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Die Entwicklung des Herzogs im mittelalterlichen Versroman "Herzog Ernst" während der Orientfahrt

Hausarbeit 2018 20 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Ausgangssituation

3 Der Kreuzzug in den Orient – Begegnung mit dem Fremden
3.1 Die Bewährungsprobe in Grippia
3.2 Die Flussfahrt als Wendepunkt
3.3 Heldenhaft in Arimaspi

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis
5.1 Primärliteratur
5.2 Sekundärliteratur

1 Einleitung

Wenn die Popularität einer mittelhochdeutschen Dichtung über mehrere Jahrhunderte hinweg konstant so hoch angesiedelt ist, wie die des Herzog Ernst 1 , scheint ihr eine gewisse Anziehungskraft, ein gewisser Zauber innezuwohnen.

Das Versepos ist in seiner Themenfülle derart komplex, dass es sich von der Darstellung herrschaftlicher Machtverhältnisse, über religiöse Kreuzzugthematiken, hin zur Reise in ferne Realitäten streckt, die primär in zwei Teile gegliedert werden kann: den Reichsteil und den Orientteil.2 Während die frühe Forschung dem Orientteil keine große Bedeutung beigemessen hat, folglich den Reichsteil als primäre Handlung verstand3, hat sich diese Auffassung mittlerweile ins Gegenteil gekehrt. Inzwischen also als wichtigster Handlungsstrang verstanden, soll sich auch die vorliegende Arbeit hauptsächlich auf Ernsts Orientreise konzentrieren, und zwar speziell auf die Frage, wie der Weg der Flucht von Zuhause, hinein in eine fremde Welt voller Abenteuer und prägender Begegnungen, letztendlich wieder zurück in die ideale Welt des rîche, den Herzog prägt. Als in der Arbeit zu beantworten gilt also die Frage: Welchen Einfluss hat der Verlauf der Orientreise auf die Entwicklung4 des Herzogs?

An dieser Stelle zu erwähnen ist, dass es vorerst klärungsbedürftig scheint, Ernsts Reise in Verbindung mit einer durchlaufenen Entwicklung des Herzogs zu bringen. Während beispielsweise Kühnel die These vertritt, Ernst verkörpere innerhalb der Dichtung das Schema „Aufstieg-Sturz-Bewährung-erneuter Aufstieg5 “ – was offensichtlich eine Entwicklung darstellt – verneint Schulz diese Auffassung. Ihrer Meinung nach durchlaufe Ernst zu keiner Zeit die in der obigen Aufführung als „Fall“ beschriebene Wendung, verfüge also die gesamte Dichtung hinweg über dieselben Tugenden.6 Die Bearbeitung der vorliegenden Hausarbeit schließt an die Interpretation Kühnels an. Die Frage nach Ernsts Entwicklung wird also im Folgenden nicht mehr angezweifelt, sondern als gegeben vorausgesetzt.

Darauf aufbauend wird es zunächst einen kurzen Überblick über die Ausgangssituation des Herzogs geben, die der Orientreise vorangeht, um den Gesamtkontext der Dichtung und der folgenden Arbeit verstehen zu können. Der Folgende Teil, strukturgleich der Dichtung, befasst sich mit der angedeuteten Orientreise. Aufgeteilt in drei Etappen werden nun die wichtigsten Geschehnisse und die damit einhergehenden Entwicklungen Ernsts detailliert aufgeführt. Hier wird primär das Verhalten des Herzogs während seiner Reise zu behandeln sein, um im Zusammenhang damit beleuchten zu können, wie sich dieses im Laufe seiner Reise verändert.

Abschließend werden alle gesammelten Erkenntnisse gebündelt zusammengefasst, um damit nun die Eingangsfrage zufriedenstellend beantworten zu können. Der Schluss der Arbeit soll also Aufschluss darüber geben, welchen Verlauf Ernsts Entwicklung nimmt und inwiefern die Orientreise diese Entwicklung begünstigt bzw. beeinflusst.

2 Ausgangssituation

Um den Orientteil der Herzog Ernst -Dichtung verstehen zu können, scheint es erforderlich, zunächst den Gesamtkontext zu überblicken. Wie bereits angedeutet, geht dem primär behandelten Orientteil ein Reichsteil voraus, der die Reise des Herzogs in die ferne Welt erst legitimiert.

Um das Anliegen der Arbeit bestmöglich zu erfüllen, scheint es hilfreich, den Herzog Ernst als Person genauer zu betrachten. Zum einen sind hier die körperlichen Attribute zu nennen, die der Verfasser dem Herzog zuschreibt: des muost vil werder ritterschaft (V. 47),7 er was ein gemouter wîgant. (V. 56), zum anderen wird der Leser über seine außerordentlichen intellektuellen Fähigkeiten informiert: daz kint bat sie dô lêren/beide welhisch und latîn. (V. 70f.), dâ wurden im die liute erkant/von maniger hande wîsheit. (V. 74f.). Zusammen mit seiner Beliebtheit und seinem hohen Ansehen (vgl. V. 150ff.) stellt Ernst also eine vorbildliche, talentierte und tugendhafte Adelsfigur dar. Mit dieser Auffassung einhergehend beschreibt Kühnel den Herzog als Idealbild, als „idealen Helden“.8

Trotz der scheinbar perfekten Welt im rîche entwickelt sich dort eine Konfliktsituation, die damit beginnt, dass Ernsts Mutter Adelheid Kaiser Otto zum Mann nimmt. Für Ernst geht die Heirat in erster Linie zunächst mit einem hierarchischen Aufstieg einher9:

Über lîp und über lant gebiut weldeclîche und hilf daz ich daz rîche sô bewar und sô geslihte, daz ieman dar inne rihte weder roup noch den brant. (V. 595-599).

Von dieser erlangten Macht bedroht fühlt sich allerdings Pfalzgraf Heinrich, der gefangen in seinem Konkurrenzdenken agiert und Otto fälschlicherweise die Information überbringt, Ernst wolle ihn vom Thron stürzen. Zunächst nicht sehr betroffen weist Otto den Vorwurf ab: wie kann ich noch mac/dir gelouben solher maere (V.719f.), lässt sich daraufhin allerdings von Heinrich überzeugen, der nun durch den Bezug zu got und durch die drohende Gefährdung Ottos êre Vertrauen vom Kaiser erlangt.

Ottos Reaktion auf die potentielle Bedrohung äußert sich in einem Kriegszug gegen Bayern, der mit dem Ziel begonnen wurde, Ernst Reichtum, sein Hab und Gut zu vernichten. Auf Anraten Ernsts Lehnsmanns Wetzel sieht der Herzog zu diesem Zeitpunkt von Gegenwehr ab, begeht wenig später aber ein viel fataleres Verbrechen:

Der phalzgrâve sîn man wart des râtes vil unfrô. der herzoge sluoc im dô einen alsô swinden slac. (V. 1287ff.).

Der Anschlag auf Kaiser Otto und der Mord an Pfalzgraf Heinrich machen die eh schon missliche Situation Ernsts nun ausweglos. Otto verhängt ihm die Reichsacht, es beginnt ein sechs Jahre langer Krieg zwischen den verfeindeten Lagern, der in mittellos bedingter Niederlage Ernsts mündet: sît ichz durch nôt muoz lân (V. 1743).

Schon hier zeichnet sich eine Art Entwicklung des Herzogs ab: vom „Gipfel der Macht und des gesellschaftlichen Ansehens“10 vor der Katastrophe bis hin zum „Tiefpunkt seiner Laufbahn“11.

Nun beginnt der Einstieg in den Orientteil der Dichtung. Wie im Zusammenhang mit Heinrichs Vorwurf gegen Ernst spielt auch hier die Religion, also Gott im Speziellen, eine übergeordnete Rolle. Ernst ist nach seiner Niederlage im Begriff, einen Kreuzzug nach Jerusalem anzutreten, um Buße zu leisten, und seine Schuld zu sühnen12 (vgl. V. 1874).

Alexandra Stein verweist in diesem Zusammenhang auf zwei Begrifflichkeiten, die zur weiteren Bearbeitung der Ausgangsfrage beitragen: „Handlungsfähigkeit“ und „Handlungsunfähigkeit“.13 In der momentanen Situation scheint der Herzog also – wenn auch nach wie vor tugendhaft manheit (V. 2015), frümekeit (V. 2016) - vollkommen handlungsunfähig zu sein – aufgrund materieller Engpässe kann der Krieg gegen Otto nicht weitergeführt werden, eine Versöhnung mit Otto und ein damit zusammenhängender imperialer Wiederaufstieg ist ausgeschlossen. Mit Kühnels Worten repräsentiert der Reichsteil also die ersten zwei Handlungsstränge seiner „Aufstieg-Sturz-Bewährung-erneuter Aufstieg“ – Theorie.

3 Der Kreuzzug in den Orient – Begegnung mit dem Fremden

Das einzige Ziel muss es jetzt also sein, die verlorene Handlungsfähigkeit wiederzuerlangen; und dieses Ziel will Ernst durch die Gnade Gottes erreichen. Auf dem Weg nach Jerusalem durchlaufen der Herzog und seine Gefolgsleute einige Stationen; unter anderem stehen Ungarn und Konstantinopel auf dem Reiseplan, Länder, in denen sie sehr freundlich und zuvorkommend begrüßt werden (vgl. V. 2038ff.) Auf ihrem weiteren Weg nach Jerusalem wird das Schiff, auf dem sie ihr Ziel erreichen wollen, aufgrund eines Unwetters jedoch vom Weg abgebracht, weswegen der Herzog und seine Schar nun auf Grippia zusteuern (vgl. V. 2205).

3.1 Die Bewährungsprobe in Grippia

Mit Blick auf die Anzahl der Verse nimmt die Grippia-Episode die meiste Erzählzeit innerhalb der Dichtung ein. Dementsprechend hohen Wert muss die Wichtigkeit dieses Parts für den Verfasser gehabt haben. David Blamires beschreibt das Land Grippia als „the beginning of their exploration of the unknown […]”14. Zwar ist dieser Aussage entgegenzuwirken, dass Ernst und seine Leute vor ihrer Ankunft in Grippia bereits mehrere „fremde“ Länder bereist haben, der Begriff „fremd“ zielt in diesem Zusammenhang aber wohl eher auf die Unterscheidung zwischen Okzident und Orient ab, die – wenn man sich nur mal die Beschreibung des Landes ansieht – auf den ersten Blick gar nicht so offensichtlich erscheint (vgl. V. 2530-2695). Die märchenhafte, idealisierte Darstellung des Landes durch den Verfasser repräsentiert den Reichtum des Orients15, mit dem man als Leser womöglich an dieser Stelle nicht gerechnet hat.

Ernst bewegt sich also aus dem „geographisch greifbaren, christlich konnotierten Raum“16 hinaus. Neben der herrschenden Problematik der Handlungsunfähigkeit, die im vorherigen Kapitel bereits angesprochen wurde, wird Ernsts Krise nun noch durch

[...]


1 Die vorliegende Arbeit wird sich ausschließlich auf die Fassung B beziehen.

2 Vgl. Kühnel, Jürgen: Zur Struktur des Herzog Ernst. In: Euphorion 73 (1979), S. 248- 271, S. 248. Künftig zitiert als Kühnel 1979.

3 Vgl. ebd., S. 248.

4 Im Hinblick auf die vorliegende Arbeit unter folgender Definition zu verstehen: „in einem Prozess fortlaufend in eine neue […] Phase treten“ (https://www.duden.de/node/676434/revisions/1923702/view. Stand: 03.12.2018)

5 Kühnel 1979, S. 258.

6 Vgl. Schulz, Monika: Âne rede und âne reht . Zur Bedeutung der triuwe im „Herzog Ernst“ (B). In: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur, Bd.120 (1998), S. 395-434, S. 395ff.

7 Künftig zitiert nach: Herzog Ernst. Ein mittelalterliches Abenteuerbuch. In der mittelhochdeutschen Fassung B nach der Ausgabe von Karl Bartsch mit den Bruchstücken der Fassung A, hrsg., übersetzt, mit Anmerkungen und einem Nachwort versehen von Bernhard Sowinski. Durchges. und verbesserte Aufl., Stuttgart 1979 u.ö.(RUB 8352). Im Folgenden werden die Versangaben direkt an das Zitat gegeben.

8 Vgl. Kühnel 1979, S. 250.

9 Vgl. Stein, Alexandra: Die Wundervölker des Herzog Ernst (B). Zum Problem körpergebundener Authentizität im Medium der Schrift. In: Wolfgang Harms/Stephen Jaeger (Hrsg.): Fremdes Wahrnehmen – fremdes Wahrnehmen. Stuttgart 1997, S. 21-48, S. 24f. Künftig zitiert als Stein 1997.

10 Kühnel 1979, S. 254.

11 ebd., S. 254.

12 Bei dieser Thematik ist nicht eindeutig zu klären, inwiefern Ernst Gottes hulde (V. 1820) tatsächlich durch sein Verhalten verloren hat. Zwar sagt er selbst, er hätte wider gote getân (V. 1815) und er müsse ihnen die schulde ruoche vergeben (V.1821), jedoch geht der Verfasser nicht genau auf den Wahrheitsgehalt Ernsts Befürchtung ein.

13 Vgl. Stein 1997, S. 27f.

14 Blamires, David: Herzog Ernst and the otherworld voyage. A comparative study. Manchester 1979, S. 30.

15 Vgl. Szklenar, Hans.: Studien zum Bild des Orients in vorhöfischen deutschen Epen. Göttingen 1966, S. 161f. Künftig zitiert als Szklenar 1966.

16 Weitbrecht, Julia: Transformation zum Helden. Der strophische Herzog Ernst (G) im Dresdener Heldenbuch (1472). In: Johannes Keller/Florian Kragl/Stephan Müller (Hrsg.): Spuren der Heldensage. Texte – Bilder – Realien. 12. Pöchlarner Heldenliedgespräche, Wien 2015, S. 279-302, S. 288. Künftig zitiert als Weitbrecht 2015.

Details

Seiten
20
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783346042699
ISBN (Buch)
9783346042705
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v502794
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
1,3
Schlagworte
entwicklung herzogs versroman herzog ernst orientfahrt

Autor

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