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Über den englischen Geheimdienst unter Elizabeth I und die Frage nach einer Beteiligung Christopher Marlowes

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 25 Seiten

Theaterwissenschaft, Tanz

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Marlowe, die unbekannte Person

2. Christopher Marlowe und seine Zeit
2.1 Die politische/ religiöse Entwicklung in England
2.2 Das Seminar in Rheims- der Widerstand
2.3 Cambridge- junge Intellektuelle

3. Das Spionagenetzwerk Walsinghams
3.1 Der Aufstieg Sir Francis Walsinghams
3.2 Ein doppeltes Spiel- die Spione
3.3 Der Babington- Plot

4. Die Rolle Marlowes
4.1 Cambridge und Rheims
4.2 Mit Richard Baines in Flushing
4.3 Weitere Indizien

5. Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

Anhang:

Brief des Privy Council

Brief des Governors von Flushing

Fehlzeiten Marlowes auf dem College

1. Marlowe, die unbekannte Person

Glaubt man den Zeitgenossen Marlowes, so war er zumindest kein langweiliger Zeitgenosse: er fälschte Münzen, hatte gern und häufig Streit, wurde des Atheismus und der Homosexualität beschuldigt und starb schließlich so, wie er gelebt hatte: ungewöhnlich. Doch sobald man genaueres über sein Leben wissen will, scheint nichts mehr sicher zu sein: die Verfasser der Quellen scheinen nicht objektiv berichtet zu haben, manches ist vage formuliert.

Das zentrale Problem mit der Person Christopher Marlowe ist, dass sich sämtliche Literatur nur auf eine Handvoll Quellen stützen kann, die direkt die Person Marlowe zum Gegenstand haben. Am wertvollsten sind dabei der Coroner’s Report, der den Tathergang von Marlowes Tod zum Gegenstand hat, der Brief des Privy Councils an die Universitätsleitung von Cambridge sowie der Brief des Gouverneurs von Flushing. Vor allem die letzten beiden sind in Hinblick auf eine Agententätigkeit Marlowes von Interesse; doch auch sie bieten letztlich keine klaren Antworten. Jede Vermutung über Marlowes Leben, selbst wenn der Indizienbeweis noch so penibel geführt wird, kann nur Vermutung bleiben. So verwundert es nicht, dass in der Forschung dieselben Quellen höchst unterschiedlich interpretiert werden.

Um die Frage zu untersuchen, ob bzw. in welcher Funktion Christopher Marlowe für den Geheimdienst tätig war, möchte ich zuerst auf den gesellschaftlichen und religionspolitischen Hintergrund des Elisabethanischen Zeitalters eingehen- was war das für eine Zeit, und was konnte einen intelligenten Studenten dazu bewegen, mit dem Secret Service zusammenzuarbeiten?

Vorwiegend bestand das Netzwerk von Sir Francis Walsingham aus harmlosen Informanten, die für Geld Briefe unterschlugen oder Leute belauschten – meist keine hauptberuflichen Agenten, sondern Menschen, die kein Problem damit hatten, für entsprechende Bezahlung andere ans Messer zu liefern.[1]

Nach den zeitgeschichtlichen Grundlagen soll der Aufbau des Geheimdienstes kurz dargestellt und die damals übliche Vorgehensweise anhand der Babingtonverschwörung erklärt werden.

Danach soll die Rolle Christopher Marlowes näher beleuchtet werden. Weshalb kam die Forschung überhaupt auf die Idee, Marlowe habe in diesen Kreisen verkehrt? Welche Interpretationsmöglichkeiten lassen die vorhandenen Quellen zu?

Vielleicht kann man sich so der Person Christopher Marlowe etwas nähern – auch wenn die vielen Geheimnisse, die ihn umgeben, wohl niemals gelüftet werden.

2. Christopher Marlowe und seine Zeit

Betrachtet man den Hintergrund, warum England zur Zeit von Elizabeth I über einen der bestorganisierten Geheimdienste verfügte, stößt man sofort auf einen zentralen Streitpunkt der damaligen Zeit: den der richtigen Religion. Es war nicht nur eine Glaubensfrage, sondern eine hochpolitische Angelegenheit, da damals die Staatenbildung in Europa fest im Gang war. Ein Prozess der Trennung von Staat und Religion war bereits auszumachen, stand aber erst am Beginn. Man suchte Bündnispartner, wollte sich Länder mit anderer Konfession nicht unbedingt zum Feind machen – England war erst dabei, sich zu einem der wichtigsten Staaten in Europa zu entwickeln. Zum Glück für England jedoch war Elizabeth Meisterin im Taktieren.

2.1 Die politische/ religiöse Entwicklung in England

Nachdem sich Henry VIII von seiner Frau Katharina von Aragon scheiden ließ, was den Bruch mit Rom und die Gründung der anglikanischen Kirche zur Folge hatte, mussten die Engländer immer wieder einen Wechsel in der von oben verordneten Religion hinnehmen: Edward VI (bzw. sein Vormund Eduard Seymour) vertrat die puritanische Richtung, Mary Tudor verfolgte einen sehr rigiden Katholizismus. Die Folge war, dass in England die verschiedenen religiösen Strömungen nebeneinander existierten. Eine der wichtigsten Fragen beim Amtsantritt Elizabeths war also die Religionsfrage. Bereits bei ihrem ersten Parlament (ab dem 25. Januar 1555) wurden das königliche Supremat sowie der damit verbundene Eid für Klerus, Schöffen, Bürgermeister, königliche Beamte sowie das von Edward IV eingeführte Prayer Book (mit einigen Änderungen) wieder als verbindlich eingeführt. Geistliche, die gegen die im Prayer Book verankerten Glaubensinhalte verstieß, konnten ab dem 3. Wiederholungsfall lebenslänglich in Haft genommen werden.[2]

Interessant im Falle Marlowes ist auch, dass jeder, der an einer Universität einen akademischen Grad erwerben wollte, zum Suprematseid verpflichtet war. Der Vorwurf gegen Marlowe, nach Rheims gehen zu wollen, konnte also schlimme Folgen für ihn haben, da ein solches Verhalten eine Wertung als Hochverrat bedeutete.

Die meisten Bischöfe lehnten 1555 den Eid ab und wurden ihres Amtes enthoben; eine härtere Strafe hatten sie allerdings noch nicht zu befürchten. Lediglich zwei Bischöfe wurden in den Tower gesperrt. Die unter Mary Tudor ins Exil gegangenen, jetzt zurückkehrenden Protestanten wurden in die freigewordenen Ämter eingesetzt. Trotzdem wurde es zu einem zunehmenden Problem, dass sich viele Katholiken nach Außen scheinkonform gaben und heimlich die Rekatholisierung Englands betrieben. Vor allem im Norden und Nordwesten Englands hatten die Katholiken weiterhin großen Einfluss.

Mit der Aufgabe von Calais 1559 änderte sich Englands Fokus: während vorher die Aufmerksamkeit auf den Kontinent gerichtet war, richtete sich das Expansionsstreben jetzt auf die durch den Ozean erreichbaren Länder. Die bis heute typische Inselmentalität Englands begann sich zu entwickeln.

Da die Bemühungen, eine einheitliche Kirche durchzusetzen, nicht sehr erfolgreich waren, wurde im 2. Parlament (1563) die Heraufsetzung des Strafmaßes für konspirierende Katholiken beschlossen. Nach der von Papst Paul IV verfassten Bulle „Regnans in excelsis“ (1570) sowie vermehrten Bemühungen, Mary Stuart zu befreien, wurde die Überwachung und Verfolgung von Katholiken weiter verschärft. Außerdem war es nun auf Strafe verboten, die Abdankung Elizabeths zugunsten von Mary Stuart zu fordern.

Diese Maßnahmen führten jedoch zu einem starken Zulauf der im Untergrund agierenden katholischen Priester. In den Fokus der Verschwörer rückte dabei eine Infiltration vom Kontinent aus. Katholische Priester wurden nach England geschleust und waren dort heimlich als Wanderpriester tätig – immer in der Gefahr, erkannt und hingerichtet zu werden.

Elizabeth I hatte sich dafür entschieden, ledig zu bleiben. Einerseits brachte das viele Vorteile: sie vermied Konflikte mit den verschiedenen Interessensgruppen, die mit der jeweiligen Wahl nicht einverstanden gewesen wären. Zudem blieb sie auf dem europäischen Heiratsmarkt des Adels die begehrteste Heiratskandidatin, was ihr gerade beim Taktieren bei Verhandlungen nur recht sein konnte.[3] Gleichzeitig erwies sich das aber auch als ihr wunder Punkt.

Vermehrt zielten jetzt nämlich die Aktivitäten der Katholiken darauf, die Queen zu ermorden. Da Elizabeth keine Erben hatte, hätte ihr Tod Chaos für England bedeutet sowie die Chance für die Katholiken, einen katholischen Regenten (Mary Queen of Scots bot sich als katholische Identifikationsfigur an) zu installieren. Erschwert wurde die Aufdeckung der Rebellen dadurch, dass Papst Gregor XIII. 1580 den Katholiken die Erlaubnis erteilte, der Queen scheinbar loyal zu dienen, bis die Zeit zur Rebellion gekommen war.

Die Regierung reagierte 1583 mit strengeren Gesetzen: Folter und Hinrichtung waren jetzt für die Bestrafung von Katholiken legitim; Lord Burleigh verfasste extra ein Traktat zur Begründung (The Execution of Justice in England for Maintenance of Public and Private Peace).[4]

Der Regierung war jedoch bewusst, dass Hinrichtungen in Folge des Märtyrereffekts genau das Gegenteil bewirken konnten. Rigide Bestrafung war eher dazu geeignet, noch mehr Katholiken in die Arme der Jesuiten zu treiben.

Um also gar nicht erst zu diesem Mittel greifen zu müssen, wurde ab 1584 die Einreise von Jesuiten, Seminarpriestern sowie allgemein katholischen Geistlichen verboten; für die Zuwiderhandlung des Gesetzes allerdings wurden Höchststrafen verhängt.

Umso mehr hatten jetzt die englischen Katholiken das Gefühl, dass nur noch die Beseitigung der Queen und ihrer Regierung zu einer Wiederherstellung der katholischen Ordnung führen konnte. Einige Komplotte zur Ermordung Elizabeths wurden geschmiedet; von ihnen wird später noch die Rede sein.

1585 wurde deshalb ein Gesetz „zur Sicherheit der Person der Königin“ erlassen: Personen mit Thronanspruch würden diesen verlieren, wenn ihnen Hochverrat nachgewiesen wurde. Dieses Gesetz zielt vor allem gegen Mary Stuart, die von den Katholiken als Gegenkandidatin zur protestantischen Elizabeth gesehen wurde. Im Laufe der Babingtonverschwörung wurde ihr dieser Verrat schließlich nachgewiesen; am 08. Februar 1587 wurde sie hingerichtet.

Interessant ist, dass 1588, dem Jahr, in dem die spanische Armada gegen England ausrückte, die englischen Katholiken nicht etwa eine etwaige katholische Übernahme begrüßten, sondern loyal zur Queen standen. Offensichtlich wollten diese Engländer das Land nicht um jeden Preis rekatholisiert wissen; eine katholische Regierung war erwünscht, nicht jedoch unter fremder Herrschaft. Die Regierung achtete während der Verteidigung allerdings genau darauf, dass kein Katholik Militärkommandos übertragen bekam. Zu groß war das Risiko, dass diese sich gegen das eigene Land wenden könnten.

Um 1588 waren die größten Gefahren für Elizabeth- die spanische Armada sowie die Rivalin Mary Stuart- nun gebannt. In der Folge gab es nur noch kleinere Gruppierungen von Rebellen und ihre Thronkandidaten in England. Eine große Identifikationsfigur wie Mary Stuart fehlte aber. Die Hoffnung der englisch-katholischen Symphatisanten auf eine Invasion vom Kontinent hatte sich zerschlagen. Der katholische Widerstand war nicht mehr gar so gefährlich, die politische Lage hatte sich weitgehend beruhigt.

2.2 Das Seminar in Rheims- der Widerstand

Englische Katholiken, die sich nicht mit einer protestantischen Staatsform zufrieden geben wollten, hatten zwei Möglichkeiten: entweder sie blieben in England und fungierten dort als Kontaktpersonen für Widerständler, oder sie gingen ins Ausland und versuchten dort, Unterstützung für ihre Sache zu bekommen. Gerade junge Menschen, die unter Mary Tudor katholisch erzogen worden waren und noch idealistisch genug für eine Rebellion waren, wählten den Weg einer Ausbildung in Europa.

[...]


[1] Ich orientiere mich bei der Benennung der Geheimdienstbegriffe an: Charles Nicholl. The Reckoning: The Murder of Christopher Marlowe. London: Jonathan Cape, 1992

[2] Jürgen Klein. Elisabeth I und ihre Zeit. München: C.H.Beck, 2004

[3] Jürgen Klein, S.71

[4] ebd., S.47

Details

Seiten
25
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638462785
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v49951
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1
Schlagworte
Geheimdienst Elizabeth Frage Beteiligung Christopher Marlowes

Autor

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