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Die Geschichtsphilosophie bei Hans Freyer

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 18 Seiten

Philosophie - Epochenübergreifende Abhandlungen

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Hegel
2.1 Der nouz in der Geschichte
2.2 Der Endzweck der Geschichte
2.3 Die Mittel zur Verwirklichung des Endzwecks
2.4 Dialektik
2.5 Ein Ende der Geschichte?

3 Wilhelm Dilthey
3.1 Abkehr von der Metaphysik
3.1.1 Christian Wolff's Denkgesetz
3.2 Subjektive und objektive Wirklichkeit
3.3 Die Logoswissenschaften
3.3.1 Die Biographie Der Zusammenhang von Leben, Ausdruck und Verstehen
3.3.2 Der Mensch als psycho-physische Lebenseinheit und verstehendes Wesen
3.4 Die Geistes-, in Abgrenzung zu den Naturwissenschaften
3.5 Hermeneutik

4 Hans Freyer
4.1 Kritik an Hegel
4.2 Kritik an Dilthey
4.2.1 Die Wissenschaften von der äußeren Organisation und den Kultursystemen
4.3 Bestimmung der Soziologie
4.3.1 Die zwei Gesichter der Soziologie

5 Schluss / Zusammenfassung

6 Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Obwohl die vorliegende Arbeit selbst nur einen Ausschnitt aus der im Hauptseminar diskutierten Geschichte der Philosophie der Geschichte sein soll, kommt sie nicht darum herum eine selbige, zumindest für das 18. Jahrhundert darzustellen. Den Ausgangspunkt meiner Darstellung bildet aber bereits die Philosophie des Mittelalters, die nur in einem kurzem Punkt anvisiert werden soll, um zu Hegel’s Philosophie der Geschichte hinzuführen. Trotz der häufigen Kritik an Hegel hat er entscheidend zum Nachdenken über eine Philosophie der Geschichte beigetragen, welches in heutiger Zeit natürlich noch nicht abgeschlossen ist und niemals als abgeschlossen angesehen werden kann, da wir mitten in der Geschichte, mitten in der Zeit stehen.

Einen weiteren wichtigen Meilenstein stellt Wilhelm Dilthey dar, der eine sehr umfangreiche Analyse des Aufbaus und des Aufgabenbereiches der Geisteswissenschaften lieferte und damit letztendlich Hans Freyer inspirierte, dessen Soziologie hier dargestellt werden soll.

2. Hegel

2.1.Der nouz in der Geschichte

Seine Einleitung in die „Vorlesung über die Philosophie der Geschichte“ beginnt Hegel (1770 – 1831) mit der Feststellung, dass es eine Vernunft gibt, die die Welt gewissermaßen regiert. Damit reagiert er auch indirekt auf die Theodizee-Frage, die Frage, wie die Übel auf der Welt mit der Allmacht Gottes in Einklang gebracht werden können.

2.2.Der Endzweck der Geschichte

Um diese Frage beantworten zu können, definiert Hegel den Endzweck als einen Grundsatz, als einen Gedanken, der noch nicht der Wirklichkeit entspricht und lediglich als Geist existiert. Der Geist ist eins mit sich selbst. Er weiß und er weiß sich. Er kann als solcher nicht wahrgenommen werden. Er ist nicht konkret, nicht wirklich. Demgegenüber steht die Materie. Sie hat ihre Substanz, die Schwere, außerhalb ihrer selbst und kann auf diese Weise wahrgenommen werden.

Der Endzweck besteht aus dem Ziel dem Geist seine Freiheit bewusst zu machen.

2.3. Die Mittel zur Verwirklichung des Endzwecks

Die Mittel dafür finden sich in der Natur der Menschen selbst. Man kann sagen, dass die Vernunft die Natur für sich arbeiten lässt, indem die Begierden, die natürlichen Triebe aller Menschen, für sie arbeiten.

“Das ist die List der Vernunft zu nennen, daß sie die Leidenschaften für sich wirken lässt (...).“1

Diese Leidenschaften existieren in den Menschen trotz der Schranken, die Gesetze und Normen eigentlich sein sollten. Ihre Eigenart besteht genau darin, diese umzustürzen.

Wenn die Welt für etwas bereit ist, das noch nicht in Gesetzen oder sonstigen Richtlinien umgesetzt wurde, gibt es einen Umschwung, einen Paradigmenwechsel, so dass die Geschichte ihre eigenen Ideen einzuholen vermag. Als Beispiel kann hier die französische Revolution genannt werden, in der das Volk, in dem eine neue Ideologie erwachte, für den Umsturz der Monarchie bereit war, bevor diese selbst darauf reagieren konnte. Solche Paradigmenwechsel werden von Individuen initiiert, deren Instinkt sie zu einer Handlung berief, die eigentlich nur zur Befriedigung ihres eigenen Egoismus galt, sich dann aber für formbildend für eine neue Zeit herausstellte:

“Aus der Handlung kommt noch ein Anderes, als man hat erreichen wollen; es ist eine Vernunft darin, dessen sie sich nicht bewusst sind und die sie nicht begreifen. So vollbringen das Ihrige und noch ein Anderes.“2.

Als Beispiel hierfür führt Hegel Cäsar an:

„Die Eroberung und die Alleinherrschaft waren nicht sein Zweck, sein Zweck war Rache und Rettung seiner selbst; aber daraus entstand ein Bleibendes (...). Im Bewusstsein seines Zweckes lag nicht diese Folge. Aber der Erfolg war vernünftig (...) die Republik (...) musste zu einem anderen Zusammenhang übergehen.“3.

2.4. Dialektik

Der Widerspruch in Hegel’s System der Philosophie der Geschichte besteht darin, dass die einzelnen Paradigmenwechsel aus einer inneren Notwendigkeit heraus begründet werden können. Die Zeit ist an bestimmten Momenten einfach reif für einen Wechsel, der auch immer einen Fortschritt für die Menschheit impliziert. Dieser Fortschritt zeigt sich aber auch darin, dass die Erfüllung des Endzwecks wieder etwas näher gerückt ist, der Geist sich einmal mehr, und im gesteigerten Maße, seiner Freiheit bewusst geworden ist.

Das kann Hegel anhand des Selbstbewusstseins der Menschen in verschiedenen Epochen der Weltgeschichte nachweisen:

„Die Orientalen wissen es noch nicht, daß der Mensch als solcher an sich frei ist; weil sie es nicht wissen, sind sie es nicht (...). In den Griechen ist erst das Bewusstsein der Freiheit aufgegangen und darum sind sie frei gewesen (...). Erst die germanischen Nationen sind im Christentume zum Bewusstsein gekommen, daß der Mensch als Mensch frei, die Freiheit des Geistes seine eigenste Natur ausmacht (...).4

Andererseits – und trotz dieser ständigen Auf-, und Niederwerfungen in der Geschichte, bleiben die entscheidenden Momente an eine Zeitlinie gebunden. Hegel konnte also nachweisen, dass das, was passiert ist, notwendiger Weise passieren musste. Das heißt nicht, dass es notwendiger Weise auf diese Art geschehen musste, aber es kann bewiesen werden, dass ein Umschwung bzw. Übergang von System zu System bereits im alten System vorgezeichnet war und notwendiger Weise passieren musste, wie am Beispiele Caesars gezeigt wurde.

Diesen Widerspruch hat Dilthey später aufgegriffen, wie im Kapitel über ihn später gezeigt wird. Aus dem "Doppelcharakter der geistigen Wirklichkeit als Sinnzusammenhang und als Wirkungszusammenhang" heraus hat er die "Antinomie von Seelischem und Objektiv-Geistigen" entwickelt.5

2.5. Ein Ende der Geschichte?

Hegel spricht nie offen von einem Ende der Geschichte, doch seine idealdialektische Philosophie impliziert dieses. Die Geschichte besteht für ihn aus den Veränderungen der Institutionen. Je mehr sich diese entwickeln und je mehr sich die in ihnen lebenden Menschen ihrer eigenen Freiheit bewusst werden, desto mehr wird das von ihnen implizit angestrebte Ideal, erreicht. Es wird nur implizit, jedoch nicht bewusst, angestrebt, weil kein für den Menschen historisch bedeutsames Geschehen je direkt angestrebt und erreicht wurde, sondern es immer deren Leidenschaften sind, die dieses erreichen.

Hegel’s Theorie zufolge müssten wir diesen angestrebten Idealzustand, zumindest in den Industrienationen, schon längst erreicht haben. Im Rahmen der vom Staat vorgegebenen Gesetze ist der Einzelne sich längst seiner Freiheit bewusst geworden. Man könnte sich Individualität nicht umfangreicher vorstellen als hier. Wenn man möchte, kann man sich sogar allen Kontrollmechanismen (durch Familie, Freunde usw.) entziehen, ohne dass dies negative Konsequenzen hätte. Dennoch leben wir in einem Zeitalter des Krieges um Glaube, Ideologie und Macht. Das wiederum kann Hegel’s Theorie nicht erklären.

3. Wilhelm Dilthey

3.1. Abkehr von der Metaphysik

Es war wohl Dilthey's (1833 – 1911) Hauptanliegen in seinem Frühwerk "Einleitung in die Geisteswissenschaften" (1883) metaphyischen Erklärungen des Zusammenhangs in der Geschichte abzusagen. Hegel habe zwar erkannt, dass es neben dem zeitlich-kausalen Zusammenhang noch einen weiteren, verborgenen geben muss, doch – so die Kritik Dilthey's – dieser sei nicht auf die Realität eingegangen, sondern habe sich seinen Grund in einem nicht fassbaren metaphysischem Geist gesucht.

3.1.1. Christian Wolff's Denkgesetz

Laut Christian Wolff's Denkgesetz kann aus 'Nichts' nicht 'Etwas' entstehen:

"Da nun unmöglich ist, daß aus Nichts etwas werden kann, so muß auch Alles, was ist, seinen zureichenden Grund haben warum es ist."6

Jede Erscheinung bedarf zu ihrer Erklärung eines Grundes. Eine metaphysische Erscheinung, wie Gott eine ist, bedarf also ebenso eines Grundes und darf daher nicht ohne ihn in den Raum gestellt werden. Hegels Behauptung eines metaphysischen Grundes des Zusammenhangs in der Weltgeschichte steht daher im Widerspruch zu diesem Denkgesetz.

Daher plädiert Dilthey für eine eindeutige Absage an die Metaphysik des Mittelalters, die vor allem mit Hilfe der Religion das Weltgeschehen vorzuzeichnen versuchte, sowie der aus dieser Metaphysik resultierenden Philosophie der Geschichte, wie sie etwa bei Hegel noch gefunden werden kann.

3.2. Subjektive und objektive Wirklichkeit

Gesellschaftliches Leben ist subjektiv und objektiv zugleich. Subjektiv ist es im Wollen und Streben, in Ideologien, Zielen und Vorstellungen. Objektiv in seinen tatsächlichen Gebilden, im tatsächlichen Geschehen, die Dilthey als „psychische Lebenseinheiten“ bezeichnet. Diese zwei Bereiche der Gesellschaft dürfen aber nicht als voneinander getrennt betrachtet werden. Von Menschen geschaffene Institutionen sind immer auch Objektivationen ihres Geistes. Das ist die Schlussfolgerung, die Dilthey aus Hegels Erkenntnis über die Dialektik der Geschichte zieht.

3.3. Die Logoswissenschaften

Die Logoswissenschaften reduzieren das Leben auf seine Sinngebilde und Formen. Dabei erforscht jede Logos-, oder Geisteswissenschaft einen spezifischen Lebensbereich und versucht seine Zeichen zu entschlüsseln. So zum Beispiel die Literaturwissenschaft, die die Bedeutung der Worte entschlüsselt. Die Besonderheit dabei ist, dass es nicht die Aufgabe des Philologen ist herauszufinden welche Bedeutung der Autor den Worten mitschicken wollte, sondern den Bedeutungszusammenhang zu erkennen, den die Worte im realen Gefüge der Gesellschaft haben, also herauszufinden, was diese Worte uns Wahres über gesellschaftliche Zusammenhänge sagen können, das uns bisher verborgen blieb.

Oft reagiert man auf die Interpretationen von Kunstwerken, indem man meinte, dass der Künstler das bestimmte damit gar nicht aussagen wollte, dass gar etwas in ihn hineininterpretiert wird. Aber solange man die Interpretation wenigstens vom Vorwurf des Hineininterpretierens befreien kann, bleibt doch noch immer die Tatsache bestehen, dass wir im Kunstwerk eine neue Wahrheit über die Welt entdecken können, die der Künstler gar nicht zu senden beabsichtigte. Insofern leistet erst der interpretierende Rezipient die tatsächliche Arbeit, indem er das Kunstwerk in eine Interpretation des Weltgefüges integriert.

3.3.1. Die Biographie

Die Grundlage für historische Erkenntnis bilden einzelne Erlebnisse im Leben. Zunächst stehen diese zusammenhangslos in einer zeitlichen Linie. Bereits Hegel hat festgestellt, dass es neben dieser Linie ebenso eine des ideellen Zusammenhanges gibt. Dilthey sieht diesen jedoch im Fortschritt, nicht im Erreichen eines Idealzustandes. Woran kann nun der Fortschritt ausgemacht werden?

An dieser Stelle wird der Begriff der Biographie zur Hilfe genommen. Sie weist den Lebenszusammenhang des Individuums nach. In ihr erkennt der Mensch sich, allerdings erst im nachhinein, selbst.

Ein einzelnes Schriftstück, ein Tagebucheintrag kann ihm sagen, welcher Mensch er in der Vergangenheit gewesen ist, was ihn ausgemacht hat, welche Ziele und Wünsche er hatte. Kurzum: Der Stand seiner Entwicklung bis zum gegenwärtigen Tag wird anhand einzelner Bilder, die Teiletappen repräsentieren, sichtbar.

Wie ist es nun mit der universalen Geschichte, die natürlich weitaus diffiziler ist und längst nicht so einfach zu entschlüsseln ist?

Hier sind es einzelne Wissenschaften des Geistes, deren Aufgabe es ist Begrifflichkeiten zu bestimmen, die die „inhärente Tendenz der Veränderlichung der Zwecksetzung“ bereits in sich tragen und so den “Geist der Zeit“ bestimmen können 7 Der Strukturzusammenhang des objektiven Geistes wird durch die Zwecke und Ziele der Individuen bestimmt, die an ihnen beteiligt sind. Sie sind es, die im Ganzen dem objektiven Geist, und damit der Zeit, ihre Richtung geben.

3.3.2. Der Zusammenhang von Leben, Ausdruck und Verstehen

„(...) und andererseits verstehen wir uns selber und andere nur, indem wir unser erlebtes Leben hineintragen in jede Art von Ausdruck von eigenen und fremden Leben.“8

Wie schaffen wir es nun uns fremde Sachverhalte der Geschichte zu verinnerlichen? Wir verstehen uns Fremdes nur, weil wir zu einer anderen Zeit etwas ähnlichen erfahren haben. Erkenntnis über Fremdes beruht demnach immer auf Gemeinsamkeiten im Erlebnis. Verstehen ist so immer in Rückbeziehung zu unserem eigenen Lebensverlauf aufzufassen. Deswegen ist der Untersuchende in den Geisteswissenschaften niemals zu trennen vom Untersuchten, eben da die eigene Erfahrung das einzige Mittel ist Fremdes zu verstehen. Es wird “von innen heraus verstanden“. Das, was möglicherweise als kritisch an der Methode betrachtet werden könnte, ist ihre eigentliche Stärke. Die Naturwissenschaft wird die Zusammenhänge in der Welt, aufgrund ihrer abstrakten Verfahrensweise, nie ganz verstehen, denn sie trägt Gesetzmäßigkeiten immer von außen, als Unbeteiligter an sie heran und formt einen Raum oder ein Objekt, zusammengesetzt aus Gesetzmäßigkeiten, die wohl eher einem Ideal entsprechen, so wie es z.B., obwohl er angenommen und mit ihm in der Physik gerechnet wird, keinen “Massepunkt“ bzw. eine “Punktmasse“ gibt. Masse ist eben immer auch Ausdehnung. Die Geisteswissenschaften werden so der Realität und den Menschen immer näher stehen als die Naturwissenschaften.

3.3.3. Der Mensch als psycho-physische Lebenseinheit und verstehendes Wesen

Der Mensch in der Gesellschaft ist einerseits handelndes Wesen, andererseits aber auch ein sie verstehendes und erforschendes Wesen. Das heißt auf der einen Seite reagieren wir als psycho-physische Lebenseinheiten in unserem Geiste mit eigenen Werturteilen auf die Veränderung in der gesellschaftlich-geschichtlichen Wirklichkeit. Aus den Werten bilden sich in uns Wille und Zweck heraus, die dazu beitragen die Willensrichtungen der Institutionen, sofern wir Teil dieser sind, und damit das tatsächliche Geschehen in ihnen, beständig zu verändern, wie sie überhaupt beständiger Veränderung unterworfen sind.9 Andererseits versuchen wir aber auch aus dem Kreislauf, in dem wir selbst eingebunden sind, auszubrechen, indem wir über uns selbst reflektieren und versuchen zu erforschen inwiefern Veränderungen in der gesellschaftlich-geschichtlichen Welt vor sich gehen. Dies wiederum können wir mit Hilfe der Geisteswissenschaften, die sich je auf ein spezielles Gebiet beschränken, bewerkstelligen.

3.4.Die Geistes-, in Abgrenzung zu den Naturwissenschaften

Die Objekte der Erkenntnis werden in den Geisteswissenschaften auf eine von den Naturwissenschaften völlig verschiedenen Weise aufgefasst. Während die Naturwissenschaften versuchen Objekte, an denen sie nicht selbst Anteil haben, auf eine abstrakte Weise mittels Gesetzen zu erfassen, betonen die Geisteswissenschaften, dass Individuen zwar räumlich von den untersuchten Objekten, von Institutionen beispielsweise, getrennt sind, diese aber aus den Individuen hervorgehen. Sie versuchen die Menschen mittels der Zeichen, die sie im Laufe der Geschichte zurückgelassen haben, zu verstehen.

3.5. Hermeneutik

Das Leben muss auf hermeneutische Weise entschlüsselt werden. Wer wir waren und was wir dachten, erkennen wir teilweise nur aus Zeugnissen des Lebens (z.B. Briefen). Das heißt, wir verstehen uns und unsere Entwicklung erst im nachhinein. Dementsprechend werden auch die Geisteswissenschaften definiert, die ihr jeweiliges Aufgabengebiet "von innen heraus" zu verstehen suchen:

"Eine Wissenschaft gehört nur dann den Geisteswissenschaften an, wenn ihr Gegenstand uns durch das Verhalten zugänglich wird, das im Zusammenhang von Leben, Ausdruck und Verstehen fundiert ist."10.

Objekte spiegeln als Bilder nur unser individuelles Vermögen auf sie wieder. Sinnesphänomene sind demnach nur Objektivationen unseres Geistes.

"Die Qualitäten der Empfindung sind durch die Beziehung bedingt, in welcher die Reize der Außenwelt zu unseren Sinnen stehen. (...) So ist die Herstellung eines Zusammenhangs nicht ein Vorgang, welcher auf die Erfassung der Wirklichkeit folgt, sondern niemand faßt ein Augenblicksbild isoliert als Wirklichkeit (...)."11

In der Geisteswissenschaft wird dieser Weg wieder zurückgegangen: Es wird nicht mehr versucht vom Menschen auf ein Objekt zu schließen, denn dieser Prozess ist bereits abgeschlossen, sondern vom Objekt auf den Menschen zu schließen. Allerdings ist dieser Vorgang nicht mehr so einförmig wie in den Naturwissenschaften. Mit einer ersten Untersuchung und Entschlüsselung des Objektes ist noch kein vollständiges Bild des Geistes des Menschen gegeben. Vielmehr wurde ein nie mehr endender, hermeneutischer Prozess gestartet, denn wir tragen als untersuchende Subjekte unsere ganze Lebenserfahrung in den Prozess des Nachverstehens von anderen hinein.

"(...) jedes Gegebene stehe in einem denknotwendigen Zusammenhang, in welchem es bedingt sei und selber bedinge (...).12

4. Hans Freyer

4.1. Kritik an Hegel

Auch Freyer (1887 – 1969) kritisiert an der Hegel'schen Geschichtsphilosophie die fehlende realistische Wendung. In seinen Augen ist sie zu idealistisch aufgebaut und verfehlt so ihr praktisches Ziel.

„An Stelle eines geschlossenen philosophischen Systems der Freiheit hat sie [die deutsche Soziologie] nun die nach der Zukunft hin offene Geschichte realer Freiheit zu setzen. An Stelle einer dialektischen Stufenfolge von Sinngehalten und Idealbildungen hat sie die realdialektische Zeitfolge von gesellschaftlichen Wirklichkeiten zu setzen.“13

Gleichzeitig betont er aber wie hilfreich die Arbeiten der idealistischen Systeme, in denen die Geisteswissenschaften erst begründet wurden, für das Herausbilden einer Soziologie waren.14

Hegel war es, der den Weg zu den modernen Logoswissenschaften bereitet hat, indem er einerseits den Zusammenhang in der Geschichte aufgezeigt und andererseits die darin enthaltenen bündigen Gestalten, die Sinnzusammenhänge aufgezeigt hat.15

4.2. Kritik an Dilthey

4.2.1. Die Wissenschaften von der äußeren Organisation und den Kultursystemen

Bereits Dilthey trennt die Wissenschaften von den äußeren Organisationen von den Wissenschaften der Kultursysteme ab.16 Freyer ist es nun, der die Soziologie der Wissenschaft der äußeren Organisation zuordnet und damit von den Geistes-, bzw. Logoswissenschaften trennt. Dies begründet Freyer folgendermaßen: Kultursysteme sind immer in einen Zweckzusammenhang eingebunden. So unterliegt jedes an einem solchen beteiligten Individuum einer bestimmten Funktion. Jedoch ändert sich diese Beziehung von „Zweck, Struktur und Funktion“ ständig, so dass es zur Aufgabe der Soziologie wird die sozialen Gebilde zu analysieren und so Rückschlüsse auf das Individuum zu ziehen, während die Kulturwissenschaften einen anderen Weg gehen und aus den sozialen Gebilden Rückschlüsse auf den ihnen innewohnenden Geist ziehen.17

„Der einzige mögliche Weg einer Erforschung des geschichtlichen Zusammenhangs: Zerlegung desselben in Einzelzusammenhänge, ist in den Einzeltheorien der Kultur und der äußeren Organisation der Gesellschaft längst eingeschlagen worden.“ 18

Diese Bestimmung der Soziologie, ihre eindeutige Trennung von den übrigen Geisteswissenschaften kann als Grundlage für Freyers Begründung einer Geschichtsphilosophie angesehen werden.

4.3. Bestimmung der Soziologie

Nach der Überwindung der Hegel’schen und Dilthey’schen Theorien, der Abgrenzung der Soziologie von den übrigen Geistes-, bzw. Kulturwissenschaften und der Forderung nach einer Geschichtsphilosophie, die das reale Zeitgeschehen mit in ihre Überlegungen integriert, kann Freyer dazu übergehen, die Soziologie, die zu seiner Zeit gerade erst am Reifen ist, eindeutig zu bestimmen und sie als eigenständige Wissenschaft vorzustellen.

4.3.1. Die zwei Gesichter der Soziologie

Zunächst unterscheidet Freyer in Anlehnung an Dilthey die Kulturwissenschaften von der Soziologie, um diese dann als losgelöst von den Logoswissenschaften darzustellen.19 Warum plädiert er dafür? Die wesentliche Unterscheidung liegt in den Objekten ihrer Untersuchung: Während die Soziologie sich reale geistige Formen aus dem Leben herauspickt, beschäftigen sich die Kultur-, bzw. Geisteswissenschaften mit einem bestimmten Gebiet des Lebens, z.B. der Kunst, Musik oder Politik. Die Soziologie steht quer zu diesen Formen und macht einen Schnitt durch die ihnen innewohnenden „Strukturgesetze der sozialen Gebilde“ um sie „begrifflich zu erfassen“ und über ihren „Formwandel und ihre Entwicklung nachzudenken“20

Sie beschäftigt sich mit den Wechselwirkungen zwischen Menschen, die nicht unbedingt in einem konkreten sozialen Gebilde stattfinden müssen.

Je genauer und kleiner die Beziehungen in der Gesellschaft in Begriffen bestimmt werden können, desto aussagekräftiger sind sie. Ein solcher Begriff wird Zeit seines Lebens mit Inhalt gefüllt, denn er wandelt sich ständig, ist werdende Geschichte. Die historischen Begriffe müssen bei ihrer Entstehung entdeckt und, wie es meist im nachhinein geschieht, geschichtlich gefüllt werden. Freyer stellt dies einmal am Begriff „Tausch“ vor. Er “füllt“ diesen Begriff, indem er alle seine historischen Formen sammelt:

„Patriarchalisches Fürstentum, schollenpflichtige Arbeit, freie Konkurrenz, freien Arbeitsmarkt, aber auch Stände, Klassen Staaten – alles das gibt es nur in je einer ganz bestimmten geschichtlichen Stunde; und diese historische Note ist in die soziologischen Begriffe aufzunehmen.“21

Welches sind nun die zwei Gesichter der Soziologie? Ihr Geheimnis ist, dass sie in zwei Richtungen strebt: Einerseits gestattet sie „den Moment festzuhalten“ und soziale Begriffe historisch zu füllen, andererseits verhilft sie uns auch dazu aktiv auf die Zukunft hin zu wirken, indem wir über das Erkannte reflektieren und somit unsere eigenen Ideen, unseren eigenen Willen beisteuern:

“Jedes geschichtsphilosophische Denken formt das geschichtliche Geschehen auf die Gegenwart hin (...) so, daß die Geschichte nach vorn offen ist und irgendein sinnvoll-verstehbarer Zug des Werdens aus den Tiefen der Vergangenheit in die Gegenwart herein und durch sie hindurch in die Zukunft strömt. (...)“22

Dilthey sprach der Soziologie eben diese Fähigkeit noch nicht zu und reduzierte sie auf „eine Methode, die von einem angenommenen Erklärungsprinzip aus möglichst viele Tatsachen ihrer Erklärung unterwirft.“23 Für ihn ist Soziologie nur „(...) der Name für eine Anzahl von Werken, welche nach einem großen Erklärungsprinzip die gesellschaftlichen Tatsachen behandelt, für eine Richtung des erklärenden Verfahrens (...).“24

5. Schluss

Die wahre Errungenschaft der Soziologie im Sinne Freyers ist uns zu zeigen wo wir stehen, zu bestimmen wer wir sind, wie wir zu dem geworden sind, was wir sind, und in welche Richtung wir vermutlich streben. Das vor allem macht ihre Existenzberechtigung als eigenständige Wissenschaft aus.

Freyer hat es geschafft eine Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft zu manifestieren, ihr eigenes Gebiet abzugrenzen und somit einer ganz neuen Geisteswissenschaft zu ihrer Geburt zu verhelfen. Aber es ist fraglich, ob sein System der Soziologie tatsächlich eine eigenständige Geschichtsphilosophie darstellt. Hat er die Errungenschaften der Geschichtsphilosophie nicht eher für die Darstellung seiner Soziologie verwendet? Wenn man doch dazu übergeht Freyers Gedanken als eigenständiges philosophiegeschichtliches System zu betrachten, kommt man dennoch nicht darum herum zu bemerken, dass sie größtenteils doch nur eine Zusammenfassung der Hegel’schen und Dilthey’schen Philosophie ist, mit eigenen Schlüssen aus diesen.

Welchen geschichtsphilosophischen Weg sind wir nun gerade gegangen? Der Ausgangspunkt war Hegels Entdeckung einer Parallele zwischen dem kontinuierlichen und kausalem Geschichtszusammenhang mit einer in den Geschehen verborgenen Vernunft. Er fand den "Doppelcharakter der geistigen Wirklichkeit als Sinnzusammenhang und als Wirkungszusammenhang"25.

Dilthey greift diesen auf und findet heraus, dass die Geisteswissenschaften Träger und Ergründer dieser Vernunft sind. Er spaltet sie von den Naturwissenschaften ab und definiert ihren Aufbau als Logoswissenschaften. Es ist dann Freyer, der die Soziologie als Einzelwissenschaft postuliert und sie von den Kulturwissenschaften abtrennt, die mit der Soziologie die Sparte der Geisteswissenschaften ausmachen. Erst er verhilft der Soziologie zu ihrer Eigenständigkeit.

Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Wilhelm DILTHEY: Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften, Frankfurt am Main 1970.

Wilhelm DILTHEY: Einleitung in die Geisteswissenschaften, (Wilhelm Diltheys Gesammelte Schriften Band 1), Leipzig 19333.

Hans Freyer: Einleitung in die Soziologie, Leipzig 1931.

Hans Freyer: Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft, Leipzig 1930.

Georg Wilhelm Friedrich HEGEL: Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, (Sämtliche Werke Band 11), Berlin 1837.

Sekundärliteratur

Thomas GIL: Kritik der klassischen Geschichtsphilosophie, Berlin 1999.

Johannes ROHBECK: Geschichtsphilosophie zur Einführung, Hamburg 2004.

Elfriede Üner: Soziologie als „geistige Bewegung“. Hans Freyers System der Soziologie und die „Leipziger Schule“, Weinheim 1992.

[...]


1 HEGEL: S. 78

2 VIEWEG: S. 41

3 ebd.: S. 41

4 HEGEL: S. 60

5 FREYER 1930: S. 20

6 DILTHEY 1933: S. 390

7 DILTHEY: S. 192

8 ebd.: S. 99

9 DILTHEY 1933: S. 37

10 DILTHEY 1970: S. 99

11 DILTHEY 1933: S. 392

12 ebd.: S. 393

13 GIL: S. 174

14 FREYER 1930: S. 17,18

15 ebd: S. 29,30

16 FREYER 1933: S.111,112

17 FREYER 1930: S. 45

18 DILTHEY 1933: S. 111

19 ebd.: S. 114

20 FREYER 1930: S. 46

21 ebd.: S. 87

22 ebd.: S.116

23 DILTHEY 1933: S. 423

24 ebd. S. 423

25 s.S.6

Details

Seiten
18
Jahr
2005
ISBN (Buch)
9783656909217
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v50258
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Philosophie
Note
2
Schlagworte
Hans Freyer Geschichtsphilosophie Geisteswissenschaften

Autor

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Titel: Die Geschichtsphilosophie bei Hans Freyer