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Die Wirksamkeit von Antidepressiva und die Risiken ihrer Nebenwirkungen

Können Antidepressiva den Betroffenen wirklich helfen?

Essay 2018 9 Seiten

Medizin - Pharmakologie, Arzneimittelwesen

Leseprobe

Abstract

Antidepressiva werden in erster Linie zur medikamentösen Behandlung von Patienten mit Depressionen eingesetzt. Doch Wissenschaftler streiten seit Jahren bezüglich der Wirksamkeit und die daran geknüpften Bedingungen. Zusätzlich entstehen durch die Psychopharmaka Nebenwirkungen, die bei Unwirksamkeit des Medikamentes ein unnötiges Risiko darstellen würden. Doch sollten Antidepressiva nun verschrieben werden oder nicht?

Es werden verschiedene Studien vorgestellt, die Antidepressiva im Vergleich zu Placebos testen. Diese Forschungsergebnisse sollen Aufschluss über die Debatte zur Wirksamkeit des Medikamentes geben.

Wie aus den Ergebnissen der Studien (Kirsch, Deacon, Huedo-Medina, Scoboria, Moore & Johnson, 2008; Turner, Matthews, Linardatos, Tell & Rosenthal, 2008a) hervorgeht, erzielen Antidepressiva positivere Ergebnisse bei den Patienten als Placebos. Die Frage ist jedoch, ob das Antidepressivum einen größeren Effekt erzielt, als die möglichen Nebenwirkungen. Es liegt in der Hand des behandelnden Arztes, ob Antidepressiva zur Therapie eingesetzt werden. Mediziner orientieren sich bei Behandlungen an den Empfehlungen von medizinischen Leitlinien, die die Gabe von Psychopharmaka empfehlen.

Letzten Endes ist zu sagen, dass sowohl die Mediziner, als auch die Patienten mehr Aufklärung zu diesem Thema erhalten sollten, sodass individuelle Entscheidungen getroffen werden können.

Antidepressiva – so heißen die Wundermittel gegen Depressionen. Sie sollen depressiven Menschen das Leben erleichtern und in extremen Fällen vielleicht sogar Leben retten. Doch halten die Medikamente ihr Versprechen?

Bereits vor zehn Jahren wurde die Wirksamkeit der Psychpharmaka in Frage gestellt und ist seither ein hochgradig umstrittenes Thema unter Forschern. Im Buch “The Emperor’s New Drug” schreibt Professor Irving Kirsch (2009, p.177): “Depression is not caused by a chemical imbalance in the brain, and it is not cured by medication. Depression may not even be an illness at all. Often, it can be a normal reaction to abnormal situations. Poverty, unemployment, and the loss of loved ones can make people depressed, and these social and situational causes of depression cannot be changed by drugs”1 Für ihn lautet die Antwort auf die Frage, ob Antidepressiva als Behandlung eingesetzt werden sollten ganz klar: Nein! Seine eigene Forschung widerlegte 2008 die Wirksamkeit der Psychopharmaka (Kirsch, Deacon, Huedo-Medina, Scoboria, Moore & Johnson, 2008; Kirsch, 2009). Andere Studien aus dieser Zeit belegen wiederum, dass Antidepressiva eine Wirkung zeigen und hilfreich oder sogar notwendig bei der Behandlung von Patienten sind (Turner, Matthews, Linardatos, Tell & Rosenthal, 2008a). Doch wenn diese Medikamente den Betroffenen nicht helfen können, warum werden sie dann verschrieben und welche Rolle spielen alternative Methoden, eine Depression zu behandeln?

Die Depression2 ist eine psychische Erkrankung, bei der die Patienten typischerweise unter gedrückter Stimmung und einer Verminderung von Antrieb und Aktivität leiden. Oft ist auch die Fähigkeit, Freude zu empfinden, stark eingeschränkt. Betroffene haben Konzentrationsschwierigkeiten und viele klagen über eine ausgeprägte Müdigkeit nach kleinsten Anstrengungen. Dies sind nur ein paar der möglichen Symptome einer Depression. Bei der Diagnose wird in unterschiedlich starken Episoden unterschieden, welche sich in der Anzahl und Schwere der Symptome unterscheiden. Bei einer schweren depressiven Episode mit psychotischen Symptomen besteht sogar Lebensgefahr durch Suizid (Dilling, Mombour & Schmidt, 2015). Daher sollten sich betroffene Personen umgehend Hilfe bei Fachleuten suchen. Um dann die richtige Behandlungsmethode auszuwählen, orientieren sich Mediziner an medizinischen Leitlinien, die sie bei der Entscheidung über die angemessene Gesundheitsversorgung unterstützen sollen. Die S3-Leitlinie/ Nationale Versorgungsleitlinie für unipolare Depression empfiehlt mittlerweile nur noch eine Pharmakotherapie bei mittelschweren bis schweren Depressionen (DGPPN, BÄK, KBV & AWMF, 2015).

Eine Möglichkeit, die Schwere einer diagnostizierten Depression zu messen, ist die Hamilton Depression Rating Scale (HAM-D). Es handelt sich hierbei um ein Fremdbeurteilungsverfahren in Form eines Fragebogens und wurde 1959 von M. Hamilton entwickelt. Mittlerweile gibt es verschiedene Versionen der Skala. In der 17-Item-Version werden beispielsweise 17 Kategorien mit Hilfe von 3- bis 5-stufigen Ratingformaten beurteilt. Bei depressiven Patienten liegt der erwartete Wertebereich bei 19-26 Punkten. Die Cut-Off-Werte, die festlegen, ab wievielen Punkten es sich um eine leichte, mittlere oder schwere Depression handelt, sind lediglich Empfehlungen (Wirtz, 2016). Die S3-Leitlinie/Nationale Versorgungsleitlinie für unipolare Depression (2015, S. Anhang 1) gibt für die Skala mit 17-Items folgende Cut-Off-Werte an:

≤ 8: keine Depression bzw. klinisch unauffällig oder remittiert

9-16: leichtes depressives Syndrom

17-24: mittelgradiges depressives Syndrom

≥ 25: schweres depressives Syndrom

Im Arzneiverordnungs-Report 2017 wird berichtet, dass sich die Verordnung von Antidepressiva in Deutschland im Jahr 2016 seit 2005 verdoppelt hat. 2016 wurden 1,4 Millarden tägliche Tagesdosen (DDD) gemessen (Schwabe, Paffrath, Ludwig & Klauber, 2017). Seit 1995 steigen die Zahlen der Verschreibungen jedes Jahr. Antidepressiva werden hauptsächlich zur Behandlung von Depressionen eingesetzt. Mittlerweile werden sie aber auch bei anderen psychiatrischen Erkrankungen wie zum Beispiel Panikstörungen oder Angststörungen eingesetzt. Die Medikamente haben eine stimmungsverbessernde Wirkung. Es gibt viele Wirkstoffe, die zur Behandlung von Depressionen zur Verfügung stehen. Man unterscheidet sie nach ihrem Wirkmechanismus und ihrer chemischen Struktur. Trizyklische Antidepressiva, auch bekannt als nichtselektive Monoamin-Wiederaufnahmehemmer, gehören zu den sogenannten „alten Antidepressiva“, weil sie am längsten bekannt und verfügbar sind. Die neueren Antidepressiva haben einen einheitlich-selektiveren Wirkmechanismus und sind verträglicher als die älteren Generationen. So kommt es zu deutlich weniger Nebenwirkungen und Wechselwirkungen mit anderen Substanzen. Vor allem die selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) und die weiterentwickelten Serotonin-/Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI) sind aufgrund ihrer besseren Verträglichkeit weit verbreitet. Die selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) verhindern die Wiederaufnahme von Serotonin in die präsynapische Nervenzelle. Eine verfrühte oder zu starke Wiederaufnahme würde zu einer geringeren Ausschüttung führen. Durch die Hemmung wird noch mehr Serotonin produziert und es kommt zu einer Antriebssteigerung. Doch diese Medikamente rufen auch Nebenwirkungen hervor. Die hauptsächlichen Nebenwirkungen von selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern sind in erster Linie sexuelle Funktionsstörungen, Magen-Darm-Trakt-Beschwerden, Übelkeit, Schwindel und Zittern. Zu Beginn leiden viele Patienten unter Nervosität, Unruhe und Schlafstörungen. Auch andere Antidepressiva rufen eine Reihe von Nebenwirkungen hervor, die die Lebensqualität der Patienten beeinflussen können (Gründer & Benkert, 2012; Spektrum der Wissenschaft, 2000). Daher ist es wichtig, dass die Wirksamkeit außer Frage steht.

2008 veröffentlichten unter anderem die US-amerikanischen Professoren Erick H. Turner und Robert Rosenthal eine Metaanalyse zur selektiven Veröffentlichung klinischer Studien, in denen es um die Wirkung von Antidepressiva ging. Sie nutzten hierfür Daten der Lebensmittelüberwachungs- und Arzneimittelbehörde der Vereinigten Staaten (FDA), verglichen diese mit übereinstimmenden Publikationen und überprüften die veröffentlichten Daten mit dem gesamten Datensatz der FDA (auch die unveröffentlichten Daten = 31% mit 3449 Studienteilnehmern). Die Ergebnisse sind erschreckend. Wenn man nur die veröffentlichten Daten berücksichtigt, fällt das Ergebnis in 94% der Studien positiv für die Wirksamkeit von Antidepressiva aus. Wenn jedoch auch die unveröffentlichten Studien berücksichtigt wurden, waren die getesteten Antidepressiva nur noch in 51% der Studien positiv. Insgesamt schnitten alle zwölf untersuchten Antidepressiva besser ab, als das Placebo und ergaben eine Gesamteffektgröße von 0,32. Die Effektgröße beschreibt das Ausmaß der Wirkung und wird berechnet, um Ergebnisse miteinander vergleichen zu können. Die Forscher schlossen aus ihren Ergebnissen, dass die Effektgröße zwar gering ist und die Antidepressiva bei weitem nicht die Wirkung erzielen, die man sich wünschen würde, sie dem Placebo aber trotzdem überlegen waren und somit wirksam sind (Turner et al., 2008a). Im gleichen Zeitraum hat auch eine britische Forschungsgruppe eine Metaanalyse zur Wirksamkeit von Antidepressiva veröffentlicht. Auch hier wurden Datensätze der FDA genutzt. Ein Vorteil dieser Daten ist, dass bei allen Studien das gleiche Messinstrument benutzt wurde (HAM-D-Skala). Es wurden auch in dieser Metaanalyse sowohl veröffentlichte, als auch unveröffentlichte Daten mit einbezogen und überprüft. Die Hauptergebnisse dieser Studie waren, dass nur 43% aller Studien einen signifikanten Unterschied zwischen Verum und Placebo zeigen und 82% der Wirkung von Antidepressiva auch bei dem Placebo beobachtet werden konnte. Die Forscher kamen ebenfalls auf eine Gesamteffektgröße von 0,32 (Kirsch, Deacon, Huedo-Medina, Scoboria, Moore & Johnson, 2008). Dieses Ergebnis wurde im Gegensatz zu der Studie von Turner et al. nicht als klarer Vorteil des Verums interpretiert, sondern als nicht ausreichender Effekt: „...so zeigt sich kein signifikanter Unterschied der Antidepressiva gegenüber wirkungslosen Placebos“ (Kirsch, 2017, S.67). Beide Metaanalysen konnten eine Effektgröße von 0,32 berechnen. Die unterschiedlichen Interpretation liegen hier in den Cut-Off-Werten der Effektgröße. Es gab also einen Effekt, der für die Wirksamkeit von Antidepressiva spricht, doch andererseits kann dieser Effekt als klinisch nicht relevant betrachtet werden, wenn Patienten keinen Unterschied wahrnehmen. Das National Institute for Health and Clinical Excellence (NICE), welches Behandlungsrichtlinien enwickelt, hat als Kriterium für klinische Signifikanz einen Unterschied von mindestens 3 Punkten zwischen Medikament und Placebo auf der HAM-D-Skala festgelegt. Eine Effektegröße von 0,32 entspricht hier 1,8 Punkten auf der HAM-D-Skala (Kirsch, 2017). Also ergaben die Untersuchungen zwar statistisch einen positiveres Ergebnis für die Antidepressiva, jedoch macht das klinisch keinen Unterschied.

Nachdem Turner argumentierte, dass der Cut-Off-Wert von 3 Punkten willkürlich festgelegt wurde und somit nicht als Kriterium gelten kann, konnten Moncrieff & Kirsch (2015) anhand einer anderen Studie zeigen, dass 3 Punkte auf der HAM-D-Skala keinen klinischen Effekt hervorrufen. Hierfür nutzten sie die Studie von Leucht et al. (2013), die die Einstufungen der HAM-D Skala mit jenen auf der Clinical Global Impressions-Improvement scale (CGI-I) verglichen. Diese ist eine Skala von Guy (1976), auf der Kliniker ihre Patienten von 1 (sehr stark verbessert), über 4 (keine Veränderung), bis 7 (sehr viel schlechter), einstufen. Beim Vergleich der beiden Skalen wurde festgestellt, dass der CGI-I-Wert 4 (keine Veränderung) dem Wert 3 auf der HAM-D Skala entspricht. Das bedeutet also, dass Kliniker bei einem HAM-D Wert von 3 (von NICE als Cut-Off-Wert festgelegt) keinen bedeutenden Unterschied entdecken können. Um nach diesen Daten die Einstufung „geringe Verbesserung“ erzielen zu können, müssten mindestens 7 Punkte auf der HAM-D Skala erreicht werden (Leucht, Fennema, Engel, Kaspers-Janssen, Lepping, & Szegedi, 2013; Moncrief & Kirsch, 2015).

Diese Debatte zeigt also, dass Antidepressiva statistisch signifikant bessere Ergebnisse erzielen und dem Placebo somit überlegen sind. Allerdings ist der Effekt nur gering und die Frage ist, ob dieser geringe Effekt am Ende überhaupt relevant für den Patienten ist oder die Nebenwirkungen einen größeren, negativeren Einfluss auf die Lebensqualität haben.

Neben der Behandlung mit Psychopharmaka gibt es noch andere Möglichkeiten, eine Depression zu behandeln. Beispielsweise gibt es die Möglichkeit einer kognitiven Verhaltenstherapie (CBT). Es handelt sich um eine Form der Verhaltenstherapie, bei der vor allem die Wahrnehmung des Patienten, sowie die Veränderung der Kognition im Mittelpunkt stehen. Diese Therapieform ist bereits durch viele Studien überprüft worden und weit verbreitet (Arolt, Reimer & Dilling, 2011).

2012 wurde eine Metaanalyse zu Behandlungsmöglichkeiten von Depressionen veröffentlicht. Diese schloss Antidepressiva, Psychotherapie, eine Kombination von Medikamenten und Psychotherapie sowie auch alternative Behandlungformen ein. Es konnten hier keine signifikanten Unterschiede zwischen den Behandlungen gefunden werden (Khan, Faucett, Lichtenberg, Kirsch & Brown, 2012). Die Studie von Qaseem und Kollegen untersuchte ebenfalls die Wirksamkeit von Antidepressiva im Gegensatz zu nicht-pharmakologischen Behandlungen für unipolare Depressionen. Unter den nicht-pharmakologischen Behandlungen wurden, neben Bewegungsprogrammen (Sport), Nahrungsergänzungsmitteln oder alternativen Arzneimitteln, auch die kognitive Verhaltenstherapie untersucht. In den meisten Studien (Evidenz geringer Qualität) konnte auch hier kein Wirksamkeitsunterschied zwischen Antidepressiva und komplementären/alternativen Behandlungsformen oder Bewegungsprogrammen festgestellt werden. Auch zwischen dem Antidepressiva und einer kognitiven Verhaltenstherapie konnten die Forscher bei Studien mittlerer Qualität keinen Unterschied erkennen (Qaseem, Barry, Kansagara & Clinical Guidelines Committee of the American College of Physicians, 2016). Eine kognitive Verhaltenstherapie ist in der kurzzeitigen Anwendung zwar etwas kostspieliger, aber ebenso effektiv wie die medikamentöse Behandlung (Kirsch, 2017). Spezifische Vergleiche zwischen einer kognitiven Verhaltenstherapie und der medikamentösen Behandlung zeigten, dass Patienten nach einer kognitiven Verhaltenstherapie seltener rückfällig wurden (Dobson et al., 2008). Auf lange Zeit gesehen ist sie also effektiver und weniger kostspielig (Kirsch, 2017). Auch in Deutschland sprechen die bisherigen Ergebnisse dafür, dass eine Therapie im Vergleich zu Antidepressiva langfristig besser hilft, jedoch besteht für die Langzeiteffekte einer Therapie noch großer Studienbedarf (Voderholzer, 2015).

[...]


1 Eine Depression wird nicht durch ein chemisches Ungleichgewicht im Gehirn verursacht und wird nicht durch Medikamente geheilt. Eine Depression ist vielleicht gar keine Krankheit. Oft kann es eine normale Reaktion auf abnormale Situationen sein. Armut, Arbeitslosigkeit und der Verlust geliebter Personen können Menschen depressiv machen und diese sozialen und situativen Ursachen von Depressionen können nicht durch Medikamente verändert werden.

2 Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass weltweit ca. 322 Millionen Menschen von Depressionen betroffen sind (WHO, 2017). Diese Schätzungen gehen auf eine Studie zurück, die in mehreren europäischen Ländern parallel durchgeführt wurde (Alonso et al., 2004).

Details

Seiten
9
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783346034861
ISBN (Buch)
9783346034878
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v501304
Institution / Hochschule
Universität zu Lübeck
Note
1,7
Schlagworte
Antidepressiva Wirkung Wirksamkeit Pille Depressiv Antidepressivum Psychopharmaka Psychopharma Psychologie Tabletten Kirsch Nebenwirkung Ethik

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Titel: Die Wirksamkeit von Antidepressiva und die Risiken ihrer Nebenwirkungen