Lade Inhalt...

Burnout. Mitarbeitergesundheit des Pflegepersonals im Krankenhaus

Bachelorarbeit 2017 45 Seiten

Gesundheit - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsbestimmung Burnout und Stress
2.1Stress
2.2Burnout
2.3 Zusammenhang zwischen Stress und Burnout

3. Phänomen Burnout
3.1 Symptome
3.2 Prozess, Auslöser und Risikofaktoren
3.3 Erklärungsmodelle für Burnout

4. Arbeitsbedingungen in der stationären Krankenpflege
4.1 Problemaufriss über die Situation in der stationären Krankenpflege
4.2 Arbeitsbelastungen in der stationären Krankenpflege

5. Prävention und Intervention bei Burnout

6. Diskussion und Fazit

Literaturverzeichnis

Abstract

Burnout ist ein Phänomen, welches in dem betroffenen Menschen das Gefühl auslöst, ausgebrannt, abgenutzt und schwach zu sein. Es tritt vor allen Dingen im beruflichen Kontext auf. Die Ursachen für das Burnout werden in einer dauernden Anspannung, in zahlreichen Interaktionen mit anderen Menschen, in der emotionalen Arbeit und im Umfeld gesehen. Die betreffende Person ist nicht mehr dazu in der Lage, sich zu erholen, und leidet unter psychischen und physischen Belastungssymptomen. Beim Burnout handelt es sich um einen Prozess, der in verschiedenen Entwicklungsstadien verläuft. Das heißt, dass Burnout in Phasen unterteilt werden kann. In der ersten Etappe stellt sich die „emotionale Erschöpfung“ aufgrund von erhöhten Arbeitsbelastungen ein. Darauf folgt der zweite Schritt, bei dem die Depersonalisation eintritt, um den Belastungen standzuhalten. Anschließend die damit einhergehende reduzierte Leistungsfähigkeit. Es ist eine Wirkung der unterschiedlichen Dimensionen untereinander zu konstatieren und eine Chronifizierung des Burnouts ist möglich.

Burnout betrifft vor allem motivierte Personen in Helferberufen. Dabei beschränkt es sich nicht alleine auf die helfenden Berufe. Burnout kann in allen anderen Berufsbranchen vorkommen und auch im Privatbereich auftreten. In allen Berufszweigen steigen die Arbeitsanforderungen. Bestimmte Arbeitsbedingungen sind förderlich für das Burnout. Im Rahmen dieser Arbeit wird der Zusammenhang zwischen den stationären Arbeitsbedingungen und dem Burnout detailliert untersucht. Neben den Persönlichkeitsfaktoren ist das berufliche Umfeld ursächlich für die Entwicklung des Burnouts. Bei der Untersuchung erfolgt eine Darstellung der stationären Arbeitsbedingungen, welche mit dem Burnout positiv korrelieren. Im Rahmen der Untersuchung stellt sich heraus, dass eine Vielzahl von Belastungsfaktoren im stationären Arbeitsumfeld zu finden ist, welche im Zusammenhang mit dem Auftreten von Burnout stehen. Der Faktor Arbeit unter Zeitdruck stellt sich als Hauptursache für das Burnout heraus. Daneben gibt es weitere wichtige Faktoren, wie das Arbeitsklima und die soziale Unterstützung am Arbeitsplatz, die Arbeitsorganisation und die Interaktionskonflikten zwischen Pflegekraft und Patienten, Kollegen, Vorgesetzten oder Mitarbeitern berufsfremder Gruppen, die Einfluss auf die Entwicklung eines Burnouts nehmen.

Aus der Untersuchung der Situation in der stationären Krankenpflege können geeignete Maßnahmen abgeleitet werden, die der Verbesserung der Arbeitssituation dienen und damit dem Burnout entgegenwirken.

1. Einleitung

Burnout wird seit den 1970er Jahren kontrovers diskutiert und ist gesellschaftlich bekannt. Verschiedene Disziplinen, wie die Psychologie, Sozialwissenschaften und Soziologie, befassen sich mit Burnout. Andererseits spricht die Nähe zu der altbekannten Krankheit Neurasthenie für eine medizinische Betrachtung (Schaufeli & Enzmann 1998: 56 ff.). Die Erforschung des Phänomens Burnout ist deshalb erschwert, da keine einheitliche Definition vorliegt und Burnout medizinisch nicht als eigenständige psychische Krankheit klassifiziert wird. Burnout gilt, medizinisch betrachtet, als Zusatzdiagnose, z.B. wie die Depression.

Vielschichtige Ursachen beeinflussen das Burnout. Die Persönlichkeit wird in der psychologischen Betrachtungsweise zentral fokussiert. Der sozialpsychologische Ansatz bezieht das Arbeitsumfeld stärker mit ein. Die soziologische Betrachtungsweise erweitert das Burnout auf die gesellschaftliche Dimension. Aufgrund der Vielzahl an Forschungen wurde in dieser Arbeit eine exemplarische Auswahl vorgenommen.

Die Burnout-Forschung hat deshalb in dem Bereich der helfenden Berufe begonnen, weil die Symptome in diesem Berufsfeld in besonders starkem Maße zu verzeichnen sind. Das Krankenpflegepersonal führt eine emotionale Arbeit aus, aus der besondere Belastungen resultieren. Neben den Helferberufen betrifft Burnout auch andere Berufsgruppen. Ehrenberg, der in seiner Betrachtung des Individuums die globalisierte Gesellschaft als ursächlich für die Depression als psychische Erkrankung bezeichnet, beschreibt die Ursachen und Symptome, die das Herstellen von Bezügen zum Burnout zulassen.

Das Ziel dieser Arbeit ist darauf ausgerichtet, die Zusammenhänge zwischen den erhöhten Arbeitsbelastungen in der stationären Krankenpflege und dem Burnout zu untersuchen. Es soll der Frage nachgegangen werden, ob Arbeitsbedingungen im stationären Umfeld zu konstatieren sind, die das Burnout begünstigen. Hierbei werden die Ursachen im stationären Arbeitsalltag untersucht, die zum Burnout führen können. Es stellt sich in der weiteren die Frage nach den Konsequenzen dauerhafter Arbeitsbelastungen und den präventiven Möglichkeiten.

Zu Beginn der Arbeit erfolgt die Begriffsbestimmung für Burnout und Stress. Die umfassende Burnout-Forschung basiert vorwiegend auf beschreibenden,

explorativen Studien. Zusammenfassend kann Burnout als ein Phänomen beschrieben werden, welches eher mit dem Beruf in Zusammenhang steht. Durch Zeitdruck ausgelöster Stress fungiert als Schlüsselfaktor für das Burnout. Stress hat Auswirkungen auf die Genese und den Verlauf von Burnout. Eine Abgrenzung von Stress zum Burnout ist deshalb notwendig, weil Stress alleine keine Burnout-Symptome verursacht.

Im dritten Kapitel steht die theoretische Aufarbeitung des Burnouts im Mittelpunkt. Die Symptome, Ursachen und der Verlauf des Burnouts werden näher beschrieben. So ist Burnout in die Dimensionen „emotionale Erschöpfung“, „Depersonalisation“, reduziertes Selbstwertgefühl mit „reduzierter Leistungsfähigkeit“ und Chronifizierung zu differenzieren. Die Schwere der Erkrankung wird durch die Möglichkeit einer Chronifizierung deutlich. Neben den psychischen Symptomen, wie depressiven Episoden und emotionaler Müdigkeit, kommen physische Erscheinungen hinzu. Betroffene klagen über Verspannungen, Kopfschmerzen oder Infektanfälligkeit. Oft merkt der Betroffene nicht, dass sich das Burnout aufgrund seiner erhöhten Belastungen langsam entwickelt. Hinzu kommen Persönlichkeitsfaktoren, die eine Verleugnung der Situation begünstigen.

Im vierten Kapitel werden die Arbeitsbedingungen im Krankenhaus untersucht. Es stellt sich die Frage nach dem Zusammenhang zwischen den berufstypischen und arbeitsbedingten Belastungssituationen in der stationären Krankenpflege und dem Burnout. Die Arbeitsbedingungen in der stationären Krankenpflege sind besonders durch das Arbeiten unter Zeitdruck aufgrund von Personalmangel geprägt.

Im fünften Kapitel geht es um die Maßnahmen gegen Burnout, welche vom Arbeitgeber entwickelt und eingeleitet werden können. Die Handlungsansätze sind in Prävention und Intervention unterteilbar und beziehen sich auf die individuelle oder arbeitsorganisatorische Ebene.

Im abschließenden Kapitel erfolgen die Darstellung der Untersuchungsergebnisse und die Formulierung des Fazits.

In der gesamten Arbeit wird der Einfachheit halber die männliche Form der Sprache verwendet. Die weibliche Form ist darin jeweils mit eingeschlossen.

2. Begriffsbestimmung Burnout und Stress

In diesem Kapitel werden die Begriffe Stress und Burnout detailliert konkretisiert und die Zusammenhänge zwischen beiden Phänomenen verdeutlicht. Viele Definitionen stufen Burnout letztlich als Reaktion auf den Stress ein. Hierbei reichen die Stresstheorien alleine nicht aus, um das Burnout zu erklären. Auch wenn einige Forscher Burnout als eine spezielle Stressreaktion definieren, steht dem die Sichtweise entgegen, dass Burnout ein eigenständiges Phänomen darstellt. Burnout und Stress sind nicht dasselbe, sondern vielmehr besteht ein enger Zusammenhang zwischen beiden. Dabei ist Stress der Hauptfaktor bei der Entstehung des Burnouts.

2.1 Stress

Der Begriff Stress hat seinen Ursprung im lateinischen Verb „stringere“, das übersetzt zusammendrücken oder zusammenziehen bedeutet. Ursprünglich wurde Stress im physikalischen Bereich für die Beanspruchungen bei der Dehnung und Spannung von Materialien unter Belastung verwendet (Litzcke & Schuh 2010: 6). In der Psychologie und Medizin wurde der Begriff durch den Biochemiker Hans Selye (1907-1982) etabliert. Stress beschreibt nach Selye (1974, zit. nach Litzcke & Schuh 2010: 6) die körperliche Reaktion auf einen Reiz. Selye fand heraus, dass unterschiedliche Reize, wie Hitze oder Kälte, im Körper des Menschen eine Alarmreaktion auslösen. Nachfolgende Versuche fanden heraus, dass es weitere verschiedene Ereignisse gibt, die zur selben körperlichen Reaktion führen. Der Stresszustand kann durch positive und negative Reize ausgelöst werden.

Stress wird aus drei Forschungsrichtungen heraus beurteilt, Selye zählt zu der hauptsächlich physiologisch orientierten Stressforschung. Daneben betrachten Richard Lazarus Stress aus der psychologischen und Robert Kahn aus der organisationspsychologischen Perspektive heraus. Alle drei Ansätze unterscheiden zwischen dem Inneren, dem Organismus, und dem Äußerem, dem Umfeld und den Folgewirkungen, also der Reaktion des Organismus auf das Umfeld. Bei Stress handelt es sich um die Aktivierung des menschlichen Körpers auf Umweltereignisse, welche als Stressoren bezeichnet werden (Burisch 2014: 76). Stressoren können in physische, psychische und soziale Reize unterteilt werden. Zu den physischen Stressoren zählen unter anderem: Hitze, Kälte, Lärm, Hunger, Verletzungen und Reizüberflutungen. Psychische Stressoren sind z.B.: Über- und Unterforderung, Prüfungen, Zeitdruck, Verlust der Kontrolle oder Ängste zu versagen. Als soziale Stressoren können Isolation, Streit und Konflikte, Mobbing und der Verlust geliebter Menschen wirken (Litzcke & Schuh 2010: 6). Der Stresszustand ist als emotional negativer Zustand zu qualifizieren, der mit Gefühlen, wie Angst, Erregung, Anspannung und Furcht, verbunden ist (Enzmann 1996: 32).

Nach Selye (zit. nach Burisch 2014: 77) bewirkt die Stressreaktion den Verbrauch von Energie, welche in entsprechenden Ruhephasen zurückgewonnen werden muss. Ist die Zeit für die Regeration zu knapp bemessen, führt dies, langfristig gesehen, zu einer Entleerung des Energiereservoirs. Hierbei wirken sich mehrere gleichzeitige Stresssituationen besonders negativ aus, da sich die Stresseffekte addieren (Burisch 2014: 77).

Stress wirkt in unterschiedlicher Weise auf die Menschen ein. Nach Lazarus (zit. nach Burisch 2014: 82) hängt die Beurteilung der Stresssituation als neutral, positiv oder stressig von der persönlichen Einschätzung der Lage ab. Hierbei spielen die individuellen Copingstrategien eine wichtige Rolle. Die Bewertung der Situation und die Reaktion darauf unterliegen subjektiven Bewertungsmechanismen. Während eine Person eine Situation als Bedrohung empfindet, erkennt eine andere Person in dieser eine Herausforderung (Burisch 2014: 82). Dabei wirken sich Intensität, Häufigkeit, Dauer und Vielfalt des Stresses auf die erlebte Stressbelastung aus (Litzcke & Schuh 2010: 12). Der individuelle Umgang mit der jeweiligen Situation hängt von den Erwartungen an eine Anforderung ab. Daneben existieren weitere Faktoren, die den Umgang mit der Situation beeinflussen. Dazu zählen die Norm, auf deren Grundlage der Betroffene die eigenen Reaktionen beurteilt, und das Selbstvertrauen in seine Fähigkeiten und Möglichkeiten (Burisch 2014: 82).

Zwischen normalem Stress (Eustress) und krankmachendem Stress (Distress) kann differenziert werden (Burisch 2014: 78). Eustress ist als guter Stress zu verstehen und verleiht Lebensfreude und -kraft. Die körperliche und geistige Aktivität benötigt einen bestimmten Stresslevel, hierbei ist der mittlere Bereich ideal. Zu geringer oder ein erhöhter Stress bewirken dagegen einen Leistungsabfall. Zu viel Stress führt zu Hektik, Nervosität und Konzentrationsschwäche (Litzcke & Schuh 2010: 12). Der Mensch gewinnt das Gefühl, unter Druck und einer hohen Belastung zu stehen. Seine Stimmung wird gereizt. Gekennzeichnet ist dieser Zustand durch den Verlust der Entspannungsfähigkeit. Wenn sich die Dichte der Stressmomente erhöht und keine Entspannung dazwischen stattfindet, resultiert ein Ungleichgewicht, welches von Dauerstress gekennzeichnet ist. Als Konsequenz daraus stellt sich ein Zustand der Erschöpfung und Krankheit ein, der Nervosität und Erschöpfung mit sich bringt (Litzcke & Schuh 2010: 35). Der Mensch verfügt in diesem Zustand nur noch über eine geminderte Leistungsfähigkeit und einen verschlechterten physischen und psychischen Gesamtzustand (Burisch 2014: 8). Damit Dauerstress verhindert wird, sind ausreichende Phasen der Erholung und Entspannung unerlässlich.

2.2 Burnout

Der Begriff Burnout stammt aus dem Englischen und bedeutet übersetzt so viel wie ausgebrannt oder durchgebrannt. Die begriffliche Übersetzung wird dem Inhalt des Phänomens deshalb nicht gerecht, weil vermutet wird, dass die Energie ähnlich wie bei einem Streichholz schnell verpufft. Hingegen handelt es sich bei dem Prozess des Burnouts um einen langwierigen, schleichenden langsamen und qualvollen Prozess. Burnout wird nicht als eigenständige Krankheit klassifiziert, sondern ist die Ursache für psychische Folgeerscheinungen. Burnout kann als „innere Erschöpfung“ qualifiziert werden, welche durch eine lang andauernde Anstrengung entsteht (Burisch 2014: 9 f.). Das Leitsymptom von Burnout ist laut Enzmann (1996: 45) die „emotionale Erschöpfung“, unter der eine chronische Ermüdung zu verstehen ist.

Seit 1974 findet der Begriff in der Psychologie Anwendung. Er wurde zu dieser Zeit in Amerika durch den Psychoanalytiker Herbert Freudenberger etabliert. In seinem Artikel „Staff Burn-out“ beschreibt Freudenberger (1974: 159 ff.) die physischen und psychischen Symptome mithilfe von veränderten Verhaltensmerkmalen, welche er bei dem Personal einer New Yorker Einrichtung für Sozialpsychiatrie beobachten konnte. Anfangs war das Personal durch eine hohe Helfermotivation gekennzeichnet. Später verhielt es sich zynisch, abwertend und distanziert. Zusätzlich traten Symptome, wie Müdigkeit, Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit, auf. Freudenberger versucht, die Ursachen für den Burnout-Prozess herauszuarbeiten. Hierbei findet er emotionale, persönlichkeitsbezogene und kognitive Faktoren. Der Artikel Freudenbergers wurde zur Grundlage für zukünftige Fallbeschreibungen anderer Forscher, die Helfer untersuchten, welche durch eine ähnliche Entwicklung gekennzeichnet waren (Hedderich 2009: 9).

Schmid (2003: 23) stellt fest, dass es sich beim Burnout nicht um ein neues Phänomen der modernen Arbeitsgesellschaft handelt. Diejenigen Symptome, welche dem Burnout zugeordnet werden können, sind seit Langem bekannt. Es kann davon ausgegangen werden, dass das Phänomen in der Vergangenheit nur anders bezeichnet wurde. Die Burnout-Literatur verweist auf die historische Literatur, in der das Phänomen mit seinen Symptomen beschrieben wird. So können die frühesten Burnout-Fälle im Alten Testament in der Beschreibung der Propheten Moses und Elias gefunden werden. Die beiden Beispiele aus dem Alten Testament beschreibt Burisch (2014: 3) detailliert. Der Prophet Elias verzweifelt nach vollbrachten Wundern und Erfolgen in Anbetracht einer drohenden Niederlage und fällt in einen tiefen Schlaf. Die Kirche bezeichnete dieses Verhaltensmuster bei ihren Pastoren, Bezug nehmend auf den Propheten Elias, als „Elias-Müdigkeit“. Die Beschreibung der Überanstrengung von Moses ist dadurch gekennzeichnet, dass er aus seiner Umgebung Ratschläge erhält, sich auszuruhen (Burisch 2014: 3 f.). Auch die Figur Thomas Buddenbrook in dem gleichlautenden Roman von Thomas Mann aus dem späten 19. Jahrhundert weist Burnout-Symptome auf (Burisch 2014: 4). Burisch (2014: 5) sieht in der Krankheit, welche im 19. Jahrhundert als Neurasthenie diagnostiziert wurde, die Vorbezeichnung für das Burnout. Im Oberpfälzer Schulanzeiger wird für Schullehrer ein erhöhtes Risiko benannt, an Neurasthenie zu erkranken: „Die Ursachen der Neurasthenie, dieser modernen Krankheit, sind die übermäßigen fortgesetzten Anforderungen des Berufes und des gesellschaftlichen Lebens. Gerade der Beruf des Lehrers erfordert eine starke und fortgesetzte Anspannung der Geisteskräfte und der Selbstzucht in der Schule, dazu kommt die Belastung mit Korrekturen, Präparationen, häufig mit Privatstunden und den mancherlei Anforderungen an den Volkserzieher. Kommen dazu noch Existenzsorgen, Kummer usw., dann ist es kein Wunder, wenn das Nervensystem zusammenbricht.“ (Barth 1992: 13). Das Zitat beschreibt neben dem gesellschaftlichen und arbeitsbezogenen Umfeld diejenigen Symptome, welche dem Burnout zuzuordnen sind. Hedderich (2009: 13) sieht in dem vorbenannten Zeitungsartikel den Beleg dafür, dass das Phänomen Burnout bereits früher existierte, jedoch erst in den letzten 30 Jahren an Bedeutung gewonnen hat.

Bis heute existiert in der psychologischen Forschung keine einheitliche Definition für Burnout (Hedderich 2009: 9). Das Phänomen ist umfassend und die vielen Definitionen zeichnen sich durch heterogene Inhalte aus. Für die Erforschung des Burnouts ist es hinderlich, dass keine allgemein anerkannte Begriffsdefinition zur Verfügung steht (Burisch 2014: 14). Maslach (1982: 22) stellt fest, dass die Definitionen des Burnouts entweder zu speziell oder zu umfassend sind. Hieraus und wegen der Tatsache, dass es keine einheitliche Definition für das Burnout gibt, ist es für die Burnout-Forschung schwierig, das Phänomen zu erfassen.

In Zusammenarbeit mit Jackson formulierte Maslach die einflussreichste Definition von Burnout. Maslach entwickelte auf der Basis der Fallbeschreibungen Freudenbergers das Maslach- Burnout-Inventory. Dabei handelt es sich um ein Instrument, um die drei Dimensionen des Burnouts zu konkretisieren (Maslach 1982: 2 ff.):

- „Emotionale Erschöpfung“: Mit „emotionaler Erschöpfung“ wird das Gefühl der Überforderung und des Ausgelaugtseins auf emotionaler Ebene beschrieben, welches aus dem Kontakt zu anderen resultiert. Gleichzeitig geht die Regenerationsfähigkeit verloren.
- „Depersonalisation“: Es kommen zum einen der Verlust positiver Einstellungen und zum anderen die Kontaktvermeidung gegenüber den Patienten zustande, welche durch zynische, gleichgültige und abwertende Einstellungen ersetzt werden.
- „Verminderte Leistungsfähigkeit“: Es wird eine „verminderte Leistungsfähigkeit“ gegenüber den beruflichen Anforderungen wahrgenommen. Der Betroffene bewertet in einer negativen Selbsteinschätzung seine persönliche Leistungsfähigkeit geringer und charakterisiert sich selbst als nicht kompetent genug, die Arbeit zu verrichten.

Rösing (2003: 78 ff.) fügt folgende vierte Burnout-Dimension hinzu:

- Chronifizierung: Es setzt ein langsamer Prozess der Chronifizierung ein.

Maslach (1982: 2) definiert Burnout als ein Syndrom, welches die Person des Helfers als zentrale Komponente bei der Genese von Burnout hervorhebt. Die Ursache für das Burnout sieht Maslach (1982: 235 ff.) in den sozialen Strukturen der Arbeit begründet. Burisch (2014: 10) vertritt die Meinung, dass Burnout berufsgruppenübergreifend betrachtet werden muss. Er bezieht zusätzlich zum Arbeitsleben den privaten Lebensbereich in seine Betrachtung mit ein. Enzmann benennt hingegen als ein spezifisches Merkmal für das Burnout die Person des Helfers. Er sieht in ihr die Ursache dafür, dass das Burnout eine derart große Aufmerksamkeit erlangt hat (Enzmann 1996: 14). Letztlich wird die Meinung vertreten, dass Burnout „ein charakteristisches Bündel von Beanspruchungssymptomen in der Dienstleistung und insbesondere in helfenden Berufen“ (Büssing & Glaser 2000: 110) darstellt.

Maslach (1982: 8 ff.) identifiziert vor allem die schwierigen Bedingungen, welche auf die Entstehung eines Burnouts einwirken können: Die Fixierung auf Probleme, die fehlenden positiven Rückmeldungen, der hohe emotionale Stress und die wahrgenommene fehlende Möglichkeit, wichtige Veränderungen herbeizuführen. Enzmann (1996: 14) stellt fest, dass im Burnout-Prozess zwischen der umgebenden Situation und der Persönlichkeit des Betroffenen Kausaleffekte festzustellen sind. Fengler (2008: 89) erweitert die Betrachtungsweise des Burnouts auf die gesellschaftliche Ebene. Er beschreibt die multifaktoriellen Ursachen in der inneren und äußeren Lebenswelt des Menschen, die zum Burnout führen. Damit können die vielschichtigen Ursachen z.B. in der Persönlichkeit, im Privatleben, in der Gesellschaft oder auch in der Berufsbranche des Betroffenen gefunden werden. Laut Burisch (2014: 62) ist das Privatleben ein Faktor, der auf Dauer im Fall von fehlenden sozialen Unterstützungssystemen zusätzlich belastet und förderlich auf das Burnout wirkt.

Pines et al. (1985: 38) konstruierten ein weiteres Messinstrument für Burnout. Das Tedium Measure zeichnet sich durch eine berufsgruppenunabhängige Sichtweise aus. Die Forschergruppe definiert Burnout als eine körperliche, emotionale und seelische Erschöpfung, welche aus einer gefühlsmäßigen Überforderung resultiert ist. Hinzu kommen Gefühle von Hilfs- und Hoffnungslosigkeit und negative Denkweisen, die auf sich selbst und auf andere bezogen sind.

Demerouti (1999: 25) versucht, die Gemeinsamkeiten der verschiedenen Burnout-Definitionen aufzuzeigen. Die Burnout-Forscher sind sich dahin gehend einig, dass eine hohe Motivation zum Zeitpunkt des Berufsbeginns vorhanden ist. Darauf folgen die enttäuschten Erwartungen in der Tätigkeit und erzeugen Frust. Der Frust bedingt die Depersonalisierung. Gleichzeitig ist die ungünstige Arbeitsumgebung durch zu hohe oder widersprüchliche Arbeitsanforderungen gekennzeichnet. Der Betroffene verfügt aufgrund seiner Persönlichkeitsstruktur über keine adäquaten Copingstrategien zum Bewältigen der Stressoren. Das Prozesshafte des Burnouts bezieht sich auf eine lange und erfolglose Auseinandersetzung mit der Tätigkeit. Rösing (2003: 68) identifiziert als Gemeinsamkeit der Burnout-Definitionen die „emotionale Erschöpfung“, die „Desillusionierung“, die negativen Einstellungen zur Arbeit und das verminderte Selbstvertrauen mit dem Verlust von Mut und Hoffnung.

Aufgrund der ähnlichen Symptomatik muss Burnout laut Enzmann (1996: 20) klar von bekannten Phänomenen, wie Depression, Arbeitsunzufriedenheit und Stress, abgegrenzt werden. Hilfreich für die Differenzierung von anderen Phänomenen ist die Definition der zentralen Ursachen nach Burisch (2014: 8). Er geht davon aus, dass das Nichterreichen von Zielen und Bedürfnissen zu verzweifelten Lösungsversuchen führt und dadurch ein Schwinden der Kräfte bei gleichzeitigem Scheitern provoziert wird. Hierbei spielt zugleich das Aufbringen von hohen Mengen an Energie ohne Ausgleich eine entscheidende Rolle (Burisch 2014: 10).

Noch bevor die betroffene Person am Ende ihren Erschöpfungszustand bewusst wahrnimmt, gehen dem eine über lange Zeitdauer anhaltende Lustlosigkeit und Überforderung voraus. In diesem Zeitraum ist die Person arbeitsüberlastet. Es bedarf dann nur noch eines kleinen belastenden Auslösers, um den Burnout-Zustand des emotionalen Zusammenbruchs zu erreichen. Als Auslöser können z.B. Konflikte mit Kollegen oder Vorgesetzten fungieren (Kaluza 2015: 37 ff.).

2.3 Zusammenhang zwischen Stress und Burnout

Zwischen Burnout und Stress existiert ein enger Zusammenhang. Das Burnout wird als Reaktion auf Stress bezeichnet (Enzmann & Kleiber 1996: 92). Demgegenüber betont Cherniss (1980, zit. nach Enzmann 1996: 14), welcher der Erklärung des Burnouts ein Stresskonzept zugrunde legt, dass Burnout kein Synonym für Stress ist.

Es stellt sich nun die Frage, ob Burnout ein eigenständiges Phänomen oder eine spezielle Form von Stress verkörpert, weil die Ursachen für das Burnout ihre Verortung im allgemeinen transaktionalen Stressmodell von Lazarus haben. Dieses qualifiziert die Stresssituation und die Persönlichkeit als die zentralen Elemente und bezieht die kognitiven Bewertungsprozesse mit ein, welche zwischen dem Individuum und der Stresssituation stattfinden (Enzmann 1996: 37). Eine exakte Abgrenzung zwischen den beiden Begriffen Stress und Burnout ist laut Enzmann & Kleiber (1996: 92) deshalb schwer möglich, weil das Stressmodell von Lazarus ein Modell des Stressablaufs verkörpert und keine Definition von Stress darstellt. Stress ist hierbei als langhaltende und nicht bewältigte Überlastung zu verstehen (Hillert & Marwitz 2006: 150). Wenn davon ausgegangen wird, dass Burnout aus emotional beanspruchenden Interaktionen herrührt, welche als Stressoren wirken, so ist das Burnout als Folge einer längerfristigen Stressbelastung zu verstehen (Enzmann 1996: 45 f.). Es unterliegt hierbei der individuellen Einschätzung, ob die Situation einer Person als Stress oder als Burnout einzuordnen ist (Hillert & Marwitz 2006: 155). In dem Zusammenhang zwischen Stress und Burnout spielen die Überbeanspruchung und die mangelhafte Fähigkeit des Betroffenen, geeignete Copingstrategien zur Stressbewältigung zu entwickeln, eine wichtige Rolle. Ausschlaggebend ist die individuelle Bewertung der Stressoren und der Bewältigungsmöglichkeiten. Somit ist Burnout als ein misslungener Versuch der Stressbewältigung zu bewerten (Hedderich 2009: 20).

Wird die Depersonalisation als zentrales Symptom von Burnout charakterisiert, so stellt sich heraus, dass Burnout keine allgemeine Stressreaktion ist. Hierdurch unterscheidet sich Burnout von Stress. Vielmehr ist Burnout als berufsspezifische Reaktion in Berufen mit „emotional beanspruchenden Interaktionen“ zu verstehen (Enzmann & Kleiber 1996: 93).

3. Phänomen Burnout

Im vorangegangenen Kapitel wurde darauf hingewiesen, dass keine einheitliche Definition für den Begriff Burnout existiert, obwohl das Phänomen seit Mitte der 1970er Jahre umfassend erforscht wird. Im folgenden Kapitel erfolgt die Beschreibung des Burnouts durch die Symptome, Ursachen, Risikofaktoren und den Verlauf. Darauf folgt die Präsentation unterschiedlicher Erklärungsansätze für das Burnout. Sie werden entsprechend ihrer Perspektive in psychologische, soziologische und medizinische Ansätze unterteilt. Vertreter der psychologischen Perspektive sehen das Burnout primär in der Persönlichkeit des Betroffenen begründet. Demgegenüber gehen die Vertreter des sozialpsychologischen und soziologischen Erklärungsansatzes davon aus, dass die Ursachen in der Umgebung und Situation bzw. in der Gesellschaft zu finden sind. Die medizinische Sichtweise klassifiziert Burnout als Zusatzdiagnose zur Depression und nicht als eigenständige Krankheit.

3.1 Symptome

Eine Annäherung an den Begriff des Burnouts ist über die Symptome möglich, die bestimmten Burnout-Phasen zugeordnet werden. Sie können in unterschiedlicher Zeitabfolge auftreten. Es müssen nicht alle Symptome vorhanden sein. Das Auftreten der Symptome und ihre zeitliche Reihenfolge sind von der umgebenden Situation und dem Individuum abhängig (Burisch 2014: 30).

Gusy (1995: 38 ff.) arbeitet als Gemeinsamkeit der Autoren Freudenberger, Enzmann & Kleiber und Schaufeli heraus, dass die Symptome bei den Helfern den Ausgangspunkt der Untersuchungen bilden. In Anlehnung an Schaufeli systematisiert Gusy die Symptome und differenziert sie in psychische, physische und soziale Symptome und in solche auf der Verhaltensebene und in problematische Einstellungen. Es werden vielschichtige und teilweise gegensätzliche Symptome ermittelt, welche laut Burisch (2014: 30) in zeitlicher oder ursachenbezogener Abhängigkeit zueinander stehen. Die Bezüge können auch unter Symptomen aus unterschiedlichen Kategorien wirksam sein. Die psychischen Symptome unterteilt Gusy (1995: 78 ff.) in emotionale, kognitive und motorische (wie z.B.: Antriebslosigkeit, zur Arbeit zu gehen, Versagens- und Schuldgefühle, Misstrauen, Frustration, Konzentrationsstörungen und Verspannungen). Die physischen Symptome sind in psychosomatische Beschwerden, Erkrankungen und physiologische Reaktionen gegliedert (wie z.B.: Müdigkeit und Erschöpfung, häufige Erkältungen und Grippe, erhöhter Cholesterinspiegel, Herzschlag und Pulsfrequenz). Die Symptome auf der Verhaltensebene sind in individuelle Verhaltensweisen und das Verhalten während der Arbeit differenziert (wie z.B.: erhöhter Drogen- und Alkoholkonsum, lange Pausen und vermehrte Fehlzeiten, verminderte Effizienz). Die sozialen Symptome untergliedern sich in den Umgang mit den Patienten, Kollegen und den Personen im Privatleben (wie z.B.: Verschieben von Patientenkontakt, der Verlust von positiven Gefühlen gegenüber Patienten, Rückzug von den Kollegen und Einsamkeit). Die problematischen Einstellungen unterteilen sich in solche im Umgang mit den Patienten und während der Arbeit (wie z.B.: Zynismus, verminderte Empathie, negative Arbeitseinstellungen, Desillusionierung und Verlust des Idealismus).

Aufgrund der Symptome wird deutlich, dass Burnout sich nicht nur auf die Arbeitsumgebung bezieht, sondern dass auch das private Leben des Betroffenen darunter mitleidet. Das Gefühlsleben, Einstellungen, Verhalten und Absichten des Betroffenen werden durch das Burnout insgesamt beeinträchtigt (Gusy 1995: 26).

Genau wie die vorangehend präzisierte Klassifikation von Gusy stehen in der Burnout-Literatur vielzählige weitere Symptomklassifikationen zur Verfügung, die laut Litzcke & Schuh (2010: 163) alle angreifbar sind.

3.2 Prozess, Auslöser und Risikofaktoren

Burnout zeichnet sich durch einen prozessualen Charakter aus. Nach Burisch (2014: 30) kann dieser Prozess durch innere und äußere Veränderungen jederzeit gestoppt werden, manchmal hinterlässt Burnout jedoch bleibende Verhaltens- und Gemütsänderungen. Pines et al. (1985: 7) sind der Meinung, dass Burnout vermieden werden kann. Litzcke & Schuh (2010: 166) sind der Ansicht, dass der Beginn des Burnout-Prozesses durch ein einschneidendes Erlebnis, wie z.B. den Studienanfang, Berufseintritt oder Tätigkeitswechsel, gekennzeichnet ist. Das Erleben von dauerhafter Hilflosigkeit ohne Ausweg ist nach Burisch (2014: 137) ein „Stress zweiter Ordnung“. Wenn die Hilflosigkeit nicht nur auf ein spezielles Ereignis beschränkt bleibt, sondern sich auf mehrere Situationen erstreckt, kann spätestens dann vom Burnout gesprochen werden. Nach Litzcke & Schuh (2010: 167) können die Auslöser für den Burnout-Prozess in der Persönlichkeit oder im Arbeitsumfeld begründet sein. Belastend wirkende Persönlichkeitsfaktoren sind demnach folgende (Litzcke & Schuh 2010: 167):

[...]

Details

Seiten
45
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783346036728
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v501341
Institution / Hochschule
Universität Bremen
Note
1,3
Schlagworte
burnout mitarbeitergesundheit pflegepersonals krankenhaus

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Burnout. Mitarbeitergesundheit des Pflegepersonals im Krankenhaus