konkreten Ethik. “Es wird also alles, was konkret über das Gestaltgewinnen dieser Gestalt unter uns, heute und hier zu sagen ist, streng auf diese Gestalt Jesu Christi bezogen sein müssen.[128] Es galt ehemals für Bonhoeffers Theologie (Christologie), gilt abermals für deren Darstellung. Dem entsprach wiederholt eine Struktur in Bonhoeffers Darstellungsweise, der entspricht die Gliederung unseres zweiten Kapitels: Was will Christus heute von uns?: die Vervollständigung der christologischen Frage als Grundlage für christusgemäßes Handeln:

erstens, Die Gestalt des geglaubten Christus und seine Anrede an den Glaubenden; zweitens, Die Antwort des Glaubenden: die Gleichgestaltung mit Christus.

I. Wer ist Christus?:

Die onto-christologische Frage,

Grundlegung der Christologie Bonhoeffers

“Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.(...) Und das Wort ward Fleisch.” (Johannes 1: 1-3,14)

Die Entfaltung der christologischen Frage.

Christus ist der Logos Gottes.” “Christologie ist Lehre, Rede, Wort vom Wort Gottes...Christologie ist Logologie...Die Tatsache, daß der Logos Mensch geworden ist, ist Vorraussetzung.” (CV 280 f.)

“Nach dem Wer kann nur dort legitim gefragt werden, wo sich der Gefragte selbst vorher schon offenbart hat (...); nach dem Wer kann nur gefragt werden unter der Voraussetzung der bereits vorher geschehenen Antwort. Und dies wieder heißt, die christologische Frage kann wissen-schaftlich nur im Raum der Kirche gestellt werden unter Voraussetzung der Tatsache, daß der Anspruch Christi, das Wort Gottes zu sein, zurecht besteht.(...) In der Kirche, in der Christus sich als das Wort Gottes offenbart hat, stellt der menschliche Logos die Frage: Wer bist Du, Jesus Christus? Logos Gottes! Die Antwort ist gegeben.(...)” “ Die Frage nach dem “Wer” ist die Frage nach der Transzendenz.(...) Die “Wer-Frage” ist zugleich die Existenzfrage des Fragenden.(...) Die Existenzfrage ist die Transzendenzfrage des Menschen (...), theologisch ausgedrückt, weil von Gott her der Mensch allein weiß, wer er ist[129].(...) Die “Wer-Frage” kann vom Menschen selbst nicht beantwortet werden.(...) Streng genommen ist also die “Wer-Frage” allein im Glauben sprechbar, wo sie ihre Antwort erhält.” (CV 283-288)[130].“Die “Wer-Frage” kann an Jesus nur im Hören der Rückfrage [“Wer bist denn Du, daß Du so fragst?... Wer bist Du, der Du nur darum nach mir fragen kannst, weil Du durch mich der Gerechtfertigte, der Begnadete bist?][131] gestellt werden. So ist die “Wer-Frage” nur in dem Glauben auszusprechen, der Rückfrage und Antwort bereits enthält.” (GS III, 175)[132]

Nur im Glauben und kraft der Antwort sine qua non in der Offenbarung kann es zur “Entfaltung der christologischen Frage” kommen.

“Es gibt ja doch nur ein Gott-Suchen aufgrund dessen, daß ich schon weiß, wer er ist.” (CV 284)

Und vorrangig ist die christologische Frage insofern, “als die ontologische Frage hier die Frage nach dem Sein der Person Christi als des offenbaren Logos Gottes ist.[133] (285).

Nur durch die Offenbarung Christi erschließt sich mir seine Person und auch sein Werk.” (291) lautet die Antwort auf die Frage nach dem Zugang zu Jesus: “Interpretiert das Werk die Person oder interpretiert die Person das Werk?” (289)

“ Ich muß erst wissen, wer der ist, der das tut, ehe ich weiß, was er getan hat.” (CV 291)

Und “damit ist die theologische Priorität der christologischen Frage vor der soteriologischen Frage[134]erwiesen.”(291)[135]

Gegenstand der Christologie ist die personale Seinsstruktur des ganzen, geschicht-lichen Christus, weil die theologische Frage ihrem Wesen nach nur an den ganzen Christus gestellt werden kann, und eben der geschichtliche, ganze Christus befragt wird und antwortet. Daraus ergeben sich die grundlegenden Aussagen :

“ Jesus ist als der Gekreuzigte und Auferstandene zugleich der gegenwärtige Christus. Das ist die erste Aussage: Christus als der gegenwärtige geschichtliche Jesus. Seine Gegenwart ist zeitlich und räumlich zu verstehen. Nunc et hic, beides läuft zusammen im Begriff der Kirche. (...) Nur weil Christus der gegenwärtige Christus ist, können wir ihn noch befragen. Nur weil sich in der Kirche die Verkündigung und das Sakrament vollzieht, darum kann nach Christus gefragt werden.” (CV 291 f.)

Mit dem gegenwärtigen Christus, dem Pro-me, mit dem wir bis zur späteren Theologie Bonhoeffers ständig in Berührung kommen werden, setzt also bedeut-samerweise die Christologie-Vorlesung an. Auf den historischen Christus wird hingegen erst danach eingegangen, denn:

“Ein Suchen nach dem historischen Jesus ist eine Unmöglichkeit.(...) Es gibt keinen histori-schen Zugang zu der Person Jesu, der für den Glauben verbindlich wäre. Der Zugang über den geschichtlichen Jesus geht allein über den Auferstandenen, über das Wort des sich selbst bezeu-genden auferstandenen Christus.” (CV 312, 314)

[...]


[1] E.Bethge: Das Erbe des Getöteten in IBF 7, S. 190.

[2] H. Mayer, P. Zimmerling: D.B. Aktualität seines Lebens und Werkes., S. 7.

[3] C. Gremmels, H. Pfeifer: Theologie und Biographie: zum Beispiel D.B., S. 5.

[4] Untertitel der von Robertson verfaßten Biographie.

[5] Zitiert von Gremmels, Pfeifer a.a.O.

[6] Ostdeutsche Bürgerrechtler und Angehörige der Ev. Fachhochschule Hannover fordern das Revidieren der Fehlentscheidung der Justiz: 1956 hatte der Bundesgerichtshof (BHG) behauptet, Bonhoeffer sei in einem “ein-wandfreien Verfahren” zum Tode verurteilt worden, er und seine Mitangeklagten hätten nach damals geltendem Recht “die Merkmale des Landesverrats, mindestens teilweise auch des Hochverrats verwirklicht”

[7] H.E. Tödt für den Herausgeberkreis :Zur Neuausgabe von Dietrich Bonhoeffers Werken. In SC, S. IX.

[8] A.a.O.

[9] George Bell, Bischof von Chichester: vertrauter Freund Bonhoeffers, wichtiger Kontakt für die BK und den deutschen Widerstand. Es ist nicht belanglos, folgendes zu erwähnen: ihm galten Bonhoeffers allerletzten (von Payne Best) überlieferten Worte:

[10] Franz Hildebrandt: Theologe jüdischer Herkunft, “ Bonhoeffers erste wirklich enge Freundschaft, die auch den schmerzlichen Abschied überdauert hat, als Hildebrandt 1937 den Weg in die Emigration antreten mußte.”(DB, S.175), und die mancher späteren Entscheidungen Bonhoeffers eine persönliche Dringlichkeit gab. Karl Barth gegenüber rechtfertigte er das Antreten eines Pfarramts in London u.a. mit der Begründung:

“ Da kam der Arierparagraph in Preußen und ich wußte, daß ich das Pfarramt, nach dem ich mich gesehnt hätte, gerade in dieser Gegend nicht annehmen durfte, wenn (…) ich nicht aus Solidarität mit den jüdischen christlichen Pfarrern – mein nächster Freund gehört zu ihnen und steht gegenwärtig vor dem Nichts, er kommt jetzt zu mir nach England – heraustreten wollte.” Brief vom 24. 10. 1933. MW 1, S. 112.

[11] Julius Rieger arbeitete in Ost-London zur Zeit des Londoner Pfarramts Bonhoeffers und wurde für Hildebrandt und ihn zum nahen Freund. Nach Bonhoeffers Rückkehr nach Deutschland nahm er dessen Stelle bei Bischof Bell ein.

[12] Bem.: Ebenfalls in London soll über dem Hauptportal der Westminster-Abtei D.B. unter 10 anderen “religiösen Märtyrern des 20. Jahrhunderts ” mit einem Denkmal geehrt werden, das im Juli 1998 offiziell enthüllt werden müßte.(Westdeutsche Zeitung vom 20.10.97)

[13] Bonhoeffer Gedenkheft 1946, zitiert von E.Bethge: Dietrich Bonhoeffer, eine Biographie. ( im folgenden nur noch DB), S. 1041-42.

Übersetzung S. 1129.: “ Sein Tod ist ein Tod für Deutschland (…) Sein Tod wie sein Leben bilden ein Faktum von eindringlichstem Wert im Zeugnis der Bekennende Kirche. In der edlen Gemeinschaft der Märtyrer verschiedener Tradition verkörpert er beides: den Widerstand der gläubigen Seele im Namen Gottes gegen den Angriff des Bösen; und ebenso die moralische und politische Erhebung des menschlichen Gewissens gegen Ungerechtigkeit und Grausamkeit.”

[14] Vervielfältigtes Flugblatt der Abkündigung, zitiert von E.Bethge in DB, S.1042.

[15] E.Bethge: Wendepunkte im Leben DBs. In Glaube und Weltlichkeit bei DB., S. 12.

[16] Quelle= A.a.O., S.13.

[17] ebd.

[18] Brief vom 11.2.1948, zitiert von E.Bethge in DB, S. 1042.

[19] Siehe Martin Luther: Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei. (1523)

[20] zitiert von C. Strohm: Theologische Ethik im Kampf gegen den Nationalsozialismus, S. 315.

[21] Diesen Vers hatte übrigens Karl Barth im Römerbrief, Die große negative Möglichkeit, auf S. 500 als Leitsatz zu Römer 13,1ff. gezogen.( Eine Fußnote in N, S. 259 machte mich darauf aufmerksam.)

[22]N 259

[23] in WE, S.9 ff.

[24] Vgl. . WE 18 ( § Immanente Gerechtigkeit)

[25]WE 12

[26]WE 10

[27] Vgl. WE 14 “ungeschichtlich und d.h. unverantwortlich”

[28]WE 21

[29]WE 22

[30]WE 19

[31] Man denke an ihre Verarbeitung in Nachfolge (1937), Gemeinsames Leben (1939), Ethik (zwischen 1940 und 1943 geschrieben), Widerstand und Ergebung ( Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft 1942-45); und Bonhoeffers Weg vom Pazifismus zum Widerstand!

[32] W.Gottschalch, Marina Neumann- Schönwetter, Gunther Soukup: Sozialisationsforschung, Texte zur politischen Theorie und Praxis. Fischer TB 6503, S. 18

zitiert von H. Pfeifer in: Theologie und Biographie…, S.16.(als T u.B abgekürzt im folgenden)

[33] Sabine Leibholz-Bonhoeffer: vergangen, erlebt, überwunden., Schicksale der Familie Bonhoeffer. S.23 ( als Leibholz abgekürzt im folgenden)

[34] Karl Bonhoeffer zitiert von Sabine Leibholz in Kindheit und Elternhaus, Begegnungen, 15f.

zitiert in DB 37.

[35]B 12.

[36]Leibholz, .24.

[37] a.a.O.

[38] a.a.O.

[39] a.a.O. 18

[40]DB 59.

[41]DB 59.

[42] so ihre Tochter Sabine in Leibholz, 18.

[43]B. 10.

[44] Zitiert in DB. 37.

[45] In Leibholz S.18 berichtet Sabine: “An diese Ferienzeiten haben wir die fröhlichsten Kindheitserinnerungen.”

[46]DB 60.

[47]B 14.

[48]DB 42.

[49]Leibholz 46.

[50] Dies kam z.B. folgendermaßen zum Ausdruck:

Es geht eine unsichtbare, aber unüberschreitbare Grenzlinie zwischen denen, die im Krieg waren, und den nur wenig Jüngeren, die in der Zeit des Zusammenbruchs wach und reif wurden. Dies wird von den Jüngeren eben noch stärker gespürt als von den Ältern…” (GS II,23f. zitiert in DB 43)

[51]“Bei ihren mannigfachen Beziehungen hätten die Eltern den militärischen Weg ihrer Söhne in gewissem Maße lenken lassen können; aber die Brüder drangen darauf, dort einzurücken, wo die Not am größten war, bei der Infanterie.” DB 50.

[52]Leibholz 35.

[53]B 22.

[54] Siehe dazu: Die einzelnen Aufzeichnungen durch Sabine Leibholz-Bonhoeffer in: Vergangen, erlebt überwunden, Schicksale der Familie Bonhoeffer. S. 29-68.

Und : E. und R. BETHGE (Hg.): Letzte Briefe im Widerstand aus dem Kreis der Familie Bonhoeffer.

[55]WE 21 Qualitätsgefühl

[56] Aus Karl-Friedrich, von dem die Mutter sagte, daß aus allen nichts Rechtes geworden wäre, wenn er die Reihe

nicht angeführt hätte (Siehe Leibholz 29),wurde ein hochbegabter weltweit anerkannter Physiker. Klaus schlug die Laufbahn eines Juristen ein und arbeitete als Chefsyndikus bei der Lufthansa, als ihn im Oktober 1944 die Gestapo verhaftete.

[57]DB 45-46.

[58] Kurz zur Kontroverse zwischen A. von Harnack und K. Barth:

“1923 hat Adolf von Harnack in der „christlichen Welt” seine Fünfzehn Fragen an die Verächter der wissenschaftli-chen Theologie und den Theologen veröffentlicht, auf die Karl Barth in der folgenden Nummer mit Sechzehn Antworten reagiert . Keiner gibt einen Fußbreit nach, Jeder redet auf einer Ebene, welche die andere ausschließt.” (siehe DB, Bilder aus seinem Leben S. 59.)

[59] Über R. Schleicher im Widerstand, siehe E. und R. Bethge: Letzte Briefe im Widerstand. S. 15-38.

Über Klaus Bonhoeffer im Widerstand siehe unter anderem a.a.O. S. 39-56

[60] Zur Geschichte der Familie Leibholz, siehe vor allem: Sabine Leibholz- Bonhoeffer: Vergangen… S. 71-230.

Zu Gerhard Leibhozes staatsrechtlichen Ansichten: in Christoph Strohm: Theologische Ethik im Kampf gegen den Nationalsozialismus, der Weg D.Bs mit den Juristen Hans von Dohnanyi und Gerhard Leibholz in den Widerstand. 2. Kapitel. S.54-86.

[61] Über Hans von Dohnanyi, siehe Leibholz S.47-50. Letzte Briefe im Widerstand. S.57-92.Strohm: Theologische Ethik… 6. Kapitel. S.231-289.

[62]DB 702.

[63] J. Ackermann im Vorwort S.11. zu Leibholz

[64] a.a.O. S.9.

[65] Bonhoeffer Rechenschaft an der Wende zum Jahr 1943. WE 9

[66] zitiert von H. Pfeifer in T u.B 17.

[67] Renate, Tochter von Bonhoeffers Schwester Ursula und von R. Schleicher.

[68] Zitiert von R. Marlé in D.B. Zeuge Christi unter seinen Brüdern S.13.

Vgl. auch z. B. Klaus Bonhoeffers mahnender Abschiedsbrief an seine Kinder kurz vor seiner Hinrichtung. In Letzte Briefe im Widerstand… S.53-56.

[69] Das reimt sich allerdings nicht auf Herablassung zu den Plebejern oder auf die Aufhebung gewisser Distanzen. Bonhoeffer konnte sich auch ziemlich scharf über den Pöbel äußern. Siehe dazu: FT 31f. zitiert von H. Pfeifer in TuB 115-116; und in Nach zehn Jahren die Absätze Von der Dummheit, Menschenverachtung? Und Qualitätsgefühl.

warnt Bonhoeffer im Namen Gottes, der die Menschen nicht verachtet, vor der Menschenverachtung, und ermahnt er daran, daß “das einzige Verhältnis zu Menschen- gerade zu den Schwachen- Liebe” ist (WE 17), so tritt er nichtsdestoweniger für die Aufrechterhaltung bzw. Wiederherstellung einer “Ordnung auf Grund von Qualität” (WE 21) ein, der letzten Endes nicht jeder gewachsen ist.

[70] Dies sagte er seiner, damals studierenden Schwester Susanne bei einer gemeinsamen Wanderung. Zitiert u.a. von Robertson in DB, Leben und Verkündigung. S. 30. (Robertson)

[71] Ausgangspunkt dieser Theologie ist die Feststellung: “Wir gehen einer völlig religionslosen Zeit entgegen; die Menschen können einfach, so wie sie nun einmal sind, nicht mehr religiös sein” Es stellen sich dann die Fragen: “ Sollen wir ein paar Unglückliche in ihrer schwachen Stunde überfallen und sie sozusagen religiös vergewaltigen?(…) was für eine Situation entsteht dann für uns, für die Kirche? Wie kann Christus der Herr auch der Religionslosen werden?” (WE 139)

[72] zitiert in DB 43

herangezogene Worte über den scheidenden Faktor des Kriegeserlebnisses.

[73] Die zwei Quellen hierfür ( die Erinnerungen seiner Zwillingsschwester ( siehe Leibholz S.53 f. ); und ein über-schriftsloses Papier Bonhoeffers, das in das Jahr 1932 datiert werden muß ) sind in DB 62-64 vorzufinden.

[74]“ Daß sich der fromme Ernst als teuflischer Unernst entpuppt, sobald sich der Theologe für seine eigenen Anfänge interessiert” ( Bethge in DB 64), betrübte ihn noch manche Zeit.

Siehe dazu die von E. Bethge in DB 65-66 in extenso wiedergegebene Skizze, die ebenfalls aus dem Jahr 1932 stammt, und der die folgenden Zitate entnommen sind.

Man erwähne übrigens an dieser Stelle, daß Bonhoeffer sich zutiefst von Bernanos’ Erstlingswerke angesprochen fühlte. Dazu DB 176-177.

[75] E.H.Robertson : DB Leben und Verkündigung. S. 47.

Später schrieb ihm sein Vater: “ Als Du Dich seinerzeit für die Theologie entschlossen hast, dachte ich manchmal im Stillen, daß ein stilles, unbewegtes Pastorendasein (…) eigentlich doch zu schade für Dich wäre. Darin habe ich ja, was das Unbewegte anlangt, mich gröblich getäuscht. Daß eine solche Krise auch auf dem Gebiet des Kirchlichen noch möglich wäre, schien mir aus meiner naturwissenschaftlichen Erziehung heraus eigentlich ausgeschlossen.” (GS II, 23f. zitiert in B 22)

[76]“Am meisten interessierte mich bis jetzt Schlatter” (Brief an die Eltern vom 1.12.23, zitiert in DB 80), der pflegt, “die konkrete Welt möglichst dicht zu rezipieren” (DB 81)

[77] Diese Verbindung, der Rudolf Bultmann 1905 beigetreten war, wurde 1871 gegründet, hing an vaterländischen Ideen im Sinne des neuen deutschen Reichs, verfiel der Gleichschaltung und nahm 1933 den Arierparagraphen in ihrem Ehrenkodex auf.

[78] Brief vom 14.11.23 an die Eltern. GS VI, 37f. zitiert in DB 83.

[79] Die Begegnung mit dem Katholizismus rief Reflexionen über den wie eine Sekte vorkommenden landeskirch-lichen Protestantismus hervor. Siehe dazu die Zitate in DB 89-90.

Er stand dem katholischen Dogmatismus allerdings kritisch gegenüber. Dazu Zitat in DB 88-89.

[80] Dieses “Stück Erde, das ich so sehr liebe” (woran er sich noch 1944 im Tegeler Gefängnis begeistert erinnert), Rom zu besichtigen, hatten ihm zu seinem18. Geburtstag seine Eltern geschenkt, nachdem er beim Eislauf gestürzt war. Es begleitete ihn sein Bruder Klaus.

[81]“Sie [die Beichte] ist auch nicht nur Pädagogium, sondern für primitive Menschen die einzige Möglichkeit, mit Gott sprechen zu können, bei religiös Weiterblickenden die Vergegenständlichung der Idee der Kirche, die sich in Beichte und Absolution vollzieht.” (Tagebuch zitiert in DB 88)

Die Praxis der Beichte wurde von Bonhoeffer bei den Finkelwalder Seminare eingeführt.

Siehe Nachwirkungen in DB 91-93.

Dazu u.a. das Zeugnis von W.D. Zimmermann in seinem Buch Bruder Bonhoeffer… S.79f.

Und vor allem in Gemeinsames Leben Beichte und Abendmahl S. 93-102.

[82] Unter seinen Professoren zählte er A.v. Harnack, K. Holl, R. Seeberg, A. Deißmann.

[83] Zitiert im Nachwort des Herausgebers SC 306.

[84] Siehe dazu in DB Die dialektisch Theologie. S.102-107;

K.Barths Urteil über SC in Kirchliche Dogmatik Bd.IV/2. S. 725.(zitiert in DB 115) ;

Über die existenzielle Bedeutung der zunächst literarischen Begegnung mit Barth : H. Pfeifer in T u.B S. 27-30.

[85] “Und eben so genau ist zu bedenken, daß von Gott nur Gott selber reden kann. Die Aufgabe der Theologie ist das Wort Gottes. Das bedeutet die sichere Niederlage aller Theologie und aller Theologen… So gewiß wir irgendeinen Weg gehen müssen,… so gewiß müssen wir bedenken, daß das Ziel unsrer Wege das ist, daß Gott selber rede.” ( zitiert von H. Pfeifer in T u.B S.29).

[86] an den Barthianer R. Widmann. Zitiert in DB 124.

[87] Zitiert von H. Pfeifer in T.u.B. 29

[88] zitiert in DB 213.

[89]“ Ich merke, daß es mich nicht sehr lange bei der Wissenschaft halten wird. Aber ich halte freilich eine möglichst gründliche wissenschaftliche Vorbildung für überaus wichtig.” ( an H. Rößler 23.2.1930, GS I,54,zitiert in DB 162)

[90] dazu u.a. DB 183-209.

[91]“ Dieser persönlicher Umgang mit den Negern war für mich eines der entscheidesten und erfreulichsten Ereignisse in meinem amerikanischen Aufenthalt.” (GS I,96 f., zitiert von H.Pfeifer in TuB 37)

[92] “Der Eindruck, den ich von den heutigen Vertretern des social gospel empfangen habe, wird für mich auf lange Zeit hinaus bestimmend sein.” (GS I, 102, Zitiert von H. Pfeifer a.a.O.)

[93] -Rückblickend aus Finkelwalde am 27.1.36. zitiert in DB 249

- Die traditionelle lutherische Trennung von den Reichen des Glaubens und des politisch Weltlichen war hingegen keine Selbstverständlichkeit mehr.

- Siehe zur Verdeutlichung dieser Hinwendung zum Pazifismus die aufschlußreiche Gegenüberstellung von 2 Äußerungen, die eine von 1928, die andere von 1932, zitiert von H.Pfeifer a.a.O. 43.

[94] man bemerke, daß “Gott” in der Strophe Zucht nicht vorkommt: “dir selbst untertan”

[95] Nach einer oft zitierten Überschrift Bethges.(DB 246-250)

[96] Zitiert in DB 248-249,

Der Beziehung zu E. Zinn setzte Bonhoeffer 1936 ein Ende. “Bonhoeffer war damals der Ansicht, daß ein Pfarrer in Zeiten der Gefährdung nicht heiraten dürfe; er muß in der Lage sein , sich ohne Rücksichtnahme voll einsetzen zu können.” (W.D. Zimmermann: Wir nannten ihn ‘Bruder Bonhoeffer’ S.29.

[97] B 42

[98] Fortsetzung des Briefes vom 27.1.36

[99] zitiert von C. Gremmels und H.W. Grosse in: DB, Der Weg in den Widerstand. S. 16.

[100] An Bischof Bell. 25..3..39.(GS I, 464f. zitiert von C. Gremmels und H.W. Grosse: DB, Der Weg in den Widerstand. S. 29-30.)

[101] wissend, “daß nur im konkreten Gehorsam der Mensch frei wird und zum Glauben kommt.” (N 73)

[102] An R. Niebuhr. Juni 39. (GS 1,477. Zitiert a.a.O.31)

Während der Rückfahrt kam ihm die Bestätigung für seinen Gehorsam. “ Losung: “ Ich danke dir, daß du mich gedemütigt hast und lehrst mich deine Rechte.” (Psalm 119,71)” (GS I,315. Zitiert a.a.O.)

[103]Die Kirche und die Judenfrage in IBF 4,S. 247. Abgeschlossen wurde dieser Aufsatz nachdem der sog. Arierparagraph beschlossen wurde.

[104] Zitiert von E.Bethge in DB. Person und Werk. MW I , 14.

[105] A.a.O,15 (Nach E 268?)

[106] Siehe aufeinanderfolgende Absätze Mitleiden, Vom Leiden, und bemerke, daß die substantivierten Verben anstelle der vorhandenen Nomen das Aktive daran betonen mögen.

[107] D.h. am Tag nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler. Bonhoeffers Situation wurde aussichtsloser

[108] Überliefert von Payne Best, der es Bischof Bell mitteilen sollte. Zitiert in DB 1037. Siehe auch unsere Fußnote S. III der Einführung.

[109] Dazu Christoph U.Schminck- Gustavus: Der “Prozeß” gegen Dietrich Bonhoeffer und die Freilassung seiner Mörder.

[110] Dieser Mitteilung machte der Standortarzt (auch SS-Obersturmbannführer) allerdings erst 10 Jahre danach.

Zitiert u.a. in DB 1038.

[111] Siehe Brief vom 20.5.44 (WE 157-158)

[112] in Predigten, Auslegungen, Meditationen Bd.2, S.483-490.

[113] E 288

[114]DB Person und Werk. MW I,8.

[115]Ohnmacht und Mündigkeit, 148.

[116] WE 195

[117] Ernst FEIL: Die Theologie Dietrich Bonhoeffers, Hermeneutik, Christologie, Weltverständnis ( im folgenden ThDB) , S. 141

[118] Bonhoeffer ergänzt folgendermaßen :” So versteht sich das Verhältnis Jesu Christi zur christlichen Kirche in doppeltem Sinne.1. Die Kirche ist vollendet in ihm, die Zeit ist aufgehoben. 2. Die Kirche soll auf ihm als dem festen Grund aufbauen in der Zeit. Er ist das historische Prinzip der Kirche.”

Vgl. SC 88 und das vielfältige Nennen Christi 87-127

[119]B 35

[120] Vgl. z. B. Matth. 21,42: “Jesus sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen in der Schrift: “Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. Vom Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder vor unseren Augen.”?”( auch Ps. 118,22-23; Apg. 4,11)

[121] Siehe DBW 12, 286, 2. Absatz : “ Die Existenzfrage ist die Transzendenzfrage des Menschen.(...) theologisch ausgedrückt, weil von Gott her der Mensch allein weiß, wer er ist. ”

[122]Die Entfaltung der christologischen Frage’ entspricht dem ersten Teil der Einleitung zur Christologie-Vorlesung Bonhoeffers im Sommersemester 1933.

[123] zitiert von Ernst Feil in ThDB 158, Anm.5.

[124] WE 187

[125] Siehe DB 148-155. E. Bethge macht darauf aufmerksam, daß es sich im Vortrag ‘ Jesus Christus und vom Wesen des Christentums’ “ bis in einzelne Formeln hinein Anklänge und Durchblicke finden, die in Bonhoeffers letzten Schaffensperiode machtvoll wieder auftauchen” ( DB 150). Vgl. “Christus ist nicht der Bringer einer neuen Religion, sondern der Bringer Gottes” ( 2. Barcelona-Vortrag) und in WE: “ Christus ruft nicht zu einer neuen Religion, sondern zum Leben.” Man beachte jedoch ganz besonders die Betonung des Lebens und vor allem die Tatsache, daß Jesus ruft, und daß dieser Ruf Gehör, Gehorsam, d.h. Nachfolge gebietet.

[126] N21

[127] E 87, Ethik als Gestaltung.

[128] E 89, Ethik als Gestaltung.

[129] Siehe in WE 187 das Gedicht Wer bin ich?, das in Tegel entstand, in dem Bonhoeffer in den ersten drei Strophen, die mit dieser Frage beginnen, das, was andere von ihm sagen, erwähnt, dann auf die Fragen “Bin ich wirklich das, was andere von mir sagen?/ Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?” seine Ich-Wahrnemung folgen läßt, die Untersuchung fortsetzt, indem er fragt: “Wer bin ich? Der oder jener?(...) Bin ich beides zugleich?”, und schließlich Beruhigung findet in der Einsicht: “Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott./Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!

[130] Vgl. Blaise PASCAL:< “ Du würdest mich nicht suchen, wenn du mich nicht schon gefunden hättest.”>zitiert in CV 284. “Tu ne me chercherais pas, si tu ne m’avais trouvé.”(Fr. 553)

[131] CV 286. “Erst wo diese Frage gehört wird, erst da ist die christologische Frage endgültig formuliert.”

[132] Die Christologie-Vorlesung, wie sie, sowohl in GS III (1960), als auch in DBW12 (1997) vorliegt, wurde aus Nachschriften rekonstruiert. Es sind zwischen beiden Fassungen Variationen vorhanden. Wir haben meistens die jüngste Version bevorzugt. Hier haben wir aus der älteren zitiert, weil die Formulierung darin deutlicher ist. Dies wird noch öfter der Fall sein.

[133]Die christologische Frage ist ihrem Wesen nach eine ontologische Frage.” (CV 284)

Weil das menschliche Logos nur von der Transzendenzfrage her sein Recht erhält, weil darum die Christologie als Logologie die Wissenschaft überhaupt ermöglicht, darum ist die christologische Frage die zentrale Frage der Wissenschaft. Siehe S.285.

[134] Die Soteriologie ist die Lehre vom Erlösungswerk Jesu Christi als Teil der Christologie. Aus NHthG 3, S.19, Jesus Christus/Christologie,II. Historischer Jesus und Christus des Glaubens, 7. Zum Verhältnis von Christologie und Sote-riologie: “ Alle christologischen Aussagen haben Heilsbedeutung; alle soteriologischen Aussagen haben ihr christologi-sches Fundament. Beide handeln von dem einen Subjekt Jesus Christus und seiner Geschichte und weisen darüber hinaus auf Gott als den letzten tragenden Grund Jesu und seiner Geschichte.(...) Nur weil uns der mit dem “Christus des Glaubens” identische “historische Jesus” mit der Gottesfrage (...)konfrontiert, auch und gerade heute, ist Jesus Christus auch das bleibende Angebot für unser Heil.”

[135] Dieser kurze Absatz soll als Zusammenfassung des 2. Moments der Einleitung zur CV gelten,- nach 1. Die Ent-faltung der christologischen Frage.: 2. Person und Werk Christi.

Details

Seiten
243
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783638465564
ISBN (Buch)
9783638933858
Dateigröße
5.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v50311
Institution / Hochschule
Université Paris-Sorbonne (Paris IV) – Etudes Germaniques
Note
18/20 (hervorragend)
Schlagworte
Dietrich Bonhoeffer Handeln Theorie Praxis

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Titel: Dietrich Bonhoeffer: christlich verantwortliches Handeln.  Theorie und Praxis