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Die Theateraufführung "Paradise 3.0" in der Tafelhalle Nürnberg. Veränderung der Erwartungen und der Räumlichkeit im Theater

von Theresa L. (Autor)

Hausarbeit 2018 12 Seiten

Theaterwissenschaft, Tanz

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Analyse im Hinblick auf die Erwartung durch theatrale Konventionen
2.1 Eigene Erwartungen an die Aufführung
2.2 Theater als (un-)berechenbar

3 Analyse im Hinblick auf die Räumlichkeit
3.1 Interaktion und Konfrontation beeinflussen den Raum
3.2 Wahrnehmung verändert den Raum

4 Fazit

5. Literaturverzeichnis
5.1 Internetquellen
5.2 Literatur

1 Einleitung

„Für ein Paradies der Zukunft werden wir die Erde verlassen, den Tod überwinden, die Gesetze von Zeit und Raum aufheben […] Wir nehmen Sie mit auf eine Reise in die Dunkelheit, in die Schwerelosigkeit, auch in den Trance.“1 mit diesen Zeilen lud Arne Forke von co>labs, eine europäisch-arabische Gemeinschaftsproduktion, zur Theateraufführung „Paradise 3.0“ in der Tafelhalle Nürnberg ein.

In der folgenden Aufführungsanalyse wird die Veränderung der eigenen Erwartungen und der Räumlichkeit innerhalb dieser Aufführung formuliert. Dabei werden die Aspekte Erwartung und Räumlichkeit unter Berücksichtigung der Aspekte theatrale Konventionen, Aufführung und der Wahrnehmung beschrieben. Es wurde überwiegend die phänomenologische Methode angewandt, d.h. die Wirkung der genannten Aspekte auf den Analysierenden – in diesem Fall mich – wohingegen die semiotische Methode, also die zeichendeutende, einen kleineren Teil in dieser Analyse übernimmt, da ich mich mehr mit der Wirkung als mit der Deutung beschäftigt habe. Ich habe versucht die Aspekte getrennt zu halten, da sie aber unmittelbar zusammengehören und oftmals gemeinsam vorkommen, gestaltete sich eine eindeutige Trennung als schwierig. Daher konnte ich es kaum vermeiden, auf die genannten Aspekte an unterschiedlichen Stellen wiederholt einzugehen. Es wurde hauptsächlich an eher eindeutigen Momenten festgehalten, in denen ein Aspekt dominierte aber nicht komplett von den anderen isoliert war.

Als Basis für die Analyse dienten meine eigenen Erinnerungen und das Erinnerungsprotokoll, welches im Anschluss an der Aufführung verfasst wurde. Die Analyse setzt mit dem Anfang der Aufführung ein, da mir dieser Moment passend zur Fragestellung schien.

2 Analyse im Hinblick auf die Erwartung durch theatrale Konventionen

2.1 Eigene Erwartungen an die Aufführung

Meine Erwartungen an die Aufführung haben sich bereits bei Betreten des Theatergebäudes bestätigt, da die Tafelhalle in Nürnberg kein konventionelles Schauspielhaus ist. Die Besucher – und wie sich später herausstellte auch einige Darsteller – standen im Foyer und haben auf den „Beginn“ gewartet, auf eine Ansage oder den gängigen Gong , der darauf hinweisen soll, dass es jeden Moment anfangen würde und die Gäste den Bühnenraum betreten können. Diese Erwartung könnte auf die theatralen Konventionen zurückzuführen sein, die im Laufe der Theatergeschichte zwischen den Schauspielern bzw. der Institution und den Zuschauern entstanden sind. Erika Fischer-Lichte beschreibt theatrale Konventionen als „Lösung spezifischer Koordinationsprobleme“.2 Die Aufführung kann durch das „Heben des Vorhangs […] mit einem schrillen, durchdringenden Geräusch […] oder durch ein dreimaliges Klopfen mit einem Stock“3 signalisiert werden. Damit soll das Koordinations- und Orientierungsproblem gelöst werden, indem der Zuschauer zur Kenntnis nimmt, dass die Aufführung beginnt und er eventuelle Gespräche einstellt sowie sich auf das Geschehen konzentriert. So erwartete ich als Zuschauer ebenfalls ein Signal, das mir den Beginn anzeigte. Wie sich nach einigen Überlegungen im Laufe dieser Analyse herausstellte, ist das „Signal“ des Anfangs bereits der erste Schritt in das Theatergebäude, denn dort fängt die Aufführung für den Besucher an.4

Schließlich sprach einer von den Akteuren die Besucher an, bat uns ihm zu folgen und die Rettungsdecken, die uns gereicht wurden, um die Schulter zu legen. Die Situation war für mich ungewöhnlich und amüsant zugleich. Ungewöhnlich, da ich so etwas aus meinen bisherigen Theaterbesuchen in Stadttheatern oder Schauspielhäusern nicht kannte und amüsant, weil ich mit der Erwartung an das Stück herangegangen bin, keine konventionelle Theateraufführung in dieser Einrichtung zu sehen und mir generell solche originellen Ideen gefallen.

Beim Betreten des Bühnenraums fiel schnell auf, dass der Raum keine gewöhnliche Bühne hat, wie man es vom Stadttheater kennt. Keine Sitzreihen, keine Stühle, kein Vorhang. Der Raum wurde jedoch in zwei Abschnitte geteilt. Auf der einen „Seite“ des Raumes waren mehrere Sitzkissen ausgelegt, auf die sich die Zuschauer setzen sollten. Auf der anderen „Seite“ des Raumes waren Feldbetten nebeneinander aufgebaut. Man konnte bereits erahnen, dass dies ein interaktives Stück werden würde. Die Vielzahl an Feldbetten lies darauf schließen, dass diese für die Zuschauer vorgesehen waren. Es kam ein Gefühl der Vorfreude in mir auf, da ich, wie bereits erwähnt, auf so eine Art von Theater gehofft hatte – auf ein „anderes“, originelles Theater. Die Vorahnung bestätigte sich, als einer von den Darstellern in weißer Kleidung mit einem Mikrofon und einer Schreibunterlage in den Händen zwischen den Feldbetten stand, die Zuschauer begrüßte und uns bat zu ihm vorzukommen. Dieser Darsteller hatte Eigenschaften eines Moderators, da er uns mit dem Mikrofon in die neue Situation leitete. Wir sollten uns ein Feldbett aussuchen, unsere Schuhe ausziehen und auf das Bett legen. Ein Gefühl von Irritation und Unbehagen breitete sich unter einigen Zuschauern aus, was ich an ihren verunsicherten Blicken und zögerndem Verhalten feststellte. Diese Anspannung steigerte sich, als einige Darsteller durch die Reihen gingen und die Schuhe einsammelten.

Als wir auf den Betten lagen, sagte uns der „Moderator“, wir sollen uns entspannen, die Augen schließen, tief durchatmen und unseren Atem beobachten. In diesem Moment hatte er für mich die Rolle eines Meditations- bzw. Entspannungskursleiters oder eventuell sogar die eines Therapeuten übernommen, was seine lockere, weiße Kleidung und die Schreibunterlage verstärkte. Ich habe mich in dieser Situation einerseits wohlgefühlt, da ich mich gerne entspanne, meine innere Ruhe finde und mir der Darsteller in seiner weißen Yoga-Kleidung vertrauenswürdig schien. Andererseits wurde die innere Ruhe durch Skepsis gestört, da ich nicht wusste, was als nächstes passieren würde. Die Augen waren geschlossen und meine Schuhe nicht griffbereit. Es spielten sich einige mögliche Szenarien vor meinem inneren Auge ab, welche jedoch wieder verschwanden, da ich mich schließlich in einem sicheren Rahmen einer Theateraufführung fühlte und mir eventuelle Befürchtungen aus diesem Grunde unnötig schienen.

Während der Entspannungsrunde ertönten Klänge und Geräusche, die mir bereits aus einer vorherigen Aufführung der Inszenierung „Da Da ist. Wir sind“ in der Tafelhalle bekannt waren. Michael Ammann erzeugte mit seinen Lippen und mithilfe einiger Utensilien eigenartige Geräusche, die einem Zischen und Schlürfen ähnelten. Es klang wie nicht von dieser Welt, so dass ein Gefühl von einer außerirdischen Atmosphäre aufkam. Da ich bereits Erfahrungen mit dem selbigen im vorherigen Stück gemacht hatte – und auch während dieser analysierten Aufführung immer noch fasziniert von seiner Kunst war – konnte ich mich dieses Mal mehr auf diese Weltraumatmosphäre konzentrieren, die auch laut Aufführungsbeschreibung von Arne Folke entstehen sollte.

Die Augen waren weiterhin geschlossen, es vergingen gefühlte 10 bis 15 Minuten und ich wartete auf ein Signal vom „Kursleiter“ – auf den nächsten Schritt, den wir tun sollten. Er gab mir das Gefühl, er würde die Zuschauer durch die Aufführung hindurch begleiten und ich fühlte mich dadurch ein wenig abhängig von ihm, in voller Erwartung, er würde zu uns sprechen – was jedoch nicht geschah. Ich öffnete die Augen und schaute mich um. Einige Zuschauer saßen auf den Betten, andere lagen noch, teilweise mit geschlossenen Augen. Wie sich in anschließenden Gesprächen herausstellte, wurde einigen Zuschauern zugeflüstert, sie können sich wieder aufrecht setzen.

2.2 Theater als (un-)berechenbar

In einigen Momenten innerhalb der Aufführung kam der Gedanke, man könnte den nächsten Schritt vorhersehen und das Theater somit „berechenbar“ machen. Man kennt es aus dem realistischem Theater: ein Esszimmer mit gedecktem Tisch auf der Bühne – man erwartet eine Szene bei einer Mahlzeit. So gab es auch bei dieser Aufführung Momente, in denen ich gespannt auf die Auflösung meiner „Berechnung“ gewartet hatte.

Ein Beispiel: Eine tanzende Darstellerin hatte einen kugelförmigen Bauch und man hätte annehmen können, sie wäre schwanger. Da sie sich jedoch in einer intensiven Art und Weise bewegte, wie es vielleicht gerade schwangere Frauen nicht unbedingt tun sollten, ging ich im ersten Augenblick davon aus, dass sie nur eine Attrappe an ihrem Bauch gebunden hatte oder dass sie jeden Moment etwas unter ihrem Shirt hervorziehen würde – was zum Thema der Aufführung gepasst hätte. Es war für mich ein typischer „Jetzt passiert doch bestimmt ...“ – Moment. Ich war gespannt auf die Auflösung der Szene. Doch zu meinem zuvor ausgedachten Ende dieser Szene kam es nicht, was die Annahme, sie sei schwanger, für mich bestätigte. Wenn sie tatsächlich nicht schwanger gewesen wäre, hätte das Team meiner Meinung nach die Szene fortgeführt und das Rätsel um den Babybauch gelüftet. Es war für mich schockierend und faszinierend zugleich, wie sie ihren Körper in diesem „Ausnahmezustand“ belasten konnte und dass die Darstellerin sich bewusst für die Rolle entschieden hatte, da man solch eine körperliche Anstrengung nicht von ihr erwarten würde.

Es folgt ein weiteres Beispiel dafür, dass ich meiner Intuition nicht immer trauen kann – zumindest nicht beim Theater. Eine Darstellerin trug eine lange Perücke, die ihr Gesicht verdeckte und bis zum Boden reichte. Sie setzte sich auf einen Hocker vor einem Darsteller, der zuvor einem anderen Darsteller den Bart stutzte. Somit hatte er für mich die Rolle eines Barbiers oder Friseurs übernommen. Als sie bei ihm saß, kam für mich erneut der „vorhersehende“ Moment, er würde ihr „bestimmt“ die Haare schneiden und man könnte endlich sehen, was sie unter der Perücke versteckt. Der „Barbier“ hat sie begutachtet wie ein Friseur, der eine bestimmte Frisur vor Augen hat und ich habe somit gespannt zugeschaut und darauf regelrecht gewartet, dass er ihr die Perücke abschneidet. Zu dieser Auflösung kam es ebenfalls nicht, da er einige Zeit um sie herum lief und lediglich ihre Haare ordnete.

In diesem Kapitel zeigt sich auch, dass eine gewisse Rollenverteilung für mich notwendig war. Dies diente meiner Orientierung und durch die „selbsternannten“ Rollen, wie dem Kursleiter und dem Barbier, konnte ich eine Verbindung zu den Akteuren aufbauen. Während der Aufführung wurden einige Erwartungen erfüllt, andere wiederum nicht – was mich nicht unbedingt enttäuschte. Ich konnte mich darauf einstellen und zusätzlich auch daraus lernen, nicht nur von meinem Vorwissen, meinen Intuitionen oder Vorurteilen abhängig sein zu müssen, sondern mich auch einmal auf etwas Neues ohne jegliche Erwartung einzulassen.

3 Analyse im Hinblick auf die Räumlichkeit

3.1 Interaktion und Konfrontation beeinflussen den Raum

Die Aufführung beginnt für die zuschauende Person, sobald diese den Aufführungsraum betritt und die Akteure und Zuschauer „in leiblicher Ko-Präsenz“ zusammen agieren.5 Man unterscheidet bei der Definition des Raums zwischen dem „architektonisch-geometrischen Raum“, also das Gebäude bzw. der physische Ort der Aufführung, und dem „Aufführungsraum, der durch die Aufführung hervorgebracht wird und auf sie einwirkt“.6 Bei „Paradise 3.0“ war das Foyer bereits Teil des Aufführungsraumes, da mithilfe des gedimmten Lichts eine besondere Atmosphäre geschaffen wurde. Ich hatte das Gefühl, ich wäre in einer Bar. Die Besucher unterhielten sich, einige hatten Getränke in der Hand, im Hintergrund lief Musik. Es herrschte eine gemütliche, einladende Stimmung. Wie sich während der Aufführung herausstellte, waren bereits einige der Darsteller unter den Besuchern im Foyer. Hier zeigte sich bereits die Intention der Theaterproduktion eine Gemeinschaft zwischen Zuschauer und Akteur zu bilden. Das Gefühl der Gemeinschaft wurde durch das gemeinsame Abschlussessen am Ende der Aufführung verstärkt.

[...]


1 Website des KunstKulturQuartiers: https://www.kunstkulturquartier.de/tafelhalle/programm/tafelhalle 28.02.2018

2 Fischer-Lichte, Das eigene und das fremde Theater, S.123.

3 Ebd.

4 Vgl. Fischer-Lichte, Theaterwissenschaft, S. 90f.

5 vgl. Fischer-Lichte u.a., Metzler Lexikon Theatertheorie, S. 16.

6 Fischer-Lichte, Theaterwissenschaft, S. 32.

Details

Seiten
12
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783346025296
ISBN (Buch)
9783346025302
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v498475
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,3
Schlagworte
Erwartung Räumlichkeit Theater Analyse Theateranalyse

Autor

  • Theresa L. (Autor)

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