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Mechanismen des Bedeutungswandels

Seminararbeit 2005 16 Seiten

Romanistik - Französisch - Linguistik

Leseprobe

Gliederung

Abstract

1. Einleitung

2. Definition von Bedeutungswandel

3. Funktionsweise von Bedeutungswandel

4. Mechanismen des Bedeutungswandels
4.1 Metapher und Metonymie
4.2 Lexikalische Absorption
4.3 Generalisierung und Spezialisierung
4.3.1 Generalisierung
4.3.2 Spezialisierung
4.4 Kohyponymische Übertragung
4.5 Analogischer Bedeutungswandel
4.6 Intensivierung und Deintensivierung
4.7 Bedeutungsverbesserung und Bedeutungsverschlechterung

5. Zusammenfassung

6. Bibliographie

Abstract

Cet article a pour but de donner un aperçu des mécanismes les plus importants de changement sémantique, comme la métaphore, la métonymie, l’absorption lexicale, la généralisation et la spécialisation, le transfert cohyponymique et le transfert analogique. Ce que l’on appelle l’intensification et la désintensification ce sont des processus secondaires d’un changement de sens, puisqu’ils ne commencent qu’après un autre changement sémantique (p.ex. métaphorique). En ce qui concerne l’amélioration et la détérioration du sens d’un mot, on essayera d’élucider la question dans quelle mesure il s’agit là des mécanismes de changement sémantique. Dans la conclusion, une réponse doit être donnée à la question de savoir si la liste de tout ces mécanismes est limitée ou bien étendable.

1. Einleitung

Bedeutungswandel ist nicht irgendein Phänomen, mit dem sich die historische Semantik beschäftigt. Es ist ein Phänomen, das eine lebendige Sprache von einer toten, eine natürliche von einer künstlichen unterscheidet. Damit sind Bedeutungswandel unverzichtbar für die Weiterentwicklung einer Sprache. Doch wer entwickelt eigentlich eine Sprache weiter? Jeder einzelne einer Sprachgemeinschaft? Oder führt jede menschliche Sprache ein Eigenleben, das nicht vom menschlichen Willen beeinflusst werden kann? Einerseits kann nicht jeder Einzelne den Wandel seiner Sprache beschleunigen oder aufhalten, selbst wenn er es wollte, andererseits aber ändert sich Sprache nur durch ihren täglichen Gebrauch, der ja wiederum nur von Menschen vollzogen wird. Die Lösung liegt in der Mitte und kann gut durch das Beispiel des Trampelpfades veranschaulicht werden: Ein Trampelpfad entsteht durch häufiges Begehen einer gleichen Wegstrecke, die, neben einer offiziellen und artifiziell erstellten, schneller zum Ziel führen soll. Er ist jedoch nicht einfach da, sondern muss zuerst „erfunden“ werden. Dies geschieht meist durch eine Einzelperson oder eine kleine Gruppe, die den Weg als für ihre Zwecke passend empfinden (meistens steckt Energieersparnis dahinter) und ihn als erste beschreiten. Doch erst, wenn auch andere den neuen, „vorgetrampelten“ Weg entdecken und nutzen, entsteht daraus ein Trampelpfad, der, sollte sich seine Nützlichkeit weiterhin bestätigen, schließlich zum „normalen“ Weg neben dem offiziellen werden, ja letzteren sogar an Besucherfrequenz übertreffen kann.

Wie ein Trampelpfad entwickelt sich auch ein Bedeutungswandel: Irgendjemand fängt an, eine Bezeichnung für ein Konzept X auf ein Konzept Y anzuwenden, weil er sich davon kommunikativen Nutzen verspricht. Ist ihm dies gelungen, schließen sich ihm andere Sprecher an, und die neue Bezeichnung wird von Mund zu Mund weitergegeben, bis sie sich etabliert und die ursprüngliche eventuell sogar ablöst. Wichtig dabei ist, dass der einzelne Sprecher nie vorhatte, seine Sprache durch seine Innovation zu verändern, und auch die Sprechergemeinschaft sich eines Bedeutungswandels nicht bewusst ist. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von der „unsichtbaren Hand“ (vgl. Keller 1994, Koch 2000), die den Sprachwandel in eine unvorhersehbare, nicht individuell umlenkbare Richtung führt.

Die Frage, die nun die historische Semantik interessiert und auch Thema dieser Arbeit ist, ist die Frage nach dem System hinter jedem Bedeutungswandel: Nach welchen Mechanismen läuft ein solcher Wandel ab, welche Konzepte werden warum und auf welche Weise zur Bezeichnung anderer benutzt? Die Arbeit soll einen Überblick über die wichtigsten Mechanismen des Bedeutungs-wandels geben (ausgenommen ist der volksetymologische Bedeutungswandel) und eine Antwort auf die Frage liefern, ob die Reihe der Mechanismen beliebig erweiterbar ist oder durch andere Faktoren begrenzt bleiben wird.

2. Definition von Bedeutungswandel

Der Begriff Bedeutungswandel mag implizieren, dass es sich dabei um die Veränderung einer einzigen Bedeutung eines Wortes handelt. Dem ist jedoch nicht so: Beim so genannten innovativen Bedeutungswandel (auch semantische Innovation) kommt zu der oder den vorhandenen Bedeutungen eines Wortes eine weitere hinzu und wird lexikalisiert. Die ursprüngliche(n) Wortbedeu-tung(en) bleibt/ bleiben also, zumindest zunächst, erhalten. Sollte jedoch eine lexikalisierte Bedeutung ungebräuchlich werden und wegfallen, vielleicht gerade weil die neu hinzugekommene expressiver und damit effektiver ist, so spricht man von reduktivem Bedeutungswandel. Wenn nun eine Lexie ohnehin nur eine einzige Bedeutung hat, kann dieser Vorgang im Extremfall zu ihrem kompletten Verschwinden führen.

3. Funktionsweise von Bedeutungswandel

Der Ablauf eines Bedeutungswandels lässt sich im Großen und Ganzen in drei Etappen einteilen, was hier am Beispiel der Ersetzung von afrz./ mfrz. molt / moult ‚viel’ durch afrz. / mfrz. bel cop / beaucoup ‚ein schöner Schlag’ dargestellt werden soll (vgl. Detges 2001: 31 ff.).

Der Bedeutungswandel beginnt mit einer Assoziation und einer semantischen Innovation eines einzelnen Sprechers oder einer kleinen Sprechergruppe: Das altfranzösische bel cop erscheint dem Sprecher als äußerst expressive Metapher zur Darstellung einer großen Menge, und er verwendet diesen Ausdruck zum ersten Mal und sozusagen „ausnahmsweise“ anstelle des lexikalisierten Begriffs afrz. molt, das auf lateinisch multum ‚viel’ zurückgeht. Er verspricht sich dadurch kommunikativen Gewinn und sprachliche Effizienz bei möglichst geringem Aufwand. Hat der Sprecher mit seiner Innovation Erfolg, so dass auch andere Sprecher den neuen Ausdruck aufgrund seiner Anschau-lichkeit übernehmen, so wird die Metapher bel cop zur Norm und schließlich als ein weiterer Ausdruck für ‚viel’ lexikalisiert (schriftlich belegt um 1300). Erst bei diesem zweiten Schritt kann man von Bedeutungswandel sprechen.

Bel cop existiert somit über 200 Jahre in einer Homonymie neben afrz. molt, das sich zu mfrz. moult weiterentwickelt. Erst im 16. Jahrhundert wird moult durch die sich zu nfrz. beaucoup weiterentwickelte Lexie abgelöst, was man als dritte Etappe im Bedeutungswandel und gleichzeitig als reduktiven Bedeutungs-wandel in Bezug auf moult bezeichnen kann. Diese Ablösung muss jedoch nicht immer geschehen; geschieht sie nicht, besteht die Homonymie weiter.

Mit den oben beschriebenen drei Etappen ist ein kompletter Bedeutungswandel abgeschlossen. Durch häufigen Gebrauch von beaucoup hat sich jedoch schon längst dessen ursprüngliche Expressivität abgenutzt. Dazu kommt, dass sich die heutigen Sprecher des Französischen in der Regel nicht mehr der damaligen Metapher und Außergewöhnlichkeit von bel cop bewusst sind, und deshalb beaucoup konventionell als Ausdruck für ‚viel’ verwenden. Damit ist nun aber eine „Lücke“ für einen neuen expressiven Ausdruck dieser großen Quantität entstanden, was eine Erklärung für das Auftreten von un tas de ‚ein Haufen von’ sein kann: Um beaucoup durch einen drastischeren Ausdruck zu ersetzen, bediente sich ein Sprecher der Formulierung un tas de. Die Folge dieser Innovation ist eine erneute Übernahme durch mehrere Sprecher und eine Lexikalisierung von un tas de im Sinne von ‚viel’. Spinnt man den Faden weiter, könnte es irgendwann sogar zu einer Ablösung von beaucoup durch un tas de kommen. Bis dato würde man un tas de aber noch dem français familier zuordnen und ihm (noch) keinen Zutritt zur Schriftsprache und zur präskriptiven Norm des Französischen geben.

[...]

Details

Seiten
16
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638463065
ISBN (Buch)
9783638751186
Dateigröße
655 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v49985
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1
Schlagworte
Mechanismen Semantik Metapher Metonymie Bedeutungswandel Ellipse Kohyponymische Übertragung Bedeutungsverbesserung Bedeutungsverschlechterung Historische Semantik Blank

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Titel: Mechanismen des Bedeutungswandels