Lade Inhalt...

Das Kino der doppelten Kulturen. Migration als filmisches Thema

Im deutsch-türkischen Film anhand ausgewählter Beispiele

Bachelorarbeit 2005 96 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Kurzfassung

Abstract

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Kino der doppelten Kulturen – Versuch einer Definition
2.1 „Migrantenkino“ – Vom realistischem Genre zum sozialkritischen Begriff
2.2 „Cinéma du métissage“ – Das Kino zwischen den Kulturen
2.3 Das „deutsch-türkische Kino“ – Wie „deutsch“ oder wie „türkisch“ ist ein Film?

3 Türken in Deutschland – Zusammenwachsen der Kulturen
3.1 Geschichte der Migration in Deutschland
3.1.1 Erste Phase: Anwerbephase (1955-1973)
3.1.2 Zweite Phase: Konsolidierung der Ausländerbeschäftigung (1973-1979)
3.1.3 Dritte Phase: Phase der Integrationskonzepte (1979-1981)
3.1.4 Vierte Phase: Wende in der Ausländerpolitik (1981-1998)
3.1.5 Fünfte Phase: Ausländerpolitik unter Rot-Grün (1998-2005)
3.2 Zahlen, Daten und Fakten
3.3 Das Deutschlandbild der Türken
3.4 Das Türkeibild der Deutschen

4 Entwicklungen und Tendenzen der deutsch-türkischen Filme anhand ausgewählter Beispiele
4.1 Die 1970er und 1980er Jahre – Filme über Migranten
4.1.1 Das Kino der Fremdheit
4.1.2 Frauen als Opfer am Rande der Gesellschaft
4.1.3 Das türkische Kunstkino von Yilmaz Güney
4.1.4 Migrantenschicksale im Dokumentarfilm
4.2 Die 1990er Jahre bis heute – „Deutscher Film mit türkischer Seele“
4.2.1 Paradigmenwechsel – Migration ist kein Pflichtthema mehr
4.2.2 Rückblick der Einwandererkinder im Dokumentarfilm
4.2.3 Erfolgreich, deutsch und türkisch – Die Regisseure und ihre Filme
4.2.4 Culture-Clash-Komödien made in Germany

5 Migration als filmisches Thema in „40 quadratmeter Deutschland“ und „Gegen die Wand“
5.1 „40 quadratmeter Deutschland“
5.1.1 Begründung der Filmauswahl
5.1.2 Filmdaten
5.1.3 Der Regisseur: Tevfik Baser
5.1.4 Filminhalt
5.1.5 Filmanalyse
5.2 „Gegen die Wand“
5.2.1 Begründung der Filmauswahl
5.2.2 Filmdaten
5.2.3 Der Regisseur: Fatih Akin
5.2.4 Filminhalt
5.2.5 Filmanalyse
5.3 Vergleich der Filme

6 Fazit und Ausblick

Anhang A: Interviews

A.1 Fatih Akin: Regisseur und Drehbuchautor

A.2 Jale Yoldas: Geschäftsführerin Deutsch-Türkisches Forum Stuttgart e.V.

A.4 Dr. Claus Schönig: Leiter des Orient-Institut Istanbul

Anhang B: Filmographie

Anhang C: Internetquellen (Volltext)

Glossar

Literatur- und Quellenverzeichnis

Bücher

Zeitungen und Zeitschriften

Internet

Sonstiges

Interviews

Erklärung

Kurzfassung

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit den verschiedenen Phänomenen des deutsch-türkischen Films seit den 1970er Jahren bis zur Gegenwart und der Darstellung der Migration im deutsch-türkischen Film. Zunächst werden die für das Verständnis der vorliegenden Arbeit relevanten Begriffe wie z.B. „Migrantenkino“ und „Cinéma du métissage“ definiert. Nachfolgend wird der kulturelle Hintergrund der deutsch-türkischen Filmemacher anhand der Migrationsgeschichte erläutert werden. Ebenso dokumentieren aktuelle Zahlen, Daten und Fakten das Zusammenleben von Türken und Deutschen in der Bundesrepublik. Anhand ausgewählter Beispiele werden anschließend die aktuellen Tendenzen sowie die Entwicklungsgeschichte des deutsch-türkischen Films dargestellt. Abschließend wird die Darstellung der Migration in den Filmen „40 quadratmeter Deutschland“ und „Gegen die Wand“ anhand einer vergleichenden Filmanalyse und untersucht.

Schlagwörter: Auswanderung, Deutschland, Film, Kino, Kulturkonflikt, Migration, Türkei.

Abstract

This thesis discusses aspects of German-Turkish cinema and the portrayal of immigration in German-Turkish films from the 1970s to the present. At the beginning of the thesis all relevant terms for a better understanding of the work are defined. In the following section the cultural background of the German-Turkish film producers is discussed in the context of the history of immigration. Using facts and figures the shared experiences of Germans and Turks in present-day Germany are analysed. On the basis of selected examples the development as well as the current tendencies of German-Turkish films are depicted. Finally the representation of immigration in the films “40 quadratmeter Deutschland” and “Gegen die Wand” is examined using comparative film analysis.

Keywords: Emigration, Germany, film, cinema, migration, Turkey.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Türken, die die deutsche Staatsangehörigkeit erworben haben

Abbildung 2: Szene aus "Shirins Hochzeit"

Abbildung 3: Weitere Szene aus "Shirins Hochzeit"

Abbildung 4: Szene aus "Yasemin"

Abbildung 5: "Yasemin" und ihr Vater

Abbildung 6: Filmplakat "Yol - Der Weg"

Abbildung 7: Szene aus "Yol - Der Weg"

Abbildung 8: Yilmaz Güney

Abbildung 9: Szene aus "Die Kümmeltürkin geht"

Abbildung 10: Szene aus dem Dokumentarfilm: "Ich bin Tochter meiner Mutter"

Abbildung 11: Szene aus "Crossing the Bridge – The Sound of Istanbul"

Abbildung 12: Fatih Akin bei Dreharbeiten zu „Solino“

Abbildung 13: Yüksel Yavuz

Abbildung 14: Thomas Arslan

Abbildung 15: Buket Alakus

Abbildung 16: Ayse Polat

Abbildung 17: Szene aus "Ich Chef, du Turnschuh"

Abbildung 18: Filmplakat "Kebab Connection"

Abbildung 19: Tevfik Baser

Abbildung 20: Szene aus "40 quadratmeter Deutschland"

Abbildung 21: "Turna" eingesperrt in der Wohnung

Abbildung 22: "Turna" sieht die Leiche von "Dursun"

Abbildung 23: "Turna" auf dem Weg in die Freiheit?

Abbildung 24: "Dursun" (Yaman Okay)

Abbildung 25: "Turna" (Özay Fecht)

Abbildung 26: Fatih Akin

Abbildung 27: Das erste Treffen von Sibel und Cahit

Abbildung 28: Sibel und Cahit bei ihrer Scheinhochzeit

Abbildung 29: Cahit nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis

Abbildung 30: Szene aus „Gegen die Wand“

Abbildung 31: "Sibel" (Sibel Kekilli)

Abbildung 32: "Cahit" (Birol Ünel)

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Entwicklung der Bevölkerungszahlen 1960 – 2003

Tabelle 2: Vergleich der Filme

1 Einleitung

„Die ersten Gesichter, die zwischen den Ländern ausgetauscht worden sind, sind die Filmgesichter. Die Filme sind die einzige gemeinsame Sprache dieser Welt. Die Bilder sind Freiheit.“[1]

(Ermine Sevgi Özdamar)

Dieses Zitat einer türkischen Schriftstellerin verdeutlicht, dass sich der Film wie kaum ein anderes Medium dazu eignet, das Verständnis für andere Kulturen zu fördern. Auch die deutschen Regisseure türkischer Herkunft sehen in diesem Medium eine geeignete Ausdrucksform, um von der Migration und einem Leben in mehreren Kulturen zu erzählen. Mit dem Film „Gegen die Wand“ von Fatih Akin erreicht 2004 die deutsch-türkische Filmgeschichte ihren – vorerst – bedeutendsten Höhepunkt. Der deutsch-türkische Film, der sich in den 1970er Jahren aus dem „Migrantenkino“ entwickelt hat, und seit Mitte der 1990er Jahre zunehmend differenziert vom Leben in zwei Kulturen und den kulturellen Wechselwirkungen und Konflikten erzählt, wird als Genre immer populärer.

Die vorliegende Arbeit stellt die Entwicklung und die Tendenzen des deutsch-türkischen Films von den 1970er Jahren bis zur Gegenwart anhand ausgewählter Filmbeispiele dar. Alle für das Verständnis relevanten Begriffe der vorliegenden Arbeit, wie z.B. „Migrantenkino“, „Cinema du métissage“ und „deutsch-türkisches Kino“, werden zu Beginn definiert. Ist im Titel sowie in den einzelnen Kapiteln von dem Begriff „Kino“ die Rede, so ist dieser Ausdruck mit dem Begriff „Film“ gleichzusetzen.[2]

Um den biografischen und kulturellen Hintergrund der deutsch-türkischen Regisseure besser verstehen zu können, wird die Geschichte der Migration in Deutschland beleuchtet und ein Blick auf das aktuelle Zusammenleben von Türken und Deutschen in der Bundesrepublik geworfen. Zahlen und Fakten untermauern die Aussagen über die Alltagswirklichkeit der in Deutschland lebenden Türken. Ebenso wird in diesem Kapitel das Deutschlandbild der Türken und das Türkeibild der Deutschen diskutiert. Interviews mit deutsch-türkischen Kulturschaffenden ergänzen die in der Öffentlichkeit verbreiteten Ansichten und Vorurteile zum Thema.

Einen Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit bildet die Darstellung der Migration als filmisches Thema. Die Analyse ausgewählter Filmbeispiele aus den jeweiligen Jahrzehnten belegt die Entwicklung wie auch aktuelle Tendenzen und Trends des deutsch-türkischen Films. Die Auswahl der Filme erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit – die Bandbreite der Filme ist zu groß. Es sind dennoch alle Filme und Regisseure vorgestellt, die bedeutend für die deutsch-türkische Filmgeschichte sind. Abschließend wird im letzten Kapitel die Darstellung der Migration in den ausgewählten Beispielfilmen „40 quadratmeter Deutschland“ (1986) und „Gegen die Wand“ (2004) detailliert analysiert und verglichen. Anhand einer Gegenüberstellung werden sowohl die formalen als auch die inhaltlichen Aspekte des deutsch-türkischen Films seit den 1980er Jahren untersucht.

In der deutschen Fachliteratur wird der deutsch-türkische Film kaum eigenständig behandelt. Nur wenige Filmzeitschriften und die Internet-Plattform filmportal.de, ein Projekt des Deutschen Filminstituts, bilden eine Ausnahme und befassen sich eingehend mit dem Thema Migration und Kino. Eine Monographie über die aktuellen Trends und Tendenzen sowie die Darstellung der Migration im deutsch-türkischen Film gibt es noch nicht.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es daher, die genannten Aspekte zusammenzutragen und zu dokumentieren. Ein weiteres Anliegen der Arbeit ist es, eine Antwort auf die Frage zu finden, wie sich das Leben in zwei Kulturen auf das künstlerische Schaffen der Regisseure türkischer Herkunft auswirkt.

2 Das Kino der doppelten Kulturen – Versuch einer Definition

2.1 „Migrantenkino“ – Vom realistischem Genre zum sozialkritischen Begriff

In Deutschland entwickelt sich in den 1960er Jahren im Zuge der Masseneinwanderung von Arbeitsmigranten zaghaft, aber unübersehbar das populäre „Migrantenkino“ als sozial-realistisches Genre. In diesen Filmen werden die (vorwiegend türkischen) Migranten als Opfer am Rande der Gesellschaft dargestellt – unfähig zur Kommunikation und Interaktion. Das Scheitern der Migranten in der Fremde ist auch in zahlreichen Dokumentarfilmen ein zentrales Thema. Ebenfalls wird in Unterrichtsfilmen die Integrationsproblematik geschildert. Insbesondere der türkische „Gastarbeiter“ nimmt eine zentrale Rolle im „Migrantenfilm“ ein.[3]

Auch heute werden teilweise noch Filme von deutsch-türkischen Regisseuren[4], wie z.B. Fatih Akin, als „Migrantenkino“ bezeichnet, da sie ihre eigene Migrationsgeschichte, bzw. die ihrer türkischen Eltern, auf die Leinwand bringen. Eine Schublade, in die sich die deutsch-türkischen Filmemacher nur ungern stecken lassen.

„Ich möchte, dass das Etikett Immigrantenfilm irgendwann bedeutungslos wird. Was ist das überhaupt für ein komisches Genre? Ich will, dass man sagt, das hier ist ein Liebesfilm, ein Drama, ein Melodrama – dass man die Filme in solche Kategorien einordnet.“[5]

Mittlerweile zeugen die Filme der deutsch-türkischen Regisseure vom neuen Selbstbewusstsein der zweiten Migrantengeneration. Keine Spur mehr von dem typischen „Migrantenkino“ der 1960er Jahre. Dieses Genre scheint es in dieser Form nicht mehr zu geben. Es entwickelt sich langsam zu dem neuen „Cinéma du métissage“[6], weg von einem sozialkritischen Begriff hin zu einem Kino zwischen den Kulturen.

2.2 „Cinéma du métissage“ – Das Kino zwischen den Kulturen

Das „Cinéma du métissage" bezeichnet ein Kino, das von dem Leben in zwei Kulturen erzählt. „Metissage“[7] ist ein Begriff, den die Franzosen für ihr „Cinéma beur“[8] kreiert haben. Es bezeichnet einen neuen Kinoimpuls, eine neue Art des Autorenfilms, den die dritte Generation der Migranten zuerst in Frankreich, England und schließlich auch in Deutschland in Angriff genommen hat. Die Besonderheit im „Métissage-Film“ liegt in einer Art der cineastischen Selbstreflexion.[9]

„Das Kino der Métissage kann, ohne sich zu verraten, aus der Fremdheit selbst keine große Sache mehr machen, sein Thema ist gerade das Alltägliche im Leben in zwei Kulturen, was nicht heißen soll, dass nicht gerade diese Art des Alltäglichen zur Katastrophe führen kann.“[10]

Als eigenständiges Genre hat sich der „Métissage-Film“ jedoch noch nicht in Deutschland durchgesetzt. Der Begriff stellt eher eine cineastische „Schnittstelle“ dar. So ist das „Cinéma du métissage“ zugleich eine Fortsetzung des Begriffs „Kino der Fremdheit“ und ein Widerspruch dagegen.[11]

Im folgenden Kapitel wird das „deutsch-türkische Kino“ als Subgenre des „Cinéma du métissage“ definiert.

2.3 Das „deutsch-türkische Kino“ – Wie „deutsch“ oder wie „türkisch“ ist ein Film?

Bei dem Genre „deutsch-türkisches Kino“ handelt es sich um einen Hilfsbegriff, den hauptsächlich die deutschen Medien für die Filme von türkischstämmigen Regisseuren geschaffen haben. Die „deutsch-türkischen“ Filme, die vor den 1990er Jahren im deutschen Kino bisher keine große Beachtung finden, handeln von dem Leben zwischen den Kulturen. Es sind Geschichten, die bis dahin noch niemand gewagt hat zu erzählen. Es geht um die Befreiung von Klischees und Rollenerwartungen, um eine neue Selbstverständlichkeit und Normalität der Lebenswirklichkeit junger Deutsch-Türken. Die Identität wird gelebt, statt sie, wie im „Migrantenfilm“, zum Problem zu machen. Gleichzeitig geht es darum, sich den Kulturen die aufeinanderprallen mit einer gewissen Distanz zu nähern. Es sind Stoffe, die aus der Mitte der Gesellschaft entspringen.[12] Die türkischstämmigen Filmemacher nutzen ihre persönliche Erfahrungen und ihren multikulturellen Blickwinkel für ihre Geschichten. Sie sehen die Dinge „deutsch“, „türkisch“, oder „deutsch-türkisch“.[13] Ein Phänomen welches ihre Filme gerade so besonders „exotisch“ macht.

Man spricht von einem neuen Genre, welches quantitativ und qualitativ inzwischen viel zu komplex ist, um es als Ganzes in wenigen Sätzen definieren zu können.

Mit dieser Problematik beschäftigt sich auch die Kulturwissenschaftlerin Deniz Göktürk:

„Welche Nationalität hat beispielsweise ein Film, der in Hamburg spielt und dort unter deutscher Regie produziert ist, in dem jedoch türkische Schauspieler türkisch-deutsche Dialoge sprechen und türkische Milieus darstellen? Ist ein solcher Film dem deutschen oder dem türkischen Kino zuzurechnen? Macht er Aussagen über die deutsche oder die türkische Kultur oder über beide? Wie verhält es sich, wenn der Regisseur ein in Deutschland lebender Türke ist, der unter ähnlichen Produktionsbedingungen arbeitet wie seine deutschen Kolleg/innen? Fällt dann die Zuordnung leichter?“[14]

Die Regisseure hören es nur ungern, wenn ihre Filme mit dem Begriff „deutsch-türkisch“ abgestempelt werden. Sie sind in Deutschland geboren und wollen daher auch als „deutsche“ Regisseure mit „deutschen“ Filmen anerkannt werden. Es liegen jedoch teilweise zwischen den einzelnen Regisseuren (filmische) Welten, die sich weder mit dem Adjektiv „deutsch“ oder „türkisch“ beschreiben lassen.[15]

Aus Mangel einer präziseren Bezeichnung werden die Filme der türkischstämmigen Regisseure in der vorliegenden Arbeit als deutsch-türkische Filme bezeichnet.[16]

3 Türken in Deutschland – Zusammenwachsen der Kulturen

3.1 Geschichte der Migration in Deutschland

3.1.1 Erste Phase: Anwerbephase (1955-1973)

Die Geschichte der Migration in Deutschland wird in fünf Phasen eingeteilt. Die erste Phase (1955-1973) kann als „Anwerbephase“ oder „Gastarbeiterperiode“ bezeichnet werden. Während der 1950er Jahre kommt es infolge des dynamischen Wirtschaftswachstums zu drastischen Veränderungen auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Durch den erheblichen Arbeitskräftemangel schließt die Bundesregierung 1955 mit Italien, 1960 mit Griechenland und Spanien, 1961 mit der Türkei, 1963 mit Marokko, 1964 mit Portugal, 1965 mit Tunesien und 1968 mit Jugoslawien Anwerbervereinbarungen ab, um dem deutschen Arbeitsmarkt kontrolliert ausländische Arbeitskräfte zuzuführen. Besonders in diesen Ländern machen sich Auswanderungswünsche bemerkbar. Die Vertreter der bundesrepublikanischen Wirtschaft betonen den Bedarf an ausländischen Arbeitskräften und die Bundesregierung akzeptiert daraufhin die Anwerbe-Vereinbarungen. Auseinandersetzungen von Seiten der Gewerkschaften bleiben zu dieser Zeit aus, denn die westdeutschen Gewerkschaften fordern lediglich Gleichberechtigung der ausländischen und einheimischen Arbeitnehmer, was Löhne und Arbeitsbedingungen angeht. Anlass für Befürchtungen vor unliebsamen Auswirkungen dieser Anwerberpolitik oder fremdenfeindlichen Äußerungen gibt es zu dieser Zeit nicht, da längerfristige Perspektiven der einsetzenden Arbeitsmigration noch nicht absehbar sind. Die Arbeitgeber stellen bei den Arbeitsämtern die Anträge, womit das Anwerbeverfahren beginnt. Eine Anwerberkommission wählt ihrerseits nach den jeweils angeforderten beruflichen Qualifikationen sowie nach medizinischen Selektionskriterien die ausländischen Arbeitskräfte aus. Für die Ausländer gibt es auch die Möglichkeit auf dem „zweiten Weg“ ohne Anwerbekommission zur Arbeitsaufnahme nach Deutschland einzureisen. Die deutschen Arbeitsämter und Ausländerbehörden stellen nach ausländerpolizeilichen und arbeitsmarktpolitischen Überprüfungen schließlich eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis aus. Die abgeschlossenen Vereinbarungen mit den „Anwerbestaaten“ enthalten jedoch unterschiedliche Bestimmungen. Nur die Abkommen mit der Türkei und mit Marokko sehen eine Begrenzung des Aufenthalts auf zwei Jahre vor. Ebenso fehlt in den Abkommen mit der Türkei, Marokko, Tunesien und Jugoslawien ein Abschnitt über die Möglichkeit eines Familiennachzugs, wie er in den Abkommen mit Italien, Spanien, Griechenland und Portugal vorhanden ist. Durch die dringende Arbeitskräftenachfrage in Deutschland wird 1964 in Abstimmung mit der türkischen Regierung die Beschränkung der Aufenthaltsdauer auf zwei Jahre gestrichen. Damit ist ein entscheidender Schritt für die Einwanderung der Arbeitsmigranten aus der Türkei getan.[17]

Die Zuwanderung erreicht um 1973 ihren Höhepunkt. Der Beschäftigungszuwachs der Jugoslawen und Türken, die zusammen fast zwei Drittel der Zunahme der Ausländerbeschäftigung bestreiten, ist in dieser Zeit am stärksten. 1971 wird die Arbeitserlaubnisregelung folgendermaßen verändert: Ausländische Arbeitnehmer, die länger als fünf Jahre rechtmäßig und ununterbrochen in Deutschland arbeiten, erhalten eine besondere Arbeitserlaubnis, unabhängig von der Lage des Arbeitsmarktes und ohne Bindung an einen bestimmten Betrieb oder Beruf. Trotz dieser Regelung kehren viele ausländische Arbeitnehmer wieder in ihr Herkunftsland zurück. Die Arbeitgeber ermuntern ihre eingearbeiteten ausländischen Arbeitnehmer vielfach, ihre Landsleute nachzuholen. Zudem lassen sich Neuzuwanderer gerne in der Nähe ihrer eingereisten Verwandten oder Bekannten nieder. Diese Faktoren führen zu einer „Kettenmigration“. Dadurch beginnt in der deutschen Öffentlichkeit eine immer heftiger werdende Diskussion um die „Gastarbeiterfrage“. Ebenso entstehen in der deutschen Bevölkerung „Überfremdungs-Ängste“. An allgemeinbildenden Schulen steigt der Ausländeranteil von rund 35.000 im Schuljahr 1965/66 auf 159.000 im Schuljahr 1970/71. Die Bundesregierung fasst darauf eine Beschränkung der Ausländerzahl ins Auge, was zum „Aktionsprogramm für Ausländerbeschäftigung“ vom Juni 1973 führt. Am 23. November 1973 verordnet die Bundesregierung einen „Anwerbestopp“, womit die erste Phase der Ausländerpolitik endet.

3.1.2 Zweite Phase: Konsolidierung der Ausländerbeschäftigung (1973-1979)

Nach dem „Anwerbestopp“ der ersten Phase stehen die drei Grundgedanken Zuwanderungsbegrenzung, Rückkehrförderung und eine soziale Integration auf Zeit im Mittelpunkt der zweiten Phase. Durch diskriminierende Praktiken bei der Gewährung von Arbeitslosengeld und Arbeitslosenhilfe sowie durch eine restriktive Handhabung des Arbeitserlaubnisverfahrens wird als Reaktion auf die Ölkrise von 1974/76 versucht, die Ausländer zu verdrängen. Dies führt zum Abbau der Ausländerbeschäftigung und zu einer hohen Arbeitslosenquote unter den Arbeitsmigranten. Die Türken und Jugoslawen stellen die quantitativ stärkste Gruppe der ausländischen Arbeitslosen dar. Ein erheblicher Teil der ausländischen Arbeitnehmer kehrt Deutschland nicht den Rücken, sondern verbleibt als stille Arbeitsmarktreserve. Die Ausländerbeschäftigung nimmt mit der Beruhigung der Arbeitsmarktsituation von 1978 bis 1980 wieder von ca. 1,9 Mio. auf ca. 2,1 Mio. zu. Zugleich verlängert sich die durchschnittliche Verweildauer der ausländischen Arbeitnehmer. Zwischen 1973 und 1980 erhöht sich der Anteil derjenigen, die schon länger als zehn Jahre in Deutschland leben, von 16 % auf 38 %. Deutschland wird jetzt faktisch zum Einwanderungsland.

3.1.3 Dritte Phase: Phase der Integrationskonzepte (1979-1981)

Bis zur Jahreswende 1982/83 wird das „Türkenproblem“ zum Gegenstand einer Diskussion, die einen beherrschenden Platz in der Öffentlichkeit einnimmt. Die Medienberichterstattung wird schärfer und kritischer, Gewaltanschläge auf die Unterkünfte von Türken und asiatisch-afrikanischen Flüchtlingen erreicht einen Höhepunkt. Dadurch beginnt die „Phase der Integrationskonzepte“. Die Auswirkungen der Zuwanderung und die Integrationspolitik tritt nun in den Mittelpunkt der Debatte. Der Ausländerbeauftragte der Bundesregierung, Heinz Kühn, schlägt 1979 mit seinem Memorandum "Stand und Weiterentwicklung der Integration der ausländischen Arbeitnehmer und ihrer Familien in der Bundesrepublik Deutschland."[18] einen Richtungswechsel vor, der die Abkehr von „Integration auf Zeit“ erforderlich macht und Deutschland als faktisches Einwanderungsland impliziert. Es sollen Maßnahmen getroffen werden, die der ausländischen Bevölkerung die Chance zur dauerhaften Eingliederung eröffnen würden. Dies sollte beispielsweise durch die Intensivierung der vorschulischen und schulischen Integration, durch die Realisierung des Anspruchs der Jugendlichen auf ungehinderten Zugang zu Ausbildungs- und Arbeitsplätzen, durch eine Einbürgerungsoption für Jugendliche sowie durch die Gewährung des kommunalen Wahlrechts für Ausländer, erreicht werden. Das Memorandum hat jedoch keine unmittelbare Wirkung.

3.1.4 Vierte Phase: Wende in der Ausländerpolitik (1981-1998)

Das Jahr 1981 bildet eine neue Zäsur und leitet die bis heute nachwirkende vierte Phase der „Wende in der Ausländerpolitik“ ein, in deren Verlauf die Asylproblematik hinzukommt. Die Begrenzungsmaßnahmen gegenüber den Ausländern der Nicht-EG-Mitgliedstaaten vom Dezember 1981 beschränken den Ehegattennachzug der zweiten Generation und setzen das Nachzugsalter für Kinder auf das 16. Lebensjahr herab. Zugleich wird seitens der Regierung versucht, die Rückkehr ausländischer Arbeiter mit einer „Rückkehrprämie“, der vorzeitigen Erstattung von Arbeitnehmerbeiträgen aus der Rentenversicherung ohne Wartezeit, sowie Beratungsangeboten für rückkehrwillige Arbeitnehmer, zu fördern. Statt für eine Rückkehrprämie entscheiden sich die türkischen, jugoslawischen und griechischen ausländischen Arbeitnehmer allerdings dafür, ihre Familienmitglieder aus der Heimat nach Deutschland zu holen. Die Zahl der ausländischen Bevölkerung nimmt in dem Zeitraum zwischen 1983 und 1989 insgesamt um 6 % von ca. 4,5 Mio. auf ca. 4,8 Mio. zu.

Die Ausländerpolitik wird auch für den politischen Machtkampf instrumentalisiert. Die gewaltsamen Anschläge auf Flüchtlinge häufen sich immer mehr, weshalb das Asylthema auch 1987 in den Vordergrund des Bundestagswahlkampfes gerät. 1990 wird ein neues Ausländergesetz verabschiedet. 1992 wird ein neuer Asylkompromiss ausgehandelt, welcher fünf Handlungsbereiche umfasst: Bürgerkriegsflüchtlinge, Asylbewerber, Einbürgerungsfragen, Aussiedler und Vertragsarbeitnehmer. Ebenfalls werden drei neue Kategorien ausländischer Arbeitnehmer auf Zeit definiert: Werkvertrags-, Gastarbeits- und Saisonarbeitnehmer. 1992 kommen insgesamt ca. 312.000 ausländische Arbeitskräfte neu in das Bundesgebiet. Erst unter dem Druck der fremdenfeindlichen Anschläge, die nicht nur Asylbewerber und Flüchtlinge, sondern auch Arbeitsmigranten betreffen, wird über einen Kurswechsel von der Ausländerpolitik zu einer Einwanderungspolitik intensiv nachgedacht. Angesichts dieser Situation ist es beachtlich, dass die Zahl der Einbürgerungen 1974 von 24.744 auf 199.433 im Jahr 1993 ansteigt.

3.1.5 Fünfte Phase: Ausländerpolitik unter Rot-Grün (1998-2005)

Der Regierungswechsel im Herbst 1998 führt in der fünften und - vorerst - letzten Phase zu einer Veränderung des Staatsangehörigkeitsrechts, wonach vom 1. Januar 2000 an die in der BRD geborenen Kinder ausländischer Eltern mit zwei Pässen aufwachsen können und sich bis zu ihrem 23. Lebensjahr für eine Staatsbürgerschaft entscheiden müssen. Am 1. August 2000 hat die „Green-Card-Initiative“ des Bundeskanzlers den Prozess des Umdenkens in der Zuwanderungsdiskussion im Jahr 2000 eingeleitet. Die Initiative soll zum Abbau des Fachkräftemangels und zur "Verjüngung" der demographischen Entwicklung beitragen. Ebenfalls wird 2000 von Bundesinnenminister Schily eine Einrichtung der "Unabhängigen Kommission Zuwanderung" zur Erarbeitung konkreter Empfehlungen für eine zukünftige Zuwanderungspolitik geschaffen. Hierzu gehören Überlegungen, wie der erforderliche Bedarf an Zuwanderern ermittelt und wie diese Zuwanderung gesteuert und begrenzt werden kann. 2002 wird das neue Zuwanderungsgesetz verabschiedet, gegen das sechs unionsgeführte Bundesländer vor dem Bundesverfassungsgericht klagen. Die Klage führt letztendlich zur Aufhebung des Zuwanderungsgesetzes durch das Bundesverfassungsgericht.

Zwischen 2002 und 2004 entfachen erneut Diskussionen um ein Zuwanderungsgesetz, welches am 1. Januar 2005 in Kraft getreten ist. Kernpunkte des neuen Gesetzes sind Arbeitsmigration, humanitäre Regelungen, Integration und Sicherheitsfragen. Das Zuwanderungsgesetz ersetzt das bisher geltende Ausländergesetz und enthält Vorschriften zu Einreise und Aufenthalt von Ausländern in das Bundesgebiet, zu möglichen Aufenthaltszwecken sowie zur Aufenthaltsbeendigung und zum Asylverfahren.[19]

3.2 Zahlen, Daten und Fakten

Zwischen Deutschland und der Türkei bestehen seit den 1960er Jahren intensive Beziehungen, sowohl wirtschaftlicher als auch kultureller Art. Heute leben über 2,5 Millionen Menschen mit türkischer Abstammung in Deutschland. 1961 leben 6.800 türkische Staatsangehörige in Deutschland, 1971 sind es 652.000, 1981: 1.546.000, 1991: 1.780.000, 1998: 2.110.000, 2001: 1.948.000.[20]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Entwicklung der Bevölkerungszahlen 1960 – 2003[21]

In den letzten Jahren sind jährlich etwa 50.000 Türken zur Familienzusammenführung nach Deutschland übergesiedelt, umgekehrt aber auch etwa 40.000 zurück in die Türkei gezogen. In Deutschland leben insgesamt mehr als 3.500.000 Muslime und es gibt ca. 3.000 Moscheen. Die größte Gruppe ausländischer Studenten in Deutschland bilden 25.000 türkische Studenten. Die Zahl deutscher Staatsbürger mit türkischer Herkunft wächst infolge des im Jahre 1999 verabschiedeten neuen deutschen Staatsangehörigkeitsrechts stets weiter an. Im Jahre 2004 werden 44.465 Personen mit türkischer Herkunft eingebürgert. Somit hat sich die Zahl der Türken in der Bundesrepublik mit deutschem Pass auf insgesamt 840.000 erhöht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Türken, die die deutsche Staatsangehörigkeit erworben haben[22]

Die deutsche Regierung möchte die Integration der über 2,5 Millionen Bürger türkischer Herkunft in Deutschland verstärkt fördern. Zu diesem Zweck gibt es Sonderprogramme im Bereich beruflicher Aus-, Fort- und Weiterbildung. Förderprogramme bei Existenzgründungen sind seitens des Bundesministerium für Wirtschaft dazu vorgesehen. Eine konstruktive Zusammenarbeit mit türkischen Organisationen ist für die erfolgreiche Integration der türkischen Wohnbevölkerung in Deutschland maßgeblich. Ein aktiver Beitrag für die Eingliederung der Türken in die deutsche Gesellschaft wird hierfür erwartet.

Deutschland und die Türkei verbindet auch eine intensive wirtschaftliche Beziehung. Mit etwa 17 Mrd. Euro Handelsvolumen ist Deutschland 2003 erneut der wichtigste Handelspartner der Türkei. Jährlich fließen fast 17 % der türkischen Exporte nach Deutschland, über 13 % der Importe kommen von dort. Mehr als 50.000 Türken in Deutschland sind selbständige Unternehmer. Sie beschäftigen über 230.000 Menschen und erwirtschaften Umsätze von ca. 23 Milliarden Euro jährlich – mit stark wachsender Tendenz.

3.3 Das Deutschlandbild der Türken

Die Informationen, die Türken über Deutschland erhalten, stammen aus verschiedenen Quellen. Persönliche Eindrücke und Bewertungen über Deutschland und die Deutschen erhalten sie von Landsleuten, die nach Deutschland ausgewandert oder bereits dort geboren worden sind. Auch die türkischen Medien berichten umfassend über Deutschland und die Situation der dort lebenden türkischstämmigen Bevölkerung sowie die deutsche Haltung zum EU-Beitritt der Türkei.[23]

Während der „Gastarbeiterphase“ haben die Türken ein gespaltenes Bild von den Deutschen. Aus Sicht der Türken begegnen die Deutschen den Türken nie unvoreingenommen und natürlich. Die Türken nehmen die Deutschen als herzlos und herabwürdigend wahr, da sie von den Deutschen lediglich als Arbeitskraft gesehen und behandelt werden. Engere persönliche Kontakte bleiben vor allem in der Anfangszeit die Ausnahme.

1987 wird das Beitrittsgesuch der Türkei von der Europäischen Union abgelehnt. Die Türkei ist sehr enttäuscht, da sie sich in der Bundesrepublik Deutschland einen Fürsprecher erhofft hat. Mit den ausländerfeindlichen Mordanschlägen in Mölln[24] und Solingen[25], die sich gegen Türken richten, ist das Deutschlandbild entscheidend gekippt. Die türkischen Medien berichten aufmerksam und kritisch über die Anschlagsserien auf türkische Einrichtungen und Menschen in Deutschland.

Durch den Regierungswechsel und dem neuen Bundeskanzler Gerhard Schröder kommt eine gewisse Respekthaltung gegenüber der Türkei auf, die auch die Türken wahrnehmen. Schröder hält an seiner Politik fest, die Türkei als europäischen Staat anzusehen. Durch dieses Geste verbessert sich das Deutschlandbild wieder. Die Unterstützung der Bundesregierung für den türkischen EU-Beitritt dominiert auch die Deutschlandberichterstattung sowie das relativ positive Deutschlandbild. Es gibt ein zunehmendes Interesse an der deutschen Sprache und auch der deutsche Touristenstrom trägt zu einer positiven Veränderung des Deutschlandbildes bei.[26] Viele Türken schätzen an der deutschen Gesellschaft die typischen deutschen Werte wie Pünktlichkeit und Korrektheit, andererseits kritisieren sie die fehlende Herzlichkeit der Deutschen und die „kühlen“ Umgangsformen. Ebenso beklagen sie die Ungleichbehandlung und Diskriminierung ihrer Religion. Die Angst vor dem Islam verbindet seit dem 11.9.2001 die westliche Welt und die Angst vor dem Fremden macht sich bemerkbar. Das diffuse Bild, das der Großteil der Deutschen vom Islam hat wandelt sich zugleich in Vorurteile gegenüber den mehrheitlich muslimischen Türken. Auch die junge Generation der Deutsch-Türken fühlt sich von der deutschen Gesellschaft teilweise unzureichend anerkannt. Sie sehen sich gesellschaftlich in den Bereichen Ausbildung, Beruf und Alltag benachteiligt.[27]

3.4 Das Türkeibild der Deutschen

Über die Integration der in Deutschland lebenden Türken werden in der deutschen Öffentlichkeit unterschiedliche Positionen diskutiert. Vor allem in den Medien oder in persönlichen Gesprächen werden diese mitunter kontrovers zum Ausdruck gebracht. Somit stellt diese Uneinheitlichkeit der Sichtweise ein wesentliches Element des Türkeibildes der Deutschen dar.[28]

In der Zeit vor der Ankunft türkischer „Gastarbeiter“ in Deutschland ist dieses Bild, auch in den deutschen Medien, relativ positiv. Ab Mitte der 1960er Jahre wird das Türkeibild sehr stark von den türkischen „Gastarbeitern“ bestimmt. Ihre Lebensweise und ihre Religion ist ein zentrales Element im deutschen Türkeibild. Nur selten sind positive Berichte über die „Gastarbeiter“ zu hören. Sie werden als unzivilisierte, unhygienische und unordentliche Menschen dargestellt, die eine mangelnde Ausbildung besitzen. Der Türke wird nur als Arbeitskraft gesehen. Die kulturellen, religiösen und sozialen Hintergründe der Einwanderer interessieren die Deutschen nicht. In den 1980er und 1990er Jahren wird das Bild nur wenig korrigiert. Das Türkeibild in den 1980er Jahren ist von politischen Motiven geprägt. Die Deutschen kritisieren die Menschenrechtsverletzungen, die Kurdenpolitik und das mangelnde Demokratieverständnis der Türkei.[29]

Auch heute fällt das Türkeibild der Deutschen undifferenziert aus. „Etwa die Hälfte der Deutschen ist den Türken und der Türkei wohlgesonnen. Die andere nicht.“[30] Die Deutschen sehen in den Türken nicht den Mittelstand, die Beamten, Richter, Künstler und Akademiker. Wie die Türken tatsächlich leben und wie sie denken, arbeiten und „funktionieren“, wissen viele Deutsche nicht.[31]

„Aber im großen und ganzen ist es in der deutschen Gesellschaft noch nicht angekommen, dass man nicht mehr der klassische „Gastarbeiter“ ist, sondern sich weiter entwickelt hat und an der Gesellschaft in allen Bereichen teilhaben möchte.“[32]

Jedoch gibt es auch Deutsche, die sehr gut über die Türken und die Türkei Bescheid wissen. Darüber hinaus ist die Türkei als Urlaubsland bei den Deutschen sehr beliebt. Die Deutschen schätzen die Gastfreundschaft und Herzlichkeit der Türken, was das Türkeibild positiv beeinflusst. Dennoch bestehen in den Köpfen der Deutschen noch häufig Klischee-Begriffe wie Döner, Bauchtanz, aber auch Kopftuch, Ehrenmorde, schnurrbärtige Männer, Unterdrückung der Frau etc., die sie mit den Türken und der Türkei in Verbindung bringen.

Aus der Tatsache, dass viele Türken die deutschen Medien nur zurückhaltend nutzen und dass manche, mitunter schon jahrzehntelang in Deutschland lebende Türken die deutsche Sprache noch nicht erlernt haben, zeigt sich eine gewisse, mehr oder weniger stark ausgeprägte Zurückhaltung gegenüber einer Annäherung an die deutsche Sprache und Kultur. Ebenso gibt es in Deutschland teilweise Stadtteile, die nur aus Ausländern bestehen und in denen man im Alltag problemlos zurecht kommt, ohne die deutsche Sprache zu sprechen. Dies ist allerdings nicht der Regelfall. Jale Yoldas, Geschäftsführerin des Deutsch-Türkischen Forums in Stuttgart[33], sieht dennoch keine Entwicklung zu einer türkischen Parallelgesellschaft. Ihrer Meinung nach “ist die deutsche Sprache ein MUSS. Ein anderes MUSS ist aber, das Gefühl vermittelt zu bekommen, willkommen zu sein.“[34]

Trotz des jahrzehntelangen mehr oder weniger engen Zusammenlebens von Deutschen und Türken lässt sich feststellen, dass das Meinungsbild im Laufe der Zeit sowohl bei den Deutschen als auch bei den Türken immer differenzierter ausfällt.

4 Entwicklungen und Tendenzen der deutsch-türkischen Filme anhand ausgewählter Beispiele

4.1 Die 1970er und 1980er Jahre – Filme über Migranten

4.1.1 Das Kino der Fremdheit

Im Zuge der Einwanderungswelle beginnt in den 1970er Jahren im deutschen Film die erste filmische Darstellung der Arbeitsmigranten in Deutschland. Aus einem Impuls des Erschreckens über die Kälte der eigenen Gesellschaft, reagieren überwiegend deutsche Filmschaffende auf die aktuellen politischen und sozialen Konflikte in der Bundesrepublik. Es folgt ein Schub an Filmen, welcher die Probleme der Konfrontation und Integration der Migranten in allen Facetten darstellt.[35]

Helma Sanders-Brahms („Shirins Hochzeit“,1976)[36], Rainer Werner Fassbinder („Angst essen Seele auf“, 1973)[37] und Werner Schroeter („Palermo oder Wolfsburg“, 1980)[38] sind nur Beispiele für deutsche Regisseure, die sich in diesem Jahrzehnt mit dieser (nicht nur türkischen) Migrationsproblematik befassen und dadurch Aufsehen erwecken. Ein zentrales Element in den Einwandererfilmen nimmt zu dieser Zeit insbesondere der türkische „Gastarbeiter“ ein. Er wird sprachlos und unfähig zu jeder Kommunikation mit den Deutschen als isolierte Figur am Rande der Gesellschaft dargestellt. Ein Leben in einer fremden Kultur wird in diesen Filmen als schreckliche Verbannung und leidvolles Verlorensein in einer fremden Welt gezeigt. So scheitert die Heldin aus „Shirins Hochzeit“ bei der Suche nach ihrer großen Liebe in Deutschland. In Fassbinders „Angst essen Seele auf“ wird der ausländische „Gastarbeiter“ als Ehemann einer Deutschen nicht gesellschaftlich akzeptiert, und die Hauptfigur aus dem Film „Palermo oder Wolfsburg“ versucht nach der Trennung von seiner deutschen Freundin seine Ehre zu retten und wird dabei zum Mörder. Unterschwellig wird der Eindruck vermittelt, dass die abweichenden Lebensformen und Erwartungen der Migranten gegenüber den westlich orientierten Länder Konflikte entstehen lassen. Die Hauptfiguren der Filme werden als verunsicherte, klischeebeladene und von Vorurteilen geprägte Charaktere dargestellt, die in ungeschönter Bildsprache das Schicksal der Migranten aufzeigen.[39] Die Filmemacher verfolgen das Ziel, durch ihre Filme die Kritik an dem gesellschaftspolitischen Zustand deutlich zu machen. Dadurch wirken die Filme der 1970er Jahre wie melodramatische Appelle an die deutsche Kultur - ein Kino der sozialen Anklage. Die authentische Darstellung der Migration selbst gelingt nur selten.[40]

„In den siebziger Jahren begann sich das neue deutsche Kino um die "Gastarbeiter" und ihr Schicksal zu kümmern, in einer Mischung aus Solidarität, Neugier und einer Prise fürsorglicher Ignoranz. Nur wenige Filme versuchten damals schon, die Spaltung in der Selbstidentifikation nachzuvollziehen.“[41]

Ein Jahrzehnt später beginnen zunehmend Filmemacher mit türkischer Herkunft die Lebensumstände ihrer Landsleute in der Fremde zu thematisieren. Das (filmische) Bild der Migranten bleibt dasselbe wie in den 1970er Jahren: Der Ausländer wird als geduldeter, aber zugleich auch ausgebeuteter, unterdrückter und gedemütigter „Gastarbeiter“ in einer von Vorurteilen geprägten Gesellschaft gesehen.[42]

Einer der wichtigsten Filmemacher in den 1980er Jahren ist der in Hamburg lebende Türke Tevfik Baser. Auf dem wichtigsten Filmfestival der Welt in Cannes (1986) legt Tevfik Baser mit „40 quadratmeter Deutschland“[43] einen packenden Film vor, mit dem niemand gerechnet hat. "40 quadratmeter Deutschland" erzählt die Geschichte eines türkischen „Gastarbeiters“, der seine Frau in einer Wohnung in Deutschland einsperrt, um sie vor der deutschen Gesellschaft zu bewahren.[44]

Die Filme der 1980er Jahre handeln vom Traum der Heimkehr in die Türkei und der Zerrissenheit zwischen Bleiben und Gehen. Ein zentrales Thema ist der Druck innerhalb der Familien und die Opferrolle der (türkischen) Frau. In Hark Bohms Film „Yasemin“[45] von 1988 wird diese Problematik eindeutig dargestellt. Die siebzehnjährige Türkin Yasemin verliebt sich in den Deutschen Jan und gerät damit in Konflikt mit ihrem Vater und dessen Normvorstellungen. Dieser beabsichtigt, seine in Deutschland aufgewachsene Tochter in die Türkei zu bringen. Yasemin stellt sich gegen ihren Vater indem sie mit Jan flüchtet. Der Filmkritiker Georg Seeßlen fasst in einem Aufsatz über den deutsch-türkischen Film der 1980er Jahre zusammen: „Wenn es so etwas wie eine Métissage-Filmkultur in den achtziger Jahren gibt, dann beschreibt sie vor allem die Spannung innerhalb der Einwanderer-Familien.“[46]

Der kurdische Regisseur Yilmaz Güney bringt in den 1980er Jahren mit seinem erfolgreichen Film „Yol – Der Weg“[47] das türkische Kino nach Europa. In all seinen Filmen versteht es Yilmaz Güney, die für sein Land zentralen Themen wie Entwurzelung, Landflucht und politische Unterdrückung erfolgreich auf die Leinwand zu bringen. Die westliche Welt belohnt diese Filme mit viel Beifall. Dem türkischen Kino stehen beinahe alle Türen offen, doch Yilmaz Güney stirbt 1984 im Pariser Exil und die Bewegung hin zu einem neuen türkischen Film gelangt an ihr Ende, bevor sie sich richtig entfalten kann.[48]

Parallel zu den Spielfilmen entwickelt sich der Dokumentarfilm Ende der 1980er Jahre zu einem beliebten Genre im deutsch-türkischen Film. Wie in den Spielfilmen befassen sich auch im Dokumentarfilm überwiegend deutsche Regisseure mit der ersten Einwanderergeneration und deren Situation in einem fremden Land. In der Dokumentation „Die Kümmeltürkin geht“[49] steht eine türkische "Gastarbeiterin" im Mittelpunkt, die in Deutschland Anfeindungen und rassistischen Sprüchen begegnet. Diese nimmt die selbstbewusste Frau zunächst ironisch und humorvoll hin. Doch nach Jahren der Diskriminierung und Demütigung kehrt sie schließlich in ihre Heimat zurück.[50]

Die Regisseure stellen mit ihren Filmen in den 1970er und 1980er Jahren auf künstlerischer Ebene das Sprachrohr für die gesellschaftliche Randgruppe der Migranten dar. Die Filme werden jedoch auf Grund ihrer politischen und sozialen Themen als „Betroffenheitskino“ abgewertet. Dennoch sind es erste Versuche, die soziale Realität der Einwanderungsgesellschaft anzuerkennen und eine Bildsprache dafür zu finden. Doch ob im Spielfilm oder im Dokumentarfilm - der Versuch des Zusammenlebens ist in den Filmen der 1970er und 1980er Jahren fast immer zum Scheitern verurteilt.[51]

4.1.2 Frauen als Opfer am Rande der Gesellschaft

Ein beliebtes Sujet im deutsch-türkischen Film der 1970er und 1980er Jahre ist das Schicksal der türkischen Frau. Die Frauen werden als doppelte Opfer dargestellt: zweifach fremd, als Ausländerin in der deutschen Gesellschaft („Shirins Hochzeit“) und als Ehefrau - sprachlos, rechtlos und ausweglos. Sie werden von ihren Ehemännern eingeschlossen („40 quadratmeter Deutschland“), an der Teilnahme am öffentlichen Leben in Deutschland gehindert, und von ihren patriarchalischen Vätern („Yasemin“) unterdrückt.[52]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Szene aus "Shirins Hochzeit"[53]

Einer der wichtigsten Filme in der Migrationsgeschichte ist „Shirins Hochzeit“. Shirin lebt in Anatolien in tiefster Armut. Sie liebt Mahmud, einen jungen Mann aus ihrem Dorf, der in Deutschland arbeitet. Als die Brüder sie mit dem Dorfverwalter verheiraten wollen, weil dies die einzige Möglichkeit ist, ihr und ihrer Familie den Lebensunterhalt zu sichern, flieht Shirin kurz vor der vereinbarten Hochzeit. Sie lässt sich als Gastarbeiterin nach Deutschland anwerben und sicht in jeder freien Minute ihren Mahmud in Köln. Nur langsam lebt die junge Frau sich in der für sie vollkommen fremden Welt ein, erlernt die Sprache und gewöhnt sich an die harte Arbeit in der Fabrik. Auf Grund der Rezession verliert sie ihre Arbeit in der Fabrik und muss aus dem angeschlossenen Wohnheim ausziehen. Shirin gerät in die klassische Falle: ohne Arbeit bekommt sie keine Aufenthaltsgenehmigung und umgekehrt ohne Aufenthaltsgenehmigung keine Arbeit. Zurück in die Türkei kann sie aber auch nicht mehr. Vorübergehend kommt sie bei griechischen Freunden unter und kann als Putzhilfe in einem Büro arbeiten. Dort wird sie eines Vormittags von einem betrunkenen Angestellten vergewaltigt. Kurze Zeit später sitzt sie wieder auf der Straße. Dort trifft sie auf einen Zuhälter, der ihr Wohnung du Arbeit verspricht. Für ihn geht sie eines nachts in Gastarbeiter-Unterkünften anschaffen. Eines nachts wird auch Mahmud ihr Kunde. Die Umstände haben den Mann, nachdem Shirin zwei Jahre lang gesucht hat, verändert. Die ersehnte Hochzeit findet nicht statt. Shirin wird Opfer einer Schießerei zwischen gegnerischen Zuhälter-Banden.[54]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Weitere Szene aus "Shirins Hochzeit"[55]

Das zentrale Thema des Frauenfilms „Shirins Hochzeit“ ist die Sozialkritik am Umgang mit den nach Deutschland geholten Arbeitskräften und die Ausbeutung der türkischen Frau. Helma Sanders-Brahms Heldin erscheint im Film sehr kindlich-naiv. Sie findet zwar Arbeit und Unterkunft, doch ihren Geliebten trifft sie zunächst nicht. Das Scheitern in der Migration und der vergebliche Kampf gegen den sozialen Abstieg mündet in Ausbeutung und Erniedrigung. „Frau immer Angst" sagt die Heldin die von den Männern der eigenen Kultur ebenso wie von denen der neuen (deutschen) Kultur bedroht ist. Ihr persönliches Schicksal entpuppt sich als Portrait einer gescheiterten Frau. Shirin wird Opfer ihres „Ausbruches“ in eine fremde Welt und der Film bestätigt das patriarchalische Prinzip.[56]

Der Film ist jedoch nicht vollständig frei von Kopftuch- und Gangster-Klischees. Durch die Darstellung der Hilflosigkeit und Unselbständigkeit wird die türkische Frau dabei funktionalisiert und abgewertet.

„Im ersten Teil eine atmosphärisch stimmige, später etwas zu dick aufgetragene Schilderung des harten Lebens (...). Ein Film, der zur Auseinandersetzung anregt“[57]

Für die Gegenüberstellung der Kulturen verwendet Helma Sanders-Brahms eindeutige stereotypisierte Bilder. So werden die Deutschen im Film als Einzelfiguren in leeren, kalten Räumen dargestellt: Die Wohnheimverwalterin bewegt sich in langen einsamen Fluren, die Arbeitsvermittlerin wird in einem kargen Büroraum gezeigt, die Wirtin in einer leeren, unfreundlichen Kneipe. Die türkischen Frauen bilden intime, verständnisvolle Gruppen und zeigen sich untereinander sehr solidarisch. Am Abend ihrer Ankunft im Wohnheim wird die verunsicherte Shirin von den Frauen schützend und fürsorglich behandelt. Eine besondere Bedeutung im Film der 1970er und 1980er Jahre kommt aus diesem Grund der fremden Frau zu, „da über ihre Darstellung eine gesellschaftspolitische und kulturelle Auseinandersetzung stattfindet, die zwischen Idealisierung, Assimilation und Entwertung schwankt.“[58]

Mit dem Heranwachsen der so genannten zweiten Generation türkischer Einwanderer verlagert sich der filmische Schwerpunkt in den 1980er Jahren auf die „ausländischen“ Kinder und Jugendlichen, die in Deutschland zwischen deutscher und türkischer Kultur aufwachsen. Das filmische Interesse gilt besonders den Mädchen und Frauen der zweiten Generation, da sich die kulturellen Differenzen hauptsächlich in bezug auf die verschiedenen Ansichten zur Rolle der türkischen Frau manifestieren.

„Sowohl auf der äußeren Handlungsebene (als interkultureller Konflikt) als auch auf der Ebene der Charakterisierung (als innerer Konflikt der Figur) besaß das Thema ein hohes dramatisches Konfliktpotential.“[59]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Szene aus "Yasemin"[60]

Der Film „Yasemin“[61] von Hark Bohm ist ein Paradebeispiel dieser Tendenz. Yasemin ist die 17jährige Tochter eines türkischen Gemüsehändlers in Hamburg-Altona. Im Judo-Club lernt sie den Studenten Jan kennen. Dieser bemüht sich auf Grund einer Wette um ein Rendezvous mit der selbstbewussten Yasemin. Die Annäherungsversuche des jungen Mannes wehrt Yasemin zunächst ab, doch bald entwickelt sich aus dem Spiel eine ernsthafte Beziehung, die für Yasemin in ihrem Elternhaus nicht unproblematisch ist. Yasemin führt eine Art Doppelleben: nach außen hin das der emanzipierten jungen Frau, und in ihrer Großfamilie jenes der traditionell erzogenen, türkischen Tochter. Im Gegensatz zu ihrer Verwandtschaft, fühlt sich Yasemin als Deutsche, die ihre türkische Heimat nur vom Hörensagen kennt. Das empfindliche Gleichgewicht ihrer beiden Identitäten - als türkische Tochter und deutsche Gymnasiastin - wird für sie durch die Liebesgeschichte mit Jan gestört und entwickelt sich zu einem unlösbaren Konflikt mit ihrer Familie und deren traditionellen Wertvorstellungen. Der eigentlich liebevolle Vater ist bereits erzürnt über seine älteste Tochter, die nach seiner Auffassung von Ehre und Moral zuwiderhandelte, da in der Hochzeitsnacht kein Nachweis für ihre Jungfräulichkeit erbracht werden konnte. Er möchte unter allen Umständen verhindern, dass im Fall von Yasemin ähnliches geschieht. Je stärker Jan um seine Liebe kämpft und je mehr Yasemin sie erwidert, desto schärfer wird der Konflikt mit den Traditionen ihrer türkischen Familie. Die Situation eskaliert soweit, dass Yasemin sich entscheiden muss zwischen ihrer ersten Liebe und der Familie: eine gnadenlose, beinahe tödliche Wahl. Als der Vater von der Beziehung zu Jan erfährt, möchte er Yasemin sofort in der Türkei einer Gruppe türkischer Schlepper übergeben. Mit einem Messer droht sie, sich umzubringen. Die Männer reden dem Vater zu, sie gewähren zu lassen: „Lass sie sich töten! Sie hat unsere Ehre zertreten. Es ist besser sie stirbt.“ Doch der Vater überwindet sich und lässt sie ziehen. Sie springt auf das Motorrad von ihrem Freund Jan, der ihr gefolgt ist, und fährt mit ihm – ins Ungewisse – davon.[62]

[...]


[1] Özdamar, Ermine Sevgi zit. n. Akin, Fatih: Gegen die Wand: Das Buch zum Film. Drehbuch, Materialien, Interviews. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2004, S. 7.

[2] Vgl. Monaco, James: Film verstehen. Kunst, Technik, Sprache, Geschichte und Theorie des Films und der Medien. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt, 2000, S. 230.

[3] Vgl. Göktürk, Deniz: Migration und Kino – Subnationale Mitleidskultur und transnationale Rollenspiele. In: Carmine Chaiellino (Hrsg.): Interkulturelle Literatur in Deutschland. Ein Handbuch. Stuttgart: J. B. Metzler, 2000, S. 330.

[4] Anm. d. Verfasserin: Wenn hier und im Folgenden von der männlichen Form gesprochen wird, soll durch diese Formulierung stets auch die weibliche Form mit eingeschlossen sein.

[5] Akin, Fatih zit. n. Taubitz, Udo: Ich bin kein Gastarbeiter, ich bin Deutscher. In: Stuttgarter Zeitung, Nr. 67, 20.03.2004, S. 46.

[6] Definition vgl. 2.2 dieser Arbeit.

[7] Frz. wörtl. Rassenmischung. Hier: Das Leben in zwei Kulturen.

[8] Begriff für das Kino der maghrebinischen Einwanderer in Frankreich.

[9] Vgl. http://www.freitag.de/2002/21/02211101.php, Zugriff: 06.08.2005.

[10] Seeßlen, Georg: Menschenbilder der Migration im Film. In: Der Überblick, Nr. 3, 2002, S. 73.

[11] Vgl. ebd.

[12] Vgl. Filmportal (1), Zugriff: 07.08.2005.

[13] Vgl. Farzanefar, Amin: Kino des Orients. Marburg: Schüren, 2004, S. 244.

[14] Göktürk, Deniz: Migration und Kino – Subnationale Mitleidskultur und transnationale Rollenspiele. In: Carmine Chaiellino (Hrsg.): Interkulturelle Literatur in Deutschland. Ein Handbuch. Stuttgart: J. B. Metzler, 2000, S. 331.

[15] Vgl. Filmportal (1), Zugriff: 07.08.2005.

[16] Anm. d. Verfasserin: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird der Begriff „deutsch-türkisch“ im Folgenden ohne Anführungszeichen verwendet.

[17] Im folgenden Kapitel beziehe ich mich, soweit nicht anders belegt, auf Yano, Hisashi: Migration und Kino – Subnationale Mitleidskultur und transnationale Rollenspiele. In: Carmine Chaiellino (Hrsg.): Interkulturelle Literatur in Deutschland. Ein Handbuch. Stuttgart: J. B. Metzler, 2000, S. 1-15 und Filmportal (2), Zugriff: 07.08.2005.

[18] http://www.integrationsbeauftragte.de/gra/amt/amt_47.php, Zugriff: 14.08.2005.

[19] Vgl. http://www.zuwanderung.de/downloads/Einzelheiten_des_Zuwanderungsgesetzes.pdf, Zugriff: 14.08.2005.

[20] Im folgenden Kapitel stammen sämtliche Zahlen, soweit nicht anders belegt, von der Deutschen Botschaft in Ankara und dem Zentrum für Türkeistudien in Essen. Vgl. http://www.ankara.diplo.de/de/03/Bilaterale__Beziehungen/daten__und__fakten.html, Zugriff: 14.08.2005, http://www.zft-online.de/deutsch.php, Zugriff: 14.08.2005.

[21] Tabelle nach: Zentrum für Türkeistudien, http://www.zft-online.de/deutsch.php, Zugriff: 14.08.2005.

[22] Grafik entnommen aus: Botschaft der Republik Türkei (Hrsg.): Zur Integration der Türken in Deutschland. Allgemeine Behauptungen und Ergebnisse von Studien. Publikations-Nr.1, Berlin, 2002, S. 10.

[23] Vgl. Bayaz, Ahmet: Das Türkei-Bild der Deutschen und das Deutschland-Bild der Türken. In: Der Bürger im Staat, Nr. 1, 2000, S. 55-58.

[24] Am 23.11.1992 sterben drei türkische Frauen bei einen Brandanschlag in Mölln.

[25] Am 29.05.1993 sterben zwei türkische Frauen und drei türkische Mädchen bei einen Brandanschlag in Solingen.

[26] Vgl. Scharf, Kurt: Von den Schwierigkeiten der Vereinfachung. In: Zeitschrift für KulturAustausch. Die Türkei und Deutschland. Schwieriger Dialog, Nr. 1&2, 1997, S. 52-57.

[27] Vgl. http://www.uni-bremen.de/campus/campuspress/altpress/01-177.php3, Zugriff: 14.08.05.

[28] Vgl. Botschaft der Republik Türkei (Hrsg.): Zur Integration der Türken in Deutschland. Allgemeine Behauptungen und Ergebnisse von Studien. Publikations-Nr.1, Berlin, 2002.

[29] Vgl. http://library.fes.de/fulltext/bueros/istanbul/00252.htm#E9E4, Zugriff: 14.08.05.

[30] Bayaz, Ahmet: Das Türkei-Bild der Deutschen und das Deutschland-Bild der Türken. In: Der Bürger im Staat, Nr. 1, 2000, S. 55.

[31] Vgl. http://www.welt.de/data/2004/09/27/338247.html?prx=1, Zugriff: 14.08.05.

[32] Yoldas, Jale: Interview vom 10.08.2005. Interview siehe Anhang A:Interviews.

[33] http://www.dtf-stuttgart.de/

[34] Vgl. ebd.

[35] Vgl. Filmportal (3), Zugriff: 14.08.2005.

[36] Filmdaten siehe Anhang B: Filmographie.

[37] Filmdaten siehe Anhang B: Filmographie.

[38] Filmdaten siehe Anhang B: Filmographie.

[39] Vgl. Filmportal (3), Zugriff: 14.08.2005.

[40] Vgl. http://www.goethe.de/kug/kue/flm/thm/de47136.htm, Zugriff: 14.08.2005.

[41] Seeßlen, Georg: Vertraute Fremde. Das türkische Kino als „Kino der Métissage“. In: Freitag, Die Ost-West Wochezeitung, 17.05.2002, o.S.

[42] Vgl. Filmportal (3), Zugriff: 14.08.2005.

[43] Dieser Film wird in Kapitel 5 der vorliegenden Arbeit ausführlich besprochen und analysiert.

[44] Vgl. Löser, Claus: Berlin am Bosporus. Zum Erfolg Fatih Akins und anderer türkischstämmiger Regisseure in der deutschen Filmlandschaft. In: Carmine Chaiellino (Hrsg.): Interkulturelle Literatur in Deutschland. Ein Handbuch. Stuttgart; Weimar: J. B. Metzler, 2000, S. 129-146.

[45] Filmdaten siehe Anhang B: Filmographie.

[46] Seeßlen, Georg: Vertraute Fremde. Das türkische Kino als „Kino der Métissage“. In: Freitag, Die Ost-West Wochezeitung, 17.05.2002, o.S.

[47] Filmdaten siehe Anhang B: Filmographie.

[48] Vgl. Eder, Klaus: Hollywood am Bosporus. In: Zeitschrift für KulturAustausch. Die Türkei und Deutschland. Schwieriger Dialog, Nr. 1&2, 1997, S. 93-95.

[49] Filmdaten siehe Anhang B: Filmographie.

[50] Vgl. Filmportal (3), Zugriff: 14.08.2005.

[51] Vgl. Seeßlen, Georg: Das Kino der doppelten Kulturen. Erster Streifzug durch ein unbekanntes Kino-Terrain. In: epd Film, Nr. 12, 2000, o.S.

[52] Vgl. Filmportal (3), Zugriff: 14.08.2005.

[53] Abbildung entnommen aus: Die Linse – Verein zur Förderung kommunaler Filmarbeit e. V., http://www.cinema-muenster.de/dielinse/projekte+reihen/sanders/shirins.htm, Zugriff: 14.08.2005.

[54] Vgl. Brauerhoch, Annette: Die Heimat des Geschlechts – oder mit der fremden Geschichte die eigene erzählen. Zu „Shirins Hochzeit“ von Helma Sanders-Brahms. In: Karpf, Ernst (Hrsg.): Getürkte Bilder. Zur Inszenierung von Fremden im Film. Marburg: Schüren, 1995, S. 109-115.

[55] Abbildung entnommen aus: Jürgen Prochnow Watchdog Society, http://www.jpwsfc.org/shirin/, Zugriff: 14.08.2005.

[56] Vgl. Vgl. Brauerhoch, Annette: Die Heimat des Geschlechts – oder mit der fremden Geschichte die eigene erzählen. Zu „Shirins Hochzeit“ von Helma Sanders-Brahms. In: Karpf, Ernst (Hrsg.): Getürkte Bilder. Zur Inszenierung von Fremden im Film. Marburg: Schüren, 1995, S. 109-115.

[57] http://www.kabel1.de/film/filmlexikon/ergebnis.php?filmnr=39686, Zugriff: 14.08.2005.

[58] Bulut, Claudia: Von der Gastarbeiterin zur Schutzpolizistin. In: Schatz, Heribert (Hrsg.) u.a.: Migranten und Medien, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, 2000, S. 255.

[59] Ebd., S. 258.

[60] Abbildung entnommen aus: Deutscher Bildungsserver: Der ZDF-Katalog für Unterricht und Medienarbeit, http://www.bildungsserver.de/zdf/bilder.html?a=132, Zugriff: 14.08.2005.

[61] Filmdaten siehe Anhang B: Filmographie.

[62] Vgl. Visarius, Karsten: Ehrenrettung um jeden Preis. Zu „Yasemin“ von Hark Bohm. In: Karpf, Ernst (Hrsg.): Getürkte Bilder. Zur Inszenierung von Fremden im Film. Marburg: Schüren, 1995, S. 116-123.

Details

Seiten
96
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638465199
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v50267
Institution / Hochschule
Hochschule der Medien Stuttgart
Note
1,0
Schlagworte
Kino Kulturen Migration Thema Film Beispiele

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Das Kino der doppelten Kulturen. Migration als filmisches Thema