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Lenin und Kautsky - Zwei Wege der proletarischen Revolution

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 24 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhalt

Vorbemerkungen

Staat und Revolution
1. Revolution
2. Staat

Die Diktatur des Proletariats

Kautskyanertum und Leninismus

Literatur

Vorbemerkungen

Karl Kautsky, der „Musterschüler Engels“, als der führende Theoretiker der II. Internationale bis 1914 anerkannt, galt den einen als Lehrmeister und Gralshüter bzw. `Museumswächter´ der marxistischen Orthodoxie, anderen als `stubengelehrter´ Marxist nur im Wort, den Kommunisten als `Verräter´ und ´Renegat´, als abschreckendes Beispiel für Opportunismus und Wankelmütigkeit in der Sozialdemokratie. Die Ansichten über seine Person sind äußerst ambivalent und zeugen von beständiger Kritik an seiner Person von links wie rechts. Kaum jemand beruft sich in der Folgezeit unmittelbar auf seine Positionen, so dass sein Name heute seltsam vergessen anmutet. Trotz seiner zunehmenden politischen Isolation wurden seine Einwände gegen deren Politik, gerade von den Bolschewiki äußerst ernst genommen und in einer Reihe „Anti-Kautskys“ von Lenin, Trotzki, Radek, und Bucharin kommentiert. Die Schriften Kautskys waren besonders in Russland weit verbreitet und bildeten eine Art Lehrstoff für die Aneignung des Marxismus auch bei Lenin, der an verschiedenen Stellen explizit Bezug darauf nimmt.

Die Auseinandersetzungen zwischen Lenin und Kautsky erstrecken sich über einen Zeitraum der mehr als zwei Jahrzehnte und im Prinzip das gesamte Spektrum der marxistischen Theoriebildung, ihrer Deutung, ihrer Weiterentwicklung und ihrer praktisch politischen Anwendung umfassen. Mit der Formierung des `marxistischen Zentrums´ auf dem Magdeburger Parteitag von 1910, als mittlerer, gemäßigter Strömung in der deutschen Sozialdemokratie zwischen `Revisionisten´ und `Radikalen´ beginnen die Gegensätzlichkeiten in den Auffassungen über die Verwirklichung einer proletarischen Revolution offensichtlich zu werden. Wesentliche Kennzeichen des Zentrums um Kautsky und Bebel sind das starke Festhalten an der organisatorischen Einheit der Partei, das Bekräftigen der „altbewährten, sieggekrönten Taktik“ und einer zunehmend auf Defensive zielenden „Ermattungsstrategie“.[1] Im selben Jahr kommt es auch zum Bruch zwischen Kautsky und seiner langjährigen politischen Wegbegleiterin, sowie engen Freundin der Familie, Rosa Luxemburg, vordergründig in der Frage um die Anwendung des Massenstreiks im politischen Kampf. Nicht nur in dieser Debatte zeigt sich die vielkritisierte Abwartehaltung Kautskys, die in Konflikt mit dem drängenden Aktionismus der `radikalen Linken´ gerät. Akut werden die Spannungen zwischen Lenin und Kautsky mit dessen unentschlossener Haltung in der Frage der Kriegskredite bei Ausbruch des Weltkrieges 1914 und dem Zusammenbruch der II. Internationale, der Lenin in der Folge eine Reihe von Artikeln und Broschüren widmet, in denen er insbesondere die Positionen Kautskys als typisches Beispiel für `Sozialchauvinismus´ und `Opportunismus´ (um nur zwei der schwächeren einer Reihe sich ständig wiederholender Bezichtigungen zu gebrauchen) direkt und scharf angreift.[2] Seinen publizistischen Höhepunkt erreichen die Auseinandersetzungen wohl in den Jahren 1917/18 im Umfeld der Februar- und Oktoberrevolution Russlands in den Schriften „Staat und Revolution“[3], „Die Diktatur des Proletariats“[4] und der unmittelbar darauf reagierenden Schrift „Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky“[5]. In diesen drei Schriften, die hier zentral Beachtung finden, lassen sich sehr anschaulich die unterschiedlichen Einstellungen hinsichtlich des `richtigen´ Weges zur Durchführung einer proletarischen Revolution bzw. der politischen Verwirklichung des Sozialismus nachvollziehen und analysieren. Als gemeinsamer Ausgangpunkt, der sich auseinanderentwickelnden Theorien ist außerdem Kautskys Schrift „Der Weg zur Macht“[6] von 1909 von grundlegendem Interesse, in der er seine Ansichten zur Revolution vorerst zusammenfasst und die Lenin als „bestes Werk“ gegen die Opportunisten bezeichnet, sowie als „Gradmesser dafür [...], was die deutsche Sozialdemokratie vor dem imperialistischen Krieg zu sein versprach, und wie tief sie (mitsamt Kautsky selbst) bei Ausbruch des Krieges gesunken ist.“[7] Kautskys schriftenreiche Auseinandersetzung mit der russischen Revolution, deren Entwicklung und Folgen bis zu seinem Tod 1938, soll hier nicht weiter verfolgt werden, zeigt ihn allerdings als einen der frühesten und beständigsten Kritiker des Sowjetkommunismus in der deutschen Sozialdemokratie.

Betrachtungsobjekt dieser Untersuchung sind die theoretischen Standpunkte beider Denker in Bezug auf die bevorstehende bzw. sich vollziehende `proletarische Revolution´[8], deren Vorraussetzungen, Methoden und Taktiken, insbesondere auch im Verhältnis zum bestehenden Staat, sowie deren Ziele und Perspektiven insbesondere im Hinblick auf den zukünftigen Staat. Der Betrachtungszeitraum soll im wesentlichen die Jahre 1910 bis 1918 umfassen, im Schwerpunkt die Positionen in den genannten Schriften um 1917/18.

Eine Aufgabenstellung dieser Art wirft eine Vielzahl von Schwierigkeiten und weitverzweigten Teilproblemen auf, die in dieser Arbeit weder vollständig umgangen, noch in Gänze erschöpfend erörtert werden könnten. Zum einen kann aus der Fülle der Schriften von Kautsy und Lenin hier nur eine beschränkte Auswahl Beachtung finden, die den groben Rahmen ihrer Lehren nachvollziehen lassen. Eine Reihe der mit der zentralen Revolutionsfrage unmittelbar verknüpften Teilaspekte, wie unter anderem die Imperialismusdebatte, die Nationalitätsproblematik oder die Bauernfrage, können hier nur, wenn überhaupt, am Rande zur Sprache kommen. Zum anderen ist der Betrachtungszeitraum dieser Arbeit überfrachtet mit einer Fülle historisch-politischer und auch biographischer Ereignisse, die entscheidenden Einfluss auf die Theoriebildung ausüben, hier allerdings nur dort sehr verkürzt Eingang finden können, wo sie unerlässlich sind.

Die Frage nach dem Begriff der proletarischen Revolution und ihrem Verhältnis zum Staat bei Lenin und Kautsky ist notwendigerweise, und das ist vielleicht der problematischste Punkt, in seinem wesentlichsten Teilen die Frage nach dem Umgang mit der marxistischen Lehre. Die Schriften Marx und Engels bilden den unmittelbaren Bezugspunkt beider Denkweisen und Argumentationen, ihre `richtige´ Auslegung, Weiterentwicklung und Anwendung unter verschiedenen politischen und ökonomischen Bedingungen im Bezug auf die Verwirklichung der sozialistischen Gesellschaft ist das Fundament der Auseinandersetzungen von Kautsky und Lenin. Dabei handelt es sich um eine Debatte, die sich durch das gesamte 20. Jahrhundert zieht und eine Fülle ungelöster Fragen, praktischer Anwendungsschwierigkeiten, problematischer Grundan-nahmen und Zukunftsprognosen des Marxismus offenbart hat. Doch darf man Marx und Marxismus keinesfalls gleichsetzen. So entsteht das eine erst in Auseinandersetzung mit dem anderen und das nicht zuletzt durch Kautsky und Lenin selbst. Der dogmatische Umgang mit den marxschen Schriften, ungeachtet derer Schwächen und im Dienste jeweiliger Interessen, hat die Theorie in weiten Teilen zur Propaganda degenerieren lassen. Die Weiterentwicklung von Marx, das Ausfüllen der Lücken, das Auslassen und Akzentuieren bestimmter Stellen durch den `Marxismus´, die Versuche seiner praktischen Anwendung und schließlich der Zusammenbruch des sozialistischen Staatensystems haben die Theorien und ihre Begriffe in weiten Teilen diskreditiert, zumindest stark abgenutzt. Grundprobleme der marxistischen Lehre, ohne dies hier weiter vertiefen zu können, erscheinen aus heutiger Sicht unter anderem die festgeschriebenen Gesetzmäßigkeiten der ökonomischen, historischen und politischen Entwicklung, die strikte Klasseneinteilung und eine universelle Betrachtung der Verhältnisse unter dem Primat der Ökonomie.[9] Eine abschließende, auch nur annäherungsweise befriedigende Wertung des Marxismus erscheint hier, für meine Begriffe generell, schlicht unmöglich und wäre das Thema einer anderen Aufgabenstellung. Insofern werden die Theorien Lenins und Kautskys hier in der Gegenüberstellung als eigenständige Konzeptionen behandelt, die auf Marx und Engels nur da Bezug nehmen, wo sie die jeweilige Tendenz bestätigen und helfen den eigenen Standpunkt untermauern. Es geht hier also nicht darum wer Marx `richtiger´ interpretiert, sondern wie sich die marxistische Theorie am Beispiel von Lenin und Kautsky aufspaltet und kontroverse Positionen bezüglich der proletarischen Revolution bilden.

Bei der Beschäftigung mit politischer Theorie, in gewisser Hinsicht mit Wissenschaft allgemein, handelt es sich in grundlegender Weise um die Frage nach den Begriffen, nach ihrem Gehalt und deren Bedingtheit, also um die Suche nach den Dingen, die sich hinter den Begriffen verbergen. Insbesondere in der Auseinandersetzung mit dem Marxismus, dessen Begriffe im Laufe der Entwicklung zu problematischen Kampf-begriffen mutiert sind, scheint eine solche Beschäftigung sinnvoll bzw. geradezu unumgänglich. Es geht hier im Folgenden also um die Analyse zentraler Begriffe des Marxismus, um ihre konkrete Bestimmung bei Lenin und Kautsky und den daraus resultierenden praktisch-politischen Aufgabenstellungen. Konkret soll gefragt werden:

- Was versteht man unter einer `proletarischen Revolution´; welche Vorraussetzungen verlangt; welche Methoden verwendet sie; kann eine Revolution `gemacht´ werden?
- Was versteht man in diesem Zusammenhang unter dem `Staat´; wie geht man mit dem gegenwärtigen Staat um; wie sieht der zukünftige Staat aus?
- Was versteht man unter der `Diktatur des Proletariats´; was versteht man in diesem Zusammenhang unter Diktatur generell, was unter Demokratie; welche Methode, Staats- bzw. Regierungsform ist der anderen vorzuziehen?

Die beiden folgenden Kapitel sollen diese Fragen anhand der Positionen von Lenin und Kautsky, soweit dies möglich, beantworten und miteinander vergleichen. Dabei stehen zwar jeweils die titelgebenden Schriften im Mittelpunkt, dienen dabei jedoch in erster Linie als Stichwortgeber für die inhaltliche Auseinandersetzung mit den hier verhandelten zentralen Begriffen. In einem abschließenden Teil wird versucht die beiden Theorien zusammenzufassen und in ihren Gegensätzlichkeiten, wie auch Gemeinsamkeiten als zwei grundlegende Strömungen und Tendenzen des Marxismus bzw. zweier unterschiedlicher Wege zur Verwirklichung des Sozialismus zu charakterisieren und einzuordnen.

[...]


[1] Dazu: Koth, Harald, „Meine Zeit wird kommen ...“. Das Leben des Karl Kautsky, Berlin 1993, S. 136.

[2] U.a. Lenin, W.I., Zusammenbruch der II. Internationale, in: „Kommunist“ Nr. 1/2 (Genf September 1915), und: ders., Sozialismus und Krieg, Genf 1915.

[3] Lenin, Staat und Revolution (geschr. August/ September 1917, erstm. veröff. 1918), Peking 1971.

[4] Kautzky, Karl, Die Diktatur des Proletariats (Wien 1918), in: Kautsky Lenin, hrsg. v. Hans-Jürgen Mende (Reihe: soziales Denken, Dietz Verlag, Bd.I), Berlin 1990, S. 7-87.

[5] Lenin, Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky (Moskau 1918), in: Kautsky Lenin, hrsg. v. Hans-Jürgen Mende (Reihe: soziales Denken, Dietz Verlag, Bd.I), Berlin 1990, S. 89-175.

[6] Kautsky, Der Weg zur Macht (Berlin 1909), hrsg. v. Georg Fülberth, Frankfurt a.M. 1972.

[7] Lenin, Staat und Revolution, S.138f.

[8] Bei Kautsky im Prinzip austauschbar auch mit `sozialer´ oder `sozialistischer´ Revolution bezeichnet.

[9] So wird durch die Abschaffung des Privateigentums keineswegs das Problem der Macht gelöst und an die Stelle der ökonomischen Macht tritt eine rein politische Macht, die in der Praxis scheinbar unüberwindbare totalitäre Züge trägt.

Details

Seiten
24
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638464130
ISBN (Buch)
9783638660822
Dateigröße
562 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v50136
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,3
Schlagworte
Lenin Kautsky Zwei Wege Revolution

Autor

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Titel: Lenin und Kautsky - Zwei Wege der proletarischen Revolution