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Redestörungen - unter besonderer Berücksichtigung des Stotterns bei Kindern und Jugendlichen in der Schule

Zwischenprüfungsarbeit 2005 25 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
1. Redestörungen
1.1 Definition des Begriffes Redeunflüssigkeit
1.2 Sprechangst
1.3 Mutismus
1.4 Poltern
1.5 Stottern
2. Stottern im Schulalter
2.1 Bedingungshintergründe
2.2 Spezifizierung des Erscheinungsbildes bzw. Formen der Redeunflüssigkeit
2.2.1 entwicklingsbedingte, normale Redeunflüssigkeit
2.2.2 auffällige Redeunflüssigkeit
2.2.3 beginnendes Stottern
2.2.4 manifestes Stottern
2.3 Besonderheiten des Stotterns im Jugendalter
3. Zum Umgang mit Redeunflüssigkeiten im Schulalltag

III Schlussbemerkung

IV. Literaturverzeichnis

Einleitung

„Leben heißt kommunizieren“.[1] Der Mensch ist ein kommunikatives Wesen, das sich durch Sprache von anderen Lebewesen abgrenzt. Sprache und Sprechen sind grundlegende notwendige Bedingungen des kommunikativen Handelns zwischen den Menschen. Jedes Individuum empfindet Freude beim Sprechen, die sich zuletzt auch dadurch ausdrückt, dass sich immer mehr und neuere Formen der Kommunikation im Alltagsleben durchsetzen, sei es die Nutzung einer Telefon-Flatrate oder der zunehmende Handygebrauch, der mit Inklusivminuten immer attraktiver wird.

Obwohl die meisten Menschen das Sprechen fehlerfrei produzieren, gibt es dennoch Störungen der Redefähigkeit, die das Sprachvermögen einschränken und die Kommunikation belasten. Dadurch kann es vorkommen, das die motivatorische Freude an Sprechaktionen vermindert wird, der Betroffene sich selbst zurückzieht und die Störung somit bestehen bleibt. Besonders Kinder benötigen die zwischenmenschliche Interaktion für den Spracherwerb und sind durch Redestörungen, falls sie sich manifestieren, stark beeinträchtigt.

Die vorliegende Hausarbeit soll aufzeigen, welche Formen der Redestörungen alltäglich sind, insbesondere unter der Berücksichtigung der Redeunflüssigkeitsform Stottern im Schulalter. Das Phänomen soll erläutert und differenziert werden im Hinblick auf die Symptomatik bei Kindern und Jugendlichen sowie hinsichtlich des Umganges mit der Redeunflüssigkeit in der Schule.

Im Folgenden werden zunächst kurze Einführungen zu den Begriffen Redestörung (Kapitel 1) und Redeunflüssigkeit (Kapitel 1.1) gegeben, um danach auf die einzelnen Störungsbilder, angefangen von den Redehemmungen Sprechangst und Mutismus bis hin zu den speziellen Redeunflüssigkeiten Poltern und Stottern, skizzenhaft einzugehen (Kapitel 1.2 – 1.5). Im Anschluss daran wird in einem gesonderten Kapitel auf das Stottern im Schulalter eingegangen (Kapitel 2). Hierbei werden zunächst die Bedingungshintergründe für die Redeunflüssigkeit durch den Einfluss physiologischer, psychosozialer und psycholinguistischer Faktoren geklärt (Kapitel 2.1). Danach wird das Erscheinungsbild der Redestörung Stottern anhand verschiedenster Symptome und quantitativer Kategorien differenziert, die Formen der Redeunflüssigkeit werden in den jeweiligen Unterkapiteln erläutert. Weiterhin wird ein Augenmerk auf die Phase der Adoleszenz gelegt und über die Besonderheiten des Stotterns im Jugendalter informiert. Das abschließende Kapitel befasst sich mit dem Umgang betroffenen Kindern und Jugendlichen im Schulalltag. Hier werden fördernde Maßnahmen und unterrichtsbegleitende Unterstützungsmöglichkeiten für die Regelschule aufgezeigt (Kapitel 3).

II. Hauptteil

1. Redestörungen

Redestörungen umfassen verschiedene Störungsbilder, „die im deutsch-sprachigen Raum als Stottern, Poltern, Sprechangst (Logophobie) und Mutismus bezeichnet werden.“[2] Sie treten einerseits als Mischformen auf und greifen ineinander über oder werden andererseits als geschlossene Störungsphänomene notwendigerweise abgegrenzt. Unter den verschiedenen Erscheinungsformen differenziert man normale Sprechunflüssigkeiten und Sprechhemmungen. In der Ebene der Sprechhemmungen sind die Formen des Mutismus und der Logophobie einzuordnen. Stottern und Poltern werden in den Bereich der Sprechunflüssigkeiten eingegliedert. Es treten Querverbindungen in den Übergängen zwischen normalen Sprechunflüssigkeiten und Sprechhemmungen auf, aber auch

„differentialdiagnostische Abgrenzungen (z.B. Stottern und Poltern), Überlappungen (z.B. Stottern und Sprechängste) [und] komplexe Störungssyndrome (z.B. Poltern und Sprachentwicklungsstörungen).“[3]

1.1 Definition des Begriffes Redeunflüssigkeit

Um den Begriff der Redeunflüssigkeit zu definieren, ist es sinnvoll, zuvor den Begriff der Redeflüssigkeit zu skizzieren. Eine exakte Definition erscheint schwierig, da Sprechrhythmus, Intonation, Klarheit der Aussage und Sprechgeschwindigkeit keine Variablen sind, die präzise gemessen werden können.[4] Man geht davon aus, dass eine Person flüssig spricht,

„die ihre Äußerungen mit der für sie geringstmöglichen motorischen, linguistischen, emotionalen und/oder kognitiven Anstrengung produziert. Flüssiges Sprechen geschieht mit geringer Anstrengung autoregulativ, ausgewogen in der weitgehend störungsfrei organisierten Architektur der Sprachproduktion.“[5]

Redeunflüssigkeiten sind dem Begriff der Redestörungen unterzuordnen.

Die Art der Redeunflüssigkeit, Häufigkeit und Auftretenswahrscheinlichkeit ist individuell geprägt und gebunden an „den gesamten Entwicklungsverlauf, die Ausreifungsgeschwindigkeit des zentralen Nervensystems, die Integrations-tätigkeit sensorischer, motorischer, kognitiver und emotionaler Einzel-leistungen“[6], ebenso wie an die sprachlichen Lernangebote der Umwelt.

Im Folgenden sollen nun die verschiedenen Störungsbilder der Redefähigkeit im Einzelnen erläutert werden, wobei zunächst auf die Sprechhemmungen eingegangen wird, um danach die Formen Poltern und Stottern im Bereich der Redeunflüssigkeiten zu skizzieren.

1.2 Sprechangst

„Sprechangst bezeichnet Ängste, die beim Sprechen in Publikumssituationen auftreten, d. h. in Situationen, in denen das Sprechen mit anderen auch immer vor anderen stattfindet.“[7]

Sprechängste sind ein weitverbreitetes Problem, das jeder sicherlich vorübergehend auch von sich selbst kennt, ob man nun vom Lampenfieber vor einem öffentlichen Auftritt spricht, sei es eine Rede oder ein anderer sprachlicher Vortrag vor einem größeren Publikum. Unter klinischer Terminologie sind aufgrund von starkem, „insbesondere antizipatorische[m] Angsterleben im Zusammenhang mit öffentlichem Sprechen und konsequente[m] Vermeiden von Sprechsituationen“[8], diese Ängste als Phobie zu bezeichnen. Hier spricht man von einer Logophobie.

Logophobie kann als eigenständiges Störungsbild auftreten, nicht selten ist sie aber auch Teil anderer Redestörungen und tritt als Komponente des Mutismus oder Stotterns auf.[9]

1.3 Mutismus

Wie auch die Logophobie gehört das Störungsbild des Mutismus zu den sekundären Sprachstörungen bzw. Sprechhemmungen. Der Mutismus zeichnet sich durch Sprachverweigerung aus. Der Terminus wurde 1924 von Tramer geprägt, der den Begriff Mutismus aus dem Lateinischen ableitete (lat. mutus = stumm). Das Schweigen ist nicht, wie in anfänglichen Untersuchungen definiert, freiwillig, sondern Ausdruck einer Sprechhemmung. Man unterscheidet in der Klassifizierung totalen Mutismus und selektiven Mutismus. Sowohl der totale Mutismus als auch der selektive Mutismus sind „eine nach vollzogenem Spracherwerb erfolgende [...] Verweigerung der Lautsprache bei erhaltenem Hör- und Sprechvermögen.“[10]

Dabei sind die direkten Ursachen bisher unbekannt. Im Gegensatz zum totalen Mutismus, der recht selten auftritt, zeigt der selektive Mutismus keine völlige Sprachverweigerung, sondern eine partielle Sprechverweigerung gegenüber einem bestimmten Personenkreis. Der selektive Mutismus zeigt sich vermehrt im Kindesalter, daher gibt es auch Begriffsunterschiede zwischen fantilem und adultem Mutismus.

Das selektive Schweigen ist abzugrenzen von der Sprechangst, „wobei [...] eine bewusste Vermeidungsstrategie bzw. ein Ausweichverhalten, das zumindest retrospektiv bewusst gemacht und sprachlich reflektiert werden kann“[11], aufzufinden ist.

1.4 Poltern

Die Redestörung Poltern ist eine Störung des Redeflusses, die in der Forschungsliteratur weitgehend vernachlässigt wird oder veraltete Erklärungs-ansätze liefert, wodurch terminologische Ungenauigkeiten auftreten. Das Störungsbild kennzeichnet sich in Bezug auf die beobachtbare Sprech- und Sprachebene durch eine

„hohe Sprechgeschwindigkeit mit Störung der Sprechflüssigkeit, jedoch ohne Wiederholungen oder Zögern, von einem Schweregrad, der zu einer beeinträchtigten Sprachverständlichkeit führt. Das Sprechen ist unregelmäßig, unrhythmisch, mit schnellen, ruckartigen Anläufen, die gewöhnlich zu einem fehlerhaften Satzmuster führen.“[12]

Weiterhin lässt sich feststellen, dass mehrere Sprachebenen vom Poltern beeinträchtigt werden.

In der phonetisch-phonologischen Ebene zeigen sich Elisionen; Laute oder Silben werden ausgelassen, verschmelzen miteinander und werden fehlerhaft gebildet. Die Artikulation wirkt verwaschen und unvollständig, wobei Lautfehlbildungen selten auftreten.[13]

Auffälligkeiten in der morphologisch-syntaktischen Sprachebene zeigen sich durch Auslassungen von Morphemen und Verwechslungen, Verschmelzungen und Wiederholungen von syntaktischen Elementen[14], die den Eindruck von Dysgrammatismus vermitteln. In der lexikalischen Ebene und der Semantik zeigen sich Wortauslassungen, Füllwörter, Satzabbrüche, eine unpräzise Wortwahl und Umstellungen bis hin zu Wortfindungsstörungen.[15] Durch die Sprechgeschwindigkeit und die hohe Sprechrate führen Wiederholungen, Auslassungen und Abbrüche zu Redeunterbrechungen. Schnelle Sprechanfänge und Unterbrechungen „lassen das Sprechen und die Sprechatmung unrhythmisch erscheinen.“[16]

Die genannten Faktoren beziehen sich nicht nur auf den verbalen Bereich, sondern äußern sich in den Symptomen ebenso im schriftsprachlichen Gebrauch. Aufgrund der Beeinträchtigung der erläuterten Störungsbereiche wird das Poltern meist mit dem Stottern verwechselt. Die größte Abgrenzung besteht darin, dass der Betroffene sich seiner Störung gar nicht oder nur wenig bewusst ist.[17]

1.5 Stottern

Stottern ist die häufig verbreitete und in der Bevölkerung am besten bekannte Redeunflüssigkeit, die aufgrund des umfangreichen, vielschichtigen Störungsbildes dennoch zu den nicht hinreichend verstandenen Phänomenen gehört. Schon seit der Antike bekannt und in den ‚Historien‘ des Herodot beschrieben, deutet Schulthess 1820 das Stottern als „momentane[s] Unvermögen ein Wort oder eine Silbe auszusprechen. [...] Gewöhnlich wird die Silbe solange wiederholt, bis es gelingt, das Hindernis zu überwinden.“[18] Allgemein formuliert bezeichnet Johannsen die Redeflussstörung Stottern wie folgt: „Stottern ist eine Redeflussstörung oder Sprechablaufstörung, bei der es nicht nur gelegentlich, sondern auffallend häufig zu Unterbrechungen im Redefluss kommt.“[19]

Die Unterbrechungen äußern sich durch Wiederholungen – Laut- oder Silbenwiederholungen, Dehnungen und Blockierungen, bei denen der Redefluss vor einem Wort, einer Silbe und bzw. oder einem Laut plötzlich stockt.[20]

Das Erscheinungsbild wird differenziert in offene und verdeckte Symptome der Primär- und Sekundärsymptomatik[21]. Zu den offenen Symptomen zählen die auditiven und visuellen Stottersymptome, die sich in klonische und tonische Symptome unterscheiden lassen.

„Klonische Symptome äußern sich in schnell aufeinander folgende Kontraktionen der Sprechmuskulatur, die zu Laut-, Silben- und Wortwiederholungen führen. Tonische Symptome zeichnen sich durch länger anhaltende Verkrampfungen der Sprechmuskulatur aus, in deren Folge es zu Prolongationen (Lautdehnungen), Unterbrechungen der Phonation und/oder des Luftstroms während des Sprechens kommen kann.“[22]

[...]


[1] Günther (1995), S. 144

[2] Grohnfeldt (1992), S. 3

[3] Grohnfeldt (1992), S. 4

[4] Vgl. Baumgartner (1992), S. 167

[5] Baumgartner (1992), S. 167

[6] Baumgartner (1992), S. 169

[7] Kriebel (2001), S. 198

[8] Kriebel (1992), S. 449

[9] Vgl. Braun (1999), S.

[10] Hartmann (1992), S. 492

[11] Schoor (2001), S. 184

[12] www. http://www.praxis-wiesbaden.de/icd10/, Zugriffsdatum: 30.10.2005, Uhrzeit: 18:04

[13] Vgl. Iven (2001), S. 174

[14] Vgl. Meixner (1992), S. 470

[15] Vgl. Iven (2001) , S. 175

[16] Iven (2001), S. 175

[17] Vgl. Führing (2000), S. 120

[18] Scholz (1978), S. 92

[19] Johannsen (2001), S. 151

[20] Vgl. Haeseling (1996), S. 10

[21] Vgl. Weikert (2001), S. 161 f

[22] Weikert (2001), S. 162

Details

Seiten
25
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638464864
Dateigröße
556 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v50224
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
2,3
Schlagworte
Redestörungen Berücksichtigung Stotterns Kindern Jugendlichen Schule

Autor

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Titel: Redestörungen - unter besonderer Berücksichtigung des Stotterns bei Kindern und Jugendlichen in der Schule