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Anomie. Emile Durkeim und Robert K. Merton im Vergleich

Essay 2015 13 Seiten

Soziologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Begriff Anomie

3. Die Theorie der Anomie von Emile Durkheim..
3.1 Der Selbstmord und die Anomie

4. Die Theorie der Anomie von Robert K. Merton
4.1 Die Gesellschaft und die Anomie

5. Anomie im Vergleich

6. Fazit

7. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

In diesem Essay beziehe ich mich auf eine von mir gestellte Frage zu Robert K. Mertons Text über Sozialstruktur und Anomie und werde etwas näher darauf eingehen. Ein Grund warum ich diese nehme ist, weil sie aufgrund des schnellen Wandels der Gesellschaft zu einem vermehrten auftreten von mangelhaften sozialen Verhalten, anders ausgedrückt Anomie, kommt. Heutzutage hört man auch in den Medien heraus, dass Normen und Wert-vorstellungen fehlen, welches als Erklärungsversuch für Anomie herangezogen wird. Ausgehend von der Frage werde sowohl auf die Anomietheorie von Emile Durkheim und deren Einflüsse auf den Selbstmord beziehen als auch auf die Anomietheorie von Robert K. Merton und seinen Auslegungen auf die Sozialstruktur, weil sich diese Soziologen mit dieser Theorie auseinandergesetzt haben. Es interessiert mich aber auch, was Durkheim und Merton unter dem Begriff der „Anomie“ verstehen und ob sie in diesem Zusammenhang eine einheitliche Definition gibt. Hierzu ist beabsichtigt, beide theoretischen Auslegungen zunächst getrennt darzulegen und dann zu vergleichen, ausgerichtet auf die folgenden Fragestellungen: Wenn Merton und Durkheim sich zusammensetzten und über Anomie diskutieren würden, welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten würden sich zeigen?

2. Der Begriff Anomie

Die Literatur liefert eine Fülle von Definitionen für Anomie und deviantes Verhalten, jedoch befasse ich mich in diesem Kapitel kurz mit Ursprung von Anomie.

Das Wort Anomie stammt vom gr. „a-´nomos“ und kennzeichnet einen Zustand der „Gesetzlosigkeit“. (vgl. Schäfers 2003, S. 16)

Jedoch der Begriff der Anomie tauchte erstmals bei Emile Durkheim 1893 auf und bezeichnete einen mangelnden Zustand der sozialen Ordnung oder anders ausgedrückt den normlosen Zustand der Gesellschaft. Für ihn ist der Begriff Anomie ein Integrationsprozess, bei dem die Bedürfnisse in Zaum gehalten werden, um ein Kollektivbewusstsein herzustellen, das in den Normen und Werten verankert ist. Er betrachtete die Entwicklung der Selbstmordrate in seiner Zeit und bezeichnete in diesem Zusammenhang krankhafte gesellschaftliche Störungen als „anomische“ Zustände.

(vgl. soziologieheute.wordpress.com/2009/01/26/anomie/ abgerufen 8.7.2015)

Robert K. Merton, der den Begriff von Durkheim weitergeführt hat, versteht unter dem Begriff der Anomie ein Phänomen, das sich allein in der kulturellen und sozialen Struktur zeigt, und auch allein von der Struktur hergestellt wird. Unter der kulturellen Struktur versteht er gemeinsame Wertvorstellungen, die das Verhalten der Individuen in einer Gesellschaft regeln und bei der sozialen Struktur versteht er die Einteilung der Gesellschaft aufgrund sozialer Merkmale. Als Anomie bezeichnete er den Zusammenbruch der kulturellen Struktur. Robert K. Merton erforschte auch die Problemstellungen gesellschaftlicher Entwicklungen unter der Betrachtung der Anomie.

(vgl. Sonntag 2002, S. 2-4)

3. Die Theorie der Anomie von Emile Durkheim

Durkheim schreibt, dass ohne soziale Normen die Bedürfnisse der Menschen sich bis ins unendliche ausweiten würden, sodass es zu Konflikte mit den Mitmenschen führt.

Anomie entsteht laut Durkheim aus einer zu weit auseinanderklaffenden Arbeitsteilung. In einer nicht arbeitsteiligen Gesellschaft sind die Tätigkeiten durch Ähnlichkeiten geprägt, welches das Individuum an die Gesellschaft bindet. Es herrscht eine Moral der Gleichartigkeit und führt daher zu einem hohen Grad der sozialen Kontrolle und es herrscht ein starkes Kollektivbewusstsein vor, das kaum Platz für Individualität zulässt. (vgl. Mehlkop, Gräff, 2006, S.59-69) In einer solchen Gesellschaftsform sind die sozialen Bindungen der Menschen untereinander schwach, dass heißt, das Individuum wird durch gemeinsame Weltanschauungen, Sitten und Gefühle in die Gesellschaft integriert. Durkheim nennt sie mechanische Solidarität. Da ein stark ausgeprägtes Kollektivbewusstsein besteht, wird eine Tat sofort als Angriff auf das Kollektivbewusstsein verstanden und als Sanktion folgt die Strafe. (vgl. Durkheim 1999, S. 230-232).

Durch Zuwanderungen kommt es zu einem Anstieg der sozialen Kontakte, und damit kommt es auch zum Anstieg einander ähnlichen Menschen. Um dieses Problem zu überwinden, beginnen sich die Menschen zu spezialisieren, was sich in einer ausgeprägteren Arbeitsteilung niederschlägt. Dies hat eine ansteigende Individualisierung zur Folge, dass die Menschen sich immer stärker voneinander unterscheiden. (vgl. Durkheim 1999, S. 492-493)

Durch die zunehmende Individualisierung geht das Kollektivbewusstsein zurück und nicht mehr die Gesellschaft übt Einfluss auf das Individuum aus, sondern das Individuum ist ein mitwirkender Teil der Gesellschaft.

Der springenden Punkt besteht in der Teilung der Arbeit. Durch die fortschreitende und teilende Arbeit kommt es zu unpersönlichen Beziehungen und zu sozialen Unterschieden. In diesem Zustand, wo Bedürfnisse und Ziele der Menschen nicht mehr in Einklang gebracht werden können, lassen sich Strömungen sozialer Taten vermehrt erkennen, wie Selbstmorde, Kriminalität, Ehescheidungen und so weiter. Durkheim stellt also die Armut und den plötzlichen Reichtum als Krisenfaktor gegenüber, und stellt fest, dass Ungleichheit zur Anomie führen kann

(vgl Brock/Junge/Krähnke 2002, S. 114–117).

Anomie oder anomische Arbeitsteilung ist also nach Durkheim ein Teilzusammenbruch der Solidarität, der nur dann entstehen kann, wenn der Prozess des sozialen Wandels zu schnell abläuft. Dann entsteht eine Art moralisches Vakuum, das als Anomie bezeichnet wird. Nicht der Wandel an sich wird als Anomie bezeichnet, sondern die Geschwindigkeit des sozialen Wandels, dass heißt wenn der der Wandel schneller verläuft als ihn die Gesellschaft verarbeiten kann. Die Anomie zeigt sich also im Zusammenbruch der sozialen Kontrolle, also der institutionalisierten Mittel zur Sicherung der anerkannten Regeln des Verhaltens.

(vgl. https://soziologieheute.wordpress.com/2009/01/26/anomie/ abgerufen 8.7.2015)

Das gleiche Problem ist im Bereich der Wissenschaft zu beobachten. Dadurch, dass sich die Gelehrten nur noch auf ein wissenschaftliches Teilgebiet oder ein bestimmtes Problem konzentrieren sollen, verlieren sie den Bezug zur Gesamtwissenschaft. Sie wird zusammenhangslos. Die Gelehrten wissen nicht mehr, wozu die Forschung auf ihrem Spezialgebiet letztendlich dient, die soziale Verbindung zu anderen Wissenschaftlern wird immer mehr eingeschränkt. (vgl. Durkheim 1999, S. 424-425) Durkheim geht von der Vorstellung aus, dass der Mensch starke Bedürfnisse und Wünsche besitzt, die daraufhin drängen, befriedigt zu werden. Der Mensch sei nicht in der Lage sich aus eigenen Kräften diesen Wünschen entgegenzustellen und deshalb braucht der Mensch von außen vorgegebenen Regeln.

Wichtig ist in dieser Überlegung noch, dass Durkheim nicht den absoluten Verzicht der Wünsche haben will, sondern lediglich eine Einschränkung. Diese Einschränkungen können von der Ehe bis zu ökonomischen Wünschen reichen. Dieser Ansatz erscheint vorerst übertrieben zu sein, aber Durkheim begründet die Notwendigkeit der Einschränkung damit, dass das Individuum sich nur in seinen Grenzen sicher vor der existentiellen Desorientierung fühlen könne.

Die Individuen in der Gesellschaft brauchen kulturelle Normen. Diese Normen sollten nach Durkheim positiv motivierend und zugleich durch Sanktionen normativ geregelt werden. Durkheim befürwortet auch, dass in der Gesellschaft hoch anerkannte Institutionen, diese Regulation ausüben. Im Mittelalter war die Kirche eine solche Instanz, die die Rollen der Armen und der Reichen auf unterschiedliche Weise normierte. Erst mit einer solchen Struktur, sei die Gesellschaft gesichert. (vgl. Durkheim 1999, S. 428-433)

3.1 Der Selbstmord und die Anomie

Durkheim betrachtet den Selbstmord mit dem Fokus auf die Gesamtheit der Selbstmorde in einer Gesellschaft. Er definiert Selbstmord als „jeden Todesfall, der direkt oder indirekt auf eine Handlung oder Unterlassung zurückzuführen ist, die vom Opfer selbst begangen wurde, wobei es das Ergebnis seines Verhaltens im voraus kannte.“ (Durkheim 1973, S. 27). Damit schließt er Todesfälle wie Verbrechen oder Unglücksfälle aus seiner Betrachtung aus. Durkheim stellt fest, dass die von ihm untersuchten Gesellschaften ihre jeweils eigenen Selbstmordraten aufweisen und dass diese Raten nicht nur während langer Zeit konstant sind, sondern dass selbst im Vergleich mit Sterblichkeitsraten die Selbstmordraten weniger schwanken. Da Durkheim keine Abhängigkeiten des Selbstmords von der körperlichen Verfassung der Individuen oder der Beschaffenheit ihrer physischen Umwelt erkennt, folgert er, dass der Selbstmord soziale Ursachen haben muss und eine Kollektiverscheinung darstellt (vgl. ebd., S. 153).

„Niemand kann sich wohlfühlen,(…) wenn seine Bedürfnisse nicht(…) im Einklang stehen (…).“ (ebd., S. 279). Dies ist der Fall, wenn die Mittel für die angestrebten Ziele zu knapp werden. Wenn sie sich und ihre Fähigkeiten nicht mehr richtig einschätzen können fehlt es an normativer und kognitiver Orientierung.

Die Regulierung dieses Gleichgewichts erfolgt grundsätzlich durch die Gesellschaft, sie hat insofern eine moralische Autorität. Wenn nun in der Gesellschaft Störungen auftreten, zum Beispiel durch wirtschaftliche Krisen, dann ist die Gesellschaft zeitweise nicht mehr fähig, diese Autorität auszuüben, die Selbstmordrate steigt an. Zu Zeiten von Wirtschaftskrisen müssen also die Menschen erst lernen, die Ansprüche, die ihnen die Gesellschaft gibt, herunterzuschrauben. Das gleiche gilt aber auch bei einem plötzlichen Anwachsen von Macht und Reichtum. Da sich die Lebensbedingungen verändern, gilt das vorherige Bedürfnismodell nicht mehr. Die Menschen wissen nicht mehr, was möglich ist und was nicht, welche Ansprüche und Erwartungen erlaubt sind und welche nicht und mit dem Wohlstand steigen auch die Bedürfnisse, dann verlieren althergebrachte Regeln ihre Autorität (vgl. ebd, S. 288).

Die von Durkheim aufgestellten Regelungsdefizite sind vorübergehende Erscheinung, die im Rahmen der gesellschaftlichen Entwicklung immer wieder auftreten, aber auch immer wieder verschwinden und stellt insofern fest, dass Krisen zwar einen Einfluss auf die Selbstmordrate haben können, aber deren regelmäßige und konstante Rolle bei der Erklärung des Phänomens sei noch nicht geklärt. Hierfür wäre ein anomischer Dauerzustand erforderlich. Und genau diesen sieht Durkheim in der Welt des Handels (vgl. ebd., S. 290). Durkheim erkennt, dass die Entwicklung der Wirtschaft Begierden entfesselt. Daher ist die Krise und die Anomie ein Dauerzustand und sind sozusagen normal geworden“ (ebd., S. 292).

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Details

Seiten
13
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783346016140
ISBN (Buch)
9783346016157
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v498200
Institution / Hochschule
Universität Wien – soziologisches Institut
Note
1
Schlagworte
Anomie Durkheim Merton

Autor

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Titel: Anomie. Emile Durkeim und Robert K. Merton im Vergleich