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Shintoismus - die Ursprungsreligion der Japaner

Seminararbeit 2000 22 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Gliederung

Einleitung

1. Der Begriff Shintô

2. Die Shintô-Ausrichtung zum Leben

3. Der japanische Mythos

4. Riten und Feste

5. Formen des Shintô

6. Der frühe Shintô

7. Die Meiji-Zeit 1868 – 1912

8. Shintô im modernen Japan

9. Der buddhistische Einfluß

10. Der Shintô-Schrein

11.1 Erscheinung
11.2 Organisation
11. Die Shintô-Priesterschaft

12. Die Frau im Shintô

Zusammenfassung

Glossar

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Shintô, der nationale Glaube Japans, ist unter den Religionen der Welt relativ unbekannt. Viele Leute sind mit den Torii, den typischen Toren der Shintô-Schreine, vertraut, haben aber nur eine vage Vorstellung von der Shintô-Religion. Für die Mehrheit der Japaner ist Shintô dagegen wie die Luft, die sie umgibt. Shintô bildet die Basis ihres Lebens.

Der frühe Shintô auf seinem Weg bis zum gegenwärtigen Shintô ist durch vielerlei Einflüsse geformt worden. Er hat während der Jahrhunderte mal an Bedeutung gewonnen, mal verloren. Form und Gehalt des Shintô wurden durch historische Erfahrungen und Ereignisse verändert, wie zum Beispiel die im 6.Jh. vorgenommene, förmliche Einführung des Buddhusmis. Wie so oft in der Geschichte des japanischen Volkes, weigerten sich die Shintôisten, sich in ihrem Glauben und ihren Praktiken den fremden Einflüssen des Buddhismus zu beugen. Die im 7.Jh.aufkommenden kaiserlichen Erlasse hielten die Vorschriften des nationalen Shintô-Kultes fest. Deutliche Einflüsse sind auch von dem im 12./13.Jh. aus China kommenden Neukonfuzianismus zu verzeichnen, der eine Wiederauflebung des Shintôismus verursachte.Weiterhin wurde der Shintô durch die große Reform des Schrein- und Priesterwesens geformt, die die Regierung 1871 erließ. Die Schichtung der Shintô-Priesterschaft und die Festlegung von Schrein-Rängen schufen eine von der damaligen Regierung gewünschte Einheitlichkeit. Mit der Restauration der Regierung in der Meiji-Zeit durch den Kaiser war eine Neuorganisation des Shintô eng verbunden. Man benutzt ihn, um dem Land Einigkeit und Solidarität zu geben.

Im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg verdammte man den Shintô, d.h. den Staats-Shintô, als eine Art japanischen Faschismus. Mit dem Sieg über Japan 1945 wurde der Shintô als Institution abgeschafft. Im Verlauf dieser und anderer Erfahrungen entstanden mehrere Formen des Shintô, denen hier Beachtung geschenkt werden soll.

Die Shinto-Geschichte wurde stark durch die chinesische Zivilisation, besonders durch Konfuzianismus und Buddhismus, beeinflußt.

Die geschichtlichen Erfahrungen und die fremden Einflüsse der langjährigen Shintô-Tradition sind heute offensichtlich. Für Nicht-Japaner ist deshalb schwer nachzuvollziehen, warum sie sich bis heute in so tiefgreifender Form im alltäglichen Leben des japanischen Volkes durchgesetzt hat.

2. Der Begriff Shintô

Der Begriff Shintô bezeichnet die nationale Volksreligion der Japaner. Er wird meist mit „Wege der Götter“ (kannagara) übersetzt.

Das chinesische Schriftzeichen „shin“ bedeutet unergründliche geistige Kraft oder göttliches Wesen. Das chinesische Schriftzeichen „do“ oder „to“ steht für Weg, Pfad oder Lehre. Zusammen ergibt „shen dao“ im Chinesischen den uns bekannten Begriff Shintô.

Er wurde im 6.Jahrhundert, zur Zeit der Einführung des Buddhismus in Japan, geprägt. Die damals lose organisierte Shintô-Tradition sollte vom deutlicher ausgeformten Buddhismus (Butsudo) unterschieden werden. Er umschreibt Religionsformen aus der Zeit vor der Einführung des Buddhismus in Japan, das heißt er steht für religiöse Institutionen und Praktiken mit Ursprung in der alten eigenständigen, religiösen Tradition Japans.

3. Die Shintô-Ausrichtung zum Leben

Die Shintô-Ausrichtung zum Leben ist mit einer positiven Lebenseinstellung verbunden. Anhänger des Shintô haben ein sehr positiv und optimistisch ausgerichtetes Menschenbild. Die gegenwärtige Welt wird als Schauplatz des Guten und des Schönen gesehen. Gruppenarbeit, Nachbarschaftshilfe und Gemeinschaftsarbeit sind von großer Bedeutung. Der Mensch gilt von Anfang an als rein und unschuldig.

Die Wertvorstellungen der Japaner hängen mit den alten shintôistischen Kulten zusammen und fußen auf drei Säulen: Kami, Volk und Natur.

Die Säule Natur steht für die Verehrung von Bäumen, Bergen und Naturphenomenen. Dieses alte Wertgefühl rührt noch aus vorshintôistischer Zeit her, d.h. aus dem 1.Jh. nach Chr. Ein alter schamanistischer Baumkult besagt die Verehrung alter, hochgewachsener Bäume und die Kennzeichnung dieser durch Papierstreifen. Die Baumwurzeln werden als Unterwelt, der Baum selbst als Oberwelt und die Krone als Himmel betrachtet. Der Sakaki- Baum ist beispielsweise ein verehrter Baum des Familien-Shintô.

Der Begriff Kami steht als Mittelpunkt und Triebkraft allen Seins. Kami ist das Schlüsselwort für das Göttliche im Shintô. Im weiteren Sinne können mit Kami auch menschliche Wesen, Tiere, Bäume und Pflanzen, Berge, Flüsse und Meere gemeint sein. Der Begriff ist bis heute grundlegend für den Shintô. Seit Urzeiten verehrt das japanische Volk Kami als Ausdruck ihres einheimischen, rassischen Glaubens, der im fernen Altertum aufkam. Der Kami -Glaube entwickelte sich über Jahrzehnte hinweg und durchfährt auch heute noch diverse Verände-rungen.

1956 wurde von der Vereinigung der Shinto-Schreine eine Zusammenfassung des Shintô-Glaubens unter dem Titel „Keishin seikatsu no koryo“ (Allgemeine Charakteristika eines Lebens in Verehrung der Gottheiten) veröffentlicht. Sie vermittelt die Grundlagen der shintôistischen Lebenshaltung.

Ich möchte hier einige Hauptpunkte anführen:

1. Man soll dankbar sein für die Segnungen der Gottheiten und die Wohltaten der Vorfahren und sorgfältig bei der Beachtung des Shintô-Rituals, indem man sich selbst ihnen in Aufrichtigkeit, Willigkeit und reinem Herzen zuwendet.
2. Man soll hilfreich gegenüber anderen sein und gegenüber der Welt im ganzen durch dienendes Handeln ohne Gedanken an Verdienst und den Fortschritt der Welt suchen wie einer, dessen Leben der Vermittlung des Willens der Gottheit dient.
3. Man soll sich mit anderen in einem gemeinsamen Bekenntnis zum Willen des

Tenno verbinden, beten, daß das Land gedeihen möge und auch andere Völker in Frieden und Wohlstand leben mögen.

Die Grundlagen der shintôistischen Lebenshaltung sind also die Segnungen und der Wille der Gottheiten, der Vorfahren, des Tenno, der Nation und der Welt. Der Japaner soll danach trachten, dies alles in seinem eigenem Leben zu beherzigen und zu verwirklichen.

4. Der japanische Mythos

Die Shintô-Tradition besitzt keinen Begründer und keine offiziellen Schriften. Es existiert kein festgeschriebenes, shintôistisches Lehrsystem.

Eine Anzahl ethnischer Gruppen von unterschiedlichen Religionen und sozialen Charakteristika kam während des vorhistorischen Zeitalters vom ostasiatischen Festland nach den japanischen Inseln. Allmählich kam es zu einer Verschmelzung der verschiedenen Elemente, und in der frühgeschichtlichen Zeit, d.h. etwa seit dem 3.Jh., gewannen die Japaner ein solches Maß an Selbstbewußtsein, daß sie sich als ein Volk einer gemeinsamen Kultur fühlten.

Die gesellschaftliche Basis bildete das Clan-System, und jeder Clan hatte seine eigenen Mythen. Ein Clan bildete eine soziale, ökonomische und politische Einheit und eine religiöse Solidarität. Im Mittelpunkt eines jeden Clans stand die Clan-Gottheit, die zumeist als Vorfahr des Clans angesehen um von dem Clan-Oberhaupt verehrt wurde. Das Clan-Oberhaupt war somit politischer Führer und Hohepriester zugleich. Neben den Clan-Gottheiten gab es auch andere geistige Kräfte. Manche Gottheiten wurden mit bestimmten geographischen Regionen verbunden, andere mit Bergen, Bäumen und Flüssen. Es gab auch Gottheiten, die maßgebend für Gesundheit, Glück, Fruchtbarkeit und Seuchen waren. Als Schöpfergottheit im Shintôismus gilt die Sonnengottheit, die als Urkraft allen Seins gesehen wird.

Um das 4.Jh. schien der Tenno -Clan die Priorität seines Mythos über die Mythen anderer Clane hinweg durchgesetzt zu haben. Die Mythen der anderen Clane wurden bis zu einem bestimmten Grad in seine Leitgedanken eingefügt. Es gelang ihm, die anderen Clane zu unterwerfen. Aufgrund dessen wurde die himmlische Ahnfrau des Tenno -Clans nach und nach als die göttliche Vorfahrin des gesamten japanischen Volkes akzeptiert.

Der japanische Mythos besagt, daß aus dem Ursprung, welcher einem in der Dunkelheit verborgenen Ozean aus Schlamm ähnelte, drei Kami hervorgingen. Den Kopf dieser Triade bildete der Meister aus der Mitte des Himmels. Die drei Kami standen in Verbindung zum Ältesten der Kami, welcher unbeweglich in der Mitte des Kosmos weilt. Auch andere Kami gingen, unabhängig voneinander, aus dem Durcheinander des Ursprungs hervor und wurden unsichtbar. Schließlich erschienen Izanagi und Izanami, ein männliches und ein weibliches himmlisches Wesen. Sie erschufen und konsolidierten die himmlischen Ränge der Kami. Aus der Vereinigung von Izanami und Izanagi gingen acht große Inseln, einige kleinere Inseln und alle Länder hervor. Anschließend wurden weitere Kami geboren. Insgesamt erzeugten Izanami und Izanagi achtzig Länder, achthundert göttliche Wesen, das Meer, die Berge, die Flüsse und Japan, früher das Große Achte Inselland genannt. Das letztgeborene Kami war der Feuergott. Bei der Geburt verbrannte Izanagi. Er versuchte, Izanami in der Unterwelt aufzusuchen, wodurch sie verunreinigt wurde und eine exemplarische Reinigung vornehmen mußte. Dabei entstanden nacheinander Sonnengottheit, Mondgottheit und Sturmgottheit.

Als zentrales Thema gilt Ninigi, der Enkel der Sonnengottheit, der auf die Erde hinabstieg, um seine Herrschaft über die japanischen Inseln anzutreten. Es wurden ihm von der Sonnengottheit die Krummjuwelen, der Spiegel und das Grasmähe-Schwert überreicht, welche zu den heiligen Insignien der Tenno- Herrschaft wurden. So wurde die göttliche Herrschaft auf Erden begründet.

Dies ist der erste Teil des japanischen Mythos. Alles, was geschaffen wurde, erhielt ohne Ausnahme den Namen Kami, sogar Berge, Seen und Meer. Im shintôistischen Mythos ist alles himmlisch und göttlich, d.h. alle Dinge gehen vom himmlisch-göttlichen Geist aus.

Die Götter des shintôistischen Mythos sind weder allwissend noch allmächtig. Kein Kami kann alles sehen, wissen oder vorherbestimmen.

Im Zusammenhang mit der lebenden Shintô-Tradition ist Kami etwas, was respektiert werden muß, und was die Kraft für Wachstum, Entwicklung und Schöpfung spendet. Kami ist der Geist, der den Menschen vorangehen, ihn seinen Hoffnungen entgegenschreiten läßt. Kami steht für die Natur, und da der Mensch Teil der Natur ist, ist er ebenfalls Kami.

Die Leitgedanken über Leben und Fruchtbarkeit, Verunreinigung und Reinigung, die Vorherrschaft des Sonnengottes und die Abstammung des Tenno -Geschlechtes von ihr und weitere grundsätzliche Wertvorstellungen liegen in der Mythologie des frühen Japan begründet. Die Tenno- Herrschaftslinie wurde die Jahrhunderte hindurch als von der Sonnengottheit abstammend betrachtet.

Weiterhin gehen auf die frühe Mythologie Grundformen der shintôistischen Kulthandlungen, Tänze und die Rezitation heiliger Worte zurück.

[...]

Details

Seiten
22
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638130387
Dateigröße
559 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v4987
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Ethnologie
Note
sehr gut
Schlagworte
Shintoismus Ursprungsreligion Japaner Seminar Shintoô/ Feste

Autor

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