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Xenophobie und Seinsverlust

Seminararbeit 2001 18 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung

II Erich Fromm und „Haben oder Sein“ im Überblick

III Versuch einer Antisemitismus- bzw. Xenophobietheorie auf der Grundlage von „Haben oder Sein“

IV Ein Lichtschein am Ende des Tunnels?

V Anhang

VI Quellenverzeichnis

I Einleitung

Der Weg zum Tun ist zu sein. (Lao-tse)

Die Menschen sollen nicht so viel nachdenken, was sie tun sollen, sie sollen vielmehr bedenken, was sie sind. (Meister Eckhart)

Je weniger du bist, je weniger du dein Leben äußerst, umso mehr hast du, umso größer ist dein entäußertes Leben. (Karl Marx)

Im Folgenden möchte ich versuchen wesentliche Ausführungen aus Erich Fromms „Haben oder Sein“ dahingehend auszurichten, dass sie für einen Erklärungsversuch der Phänomene Xenophobie und Antisemitismus relevant werden und Tragfähigkeit erhalten. Dabei soll aber nicht der Eindruck entstehen, es handele sich vollständig um persönliche Überzeugungen und Ansichten, die hinter den Ansätzen stünden, sondern weitestgehend lediglich um eine weitere, unverbindliche Variante, wie sie – die Gedanken Erich Fromms weiter geführt – aus einem allgemein gesellschaftskritischen Werk hervor gehen könnte und so möglicher Weise Gültigkeit erhält.

Abschließend möchte ich eventuelle Lösungsstrategien für aktuelle Ausformungen, sofern sie mir als umsetzbar erscheinen, aufzeigen.

II Erich Fromm und „Haben oder Sein“ im Überblick

Erich Fromm, am 23. März 1900 in Frankfurt am Main geboren, wird nicht selten als bedeutendste Figur des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Trotz der auch heute noch zu hörenden Nachrufe, er sei ein blauäugiger Illusionist oder aber aufgrund seiner haltlosen Gesellschaftskritik ein unverbesserlicher Pessimist gewesen, übte er maßgeblichen Einfluss auf die Sozialphilosophie und die Psychoanalyse aus.

Sein Gesamtwerk ist in alle bedeutenden Weltsprachen übersetzt und begründet noch 21 Jahre nach seinem Tod 1980 in vielerlei Hinsicht Aktualität und Brisanz.

Erwähnenswert sind darüber hinaus seine jüdischen Wurzeln wie auch sein Wirken auf die Kritische Theorie der Frankfurter Schule, die für die Arbeiten Horkheimers, Löwenthals, Marcuses und anderer bekannt ist.

Mit „Haben oder Sein“, dem Werk, auf das sich diese Arbeit in ihrem Schwerpunkt stützt, hat Erich Fromm Weltruhm erlangt. In seiner Darstellung steht die Existenzweise des Habens für die Übel der gegenwärtigen Zivilisation, die des Seins aber für die Möglichkeit eines erfüllten, nicht entfremdeten Lebens.

Der Verlust an „Eigenem“ erzeuge eine innere Leere und ein permanentes Verlangen nach Aneignung. Der Einzelne ist geplagt vom Unvermögen von innen heraus aktiv zu werden und wird nur durch äußere Stimulation getrieben.

Der Mensch, der nicht mehr vom Haben, sondern vom Sein bestimmt wird, kommt zu sich selbst, entfaltet eine innere Aktivität, die nicht mit purer Geschäftigkeit zu verwechseln ist, und kann seine menschlichen Fähigkeiten wirklich produktiv einsetzen.

Dieses humanistische Ideal im Auge, zeigt er mögliche Lösungsstrategien zum Wandel des Menschen und der Gesellschaft auf, weist aber gleichzeitig auf scheinbar unüberbrückbare Hürden hin, die nur mit vereinten Kräften und festem Willen genommen werden könnten.

III Versuch einer Antisemitismus- bzw. Xenophobietheorie auf der Grundlage von „Haben oder Sein“

Zum besseren Verständnis möchte ich die unerschütterliche Überzeugung Fromms voranstellen, dass die Rechtfertigung, Egoismus, Faulheit und Narzissmus seien angeboren und nicht das Produkt gesellschaftlicher Bedingungen, ein äußerst zweifelhaftes und instrumentalisiertes Klischee sei, „das zur Rationalisierung der Weigerung dient, auf das Bewußtsein der Macht über die Schwachen und Hilflosen zu verzichten.“1

Davon ausgehend leitet Fromm aus historischen Befunden und Zusammenhängen die Wandlung des menschlichen Charakters von der Seinsstruktur zur heute „marktführenden“ Existenzweise des Habens ab, bei der sich notorisch unglückliche Menschen abwechselnd einem zwanghaften Arbeitsethos, der disziplinierten Arbeit unterwerfen und in grenzenloses Vergnügen stürzen, da sie die völlige Faulheit und das totale Vergnügen in der Freizeit als Grundrecht postulieren und so auf Seelenfrieden hoffen. Dabei scheinen sie zu vergessen, dass sich die verlockende und immer wieder zum Greifen nah gewesene Verheißung von Harmonie und Frieden nicht erfüllen kann, solange eben jener radikale Hedonismus in den meisten Köpfen vorherrscht, da dies für jeden einzelnen in aller Konsequenz bedeutete ein „Wolf unter Wölfen“ zu sein. Es ist die Angst vorherrschend sein ganz persönliches und dazu noch chronisch zu kleines Stück vom Kuchen der Welt zu verlieren. Die große Bedrohung geht in diesem Fall wie selbstverständlich von jenen aus, die, scheinbar gut situiert und aus dem Hinterhalt kommend, anders und damit unbekannt wie unberechenbar in ihrer „Kuchenstückaneignungsweise“ sind. Die Juden (und teilweise auch andere Minderheiten) schienen über Jahrhunderte hinweg in diese undankbare Rolle zu passen, um den Verlusthypochondern Projektions- und Angriffsfläche zu bieten.

Habgier und Friede schließen sich also aus, sobald das Ichempfinden über den Besitz definiert wird: „Ich bin nie zufrieden, da meine Wünsche und damit die Bedrohungen von außen endlos sind.“ Daraus ergibt sich die nach außen gerichtete Feindseligkeit des Egoismus.

Das deutsche Wort „haben“ entwickelte sich im Zusammenhang mit der Entstehung des Privateigentums, wohingegen es in vielen anderen Sprachen nicht existent ist. Auch fanden Veränderungen im Sprachgebrauch statt: vornehmlich Verben, die Tätigkeiten beschreiben, aber auch Adjektive - Zustände beschreibend -, wurden immer stärker von Substantiven in Verbindung mit „haben“ verdrängt („ich habe eine Problem“ statt „etwas bedrückt mich“, denn streng genommen hat das Problem mich).

Fromm definiert das „Haben“, wie es hauptsächlichen Gebrauch findet, als „Besitzergreifen und Besitzen der Umwelt“2, wobei das Selbst in den Besitz eingeschlossen ist. Dem gegenüber befindet sich das „Sein“, das für „Lebendigkeit und authentische Bezogenheit zur Welt“ (Du Marais) sowie für die „wahre Natur bzw. die wahre Wirklichkeit einer Person“ (Benveniste)3 steht. Das Konsumieren stellt sich also als Zweideutigkeit dar: einerseits verhindert es Angst, da das einmal Konsumierte nicht mehr oder nur schwer streitig gemacht werden kann, andererseits mündet es in einen teuflischen Kreislauf des Zwanges immer mehr zu konsumieren, weil die Befriedigung unerschöpflich ist.

In der alltäglichen Erfahrung manifestiert sich nach Fromm die Existenzweise des Habens in der Art und Weise des Lernens, in der Zwiesprache zwischen Autor/Sprecher und Leser/Hörer, in der Autoritätsausübung oder aber in der Form des Glaubens. Bezeichnend für das „Haben“ sei die Gewohnheit an neue Dinge als „tabula rasa“ heran zu gehen, anstatt ein starkes, unmittelbares Interesse, Erinnerungs- und gleichzeitig kritisches Urteilsvermögen zu entwickeln (erst dadurch konnten die nationalsozialistische Ideologie so verheerenden Einfluss gewinnen und aktuelle fremdenfeindliche Gruppierungen entstehen). Die Beziehung zwischen zwei Seiten verlaufe einseitig: nicht die Zwiesprache habe sich durchgesetzt, sondern vielmehr die monologe Kommunikationsweise, bei der die eine Seite auf die andere maßgeblichen, sogar absoluten Einfluss ausübt. Darüber hinaus habe sich eine irrationale Form der Autorität behauptet, deren Stütze die Macht zur Ausbeutung der Unterworfenen ist. Uniformen und Titel dienen hier als „Propaganda zur Einlullung der kritischen Urteilkraft“4. Dem gegenüber steht die rationale Autorität, die sich auf ihrer Kompetenz begründet und im Sinne des gesunden Wachstums des Menschen agiert.

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Details

Seiten
18
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638130547
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v5015
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Psychologisches Institut
Note
sehr gut
Schlagworte
Xenophobie Seinsverlust Seminar Psychoanalyse Antisemitismus

Autor

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Titel: Xenophobie und Seinsverlust